Maria, die Mutter Jesu
Autor: Schard, Joachim | Kategorie(n): Hingabe, Lehre | 758 x gelesenWas sagt die Schrift über sie?
Wir hören zunächst ein Wort aus Lukas 1, 26-38:
»Im sechsten Monat (nämlich der Schwangerschaft der Elisabeth) wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die Nazareth heißt, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Gegrüßet seist du, Holdselige (oder: Begnadete)! Der Herr ist mit dir, du Gebenedeite (oder: Gesegnete) unter den Frauen. Da sie aber ihn sah, erschrak sie über seine Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen. Der wird groß sein und ein Sohn des Höchsten genannt werden, und Gott der Herr wird Ihm den Thron Seines Vaters David geben, und Er wird König sein über das Haus Jakob ewiglich und Seines Königreichs wird kein Ende sein. — Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn in ihrem Alter und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.«
Was hat man doch im Lauf der Geschichte alles aus der Maria gemacht! Ich will jetzt nur einiges erwähnen. Man nennt sie die »Madonna« — das heißt auf Deutsch »meine Herrin«. Im Evangelium hören wir aber nichts davon; vielmehr lautet das Ur-Glaubensbekenntnis der ersten Christen: »Herr ist Jesus Christus!« (vgl. Röm. 5, 1; 10, 9; 1. Kor. 12, 3; Phil. 2, 11 u. a.). — Oder man nennt sie die »Himmelskönigin«. Davon sagt die Bibel auch nichts. Der Herr Jesus ist es, der sich zur Rechten Gottes gesetzt hat im Himmel; Er ist »König der Könige und Herr der Herren« (Hebr. 1, 13; 10, 12; Offb. 19, 16). — Auch wird sie die »Fürsprecherin« genannt. Gottes Wort aber sagt: »Wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater: Jesus Christus, den Gerechten« (1. Joh. 2, 1). — Auch wird sie als die »Schlangenzertreterin« bezeichnet und auf Medaillons dargestellt. Man sagt, im Jahr 1830 habe eine Katharina eine Marienvision gehabt, in der sie die Maria auf der Weltkugel habe stehen sehen, mit dem Fuß auf die Schlange tretend. Danach hat man dann Medaillons angefertigt und gesagt, wer ein solches glaubend bei sich trage, werde ganz besondere Segnungen empfangen. Nach der Heiligen Schrift aber sagt Gott in 1. Mose 3, 15: Der von der Frau gekommen ist, Jesus Christus, Er wird der Schlange den Kopf zermalmen.
Aber genug davon; diese Maria soll uns heute nicht beschäftigen, sondern die Maria, die uns die Heilige Schrift vor Augen stellt. Wir betrachten:
- Maria von Nazareth, die Begnadete
- Maria, die Angefochtene
- Maria, die glaubende Bibelleserin
- Maria, die Familienmutter
- Maria, die Ratgeberin
- Maria, die Lernende in der Erziehungsschule Gottes
- Maria, Glied der betenden Gemeinde
1. Maria von Nazareth, die Begnadete
Der Engel Gabriel wurde von Gott nach Nazareth gesandt — einem Ort im Norden Israels, in Galiläa, einem von den Juden etwas verachteten Grenzgebiet. So fragt Nathanael in Joh. 1, 46: »Was kann aus Nazareth Gutes kommen?« — Der Engel Gabriel erscheint der Maria, die mit einem Mann aus dem Hause Davids verlobt war, und er begrüßt sie mit den Worten (nach der älteren Fassung der Lutherbibel): »Gegrüßet seist du, Holdselige! Der Herr ist mir dir, du Gebenedeite (d. h. du Gesegnete) unter den Frauen! Du hast Gnade bei Gott gefunden.« Maria ist erschrocken, so wie wir sündigen Menschen immer erschrecken, wenn uns jemand aus der Welt Gottes begegnet. Aber ihr wird gesagt: »Du hast Gnade bei Gott gefunden.