Das biblische Zeugnis von der Seele
(Wortdienst während der 22. Brüderkonferenz auf der Langensteinbacherhöhe vom 27.9. - 5.10.1980)
Das Wort Seele soll etymologisch, also wortwissenschaftlich, von dem Wort die See, also das Meer, stammen. Dort vermutete man wohl in ganz früher Zeit den Aufenthaltsort der Seelen vor der Geburt. Blicken wir in ältere und auch neuere Lehrbücher der Psychologie oder Philosophie, so finden wir, daß es Aristoteles und später Thomas von Aquin waren, die als Grundlage der Philosophie späterer Jahrhunderte die Ganzheit des Menschen in der Zweiheit von Seele und Leib lehrten. Vom Geist als eigenem Teil des Menschen ist in ihrer philosophischen Vorstellung keine Rede. Die Seele bestimmt nach ihrer Auffassung weitgehend Gestalt und Form des Leibes, und der Leib wirkt wiederum reflexiv auf die Seele. Zwischen diesen beiden Teilen sei also eine ständige Wechselwirkung zu konstatieren. Diese Auffassung ging in die Scholastik des Mittelalters ein und ist als sogenannte aristotelisch-scholastische Stoff-FormMetaphysik noch heute die Grundlage der katholischen Glaubenslehre. In ihr wird die Unterscheidung zwischen der Seele und dem Geist als einem eigenen Teil des Menschen sogar zur Häresie, d. h. zur Irrlehre erklärt. Die katholische Religionsphilosophie spricht daher, einen Mischbegriff benutzend, von der Geist-Seele.
Im 17. Jahrhundert bahnte sich durch Descarte seine andere Auffassung an. Neben der materiellen Welt und damit auch dem menschlichen Leibe wird nur noch die Cogitatio, also die Denkkraft der Seele, als existent anerkannt. Beide, Leib und Seele, existieren sozusagen unabhängig nebeneinander, so daß man von einem dualistischen Parallelismus spricht. Dieser Lehre hingen auch Spinoza und Leibniz an. Eine dritte Auffassung schließlich wurde von Schopenhauer, Nietzsche und Scheller vertreten. In ihr werden Leib und Seele lediglich als verschiedene Erscheinungsweisen desselben Geschehens und derselben Wirklichkeit betrachtet. Die moderne Psychosomatik, d. h. die Lehre von einer engen Seele-LeibVerbindung, erklärt bekanntlich viele Krankheiten des Leibes durch seelische Kausalitäten und nimmt bei allen drei genannten Grundauffassungen Anleihen auf. Wir wollen den recht komplizierten Denkwegen dieses und jenes Philosophen oder modernen Naturwissenschaftlers nicht weiter folgen; des vielen Bücherschreibens darüber ist kein Ende. Immer aber sind die Vorstellungen säkularer Denker über Leib und Seele, über Physik und Metaphysik, über Materielles und Immaterielles, über Psyche und Physis getragen von der grundsätzlichen Annahme eines klassischen Dualismus, also der Existenz von nur zwei Teilen des Menschen. Inwieweit die frühe, mittelalterliche und moderne Wissenschaft in dieser Vorstellung Recht hatte, werden wir im folgenden zu prüfen haben.
Autor: Maier-Gerber, Hartmut, Dr. | Kategorie(n): Lehre | 2,598 x gelesen


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