Vorwort des Verfassers zur 8.
Auflage
Als
ich auf Bitten meines Verlegers die unfreiwillige Muße einer Krankheit dazu
benutzte, diesen kurzen Bericht über mein Leben niederzuschreiben, ahnte ich
nicht, welch weite Verbreitung diese Schrift finden sollte. Gott hat sie
unerwartet und wunderbar gebraucht! Durch Übersetzungen in andere Sprachen hat
sie über den deutschsprachigen Raum hinaus unzähligen Menschen den Weg zu
Jesus, dem heilbringenden, großen Erneuerer und wahren Friedefürsten zeigen dürfen.
Dankbar
lege ich auch diese neue Auflage in seine Hand und wünsche von ganzem Herzen,
dass Gott durch meinen Lebensbericht weiterhin zu suchenden Menschen sprechen
wird, um ihnen die Augen für die Wahrheit zu öffnen.
Fritz
Binde
Wie
Ich Anarchist wurde
Im
ersten Brief an Timotheus beschreibt der Apostel Paulus seine wechselvolle
Lebensgeschichte in zwei kurzen Versen. Sie geben meinen eigenen Werdegang
treffend wieder, denn wie Paulus war auch ich früher ein Feind Jesu, der durch
Gottes Gnade zur Wahrheit finden durfte. Es heißt dort:
»Früher
habe ich ihn gelästert und seine Jünger verfolgt und misshandelt. Doch mir ist
Erbarmen widerfahren; denn ich habe in Unwissenheit gehandelt, weil ich ungläubig
war. Und die Gnade des Herrn hat sich überschwenglich reich an mir bewiesen;
sie hat in mir jenen Glauben und jene Liebe erweckt, die sich in Christus Jesus
finden« (1. Tim. 1, 13.14).
Bis zu meinem 33. Lebensjahr ging ich meine eigenen Wege und wollte von Jesus nichts wissen. Schuld daran war weniger die Begierde nach den sogenannten Freuden des Lebens, mich faszinierte vor allem die Weisheit der Welt. Mit achtzehn Jahren hatte ich schon so viel gelesen, dass für den Glauben an Gott kein Raum mehr blieb. Als Kind hatte ich Jesus wohl irgendwie liebgewonnen, doch blieb es bei einem eher unbestimmten Gefühl, weil mir niemand die wahre Bedeutung Jesu für mein Leben nahebrachte. Meine Mutter betete mit mir zwar regelmäßig Kindergebete wie:
»Ich bin
klein,
mein Herz mach rein,
soll niemand drin wohnen
als Jesus allein.«
Darüber
hinaus aber besaß der Glaube im praktischen Alltag meines Elternhauses
keinerlei Bedeutung. Im Gegenteil, als Knabe musste ich öfters zur Belustigung
meines kirchenfeindlichen Vaters auf einen Stuhl steigen und die Predigt des
Pfarrers nachahmen, wofür ich dann zur Belohnung ein Geldstück bekam. Dennoch
nahm ich meine Konfirmation kindlich ernst, weinte viel und nahm mir vor, meine
Sünden nie wieder zu tun.
Gottes
Gnade hat sich treu um mich bemüht. Obwohl ich von sieben Kindern das schwächste
war, bin ich allein am Leben geblieben. Von Kindheit an hatte ich das
zuversichtliche Gefühl, von Gott durch viele Irrtümer hindurch endlich ganz
gewiss ans rechte Ziel gebracht zu werden. Dieses bestimmte und bestimmende Gefühl
hat mich nie verlassen, auch in den dunkelsten Zeiten nicht.
In meiner engeren Thüringer Heimat gab es damals leider kaum bibelgläubige Christen. Daher lernte ich erst mit achtzehn Jahren den ersten wahrhaft gläubigen Menschen kennen. Es war in Frankfurt am Main. Ich war meinem Vater entlaufen und hauste in einer Herberge zusammen mit allerlei Reisenden in einem geräumigen Schlafraum. In den langen Nächten wurde viel erzählt, und ich hörte so manches, wovon ich vorher nichts gewusst hatte. Einmal kamen wir auch auf Gott und die Bibel zu sprechen. Das Zeugnis eines älteren gläubigen Mannes beherrschte den nächtlichen Raum. Verärgert widersprach ich ihm: »Ich glaube weder, dass die Bibel Gottes Wort, noch dass Jesus Gottes Sohn ist!«
»Dann
werden Sie an Ihren Sünden zugrunde gehen«, entgegnete jener Gläubige, »es
sei denn, dass Gott sie durch viel Elend doch noch zum Glauben bringt. Sie
werden Ihre Worte noch bitter bereuen!« Ich aber lachte nur und schlief ruhig
ein.