« Und auch das Wort »Holdselige« bedeutet ja »du Begnadete«. So sprechen wir ja auch sonst von »begnadeten« Menschen, etwa von einem begnadeten Künstler. Maria ist die Begnadete unter den Frauen. Unter den Juden bestand immer die Hoffnung, dass einmal eine jüdische Frau die Mutter des verheißenen Messias, des Christus, sein werde. »Du bist die Begnadete«, das heißt, du bist gleichsam die Tür, durch die der lebendige Gott ins Menschengeschlecht hineinkommen will, um Heil zu schaffen. — Das Wort »begnadet« finden wir auch in Phil. 2, 9. Da wird vorher von Jesus gesagt, dass Er sich erniedrigt hat bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz, und dann lesen wir: »Darum hat Ihn Gott auch hoch erhöht und Ihn mit dem Namen begnadet (so wörtlich), der über alle Namen ist.« Das ist der Name, von dem die Apostel bezeugt haben: »Es ist in keinem andern das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir Heil finden sollen (oder: in dem wir errettet werden müssen)« (Apg. 4, 12). Diesen Namen tat der Engel Gabriel der Maria kund: »Du sollst Seinen Namen Jesus nennen.« Jesus aber bedeutet: Gottes Heil — Der Herr ist Retter, Heil, Hilfe.
Nun gibt es ja seit langem einen Streit über die Jungfrauschaft der Maria. Ist in Jes. 7, 14 eine Jungfrau oder eine junge Frau gemeint? — Wenn wir diesen Text aus Luk. 1 hier lesen, oder auch Matth. 1, 18-23, dann merken wir ganz deutlich, was die Bibel meint. Denn Maria sagt (Luk. 1, 34): »Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?« — Nun ist ja eine Jungfrau, die schwanger ist, nach menschlicher Meinung und Erfahrung eine Unmöglichkeit. So etwas kann es einfach nicht geben! Aber nun bezeugt die Heilige Schrift genau das: die Jungfrau, die schwanger ist. Hätte die Maria so gelebt, wie es heute gang und gäbe ist, in einer »Ehe ohne Trauschein«, dann wäre sie als Werkzeug Gottes unbrauchbar gewesen; denn Gott hat eine Jungfrau ausersehen. Sie hätte nicht erleben können, was der Engel so ausdrückt: »Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden … Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.« Dieser letzte Satz erinnert uns an 1. Mose 18, 14, wo es heißt: »Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?« In jenem Bericht in 1. Mose 18 wird ja der alten Sara, der Frau Abrahams, ein Sohn angekündigt. Das war ja auch menschlich gesehen unmöglich, und die Sara hat darüber gelacht. Vielleicht hat sie nicht laut gelacht — sie sagt ja: »Ich habe nicht gelacht —, aber mindestens innerlich hat sie gelacht; doch dann wird auch ihr gesagt, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist (V. 12-15). Daraufhin konnte die Sara es glauben, wie es auch der Hebräerbrief bezeugt (Hebr. 11, 11). Nun war ja das Wunder bei Maria noch viel größer; doch beide Frauen haben erlebt: Bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Was sagt nun die Maria dazu? Sie antwortet: »Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.« Das Werkzeug Gottes stellt sich Gott zur Verfügung; sie ist bereit dazu. Das Wort »Ich bin des Herrn Magd« ist ja schon vielen zum Segen geworden. Ich habe als junger Mensch einige Jahre lang gern die Blankenburger Allianzkonferenzen besucht; da war auch immer eine Schar von Schwestern dabei, die zu dem Werk der Eva von Tiele-Winckler gehörten, die dieses Wort der Maria für sich und ihre Schwesternschaft sozusagen als Motto genommen hatte: Ich bin des Herrn Magd. Es gab dazu ein Lied (Ancilla Domini), das die Schwestern bei jeder dieser Konferenzen gesungen haben. So hat dieses Wort bis in unsere Zeit hinein Segensspuren hinterlassen, und doch war das, was an der Maria geschehen ist, einmalig.
