Paulus und Jakobus
(Bearbeitet nach “Unsearchable Riches” für das “Prophetische Wort”, 1923)
Jeder Kenner des Neuen Testamentes weiß, dass hinsichtlich des Heils und der Rechtfertigung, bzw. der Frage, ob die Errettung zu erreichen sei durch Werke oder durch Werke und Glauben oder durch Glauben allein, ein Widerstreit ist zwischen der Lehre des Jakobus und der des Paulus. Man beachte nur die Nebeneinanderstellung folgender Aussprüche.
Jakobus sagt: “Also auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, so ist er tot in sich selbst” (Jak. 2, 17); “Denn gleich wie der Leib ohne Geist tot ist, also ist auch der Glaube ohne Werke tot” (Jak. 2, 26); “Was hilft es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, dabei aber keine Werke hat? Kann ihn denn der Glaube retten?” (Jak. 2, 14); “Ward nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerechtfertigt, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte?” (Jak. 2, 21); “Ihr seht nun, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht allein aus dem Glauben” (Jak. 2, 24).
Paulus dagegen sagt: “Da wir denn durch Glauben gerechtfertigt sind, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus” (Röm. 5, 1); “So halten wir nun dafür, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird ohne Gesetzeswerke” (Röm. 3, 28); “Wer aber mit Werken umgeht, dem wird der Lohn nicht aus Gnaden angerechnet, sondern aus Schuldigkeit; wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet” (Röm. 4, 4.5); “Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittelst des Glaubens, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.” (Eph. 2, 8.9); “Nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit hat er uns errettet” (Tit. 3, 5); “Denn was sagt die Schrift? Abram hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet” (Röm. 4, 3); “Wir sagen, dass der Glaube dem Abraham zur Gerechtigkeit gerechnet worden ist, nicht im beschnittenen, sondern im unbeschnittenen Zustand! Und er empfing das Zeichen der Beschneidung als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er schon im unbeschnittenen Zustande hatte, auf dass er ein Vater aller wäre, die in der Vorhaut glauben, damit auch ihnen die Gerechtigkeit zugerechnet würde, und Vater der Beschneidung, die auch wandeln in den Fußtapfen des Glaubens” (Röm. 4, 9-11); “Denn nicht durch das Gesetz erhielt Abraham … die Verheißung, sondern durch die Glaubensgerechtigkeit” (Röm. 4, 13).
Wenn diese beiden Reihen von Schriftaussagen einander nicht völlig widersprechen, und wenn sie nicht schlechthin sich weigern, sich so auslegen zu lassen, als ob beide Reihen dasselbe sagen wollten, so entschwindet uns die Möglichkeit, je zu einem klaren Verständnis und Gebrauch der Sprache zu gelangen. — Wir gehen nicht etwa darauf aus, einen Gegensatz zwischen Paulus und Jakobus auffinden zu wollen. Der Gegensatz liegt ohnehin schon in den beiden genannten Reihen von Schriftaussagen klar zutage. Uns liegt vielmehr daran, die rechte Auslegung beider Aussagenreihen zu suchen, denn beide sind göttlich eingegeben und unter der Leitung des Heiligen Geistes niedergeschrieben worden. Beide sind wahr; daran ist nicht zu zweifeln. Wozu aber dieser große Unterschied bei dem, was zum Heile notwendig ist?
Autor: Ludwig, Rudolf | Kategorie(n): Paulus, Paulusbriefe, Schriftteilung, Wort Gottes (Bibel) | 786 x gelesen


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