Einen
weiteren Liebeserweis Gottes erkannte ich später darin, dass er mich mit
zwanzig Jahren in das Haus eines gläubigen Mannes, meines späteren
Schwiegervaters, führte. Ihn mochte ich sehr, bis er eines Tages unnachsichtig
forderte, ich solle alle meine schlechten Bücher vernichten. Das ärgerte mich
maßlos, und in meinem Trotz entschloss ich mich, Mitglied eines
Freidenkervereins zu werden. Meine Braut weinte. Doch es gelang ihr nicht, mich
umzustimmen. Im Gegenteil, ich verwandte fortan jede Mark, die ich entbehren
konnte, zum Ankauf atheistischer Bücher und opferte den größten Teil der
Nachtruhe dem Studium der materialistischen Ideologie.
Ich
war noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt, da setzte ich eines Nachmittags den
lebendigen, persönlichen Gott ab und das ewige, unabänderliche Naturgesetz an
seine Stelle. Zur gleichen Zeit begann ich in schwere Sünden zu fallen. Die
Folgen waren innere Unruhe und Angst. Es tat mir seltsam weh, keinen Gott und
keinen Himmel mehr zu haben. Diese Leere im Herzen trieb mich zur
Sozialdemokratie, damals etwas Neuem und Revolutionärem, einer Ideologie, die
den Himmel auf Erden versprach. Mit fünfundzwanzig Jahren war ich bereits
sozialdemokratischer Redner und Schriftsteller. Mein Schwiegervater aber war
inzwischen gestorben. Der Kummer über meinen Lebenswandel und unsere Ehe hatte
ihn frühzeitig unter die Erde gebracht.
Dennoch
ließ mich Gott nicht fallen. Vier Jahre hielt ich es aus unter diesen
trinkenden, lärmenden Weltverbesserern, die glaubten, der Mensch werde besser,
wenn seine äußeren Verhältnisse vorteilhafter und bequemer würden. Dann
packte mich jedoch der Ekel über das herrsch- und rachsüchtige Treiben
innerhalb der Partei, und ich fing an, die sozialdemokratische Wissenschaft in
Frage zu stellen. Einer meiner Freunde, ein Redakteur, geriet über den gleichen
Problemen in solche Verzweiflung, dass er keinen Ausweg mehr sah und sich
erschoss. Man fand ihn in einem Raum, dessen Wände bedeckt waren mit Büchern
über unsere Volksbeglückungstheorien. Wie viele »Genossen« gehörte auch er
zu jenen Idealisten, die trotz ihrem zur Schau gestellten Optimismus im
Innersten zerrissen und unglücklich waren.
Doch
auch dieses Erlebnis brachte mich nicht zur Umkehr. Gott musste mich noch mehr
in die Tiefe führen. Die Enttäuschung über die Partei warf mich völlig auf
mich selbst zurück, denn eine Rückkehr zur bürgerlichen Gesellschaft kam für
mich nicht in Frage. Ihre Werte und Ordnungen waren mir ebenso verhasst wie die
der Partei, aus der ich nun austrat. Ein Leben in behäbiger Gleichgültigkeit
aber war meiner hungernden, ringenden Seele unmöglich. Wo konnte ich nun noch
Halt finden? Auch Kirche und Gläubigkeit bedeuteten mir nichts. So wurde der
Anarchismus zu meiner letzten Hoffnung.
