Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Das Evangelium von der Sohnschaft

Autor: Heinemann, Karl  |  Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel, Irrlehre, Kirchentum, Religionen  |  685 x gelesen

Die frohe Botschaft der Bibel — insbesondere des Neuen Testaments — enthält viele herrliche Verheißungen für die erwählten und berufenen Gläubigen. Eine der kostbarsten göttlichen Gnadengaben ist das Geschenk der Sohnschaft in Verbindung mit der einmaligen Stellung der Gemeinde Jesu Christi.

Der Sohnschaftsstand der Glieder des Leibes Christi ist aber nur möglich infolge der Herrlichkeit des Erstgeborenen, Jesus Christus, und Seiner wunderbaren Mittlerschaft. In Psalm 2, 7 wird die prääonische Zeugung des Sohnes Gottes verkündet. Bis zu diesem wunderbaren Akt war Gott das allein existierende Wesen. Gott, der Vater Jesu Christi, hatte aber einen Entschluss gefasst, nicht nur einen Sohn ins Leben zu rufen, sondern viele Brüder dieses Erstlings (Röm. 8, 29).

Und wer die Heilsgeschichte der Bibel kennt, weiß auch, dass Gott nicht eher ruht, bis auch die ganze Schöpfung in den Sohnesstand versetzt sein wird. Dazu bedarf es der Mithilfe der erlösten Gemeinde, die eine enorm wichtige Zukunftsaufgabe nach ihrer Vollendung erhält. Diese »Ekklesia« (Auswahl, Herausgerufene) ist nicht zum Selbstzweck erlöst, sondern zum Mitherrschen und -regieren bestimmt.

Wir betrachten im Folgenden

  1. Die Sohnschaft der Gemeinde Jesu Christi und die Knechtschaft der Religiosität
  2. Die heilsgeschichtliche Entwicklung der Sohnschaftsphasen
  3. Die Konsequenzen der Erwählung zum Sohnesstand

1. Die Sohnschaft der Gemeinde Jesu Christi und die Knechtschaft der Religiosität

Es gibt nach dem verlorenen Paradies immer wieder das Bestreben der Menschen, den Sinn des Lebens zu erkennen und zu deuten. Viele Religionen versuchen es in Geschichte und Gegenwart, eine Antwort auf die brennende Seinsfrage zu finden und zu geben: Woher kommt der Mensch, was macht sein Wesen aus und was darf er in der Zukunft — besonders auch nach dem Tod — erwarten?!

In den uns bekannten Religionen und Religionsgemeinschaften ist die Gott-Vater-Beziehung der Mitglieder unbekannt. Leider ist auch in vielen Gemeinschaften und Freikirchen, die ein bestimmtes Jesus-Verhältnis haben, der Sohnesstand nicht überall klar erkannt. In Hebr. 5, 12.13 wird schon von dem Schreiber des Briefes den Empfängern bescheinigt, dass sie dem Anfangsstadium des Glaubens nicht entwachsen sind. Sie sind nicht weiter gereift, weil sie nur der Milchspeise bedürfen. Deshalb bleiben sie unmündig und haben kein Urteilsvermögen, um das »Treffliche wie auch Übles zu unterscheiden« (Konk. Übers.).

Anstelle des biblischen Glaubens, der primär personenhaft orientiert ist, treten stattdessen entweder Ersatzgötter auf oder aber Irrlehren. Bei bibelgläubigen Christen des oben erwähnten Steckenbleibens im Anfangsstadium geistlicher Entwicklung nehmen andere Verkündigungsschwerpunkte (Sachthemen) die Stelle des gottgewollten Personenverhältnisses ein.

Die hier nur angedeuteten Aspekte und Thesen sollen im Folgenden noch etwas ausführlicher angesprochen werden.

