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| Autor: | Friedrich Liede |
| Thema: | Hat Gott Seinen Sohn am Kreuz verlassen? |
Betrachtung über das vierte Wort Jesu am Kreuz
Das für unser Heil grundlegende Geschehen am Kreuz und die Worte, die der Herr Jesus während der entsetzlichen Todesqualen gesprochen hat, haben von jeher gläubige Herzen bewegt. Ganz besonders das Wort aus Matth. 27, 46 und Mark. 15, 34: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Ist es denkbar, daß Gott Seinen Sohn im Stich gelassen hat, daß das innige Einssein mit dem Vater, das der Sohn in jedem Augenblick Seines irdischen Lebens ganz konkret in Geist und Herz erlebte, gerade in der höchsten Not unterbrochen worden ist? Hat Jesus nicht selbst vor Seinem Gang nach Gethsemane gesagt: Ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir"? (Joh. 16, 32). Diese schwierige Frage ist wirklich des Nachdenkens und der Prüfung wert.
I.
Betrachten wir den Text etwas genauer. Die vier Evangelisten überliefern uns insgesamt sieben Worte, die Jesus am Kreuz gesprochen hat, aber so, daß keiner sämtliche Worte anführt, sondern jeder ein oder mehrere Ausrufe Jesu berichtet, die der andere Evangelist nicht erwähnt. Das Wort von der Verlassenheit zeichnet sich dadurch vor den anderen Worten aus, daß es übereinstimmend von den beiden Evangelien Matthäus und Markus berichtet wird. Es besteht kein Zweifel daran, daß der Herr Jesus den ersten Vers des 22. Psalms gesprochen hat. Wahrscheinlich hat Er den ganzen Psalm während Seines Kreuzesleidens ein oder mehrere Male gebetet. Denn dieser Psalm enthält in auffallender Weise die meisten Einzelheiten, die prophetisch auf das Geschehen am Kreuz hinweisen. Der 1. Vers lautet in der hebräischen Bibel: Eli, Eli, lamah asabthani". Das heißt auf deutsch: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Der griechische Text in den genannten Evangelien (nach Nestle) aber zitiert den Ausruf Jesu (wenn man die Anrede wegläßt) nicht in der hebräischen, sondern in der aramäischen Sprache und gibt ihn mit griechischen Buchstaben so wieder: Lama sabachthani". Und sowohl Matthäus als auch Markus fügen hinzu: Das heißt: Warum hast Du mich verlassen?" Die beiden Evangelisten unterscheiden sich nur dadurch, daß Matthäus die Anrede in Hebräisch anführt: Eli, Eli, während Markus auch hier die aramäische Fassung hat, nämlich: Eloi, Eloi". Die Lösung ist die, daß eben Jesus dieses Zitat aus dem 22. Psalm sowohl im biblischen Hebräisch als auch in der Ihm geläufigen damaligen Landessprache, im Aramäischen, auswendig aussprechen konnte. Als Gekreuzigter hat Er also die aramäische Fassung bevorzugt. An der inhaltlichen Übereinstimmung beider Fassungen kann deshalb nicht gezweifelt werden. Darum muß das im Aramäischen verwendete Zeitwort schbak" dasselbe bedeuten wie das hebräische asab". Das Verbum Schbak" hat mehrere Bedeutungen. Es kann sowohl verlassen" wie auch aufbewahren" oder übriglassen heißen.
