Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)

Karl Merz

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* 1890, † 22.07.1969

Gottes Plan für mein Leben

Erinnerungen zum 50-jährigen Jubiläum

Sein Gebilde sind wir, erschaffen in Christus Jesus
zu guten Werken, zu denen uns Gott zuvorbereitet
hat, daß wir in ihnen wandeln sollen
(Eph. 2, 10; Zürcher Bibel).

In Gottes Regierung gibt es keinen Zufall. Alles ist vorbedacht und geregelt. Im Blick auf das Geschehen im Weltall reden wir von Naturgesetzen. Hier gilt es allerdings ein Doppeltes zu berücksichtigen. Erstens kennen wir bis jetzt nur jene Gesetze, die bisher in Erscheinung getreten sind. Dies schließt nicht aus, daß es noch andere gibt, die wir nur noch nicht kennen. Wenn solche dann offenbar werden, reden wir von Wundern. Damit ist aber gar nichts anderes gesagt, als daß eine solche Wirkungsweise Gottes uns neu ist. Gott stehen mehr Möglichkeiten zur Verfügung, als wir wissen oder auch nur ahnen. Zweitens können wir durch ungeschicktes oder frevelhaftes Handeln die Ordnungen Gottes stören und mißachten. An diesem Punkt stehen wir in der gegenwärtigen Zeit. “Die Ungerechtigkeit (besser: Gesetzlosigkeit) wird überhandnehmen”, sagt der Herr Jesus im Blick auf das Ende unseres Zeitalters. Die Folgen davon werden wir zu tragen haben. Es wird in einer Katastrophe enden.

Wir halten fest: Es gibt keinen Zufall.

Es gibt aber auch keine Zulassung. Wir lasen vor Jahren das Buch von Karl Heim: “Jesus der Herr”. Darin weist dieser auch als Naturwissenschaftler bekannte Theologe nach, daß Jesus nach Phil. 2, 11 Herr ist, und zwar über alle, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind. Als solcher hat er über alles zu gebieten, aber auch alles zu verantworten. Die Bibel bringt eine geradezu überwältigende Fülle von Beispielen, die diese Tatsache belegen. Wir nennen etliche davon:

In 1. Mose 45, 8 sagt Joseph zu seinen Brüdern: “Ihr habt mich nicht hergesandt, sondern Gott”. Dabei hatten doch seine Brüder ihn nach Ägypten verkauft. Ähnlich lesen wir in Hiob 1, 21: “Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen”. Äußerlich betrachtet wäre es gar nicht unrichtig gewesen zu sagen: “Der Herr hat’s gegeben, der Satan hat’s genommen”. In Jes. 45, 6 ff. stehen die Worte: “Ich bin der Herr und keiner sonst!, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe das Übel. Ich bin der Herr, der solches alles tut”. Endlich sei noch an das Wort in Amos 3, 6 erinnert: “Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue (nicht bloß: zulasse).”

Ich habe es mir schon lang abgewöhnt, von einer “Zulassung” zu reden. Wenn wir es trotzdem tun, dann verbauen wir uns den Weg zu Gott. Wir bleiben dann an Zwischenmächten und Mittelursachen hängen. Pastor Humburg sagte einmal in Königsfeld: “Wir haben es 1. immer und 2. überall und 3. nur mit Gott zu tun”. Dies Wort hat mir damals und seitdem oft gedient. Wenn ich die Dinge so sehe, wenn ich Gott gleichsam ins Auge blicke, kann Er am besten mit mir reden und kommt Er am schnellsten mit mir zu Seinem Recht und Ziel.

Es gibt bei der Regierung des Weltalls wie in der Führung des Einzelnen nur einen göttlichen Willen. —


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Paul Deitenbeck, der bekannte Jugendpfarrer und Allianzmann in Lüdenscheid, tat kürzlich eine bezeichnende Äußerung. Er hatte eine Ansprache über Monte Carlo zu halten und war als “Pfarrer” angekündigt worden. Offenbar fürchtete Deitenbeck, daß daraufhin mancher abschalten könnte. “Der muß halt so reden”, ist der Gedanke bei Vielen. Dem suchte Deitenbeck in etwa vorzubeugen, indem er gleich am Anfang sagte: “Ich komme nicht aus einem Pfarrhaus”. Der Sinn war der: Was ich jetzt sage, habe ich nicht gelernt, sondern erfahren.

Ich stamme auch nicht aus einem Pfarr- oder Predigerhaus, sondern aus einem Geschäftshaus, in Tailfingen auf der Schwäbischen Alb. Meine Eltern waren rechtschaffene Weltleute, aber eben Weltleute. Ich war das älteste von 7 Geschwistern. Mein Vater war sehr streng. Dies hatte besonders ich und in etwa auch noch mein nächstältester Bruder zu verspüren, während es meine älteste Schwester schon leichter hatte. Wer sich ein Bild von mir machen will, kann es am besten tun, wenn ich ihm sage, wie mich einmal ein Schulkamerad und Jugendfreund kennzeichnete. Dieser war bald nach Amerika ausgewandert. Als er nach geraumer Zeit wieder einmal in die Heimat kam, erkundigte er sich auch nach mir. Da erfuhr er, daß ich Prediger geworden sei. Voller Verwunderung sagte er: “Was Prediger? Der ungute Kerle!”. So hatte er mich in der Erinnerung. “Ungut” bedeutete soviel als: zu allerlei Streichen aufgelegt. Das war ich auch. Wenn ich den oberen Weg in die Schule ging, dann gingen die anderen den unteren; und umgekehrt. Ich war sowohl geachtet als gefürchtet. In der damaligen Zeit kam es auch immer wieder zu regelrechten Schlachten mit der Jugend eines Nachbarortes. Ich mußte natürlich dabei sein; nicht ungern stellte ich mich in die vordere Reihe. Dabei war es gar nicht ungefährlich. Wer in die Hände des “Feindes” geriet, wurde unter Umständen übel zugerichtet. Oder ich denke daran, wie wir einmal einen unserer Berge regelrecht erstürmten. Diesmal war’s eine Gruppe aus dem eigenen Ort, die ihn besetzt hielt. Wir marschierten los; und bevor wir oben angekommen waren, hatten die anderen Reißaus genommen. Doch bin ich dankbar, daß ich mich nie zu eigentlichen Rohheiten hinreißen ließ.

Nach meiner Schulentlassung trat ich in eine kaufmännische Lehre. Abends trieben wir uns auf der Straße herum. Ich kann mich zwar nicht erinnern, daß wir da Gewalttaten verübt hätten. Wenn es aber damals schon den Begriff der “Halbstarken” gegeben hätte, dann wären wir sicher als solche bezeichnet worden. An den Sonntag Nachmittagen machten wir Spaziergänge in einen benachbarten Ort. Dort kehrten wir in einem Gasthof ein (natürlich im Nebenzimmer, weil wir als Kaufmannslehrlinge ja zu den “Besseren” zählten!), tranken ein Münchner Bier und ließen uns das in einem Korb liegende Gebäck (eine Art Krapfen) gut schmecken. Bei den letzteren konnte die Wirtin nicht immer feststellen, wieviel der einzelne gegessen hatte. Ich fürchte, daß wir da nicht immer ehrlich waren. Wie beschämend und vorbildlich zugleich war da das Verhalten eines Bekannten aus unserer Gegend, der einmal zu mir nach München kam und mir erklärte, daß der einzige Zweck seiner Reise darin bestehe, nach Tölz weiter zu fahren, um eine Laugenbrezel, die er vor so und so viel Jahren dort gegessen und nicht bezahlt habe, jetzt noch zu bezahlen. Dabei ist dies ein ganz “normaler” Mensch gewesen.

Dann spielten wir Karten; wir hießen es “Banken”. Es ging dabei um den Einsatz. Wenn dieser auch nie groß war, tat es uns unter Umständen doch weh, etwa eine ganze Mark zu verlieren. Wir spielten leidenschaftlich. Einmal geschah es wieder. Es geschah sogar während der Geschäftszeit. Dabei wurden wir entdeckt. Mich packte die Angst, daß mein Vater es erfahren könnte. Jedenfalls wurde mir klar, daß es so nicht weiter gehen könne. —

Von heut auf morgen verließ ich meine bisherigen Freunde und schloß mich dem Jünglingsverein an. Ich darf sagen, daß ich mich nicht bekehrt habe, sondern bekehrt wurde. Der Herr hatte mich herumgeholt. Er versetzte mich aus dem wilden Weinstock der Welt in Ihn, den rechten Weinstock. Es ging nach dem Wort in 2. Kor. 5, 17: “Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; siehe es ist alles neu geworden”; besser übersetzt: “Das Alte ist im Vergehen; ein Neues ist im Werden”. Ich wundere mich heute noch darüber, wie radikal ich alle Brücken hinter mir abgebrochen und mich dem Neuen zugewandt habe. Im Jünglingsverein löste dies Freude aus. Man hatte immerhin nicht erwartet, daß ein Sohn vom Merz’le Johannes sich zu den Frommen halten würde. Mein Schritt löste aber auch dort einige Beklemmung aus. Dies sage ich nicht im Blick auf die Leitung, wohl aber im Blick auf manche Mitglieder. Ich nahm es dem “Stamm” offenbar zu ernst und war zu entschieden.

