Vorbemerkung:
Der nachfolgende Text ist die erste von zwölf Reden von Fritz Binde, die vom Verlag Gottlob Koezle (Wernigerode) im Todesjahr Bindes, 1921, in dem Buch “Neue Herzen” herausgegeben wurden. Die restlichen elf Reden werden im Verlauf der nächsten Wochen ebenfalls an dieser Stelle leicht bearbeitet neu veröffentlicht.
Bei dem aktuell vorliegenden Text ist zu beachten, dass Fritz Binde ihn unter dem Eindruck der sich in Deutschland zum Ende des ersten Weltkrieges und innerhalb der frühen Jahre der Weimarer Republik abspielenden politischen und sozialen Unruhen, Umbrüche und Reformen schrieb. Am 9. November 1918 wurde Kaiser Wilhelm II. unter anderem aufgrund des Drucks aus den USA durch Reichskanzler Prinz Max von Baden eigenmächtig und verfassungswidrig abgesetzt, um den Weg für günstige Friedensverhandlungen mit den alliierten Siegermächten freizumachen. Es gab sowohl vor als auch nach der Entmachtung des Monarchen Aufstände, Putsche, Revolten und politische Morde durch unterschiedlichste politische Kräfte und Bewegungen. Zahlreiche Reformen traten in Kraft, u. a. führte man das Frauenwahlrecht und den achtstündigen Arbeitstag ein. Großen Zulauf fanden neben nationalistischen auch sozialistisch und kommunistisch geprägte Bewegungen und Parteien mit ihren teilweise extrem radikalen Revolutionsbestrebungen. Im Januar 1919 wurde der Spartakusaufstand von monarchistischen und rechtskonservativen Freikorps niedergeschlagen und die kommunistischen Anführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht dabei ermordet. Bis Mitte 1919 schlugen Reichswehr- und Freikorpsverbände auch alle weiteren Versuche, sozialistische Räterepubliken nach Vorbild der Russischen Sowjetrepublik in Deutschland zu etablieren, gewaltsam nieder, zuletzt am 2. Mai 1919 die Münchner Räterepublik. Später erfolgte u. a. der Kapp-Putsch (März 1920) und fast gleichzeitig mit diesem erschütterte ein kommunistischer Aufstandsversuch das Ruhrgebiet, der wiederum von Reichswehr und Freikorps blutig niedergeschlagen wurde. Weitere Aufstände fanden in Mitteldeutschland, Thüringen und Hamburg statt. (Viele andere Aufstände, Putsch- und Umsturzversuche seit der Novemberrevolution 1918 können in den einschlägigen Geschichtsbüchern nachgelesen werden.) Erst 1924, also ca. drei Jahre nach Veröffentlichung des Textes von Fritz Binde, begann eine Phase der relativen Ruhe und Stabilität. Trotz aller Konflikte schien sich die Demokratie durchzusetzen, die allerdings schon wenige Jahre später der Steigbügelhalter für die schrecklichste deutsche Diktatur werden sollte.
Fritz Bindes heiliger Zorn, der in dem nachfolgenden Text immer wieder deutlich zu spüren ist, ruht daher, dass er vor seiner bewussten Hinwendung zu Gott selbst glühender Sozialist und später Anarchist und deshalb mit dem wahren Wesen dieser Ideologien bestens vertraut war. An manchen Stellen schimmert seine Sympathie für einen sog. “christlichen Sozialismus”, vermutlich inspiriert von Apg. 4, 32-37, durch und zeigt, dass er auch als Kind Gottes einer gewissen sozialistischen Idee nicht grundsätzlich abgeneigt schien — wenn die Vorzeichen und Grundlagen dafür stimmten. Man möge davon halten, was man will. — Es gibt darüberhinaus in dem Text so manche Aussagen Bindes, die für heutige Ohren sehr ungewöhnlich sind und nur richtig eingeordnet und verstanden werden können, wenn man eben berücksichtigt, zu welcher Zeit und unter welch gewaltigen Eindrücken sie verfasst wurden und dass das wahre geistliche Leben damals, wie auch zu anderen Krisenzeiten, unter gewaltigem Druck von sich physisch und ideell in Deutschland manifestierter widergöttlicher geistiger Kräfte und Mächte stand.