2. Maria, die Angefochtene
Maria ist verlobt, noch nicht verheiratet, und wird schwanger. Wie soll sie damit fertig werden? Wem kann sie sich anvertrauen, mit wem darüber sprechen? Würde man sie nicht für verrückt erklären, wenn sie erzählt, was Gott getan hat? Maria bleibt nur übrig, das Ganze Gott zu überlassen. Gott aber hatte ihr bereits durch den Engel gezeigt, wem sie sich anvertrauen könnte: ihrer Verwandten Elisabeth, der Frau des Priesters Zacharias. Sie, die unfruchtbar genannt war, war in ihrem Alter noch schwanger geworden (Luk. 1, 36). Nun begibt sich Maria eilends ins Gebirge Judäa in das Haus des Zacharias und der Elisabeth. Und hier erfährt sie eine wunderbare Glaubensstärkung. Denn als sie über die Schwelle des Hauses tritt und die Elisabeth begrüßt, sagt diese: »Du Gesegnete unter den Frauen — wie komme ich denn dazu, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?« (V. 42.43). Was muss das für die Maria bedeutet haben! Sie muss gar nicht überlegen, wie sie der Elisabeth alles erklären soll, denn die weiß es schon. Wie konnte sie das wissen? Die Heilige Schrift gibt uns die Antwort und sagt: »Die Elisabeth wurde mit Heiligem Geist erfüllt.« Und Elisabeth fügt noch hinzu: »Glückselig ist sie, die geglaubt hat« (V. 45). Darin unterschied sich Maria vom Priester Zacharias, der dem Engel Gabriel nicht geglaubt hatte, als dieser ihm die Geburt des Sohnes Johannes angekündigt hatte, und der darum stumm war bis zur Geburt seines Sohnes (Luk. 1, 13.20). Wahrscheinlich hat Elisabeth dieses Wort zu ihrem Mann gewendet gesagt: »Glückselig ist sie, die geglaubt hat«, das heißt: Sieh einmal, dieses junge Mädchen konnte glauben, sie hat sich zur Verfügung gestellt, während wir solchen Glauben nicht aufgebracht haben! — Hier finden wir jung und alt beieinander: das junge Mädchen Maria und das alte Ehepaar Zacharias und Elisabeth. Maria braucht dieses Ehepaar, dem sie sich anvertrauen kann, und das Ehepaar wiederum wird durch die Maria gesegnet und erfreut und im Glauben gestärkt. Sie sind sich also gegenseitig zum Segen. Maria bleibt dann noch etwa drei Monate bei der Elisabeth (V. 56). Sie hat also entweder vor oder nach der Geburt des Johannes das Haus wieder verlassen und ist nach Nazareth zurückgekehrt.
Als dann ihr Bräutigam Josef von der Schwangerschaft erfährt, denkt er daran, sie heimlich zu entlassen (das Verlöbnis in aller Stille aufzulösen). Er will sie nicht öffentlich anprangern; es erscheint ihm, der ein Gerechter war, aber auch nicht möglich, diese Maria zu heiraten (Matth. 1, 19). Da aber hat Gott eingegriffen und hat dem Josef im Traum durch einen Engel des Herrn sagen lassen: Das in Maria Gezeugte ist vom Heiligen Geist! Das konnte ihm kein Mensch sagen, das hat ihn der lebendige Gott wissen lassen. Und Gott lässt ihm auch sagen: Nimm Maria als deine Frau zu dir! Da lenkt Josef ein und nimmt von da an die Maria in seinen Schutz.
So hat Maria in der Anfechtung Gott vertrauen dürfen und Er hat sie wunderbar darin geleitet.
