Evangelium — wie es Paulus geoffenbart wurde
(Überarbeitete Tonbandaufnahme eines Vortrags auf der Langensteinbacherhöhe)
Was ist “paulinisches” Evangelium?
Die Verkündigung des Evangeliums unseres erhöhten Herrn, wie es vor allem dem Apostel Paulus geoffenbart wurde, ist zu unterscheiden von dem Evangelium, das Jesus während Seiner Erdenzeit verkündigte und den 12 Aposteln anvertraute. Es handelt sich gleichsam um eine zweite Offenbarungsstufe des Evangeliums Jesu Christi. Hier muß ich nun zunächst einigen Mißverständnissen entgegentreten, die sich gern einschleichen:
Verkündigern, die diese Unterscheidung beachten, macht man gelegentlich den Vorwurf: Hier wird Paulus verherrlicht und Jesus verdunkelt; Paulus und seiner Botschaft wird größeres theologisches Gewicht beigemessen als Jesus und Seiner Verkündigung auf Erden; man beschäftigt sich mehr mit den Paulusbriefen als mit den Jesusworten der Evangelien.
Demgegenüber muß klar herausgestellt werden, daß niemals Paulus gegen Jesus ausgespielt werden kann und daß Worte des Apostels Paulus nicht gegen Worte Jesu Christi stehen. Jesus hat in Seiner Niedrigkeit persönlich zum Volke Israel gesprochen, und derselbe Jesus hat als der erhöhte Christus zum Apostel Paulus gesprochen. Es gibt nicht zweierlei “Jesus Christus”! Es ist nur ein Herr. Aber es gibt zweierlei Offenbarungsstufen. Wir kennen Jesus in Seiner Niedrigkeit als Messias für Israel, und wir wissen um den erhöhten Christus als Haupt der Gemeinde.
Paulus war nicht 40 Tage in der Wüste, um vom Satan versucht zu werden; Paulus hat nicht im Garten Gethsemane gelegen und dort für alle Schöpfung das entscheidende “Ja, Vater” gesprochen; Paulus hat auch nicht am Kreuz von Golgatha gehangen und die Sünde der ganzen Welt getragen, noch ist er am dritten Tage von den Toten auferstanden und dann gen Himmel gefahren. Das alles kann nur von Jesus gesagt werden. Und auch in den Briefen des Paulus geht es immer und überall um Jesus Christus. Christus ist das Ziel, die Mitte und der Inhalt seiner Botschaft. Paulus kannte nur einen einzigen Ruhm, nämlich das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus (Gal. 6, 14).
Aber ebenso ist es Tatsache, daß das Evangelium von Jesus Christus durch die Offenbarung des erhöhten Christus an Paulus eine entscheidende Weiterentwicklung erfahren hat. Mit Paulus ist ein neuer Haushalt Gottes eröffnet worden, die “Haushaltung” oder “Verwaltung der Gnade Gottes” bzw. “Haushaltung” oder “Verwaltung des Geheimnisses” (Eph. 3, 2. 9. Elbf. Übs.). Darum ist das von Paulus verkündigte Evangelium ein ganz besonderes Evangelium. Es ist nicht nach Menschenart; keine menschliche Leistung fällt hier ins Gewicht; es herrscht die absolute, vollkommene Gnade. Paulus hat es von keinem Menschen empfangen noch gelernt — weder von Petrus noch Johannes noch Jakobus —, sondern durch direkte Offenbarung des erhöhten Christus (Gal. 1, 11-12). Bei Paulus haben wir eine Weite der Gottesgedanken, eine Schau der Heilsgeschichte Gottes von den Ursprüngen bis in die letzten Ziele hinein, wie sie sonst nirgends dargestellt ist. Ausmaß und Fülle seines Evangeliums sind einzigartig und vorher nie so gehört worden. Wenn er sagt, er habe das von ihm verkündigte Evangelium durch Offenbarung Jesu Christi empfangen, dann schließt das jede menschliche Vermittlung aus; es ist auch nicht Resultat eigener Überlegungen, obwohl Paulus ein scharfer Denker war. Sein Evangelium ist reines Gnadengeschenk.
Noch einmal möchte ich betonen: Nicht Paulus ist der Inhalt seines Evangeliums, das er im besonderen zu verkündigen hat, sondern immer nur Jesus Christus in Seiner ganzen Fülle, wie es ihm durch Offenbarung kundgetan wurde.
Autor: Mössinger, Manfred | Kategorie(n): Gemeinde, Heilsgeschichte, Lehre, Paulus | 700 x gelesen


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