Ein Wort dankbarer Erinnerung
Von Karl Merz
Auf einer meiner letzten Reisen begegnete mir ein Bruder, der mir durch seine selbständige Art und sein geprägtes Wesen bald auffiel. Wir sprachen über den Zustand der Gemeinde Jesu und waren uns darin eins, daß sie von links und von rechts gefährdet sei: von links durch die neue Theologie, die den unerleuchteten, ja verfinsterten Verstand an die Stelle der göttlichen Offenbarung setzt, und von rechts durch die offene und versteckte Schwarmgeisterei, die weithin in einem geistlichen Gewand auftritt und dadurch viele täuscht. Gleichsam als Begründung seiner Stellung sagte jener Bruder dann, daß Böhmerle und Geyer seine Lehrer gewesen seien. Jetzt hatten wir uns vollends gefunden.
Oft habe ich in den vergangenen Jahren gehört: “Wenn Bruder Geyer noch lebte, dann …” Ja, dann wäre wohl manches anders gelaufen, dann hätte es vor allem wohl eine einheitlichere Linie in unseren Kreisen gegeben. So aber geriet manches ins Wanken und Schwanken.
Ich betrachte es als eine Ehre, daß ich etliche Züge zu seinem Lebensbild beitragen darf. Doch bevor ich damit beginne, sei es mir gestattet zu sagen, wie wir ihn kennengelernt haben. Um das Ganze verständlich zu machen, muß ich erst von mir reden.
Wie die meisten von uns, bin auch ich so gelehrt und erzogen worden, daß es für den Ausgang der Menschheitsgeschichte ein Doppeltes gebe: entweder ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis. Da wurde ich durch Landsleute auf Pfarrer Böhmerle in Langensteinbach aufmerksam gemacht. Ungefähr zur gleichen Zeit bekam ich einige Nummern seines Blattes “Die Gemeine” in die Hand. Was mir darin gefiel, war das Betonen des Göttlichen im Unterschied zu dem Menschlichen, des Wachstümlichen im Unterschied zu dem Gemachten. Kurz, ich meldete mich zu einem seiner Bibelkurse an. Ich fuhr nicht ohne Bangen dorthin. Denn ich war immer noch ein Gegner der “Wiederbringung”. Ich bin dort auch nicht von ihr überzeugt worden. Aber im stillen scheint der Geist sein Werk an mir getan zu haben. Jedenfalls war ich für das Kommende vorbereitet. Auch beim eigenen Bibelstudium erkannte ich mehr und mehr, daß es gelte, die Schrift im Zusammenhang zu lesen.
Auf diese Weise wurde ich nicht nur mit der Allaussöhnung bekannt, sondern auch für den Dienst der Brüder Geyer und Heller vorbereitet. Dazu kam es auf folgende Weise: Unter den Gliedern unserer Gemeinschaft bzw. Gemeinde waren schon immer einige Brüder, die diese Wahrheit kannten. Sie kamen zum Teil von Bruder Borngraeber her. Einer von ihnen wandte sich an die Brüder Geyer und Heller mit der Frage, ob einer von ihnen bereit wäre, einmal nach München zu kommen. Er schien den Boden für reif zu halten. Die Antwort lautete: Ja. Es wurde nur gefragt, ob auch ein Saal da sei in dem die Versammlungen abgehalten werden könnten. Dies brachte jenen Bruder in Verlegenheit. Er gab den Brief mir zum Lesen. Ich war gern damit einverstanden, daß einer der Brüder komme. Dies ist auch geschehen. Die Verbundenheit und Arbeitsgemeinschaft wurde im Laufe der Jahrzehnte immer enger und inniger.
