Wenn ein Merkmal für den Geist der Neuzeit charakteristisch ist, dann ist es die ungeheure Intensität, mit der wir die vordergründigen, habhaften Dinge des Lebens empfinden und in uns aufnehmen. Eine Modenschau, ein Fußballländerspiel, ein Hochhaus, ein schwimmender Ozeanriese, ein Flugzeuggeschwader, das alles sind Realitäten, unter denen wir uns etwas vorstellen können und die unser Interesse mächtig erregen.
In dem Maß freilich, als diese sichtbare Erscheinungswelt über uns Gewalt gewonnen hat, sind wir blind geworden für das Reich der Seele, für die geheimnisvollen Kräfte des Übersinnlichen, und gleich gar für die Realität einer transzendenten göttlichen Welt. In besonderer Weise hat sich die metaphysische Erblindung ausgewirkt im Blick auf den Erlebnisbereich von Engel und Dämon. Die Skepsis gegenüber diesen überirdischen Mächten reicht heute weit hinein bis in die Reihen der christlichen Theologie. Das Entmythologisierungsprogramm der Marburger Schule richtet sich bekanntlich vor allem auch gegen jede Art von Angelologie und Dämonologie. Im Zeitalter von Computer, Fernsehen und Elektrizität, so werden wir belehrt, könne kein wissenschaftlich gebildeter Mensch mehr an die Realität von Engeln und Dämonen glauben, ohne sich selbst gegenüber unehrlich zu werden. Mag man in der religiösen Sprache solche Worte in Gebet, Predigt und Kirchenlied gelegentlich noch gebrauchen, man muß sich aber klar darüber sein (so wird uns gesagt): es sind das lediglich Umschreibungen in mythischer Sprachform, die auf die innerseelischen Vorgänge von Vertrauen oder Zerrissenheit in der menschlichen Existenz hinweisen.
Angesichts von so viel Skepsis gegenüber einer Welt der höheren Mächte, die Beistand gewährend oder versuchlich auf uns einwirken, hat es keinen Sinn, so etwas wie eine Glaubensforderung im Blick auf die Anerkennung derartiger Realitäten zu erheben. Der moderne Mensch würde sich dagegen nur wehren und erklären, er lasse sich intellektuell nicht vergewaltigen. Im übrigen wäre ja auch mit einem bloßen Für-wahr-Halten nichts gewonnen und niemand gedient. Man muß schon versuchen, durch innere Überführung den kritischen Geist der Neuzeit zu überwinden, so daß er sich wieder zu öffnen wagt für eine Schau, die ihm verlorengegangen ist.
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Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr. | Kategorie(n): Das Böse, Lehre, Unsichtbare Welt | 1,992 x gelesen
“…Auf daß der Vorsatz Gottes bestehen bliebe und Seine freie Wahl, nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufers wurde zu ihr (Rebekka) gesagt: ‘Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren’, wie denn geschrieben steht: ‘Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt.’ Was sollen wir denn hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! Denn Er spricht zu Mose: ‘Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, des erbarme ich mich.’ So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Denn die Schrift sagt zum Pharao: ‘Eben darum habe ich dich erweckt, daß ich an dir meine Macht erzeige, auf daß mein Name verkündigt werde in allen Landen.’ So erbarmt Er sich nun, wessen Er will, und verstockt, welchen Er will. Nun sagst du zu mir: Was beschuldigt Er uns dann noch? Wer kann denn Seinem Ratschluß widerstehen? O Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Gefäß zu Ehren und das andre zu Unehren?” (Röm. 9, 11-21)
Wer sich anhand der neutestamentlichen Berichte mit dem Leben des Apostels Paulus beschäftigt, dem muß sich die Erkenntnis aufdrängen: Paulus hat das Volk, dem er entstammte, zeitlebens heiß geliebt. Weil aber Paulus sein Volk, das jüdische Volk, so innig ins Herz geschlossen hatte, darum hat er als ein von Jesus Christus Ergriffener bitter-schmerzlich darunter gelitten, daß dieses sein Volk an Jesus so vorbeigegangen war, ja Ihm draußen vor den Toren der Stadt Jerusalem den schmachvollen Tod bereitet hatte.
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Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr. | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes | 853 x gelesen
Wir fragen: Gibt es Möglichkeiten einer Wiedergutmachung, einer sittlichen Höherentwicklung nach dem Sterben, oder muß der Tod als die Grenze aller Gnadenfrist verstanden werden? Es gibt viele Worte Jesu, die mit großem Ernst von der Tatsache eines doppelten Ausgangs, von der Möglichkeit eines ewigen Verlorengehens reden. In der Sprache der Gleichnisse ausgedrückt: Es gibt wertlose Spreu, die verbrannt wird, und wertvolles Korn, das in die ewigen Scheuern gesammelt wird. Es gibt Menschen, die wie Schafe und Böcke zur Rechten und Linken der Thronherrschaft Gottes getrennt gestellt werden. Darum sollte keiner in dieser Weltzeit die Entscheidung für Gott versäumen oder verschieben. Dieses Leben ist die große Bewährungsprobe. Wie wir hier auf Erden für oder gegen Gott Stellung genommen haben, bleibt von ewiger Tragweite.