1.1 In der zweitgrößten Religion der Welt, dem Islam, ist anstelle eines persönlichen Bezuges zu Allah eine Fülle von Vorschriften der Verhaltensweisen im Koran vorgegeben, z. B.:

  • Bekenntnis der Erhabenheit Allahs
  • 5-maliges Gebet am Tag
  • Fastenzeiten
  • Almosengeben
  • Reise nach Mekka (möglichst einmal im Leben)

Die Rechtfertigung des Menschen allein aus Glauben als Gnadengeschenk kennt ein Moslem nicht, ebenso wenig die damit verbundene Heilsgewissheit. Das verwundert uns auch nicht, denn der Islam lehnt die Gottessohnschaft Jesu und Seine Funktion als Heilsvermittler ab. Vielmehr verneint er, wie im Koran steht, das biblische Verhältnis zwischen Gott, dem Vater, und Seinem Sohn Jesus. Am Kreuz soll ein anderer gestorben sein, während Jesus nach Ostasien floh. Während wir durch den Sohn Gottes, Sein Leiden, Sterben und Auferstehen, aus dem Sünden- und Todeszustand heraus ein neues Geistesleben empfangen dürfen, bleibt ein Moslem im Zustand der Ungewissheit und des Zweifels. Selbst Mohammed war sich seiner Annahme durch Allah nach seinem Tod nicht sicher. — Wie dürfen wir doch dankbar sein für das Wunder der Erlösung und die Glaubenszuversicht, dass Christus durch den Geist in uns lebt! Somit sind wir Teilhaber des göttlichen Auferstehungslebens des Gottessohnes. Wir dürfen laut Röm. 8, 16 »Abba, Vater« rufen und haben nicht mehr den Geist der Knechtschaft, sondern der Sohnschaft.

1.2 Der Hinduismus zählt nicht zu den drei monotheistischen Religionen, denn er verkündet Hunderte von Göttern. Im Gegensatz zum Judentum, Christentum und Islam muss ein Hindu mit einer Fülle von Gottheiten in seinem Leben rechnen und fertig werden. Kein Schöpfergott, geschweige denn ein persönlicher Geist, prägt sein Leben. So muss er selbst wirken und schaffen, damit sein Erdenleben so gestaltet wird, dass er nach seinem Tod als wiederverkörpertes Wesen höher entwickelt auf Erden erscheinen kann. Das geschieht so oft, bis er der himmlischen Gottheit voll entspricht. (So allgemein kann das hier nur in aller Kürze definiert werden. Denn die Lehren des Hinduismus sind so vielfältig und sich oft auch widersprechend, dass selbst seine Lehrer oft sehr unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Meinung sind.)

1.3 Der Buddhismus, nach Buddha (Erleuchteter) genannt, entstand im 5./6. Jahrhundert n. Chr. im nördlichen Indien und fand im asiatischen Raum die größte Verbreitung. Ein angeblicher Gott Brahma überzeugte den Religionsgründer, die Lehre von der Enthaltsamkeit (Askese) zu verbreiten. Das geschah dann auch in Verbindung mit einer Ordensgründung. Seitdem praktizieren in der Geschichte — und ebenso in der Gegenwart — die Mönche durch Yoga die Loslösung des Individuums von dieser Sinnenwelt. Dieses quasi »Absterben« des Ichs bis zu einer totalen »Leere« ist Inhalt und Ziel der Meditationen und Verkündigung. Auch im Buddhismus wird — wie im Hinduismus — die Reinkarnation (Wiederverkörperung) gelehrt. Der Mensch — so wird es verkündet — muss so oft wieder auf Erden erscheinen, bis er in das Nirwana (das selige Nichts) eingehen darf.

Wenn wir diese Religion mit unserem Glauben vergleichen, so wird auch hier ein krasser Unterschied deutlich: Während der Buddhist durch eigenes Tun ein asketisches Leben führen muss ohne Beziehung zu einem persönlichen Gott, dürfen wir Christen wissen: »Jesus Christus ist uns gemacht von Gott zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung« (1. Kor. 1, 30b). Christus ist das Haupt der Glieder Seines Leibes. Er leitet uns durch Wort und Geist in die volle Wahrheit des Evangeliums. Im Buddhismus gibt es eine bestimmte Hierarchie. Das wohl allen bekannte Oberhaupt, der Dalai Lama, führt ein strenges Regiment über alle Mönche und übrigen Gläubigen. (Er kann zur Zeit bekanntlich in Tibet diese Herrschaft nicht konkret ausüben.) Wesentliche Hilfen bei der Meditation bilden die Buddha-Figuren. Dagegen warnt schon das Alte Testament vor Bildern und falschen Göttern. Und besonders das Ziel ist völlig unterschiedlich: Der Christ darf eine lebendige Erwartung haben in der Herrlichkeit Gottes, während ein Buddhist einmal im »seligen Nichts« sein Bewusstsein und damit die individuelle Existenz verliert.

