Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)

Karl Geyer (2)

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Aus dem Leben und Wirken von Karl Geyer

Von Heinz Schumacher

Vom 2. April 1893 bis zum 26. Juli 1955 spannt sich der Bogen eines Lebens, das Unzähligen durch Wort und Schrift und Tat zum Segen werden sollte.

Karl Geyer wurde in Waschenbach bei Darmstadt geboren. Dort verlebte er auch seine Jugend. Schon im Frühjahr 1907 erweckte Gott im Herzen des kaum Vierzehnjährigen den ersten Glauben. Doch es folgten schwere innere Kämpfe, bis sein Sehnen nach Göttlichem, Bleibendem, Unvergänglichem wirkliche Stillung fand. Er selbst berichtet darüber:

“Gott suchte mich frühe in meiner Jugend. Der Geist überführte mich von meiner Sünde und bot mir die Gerechtigkeit Gottes als freies Geschenk der Gnade in Christo Jesu an. Ich empfand meine tiefe Erlösungsbedürftigkeit, konnte aber die dargebotene Retterhand des Herrn nicht ergreifen, denn die Sünde in mir hemmte mich in meinem Entschluß, die Welt um mich lockte mit ihrer Lust, und der Fürst dieser Welt verblendete meine Sinne und stellte mir immer wieder die vergänglichen Scheingüter dieser Welt als begehrenswerten Besitz dar.

Doch die Güte des Ewigtreuen ließ mich nicht. Er führte mich mit lebendigen Gotteskindern zusammen. Die gaben mir Zeugnis von Seinem Wirken in ihrem Leben und sagten mir das Wort. Die Sehnsucht nach Unvergänglichem, Bleibendem erwachte immer stärker in mir, aber ich konnte die Gnade nicht erfassen. Oft lag ich mit einem der Brüder auf den Knien, bekannte meine tiefe Not und rief das Erbarmen Gottes an; Gewißheit aber, daß das Heil auch mein sei, empfing ich nicht.

Es waren schwere Jahre. Von meinem 14. bis zum 18. Lebensjahr trug ich so die Last, die auf meiner Seele lag. Die Zerrissenheit meines Innern war so groß, daß ich an einem Abend, als ich allein den Weg von dem größeren Nachbardorf zu unserer kleinen Filialgemeinde ging, voller Verzweiflung meine Büchermappe in den Straßengraben warf, mich mitten auf die Straße legte und mein Leid laut hinausschrie in die Nacht. Doch niemand half mir, und Gott gab keine Antwort, die ich hätte verstehen können.

Heute bin ich dankbar dafür, daß Gott schwieg, bis ich zu Ende war mit meiner Kraft und den immer wiederholten Versuchen, mich selbst zu befreien. Es ist dem Manne gut, daß er das Joch in seiner Jugend trage.

Ein Wort hielt mich in jenen Jahren. Es war die Stelle: Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. — Ich hungerte und dürstete nach dieser Gerechtigkeit. Und der Herr erfüllte Sein Wort. Als ich an mir und Menschenhilfe zuschanden war, gab mir eines Tages ein Bruder, der meinen Kampf sah, das Buch von Spurgeon: Ganz aus Gnaden. Beim Lesen fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Nun sah ich: Alles, was ich selbst vollbringen wollte, hatte Gott längst vollbracht. Jahrelang hatte ich versucht, Lehrwahrheiten zu erfassen und mein Leben nach göttlichen Grundsätzen zu ordnen. Es gelang mir nicht. Jetzt sah ich, daß die Wahrheit gar keine Lehre ist, sondern eine Person — der, der von sich sagen kann: Ich bin … die Wahrheit. Er trat mir entgegen als der einzige Träger des unsterblichen Gotteslebens, das der Vater Ihm gegeben hatte, auf daß Er es der Welt vermittle. Das war Wesenhaftigkeit, Wirklichkeit, Bleibendes, Unverwesliches.