Auf eine ausgesprochene Ablehnung stieß ich bei meinem Vater. Es war ihm schon recht, daß ich ein ordentlicher Mensch würde. Ein Mucker brauchte ich deshalb aber nicht zu werden. Seine Feindschaft gegen Christus — denn die war es im Grunde — äußerte sich nicht selten, wenn ich im Laden mithalf. Da konnte er mich vor der Kundschaft als einen Menschen hinstellen, wie es einen ungeschickteren und dümmeren in der ganzen Welt nicht gebe. Dies tat weh; denn schließlich hat auch ein junger Mensch ein Ehrgefühl. Zudem stand in meinem Entlassungszeugnis von der Schule: “Erster unter 38 Schülern”. Später bin ich dankbar gewesen, daß ich um Jesu willen Schmach zu tragen hatte. Ich weiß nun ein wenig wie es ist, wenn des Menschen Feinde seine eigenen Hausgenossen sind. Zur Ehre meines Vaters sei jedoch gesagt, daß er seine Haltung im Laufe der Jahre geändert hat. Ja, er suchte es auf seine Art wieder gut zu machen. So kaufte er mir eines Tages ein gebrauchtes Fahrrad. Die Jüngeren unter uns können kaum ermessen, was dies in jenen Tagen bedeutete. Fahrräder waren damals noch so selten, daß wir auf die Straße liefen, wenn es hieß, daß ein Radfahrer komme!

Auf den Wunsch meines Vaters verließ ich nach 2 Jahren meine Lehrstelle. Zur Vervollständigung meiner kaufmännischen Kenntnisse volontierte ich zunächst noch ein Jahr bei einem Onkel, der eine Trikotfabrik hatte, und besuchte nachher auch noch die Handelsschule in Kirchheim/Teck. Von da aus suchte ich mir eine Stelle. Der Herr schenkte sie mir auch, was durchaus nicht selbstverständlich war, denn damals gab es mehr Bewerber als offene Stellen. Ich kam als Korrespondent in eine Strickwarenfabrik nach Reutlingen. Da gab es keinen Achtstundentag und noch weniger eine Fünftagewoche. Wir fingen morgens um halb acht Uhr an, arbeiteten zunächst bis etwa halb ein Uhr, begannen wieder um 2 Uhr und kamen manchesmal erst zwischen 7 und 8 Uhr aus dem Geschäft. Je nachdem Aufträge vorlagen und das Wetter danach war, mußten wir auch am Sonntag kommen.

In der ersten Zeit war ich einsam. Bald aber durfte ich die Wahrheit des Wortes erfahren, das mir der Vorstand des Tailfinger Jünglingsvereins bei der Aufnahme zugerufen hatte: “Ein treuer Freund ist ein Trost des Lebens; wer Gott fürchtet, der kriegt solchen Freund.” Der Herr schenkte mir zwei Freunde; das eine war ein junger Techniker, das andere ein Uhrmacher. Leider verließen die beiden Reutlingen aber wieder nach gut einem Jahr. Daneben besuchte ich die Gemeinschaft der Landeskirche — im Jünglingsverein konnte ich nicht warm werden — und die Versammlungen der Ev. Gemeinschaft, welch letzterer in jenen Tagen Prediger Rapp vorstand. Langsam wurde ich auch mit älteren Brüdern bekannt, die mich je und je in ihren Hauskreis einluden. In einem solchen hörte ich zum ersten Mal auch Otto Stockmayer. Ich hatte ihn mir als einen strengen, mehr oder weniger unnahbaren Mann vorgestellt. Nun stand die Leutseligkeit in Person vor mir. Auch sonst war alles so wohltuend natürlich. Wohl hat er dem alten Menschen gegenüber keine Zugeständnisse gemacht und eine völlige Hingabe an den Herrn gefordert. Aber er hat dies in einer Weise getan, die durchaus dem Neuen Testament entspricht. Von jenem Abend ist mir heute noch ein Ausspruch in Erinnerung, der es wert ist, weitergegeben zu werden: “Da gibt es Leute, die Frucht erwarten, wo noch nicht einmal ein Baum gesetzt ist”.

In Reutlingen bekam ich auch zum ersten Mal Ferien. Sie dauerten eine Woche! Durch die dortigen Freunde hatte ich viel von Männedorf und Samuel Zeller gehört. Ich beschloß, dorthin zu fahren. Es mag für die Heutigen von Interesse sein, wieviel damals eine solche Reise gekostet hat. Für das Zimmer hatte ich 5 Schweizerfranken und für die Verpflegung 10 Schweizerfranken zu zahlen und zwar für die ganze Woche. Ich benutzte meinen Aufenthalt zu einem Tagesausflug nach Luzern. Mit diesem, sowie die Fahrt von Reutlingen bis Männedorf und zurück kam mich die ganze Reise auf 47 Mark!

Wichtiger als die äußere, war mir jedoch die innere Seite meines Aufenthaltes in Männedorf. Ein Bruder hatte mir vorher gesagt, Männedorf sei der Vorhof, Rämismühle (mit Steinberger) das Heiligtum und Hauptwil (mit Stockmayer) das Allerheiligste. Ich befand mich also im “Vorhof”. Was ich da sah und hörte, genügte mir und war jedenfalls bei meinem damaligen Stand das Rechte. Die Botschaft war klar, geistlich nüchtern und anschaulich und dürfte sich von der in Rämismühle und Hauptwil kaum unterschieden haben. Zeller und Stockmayer waren übrigens miteinander befreundet. Jene menschliche Unterscheidung sollte wohl auch nicht eine Wertung der einzelnen Stätten, sondern eine Kennzeichnung der in ihnen getriebenen Arbeit sein. In Männedorf hatten wir jeden Tag zwei Andachten, ausgenommen am Donnerstag. Da fand nur eine statt. An diesem Tag sollten die Gäste Gelegenheit haben, Ausflüge zu machen. An einem anderen Tag waren solche zwar nicht verboten, aber man sah es nicht gern, wenn man da wegging. Man sah es auch nicht gern, wenn “Männlein und Weiblein” (so lautete der Ausdruck gelegentlich) miteinander spazieren gingen. Das letztere entsprang nicht etwa einer gesetzlichen Enge, sondern hatte seine Ursache in unguten Er­fahrungen, die man auf diesem Gebiet machte.

Im übrigen war es Sitte, daß die Gäste, die am andern Tag verreisen wollten, sich am Abend vorher noch in einem bestimmten Zimmer einfanden. Herr Zeller wollte sich gern von jedem Einzelnen verabschieden. Dieser Zusammenkunft sahen manche mit Beklemmung entgegen und bereiteten sich regelrecht darauf vor. Samuel Zeller war nämlich der geborene (und gelernte) Schulmeister. Da stellte er dann gern noch einmal ein Examen an. Er wollte wissen, was die Gäste empfangen hatten und was sie mitnahmen. Ich schien an jenem Abend leicht davonzukommen. Ich wurde nämlich nur gefragt, ob ich etwas mitnehme. Darauf konnte ich ohne weiteres mit ja antworten. Dann wandte er sich an die anderen. Erinnerlich ist mir noch, wie er so auch eine Diakonisse fragte. Da hieß es allerdings: “Was nehmen Sie mit?” Die fröhliche Antwort lautete: “Den 6. Sinn, Herr Zeller!” In den Andachten war nämlich von dem 6. Sinn die Rede gewesen. Herr Zeller ging dabei aus von dem Wort, das in der Schrift je und je vorkommt: “Er merkte” und erklärte das so, daß dazu ein 6. Sinn notwendig sei. Ein natürlicher Mensch habe 5, ein geistlicher 6 Sinne. — Als die Reihe um war, kam er noch einmal zu mir und fragte jetzt­: “Was nehmen Sie mit?” Ich antwortete ihm, daß mir der Glaube an Jesus Christus wieder als eine Wirklichkeit offenbar geworden sei.