Enttäuschte
Hoffnung
Ich
bitte, mich jetzt nicht falsch zu verstehen: nicht alle Anarchisten tragen
Bomben in den Taschen. Meine Hinwendung zum Anarchismus als Lebensphilosophie
geschah wesentlich unter dem Einfluss des Kant´schen Denkens, mit dessen Hilfe
ich den naturwissenschaftlichen und historischen Materialismus überwand. Kants
Lehre von der sittlichen Selbstgesetzgebung des Einzelmenschen ließ in mir den
Glauben reifen, jedermann müsse sein eigener Priester, Richter und Ordnungshüter
werden. Ich kam zur Überzeugung, dass dadurch alle Staats-, Rechts- und Polizei-,
ja jegliche Gesellschaftsordnung überflüssig würde. Die »freie Persönlichkeit
in der freien Genossenschaft« wurde mein neues Ideal, für das ich kämpfen
wollte. Freilich, zwei Jahre später war auch diese Utopie im Nichts zerronnen
und lag als erkannter Irrtum hinter mir. Ich hatte zur schmerzlichen Einsicht
kommen müssen, dass die meisten Menschen nicht zu »freien Persönlichkeiten«
taugen, sondern zeitlebens Sklaven niederer Instinkte bleiben. Und doch hatte
ich gerade in Anarchistenkreisen manch ehrlich ringende Seele gefunden, die
aufrichtig nach Gerechtigkeit hungerte und dürstete, wenn auch weit ab vom Wege
des Lebens. Etliche von ihnen durften später wie ich den Weg zum wahren Leben
finden.
Vorerst
jedoch ließ mich Gottes Gnade noch den letzten notwendigen Irrweg antreten.
Dieser führte von Kant über Nietzsche zur Kunst. Glaubte ich nicht mehr an die
Freiheit für alle, so lernte ich nunmehr durch Nietzsche, auf die Freiheit der
einzelnen »freien, sehr freien Geister« zu setzen. Das sind die Menschen, die
alte hergebrachten Grenzen des Denkens und Handelns überstiegen haben und »jenseits
von Gut und Böse« zu leben versuchen. Aus ihnen sollte der zukünftige, höhere
Mensch, der sogenannte »Übermensch« hervorgehen. Ihr Gott ist ihr wunderbares
Ich und ihr Gottesdienst das Denken und Schaffen als fröhliche Kunst.
Diesem
Gottesdienst weihte ich nun meine Feder und richtete mein sich immer freier und
stolzer gebärdendes Leben danach aus. Die letzten Rücksichten des alten
Gewissens fielen. Auf dieser Geisteshöhe hörte jede Sünde auf, Sünde zu
sein, wenn man sie nur mit dem nötigen erhabenen Selbstbewußtsein zu
rechtfertigen verstand. Hier galt nur eins: Raum allem starken, mutigen Leben,
denn in ihm offenbart sich das Göttliche! Die unausweichlichen Folgen dieses »hohen«
Lebens waren Verrohung des Gewissens, Sünde und Sündenfolge, Zerrüttung der
Nerven und schließlich totale Verwirrung.
Jesus
sucht mich
Obwohl
ich damals noch nichts davon wusste, war Gottes Liebe bereits in mir am Werk.
Ich wurde nervenkrank und arbeits-, ja sogar denkunfähig. Das überstudierte,
übernächtigte Leben mit seinen Auf- und Ausbrüchen, Enttäuschungen und
Schlechtigkeiten forderte seinen Tribut. Schlaflose Nächte, schreckliche
Angstzustände peinigten Leib und Seele und brachten mich an den Rand des
Zusammenbruchs. So ging ein Jahr hin und eine neues brach an.
»Frau«,
sagte ich, »wir müssen einen neuen Abreißkalender haben, um die Tage des
Elends weiterzuzählen.«
»Ich
habe schon einen besorgt«, erwiderte sie und brachte mir einen frommen
Neukirchener »Christlichen Hausfreund«, den sie ohne mein Wissen von einem
christlichen Kolporteur gekauft hatte. Gegen meinen Willen hing nun dieser
sogenannte »Hausfreund« an der Wand und mir täglich vor Augen. Jeden Tag riss
ich ein Blatt ab und warf es ungelesen und zerknittert ins Kohlenfass. Was für
ein widerliches Zeug! Es reizte meine schwachen Nerven. Niemals wollte ich mich
daran gewöhnen, es auch nur anzusehen; das Datum brauchte ich und sonst nichts!