1.4 Irrlehren im Christentum. — In der größten christlichen Konfession, dem römischen Katholizismus, gibt es leider einige nicht mit der Bibel übereinstimmende Lehren, u. a.:

  • Unfehlbarkeit des Papstes
  • Sakramentenlehre (7 Sakramente)
  • Marias Himmelfahrt
  • Sündenablass
  • das Messopfer

Besonders die Auffassung vom mystischen Leib der Kirche, ohne deren Zugehörigkeit niemand wahrhaftig gläubig ist, bedeutet einen eklatanten Widerspruch zu unserem Glauben.

Ich erhielt einmal von einem katholischen Buchverlag ein Schriftchen, in dem von einem »Ehrwürdigen Pater Paul« eine Litanei zur »allerseligsten Jungfrau Maria« empfohlen wird. Dem Beter dieser Grüße wird ein besonderer Segen Marias versprochen. Einige Auszüge aus dieser Litanei:

Ich grüße Dich, Maria,
Tochter Gott des Vaters,
Mutter Gott des Sohnes,
Braut des Heiligen Geistes,
Tempel der allerheiligsten Dreifaltigkeit,
reine Lilie der erhabenen Dreifaltigkeit,
angenehme Rose des himmlischen Hofes,
Königin des Himmels, voll der Gnade,
Königin meines Herzens.

Hier findet eine Bekenntnisverschiebung von Jesus Christus zu Maria statt. Das Vater-Sohn-Verhältnis, das auch unsere herrliche Stellung in Christus zum Vater bestimmt, wird durch die Verlagerung auf Maria der ursprünglich biblischen Funktion beraubt. —

Aus der Reihe der Sekten, die oft unterschiedliche Akzente setzen, seien zwei als exemplarisch und somit typisch ausgewählt: die »Zeugen Jehovas« und die »Neuapostolische Kirche«.

Die »Zeugen Jehovas« stellen eine sehr gesetzliche Religionsgemeinschaft dar. Sie nennen sich bewusst nicht Zeugen Jesu Christi, sondern stellen den AT-Gott Jehova in den Mittelpunkt, ohne seine heilsgeschichtliche Bedeutung hervorzuheben. Die Sohn-Gottes-Stellung Jesu wird herabgewürdigt. Die Gläubigen dieser Gemeinschaft müssen anstelle des NT-Glaubens dieser Sekte beitreten, alles, was die »Wachtturm-Gesellschaft« lehrt und vorschreibt, beherzigen und diesen Anweisungen folgen. Besonders ist nach der Taufe der Zeugendienst notwendig. Obwohl die »Zeugen Jehovas« zur Zeit etwas offener gegenüber den kirchlichen, freikirchlichen und gemeinschaftlichen Bekenntnissen und Argumenten sind, bleiben sie doch ihrem Grundbekenntnis und ihrer Praxis treu. Dem Zeugen Jehovas ist die herrliche Stellung, wie wir sie z. B. in Kol. 3, 1-4 von Paulus bezeugt bekommen, nicht bekannt noch bewusst, ebensowenig die biblische Hoffnung Israels. Das Leben in Christus und dem Vater, wie es in Kol. 3 beschrieben wird, ist dem Angehörigen dieser Sekte verborgen. Wir aber dürfen diese Gnaden- und Liebesstellung als eine bevorzugte Basis unseres Glaubens erkennen und bezeugen.

Die »Neuapostolische Kirche« ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Sie ist aus der katholisch-apostolischen Kirche hervorgegangen und sehr streng hierarchisch gegliedert. Vom Stammapostel über weitere Apostel, Bischöfe, Älteste, Lehrer, Hirten und Diakone werden die Mitglieder — in Deutschland über 300.000 — eng an ihre Kirche gebunden. Als im 19. Jahrhundert weltweit Erweckungen in bibeltreuen Gemeinden aufbrachen, haben etliche Lehrer verkündet, vor der Wiederkunft Christi müssten zunächst 12 Apostel — wie zur Erdenzeit Jesu — vorhanden sein. Man gab auch ein bestimmtes Datum dieses Ereignisses bekannt. Besonders in England und Deutschland fand diese Lehre viele Anhänger und Befürworter. So wurden schließlich 12 Apostel ernannt. Als aber der vorausgesagte Termin der Wiederkunft Christi verstrich, war die Enttäuschung groß. Ratlosigkeit machte sich breit und viele Anhänger verließen diese Kirche. Man fand dann eine Ersatzlösung und behauptete, es müssten in Zukunft stets 12 Apostel neu bestimmt werden. Das geschah dann auch bis auf den heutigen Tag. Diejenigen aber, die nur den einmaligen Einsatz der Apostel befürworteten, trennten sich und bildeten die »Altapostolische Kirche«. Die Richtung besteht heute noch mit allerdings einer kleinen Mitgliederzahl.