3. Maria, die glaubende Bibelleserin
Als die Elisabeth sie so begrüßte (»Wie komme ich dazu, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?«) und zu dem Zacharias gewendet sagte: »Glückselig ist sie, die geglaubt hat«, da ging der Maria das Herz auf und es quoll aus ihrem Herzen der erste Lobgesang, den uns das Lukasevangelium mitteilt. (Es sind ja mehrere Lobgesänge, die uns im Zusammenhang mit der Geburt Jesu in Lukas 1 und 2 überliefert werden.) Dieser Lobgesang ist voll von Worten, die Maria ihrer Bibel, dem Alten Testament, entnommen hat.
Ihr Lobgesang beginnt mit den Worten: »Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes« (Luk. 1, 46.47). Da finde ich als erste Parallelstelle 1. Sam. 2, 1-10 angegeben; es ist der Lobgesang der Hanna. Er beginnt mit den Worten: »Mein Herz frohlockt in dem Herrn.« Wenn man beide Lobgesänge miteinander vergleicht, stellt man fest, dass die Maria manches von der Hanna übernommen und auf ihre Art ausgedrückt hat. Was die Hanna in ihrem Lobpreis gesagt hat, ist im Leben der Maria neu verarbeitet worden.
Maria hat auch eine ganze Reihe von Psalmworten verwendet, so Ps. 126, 3; 103, 13.17; 89, 11; 147, 6; 107, 41; 107, 9; 25, 6; 98, 3; 105, 42.
Wir merken: Hier ist ein junger Mensch aus der Davidsfamilie, der ganz in der Gottesoffenbarung wurzelt und sie aufgenommen hat, sodass diese in der Maria lebt und jetzt aus ihr strömt. Wie schön sagt sie: »Mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes, denn Er hat die Niedrigkeit Seiner Magd angesehen.« Ganz im Gegenteil zu dem, was ich am Anfang gesagt habe, was man alles aus der Maria gemacht hat, spricht sie von der »Niedrigkeit Seiner Magd«. Maria lebt im Worte Gottes!
Und wir sehen noch einen weiteren Zusammenhang zwischen der Maria und unserem Bibelwort. Woher haben wir eigentlich die wunderbaren Berichte und Lobpreisungen in Lukas 1 und 2? Lukas selbst hat das ja nicht erlebt, aber er ist »allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen« (wörtlich: mit »Akribie« gefolgt), was die Augenzeugen gesehen und weitergegeben haben (Luk. 1, 1-3). Und wer sollte das alles besser gewusst haben — die Weihnachtsgeschichte, die Engelworte, die Begegnung mit der Elisabeth, die Lobgesänge — als die Maria?! Das alles hat sie tief in sich aufgenommen, es war in ihr zu einem lebendigen Besitz geworden. Wir lesen ja in Luk. 2, 19: »Maria aber behielt (bewahrte) alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.« Darüber hat sie nachgedacht und nachgesonnen. Das ist ja auch eine Frage an uns: Wie gehen wir mit Gottes Wort um? Man kann schnell über ein Kapitel hinweglesen, man kann aber auch betend damit umgehen und es im Herzen bewegen. Das hat Maria getan, und von ihr zuallererst wird es Lukas erkundet haben. Dass wir in unserer Bibel die kostbaren Kapitel Lukas 1 und 2 haben, verdanken wir neben Gott auch dem Lukas und der Augenzeugin Maria.