Aber
das Leiden wuchs mir über den Kopf. Befreundete Ärzte verordneten mir Ruhe. -
Ruhe!? Wo sollte es Ruhe geben in diesem wahnsinnigen Spiel ängstigender
Gedanken? »Ruhe« bei diesem schauerlichen Hinabstürzen in den geistigen wie
äußerlichen Ruin? Da standen die vielen hundert Bücher, aber nicht eines
vermochte mich wieder aufzurichten! Was halfen mir nun Kant, Nietzsche und all
das Gereime und Geschreibe meiner Lieblingspoeten? Was die philosophischen
Ratschläge meiner Freunde? Was mein eigenes erarbeitetes Wissen, das jetzt
auseinanderfiel wie ein gestrandetes Schiff?
Verzweifelt
hielt ich das abgerissene Blättchen in Händen und - begann zu lesen:
»Das
Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von alter Sünde ...«
(1. Joh. 1, 7).
Das »Blut«?
Unfassbar! Das war ja heidnisch-jüdischer Opfergreuel! Ein Gott, der Blut sehen
will ...? Weg damit! Zerrissen flog das Blatt ins Kohlenfass. Und dann »Sünde«!
Was bedeutete für mich schon »Sünde«? Ein leeres Wort in Anführungszeichen,
etwas für altmodische Leute, ein rein relativer Begriff, ein notwendiges Schattenspiel
im Weltgemälde, eine Dissonanz, die sich im Weltakkord auflöst. Jedenfalls ist
es »Sünde«, so schloss ich meine Betrachtungen, im Leid zu verzagen und feige
zu Kreuze zu kriechen!
An einem
anderen Tag las ich:
»Die
auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln
wie Adler« (Jes. 40, 31).
Ja,
auf neue Kraft harrte ich wohl, aber nicht auf einen »Herrn«. Ich glaubte zwar
wieder an einen Gott; aber den suchte ich nicht über mir, sondern in mir,
in meinen Gaben, in den Sehnsüchten und Leidenschaften meiner Seele, in meinem
bis zu den Grenzen des Alls ausgedehnten Ich, das sich mit allem Leben liebend
eins wusste, und was dergleichen große Redensarten mehr waren. Gott
gehorchen, hieß deshalb mir gehorchen. Was sollte da ein Herr »über«
mir? - Aber lag nicht mein Ich bankrott am Boden? Wo war da der Gott »in« mir?
Nach langem Nachsinnen legte ich das Blättchen zu weiterer Prüfung auf meinen
Schreibtisch. Doch bald griff ich wieder danach, strich entschieden das Wort »Herr«
durch und legte das Blatt von neuem auf den verstaubten Tisch.
Der
Kampf beginnt
Bald
rang ich jeden Tag mit den Worten dieser Kalenderblätter wie mit einem
gewappneten Feind, der sich mir unermüdlich entgegenstellte. Ich bestritt,
durchstrich, zerriss und glaubte, ihn damit besiegt zu haben. Aber am nächsten
Morgen stand mein Gegner so frisch wie ehedem vor mir, während ich zunehmend
matter und unsicherer wurde. Mit täglich neuer Kraft überwand er mich, und
schließlich ertappte ich mich dabei, dass ich ihm wie einem wohlmeinenden
Freund zuhörte.
Prüfend
begann ich, die Evangelien zu lesen. Aber welch völlig veränderte Bedeutung
bekamen nun die Bibelworte für mich! Früher hatte ich Jesus lediglich als
den Sozialdemokraten, Anarchisten und übermenschlichen Lebenskünstler zu sehen
und zu studieren versucht. Zum ersten Mal in meinem Leben näherte ich mich ihm
jetzt mühselig und beladen. Wenn er am Ende doch mein Retter werden könnte?
Wenn es gar wahr wäre, das mit dem Blut ...?
Bei
diesem Gedanken sprang ich unvermittelt auf und holte mir aus der langen Bücherreihe
Nietzsches »Antichrist« heraus. Ich wollte endlich sehen, wer recht hatte! Ich
las die wohlbekannten Sätze, das Christentum sei nur für die »Schwachen,
Missratenen, Überreizten, Erschöpften, die das Unglück mit dem Begriff 'Sünde'
beschmutzten ...« »Es steht niemandem frei, Christ zu werden; man wird zum
Christentum nicht 'bekehrt' - man muss krank genug dazu sein.« - Ich zitterte.
