Das Vermächtnis des Apostels Paulus
Eine Auslegung von 2. Timotheus 1, 9.10
Die Verse 2. Tim. 1, 9.10 gewähren uns einen überaus kostbaren Einblick in das ganz heilsgeschichtlich orientierte Denken des Apostels Paulus, in dessen Mittelpunkt Gottes Heilswerk in Christus und die Berufung der Gemeinde steht.
»Gott, der uns rettet und beruft mit heiliger Berufung, nicht nach unseren Werken, sondern nach Seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor äonischen Zeiten gegeben ist, jetzt aber geoffenbart durch die Erscheinung unseres Retters, Christus Jesus, der den Tod zunichte macht, aber Leben und Unverderblichkeit ans Licht bringt durch das Evangelium.«
Von den 27 Schriften, die das Neue Testament bewahrt, legitimieren sich 13 durch ihre namentliche Absenderangabe als Paulusbriefe. Der zeitlich gesehen letzte Brief gilt als das Testament des Apostels, weil er kurz vor seinem Märtyrertod in Rom geschrieben wurde. Letzten Worten eines Menschen wird besonderes Gewicht beigemessen, weshalb man bereits daraus schließen darf, dass dieser letzte Brief des Apostels — der 2. Timotheusbrief — ein Brief von ganz besonderer Bedeutung ist. In der Tat wird man darin das geistliche Vermächtnis des großen Apostels an seinen Schüler Timotheus und damit an die Gemeinde aller späteren Zeiten erkennen dürfen. Paulus war Gefangener Roms. Ein solcher war er wiederholt in seinem Leben des Dienstes für Christus. Seit seiner ersten römischen Gefangenschaft, aus der er wohl im Jahr 63 wieder freigekommen sein mag, sind bereits vier Jahre vergangen. Diesmal besteht keine Aussicht auf Freilassung, weil er, als Staatsfeind angeklagt, sein Todesurteil zu erwarten hat. Der Apostel weiß dies.
Dazu kam, dass das Evangelium in eine Phase ernstester Bewährung eingetreten war. Das Bekenntnis zu Christus bedeutete eine nicht geringe Lebensgefahr. Bei der als sorgfältig bekannten Gerichtspraxis der Römer wird man Menschen aus dem Wirkungsbereich des Apostels — Christen, mit denen er Umgang hatte — im Prozess gegen Paulus als Zeugen geladen haben. Doch hatte man es seitens dieser Geladenen vorgezogen, wie Andeutungen des Briefes erkennen lassen, sich mit einem entlastenden Wort zurückzuhalten, um sich nicht selbst in Lebensgefahr zu bringen. Denn von einem als Unruhestifter Angeklagten sich zurückzuziehen scheint geraten. Die Christenverfolgung unter Nero hatte ihre Spuren hinterlassen; deren Schrecken steckt allen noch in den Gliedern und jeder bangt um sein eigenes Leben.
Zu diesen äußeren Umständen kommen innere Nöte. Der Abfall macht sich in der Gemeinde mehr und mehr breit. Fast überall greifen Verweltlichung, Hang zu Neuerungssüchten, Abneigung gegen die gesunde Lehre und religiöses Gauklertum um sich. Kein Wunder, dass die Zeugniskraft der ersten Begeisterung allmählich schwindet und stattdessen Wortstreitereien wie Verkennung der Autorität der Schrift sich in geistlicher Mutlosigkeit und Verzagtheit dartun. Statt besser ist es schlechter geworden. Schon gibt es mehr Abtrünnige als Getreue.
Autor: Heinisch, Herbert | Kategorie(n): Gemeinde, Heilsgeschichte, Paulus, Paulusbriefe | 750 x gelesen


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