Ich hatte nun die Gewißheit der Vergebung meiner Sünden und die Gewißheit meines Heils, meiner Errettung. Köstlich war es meinem Herzen, daß ich fortan das Recht hatte, mich ein Kind Gottes zu nennen.

Inmitten der vergänglichen Welt war ich Teilhaber der göttlichen Natur geworden und trug damit das unsterbliche Leben dessen in mir, der allein Unsterblichkeit besitzt.

Seit jenem Tag erfüllte eine Sehnsucht mein Herz, nämlich die: Herr, Du sollst mit mir zu Deinem Ziele kommen, mag es kosten, was es will!”

Karl Geyer wandte sich dem Lehrerberuf zu, den er schon neunzehnjährig auszuüben begann. Als Lehrer wirkte er lange Jahre – bis 1934 – in Leeheim, danach an der Mittelschule in Darmstadt. Immer wieder hat er in späteren Jahren in der Wortverkündigung auf die Erfahrungen in seinem Schuldienst zurückgegriffen und damit göttliche, geistliche Wahrheiten — etwa der Rechtfertigung und Erstattung Gottes — treffend veranschaulicht. Er wurde geradezu ein Meister darin, tiefe biblische Wahrheiten in so einfachen Beispielen darzustellen, daß sie jedermann fassen konnte und auch behielt.

Als junger Gläubiger bewegte sich Bruder Geyer zunächst in den Kreisen der “Offenen Brüder”. Schon dort — und erst recht auf den Konferenzen des “Bundes gläubiger Lehrer und Akademiker” die mit dem Namen W. M. Borngraeber unzertrennlich verbunden sind — lernte er Brüder kennen, die allem Organisatorisch-Gemachten kritisch gegenüberstanden und das allgemeine Priestertum aller Gläubigen betonten. Die beiden Erkenntnisse:

“Jedes Kind Gottes hat eine Gnadengabe empfangen” und “Christi Leib ist ein Organismus und keine Organisation” wurden zu Eckpfeilern seiner Verkündigung in Wort und Schrift.

Nicht lange Zeit nach seinem Gläubigwerden lernte Karl Geyer die Schriften von Professor E. F. Ströter kennen und wurde durch sie überzeugt, daß Gott ein Retter aller Menschen ist, und daß Gott in Christo aufgrund Seines Opfertodes eine Allversöhnung zustande bringt. Aus den Kreisen der “Offenen Brüder” wurde er daraufhin ausgeschlossen. Diese und ähnliche Erfahrungen haben ihn zeitlebens tief geschmerzt, ihn aber nie davon abhalten können, das als wahr und richtig und notwendig Erkannte kraftvoll und ohne Rücksicht auf Menschenmeinung oder kirchliche Tradition zu bezeugen, — wohl aber in seelsorgerlicher Rücksichtnahme auf das Fassungsvermögen seiner jeweiligen Zuhörer, und ohne aus der “Allversöhnung” je ein “Steckenpferd” zu machen. Wie wichtig ihm aber diese Zielwahrheit um der Ehre Gottes willen war und wie sehr sie ihm am Herzen lag, zeigt die Tatsache, daß eine seiner ersten Veröffentlichungen aus den dreißiger Jahren den Titel trug “Ewiges Gericht und Allversöhnung“. Auch der Schreiber dieser Zeilen wurde durch das Lesen dieses Buches, das ihm 1946 in die Hände kam, vom Heilsegoismus zum Heilsuniversalismus bekehrt.

