Heiligung
“Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, darzustellen eure Leiber als ein Opfer, lebendig, heilig, Gott wohlgefällig — euer vernunftgemäßer Gottesdienst” (Röm. 12, 1).
Es scheint kaum etwas über das Heiligungsleben des Christen in diesen Worten zu stehen. Und doch enthält der obige einzige Satz im Grunde alles, was über Heiligung gesagt werden kann, und dieses, trotz seiner Kürze, so vollständig, klar und gut, daß man nur staunen kann.
Mit Röm. 12, 1 beginnt ein wichtiger, dritter Teil des Römerbriefes: “Mahnungen für das Christenleben”. Er reicht bis Kap. 15, 13. Man würde aber diese eindringlichen sittlichen Erinnerungen des Apostels falsch verstehen, wenn man nicht von Kap. 1 bis 11 herkäme. Dort gibt er nämlich zuerst grundlegende Belehrungen über die Heilsbedürftigkeit der gesamten Menschheit, Heiden wie Juden, weil sie ausnahmslos, anstatt dem lebendigen Gott, der Sünde dienen. Die Folge davon kann nur ewiges Verderben sein: Kap. 1, 18 bis 3, 20. Durch Gottes Erbarmen wird jedoch eine neue Wirklichkeit hergestellt, die allen Menschen in Christus Jesus zugänglich ist: Freiheit von Sünde, Rettung aus dem verdammenden Gericht Gottes, sowie aus Gnaden geschenkte Gottesgerechtigkeit allein durch den Glauben an die Person des Heilandes Jesus Christus: Kap. 3, 21 bis 8, 39. Dann stellt der Apostel das erschütternde und ernstlich warnende Schicksal des einst bevorzugten, aber wegen seines Unglaubens an das Heil in Christus jetzt zurückgesetzten Volkes Israel in den Vordergrund der Betrachtung und verheißt schließlich durch den Geist Gottes, daß doch ganz Israel durch die Güte Gottes einmal begnadigt werden wird: Kap. 9 bis 11: Teil 2 des Römerbriefes.
Bis jetzt hat Paulus von dem Großen gesprochen, was im Leben aller Menschen durch das erbarmende Handeln Gottes grundsätzlich anders geworden ist. Wer sich dem Christus anvertraut, findet bei ihm Rettung (1. Thess. 5, 9-10), und damit Ruhe für seine Seele. Aber die gleiche Barmherzigkeit des Herrn, welche den an Christus gläubig Gewordenen zur inneren und äußeren Ruhe bringt, drängt ihn andererseits zur rastlosen Bewegung, läßt ihn nicht zur Ruhe kommen in tatenloser, frommer Beschaulichkeit, sondern leitet ihn zu Werken der Dankbarkeit für Gottes Barmherzigkeit, zu einem heiligen Leben für Gott an. Denn seine Liebe erzeugt Gegenliebe. “Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat” (1. Joh. 4, 19).
Wenn Paulus den neuen großen Abschnitt seines Briefes an die Römer im 12. Kapitel mit den Worten beginnt: “Ich ermahne euch”, so hat er dabei nicht im Sinne, nunmehr seinen Lesern eine Moralpredigt zu halten. Davon ist er weit entfernt. Das besagt schon das im griechischen Grundtext von ihm verwandte Wort für Ermahnen “parakalein”, das nämlich in buchstäblicher Übertragung “herbeirufen“ heißt. “Ich rufe euch herzu”, schreibt Paulus wörtlich. Zu wem ruft er denn? Für ihn kommt niemand anders in Frage als der Herr Jesus Christus selbst. Zu ihm ruft er seine Leser, an seine Großtaten erinnert er sie auch im dritten Teil seines Römerbriefes.
Autor: Take, Friedrich | Kategorie(n): Heiligung | 700 x gelesen


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