Aus der Würdigung von Dr. A. J. Bucher
Unter den Knechten Gottes war Prof. Ströter (31.05.1846 - 29.08.1922) einer von denen, die zehn Pfunde erhielten. Bei einer glänzenden, vielseitigen Begabung und hohen akademischen Bildung verfügte er über einen Körper von imponierender Erscheinung und eiserner Widerstandskraft. Fast um eines Hauptes Länge überragte er die andern. Sein unter hoher Denkerstirn und hinter mächtigen Brauen hervorleuchtendes Auge sah unbewaffnet weiter, als andere mit Feldstechern. Er war es gewesen, der vom Gipfel des San Salvatore aus die 125 Städte und Dörfer zählte, die wir anderen kaum mit dem Glase fanden. Seinem seltenen Rednertalent stand eine Stimme von großem Wohlklang und weittragender Kraft zur Verfügung. Ich hörte in St. Gallen nach einem Vortrag von Ströter einen vornehmen Juden beim Hinausgehen sagen: “Ich komme morgen wieder, schon um der herrlichen Stimme dieses Mannes willen.”
Bei all seinen seltenen geistigen Gaben und geistlichen Errungenschaften war Ströter ein Mann von größter Natürlichkeit und liebevoller Gemütsart. Er war, was man bei Männern von seiner religiösen Tiefe und von seiner Richtung auf das Zukünftige, Jenseitige so selten findet, nichts weniger als weltabgewandt. Sein Kunstsinn war fein entwickelt. Er hatte große Freude an der Natur, an allem Schönen, am Familienleben, Freundschaft und Geselligkeit und spielte bis in sein hohes Alter hinein gern und gut Klavier und Schach.
Sein Verhältnis Gott und der Schrift gegenüber war durch das eine Wort “Gehorsam” gekennzeichnet. Was er einmal als Gotteswahrheit und Gotteswillen erkannt hatte, darunter beugte er sich, ohne Rücksicht auf die Folgen, in schweigender Ehrfurcht, davon war er durch nichts abzubringen, und dafür ging er durch Feuer und Wasser. Es schmerzte ihn tief, wenn ihn seine Freunde nicht begriffen und ihm seine Gegner falsche Motive unterschoben; aber hindern konnte ihn weder das eine noch das andere. Er kannte keine Kompromisse und schnitt eher alle Fäden durch, als daß er sich auch nur ein Jota von dem, was ihm als Wahrheit und Pflicht erschien, abdrängen ließ.
Die Bibel war seine einzige Autorität. Sie war ihm zugleich der Inbegriff der absoluten Wahrheit und Weisheit. Ihm imponierte keine Wissenschaft, die nicht mit der Schrift stimmte. “Nur Geduld”, pflegte er zu sagen, “die wahre Wissenschaft wird schon den Weg zurück zur Bibel finden.” Seine Bibel aber kannte er inwendig und auswendig. Er kannte sie hebräisch und griechisch, und zwar meisterhaft, kannte sie im einzelnen und im ganzen, kannte ihre Geschichte und ihren Text bis zu den scheinbar unbedeutendsten Namen, Daten, grundsprachlichen Wortformen. Fünfzig Jahre lang hat er im heiligen Acker der Bibel gegraben. Abgesehen von ihrer Lektüre zum Studium las er sie beständig fortlaufend durch, jeden Morgen nach der Andacht als allererstes so und so viele Kapitel. Und wenn er auf dem letzten Blatt angekommen war, fing er wieder mit dem ersten an. Wer tut ihm das nach, der die Schrift schon so genau kennt, wie er sie kannte?! Er hatte an den theologischen Schulen mit Recht auszusetzen, daß sie der Bibel selbst zuwenig Zeit und Mühe widmen.
Daß einem Manne wie ihm die Dogmatik, d. h. die Lehre von den kirchlich entstandenen Glaubenssätzen, nicht so wichtig erschien wie anderen, die Krücken brauchen, ist nicht verwunderlich. Er wurde vielleicht gelegentlich etwas zu derb, wenn er einen Satz eines Lehrbuchs oder Gesangbuchs ins Licht hob und als unbiblisch hinstellte. Aber es geschah nur aus großer Ehrfurcht vor der biblischen Wahrheit. Übrigens hielt er zu seinem und anderer Trost dafür, daß Gott viel schlechte Theologie, viel Irrglauben vertragen könne, nur keinen Unglauben.