In den zwanziger Jahren trat Bruder Geyer durch seine Verkündigung in Bibelstunden und auf Sonntagskonferenzen und Bibelfreizeiten mehr und mehr hervor. Zu einer besonders engen Verbindung und Dienstgemeinschaft kam es zwischen den Brüdern Karl Geyer und Adolf Heller. Sie durften in Jahrzehnten gemeinsamen Dienstes vielen zum Segen werden. Beide im Lehrerberuf stehend, gleichen biblischen Erkenntnissen zugetan, konnten sie sich — bei ganz verschiedenem Temperament und Naturell — derart fruchtbar und segensreich ergänzen, wie man es nur selten erlebt. Ihnen wurde Ende 1937 von Direktor Heinrich Schaedel, Klosterlausnitz, die Weiterführung der von Prof. Ströter 1907 begründeten Zeitschrift “Das Prophetische Wort” anvertraut, deren Herausgabe er altershalber abgeben wollte. Er verabschiedete sich in Nr. 6/1937 von seinen Lesern u. a. mit den Worten:

“Das Prophetische Wort wird nun in Zukunft herausgegeben werden von den beiden Lehrern Karl Geyer in Darmstadt und Adolf Heller in Worms. Beide Brüder sind im P. W. schon wiederholt zu Wort gekommen, und jeder Leser wird erkannt haben, daß Gott diesen treuen Brüdern eine nicht unbedeutende Lehrgabe gegeben hat. Beide führen eine gute Feder, und ich weiß mich eins mit ihnen in der Erkenntnis des Herrn Jesu Christi …”

Karl Geyer und Adolf Heller gaben die Zeitschrift dann seit 1938 unter dem veränderten Titel “Wort und Geist” heraus. Sie schrieben im Eingangswort von Heft 1/1938:

“Gottes Wort und Gottes Geist sind die beiden unbestechlichen Zeugen des allgenugsamen Heils in Christo. Das objektive Zeugnis des Wortes Gottes, das wir lesen und hören dürfen, und das subjektive des Geistes Gottes in unseren Herzen, das wir erleben und erfahren dürfen, bestärken und bestätigen einander in heiliger Harmonie … Wir wollen nicht Vertreter irgendeiner religiösen Richtung oder Partei sein, noch offene oder versteckte Förderer einer besonderen Gemeinschaft oder Denomination, sondern Diener der Gesamtgemeinde Seines Leibes.”

Es folgte die Zeit des zweiten Weltkrieges, die auch für Karl Geyer, seinen Dienst und seine Familie schmerzliche Einschnitte brachte.

Er war seit 1916 mit Frau Anna Maria Geyer, geb. Herge, verheiratet. Seine liebe Gattin hatte ihm zwischen 1917 und 1932 drei Söhne und eine Tochter geschenkt (Karl Friedrich, Helmuth, Erika Renate und Hans Walter). Nun wurden den Eltern durch den Krieg die beiden ältesten Söhne genommen (Karl Friedrich gefallen, Helmuth bei Stalingrad vermißt). Die restliche Familie wurde 1942 bei einem Fliegerangriff auf Darmstadt total ausgebombt. Man stand vor einem Nichts; auch viele wertvolle Bücher, Manuskripte, biblische Ausarbeitungen gingen mit verloren. Die Zeitschrift “Wort und Geist” aber hatte schon 1941 infolge eines Verbotes der nationalsozialistischen Regierung ihr Erscheinen einstellen müssen, nachdem sie bereits längere Zeit vorher auf der Liste der “unerwünschten Zeitschriften” an erster Stelle stand. Dazu kamen gesundheitliche Nöte. — Eines schweren Herzleidens wegen mußte Bruder Geyer schon mit 50 Jahren in den Ruhestand treten.

Gott stärkte die Eltern in jenen schweren Jahren mit göttlichem Trost. Sie durften auch die Trümmer ihrer Wohnung aus Seiner Hand nehmen und neue Zuversicht gewinnen. Und als es um die Frage der vorzeitigen Pensionierung ging, gab ihnen Gott am gleichen Tage durch die fortlaufende morgendliche Bibellese eine tröstliche und zukunftweisende Bestätigung: Sie kamen an das Wort 4. Mose 8, 25.26, wo es heißt: “Aber von fünfzig Jahren an soll er aus der Arbeit des Dienstes austreten und nicht mehr dienen; er mag seinen Brüdern helfen …, aber Dienst soll er nicht tun.”