Durch meine beiden engeren Freunde in Reutlingen wurde ich erstmals mit der Süddeutschen Vereinigung und der Liebenzeller Mission bekannt.

Die Süddeutsche Vereinigung befand sich damals in einem Stand, den man zwar nicht als kirchenfrei, wohl aber als kirchlich frei bezeichnen konnte. Neben anderem führe ich als Beweis hierfür an, was ich in einem kleinen Kreis bei den Brüdern Benzinger erlebte. Wir saßen mit anderen Brüdern zusammen. Unter ihnen war einer, der in den nächsten Tagen heiraten wollte. Zu meiner nicht geringen Überraschung erfuhr ich dann, daß die Trauung aber nicht in der Kirche, sondern in einer Wohnung stattfinde. Auf meine verwunderte Frage, ob das vor Gott und Menschen sein dürfe, bekam ich die Antwort, daß in der Bibel von einer kirchlichen Trauung nichts stehe. Hier stieß ich wohl bewußt zum ersten Mal auf Menschen, die sich also nicht nach der kirchlichen Tradition, sondern nach Gottes Wort richteten. Natürlich tun gerade Gottesmenschen einen solch wichtigen Schritt wie den in die Ehe nicht, ohne Gott ausdrücklich um Seinen Segen zu bitten. Aber muß dies notwendig in einer kultischen Form geschehen? Das war dort in Stuttgart die Meinung. Ich sollte später noch in anderer Art auf die “väterliche Weise” stoßen und die Gefahr kennen lernen, die dadurch der Entwicklung des geistlichen Lebens bereitet wird.

In lieblicher Erinnerung ist mir eine Versammlung, die von der oder für die Liebenzeller Mission veranstaltet wurde. Zwar gefiel mir der erste Teil nicht. Da zeigte eine Gräfin in Lichtbildern die Juwelen, die sie dem Herrn geopfert hatte. Mir kam es so vor, als ob sie dadurch ihr Opfer entweiht und entwertet habe. Eindrucksvoll von jener Versammlung ist mir aber vor allem ein anderes gewesen. Auf einmal stimmte jemand das Lied an “Welch ein Freund ist unser Jesus”. Die anderen fielen ein und bald war eine Stimmung entstanden, die mindestens die Gemüter erhob. Neu war mir wieder, daß man ein Lied singen kann, ohne daß vorher gesagt wird: “Wir wollen jetzt das Lied Nummer soundso anstimmen”. Das Ganze war mir ein neuer Beitrag zu der Frage nach dem Verhältnis von Form und Geist.

Die Beziehungen mit Liebenzell gestalteten sich im Laufe der Zeit immer enger. Von dorther kamen später unsere zweiten Prediger.

Die Begegnungen mit Pfarrer Cörper waren uns besonders wertvoll. Einmal waren wir zur Erholung wieder in Liebenzell gewesen. Wir benutzten die Gelegenheit gern, um Pfarrer Cörper persönlich zu grüßen. Ich fragte ihn, wo Liebenzell sein Hinterland habe? Er lächelte und zeigte mit dem Finger nach oben. Es schien mir, als ob ich mich nicht klar genug ausgedrückt hätte und fragte zum zweiten Mal, wo Liebenzell seine Beter und Geber hätte? Wieder lächelte Pfarrer Cörper und zeigt nach oben. Ich hole zum dritten Mal aus. Da sagte Pfarrer Cörper: “Bruder Merz, so haben wir früher auch gefragt und haben gemeint, daß unsere Freunde da und dort zu suchen wären. Da aber wurden wir enttäuscht. Seitdem erwarten wir nichts mehr von Menschen, sondern alles vom Herrn”. Dies war mir eine wertvolle Lehre und Erfahrung. Oder ich denke daran, wie ich ihn nicht lange vor seinem Tode noch einmal besuchte und ihn nach seinem Ergehen fragte. “Ich brauche Gnade«, antwortete er mir. Dann fügte er nach einem Augenblick hinzu: “Ich gebrauche sie aber auch”. Wohl dem, der beides weiß und versteht, daß er Gnade braucht, sie aber auch gebraucht.

In der Süddeutschen Vereinigung und in der Liebenzeller Mission ist mir der Neupietismus entgegengetreten. Ich selbst kam ja vom Altpietismus her. Nun durfte ich den Neupietismus kennen lernen. Ich habe das Bedürfnis, zu den verschiedenen Erscheinungen auch des geistlichen Lebens Stellung zu beziehen. Ich tue es zunächst gedanklich, wo es sein muß, dann auch tatsächlich. Im Blick auf den Alt- und Neupietismus sagte ich einmal zu einem leitenden Bruder des ersteren, daß ich mir eine Verbindung der Dogmatik des Neupietismus mit der Ethik des Altpietismus wünschte. Es scheint mir, als ob die einen zu sehr die Sünde und das Verderben und die anderen vielleicht ebenso einseitig die Gnade und Herrlichkeit betonen.

Ob der Herr das noch schenken kann? —

Als ich 20 Jahre alt war, starb mein Vater. Außer meiner Mutter trauerten 7 unmündige Kinder um seinen frühen Tod. Es war mir klar, daß ich nachhause zurückzukehren hatte, um meiner Mutter beizustehen. Wir entschlossen uns, das Geschäft weiterzuführen. In einer Anzeige machten wir dies bekannt; in ihr hieß es u. a. “Sonntags geschlossen”. Dies war für mich damals eine Gewissensfrage. Bei den Altpietisten wurde ich zu strenger Sonntagsheiligung erzogen. Heute würde ich nicht mehr so handeln. Wenn ich davon gelegentlich sprach, dann hieß es meist: “Warum?” Ich wies hin auf Römer 14, 5: “Einer hält einen Tag vor dem anderen, ein anderer hält alle Tage gleich”. Aber in der Regel drang ich damit nicht durch. Wenn ich dann sagte, daß es sich um ein Gebot für Israel handelte, wurde ich auf 1. Mose 2, 1 ff. hingewiesen. Da habe es noch kein Israel gegeben, und doch sei da schon von einem 7. Tag die Rede. Hier wird ein Doppeltes übersehen: Erstens daß Gott nicht aufgehört hat zu wirken. In Joh. 5, 17 heißt es: “Mein Vater wirket bisher”. Zweitens daß es sich in 1. Mose 2 offenbar um die soziale Seite unserer Frage handelt. Kein Mensch kann pausenlos arbeiten; er muß immer wieder einmal ruhen. Dies soll nach Gottes Ordnung an einem 7. Tag geschehen. Es ist selbstverständlich, daß ein Mensch Gottes diesen Tag nicht zuletzt auch zur Stärkung seines inneren Menschen benutzt. Von da aus verstehen wir z. B. auch das, was Gott den Israeliten über den Sabbat sagt. Bei einem Glied am Leibe Jesu Christi hingegen verhält es sich so, daß er alle Tage Seinem Gott weiht (und den einen nur aussondert, weil auch sein Körper Ruhe braucht). Es zeigt sich immer wieder, daß es nicht nur Sabbatisten, sondern auch Sonntagisten gibt (ein Wort, das Pastor Modersohn einmal gebraucht hat). Wie weit haben wir es doch noch, bis wir Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten, — nicht nur in diesem, sondern auch in manch anderem Stück.

Später haben wir unser Geschäft dann doch verkauft. Mir lag diese Arbeit weniger. Ich fühlte mich wohler als Korrespondent. Vorübergehend besorgte ich die Büroarbeiten in einer heimatlichen Möbelfabrik und übernahm dann die kaufmännische Leitung einer anderen auswärtigen Möbelfabrik. Hier erreichte mich der Ruf des Herrn in Seinen Weinberg.