Das typische von unserer Gemeindeschau abweichende Lehrstück und -verhalten der »Neuapostolischen Kirche« ist Folgendes: Nur derjenige Gläubige, der durch die Handauflegung der Apostel gesegnet wird, empfängt den Heiligen Geist. Bei dieser Glaubensauffassung wird das sektiererische Bekenntnis deutlich. Jesus selbst bezeugt in Joh. 16 deutlich die Funktion des Heiligen Geistes und begründet sein Kommen und Wirken mit dem vollbrachten Heilswerk. Jeder, der von Gottes Geist und Wort angesprochen wird und eine echte Entscheidung für Christus trifft, darf nach der Vergebung der Schuld und mit offenem Herzen auch die Innewohnung des Heiligen Geistes erleben. Die Verlagerung vom Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn auf menschliches Handeln ist also der Grund der Irrlehre.

Wie bereits angedeutet, gibt es auch unter Bibel- und Jesusgläubigen Christen eine Verlagerung der Lehrinhalte, weil sie in den Anfangsgründen stecken bleiben (Hebr. 5, 12.13!). Das kann an mangelnder Verkündigung weiterführender Lehrinhalte, innerer Abwehrhaltung gegenüber »fester Speise« oder Ungehorsam im praktischen Wandel liegen. Vorrangiger Grund für diese Fehlentwicklung ist wohl die mangelnde Bereitschaft, die Briefe des Neuen Testaments — und besonders des Paulus — zu studieren. Stattdessen gibt es Ersatzangebote. Zwei Tendenzen dieser Ersatzangebote können als typisch angesehen werden: Zum einen verbreiten sich schwärmerische Ansätze, indem sich anstelle des zentralen Christusglaubens die Erlebnisvariante einschleicht mit Pseudo-Geisteswirkungen. Zum anderen werden zur Belebung der Gottesdienste ungeistliche Methoden und Medien eingesetzt (z. B. Theater, Anspiele, Popmusik u. a.).

Ich habe persönlich beide unbiblischen Strömungen kennengelernt und musste mich jeweils klar davon distanzieren. Im ersten Fall habe ich bei einem extremen Charismatiker in einem Hauskreis seine »Offenbarungen« hinterfragt, was nach 1. Kor. 14 rechtens und notwendig ist. Darauf hat er mir — wie bei Eli im AT geschehen — den Tod angedroht. (Ich lebe immer noch, während er bereits über 15 Jahre tot ist.) Im zweiten Bereich möchte ich als Exempel den Eindruck von einem Familiengottesdienst kurz wiedergeben: In einer evangelikal geprägten Gemeinde dauerte die Predigt insgesamt nur zehn Minuten, während die übrige Zeit (ca. 45 Min.) mit Liturgie, zwei Anspielen, Informationen und Frage-Antwort-Kurzweil zu einer außerbiblischen Thematik verbracht wurde.

Paulus hat in 2. Tim. 4, 3.4 diese Entwicklung vorausgesehen und schreibt dort: »Denn es wird eine bestimmte Zeit da sein, in der man die gesunde Lehre nicht (mehr) ertragen, sondern sich den eigenen Begierden folgend Lehrer aufhäufen wird, die die Ohren kitzeln lassen; und man wird die Ohren von der Wahrheit abkehren« (Übers. von H. Schumacher). Und in 2. Tim. 3, 1-5 wird bezeugt, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten eintreten werden. Vor allem wird der Mensch egoistisch sein und im Glauben nur eine gewisse Form der wahren Frömmigkeit aufweisen. Und in 1. Tim. 4 sagt Paulus in den beiden ersten Versen klar voraus, dass in der Endzeit Abfall vom Glauben und Irreführung von Dämonen und Geistern erfolgen.