Deswegen hat es sogar schon Auseinandersetzungen gegeben zwischen der Ost- und Westkirche. Die Meinung der Westkirche steht in der bekannten griechischen Übersetzung des Ausrufes Jesu am Kreuz. Die Ostkirche aber vertritt die Ansicht, daß Gott Seinen Sohn niemals verlassen haben kann. Dieses ist auch die Meinung des ostkirchlichen Theologen Dr. Lamsa in seinem Buch Die Evangelien in aramäischer Sicht", übersetzt von Dr. Korb in Lugano 1963. Dort übersetzt er auf Seite 204 das Wort schbak" ausschließlich mit behalten, übrigbleiben und mit aufsparen und bestreitet dann ausdrücklich, daß es verlassen heißen könne. Diese einseitige Übersetzung ist aber nach Überzeugung des uns bekannten Kenners der aramäischen Sprache Joseph Atzmon und gemäß aller syro-aramäischen Wörterbücher nicht haltbar. Doch vermindert sich der Unterschied beider Auffassungen wesentlich dadurch, daß auch Dr. Lamsa auf Seite 208 der Meinung ist, daß Aufopferung Sein vorbestimmtes Schicksal war und der Messias unter den Händen Seiner Feinde leiden müsse, Er aber trotzdem Sein Vertrauen zu Gott behielt". In diesem Sinne war Jesu Ausruf kein Eingeständnis einer Niederlage, der Verzweiflung oder des Mißerfolges, sondern die Ankündigung des Sieges und Triumphes. Sein Auftrag war erfüllt, wenn Er mutig den Mächten Seiner Tage trotzte und sieh ans Kreuz schlagen ließ". Dieser Gedanke hat seine Berechtigung, weil Jesus tatsächlich erst um die neunte Stunde Sein viertes Wort am Kreuz ausrief, als nämlich Seine qualvollsten drei Stunden zu Ende gingen. Daraus aber ist nicht zu schließen, daß Er nicht in dieser Zeitspanne das Erlebnis der Gottverlassenheit gehabt hatte. Darum haben die Vertreter des konkordanten Wortes" M. Jaegle und Mitarbeiter, in ihrem Buch Christi Schrei am Kreuz, Sein herrlichster Lobpreis" (1976, 125 Seiten) nicht recht, wenn sie aus Christi Schrei tiefster seelischer Not einen Jubelruf machen und diesen Ruf mit Seinem Wort Es ist vollbracht!" gleichstellen. Sie begründen ihre Behauptung damit, daß sie annehmen, Jesu Auftrag wäre ein Mißerfolg gewesen, wenn Gott Ihn verlassen hätte. Denn dann hätte auch Jesus Sein Gottvertrauen nicht bewahren und in Verzweiflung enden müssen. Sie vergessen, daß Jesus gesagt hatte: Gleichwie der Vater Leben in sich selbst hat, also hat Er auch dem Sohne gegeben, Leben zu haben in sich selbst" (Joh. 5, 26). Gerade darin aber bestand Sein Sieg, daß Er auch in der Isolierung von Seinem Vater in Seinem Gottvertrauen nicht wankend wurde - wie Sein Ausruf Mein Gott, mein Gott..." beweist.
II.
Aber auch ohne diesen Hinweis auf die sprachlichen Besonderheiten des Textes verlangt der stellvertretende Charakter des Kreuzesleidens Jesu, daß der Herr tatsächlich eine völlige Gottverlassenheit in Seiner gequälten Seele erlebt hat. Zu diesem Schluß fährt unzweideutig eine Analyse des Berichtes vom Sündenfall (1. Mos. 3) und die Beurteilung des mosaischen Gesetzes, wie sie uns vom Apostel Paulus im Römer- und Galaterbrief aufgezeichnet ist.
Infolge des Sündenfalls hat Gott auf die ersten Menschen und nachwirkend auf das ganze Menschengeschlecht einen Fluch gelegt. Denn Gott hatte die Menschen zu Seinem Ebenbilde erschaffen und sie damit ausersehen, mit Ihm in die innigste Gemeinschaft zu kommen und an Seiner göttlichen Herrlichkeit teilzunehmen. Für diese hohe Berufung sollten sie sich selbst entscheiden, indem sie Sein Verbot, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, beachteten. Dieses Verbot erhielt sein schweres Gewicht durch die Drohung: Welches Tages du davon issest, wirst du gewißlich sterben", oder wörtlich: wirst du sterbend sterben. Dagegen standen ihnen an dem andern Baum Früchte zur Verfügung, durch die göttliches Leben in ihnen zur Entfaltung gekommen wäre. Durch diese Möglichkeit offenbarte Gott Seine größte Liebe zu den von Ihm erschaffenen Menschenkindern. Wie sehr aber mußte diese Liebe enttäuscht und Seine Heiligkeit verletzt sein, als sie der Stimme des Verführers mehr gehorchten und ihr mehr Vertrauen schenkten als dem Angebot der Liebe Gottes. Daher kann man sich die Schuld der Menschen nicht groß genug vorstellen.
Nun mußte sich die Flamme Seiner Liebe in brennenden Zorneseifer verwandeln, Seine segensvolle Verheißung vom Baum des Lebens in härtesten Fluch. Seine Gerechtigkeit mußte über die für die Ewigkeit geschaffene Seele das furchtbare Gericht eines doppelten Todes verhängen. Denn den Menschen wurde außer dem irdischen Tod (sterbend") ein weiterer Tod angedroht, der nur auf die Seele bezogen sein konnte. Dieser heilige Zorn verlangte eine vollgültige Versöhnung für die durch die verletzte Ehre Gottes bewirkte Feindschaft zwischen Gott und den Menschen. Mit anderen Worten: Gottes Gerechtigkeit erforderte eine volle Sühne für die entstandene Schuld.