Zwar hatte ich schon nach meiner Bekehrung den Wunsch, einmal Missionar zu werden. Dies ist ja wohl im allgemeinen der Fall: wenn ein junger Mann sich bekehrt dann will er Missionar oder Prediger, und wenn ein junges Mädchen sich bekehrt, dann will sie Schwester oder Missionarin werden. Bei mir war es auch so. Aber dieser Wunsch trat in der Fremde zurück. Ich sah, daß der Herr auch gläubige Kaufleute brauchte. Zudem schien mir die Besoldung eines Stadtmissionars oder dergl. so dürftig, daß eine Familie davon nicht leben könnte. Da stieß mich der Herr auf eine seltsame Weise hin auf Matth. 20, 7: “Gehet ihr auch hin in den Weinberg, und was recht sein wird, soll euch werden”. Ich merkte deutlich, daß diese Worte mir galten. Wohin aber soll ich mich wenden? Erst dachte ich an die Predigerschule in Basel, wo z. B. Prediger Nagel und Dr. Langmesser ihre Ausbildung und Ausrüstung empfangen hatten. Doch soviel hatte ich mir nicht erspart, daß ich die Kosten hätte bestreiten können. So wandte ich mich an das Brüderseminar Martineum in Witten-Ruhr, mußte aber bald erkennen, daß dies nicht mein Platz sei. Nachdem das Jahr um war, ging ich als Gast noch ein Jahr auf das Johanneum in Barmen. —

Bevor ich in meinen Erinnerungen weiterfahre, möchte ich nochmal auf die letzten zwei bis drei Jahre zurückkommen. Es war da bei mir durch eine Krisis hindurchgegangen. Sie begann schon am Ende meiner Reutlinger Zeit. Nachdem meine beiden vertrauten Freunde in ihre Heimat zurückgekehrt waren, überkam mich die Einsamkeit. Zwar fehlte es mir nicht an Gemeinschaft, aber es fehlte mir an Betreuung. Ich flüchtete mich in die Bücher. Zuerst nahm ich mir Goethe vor. Es waren weniger seine Dichtungen, die mich anzogen, als mehr seine Prosaschriften. Ich wollte an diesen meinen Stil bilden. Ohne es recht zu merken, nahm ich aber auch ihren Inhalt in mich auf. Ich griff nach Dante’s Göttlicher Komödie, versuchte mich an Kant’s Kritik der reinen Vernunft. Ich las Pascal’s Gedanken, aber auch Voltaire von David Friedrich Strauß. Dies alles verursachte in mir eine Gärung, die gefährlich zu werden drohte. Daneben besuchte ich nach wie vor die Versammlungen und unterhielt einen losen Kontakt mit den Brüdern. Wenn ich doch wieder zurecht kam, so danke ich dies allerdings in erster Linie dem großen Hohenpriester. Ich durfte erfahren, was in Hebr. 7, 25 steht: “Er lebt immerdar und bittet für sie” (oder, um an das noch bekanntere Wort zu erinnern, das Jesus dem Petrus sagte: “Satan hat euer begehrt, daß er euch möchte sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre”). Vielleicht darf ich sagen, daß ich nachher einen festeren Stand hatte und klarer sah, als vorher. Was ich im Glauben übernommen hatte, das galt es nun im Kampf zu erwerben und zu bewähren. Freilich ist es dabei nicht ohne Niederlagen abgegangen. —

So kam ich nach Barmen. Dort fand ich, was ich suchte. Ich denke mit besonderer Dankbarkeit und Verehrung an den Direktor des Johanneums zurück, also an Th. Haarbeck. Von ihm stammt die “Biblische Glaubenslehre”, von der man sagt, daß sie heute noch nicht überholt sei. Durch Haarbeck lernte ich biblisch denken. Diesen Schatz möchte ich bis an mein Ende bewahren. Als Gast wurde ich nicht so stark zu Garten- und Hausarbeiten herangezogen, wie die anderen Brüder. Ich schloß mich darum mit einigen anderen Gästen zusammen, um in der “freien” Zeit mich auch auf jenen Gebieten umzusehen, die in meinem Jahr gerade nicht an der Reihe waren.

Ein Erlebnis verdient noch besondere Erwähnung. Zu den Freunden des Hauses gehörte auch Pastor Christlieb von Heidberg. Bekanntlich hat dessen Vater das Johanneum gegründet. Da war nun wieder einmal eine Konferenz im Johanneum gewesen. Es wurde eine Reihe von ausgezeichneten Ansprachen gehalten. Alfred Christlieb stand jedoch nicht auf der Rednerliste. Dabei mußte ich ihn immer wieder ansehen. Auf seinem Gesicht lag ein Friede und ein (natürlicher) Glanz, wie ich ihn selten einmal bei jemand gesehen habe. Die damals gehaltenen Reden habe ich vergessen; aber der Eindruck des Gesichts von Christlieb ist mir bis heute geblieben. (Sein Biograph erzählt übrigens, daß er in Heidberg wieder einmal irgendwo einen Besuch gemacht habe. Ein etwa 15-jähriges Mädchen macht ihm auf, läuft aber gleich wieder weg. “Mutter”, ruft es, “komm; ich glaube der Heiland ist da.”) —

Im Herbst 1914 wurde ich dann ausgesandt. Mein Bestimmungsort hieß München. Die Arbeit, die ich zu tun hatte, galt es in der Evang. Landeskirchlichen Gemeinschaft zu tun. Ein Jahr zuvor waren die beiden schon bestehenden Hausbibelkreise zusammengeschlossen und in einen eingetragenen Verein verwandelt worden. Dieser berief auch gleich einen Bruder vom Johanneum. Er tat gute Pionierdienste, fühlte sich aber als Breslauer nicht ganz wohl in München. Er nahm darum schon nach einem Jahr eine andere Stelle an. Ich wurde sein Nachfolger.

Zunächst sei mir ein Wort über die kirchlichen Verhältnisse gestattet. Als ich zum ersten Mal in eine Kirche kam, habe ich mich für einen Augenblick gefragt, ob ich mich nicht verirrt hätte. Die Kerzen auf dem Altar und die Liturgie am Anfang schienen mir mehr katholisch als evangelisch zu sein. Langsam habe ich mich daran gewöhnt.

Leiter der Gemeinschaft war Br. Hellmuth. Er kam von Ansbach und war durch die Pfarrer Herbst und Eichhorn geistlich erweckt und gepflegt worden. Ich denke an Br. Hellmuth, diesen aufrechten und doch demütigen, lauteren Mann gern zurück. Das geistliche Gepräge, das wir beide trugen, war allerdings verschieden. Er war mehr kirchlich, ich mehr pietistisch orientiert. Weil aber einer den anderen achtete, kam es zunächst zu keinen größeren Spannungen.

Pfarrer Eichhorn war ein Ritter ohne Furcht und Tadel. Sehr treffend schrieb mir jemand, daß kaum einer begeistert, wohl aber begeistet von ihm weggegangen sei. In der Tat haßte er kaum etwas mehr als den bloßen Schein. Er war alles andere, nur kein Blender. Wenn es doch in unseren Tagen mehr solcher Männer gäbe, die ebenso offen und rücksichtslos für die Sache Jesu Christi einträten, wie er es getan hat. Ich erinnere mich an eine Konferenz in Ansbach. Vor ihm hatte Pfarrer Herbst gesprochen. Dieser, ein nicht weniger unerschrockener Zeuge Jesu Christi, hatte gesagt, daß das größte Bollwerk für das Wirken des Heiligen Geistes die Fleischessünde sei. Er bezog sich dabei u. a. auf einen Ausspruch des Evangelisten Samuel Keller, der so gelautet habe: “Er tue sich beim Sprechen nirgends so schwer, als in der Abteilung für Geschlechtskranke in der Charité zu Berlin”. Dann kam Eichhorn. Er erklärte, daß er seinem Freund Herbst widersprechen müsse. Das größte Hindernis für das Wirken des Geistes Gottes sei die Selbstgerechtigkeit; und fügte dann hinzu: Je geistiger eine Sünde ist, desto schwerer ist sie zu erkennen und zu überwinden. — Ich denke, daß beide recht gehabt haben.

Pfarrer Herbst kam im Jahre 1916 nach München. Er wollte seinen Ruhestand in unserer Stadt verbringen. Dabei galt es als selbstverständlich, daß er in der Gemeinschaft mitarbeitete. Zwar beschränkte er sich dabei — was die Verkündigung betraf — auf den Sonntag. Er wollte haben, daß wir immer zu zweit sprechen und zwar sollte ich den Anfang machen. Man stelle sich das einmal vor: Pfarrer Herbst war ein Schrifttheologe, wie ich nur wenige kennen gelernt habe. Er hatte ein Leben reicher Erfahrung hinter sich. Ich war ein neugebackener Prediger. Zwar sagte er, daß er mein Vikar sei. Natürlich war es umgekehrt. Wie bange war mir auf den Sonntag. Ich mußte damit rechnen, daß er mich nachher korrigierte. Mir aber hat es dazu gedient, daß ich mich gründlich vorbereitete. Trotzdem war es wieder einmal geschehen: Ich legte Joh. 7, 37 ff. so aus, daß der Herr dort von dem Leibe des Glaubenden spreche; von dessen Leib würden Ströme lebendigen Wassers fließen. Wie gewöhnlich sprach als zweiter Pfarrer Herbst. “Ströme?”, so fragte er. Das würde er nie von sich zu sagen wagen, sondern nur Tropfen. Da stand ich nun vor der ganzen Versammlung da, als einer, der von Strömen spricht, aber doch noch am Anfang steht, während der Ältere und Vater von Tropfen redet. — Als ich das nächste Mal wieder zu ihm kam, sagte ich ihm offen, daß er mir weh getan habe. Da gab er zur Antwort: “Das hat mir der Geist Gottes heut morgen auch schon gesagt”. Wie dankbar war ich für dieses Wort. Nun war auch das Ansehen und das Vertrauen wiederhergestellt.