4. Maria, die Familienmutter
Wie ging es nun weiter mit Maria und Josef? — Wir machen uns oft falsche Vorstellungen und meinen, Josef sei ein alter Mann gewesen. Doch er war ein ganz normaler junger Bräutigam und Maria eine junge Braut. Josef war ein jüdischer Mann aus dem Hause Davids, aber kein König, sondern ein Handwerker, ein Zimmermann. Wir lesen von ihm in Matth. 1, 25: »Josef erkannte sie nicht, bis sie ihren erstgeborenen Sohn geboren hatte.« Erst nach der Geburt Jesu hat Maria mit dem Josef in einer Ehe gelebt, und es wurden ihnen Kinder geboren, mindestens sechs. Wir lesen in Mark. 6, dass Jesus in Seine Vaterstadt Nazareth kam, in der Er aufgewachsen war, und dort lehrte. »Und viele, die zuhörten, erstaunten und sagten: Woher hat der das? Ist Er nicht der Zimmermann, Marias Sohn und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Und sind nicht auch Seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich über Ihn« (Mark. 6, 2.3). Sie sprachen: Wer ist das eigentlich? Wir kennen Ihn doch als den Zimmermann und als Sohn der Maria und kennen Seine vier Brüder und Seine Schwestern (hier steht die Mehrzahl, also mindestens zwei). Maria und Josef hatten also mindestens sechs leibliche Kinder und dazu kam Jesus als der Erstgeborene der Maria. — Nach dem Bericht von dem 12-jährigen Jesus im Tempel lebte Sein Pflegevater Josef damals noch (Luk. 2, 48); danach aber wird der Josef nie mehr erwähnt. Wir müssen annehmen, dass er dann nicht mehr lebte und Jesus nun als der Zimmermann tätig war und für die kinderreiche Familie mit Verantwortung übernahm — bis zu Seiner Berufung im 30. Lebensjahr.
So sehen wir hier die Maria als eine kinderreiche Familienmutter. Das war gewiss keine leichte Aufgabe für sie. Es gab viel Arbeit und sicher auch Spannungen in der Familie. Denn wir lesen in Joh. 7, 5: »Auch Seine Brüder glaubten nicht an Ihn.« Sie sagen: Wenn du der Messias sein willst, dann zeige dich und deine Werke doch einmal in der Öffentlichkeit! Jesus antwortet: Eure Zeit ist immer da, aber meine Zeit nicht; ich bin von meinem himmlischen Vater abhängig.
5. Maria, die Ratgeberin
Wir finden in Joh. 2 den Bericht von der Hochzeit zu Kana. Jesus und Seine Jünger waren da, und die Mutter Jesu war auch da. Dann geschah etwas Peinliches: Der Wein reichte nicht mehr. Vielleicht war die Hochzeitsgesellschaft größer, als man erwartet hatte. Die Maria hat sich in dieser Situation an Jesus gewandt und Ihn darauf hingewiesen: »Sie haben keinen Wein mehr.« Jesus antwortet: »Frau, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« War das nicht eine sehr harte Antwort? Maria aber hat sich darunter gebeugt und hat dann den Verantwortlichen einen wunderbaren Rat gegeben: »Was Er euch sagt, das tut!« Das ist ein Wort, das die Maria auch uns sagen kann: »Was Er euch sagt, das tut!« Bei den vielen Stimmen und Einflüssen, die uns erreichen in unserer Welt, ist es so wichtig, auf Jesu Wort zu hören. »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben und sie werden nimmermehr umkommen und niemand wird sie aus meiner Hand reißen« (Joh. 10, 27.28). Das hängt doch alles mit dem Rat der Maria zusammen: »Was Er euch sagt, das tut!«
6. Maria, die Lernende in der Erziehungsschule Gottes
Es war für Maria ein schwerer Weg, den sie als Mutter Jesu zu gehen hatte, denn das Kommen Jesu in diese Welt über Maria hatte ja den Zweck, dass Er leiden und sterben und die Sünde der Welt auf sich nehmen sollte. Der alte Simeon hatte es ihr bereits angekündigt: »Auch deine Seele wird ein Schwert durchdringen« (Luk. 2, 35). Der Weg, den du zu gehen hast, wird für dich Leiden bedeuten!