Die nachfolgende Rede ist keine gewöhnliche, schon gar keine leichte Kost. Auch mag oder kann man möglicherweise nicht allem zustimmen, was Fritz Binde schrieb, oder wünschte sich mehr Differenziertheit, mehr biblischen Bezug etc., aber dennoch handelt es sich hierbei um ein — wie ich finde — sehr spannendes, interessantes, in die Auseinandersetzung eines großartigen Gottesmannes mit einer äußerst schwierige Phase der damaligen deutschen Geschichte Einblick gebendes Dokument und Zeugnis, das deshalb allemal der erneuten Veröffentlichung wert ist.
J. Krafzik
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Ungeheure Umwälzungen haben das Leben einer Reihe von Völkern bewegt und bewegen es noch. Tatsächlich ist das Oberste nach unten und das Unterste nach oben gekehrt worden. Gekrönte Machthaber sind gestürzt, getötet oder verjagt worden. Machtlüsterne sind mehr oder weniger gewalttätig nach oben gekommen und wollen nach ganz neuen Ordnungen den Völkern Heil und Gedeihen bringen. Eine neue Zeit sei angebrochen, heißt es, ein neuer Weltenmärz habe begonnen. Der Sinn des Weltkrieges sei die Offenbarwerdung alles Veralteten, Verrotteten und Unhaltbaren gewesen, dessen Zusammensturz habe erfolgen müssen. Mit der überlebten Machtstellung und Gewaltherrschaft bevorrechtet gewesener einzelner Häupter oder der oberen Zehntausend sei es nun vorbei. Durch die ungeheure Kraftaufrüttelung im Weltenkrieg sei das Volk unter schmerzlichen Opfern klug und reif geworden zur Selbstregierung. Nun nehme es sein Geschick endlich frei, sicher und bewusst in die eigenen Hände. An Stelle der persönlichen Willkürherrschaft trete nun die allein gerechte Volksherrschaft, an Stelle der unheilvollen Machtpolitik die heilsame Friedenspolitik. Und nun breche auch das Zeitalter der sozialen Gerechtigkeit endlich an. Der grelle Flammenbrand des Krieges habe den Arbeiter sehend gemacht. Die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung sei als die Ursache des Völkermordens erkannt worden. Deshalb müsse der Demokratisierung der Politik die Sozialisierung der wirtschaftlichen Produktion und des Konsumes folgen. Nur in der sozialen Demokratie liege das Heil der Zukunft. Aber während die einen eine allmähliche Vergesellschaftung der Gütererzeugung und des Güterverbrauches, sowie aller Arbeit anstreben, wollen die anderen den gewaltsamen Abbruch jeder Privatwirtschaft und die sofortige Gültigkeit einer kommunistischen Wirtschaftsweise. So brennt das Völkerleben gegenwärtig im Feuer einer tatsächlich nie dagewesenen Umwandlung. Nichts scheint mehr fest zu stehen, alles scheint sich neu gestalten zu wollen. Wahrlich, wir leben in einer Zeit großer Umwälzungen!
Aber trotz ihrer erlangten Gewalt und Größe sagen uns diese Umwälzungen eigentlich nichts Neues. Sie sind nur die über Nacht reifgewordene Wirklichkeitsernte einer jahrzehntelangen wohlbekannten Gedankenaussaat. Längst hielt man die monarchische Regierungsform für veraltet und betrachtete ihren Zusammenbruch nur noch als eine Frage der Zeit, obgleich ihr Ende jetzt unerwartet schnell kam. Und längst erwartete man bis hoch ins Bürgertum hinauf eine vermehrte Teilnahme des Volkes an der Gesetzgebung und den politischen Regierungsgeschäften, obgleich man sich die Verwirklichung dieser Erwartung ganz anders gedacht hatte. Ebenso hatte man sich angesichts des Wachstums der sozialdemokratischen Partei ja längst mit dem kommenden Umsturz vertraut gemacht, und doch hatte ihn niemand in so schnellreifer Plötzlichkeit und in so unheimlich glattem Verlauf erwartet. Also bedeuten die eingetretenen großen Umwälzungen eigentlich nur die überraschend schnell gekommene Verwirklichung längst bekannter Gedankengänge und längst gehegter Erwartungen, die durch die Gluthitze des unseligen Krieges zur jähen Tatsache gebracht worden sind. Man erntete jetzt geschichtlich, was man seit Jahrzehnten in Leichtfertigkeit oder Trotz gedanklich gesät hat.
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