Sie fand ihren Ausdruck u. a. darin, daß die beiden Brüder sich uns auch äußerlich anschlossen. Die Initiative ging von Bruder Geyer aus. Er sagte eines Tages zu mir, daß sie sich darüber klargeworden seien, bei uns Mitglied werden zu sollen. Sie wollten nicht für sich bleiben; denn sie hätten erkannt, daß jedes Glied am Leibe Jesu Christi irgendwo hingehören müsse. Mit uns fühlten sie sich am meisten verbunden. So schlossen sie sich denn unserer Gemeinde in München, Enhuberstraße, als Mitglieder an. Wenn dieser Schritt bei der größeren räumlichen Entfernung auch mehr nur eine symbolische Bedeutung hatte, so achteten wir ihn doch von hohem Wert. Er gibt zugleich eine Antwort auf die Frage nach den Hauskreisen. Von diesen ist jetzt viel die Rede. Sicher sind sie eine notwendige Ergänzung zu den vorhandenen oft zu großen Versammlungen. In ihnen lernt man sich näher kennen. Recht verstanden, gleichen sie Fruchtzellen, die das Ganze nähren und tragen. Aber sie haben doch nur dann eine Berechtigung, wenn sie Teile eines Ganzen sind. Leider fehlt dieser Zusammenhang vielfach. Man sieht und pflegt in Hauskreisen oft nur sich selbst. Entweder bleiben sie dann unfruchtbar, oder sie werden selbst eine “Kirche”.
Vor diese Frage sah sich die C. A. (Christliche Allianz) vor Jahren gestellt. Ich sprach darüber besonders mit Bruder Geyer. Als sie seinerzeit gegründet wurde, bestand die Gefahr, daß sie sich zu einem neuen kirchlichen Verband entwickle. Da tat Bruder Geyer die bezeichnende Äußerung: “Wir haben kein Verlangen, geschichtlich zu werden.” Der Sinn war der: Wir wollen keinen Kreis bilden, der sich kirchlich selbständig macht und der dann früher oder später unseren Namen trüge. Er wollte vielmehr mit seinen Gaben und Kräften dem Ganzen dienen.
Wenn ich weiter von Bruder Geyer rede, dann möchte ich es im Anschluß an Epheser 4, 11ff. tun. Dort ist davon die Rede, daß der Herr etliche gesetzt habe zu Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern. Ich sage kaum zuviel, wenn ich sage, daß Bruder Geyer ein solcher Gabenträger war. Ich lernte ihn kennen als Propheten. Ungefähr zur gleichen Zeit wie ich hatte er den Gedanken, eine “Prophetische Woche” einzurichten. Es war gegen Ende der vierziger Jahre. Die Methodisten (denen wir uns in München in der Zeit des Dritten Reiches angeschlossen hatten) hatten in Seeshaupt am Starnberger See ein ehemaliges Familienhotel gepachtet. Was lag da näher, als eine solche Woche dort abzuhalten! Ursprünglich dauerte sie sogar zwei Wochen. Sie bestand täglich aus einer Morgen- und einer Abendandacht sowie aus einer oder zwei sogenannten Kursstunden. In den letzteren diente uns zunächst einmal Bruder Geyer. Im Laufe der Zeit kamen hinzu die Brüder Dreher, Fuhr, Kahn, Malessa und Schumacher. Was waren das doch für gesegnete Zusammenkünfte! Wieviel Licht und Kraft hat da der Herr geschenkt! Später verkürzten wir die Prophetische Woche auf eine Woche. Es zeigte sich, daß die meisten Geschwister — auch Frauen nahmen daran teil — doch nicht 14 Tage bleiben konnten. Es sei mir gestattet, wenigstens einige Namen zu nennen, die dem Ganzen ein gewisses Gepräge gaben, nun aber schon daheim sind: Bröckel, Buch, Fuhr, Kirn u. a. Am meisten aber vermißten wir Bruder Geyer. — Wie sehr Bruder Geyer die Gabe der Prophetie zuteil geworden war, ersehen wir am besten aus dem Teil L in seinem Buch “Die Lebenswurzeln der Gemeinde”. Überaus wertvoll fand ich auch immer das kleine Heft: “Der Herr kommt wieder“.