Am Ende dieses bösen Äons (Zeitalters) wird die Globalisierung das prägende Schlagwort sein. Wir registrieren bereits in der Gegenwart im wirtschaftlichen, politisch-gesellschaftlichen und auch religiösen Bereich jeweils Ansätze und konkrete Schritte zur Lösung von Problemen auf weltweiter Basis. Die UNO als entsprechende Institution tritt immer wieder aktiv auf der Weltbühne der Politik auf. Im wirtschaftlichen Bereich finden immer mehr Firmenzusammenschlüsse statt. Und bei der Lösung der Banken- und Finanzprobleme — wo es zur Zeit dramatische Krisen gibt — werden außer den zuständigen nationalen Gremien vor allem Vertreter der EU und der G-8-Staaten tätig. Und im christlichen Lager werden die Bemühungen um eine weltumspannende Ökumene in den großen Kirchen und auch z. T. Freikirchen immer wieder offenbar. Es kann hier nur angedeutet werden, dass in der Endzeit der letzte Weltherrscher und der Antichrist für eine begrenzte Zeit diktatorisch über den größten Teil der Weltbevölkerung herrschen werden. Unser Herr und Haupt Jesus Christus wird ihrem verführerischen Wirken aber ein jähes Ende in der letzten 70. Jahrwoche bereiten (nach Daniel). Und ihr Herrschaftszentrum Babylon wird von Gott gerichtet (Offb. 18) und im 1000-jährigen Friedensreich durch Jerusalem abgelöst werden.

2. Die heilsgeschichtliche Entwicklung der Sohnschaftsphasen

Gottes Planung im Verlauf der Äonen (Zeitalter) und Ökonomien (Haushaltungen) hat neben den gewaltigen Schöpfungsakten stets auch Sohneszeugungen im Blickfeld. Diese geburtsmäßigen Vorgänge gewinnen nach der Zeugung des Erstgeborenen (Ps. 2, 7) in verschiedenen Geschichtsphasen ihre göttliche Bedeutung.

Das wohl ausgeprägteste Sohnschaftsverhältnis finden wir dank des Zeugnisses des Nationenapostels Paulus im gegenwärtigen Äon vor. Paulus definiert es als ein besonders ihm geoffenbartes Geheimnis (Röm. 16, 25; 1. Kor. 4, 1; Eph. 1, 9; 5, 22; Kol. 1, 27; 2, 2). Diese Ausprägung geschieht zur Zeit noch nicht massiv nach außen, sondern nur vereinzelt oder relativ selten durch Gemeindedarstellung. Gewiss kann Gott auch Erweckungen schenken, vor allem in christlichen Neulandregionen. Es geht aber primär um die Rettung Einzelner und ihre Eingliederung in den Leib Christi. Die meisten echten Zeugungs-, Geburts- und vor allem Wachstumsprozesse finden in der Regel unbemerkt von der Volksmasse statt. (Pfingsten bildete eine Ausnahme und gehört in die Ökonomie des Übergangs vom Wirken Jesu im Fleisch bis zum Enthüllen des Gemeindegeheimnisses.)

2.1 Abschattungen und exemplarische Vorwegnahmen des Sohnesstandes im Alten Testament. — Hier wäre als Erster Adam zu nennen. Adam, der erste Mensch nach dem Bilde Gottes, sollte im paradiesischen Zustand auch die ganze Schöpfung beherrschen und in den Reifestand hineinführen. Er versagte aber durch Ungehorsam und leitete den Sündenfall ein. Er erhielt bei der Schöpfung zwar den Geist (Pneuma) Gottes, war aber nur eine »lebendige Seele«. Christus hingegen ist ein »lebendigmachender Geist« (1. Kor. 15, 45).

In 1. Mose 5, 24 wird Henoch als Erstling der Entrückung genannt, und der Hebräerbriefschreiber bezeichnet ihn als Glaubensvorbild: »Durch Glauben wurde Henoch hinweggerafft, um den Tod nicht zu erleiden; und er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn hinwegraffte. Denn vor seiner Hinwegnahme wurde ihm bezeugt, dass er Gott wohlgefallen habe« (Hebr. 11, 5).

Abraham, der Vater aller Gläubigen aus den Nationen und der Beschneidung (Röm. 4, 11.12), wird von Gott selbst berufen. Seine Nachkommenschaft soll so zahlreich sein wie der Sand am Meer und die Sterne am Himmel (1. Mose 17, 8; 15, 5). »Sand am Meer« deutet wohl auf Israel mit einer irdischen Berufung (besonders auch im Friedensreich des Messias) hin, während »Sterne am Himmel« wohl auf die Berufenen aus den Nationen mit ihrer überirdischen Richter- und Herrscherfunktion hinweisen, bis Gott am Ende der Heilsgeschichte »sein wird alles in allem (bzw. allen)« (1. Kor. 15, 28).