Es ist nun von größter Wichtigkeit zu erkennen, daß das von Gott verhängte Strafgericht der Austreibung aus dem Paradies mit allen seinen Folgen, also das ganze Elend, das nun auf die Menschheit zukam, nicht die notwendige Sühne für Gott erbringen konnte. Sonst wäre die Verheißung des Weibessamens, der zwar der Schlange den Kopf zertritt, dem aber von der Schlange die Ferse zermalmt wird, nicht nötig gewesen. Denn hier haben wir die erste Ankündigung des blutigen Opfers auf Golgatha. Hinter dem Geheimnis des Kreuzes verbirgt sich die Darbringung des Sühnopfers, das zur Versöhnung Gottes notwendig war, aber von der Menschheit hätte gebracht werden müssen. Denn sie hätte es verdient.
Aber die Strafe wäre von einer Furchtbarkeit gewesen, die nicht mehr überboten werden konnte. Dafür finden wir in der Schrift die Worte: ewige (= äonische) Verdammnis", ein Verderben" oder ein Verlorensein" der Seele, - ein Zustand, der auch unter dem Bild der Hölle (Gehenna) oder Hölle des Feuers" dargestellt wird (Matth. 5, 22; 18, 9; Mark. 9, 47 u. a.) oder auch als der zweite Tod, der Tod im Feuersee (Offb. 20, 15). (Zwischenbemerkung: Diese HöIle", Gehenna, ist wohl zu unterscheiden von Scheol" oder Hades" = Totenreich. Letztere Begriffe wurden von Luther leider auch mit Hölle übersetzt, ein Fehler, den die neueste Revision endlich ausmerzte. Die Elberfelder Übersetzung hatte von jeher die richtige Unterscheidung.) Auch das Beispiel Israels bestätigt die oben festgestellte Tatsache, daß die historischen Gerichte allein, durch die das erwählte Volk hindurchgehen mußte, nicht ausreichten. Denn erst der Knecht Gottes ist zum Sühnopfer ausersehen. Denn wegen der Übertretung meines Volkes hat Ihn Strafe getroffen; ihre Missetat wird Er auf sich laden" (Jes. 53, 8 und 11). Schon beim Auszug aus Ägypten haben wir das vielsagende Bild, daß allein das Blut des geschlachteten Passahlammes vor dem Verderben rettet.
Aus den bildhaften Ausdrücken für die verhängte Strafe kann man nur schließen, daß die Seele eines Menschen dieses Gericht nicht hätte ertragen können, ohne dem Verlust ihrer Existenz ganz nahe zu kommen. Dieser qualvolle Strafzustand, die Verdammnis, bestünde in einem unaufhörlichen Ringen der schöpfungsmäßig auf Ewigkeit angelegten Seele mit dem Tode, und das in äußerster Gottesferne, in einer Finsternis fern vom Lichte Gottes, andererseits in inneren, einem Feuergericht gleichenden Gewissensnöten. Und all dies hätte endgültig sein müssen.
Die Durchführung der Pläne Gottes, die Er mit der Erschaffung des Menschen sich vorgenommen hatte, wäre unmöglich gewesen. Damit aber hätte der Feind gesiegt. Ebenso wäre es mit Gottes Majestät und Unfehlbarkeit unvereinbar gewesen, eine von Ihm begonnene Schöpfung zurückzunehmen und eine neue aufzubauen. Aber vor allem: Seine Liebe , Sein Erbarmen mit der gefallenen Schöpfung ist so groß (Joh. 3, 16), daß Er ihr die verdiente furchtbare Strafe erlassen wollte. Also mußte Er sie selbst übernehmen, dadurch daß Er Seinen geliebten Sohn dazu ausersah, stellvertretend die von Seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit, aber ebenso vom Satan als Ankläger geforderte Strafe an sich vollziehen zu lassen.