Bruder Geyer war ein Hirte. Ich brauche nur an das (vergriffene) Heft zu erinnern, das schon so viel Segen gestiftet hat: “Die Einheit des Geistes.” Es geht darin um die Liebe zu allen Heiligen. Wie wir weiter oben gesehen haben, lag ihm zwar daran, daß jedes Glied am Leibe Jesu Christi zu einer Ortsgemeinde gehöre. Aber seine Liebe galt allen Heiligen. Er machte keinen Unterschied unter ihnen, wenn er nur merkte, daß sie “der Richtung auf Christus hin” angehörten. Wenn wir von einem Hirten reden, dann denken wir sowohl an den, der die ganze Herde im Auge hat, wie an den, der sich des einzelnen annimmt. Wir sprechen in diesem Sinne von einem Seelsorger. Wieder darf ich an eine seiner Schriften erinnern: “Ich bin gewiß”. Bis auf den heutigen Tag stoßen wir auf Menschen, denen Bruder Geyer dadurch Halt und Hilfe bieten durfte.
Am ausgeprägtesten war wohl die Gnadengabe der Lehre. Bruder Geyer war ja von Beruf schon Lehrer. Sicher kam ihm das in seiner Verkündigung zustatten. Aber ihm war mehr geschenkt, als eine Sache fasslich darzustellen. Er war ein ausgesprochener Lehrer der Gemeinde. Wir verstehen dies nicht so, daß seine natürliche Gabe verklärt worden wäre, sondern so, daß er außerdem die geistliche Gabe der Lehre empfing. Man nehme nur einmal die “Lebenswurzeln” zur Hand. Dieses Buch enthält eine Fülle von geistlicher Erkenntnis und geistlichem Wissen.
Einen besonderen Raum nahm die Allversöhnung ein. Wieder sei an ein Buch erinnert: “Ewiges Gericht und Allversöhnung“. Auf diesem Gebiet war er wohl auch den meisten Angriffen ausgesetzt. Er erfuhr, was Paulus in 1. Timotheus 4, 10.11 schreibt: “Dahin arbeiten wir auch und werden geschmäht, daß wir auf den lebendigen Gott gehofft haben, welcher ist der Heiland (Erretter) aller Menschen, sonderlich der Gläubigen. Solches gebiete und lehre!” Ich erinnere mich einer Versammlung, in der die Rede auf die Allversöhnung kam. Bruder Geyer verteidigte sie in geistlich nüchterner, leidenschaftsloser Weise. Wie aber sind sie da über ihn hergefallen! Der Leiter der Versammlung, der zwar zur Allversöhnung neigte, damals aber noch nicht den Mut hatte, für diese Wahrheit einzustehen, schwieg. Aber auch Bruder Geyer schwieg. Er verteidigte sich nicht. Dies machte auf die Versammelten einen nicht minder tiefen Eindruck als sein vorheriges Reden.
Dann danke ich Bruder Geyer noch persönlich für ein Wort, das so lautete: “Damit, daß gesagt wird, daß etwas in der Bibel steht, ist gar nichts bewiesen.” Er wollte damit sagen, daß es beim Lesen und Sinnen in und über der Schrift darauf zu achten gelte, wann und zu wem gesprochen wurde. Wir brauchen nur an das Sabbatgebot zu denken. Die Sabbatisten berufen sich auf 2. Mose 20, 8 und andere Stellen und sagen: In der Bibel steht, daß wir den Sabbat halten sollen. Dabei wissen wir aber, daß das Sabbatgebot den Juden galt. In einer Zeit, in der in unseren Kreisen viel von Verbalinspiration und Literalinspiration die Rede ist, sollten wir es noch besser lernen, die Schrift pneumatisch (geistlich) — nicht verstandesmäßig — zu verstehen. Wir fügen hier an, was Erich Sauer in seinem “Morgenrot der Welterlösung” auf Seite 237 schreibt: “Allerdings gehört uns die ganze Heilige Schrift; auch das Alte Testament ist für uns von Anfang bis zu Ende heiliges Gotteswort; aber obwohl alles für uns geschrieben ist, so handelt, doch nicht alles von uns und über uns. So wäre es z. B. grundfalsch, die Reichsverheißungen, die Gott Seinem irdischen Bundesvolk Israel gegeben hat, lediglich zu vergeistigen und auf die Gemeinde zu übertragen.”