Er mag seinen Brüdern helfen, — das wurde nun wirklich seine Losung für die restlichen Lebensjahre von 1943-1955. Nach Auffassung seiner Ärzte sollte er weder reisen noch schreiben noch Vorträge halten, — statt dessen wurden die Jahre nach 1945 inmitten körperlicher Schmerzen und familiären Leides (seine liebe Frau Anna Maria ging nach schweren Krankheitsjahren 1948 im Frieden heim) die fruchtbarsten und wohl auch arbeitsreichsten seines Lebens, durch den Dienst der Wortverkündigung in vielen Orten Deutschlands und der Schweiz sowie durch seine Tätigkeit als Verleger und Schriftsteller.

Der Herr tat nach dem Krieg manche neue Tür auf. Als es wieder möglich wurde, zu reisen, Säle zu mieten, Versammlungen und Konferenzen zu halten, wurde Bruder Geyer hierhin und dorthin gerufen. Obwohl häufig krank und sogar ans Bett gefesselt, suchte er nach Möglichkeit jeden gewünschten Dienst zu tun, ohne Rücksicht auf Entfernung und Zahl der Geschwister. 1946 begründete er zusammen mit Paul Schild, Adolf Heller und anderen Brüdern die “Christliche Allianz für Volksmission und Wohlfahrtspflege e. V.” Für die vielen Konferenzen und Freizeiten, für die ja Einladungen verschickt, Räume gemietet werden mußten und dergleichen, hatte es sich als zweckmäßig erwiesen, wenigstens einen lockeren Zusammenschluß zu bilden, um alle diese Veranstaltungen auch nach außen hin ordnungsgemäß abwickeln zu können. In diesem Rahmen sollte keinesfalls eine eigene Gemeinschaft oder Kirche gebildet werden, vielmehr Gläubige der verschiedensten Kreise — ohne Rücksicht auf ihre Kirchenzugehörigkeit — sich zu echter Allianz (nicht von Kirche zu Kirche, sondern von Herz zu Herz) zusammenfinden und zusammenschließen. Dabei sollte niemand, der einer biblischen Gemeinde angehörte, gedrängt werden, diese zu verlassen, die C. A. auch kein Ersatz für eine solche örtliche Gemeinde sein, wohl aber eine kleine, ausschnittweise Darstellung echter Allianz und ein Ort, an dem der ganze “Ratschluß Gottes” unverboten verkündigt werden konnte.

In den ersten Nachkriegsjahren herrschte damals Erweckungsluft. Die Jugendfreizeiten, Brüderfreizeiten, Geschwisterfreizeiten, Evangelisationen und “Prophetischen Wochen” der Brüder Karl Geyer und Adolf Heller und weiterer Mitarbeiter nahmen an Zahl und Umfang zu; die Sprechzimmer für seelsorgerliche Unterredungen, namentlich bei den Jugendfreizeiten, waren von Wartenden umlagert; viele erlebten einen Durchbruch zum Leben, kamen zur Heilsgewißheit und legten in besonderen Schlußversammlungen hiervon auch öffentlich Zeugnis ab; andere, bereits Gläubige, nahmen staunend wahr, wie Lutheraner, Baptisten, Reformierte, Katholiken, Methodisten, Gemeinschaftsleute u. a. in einem Geiste unter einem Wort beisammensaßen, und erkannten, daß Gottes Heil nicht nur auf einige, sondern auf alle abzielt, auch auf Israel, die Nationen und den Kosmos. Prophetische Linien, biblische Symbolik wurde ihnen neu erschlossen, die Evangelisation und Heiligung darüber nicht vergessen. In jenen Jahren begannen sich manche Pfarrer und Prediger und sogar einige Theologieprofessoren für diese geistgewirkte Allianzbewegung zu interessieren. Widerspruch und Verdächtigungen blieben nicht aus; doch auch viele neue Bande der Bruderschaft wurden geknüpft.