Dazu mußte der Sohn Gottes die menschliche Natur nach Leib und Seele anziehen, um für die Sünde der Menschen nicht nur den schlimmsten Verbrechertod zu sterben, sondern auch den Fluch der Verstoßenheit von Gottes Angesicht zu durchleiden. Denn verflucht ist, wer am Holze hängt" (5. Mos. 21, 23; Gal. 3, 13). Das bedeutet ein Abgeschnittensein vom göttlichen Urquell alles Lebens und von Gottes Vaterliebe, eine völlige Verlassenheit von Gott. Von dem, der von keiner Sünde wußte, aber für uns zur Sünde gemacht wurde (2. Kor. 5, 21), mußte sich Gottes Angesicht abwenden. Schließlich: Um auch die Wiederaufnahme der Liebesverbindung mit dem Sohne, die Wiedererweckung aus den Toten und die Wiedereinsetzung in Seine Herrlichkeit im Einklang mit Seiner Gerechtigkeit zu ermöglichen, mußte die Unschuld und Sündlosigkeit des Sohnes einwandfrei erwiesen sein. Darum mußte Er in allem versucht werden in gleicher Weise wie wir, jedoch ohne Sünde erfunden werden" (nach Hebr. 4, 15). Nur so können wir in Ihm die Gerechtigkeit erhalten, die vor Gott gilt (2. Kor. 5, 21).
Zum gleichen Ergebnis kommt man auch vom mosaischen Gesetz her. Gott hat dem Volk Israel, Seinem zuvor erkannten Volk (Röm. 11, 2), durch Vermittlung der Engel das Gesetz gegeben, damit es erkennen sollte, welche Heiligkeitsforderungen Gott stellen müßte, wenn Er mit diesem Volk einen Bund der innigsten Gemeinschaft eingehen würde. Dann müßte bis in die kleinste Alltagsarbeit hinein, ebenso wie im Kultus der Gottesverehrung und im bürgerlichen und politischen Leben, Sein Geist und Wille regieren. In großer Selbsttäuschung verpflichtete sich das Volk, das Gesetz zu erfüllen. Es bewies nicht nur gleich nach der Bundesschließung durch die Verehrung des goldenen Kalbes, sondern durch Seine ganze Geschichte, daß es (als Volksganzes) nicht imstande war, das Gesetz zu erfüllen. Somit mußten die im Gesetz für die Nichtbefolgung niedergelegten Strafen in Kraft treten. Das Gesetz, das zum Leben gegeben war, erwies sich zum Tode (Röm. 7, 10). Das ist der Fluch des Gesetzes (Gal. 3, 13). Auch diesen Fluch hat Jesus auf sich genommen, indem Er als Jude geboren wurde und unter das Gesetz getan war (Gal. 4, 4). Israel steht also gleichsam unter zwei Flüchen: dem adamitischen" vom Sündenfall her und dem des Gesetzes! Das gilt insofern auch denen aus den Nationen, als auch sie erst auf gesetzliche Weise Gott gefallen wollen, ehe sie zum Glauben kommen. Darum hat Gott alle zusammen in den Unglauben - das ist die Sünde - eingeschlossen, auf daß Er alle begnadigte (Röm. 11. 32). Darum heißt es in 1. Joh. 2, 2 mit Recht: Er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die (Sünden) der ganzen Welt.
III.
Von dieser Grundlage aus fällt Licht auf das vierte Wort Jesu am Kreuz. Die Kreuzigung erfolgte nach Mark. 15, 25 um die dritte Stunde (9 Uhr). Matthäus, Markus und Lukas bezeugen gemeinsam, daß zur sechsten Stunde eine Finsternis eintrat über das ganze Land. Diese Verfinsterung der Sonne war nicht die übliche Sonnenfinsternis durch den Vorübergang des Mondes - es war die Zeit des Vollmondes -, sondern ein Naturwunder. Sie ist ein gewaltiges Abbild für die grauenvolle Nacht des Verstoßenseins vom Angesicht des Vaters, die der Sohn in Seinem Herzen empfand. Diese seelische Pein, verbunden mit den gräßlichsten körperlichen Schmerzen, bildete den Höhepunkt des Kreuzesleidens Jesu, der zum Fluch der Menschheit geworden war. Diese innere und äußere Finsternis dauerte bis zur neunten Stunde, dann - so berichten Matthäus und Markus - schrie Jesus laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Drei Stunden hat Er die Qual der Verlassenheit schweigend ertragen, nun ist Er am Ende Seiner Kraft. Noch ist es nicht letzte Verzweiflung, und doch kann man die Frage heraushören: Ist es nicht genug mit dieser Pein? Für den Vater war dies zugleich eine Bitte, die Er sofort erhörte, indem Er dem Sohn Sein Angesicht zuwandte und Ihn wieder mit Seiner Liebe umgab - das Wohlgefallen des Vaters ruhte nun wieder auf Ihm.