In der alten Gemeinschaft arbeiteten auch zwei Pfarrer mit. Sie wechselten in der Bibelstunde mit mir ab. Der eine davon war der spätere Dekan Sperl von Gunzenhausen und der andere der spätere Landesbischof Meiser. Sie bestritten die Stunde allein. Mit der Arbeit in Pasing haben wir 1917 begonnen. Wir fingen in einem kleinen Zimmer bei der Mutter Kring in der Exterstraße an. Pfarrer Herbst hatte die Einleitung übernommen; auf unsere Einladung hin war auch der Pasinger Pfarrer erschienen. Als ich diesen zum Schluß noch um ein Wort bat, sagte er: “Ein bekannter Kirchenmann habe einmal gesagt, daß solche Kreise nicht zum Sein der Kirche, sondern zum Wohlsein einzelner gehörten. Weil ich annahm, daß dies kaum jemand verstanden haben werde, schwieg ich dazu. Von der Exterstraße siedelten wir in die Schule und in die Kinderbewahranstalt über; und von da versammelten wir uns des sonntags in einem großen Zimmer des Friedrich Kring an der Landsberger Straße. Als auch dies nicht mehr ausreichte, bauten wir. Durch die Vermittlung von Frau Kopfmiller war uns ein günstig scheinender Platz angeboten worden, der von der Besitzerin unter dem Druck der katholischen Kirche aber plötzlich zurückgezogen wurde. Doch schenkte uns der Herr einen anderen Platz, der sich in jeder Beziehung noch besser eignete. Auf diesem bauten wir dann unser Haus. — Im Laufe der Jahre dehnten wir unsere Arbeit bis zu einer Entfernung von 160 km weiter aus. Einen Teil dieser Plätze mußten wir wieder aufgeben; die meisten aber bedienen wir bis heute. Es sind dies: Feldkirchen, Fürstenfeldbruck, Peißenberg, Pfaffenhofen, Starnberg, Traunstein u. a.

Langsam kam das Ende des Krieges heran. Unter denen, die aus dem Feld zurückkehrten, war auch ein junger Offizier. Er war durch Samuel Keller zum Glauben gekommen, suchte und fand als Soldat dann Anschluß an General v. Viehbahn. Er hieß Däumling. Seine innere Entwicklung verlief in kirchlicher Beziehung — also in entgegengesetzter Richtung, wie wir sie bei Br. Hellmuth wahrgenommen hatten. Bei einer Wahl zum Brüderrat wurde Br. Däumling zum 2. Vorsitzenden gewählt. Es kam zu Zusammenstößen. Sie äußerten sich etwa bei der Frage nach der Zugehörigkeit zur Allianz oder zum Vaterunser. Br. Hellmuth war, weil dies die Münchner Pfarrer nicht wünschten, auch nicht für die Allianz. Hinsichtlich des Vaterunser stellte an einem Teeabend ein Mitglied den wenig geistlichen Antrag, darüber abzustimmen (!), ob es in Zukunft gebetet werden solle. Die Spannungen wuchsen. Ich suchte zu vermitteln, solange es ging. In der Sache stand ich auf der Seite von Br. Däumling. Da wurde uns der Saal in der Sonnenstraße gekündigt. Von kirchlicher Seite wurde uns angeboten, daß wir uns künftig im Saal in der Oberländerstraße versammeln könnten. Dieser war durch die Bibelstunden des Herrn v. Bezzel bekannt geworden. Wir konnten den Saal allerdings nur haben, wenn wir auf das eigene Abendmahl verzichteten. Dies war nämlich von Br. Däumling eingeführt worden. Er dachte dabei nicht an eine Gegnerschaft gegen die Kirche. Er hielt nur dafür, daß wir, so wie wir das Wort unter uns betrachten durften, auch das Mahl unter uns haben könnten. Aber hier stießen wir auf den Widerstand der Kirche. Es kam zur Trennung. Ungefähr ein Drittel zog mit Br. Hellmuth nach der Oberländerstraße. Die anderen kauften sich ein Haus in der Rumfordstraße und richteten dort einen Saal ein.

Es wurde uns vorher gesagt, daß wir in längstens 2 Jahren aufhören würden zu bestehen. Eine angesehene Person, die zwar nicht eigentlich zur Gemeinschaft gehörte, die sich aber sehr stark für die kirchlichen Belange einsetzte, nannte mich bei einem gelegentlichen Zusammentreffen auf der Straße einen religiösen Spartakisten. Für die Heutigen sei bemerkt, daß es im Altertum einen Sklaven, namens Spartakus gab. Dieser entfachte unter den Sklaven einen Aufstand. Unter den politischen Gruppen, die sich nach dem Zusammenbruch des ersten Weltkrieges bildeten, gab es eine Zeitlang auch eine solche, die sich Spartakisten nannte. Am besten kann ich sie etwa als militante Kommunisten bezeichnen. Ich brauchte mich jedoch gegenüber jenem Vorwurf gar nicht zu wehren; dies tat der Herr. Eines Tages meldete sich bei mir eine Frauensperson, die um eine seelsorgerliche Unterredung bat. Ich erfuhr, daß jener Herr mit ihr die Ehe gebrochen habe.

Die Trennung der Münchner Gemeinschaft fand statt und wurde bekannt, als gerade die Generalsynode in Ansbach tagte. Temperamentvoll habe ein Münchner Pfarrer in den Saal hineingerufen: “Schließt sie doch aus!” Aber da habe ein anderer geantwortet: “Schließt vorher die Hurer und Ehebrecher aus!” Wir blieben vorläufig noch in der Kirche, auch wenn man uns nicht gern sah und es uns nicht schön machte. —

Doch müssen wir auch hier einige Jahre zurückblättern.

Am 20.Mai 1915 heiratete ich. Meine Braut hieß Emma Ammann und stammte, wie ich, aus Tailfingen. Der Herr hat mir mit ihr eine Gehilfin gegeben, die mich in feiner Weise ergänzte. Zwar war ich nicht mehr so lebhaft wie früher. Der Herr hatte angefangen, aus dem Donnersohn Johannes einen Mann der Liebe zu machen. Dazwischen aber brach das alte Naturell noch durch. Da war es meine Frau, die mäßigend auf mich einwirkte. Sie war auch sonst eine weise, geistlich nüchterne Frau. So ließ sie sich gar nicht beeindrucken, wenn ein Bruder gar so eifrig wirkte. Da konnte sie ganz gelassen sagen: “Das ist ja nicht der Geist; das sind seine Nerven, die ihn treiben”. Ob sie immer unrecht hatte? Gott schenkte uns im Laufe unserer Ehe 5 Kinder: 4 Buben und 1 Mädchen. Noch in diesen Tagen schrieb mir ein aus Amerika zurückgekehrter Bruder: “Dann bleibt mir in dankbarer Erinnerung das Wohnen in Eurer Familie. Damals lebte Deine liebe erste Frau noch und Deine Söhne, diese frohen und innerlich gesunden jungen Männer”. —

Doch ich muß zur Rumfordstraße zurückkehren.