Auf der anderen Seite wollen wir nicht verschweigen, wie groß die Schwierigkeiten werden, wenn jenseits von Grab und Tod keinerlei Möglichkeit einer Wiedergutmachung und Wandlung gelten soll. Was soll aus all den Millionen von Menschen werden, die vor Christi Geburt gelebt haben oder denen nach Christi Geburt keine Möglichkeit der Begegnung mit dem Weltheiland zuteil wurde? Da ist die heidnische Völkerwelt, die Gott jahrtausendelang ihre eigenen Wege hat gehen lassen, ehe das große Liebesangebot Gottes in Krippe und Kreuz der Menschheit aufleuchtete. Wir selbst brauchten nur in Tibet oder im Ural geboren zu sein, der Name Jesu würde uns auch heute dort kaum erreichen. Oder wie beschwert ist manche deutsche Mutter. Ihr Sohn wurde in eine antichristliche Weltanschauung, in eine germanische Nationalreligion hineingedrängt und dafür gewonnen. Zuletzt schickte man ihn als blutjungen Menschen auf die Schlachtfelder, den russischen und amerikanischen Panzern entgegen. Er ist dabei gefallen, ohne Zielfindung in einem klar gegründeten christlichen Glauben. Auf all solche Anfechtungen antwortet evangelische Verkündigung und Seelsorge mit dem Hinweis, daß Christus nach Seinem Kreuzessieg niedergefahren sei zu den Toten, um auch dort Seine Lebensherrschaft kundzumachen, um auch dort Sein rettendes Erbarmen allen denen geschenkweise anzubieten, die sich danach ausstrecken. Gott ist ein Gott über Lebende und Tote. Darum soll sich niemand um seine Liebsten grämen, die, vor der Zeit hinweggerafft wurden, ehe sie Gott in persönlicher Gewißheit und Aneignung des Heils begegnen konnten. Für all solche Schicksale hat das Leben nach dem Tod Raum zur Heimkehr und Vollendung in Gott.*
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Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr. | Kategorie(n): Allversöhnung | 939 x gelesen
Der Sinn der Symbolsprache
Das Wort Symbol kommt von dem griechischen Verbum sym-ballein und hat die Bedeutung von zusammenfügen, zusammenschließen. In der Symbolsprache werden ein geistiger Inhalt und eine sinnhafte Anschauung miteinander verbunden, wobei die Entsprechung durch die Worte “wie” oder “gleich wie” hergestellt wird. Alles Gedachte gewinnt dadurch ganz von selbst an Plastik, Farbigkeit und Tiefe. Das Gegenteil zur Symbolsprache ist die abstrakte Rede, die auf bildhafte Veranschaulichung verzichtet. Dazu einige Beispiele!
Ein ethischer Imperativ lautet: Meide das Arge, laß dich von der Macht des Bösen nicht überwältigen! Die Symbolsprache umschreibt diese Maxime mit den Worten: “Seid nüchtern und wachet, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben!” Das gnadenhafte Wunder, daß Gott für uns da sein will, kann wiedergegeben werden: Gott sagt Ja zu uns, er läßt uns gelten, wir dürfen kommen, wie wir sind. Die Symbolsprache der Bibel bezeugt die Liebeszuwendung Gottes in Bild und Gleichnis: “Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, so ihn fürchten.” — “Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.”
Die so schwer in Worte zu fassende Hoffnung auf eine Vollendung aller Dinge lautet in der theologischen Fachsprache: Wir dürfen mit Vertrauen in die Zukunft blicken. Die Johannesoffenbarung schildert die eschatologische Erwartung in leuchtenden Farben: “Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dein Himmel herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen” (1. Petr. 5, 8; Ps. 103, 13; Jes. 16, 13; Offb. 21, 2).
Weil Gott in einem Lichte wohnt, da niemand zukommen kann, darum wird die menschliche Sprache immer unzureichend bleiben, um das Wahrheitsgut der Ewigkeit adäquat auszudrücken. Das symbolische Wort aber, darin dem mythischen Erzählen von Gott verwandt und vergleichbar, erweckt Ahnungen von dem Unsagbaren, das alles Denken übersteigt. Was die Begriffe der reinen Vernunft nicht hergeben, das wird der Seele in sinnlich faßbarer Gestalt nahegebracht.