Traf das nicht auf mich zu? Deutlich hörte ich eine spitze Stimme fragen: »Wenn
du gesund wärest, würdest du dann diese Kalenderblätter lesen?«
Ich
wankte und taumelte gegen einen Spiegel, starrte mein Bild an und erwartete den
Ausbruch des Wahnsinns. Aber es gelang mir, mich irgendwie aufzufangen.
Trotzig
schleppte ich mich an einem der folgenden Abende wieder in die alte
Gesellschaft. Als ich gegen Morgen heimwankte, stieß ich mit dem Fuß gegen
einen Stein. Ich stieß ihn fort, stieß in meinem bedauerlichen Zustand aber
ein zweites und ein drittes Mal an ihn. Dieses Stossen, der Ausdruck des Trotzes
im eigenen Gewissen, war - ach, wie so oft schon! - ein Stossen gegen den
Stein des Anstoßes und den Fels des Ärgernisses (1. Petr. 2, 8), gegen die
im Herzen hörbare, aber noch unerkannte Stimme Jesu, des guten Hirten.
Seltsamerweise musste ich den Stein aufheben und anschauen, als ob er mir etwas
zu sagen habe. Da hörte ich deutlich: »Ich bin's, der mit dir redet,
Christus« (Joh. 4, 26).
»Die
Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken« (Luk. 5, 31).
Das war eine
deutliche Antwort. Leider schlug sie aber nicht durch. Spiritistische und theosophische
Gewohnheiten hatten mich abgestumpft und misstrauisch gemacht gegen jegliche
Mitteilungen aus der Geisterwelt. Trotzdem nahm ich jenen Stein mit nach Hause,
wusch ihn - es war ein weißer Kiesel - und schrieb »Joh. 4, 26« darauf. Er
liegt heute noch auf meinem Schreibtisch.
Nach
diesen Begebenheiten begann eine Zeit entsetzlicher Kämpfe. Es schien, als ob
ich mit dem Hervorholen jenes Nietzsche-Buches einem bösen Geist Macht zum
Mitreden gegeben hätte. Und dies war tatsächlich der Fall. Der Dämon war
wirklich gegenwärtig! Mein »Christlicher Hausfreund« und meine Bibel ließen
wohl täglich ihre friedlichen Worte hören, aber jene höhnische Stimme in mir
schrie jetzt immer dagegen. In diesem Kampf wurde nicht mehr durch mich,
sondern über mich entschieden! Ein schauerlicher Druck lag Tag und Nacht
auf meinem Geist. Wenn ich ein wenig hinausradelte, um frische Luft zu schöpfen,
so schrieen dunkle Stimmen in mir: »Fahr hinab in den Abgrund, hinunter mit dir
in den Strom! Deine Frau bekommt die Lebensversicherung ausbezahlt, gesund wirst
du doch nicht wieder; du tust ein gutes Werk, stürz dich hinunter!« Es war wie
Nietzsches Ruf: »Stirb zur rechten Zeit!«
Wie
mich Jesus überwand
Genau
zur rechten Zeit führte mich Gottes Gnade mitsamt den Meinen für eine Weile in
das Elternhaus meiner lieben Frau. Dort in der Nähe wohnte ein mir bekannter
Prediger, der bislang allerdings ohne Einfluss auf mich geblieben war. Diesem
offenbarte ich jetzt einiges von der inneren Umwandlung und den Kämpfen, die
ich durchlitt. Er schien mehr verwundert als erfreut, lieh mir aber ein kleines
Büchlein, das er mir sehr empfahl: »Der Weg dem Lamme nach« von Georg
Steinberger.
Noch
in der Straßenbahn begann ich den Inhalt dieses Heftchens begierig zu
verschlingen. Zu Hause angekommen las ich es zu Ende, um sogleich noch einmal
von vorne anzufangen. Das Büchlein vollbrachte in mir ein Wunder. Es verwandelte
mir Jesus von Nazareth, den vornehm-überlegenen, heroischen Weisen, in Jesus
Christus, das demütig dienende, hingeschlachtete Lamm Gottes, das der Welt Sünde
und auch meine Sünde ans Kreuz trug. Es bewies mir den Sieg des Schwachen und
Nichtigen über das Starke und Grosse in der Welt. Es stellte mir den Lammesweg
über den Löwenweg. Es weckte in mir den Leidenssinn und die Bereitschaft, »Ja«
zu sagen zu meinem Elend. Mit einem Mal war mir klar, dass es Gott selbst war,
der mich in diese Tiefe geführt hatte. Er macht mich dadurch fähig, ihn als Herrn
über mich anzuerkennen und mich demütig zu seinen Füssen zu werfen.