Unsere Gemeinschaft nahm nicht ab, sondern zu. In dem niedrigen Saal hatten wir an den Sonntagen bis Zu 250 Leute untergebracht. Die Luft war oft so dick, daß unser Bruder Dr. Ludwig Reisse, je und je mit einer Spritze durch den Gang schritt und die Luft zu verbessern suchte. Unser männlicher Jugendbund zählte bis zu 25, unser weiblicher bis zu 70 Gliedern. Natürlich konnte ich die Arbeit nicht allein tun. Wir baten darum die Hensoltshöhe, uns Schwestern zu schicken. Im Ganzen hatten wir 13 Schwestern von dort gehabt. Wir denken gern an diese hingegebenen tapferen Schwestern zurück. Was mir Not bereitete, das war die Stellung ihres Werkes zur Frau. Eine von diesen Schwestern, die früher auch in gemischten Versammlungen sprach, sagte mir einmal, daß sie gemerkt habe, wie sie ihren weiblichen Schmelz zu verlieren drohte. Vor allem schien mir das mit dem Wort nicht übereinzustimmen. Ich habe auch immer wieder eine Gelegenheit wahrgenommen, mit den verantwortlichen Männern darüber zu reden. Aber sie verharrten auf ihrem Standpunkt, wobei ich gern erwähne, daß ihre Schwestern sich hier in unsere Ordnungen fügten. — Die männlichen Mitarbeiter kamen, wie weiter vorne schon erwähnt, vom Missionshaus in Liebenzell. Doch sei auch Bruder Knoop erwähnt, der von der Deutschen Bank zu uns kam. Was wir an ihm besonders schätzten, war sein bei Borngraeber gelerntes ursprüngliches biblisches Denken. Leider ist er früh gestorben. In unserer Erinnerung lebt neben Br. Nothelfer, den wir zur 40-Jahrfeier unter uns haben durften und der jetzt die letzten Jahre in Japan Dienst tut, Bruder Carl. Mit ihm habe ich wohl 13 Jahre zusammengearbeitet. Er war der geborene Jugendführer und ebenso der geborene Evangelist. Aus ihm hätte ein Vetter oder Modersohn werden können. Es war mir eine besondere Freude, als er bei dem 25-jährigen Jubiläum sagte, daß es zwischen ihm und mir in den 10 Jahren kein Mißverständnis gegeben habe. Der Herr hat uns eine seltene Einmütigkeit und eine feine Ergänzung geschenkt. Groß ist mir gewesen, daß dieser vitale junge Prediger ein Gemeindemann wurde. Er nahm die Lehre eines Böhmerle in einer Weise in sich auf, wie es uns immer wieder erstaunte. Leider ist er dann 1941 im Krieg gefallen. Ob der Herr ihn wohl “drüben” gebraucht hat und einsetzen wollte? —

Die Anstrengungen der Arbeit verbunden mit den kirchlichen Auseinandersetzungen legten mir den Wunsch nahe, einmal länger auszuspannen. Der Leiter der Rämismühle, Br. Liermann, mit dem wir inzwischen bekannt geworden waren, bot mir an, in ihrem Ferienheim “Libanon” auf dem Speicher bei St. Gallen für eine Zeitlang die Andachten und Seelsorge zu übernehmen. Ich sagte gern zu, und war dann in den Jahren 1927/29 dort: erst 3, dann 2 Monate und zuletzt noch 1 Monat, weil mich nachher die Münchner Brüder nicht mehr gehen lassen wollten. Die Tage dort oben zählen zu den schönsten meines bisherigen Lebens. Ich durfte den Gästen — im Sommer waren es bis 90 — das Wort des Lebens darbieten und ihnen seelsorgerlich dienen. Sie kamen von überall her: aus der Landeskirche, den Methodisten, Baptisten, den Bergerleuten, den Pfingstlern, der Heilsarmee, den Darbysten usw. Es war eine wunderschöne Allianz, die wir haben durften. Heute noch stoße ich auf Spuren meiner dortigen Tätigkeit. —

Dort war mir auch etwas geschenkt worden, was ich z. B. in Langensteinbach nicht gefunden habe. Wie die meisten, war auch ich früher ein Gegner der Wiederbringungslehre. Daran hatte auch ein Aufenthalt in Langensteinbach zunächst nichts geändert. Was mich bei Pfarrer Böhmerle anzog, das war der geistliche Ton, den ich aus allem herausvernahm. Böhmerle betonte das göttliche Machen im Unterschied vom menschlichen. Dies empfand ich geradezu wohltuend. Mit der Wiederbringung konnte ich indes noch nichts anfangen.

Vielleicht ist hier der Ort, etwas über die Person und über das Wirken Böhmerles zu sagen. Von Böhmerle sagt ein Biograph, daß er ein Examen gemacht habe, wie es alle 100 Jahre nur einmal vorkomme. Als Redner lernte ich ihn bald neben Le­Seur und Modersohn stellen. Ich erinnere mich einer Kursstunde, die um 10 Uhr begonnen hatte und die bis 12.30 Uhr dauerte. Aber auch um 12.30 Uhr war die Aufmerksamkeit noch so groß, daß man hätte, wie man sagt, eine Nadel fallen hören. Dabei hat er wahrlich keine leichte Kost dargeboten.

Was mir in Langensteinbach nicht aufgegangen war, das empfing ich dann in Speicher. Ich nahm mit den Gästen den Römerbrief durch. Vor allem Kapitel 4 gab mir Veranlassung festzustellen, ob es so etwas wie ein Schriftganzes gebe. Mir war nämlich immer wieder gesagt worden, daß es in der Schrift Stellen gebe, die dafür und daß es solche gebe, die dagegen sprechen. Man müsse das Schriftganze betrachten. Wieder ein Fündlein, dachte ich. Römer 4 aber überzeugte mich davon, daß es ein Schriftganzes gibt. Paulus fragt, ob Abraham vor oder nach seiner Beschneidung gerechtgesprochen worden sei. Die Antwort lautet: Vor der Beschneidung. Paulus zieht daraus den überaus weittragenden Schluß, daß die Gerechterklärung also mit der Beschneidung nichts zu tun habe. Dabei war für Paulus die Zeit maßgebend. Weil Abraham vor der Beschneidung gerechtgesprochen wurde, komme sie hier nicht in Betracht. Kurz: Es gibt ein Schriftganzes. Seitdem kann mich niemand mehr irre machen. Ja, es gibt Höllenstrafen; und es war vielleicht ein Fehler, daß dies zu wenig verkündigt worden ist. Aber es gibt keine endlosen Höllenstrafen.

Nicht nur Böhmerle und Ströter, sondern auch Männer wie Hartenstein haben die Wiederbringung vertreten. Sehr dankbar bin ich auch für das gewesen, was ich kürzlich in dem Büchlein “Begegnungen auf dem Weg” von Theodor Brandt fand. Da steht auf Seite 48: “Im kleinen Kreis kam er (nämlich Michaelis, der Vorsitzende des Gnadauer Verbandes) auf die Allversöhnung zu sprechen. Überraschend bekannte er: ‘Ich kann mir nicht helfen, aber die Schrift bringt beides: Ewiges Verlorensein und ewiges, allen Widerstand brechenden Sieg Gottes’”. (Wenn Michaelis noch lebte, dann würde ich sagen: Vielleicht schenkt der Herr es auch ihm zu sehen, wie der letztere das erstere schließlich aufhebt.)

Übrigens kam ich mit Bruder Liermann einmal auf die “Gemeinde” von Böhmerle zu sprechen. Da tat Liermann die bezeichnende, treffende Äußerung: “Das Buch ist geradezu ein Standardwerk. Auf jeden Ast oder gar jeden Zweig würde ich mich allerdings nicht setzen”. So denken und halten auch wir es. —

Im Jahre 1933 übernahm Adolf Hitler die Herrschaft in Deutschland. Das ganze Leben wurde nach den Grundsätzen der Partei ausgerichtet. Die Kirche bekam u. a. den Auftrag, einen Jugendring zu bilden. Wer in diesem zusammengeschlossen war, galt mehr oder weniger als gedeckt und anerkannt. Wir wurden nicht aufgenommen, obwohl wir eine der schönsten Jugendarbeiten in München hatten. Auf die Frage, warum das nicht geschehen sei, gab Dekan Langenfaß zur Antwort: “Da ist ihr eigenes Abendmahl schuld.” Wir sprachen dann etwa eine Stunde lang über das Abendmahl. Zum Schluß sagte Langenfaß: “Wir können eine weitere Stunde miteinander reden. Ich erkläre Ihnen, daß ich als ‘Bruder’ für Sie eintreten werde, wenn Sie Schwierigkeiten bekommen sollten. Freilich wenn ich gefragt würde, ob Sie kirchlich seien, dann müßte ich sagen: Nein”. Dabei nannten wir uns “Gemeinschaft innerhalb der Landeskirche”, und waren es auch. Unsere Leute gingen, wenn auch nicht alle, so doch die meisten, regelmäßig in die Kirche. Da wird uns nun von zuständiger Seite erklärt, daß wir nicht kirchlich seien. Sind etwa die es, die zwar noch Kirchensteuer zahlen, sich aber im übrigen um die Kirche nicht kümmern, ja die vielleicht in Sünde und Schande dahinleben? Oder es wurde uns von der Stadtbehörde mitgeteilt, daß wir einen bestimmten Schulraum künftig nicht mehr benutzen dürften. Als wir uns auch da erkundigten, wurde uns gesagt, daß wir eine Sekte seien (so waren wir von der Kirche hingestellt worden). Je länger, desto mehr erkannten wir, daß etwas geschehen müsse. Ich fragte den Landesbischof Meiser, ob die Kirche uns innerhalb ihrer Verfassung nicht einen Status geben könne, der uns ein Bleiben möglich mache. Ich sagte ihm, daß wir bleiben möchten, wo wir sind und was wir sind, nämlich eine Gemeinschaft des Wortes und des Gebetes. Er wollte mein Anliegen den Herren vom Oberkirchenrat vorlegen, machte mir aber wenig Aussicht. Nach 5 oder 6 Wochen kam dann auch tatsächlich der Bescheid, daß sie die Zeit für solche Entscheidungen noch nicht für gekommen hielten. (Später erfuhren wir gelegentlich eines Aufenthaltes in Amsterdam, daß Meiser seine damalige Haltung bedauert habe. Er würde, so sagte er, heute anders handeln.)