1949 begründete Bruder Geyer in Karlsruhe den “Christlichen Verlag Karl Geyer”; ein treuer Freund, Fabrikant Christian Maier, Schwenningen, ermöglichte die Neugründung. Im Jahr darauf bot sich die Möglichkeit einer Übersiedlung nach dem für Verlag und Buchhandel zentral gelegenen Stuttgart; in der Paulusstraße 14 erhielt der Verlag nun — seiner paulinischen Botschaft entsprechend — den Namen “Paulus-Verlag Karl Geyer“. Kurz darauf erfolgte die Wiederverheiratung von Bruder Geyer; mit seiner langjährigen treuen Mitarbeiterin Christine, geb. Schmidt, wurde er von Bruder Pastor Karl Merz im November 1950 in München, Enhuberstraße, getraut.

Mit der Verlagsgründung begann 1949 auch die Wiederherausgabe einer Zweimonatsschrift durch die Brüder Karl Geyer und Adolf Heller. Im Geleitwort der ersten Nummer (1/2 1949) schrieb damals Bruder Geyer:

“Zum drittenmal seit 30 Jahren stehen wir an einer entscheidenden Etappe unseres gemeinsamen Weges.

Nach dem ersten Weltkrieg fanden wir uns in brüderlicher Gemeinschaft zum Dienst am Wort zusammen. In vielen Bibelkursen, Evangelisationen und Konferenzen, in Versammlungen, Seelsorge und Einzelaussprachen durften wir diesen Dienst miteinander im In- und Ausland tun. — Im Jahr 1937 begann die zweite Etappe, als uns der Herr durch die Hand unseres Bruders Direktor Schaedel die Zeitschrift Das Prophetische Wort anvertraute. — Seit deren Verbot sind nun acht Jahre verflossen. In vielen mündlichen und schriftlichen Anfragen wurde immer wieder der Wunsch geäußert, die Zeitschrift wieder erscheinen zu lassen. Jetzt erst ist die Möglichkeit zum Neuerscheinen gegeben. Es trat nun die Frage an uns heran, ob wir die alte Zeitschrift wiedererscheinen lassen sollten, oder ob die veränderten Verhältnisse nicht eine völlige Neugründung erforderlich machten. Diese erschien uns nach eingehender Prüfung als richtiger.

Damit aber beginnt die dritte Etappe unseres gemeinsamen Weges.

Nach dreißigjähriger Arbeit als Jochgenossen des gleichen Dienstes darf man den gemeinsamen Auftrag klarer sehen als am Anfang. So trat im Zusammenhang des Schriftganzen der Dienst zur Auferbauung der Leibesgemeinde immer stärker hervor … Dieser Gemeinde hat der erhöhte Herr durch den Apostel Paulus eine überaus herrliche Botschaft übermitteln lassen, die Paulus als sein Evangelium bezeichnet, als

das Evangelium der Gnade und als
das Evangelium der Herrlichkeit.
(Apg. 20, 24 / 1. Tim. 1, 11).

Diese Doppelbotschaft der Gnade und Herrlichkeit, die Gott Seiner Gemeinde gab, möchten auch wir verkündigen, und zwar kompromißlos, ohne Mischung mit Gesetz oder Menschengeboten, aber auch ohne Unterschlagungen und Auslassungen …”