Dieses scheinbar nichtige Büchlein hatte mehr vollbringen können, als all die
vielen Bücher, die ich gelesen hatte, zusammengenommen!
Und
all das geschah unter demselben Dach, unter dem mein Schwiegervater damals meine
schlechten Bücher nicht dulden wollte, unter demselben Dach, unter dem ich Gott
abgesetzt und in Sünden gelebt hatte, und in demselben Zimmer, in dem mein
Schwiegervater aus Gram über mein verfehltes Leben und unsere Ehe gestorben
war. - »Wie unerforschlich sind Gottes Gerichte, wie unbegreiflich seine
Wege!« (Röm. 11, 33).
Nun
war ich im wahrsten Sinne des Wortes »bekehrt«, obgleich ich die volle
Bedeutung dieser Stunden erst viel später verstand. Damals wäre mir der
Begriff »Bekehrung« noch sehr widerlich und albern erschienen; ich hätte ihn
niemals auf mein Erlebnis anwenden mögen. Ich wusste nur, dass ich eines mit
blitzschneller Deutlichkeit erfahren hatte: Gott ist dein Vater, er hat dir
durch Jesus Christus vergeben, und du bist nun in, den besten Händen. Aus
dieser Erkenntnis strahlte mir ein wunderbarer Strom der Ruhe und des Friedens
entgegen. Es war wie ein sonniger, warmer Frühlingshauch. Ich lief hinunter in
den Garten, staunte den Himmel, die Bäume, die Blumen an, alles frohlockte:
Gott ist dein Vater durch Jesus, du bist nun in den besten Händen! Ich jauchzte
laut. Es war der erste Lebensschrei der wiedergeborenen neuen Kreatur.
Wachsendes
Erkennen
Langsam
lernte ich, anderen von der Liebe und der Gnade meines neuen Herrn
weiterzusagen, und in kleinen, zögernden Schritten fing ich auch an zu beten.
Wie freute ich mich nun über scheinbar längst vergessene Liederverse und
Bibelsprüche aus meinen Kindertagen! In dem Maße wie ich beten lernte, ging es
auch mit meinen Nerven wieder aufwärts. Allmählich kehrte etwas Arbeitskraft
zurück. Natürlich wollte ich in den alten Verhältnissen weiterwirken, nur
sollte jetzt überall der Name Jesus mit hinein. Wie aber hätte Jesus, der
Gekreuzigte, in modernen Kunstblättern und Literaturheftchen Raum finden können?
Wie in Theatern, Ausstellungen und Nachtlokalen? Am ehesten konnte man wohl noch
in freien Vorträgen von ihm zeugen. Von Tag zu Tag wurde mir klarer, dass das
neue innere Leben und der äußere Lebenskreis nicht zusammenpassten.
Als
ich meinem vertrautesten Freund, mit dem zusammen ich ein ganzes Jahrzehntlang
gestrebt und gerungen hatte, eines Tages erklärte, ich wolle nunmehr nur noch
nach der Bibel leben, kündigte er mir die Freundschaft sofort auf. Ähnliches
widerfuhr mir von allen Seiten. Dazu kamen die Versuche, mich »wieder zur
Vernunft zu bringen«. Was aber konnten meine ehemaligen Freunde schon
einwenden? Nicht mehr als ich selbst wusste und früher gegen den Glauben an die
Bibel vorgebracht hatte. Wo aber waren Entwicklungslehre, Philosophie und
Bibelkritik geblieben? Vom Geisteswehen des lebendigen, allmächtigen Gottes
erfasst, waren all diese gottfeindlichen Bollwerke meiner Gedankenwelt auf einen
Schlag vernichtet worden. Sie hatten jegliche Faszination verloren. Zu diesem
starken Gott schrie ich in meiner Ratlosigkeit und bat ihn um einen gangbaren
Weg für mein weiteres Leben. Und Gott ließ mich nicht im Unklaren, er erhörte
mich.