Wir sehen in manchen Stellen in den Evangelien, wie Maria lernen musste, dass ihr Erstgeborener nicht ihr, sondern Gott gehörte. Darum das harte Wort: »Frau, was habe ich mit dir zu schaffen?« Da sagt Er nicht »Mutter«, sondern »Frau«. Du hast jetzt nicht über mich zu bestimmen, sondern mein Vater im Himmel. — Ein anderes Mal suchen Ihn Seine Mutter und Seine Brüder und wollen Ihn sprechen, während Er von einer Volksmenge umringt ist. Jesus aber sagt: »Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter« (Mark. 3, 31-35). Die Maria muss lernen, in die richtige Stellung zu Jesus zu kommen, und das war für sie als Mutter sicher nicht leicht. Und dieser Lernprozess und Leidensweg geht bis unter das Kreuz. Da steht dann die Maria mit ihrer Schwester und dem Jünger Johannes unter dem Kreuz. Wie schwer muss das für Maria gewesen sein! Sie wusste doch, wer der war, den sie geboren hatte — und nun hängt Er dort am Kreuz! Als nun Jesus Seine Mutter sieht und den Johannes, da sagt Er zu Seiner Mutter: »Frau, siehe, das ist dein Sohn!« Wieder sagt Er »Frau«, nicht »Mutter«. Und zu dem Johannes sagt Er: »Siehe, das ist deine Mutter!« Und von der Stunde an nahm sie der Johannes zu sich in sein Haus. So hat der sterbende Jesus noch eine wunderbare Fürsorge geübt.
7. Maria, Glied der betenden Gemeinde
Maria musste lernen: Ich bin eine Frau, Jesus aber ist der Sohn Gottes. Gott hat mich als Sein Werkzeug benutzt, um auf Erden Jesu Mutter zu sein, jetzt aber wird Er als der Gekreuzigte und Auferstandene auch mein HERR und mein HEILAND. Maria wird nun ein Glied der glaubenden und betenden Gemeinde.
Nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt, vor Pfingsten, finden wir dann die Apostel in Jerusalem im Obersaal einmütig im Gebet versammelt, »mit einigen Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und mit Seinen Brüdern« (Apg. 1, 13.14). Wie schön ist das doch: Auch Seinen Brüdern, die zuvor nicht an Ihn glaubten (Joh. 7, 5), ist nach Kreuz und Auferstehung aufgegangen, dass Jesus auch ihr Herr und Retter ist. Jetzt gehören auch sie zur glaubenden Gemeinde, und von Jakobus und Judas, den Brüdern Jesu, stehen zwei Briefe im Neuen Testament.
Hier finden wir Maria inmitten der glaubenden Gemeinde. Sie hat Jesus als Herrn und Retter angenommen. So nimmt die Heilige Schrift Abschied von ihr; sie wird im Neuen Testament danach nicht mehr erwähnt. Wir wissen, dass sie zu Jesus gehört und dass sie eine Frau ist, die Gott in ganz besonderer Weise als Sein Werkzeug gebraucht hat. Durch sie ist der Gottessohn ins Fleisch gekommen.
Der Apostel Paulus schreibt einmal: Die Eva hat die Sünde in die Welt eingeführt. Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung. Und dann heißt es weiter: »Sie wird aber gerettet werden durch das Kindergebären« (1. Tim. 2, 15). Wie ist das zu verstehen? Sollen die Frauen durch Kindergebären gerettet werden? — Paulus hat etwas ganz anderes gemeint: Die Frau wird gerettet werden »durch die Kindzeugung« (griech. teknogonia), »wenn sie (die Frauen) bleiben in Glauben und Liebe und Heiligung mit Besonnenheit (oder: Sittsamkeit).«
Hier wird die Frau ganz besonders geadelt. Durch die Eva wurde zwar die Sünde eingeführt, aber durch die Kindzeugung und Jungfrauengeburt, die Maria erfuhr, wurde das Leben in die Welt eingeführt. Nun kann Eva tatsächlich die »Mutter aller Lebendigen« werden (1. Mose 3, 20). Durch diese Kindzeugung durch den Heiligen Geist gibt es für alle Menschen Heil und Rettung und Hilfe, wie es der Name »Jesus« zum Ausdruck bringt.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 2/2008; Paulus-Verlag, Heilbronn)



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