Die letztere, also die Gemeinde, war ja wohl das Hauptanliegen von Bruder Geyer. Ich bitte, mir zu gestatten, auch hier noch einmal auf die “Lebenswurzeln” hinzuweisen. Dort findet sich alles in einer Knappheit und zugleich auch wieder Vollständigkeit, wie wir sie sonst kaum irgendwo antreffen.
Leider ist uns Bruder Geyer — ich rede menschlich — zu früh genommen worden. Unsere enge Verbundenheit mit ihm fand an seinem Grab noch einmal sichtbaren Ausdruck. Er hatte mich früher schon gebeten, ihm den letzten Liebesdienst zu tun. Gern entsprach ich seinem Wunsch, — wenn auch mit wehem Herzen. Manche dankbaren Worte wurden ihm an seinem Grabe nachgerufen. Von den vielen ist mir eins geblieben. Sein Freund und Mitstreiter Adolf Heller sagte: “Dir geschehe nach deinem Glauben!”
Bruder Geyer hatte den Glauben, daß unsere Gleichgestaltung mit Christus auch das in sich schließe, daß wir nicht nur Seinem Tode, sondern ebenso Seiner Auferstehung ähnlich würden. Er verstand dies so, daß auch wir am dritten Tage würden ausauferstehen dürfen. Dies meinte wohl Bruder Heller.
Ich selbst denke da etwas anders; ich wage aber nicht, darüber zu urteilen. Soviel scheint jedoch klar zu sein, daß Paulus in Philipper 3, 10ff. etwas anderes im Auge hatte als etwa in 1. Korinther 15 oder 1. Thessalonicher 4, 13-18. Die beiden letzteren Stellen handeln von der Entrückung. An ihr hat jeder Gläubige teil, der lebensmäßig mit Christus verbunden ist, in dem der Heilige Geist also wohnt. — Wie kommt es nun, daß Paulus in Philipper 3 von einem “Ob” spricht? Ist er unsicher geworden, ob er an der Entrückung teilhaben werde? Wir antworten mit einem Nein. Wir verstehen es so: Das “Gros” der Gläubigen wird, wie Oetinger einmal sagte, bis zur Wiederkunft des Herrn warten müssen. Wer hingegen früher “vollendet”, also ganz in das Bild Jesu hineingestaltet ist, darf früher ausauferstehen. Wann dies im einzelnen Falle geschehen wird, hängt wohl von dem Grad der erlangten Reife ab.
Bruder Geyer hat gern auf 2. Korinther 5, 9 hingewiesen und es so verstanden, daß unser inneres Wachstum mit dem leiblichen Tod nicht abgeschlossen sei, sondern “daheim” weitergehe. Je nach dem inneren Stand wird der einzelne kürzere oder längere Zeit brauchen. Im übrigen halten wir dafür, daß solche, die früher oder später vor der allgemeinen Entrückung ausauferstehen dürfen, als mit dem neuen Leib Ausgestattete und damit der vollen Erlösung teilhaftig Gewordene gleich in den Himmelswelten eingesetzt werden.
Die Lücke, die Bruder Geyer hinterlassen hat, ist groß. Sein Verlust wiegt um so schwerer, als der Getreuen und Gereiften immer weniger werden. Ob wir diese Tatsache nicht auch als ein Zeichen der letzten Zeit zu werten haben?
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