Da blieb uns nichts anderes übrig, als mit der uns nahestehenden Methodistengemeinde die Verbindung aufzunehmen. Eine Besprechung, die in Freudenstadt stattfand, führte dann auch tatsächlich zu einem Anschluß an die Methodisten. Man versprach uns hier Freiheit des Denkens und des Handelns. So ist es denn auch die ganzen Jahre gehalten worden.

Im Besitzstand der Gemeinschaft, jetzt: Gemeinde, hat sich kaum etwas verändert. Wir hatten beim Anschluß etwa 380 Mitglieder. Fünfzehn hiervon traten aus, doch genau die gleiche Zahl schloß sich uns neu an.

Im Mitarbeiterstab hatte sich im Laufe der Jahre einiges geändert. Die Schwestern von der Hensoltshöhe wurden im Jahre 1934 durch solche von der Jägersburg abgelöst. Schwester Kunigunde kam direkt von dort, Schwester Lissi von der Bibelschule in Cannstatt. Beide sind einige Zeit nach unserem Anschluß an die Methodisten zu Martha-Maria übergetreten. Von da kam später dann Schwester Lucie. Unser Mitarbeiterstab wies — ich überblicke jetzt einmal das Ganze — die verschiedensten Leute auf. Zu den Brüdern von Liebenzell kam s. Zt. Br. Knoop von der Deutschen Bank; und zu den Schwestern von der Hensoltshöhe und Jägersburg bis zuletzt Schwester Thalemann. Schon im Jahre 1925 holten wir die junge Kunstmalerin in unsere Arbeit. Wir haben uns in diesem “Allianzkreis” wohlgefühlt und uns nie auf ein bestimmtes Haus oder Gepräge festgelegt. Uns ging es um die innere Stellung und die Arbeit für Ihn.

Im Jahre 1945 fand der grausame Krieg sein Ende. Auch wir haben einen hohen Blutzoll zahlen müssen. Nachdem uns schon im Jahre 1936 unser Ältester ganz plötzlich durch eine Blinddarm- bzw. Bauchfellentzündung entrissen worden war, kehrten von unseren übrigen 3 Söhnen nur einer zurück. Unser Otto war 14 Tage zur Frontbewährung im Feld gewesen, da kam die Nachricht: “Gefallen für Großdeutschland”. Von unserem Martin haben wir überhaupt nie mehr etwas gehört; er gilt als vermißt. Nur unseren Johannes durften wir wieder bekommen. Unsere Tochter Emma verheiratete sich im Jahre 1950 mit meinem Nachfolger, Bruder Riedinger.

Aber auch materielle Opfer galt es zu bringen. Zuerst wurde unser Haus in der Rumfordstraße von Bomben getroffen. Da an eine Wiederherstellung nicht zu denken war, haben wir es verkauft und den Schwerpunkt unserer Arbeit ganz in die Enhuberstraße verlegt. Dann wurde unser Haus in der Enhuberstraße, das im Jahre 1927 neu gebaut worden war, schwer beschädigt. Manche von uns werden sich noch an jene Gebetsstunde am Sonntag Morgen erinnern, als auf einmal die Sirenen ertönten und es in unserem Hofe in schauerlicher Weise dröhnte. Wir wußten nicht, ob wir lebend wieder herauskommen würden. Jedenfalls wurde unser Haus schwer beschädigt. Doch konnten wir daran denken, es wieder aufzubauen. Bis dahin hat uns die Gemeinde in der Frauenlobstraße Gastfreundschaft gewährt. Zuletzt wurde unser Haus in der Ainmillerstraße völlig zerstört. Nicht einmal den Luftschutzkoffer konnten wir mehr retten. Wir fanden dann Zuflucht in der Wohnung von Frau Carl in Pasing. Ich bewunderte meine Frau: In der Ainmillerstraße hatten wir durch ihre Verwandten eine Wohnung mit 8 Zimmern. Jetzt mußten wir Mit 2 1/2 Zimmern vorlieb nehmen. Doch habe ich nie ein Wort der Klage aus ihrem Munde vernommen.

Die Zeit nach dem Krieg stellte manche neuen Aufgaben. Sie lagen ganz in der Linie des Wortes, das ich meinen Erinnerungen vorangestellt habe. Nachdem das schöne und große Traktathaus in Bremen auch ein Opfer des Krieges geworden, bewarb sich Br. Haug sehr bald um eine Lizenz. Er bekam sie auch; und so konnten wir mit dem Verlagswesen in München neu beginnen. Kurze Zeit darauf wurde ich zum Leiter des Verlages bestellt. In jenen Jahren erfuhr er auch von dem “Hotel am See” in Seeshaupt, daß es zu pachten wäre. Er setzte sich mit dem damaligen Superintendenten Riedinger in Verbindung und pachtete das Haus. Es sollte als Erholungsheim eingerichtet werden. So ist es denn auch geschehen. Zum Leiter wurde wieder ich bestimmt.

Wenn ich an diese beiden Ereignisse denke, dann ist mir zweierlei wichtig: Erstens kann ich es hinterher kaum verstehen, wie ich beides neben meiner Arbeit in München tun konnte. Zweitens, wie auf diese Weise lang gehegte Wünsche in Erfüllung gingen. Wieviele Häuser habe ich nämlich im Laufe der Jahrzehnte angesehen in dem Gedanken, daß sie sich als Erholungsheime eignen könnten. Es erschien mir etwas besonders Schönes und Nützliches zu sein, in einem solchen Haus Menschen zu sammeln, die nach dem Worte Gottes verlangten und ihnen seelsorgerlich zu dienen. Vielleicht wirkten hier unbewußt jene 3 Heime in der Schweiz nach, von denen ich an anderer Stelle sprach. Aber nie wollte es sich begeben. Nun wurde ich ohne mein Zutun Heimleiter. Oder es erschien mir als etwas Begehrenswertes, schreiben zu dürfen. Da geschah es — wieder ohne mein Zutun —, daß ich den Anker-Verlag zu übernehmen hatte, wenigstens die Jahre, solange er in München war.

Im Jahre 1958 trat ich in den Ruhestand. Zwar wollte ich mit 68 Jahren nicht aufhören zu arbeiten, wohl aber wollte ich die Verantwortung für die Arbeit in jüngere Hände legen. In meinem Schwiegersohn fand sich der geeignete Nachfolger.

Die mir jetzt zur Verfügung stehende Zeit und Kraft benutzte ich zum Reisen und zum Schreiben. Ich diente an verschiedenen Orten mit Bibelwochen und dergleichen. Ich tat dies im Einverständnis mit unserem Bischof in methodistischen und nichtmethodistischen Kreisen. So kehrte und kehrt das Ende zum Anfang zurück. Nachdem “Gottesgedanken im Weltgeschehen” in zweiter Auflage erschienen waren, ebenso “Was in Kürze geschehen soll” (eine Auslegung der Offenbarung, ebenfalls vergriffen), machte ich mich daheim an die Abfassung weiterer Schriften. Ich nenne da “Vom Wesen und Wirken des Heiligen Geistes”, “Von den letzten Dingen”, “Krankheit und Heilung”, sowie “Kann ein Geretteter wieder verloren gehen?” und “Ehe und Familie des Gläubigen”. Vor allem arbeitete ich an dem Andachtsbuch “Der Heilsplan Gottes in täglichen Andachten”. Sie alle, vor allem aber das letztere, sind unter viel Gebet entstanden. Vielleicht darf ich auch sagen, daß es eine Gabe des Herrn ist. Es gibt genug Andachtsbücher, soviel wir übersehen aber keins, das sich mit dem Heilsplan Gottes beschäftigt.

Der “Ruhestand” wurde getrübt durch den am 14. April erfolgten Heimgang meiner Frau. Sie war in ihrem Leben viel krank gewesen. Doch durften wir 45 Jahre miteinander wandern und Freud und Leid teilen. Wir waren einander in herzlicher Liebe zugetan.