Immer mehr trat Karl Geyer in den letzten Jahren seines Lebens und Dienens als ein Vater in Christo hervor. Lehrstreitigkeiten, oft um Zweitrangiges oder Unwesentliches geführt, berührten ihn immer weniger; es ging ihm immer stärker allein um das Wesenhafte, das Wirkliche, die Verwirklichung Gottes im Leben Seiner Kinder. Es ging ihm um die großen Linien des Planes Gottes sowie um das Wesen Gottes selbst und unsere Hineingestaltung in dieses Wesen. Seine Gebete atmeten eine einzigartige Gottesnähe und Vertrautheit mit dem Vater. “Du warst, ehe wir waren, und kannst sein ohne uns; wir aber sind von Dir völlig abhängig und können nicht sein ohne Dich”, — so konnte er ein Gebet im Kreise der Brüder beginnen. Er ließ sich, wie nur wenige Gläubige, von der natürlichen Leidensscheu hinweg nicht nur bis zum seelischen Sichbeugen unter das Leid, sondern bis zur positiven Bejahung des Leides im Geiste führen. Er betete zuletzt immer häufiger darum, Christi Tod und Auferstehung gleich werden zu dürfen. Der zweite Teil dieser Bitte ist menschlicher Nachprüfung entzogen; den ersten Teil hat Gott insofern erhört, als Sein Knecht nach jahrelangem Sichaufopfern für die Brüder sein Leben am 26. Juli 1955 unter starken Schmerzen beendete. Noch am 7. 7. hatte er einem befreundeten Prediger geschrieben: “Wenn ich den Anordnungen des Arztes genau folgen wollte, dürfte ich am ganzen Tage etwa 2-3 Stunden außerhalb des Bettes sein. Nun will ich gewiß den Rest von Lebenskraft nicht mutwillig zerstören. Doch muß ich, solange ich da bin, auch meine Pflicht erfüllen.”

Mitte Juli hielt er dann noch eine Frankfurter Sonntagskonferenz und tat einen Dienst im oberhessischen Raum. Von dort kehrte er, dem Tode nahe, zurück. Auf der Rückreise hatte er nachts auf dem Bahnhof Fulda, vor Zugabgang gegen 3 Uhr, jenes Lied geschrieben, das nur ein “Vater in Christo”, der “den erkannt hat, der von Anfang ist”, schreiben kann, und das sich am Schluß dieser kurzen Biographie findet: “Dem Seienden und Unwandelbaren.”

Sein Leben mochte unabgeschlossen erscheinen, wenn man an die vielen Vorhaben denkt, die er — etwa als Schriftsteller — noch hatte. Ist aber die Reife eines Lebens erkennbar an Selbstüberwindung und Opfer, an Mühe der Liebe und Erkenntnis dessen, der von Anfang ist, dann mag das Handeln Gottes eher verständlich erscheinen, das noch 1955 so unverständlich schien.

Was aber ein Mensch zutiefst in seinem Leben empfunden und erlitten hat, kann kein Außenstehender nachempfinden und kann und darf er nicht beschreiben.

Durch seine Bücher und Schriften darf er “noch reden, obwohl er gestorben ist”.

Dem Seienden und Unwandelbaren!
In Dir nur ist das Leben,
Unsterblichkeit,
und all Dein Sein und Weben
ist Ewigkeit.
Was Du von je gewesen,
wirst stets Du sein.
Drum kann das All genesen
aus Dir allein.
Drum bist auch Du alleine
mein Lebensgrund.
In Deines Lichtes Scheine
steht jede Stund.
Mein Wollen, Wirken, Wandeln
fließt ganz aus Dir,
und all mein Tun und Handeln
schaffst Du in mir!
Es gibt sonst keine Quelle,
die ewig fließt,
kein Licht, das seine Helle
aus nichts ergießt.
Wer aus sich selber schöpfet,
schöpft bald sich leer;
sein Weniges vertröpfet
und ist nicht mehr.
So sei auch alle Ehre
Dir dargebracht!
Dein Ruhm sich endlos mehre
bei Tag und Nacht,
bis aller Schein vergehet
in Nichtigkeit
und alles endlich stehet
in Wesenheit.
In Dir jedoch ist Fülle,
Unendlichkeit.
Dein freier Liebeswille
füllt Raum und Zeit.
Nichts bleibt einst unvollendet
in aller Welt,
wenn alles sich gewendet,
wie Dir’s gefällt.
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