Ich
hatte in der Stadt einen Vortrag über »Zola - Ibsen - Tolstoi« gehalten und
mich eben, über das Widersprüchliche meiner Tätigkeit nachsinnend, zur Ruhe
gelegt. Auf einmal blieb mein Blick an einer Schrift haften, die aus der Tasche
meines an der Wand hängenden Mantels ragte. Neugierig sah ich nach und las: »Lebst
du in der Gegenwart Gottes?« Ein gläubiger Student, den ich damals
kennengelernt hatte, musste mir diese Broschüre von einem gewissen Georg
Steinberger in die Tasche gesteckt haben. Sofort schlug ich sie auf. Noch während
ich las, überkam mich eine solche Flut von lichten Gottesschauern, dass ich
nachher in dem dunklen Zimmer wie in einem überirdisch erleuchteten Räume lag,
und plötzlich wusste ich: »Du musst nach R. in die Schweiz zu Georg
Steinberger!« Es war wie ein königlicher Marschbefehl. Schon am nächsten
Abend trug mich der Schnellzug in die Schweiz.
Körperliches
Unbehagen, besonders Magenkrämpfe, sowie eine satanische Lust, die Frommen zu
verhöhnen, wollten mich unterwegs wiederholt von meinem Reiseziel abbringen.
Als ich dennoch die Schwelle jenes christlichen Heimes in R. überschritt, kam
ich mir vor wie einer, der sich lebendig hinter ewige Kerkermauern begibt. Aber
ich wurde angenehm überrascht. Nichts von den Verschrobenheiten, die mir für
die »Frommen« typisch schienen, war zu bemerken. Hier herrschten königliche
Freiheit, praktische Natürlichkeit und eine Stille, die mir unendlich wohltat.
Zum ersten Mal in meinem Leben begegnete ich echten Christen, Menschen, die auf
mich den Eindruck machten, dass sie wirklich lebten, was Jesus zu leben befohlen
und vorgelebt hatte.
Durch
Jesus und für Jesus
Der
Aufenthalt in R. war für mich von entscheidender Bedeutung. Hätte mein
forschendes Auge hier irgendwelche Spuren der verhassten Allerweltsselbstsucht
oder gar der frommen Heuchelei gefunden, so wäre es höchstwahrscheinlich um
meinen jungen Glauben geschehen gewesen. Aber ich fand nichts als überströmende
Liebe, kindliche Gläubigkeit und wohlgefällige, biblische Lebensordnung. Das
allein überwand mich, denn es zeigte mir die Kraft des Glaubens an den
Gekreuzigten. Es überzeugte mich davon, dass es in dieser Welt wirklich möglich
ist, ein Christ zu sein. Daran hatte ich früher stets gezweifelt. Nie hatte ich
wahrhaft christliches Leben gesehen; darum hatte ich auch nie an die christliche
Lehre geglaubt. Statt dessen hatte mich die Sehnsucht nach wirklichem Leben zum
Glauben an die sozialdemokratische und anarchistische Gerechtigkeit getrieben
und mich schließlich an der Unerreichbarkeit des »Übermenschlichen«
verzweifeln lassen.
Nun,
da ich die Erfüllung meiner Sehnsucht hatte finden dürfen, richtete sich mein
ganzes Denken und Trachten immer mehr auf das eine Ziel aus: Ich wollte durch
Jesus und für Jesus leben. Mir erschloss sich eine wunderbare Quelle an
Klarheit und Kraft. Es war mir, als könne ich daraus unendlich mehr schöpfen,
als ich je zu fassen in der Lage war.
Herr
Steinberger, der treue Bruder im Herrn, schien meinen inneren und äußeren
Zustand mit einem Blick zu übersehen.
»Sie
müssen Ihr ganzes bisheriges Leben und auch Ihren Beruf aufgeben«, sagte er zu
mir.
»Das
will ich ja, aber wovon soll ich dann leben?« gab ich ihm etwas ratlos zur
Antwort.