Wer ihn hörte und las, dem mußte es auffallen, daß er sich nie auf menschliche Autoritäten stellte. Er hätte sich in seinen eschatologischen (die “letzten Dinge” betreffenden) Schlüssen, die manche verblüfften, weil sie vom gleichen Denken früherer Gottesmänner wenig oder nichts wußten, auf leuchtende deutsche Theologennamen berufen können. Er tat es nicht, weil für ihn nichts Beweiskraft hatte als das Wort selbst, wie Gott ihm darüber Licht gegeben hatte.
Es konnte nicht anders sein, als daß sich an einem so kühnen Forscher und Denker die Gemüter schieden. Widerspruch konnte nicht ausbleiben. “Er geht zu weit”, hieß es da, “er macht Gott zu groß und Seine Gnade zu mächtig. Er traut der Heiligkeit und Liebe Gottes zuviel, ja das Unmögliche zu. Er kürzt die Ewigkeiten ab; er läßt den “Wurm” sterben und das “Feuer” verlöschen; er gießt Wasser auf die ewigen Zornesflammen. Er macht zuviel aus den Juden, die nach Luther als Volk doch ewig verdammt und verloren sind. Er macht zuwenig aus den Sakramenten, aus der Kirche, aus unserer Kirche, usw. usw.”
Nur das hat ihm niemand nachgesagt, daß er Christus an der Krone gerüttelt, daß er Sein Kreuz und Blut heruntergesetzt und Sein Verdienst geschmälert, daß er an der Bibel herumgepflückt, die Notwendigkeit von Buße, Glaube, Wiedergeburt und Heiligung unterschätzt und die freie Gnade in Jesu nicht genug angepriesen hätte. Denn diese Dinge gingen ihm über alles. Und wenn er nicht vorwiegend evangelisierte, sondern lehrte, so geschah das nur, weil er sich zum Lehrdienst durch Gaben, Ausrüstung und Berufung von Gott ersehen wußte.
Unendlich viel hat er gearbeitet mit heiliger Passion: gereist, geschrieben, geredet, gebetet, gekämpft für seines Meisters Wort, Werk und Ehre ohne festes Einkommen und Besitz, ohne Ansprüche auf irgendeine Altersversorgung. Der Herr aber sorgte wunderbar für ihn und gab ihm viel Frucht.
Ein persönliches Wort zum Schluß, aus Liebe und Dankbarkeit: Im Anfang der neunziger Jahre stand ich in ernsten inneren Kämpfen hinsichtlich mancher biblischer Dinge. Ich stand im Nebel und sah nicht hinaus und hindurch und schüttete Prof. Ströter vertrauensvoll mein Herz aus. Er aber, der Überbeschäftigte und allerorts Begehrte, nahm sich einen Nachmittag, einen Abend und eine halbe Nacht Zeit für mich. Er hörte mich an, betete mit mir und redete mit mir von irdischen und himmlischen Dingen, bis mir das Herz brannte vom Feuer einer großen, neuen Freude. Von den Türmen der Stadt ertönte der Schlag der zweiten Stunde der Nacht. Am Himmel leuchtete der Mond. Ich aber war wie einer, dem auf nebliger Höhe die Sonne durchgebrochen war; ich sah große Zusammenhänge, Beziehungen, Perspektiven und die Bibel als Ganzes in ganz neuem Licht. (Ein gelehrter Theologe sagte mir Ähnliches: er hätte bei Prof. Ströter in wenigen Stunden die Bibel besser verstehen gelernt als in zwölf Semestern auf der Universität.)
Freilich, dem Adlerflug seines Geistes kam ich nicht in allem nach. In manchem glaubte ich ihm ein “Aber” und ein “Wiederum stehet geschrieben” entgegensetzen zu müssen; mir blieben Fragezeichen stehen, die er nicht mehr kannte. Aber mit vielen Tausenden anderen danke ich Gott mit inbrünstigem Herzen für diesen auserwählten Lehrer und Forscher und Freund. Nicht eine Zisterne war er, sondern eine Quelle, ein Mensch und Christ und Gottesgelehrter, wie sie leider selten geboren werden und auf den wir wohl das Wort anwenden dürfen: “Gedenket eurer Lehrer, welche euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach!”
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