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Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr. | Kategorie(n): Biblische Symbolik, Das prophetische Wort, Wort Gottes (Bibel) | 2,345 x gelesen
Griechischer Dualismus
Auf die Frage: Wer oder was ist der Mensch? hat die orphisch-platonische Philosophie die Antwort gegeben: Der Mensch besteht aus einer edlen und aus einer unedlen Hälfte. Der edle Teil ist die Seele, der unedle Teil ist der Leib des Menschen. Die Seele ist himmlischen Ursprungs. Sie stammt aus dem Bereich der Ideen und hat dort praeexistent im Anschauen der ewigen Schönheit gelebt. Sie ist ein Lichtfunke aus der göttlichen Welt und darum ihrem Wesen nach unvergänglich, unsterblich, fleckenlos rein. Auf Erden findet sich der göttliche Gast eingezwängt in die Behausung des Leibes. Er leidet an dieser Einkerkerung und kann die Erinnerung an den verlorenen Ursprung nie ganz vergessen. Wie der Vogel im Käfig, so verlangt die Seele nach der Befreiung aus dem Gefängnis, aus dem Grab des Leibes. Keinen Leib mehr haben, nur noch Seele sein dürfen, gilt als Sehnsuchtsziel der Erlösung. Alle Nöte des Lebens, alles Geplagtwerden von Leidenschaften und Begierden, alles Irren und Schuldigwerden hängt damit zusammen, das die Seele in die unwürdige Behausung der stofflich-irdischen materiellen Welt eingeschlossen ist.
Platon hat darüber nachgedacht: Warum müssen die reinen, vollkommenen Seelenwesen in die unvollkommene sinnliche Welt einkehren? Er hat darauf eine zweifache Antwort gegeben: Er sah in dem Verlust der Heimat der Seele ein allgemeines Weltgesetz, dem jedermann unterworfen ist. Daneben steht die andere Deutung: der Absturz aus der Welt der Ideen ist keine Notwendigkeit, er beruht auf einer geistigen Fehlwahl, die zur “Strafversetzung” auf Erden führt.
Auf den ersten Blick mag der Dualismus der griechischen Philosophie überraschen. Gelten doch die Griechen nach allgemeiner Hochschätzung als das Volk der schönen Leiblichkeit, als das Volk der Olympischen Spiele, das einen Praxiteles hervorgebracht hat, dessen plastische Meisterwerke heute noch jedes empfängliche Gemüt entzücken. Hatten Winkelmann, Herder und Goethe die edle Einfalt und stille Größe, den lichtklaren heiteren apollinischen Zug in der griechischen Religion gerühmt, so wurde das Bild durch Nietzsche in seinem Erstlingswerk “Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik” korrigiert und ergänzt durch den Hinweis auf den dionysischen Lebensrausch, der in Tanz und Taumel die vitalen Kräfte feiert.
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Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr. | Kategorie(n): Lehre | 2,613 x gelesen
1. Das Leben im Geist
Das Leben im Geist, darunter versteht die Sprache der christlichen Verkündigung nicht ein allgemeines, meist noch dazu reichlich unklares, verschwommenes Bekenntnis zur Weltvernunft, zum Reich der Ideen, im Gegensatz zu der Welt der sichtbar-sinnlichen Erscheinungen. Nein, wenn wir vom Leben im Geist im Bereich der christlichen Kirche und Gemeinde reden, dann meinen wir damit das Leben im Heiligen Geist. Wir denken dabei an das Leben, das der Geist Gottes in uns wirkt, indem Er uns durch die Verkündigung des Evangeliums mit Jesus Christus bekannt macht und uns in die Lebensgemeinschaft mit der Person des Erlösers hineinzieht.
Wenn wir an das gewaltige Kapitel von Römer 8 denken, dann wird uns daran deutlich, wie reich und mannigfaltig sich dieses Leben im Heiligen Geist auswirkt.
Das Leben im Geist ist, um nur einiges davon zu nennen, Freiheit und Freudigkeit zum Gebet. In kindlicher Zuversicht, ohne knechtische Furcht, dürfen wir zu Gott rufen, getrieben vom Geist: Abba, lieber Vater! In den Stunden aber, wo unser Gebetsleben darniederliegt und wir in unserer Schwachheit nicht wissen, was und wie wir beten sollen, will sich der Geist Gottes selbst ans Werk machen, indem Er in uns mit unaussprechlichem Seufzen betet und uns dadurch bei Gott vertritt.
Im Geist leben heißt nach dem Zeugnis von Römer 8: teilhaben im Harren und Hoffen an jener gewaltigen Sehnsuchtsbewegung, die durch die ganze Menschheit und Schöpfung hindurchgeht, heißt: sich voll Verlangen ausstrecken nach dem großen Tag der Welterlösung, da alles nichtige, vergängliche Wesen von uns abfällt und Gott alles Leben mit Seinem Lichtglanz verklären und erfüllen wird.
Zum Leben im Geist gehört nach der Verkündigung des Paulus auch die Bereitschaft zum Leiden, gehört die Willigkeit, den Druck einer gottentfremdeten Welt auszuhalten, weil der Jünger es nicht besser haben soll als sein Meister, der durch Kreuz und Leid zur Herrlichkeit erhoben wurde.
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Autor: Köberle, Adolf, Prof. Dr. | Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Lehre | 3,282 x gelesen