Lehrt die Schrift die Allaussöhnung?
Es ist keine müßige Frage, die wir hier aufrollen. Sie ist von tief einschneidender Bedeutung zum Erfassen des gesamten göttlichen Heilsplanes. Wird Gott am Ende Seiner Rettungswege nur einen Teil Seiner Geschöpfe zum Ziel gebracht haben? Wird die große Disharmonie, die große Kluft, die gegenwärtig Milliarden von Geschöpfen vom Schöpfer trennt, für immer bestehen? Gleicht Gott einem unvollkommenen Töpfer, dem eine Menge Seiner Tongefäße mißraten und die Er vor Zorn darüber zerschlägt und sie ins Feuer wirft, weil Er nie mehr etwas damit anfangen kann? Wäre es denn wirklich wahr, daß aus Ihm und durch Ihn und zu Ihm hin das All ist (Röm. 11, 36)? — Das allein sind Fragen, die jeder Gläubige irgendwie einmal in sich bewegt. Es wird auch keinen Gläubigen geben, dem es Gewißheit ist, daß er aus Gnaden errettet wurde, der sich nicht im tiefsten Herzen danach sehnt, daß Gott auch allen anderen Geschöpfen helfen möge, oder sollte das Gott nicht wollen? Sollte Ihm der sogenannte freie Wille der Geschöpfe unüberbrückbare Schranken setzen?
Wir wollen all diese einschlägigen Fragen der Reihe nach gründlich untersuchen. Ferne sei es von uns, damit irgendwelche fruchtlosen Meinungen zu diskutieren — wir möchten vielmehr wachsen in der Erkenntnis der wunderbaren Liebe unseres Gottes. Die Länge und Breite und Tiefe und Höhe dieser Liebe soll uns nach Epheser 3, 14-21 aufgeschlossen werden. In dieser Liebe werden wir dann völlig zur Ruhe kommen. Wir werden anbeten lernen über die alles übersteigende Liebe Gottes!
Die von Gott gegebene Sehnsucht der Menschen
Jeder Mensch ersehnt im tiefsten Herzen die Aussöhnung des Alls. Wir sind auf Harmonie angelegt, eine endlos fortbestehende Disharmonie im All würde uns nie beglücken. Wer kann restlos glücklich sein, solange er weiß, daß Menschen, die er einst liebte, gequält werden? Wer kann sich restlos seiner Errettung freuen, wenn er weiß, daß es noch Milliarden von Ungeretteten gibt? Man hat die Ausrede gefunden: Wir werden dann so vollkommen einig sein mit Gottes Plänen, daß wir solch sentimentale Gefühle nicht mehr hegen. Das ist aber nur eine Ausrede. Sollte denn Gott sich von unserer Liebe beschämen lassen? Sollte Er uns gebieten: “Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm den Bissen! Wenn ihn dürstet, gib ihm zu trinken … Werde nicht vom Üblen überwunden, sondern überwinde das Üble mit dem Guten” (Röm. 12, 20.21), und Er Selbst das nicht tun? Man sagt: Ja, aber Seine Gerechtigkeit und Seine Heiligkeit! — Wir wollen im Verlauf dieser Untersuchung zeigen, daß dieselben in keiner Weise zu kurz kommen. Es steht aber nicht geschrieben: Gott ist die Heiligkeit. Er ist heilig. Andererseits aber: Gott ist die Liebe; die Liebe ist Er wesenhaft! Da geht es nun nicht an, Sein Wesen gegen Seine Eigenschaften auszuspielen.
Die Allaussöhnung entspricht auch vollkommen der Geduld und der Weisheit Gottes. Wie wunderbar hat Gott vielfältig in Seinem Wort Seine Geduld bewiesen. Wie hat Sein Erbarmen den Saulus getragen und ihn aus purer Gnade errettet zum Vorbild für alle, die an Ihn glauben werden zum äonischen Leben (1. Tim. 1, 16). Das Wunder seiner eigenen Errettung sieht Paulus als festen Beweis dafür an, daß einmal ganz Israel noch errettet werden wird (Röm. 11, 1). Warum sollte Gott dieses eine Volk von der Menschheit so bevorzugen und es trotz aller Sünde, trotz aller Widerspenstigkeit, trotz aller Schuld und Schande noch zum Ziel bringen und in seiner Gesamtheit erretten (Röm. 11, 25.26) — und für die anderen Nationen sollte es nur Flüche geben? Dem ist nicht so. Paulus erklärt Römer 11, 28, daß die Israeliten jetzt dem Evangelium nach Feinde sind um unsertwillen, daß sie aber gleichzeitig hinsichtlich der Auswahl Geliebte sind um der Väter willen. Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar. Die Nationen haben einst nicht geglaubt, sind aber jetzt unter das Erbarmen gekommen durch den Unglauben Israels (Vers 30). Also, fährt Paulus fort, haben auch die Juden jetzt nicht an das uns zuteil gewordene Erbarmen geglaubt, damit auch sie unter das Erbarmen kommen. Einmal glauben die Nationen nicht und sind Feinde und Israel glaubt, und dann wiederum ist Israel verstockt und die Nationen glauben. Das alles kommt von Gott! Denn Gott hat alle zusammen in Widerspenstigkeit eingeschlossen, damit Er Sich aller erbarme (Röm. 11, 32). Beachten wir: Gott hat das getan! Dieses Einschließen in ein solch entsetzliches Gefängnis wäre ein gefährliches Experiment, wenn Er nicht wüßte, daß alle wieder herauskommen. Paulus glaubte dies bestimmt, sonst hätte er darüber nicht anbeten können: “O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind Seine Urteile und wie unausspürbar Seine Wege!” Das Herz des Paulus brannte vor Verlangen danach, daß sein verblendetes Volk auch Errettung finden sollte. Lieber wollte er für seine Brüder zeitweilig verbannt sein, wenn sie dadurch gerettet werden könnten (Röm. 9, 3). Gott Selbst hat ihn wegen dieses Schmerzes getröstet, indem Er ihm das große Geheimnis offenbarte, daß Israels Verblendung nur zeitweilig ist (11, 25). Wir fragen noch einmal: Warum ist dieses keineswegs edelste Volk der Menschheit so bevorzugt?
Autor: Dick, Willy | Kategorie(n): Allversöhnung | 702 x gelesen


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