Die Kirche Christi zwischen Weltversöhnung und Weltvollendung
Wir verstehen das Wesen der Gemeinde (Christi) nicht, wenn wir nur das Gemeinschaftsgebilde für sich ins Auge fassen, das nach dem Pfingstereignis in Jerusalem ins Leben trat und das uns die Apostelgeschichte so anschaulich geschildert hat. Was Gemeinde ist, wird uns vielmehr nur deutlich, wenn wir den Blick von vornherein nicht bloß auf dieses Gemeinschaftsgebilde selbst, sondern auf das Weltganze richten. Denn das Dasein der Gemeinde inmitten der Völkerwelt ist der Ausdruck für einen Zustand, in dem sich die ganze Welt befindet. Der Weltzustand, in dem es Gemeinde gibt, ist der ungelöste Zwischenzustand. Dieser unterscheidet sich von den beiden gelösten Weltzuständen.
Der erste gelöste Zustand ist der, in dem die gottfeindlichen Gewalten volle Freiheit haben, sich ungehemmt zu entfalten, ohne dass ein Gegengewicht da ist. Der zweite gelöste Zustand ist der, in dem alle Gottesfeinde besiegt und “zum Schemel Seiner Füße gelegt sind” (1. Kor. 15, 25), so dass Gott “alles in allem” ist. Der ungelöste Zwischenzustand zeigt sich, wie der Hebräerbrief sagt, darin, dass die Menschen, “deren die Welt nicht wert war”, die also der ganzen Welt an innerem Wert überlegen sind “in Mangel, Trübsal und Ungemach” umhergehen (Hebr. 11, 37f.). Sie sind den gottfeindlichen Gewalten preisgegeben, weil Gott Seine richtende Macht diesen Gewalten gegenüber noch zurückhält. Dieser ungelöste Zwischenzustand hat nur dann einen Sinn, wenn ihm die Bedeutung zukommt, die in einem Musikstück eine ungelöste Dissonanz hat. Diese Dissonanz wäre musikalisch unerträglich, wenn sie den Ausklang des ganzen Musikstückes bildete, also endgültigen Charakter hätte. Die Dissonanz kann nur eine musikalische Notwendigkeit haben als Übergang zur harmonischen Lösung. Sie ist dazu da, die Spannung ins Ungeheure zu steigern, die dann in einem lösenden Akkord aufgehoben wird.
Autor: Heim, Karl, Prof. Dr. | Kategorie(n): Allversöhnung, Erkenntnis & Wesen Gottes, Gemeinde, Völkerschaften | 1,032 x gelesen


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