Durch das Zeugnis des Johannes wird diese Tatsache wunderbar bestätigt. An diesem Punkt des Geschehens fügt sein Bericht die Worte ein: Danach, da Jesus wußte, daß alles schon vollbracht war, spricht Er, auf daß die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet!" Ist es nicht merkwürdig, daß es hier heißt (und das übersieht man so leicht!): Jesus wußte, daß alles schon vollbracht war? Alles vollbracht - wo Er doch noch mit Todesschmerzen am Kreuze hängt, verschmachtend vor brennendem Durst? Es bleibt gar nichts anderes übrig als die Annahme: Das, was für Ihn das größte Opfer bedeutete, den Fluch des von Gott Verstoßenseins stundenlang zu ertragen, war vollbracht, weil Seine Seele, die in aller Dunkelheit nie an der Vaterliebe gezweifelt hatte, nun der Verbundenheit mit dem Vater wieder gewiß war. Darum war für Ihn im Grunde alles" vollbracht; das Schwerste war vorüber! Darum darf Er sich die Erleichterung genehmigen und um Stillung Seines Durstes bitten! Er nimmt den dargebotenen Essig und spricht: Es ist vollbracht!"
Das ist wahrhaftig kein lachender Triumph, es ist ein Triumph unter größten Todesqualen. Aber der Preis ist bezahlt, die Sühne vollzogen, die Gnade kann jetzt über die Sünde triumphieren, die Schuld der Menschheit vergeben werden! Es war der teuerste Preis, den der Vater und der Sohn bezahlt haben um der Gerechtigkeit und um der Liebe willen. Keine Sünde im ganzen All ist zu groß - sie kann vergeben werden, wenn der Sünder dies Wunder im Glauben annehmen will.
Aber auch Lukas beweist mit dem letzten, dem siebten Wort (Mich dürstet!" war das fünfte, Es ist vollbracht!" das sechste), daß sich Jesus noch vor Seinem Sterben wieder in der Liebe des Vaters geborgen weiß. Er ruft laut: Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!" Der strenge, gerechte Gott ist Ihm wieder nahe als Vater. Ihm übergibt Er sich nun, um Seinen letzten Gang anzutreten, den Gang in den Scheol, den Hades, das Totenreich. Doch so, wie Er im schweigenden Ertragen der Gottverlassenheit in der größten Schwachheit Sieger geblieben war, so auch jetzt. Sein Sterben ist kein Überwältigtsein vom Tode. Er selbst darf das Ende setzen und Seine Geistseele lösen vom ausgebluteten, zerschundenen Leib. Während die beiden anderen Übeltäter bei Sonnenuntergang, also nach weiteren drei Stunden noch lebten, so daß ihnen mit Keulenhieben die Unterschenkel gebrochen werden mußten, um ihren Tod herbeizuführen, war dies nicht nötig bei Jesus. Alle vier Evangelien verwenden für Sein Scheiden transitive Zeitwörter: Matthäus und Johannes: Er übergab den Geist; Markus und Lukas: Er hauchte aus - (alle Ausdrücke wörtlich übersetzt). So bewahrheitet sich hier das Wort Jesu selbst: Niemand nimmt mein Leben von mir, ich lasse es von mir selber, ich habe Macht, es zu lassen" (Joh. 10, 13).
So beendet Er selbst in völliger Freiheit die schmerzlichste Phase Seines Leidensweges, ohne das Vertrauen zu Seinem Gott aufgegeben zu haben. Ihn, den Unschuldigen, hatte als den Fluchträger der ganzen gefallenen Schöpfung die volle Wucht des göttlichen Zornes getroffen - aber keinen Augenblick länger, als der Vater dies wollte. Diese große Schmach dauerte drei Stunden. Damit war der Gerechtigkeit Gottes Genüge getan. Aber eingebettet in die fürchterlichsten Todesschmerzen waren diese Stunden qualvollste Ewigkeiten.
IV.