»Mein
lieber Bruder, wer mit Christus lebt, muss sich darum nicht sorgen. Lesen Sie
doch einmal den 23. Psalm!«
»Aber
ich habe Frau und Kinder, und meine Frau ist nicht gläubig. Wie soll sie mich
da verstehen?«, zweifelte ich noch immer.
»Das
macht nichts. Beten Sie für sie! Und dann geben Sie Ihren Haushalt auf und
kommen so lange zu uns, bis Ihnen der Herr zeigt, wo Sie für ihn arbeiten
sollen. Er wird Ihnen ganz gewiss eine Tür öffnen. Vertrauen Sie ihm, er wird
Sie nicht enttäuschen!«
»Aber
bedenken Sie doch: Ich habe eine Frau, zwei Kinder und .. .« - »Ich glaube,
hier gibt es nichts mehr zu bedenken«, fiel er ein. »Vertrauen Sie rückhaltlos
Ihrem Herrn! Wenn er, wie in Ihrem Fall, den Weg so klar weist, was sollen dann
noch Zweifel? Kommen Sie nur erst einmal zu uns.«
Damit
war über den nächsten Schritt entschieden. Sechs Wochen später ließen wir
alles hinter uns, was bisher unser Leben ausgemacht hatte, Heimat, Freunde,
Verwandte, Haus und Besitz, Arbeit und Auskommen und zogen in das Land, das Gott
uns gezeigt hatte. Es dauerte nicht lange, und das leuchtende Beispiel der
lieben Geschwister in R. bewirkte, dass auch meine Frau Vertrauen zum lebendigen
Gott fassen konnte. Ohne dass Menschen sie dazu besonders aufgefordert hätten,
übergab sie Jesus ihr Leben. Schon wenige Monate später, nachdem mein ganzes
früheres Leben vor Gott und den Menschen ans Licht gekommen war und ich darüber
Busse getan hatte, durfte ich mit hinausziehen und überall im Land das
Evangelium verkünden. Dass Gott mein aus Irrtum und Finsternis gerettetes Leben
brauchen wollte, um auch andere vor dem Weg ins Verderben zu bewahren, trieb
mich zu Dank und Anbetung. Wie viele Hunderte, die mir heute schon oder später
einmal fluchen mögen, hatte ich in die Wüstenei des Atheismus und Sozialismus
gelockt! So weit ich zurückdenken konnte, war mein Leben ein Fluch gewesen;
deshalb erfüllte mich nur noch der eine brennende Wunsch: »Herr, von jetzt an
lass mein Leben ein Segen für viele werden!«
Was
der unbekannte Reisende mir damals in jener Nacht in Frankfurt vorausgesagt
hatte, war eingetroffen, obgleich ich siebzehn Jahre lang nicht mehr an jenes nächtliche
Gespräch gedacht hatte. Eingetroffen war auch, was mir schon von früher
Kindheit an auf unerklärliche Weise sicher schien, nämlich dass mich Gottes
Gnade und Barmherzigkeit durch alle Irrungen und Tiefen hindurch ans Ziel
bringen werde. In Jesus Christus war er mir nachgegangen, lange bevor ich etwas
von ihm wissen wollte. Der Gekreuzigte hatte für meine schwere Schuld bezahlt
und mich zu Gott zurückgeführt.
Ja,
Gott ist wahrhaftig und treu. Nie mussten wir Mangel leiden, weder geistlich
noch leiblich, seit wir uns seiner Führung anvertrauten. Er gab mir einen
Platz, an dem ich für ihn arbeiten konnte und rüstete mich aus mit seiner
Kraft, ohne die all unser Wirken für ihn fruchtlos bliebe und scheitern müsste.
So ist er nicht nur der Anfänger des Glaubens, sondern auch der Vollender
seines Werkes bis zu dem Tage, an dem er wiederkommen wird.
Georg Steinberger, den uns der Herr als eine so liebe Erscheinung an das Eingangstor zum Himmelreich gestellt hatte, ist inzwischen heimgegangen. Aber ein Wort, das er mir mit auf den Weg gab, und nach dem dieser treue Diener Gottes selbst zu leben trachtete, ist mir unvergessen geblieben. Er sagte zu mir: »Bruder, wir wollen unser Leben wagen für das Lamm!«