Die Lücke war groß, die durch ihren Tod in meinem Leben entstanden war. Ich hatte nun niemand mehr, dem ich alles sagen durfte und konnte. Auch gehöre ich zu jener Gattung von hilflosen Männern, die nicht einmal imstande sind, einen Nagel in die Wand zu schlagen (wie sie sagen konnte). Dazu kam, daß sich bei mir Zucker meldete. Dies machte zum Teil eine besondere Diät nötig, was besonders auf Reisen zu beachten war. Jedenfalls schien es nötig und gegeben, daß ich noch einmal heiratete. Ich fragte Schw. Thalemann, die ich ja kannte, ob sie bereit wäre, die Lücke auszufüllen. Nach betendem Überlegen sagte sie: Ja. Leider durfte ich sie nur knappe 4 Jahre behalten. Durch eine infektiöse Rippenfellentzündung wurde ihr Herz stärker beschädigt. Zwar erholte sie sich wieder. Wir konnten manche Reise zusammen machen und manchen Dienst zusammen tun. Aber dann gab es wieder einen Rückfall. Als zuletzt ein solcher überwunden war, ja es im allgemeinen aufwärts zu gehen schien, traf sie der tödliche Schlag. Wir befanden uns im Heim der Chrischona in Lausanne. Ohne ein vorheriges Anzeichen und ohne einen Laut von sich zu geben, fiel sie tot um. Eine Embolie hatte ihrem Leben ein jähes Ende bereitet. Der dortige Stadtmissionar schrieb mir: “Herr, ich verstehe dich nicht, aber ich vertraue dir!”. So war mir damals zumute; und ist mir’s eigentlich heute noch. Ich bin dankbar auch für ein Wort von Pastor Modersohn, der ein Meister war, große Münze in Kleingeld umzuwechseln: “Wir nehmen alles aus Gottes Hand und legen es wieder in Gottes Hand”. Ich weiß und halte daran fest, daß der Herr es gut gemeint und daß Er es recht gemacht hat. Br. Riedinger sprach an ihrem Grab über das Wort in Römer 14, 8: “Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn”. Wir waren im Glauben an den Herrn, in der Liebe zu dem Herrn und in der Arbeit für den Herrn hier vereint und sind es noch: sie dort oben, ich noch hier unten. —

Wenn ich zu meinem 50-jährigen Dienst-Jubiläum frage, ob der Herr mit mir das erreicht habe, was Er erreichen wollte, dann darf ich vielleicht am Schluß dieser Erinnerungen sagen, was mir in meinem Leben und in meiner Arbeit besonders wichtig geworden ist.

Ich war nie ein Gegner der Kirche gewesen, und bin es auch heute nicht. Zum Beweis dafür sei angeführt, daß mein Sohn Johannes nicht nur nach seinem eigenen Willen, sondern auch nach meiner inneren und äußeren Zustimmung Pfarrer geworden ist. Nachdem er die letzten Semester im Tübinger Stift gewesen ist, kam er als Vikar nach Weil im Dorf und Waiblingen. Von da erhielt er einen Ruf als theologischer Mitarbeiter an die Akademie in Bad Boll. Dort war er gute 6 Jahre. Dann übernahm er eine Gemeinde in Friedrichshafen am Bodensee, wo er heute noch steht.

Also, ich war und bin kein Gegner der Kirche. Aber ich habe mich mit der kirchlichen Frage dauernd auseinanderzusetzen gehabt und zwar nicht nur im landeskirchlichen, sondern auch freikirchlichen Raum. Direktor Haarbeck sagte einmal, daß es sich bei der Kirche um eine christliche Erziehungsanstalt handle. So kann ich es verstehen. Aber sie ist nicht die Gemeinde des Neuen Testamentes. Diese setzt sich aus wiedergeborenen Menschen zusammen. Ich gebrauche für mich nur ungern, wenn es sich um mir nahestehende Versammlungen handelt, das Wort Kirche. Ich habe gelegentlich auch gesagt, daß ich noch nie einen “Gottesdienst” gehalten hätte. So hat übrigens schon Zinsendorf gesagt. Es war mir geradezu eine Wohltat und eine Genugtuung, in der Gedenkschrift “Fünfhundert Jahre Brüder Unität” u. a. zu lesen: “Das Wort ‘Gottesdienst’ gehört nicht eigentlich zum inneren Sprachgebrauch der Brüdergemeinde; statt dessen spricht man von Versammlungen … Gottesdienst ist das ganze geheiligte Leben. Die gemeinsame Anbetung im Gotteshaus, von den Brüdern am liebsten “der Saal” genannt, ist ein natürlicher Ausfluß dieses Lebens, nicht eine besondere Veranstaltung”.

Ganz unbiblisch sind nach meiner Erkenntnis Ausdrücke wie “Christenheit”, “Christentum” und dergleichen. Hier wird etwas verdinglicht und versachlicht, was durchaus persönlicher Art ist. So hat Jakob Kroeker einmal vorgeschlagen, statt “Christentum” wenigstens “Christustum” zu sagen. (Bei alledem bin ich mir darüber völlig klar, daß die Gemeinde Seines Leibes, wenn sie Geschichte wird, d. h. in Erscheinung tritt, der Gefahr der Veräußerlichung und Vermischung ausgesetzt ist. Als ich darum in den Tagen des Anschlusses von einem innerlich gutstehenden Glied gefragt wurde, warum wir denn nicht einen eigenen Kreis bilden wollten, gab ich zur Antwort, daß wir die Vielzahl der bestehenden Kreise, d. h. Kirchen und Kirchlein nicht um eine weitere vermehren wollten. Lieber stellen wir uns in eine schon bestehende Gemeinde mit all ihren Unvollkommenheiten hinein, wenn man uns nur Raum läßt, die biblischen Gedanken und Grundsätze nach Möglichkeit zu vertreten und zu verwirklichen.)

Es geht hier nicht um Worte, sondern um die Sache. Wir merken vielfach gar nicht mehr, daß die Botschaft von Jesus Christus keine “Religion” ist, sondern Heil und Leben bringen wollte und bringen will. Die Gefahr ist groß im Religiösen und Kultischen stecken zu bleiben. So bin ich erschrocken, als in diesen Tagen ein positiv eingestellter Pfarrer von “Taufgnade” sprach. Ob jener Pfarrer, den ich im Jahre 1915 auf einer Gnadauer Pfingstkonferenz sagen hörte, daß die katholische Kirche 7, die evangelische Kirche 2 “Sakramente” habe, die Bibel gar keins, so ganz unrecht hatte? Wir haben, ohne es recht zu merken, so manches von den heidnischen Religionen ins “Christentum” hineingenommen.

Unsere 2. Prediger, wie sie in der Sprache der Kirchenordnung heißen, kamen nach unserem Anschluß vom Seminar in Frankfurt. Sie mußten zum Teil umdenken lernen. Doch möchte ich ihnen auch meinerseits für alle Hilfe danken, die sie mir in der Arbeit gewesen sind. Bruder Riedinger kam als erster (und erstmals) zu uns; nach ihm war es Bruder Harr und nach diesem Bruder Burckhardt. Im übrigen war es für mich selbstverständlich, daß wir unsere Arbeit im Sinne von Eph. 4, 16 zu tun haben, wo ein Glied dem anderen Handreichung tut. Ich bin glücklich gewesen, daß der Herr uns immer wieder Brüder und Schwestern geschenkt hat, die sich dem Herrn und uns zur Verfügung stellten, Sein Werk zu treiben. Es ist verständlich, wenn ich dabei besonders der Brüder gedenke, die Er fähig und willig machen konnte, den Dienst am Wort zu tun und die mit mir auf dem gleichen Boden standen.

Biblisches Denken habe ich, wie ich weiter vorne sagte, bei Theodor Haarbeck gelernt. Ein Lehrer ohnegleichen scheint mir da auch Otto Stockmayer zu sein, ebenso Fritz Binde. Ich verdanke diesen Männern sehr viel. Im Blick auf Fragen des göttlichen Heilsplanes scheint mir Ernst Ströter unübertroffen zu sein.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben habe. Ich bin ein Gebilde Gottes. Er hat mich bereitet, damit ich einen bestimmten Auftrag erfülle. Er hat auch die Werke hergerichtet, die ich tun soll. In so manchem Fall durfte ich das deutlich erkennen. Ob Er aber Seinen Zweck und Sein Ziel mit mir erreicht hat? Das Urteil hierüber steht allein Ihm zu. Soviel aber darf ich sagen, daß ich bei Seiner Ankunft einmal nicht beschämt werden möchte.

Karl Merz (Geschrieben Ende 1964)

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