Dagegen war in den ersten drei Stunden am Kreuz die Verbindung des Vaters zu Ihm noch ungetrübt. In diese Zeit fielen Seine ersten drei Worte. Davon sind von Lukas zwei und von Johannes eines überliefert. Sie offenbaren uns, daß zu Beginn Seiner Todesqualen Seine Gedanken nicht Seinen persönlichen Schmerzen, so entsetzlich sie auch waren, sondern anderen Menschen galten. Mit dem ersten bat Er Seinen Vater um Vergebung für Seine Feinde (Luk. 23, 34), mit dem zweiten befahl Er Seine Mutter in fürsorglicher Sohnesliebe in die Obhut Seines Lieblingsjüngers (Joh. 19, 26), mit dem dritten verhieß Er dem reuigen zweiten Übeltäter die Aufnahme in das verlorengegangene, in die jenseitige Welt verlegte und am Schluß Seines Leidensweges wieder geöffnete Paradies. Die Geborgenheit in der Liebe des Vaters gab Ihm die Kraft zu dieser wahrhaft selbstlosen Gesinnung. Diese Vaterliebe mußte Er von der sechsten Stunde an entbehren.
Zum Schluß sei noch ein Wort zu dem weiteren, nun unsichtbaren Geschehen vom Sterben bis zur Auferstehung gesagt, obwohl dies nicht zu unserem Thema gehört. Auch hierüber gibt uns das Wort Alten und Neuen Testamentes genügend Klarheit. In Jesaja 53, dem bedeutsamen Kapitel vom leidenden Gottesknecht, heißt es (V. 12): Er hat Seine Seele ausgeschüttet in den Tod", und in dem erwähnten Psalm 22: In den Staub des Todes legst Du mich." Das in beiden Fällen verwendete Wort für Tod (Mawet) ist hier, wie auch öfters sonst, identisch mit Scheol und bedeutet Totenreich". - Petrus sagt in Seiner Pfingstrede (Apg. 2), daß Seine Seele nicht im Hades zurückgelassen worden sei. Also ist der Herr Jesus darin festgehalten gewesen. Das sind die drei Tage und Nächte, die der Sohn des Menschen im Herzen der Erde sein muß", wie Er selbst gesagt hatte (Matth. 12, 40).
Auch der Psalm 18, der ein Erlebnis schildert, das in seiner Wörtlichkeit niemals von David erfahren wurde, gehört hierher. Es kann nur prophetisch auf den Messias Jesus verstanden werden. Demnach war Jesus der Gefangene des Todes (siehe V. 4 u. 5). Das waren Bedrängnisse, die Jesus veranlaßten, zu Seinem Gott zu schreien, und Sein Schrei kam in Seine Ohren, und Gott neigte den Himmel und fuhr hernieder" (V. 6 bis 9); und Er führte mich heraus ins Weite und befreite mich, weil Er Lust an mir hatte" (V. 19). Diese Befreiung führte zur Wiedervereinigung der Seele Jesu mit ihrem unverwesten Leibe. Dadurch vollzog sich aber die erste Stufe der Verwandlung Seiner irdischen Leibes-Materie in eine mehr feingeistige Form. In dieser veränderten Gestalt blieb Jesus als der Auferstandene vierzig Tage. In diesem Zeitraum war Er im Paradies", und Er erschien von dort, nach dem Bericht der Evangelien und dem Zeugnis des Apostels Paulus, den Jüngern und mehr als 500 Brüdern auf einmal (1. Kor. 15, 3-8). Nur in dieser Zeitspanne kann es gewesen sein, daß Er, lebendig gemacht im Geist, hinging und den Geistern im Gefängnis predigte", wie Petrus schreibt (1. Petr. 3, 18). Dann kehrte Er in der Himmelfahrt (Apg. 1, 9-11) zum Thron des Vaters zurück. Darum schreibt auch Paulus: Der, der hinabgestiegen ist in die untersten Örter der Erde, ist derselbe, der hinaufgestiegen ist über alle Himmel, auf daß Er alles erfülle" (Eph. 4, 9-10).
Angesichts Seiner großen Liebe, in der der Herr Jesus an unserer Statt am Kreuz vor Gott zum Fluch wurde und eine endgültige Erlösung und Versöhnung bewirkte, können wir nur mit dem Dichter bekennen:
Wenn ich dies Wunder fassen will,
so steht mein Geist vor Ehrfurcht still.
Er betet an und er ermißt,
daß Gottes Lieb unendlich ist.
(Aus Gellert: Dies ist der Tag, den Gott gemacht.")
(Quelle: "Gnade und Herrlichkeit"; 1981; Paulus-Verlag Karl Geyer; Heilbronn)