Die Sonderstellung des Apostels Paulus
Oberflächlichen Lesern oder nicht vorurteilsfreien Forschern des Neuen Testaments erscheint es als selbstverständlich, dass Paulus nur einer der Apostel ist, der zwar mehr als die anderen gearbeitet hat, sonst aber auf gleicher Stufe und mit gleicher Bedeutung neben den anderen steht, durchaus ihnen gleichwertig. Er predigt ja das selbe Evangelium wie die Judenapostel: Buße, Bekehrung, Vergebung aufgrund der Erlösung Christi, Wiedergeburt, Herstellung des Verlorenen. Zeitlebens hat er sich um Anerkennung seiner Gleichstellung abgemüht.
Gegen diese Anschauung aber lässt sich gar manches einwenden. Wir wollen kein allzu großes Gewicht darauf legen, dass Paulus nicht als Ergänzung des Zwölferkreises vom Herrn berufen wurde, da nach Apg. 2, 14 der Heilige Geist die Zuwahl von Apg. 1, 21-26 göttlich bestätigt hat. Wohl aber zeigt eingehendes Studium der Briefe Pauli erhebliche Unterschiede gegenüber Berufung und Aufgabe der ursprünglichen Jünger des Herrn.
Zunächst sehen wir, dass Paulus mit seinem Evangelium da anfängt, wo gewöhnlich die Judenapostel schließen — bei Kreuzigung, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt. Diese verkündigen den siegreichen, herrlichen Heiland als Menschensohn, dem das Gericht und Königreich gegeben ist; er verkündigt Jesum Christum als Gottessohn (2. Kor. 5, 16) und lehnt es ab, ihn “dem Fleische nach” zu “kennen”. In allen Hinweisungen Pauli auf das Leibesleben des Herrn (Gal. 4, 4; Phil. 2, 7.8) ist dieses nur als Voraussetzung und Begründung des Kreuzestodes erwähnt. Auf den Versöhnungstod Christi legt Paulus derart Nachdruck, dass man geradezu von seiner “Bluttheologie” gesprochen und sie als einen Widerspruch zu seiner Theorie von einem leiblosen Geistwesen Christi hingestellt hat, dem jede Erdenfarbe fehle und dem er den Namen Jesus nur lose angeheftet habe. Sicher dürfen wir uns auf ein solches Urteil berufen, wo wir uns anschicken, den Nachweis zu führen, dass Paulus eine andere Berufung als die der Zwölfe empfangen hat.
Ferner finden wir, dass, während die Zwölfe sich nur als Juden fühlen und sich stets an die Fremdlinge, Zerstreuten hin und her, an die zwölf Stämme wenden, Paulus verneint, dass es noch Juden und Heiden gäbe, da nur noch “ein Mensch” in Christo (Eph. 2, 15) zu gelten habe, auf dessen Heranziehung und Ausreifung alle menschliche und göttliche Arbeit gerichtet sei. Das wurde allseitig als etwas grundsätzlich Neues, ja Unerhörtes, empfunden. Die Judaisten bekämpfen es leidenschaftlich als etwas Frevelhaftes, dass die Heiden gleichberechtigt mit den Juden sein, ja ihnen sogar vorgezogen werden sollten; die Judenapostel fügen sich nur zögernd und widerstrebend in die neue Heilsordnung Gottes; und erst 14-17 oder ehr Jahre nach der Bekehrung Pauli, je nach der Zählung von Gal. 1 und 2, wird bei dem Apostelkonzil (Apg. 15) von den Judenaposteln und der Judengemeinde klar erkannt, dass ein neues Zeitalter angebrochen und Paulus im Recht sei mit seiner Verkündigung, Israel sei zur Seite gestellt und jetzt gehe die Sammlung aus den Heiden zur wunderbaren Gemeinde Jesu Christi vor sich. Willig beugen sie sich dieser Erkenntnis, obgleich sie festhalten an ihrer ursprünglichen Berufung, an der Bekehrung Israels zu arbeiten. Nicht die Bekehrung der Heiden an sich, wohl aber deren Annahme vor der Buße und Bekehrung des Volkes Israel war ein Stein des Anstoßes für jüdische Gemüter. Unser Heiland hatte diese Frontveränderung in den Worten von den Ersten und den Letzten angekündigt; und ergreifend kommt sie in der vom Heiligen Geist gefügten Anordnung der neutestamentlichen Schriften dadurch zum Ausdruck, dass nach Apg. 15 die Judengemeinde verschwindet, um der Heidengemeinde Platz zu machen, bis nach deren Entrückung zum Herrn vom Hebräerbrief an bis zur Offenbarung das Werk an Israel wieder aufgenommen werden wird. Dieser Unterschied zwischen Juden- und Heidenaposteln ist so groß, dass er selbst mit der Hornbrille der Theologie wahrgenommen werden musste. Nur hat man ihn kaum anders zu deuten gewusst, als indem man sich zu dem Satze verstieg: nicht Jesus, der große Laie, sei der Schöpfer des Christentums, sondern Paulus, der tatkräftige Theologe.
Autor: Haake-Kolberg, B. | Kategorie(n): Paulus | 716 x gelesen


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