Wir dürfen auch Josef als einen herausragenden Darsteller des Typus auf Jesus hin bezeichnen. Einmal wird er durch seinen Leidensweg für seine spätere Aufgabe in seiner Führungsrolle vorbereitet, zum andern übt er in Ägypten eine barmherzige Haltung gegenüber seinen Brüdern am Hofe Pharaos aus, und zwar denen gegenüber, die ihn aus Neid wegen seiner Berufung verkauft hatten. Beide Prägungen sind wesentliche Vorabschattungen im Blick auf Jesu Niedrigkeit und Leiden während Seines ersten Kommens auf Erden und hinsichtlich des künftigen Erscheinens in Macht und Herrlichkeit, um Israel zur Umkehr und in seine völkische Führungsposition zu bringen.

Ich möchte am Schluss dieses Abschnittes nur noch einige herausragende Persönlichkeiten dank der Berufung Gottes nennen, ohne ihre Werke zu beschreiben. Es sind Hiob, Daniel, die Propheten Elia, Jesaja und Jeremia. Gewiss werden noch viele andere Gläubige zu den Sohnestypen zu rechnen sein, wohl auch etliche, die nach der Auferweckung Jesu aus den Toten aus ihren Gräbern aufstanden und vielen in Jerusalem erschienen.

2.2 Sohnesstand in der Ökonomie des Übergangs vom »Gesetzeszeitalter« zur »Gnaden- und Gemeindezeit«. — Diese Ökonomie beginnt mit dem Erscheinen Jesu in Seiner Niedrigkeit und endet mit der Verkündigung des Apostels Paulus von der Herrlichkeit des erhöhten Christus sowie der Enthüllung des Geheimnisses der »Leibesglieder«. Es hat nie jemand in Menschengestalt den Vatergott so verherrlicht wie Jesus Christus. Er hat stets nach dem Willen des Vaters gefragt und diesen auch in den schwersten Leidenstagen vollzogen. Br. Karl Geyer schreibt einmal: »Die Sohnschaft wurde in ihrer ganzen Herrlichkeit bis jetzt nur an Einem völlig offenbar, am Sohn der Liebe.« In dieser Zeit des Erdenlebens Jesu bahnt sich auch die Sonderstellung des Volkes Israel an. Jesus war (zunächst) nur gekommen zu den verlorenen Schafen Israels (Matth. 15, 24). In Israel fand auch Seine Kreuzigung, Auferweckung und Himmelfahrt statt. Jesus hat bisher Israel als Volksganzes nicht für die Herrlichkeit Gottes gewinnen können. Auch »Pfingsten« auf israelitischem Boden ist nur ein Angeld für die spätere Annahme des Volkes und — wie in Joel 3 angekündigt — für die Ausgießung des Geistes auf »alles Fleisch« und insonderheit auf die »Knechte und Mägde«. Wer in dieser Übergangszeit zum Leibe des Christus zu rechnen ist, kann nicht exakt in allen Fällen beurteilt werden. Sicher ist, dass aus Israel/Juda etliche dazugehörten. Denn Paulus bezeugt in Eph. 2, 13-18, dass »in Christus Jesus die Nahe- und Fernstehenden eins geworden sind«. Die beiden sind in einem Körper mit Gott durch das Kreuz ausgesöhnt. So gilt der Friede Gottes beiden: den Gläubigen aus Israel und den Nationen.

2.3 Sohnschaft in den folgenden Äonen. — Nach der Entrückung der Glieder des Leibes Christi findet zunächst ihre Beurteilung und Prüfung »durch Feuer« vor dem »bäma Christou« (Richterstuhl Christi) statt. Es geht hier nicht um Gerettetwerden oder Verdammtwerden, sondern um das Offenbarwerden der Handlungsweisen der Gläubigen. Ob »Holz, Heu, Stroh« oder »Gold, Silber, Edelsteine« das Resultat sind, wird dabei durchs Feuer offenbar. Holz symbolisiert Menschliches, Heu Vergängliches und Stroh Fruchtleere. Gold hingegen versinnbildlicht Glauben bzw. Treue, Silber Reinheit und Edelsteine weisen auf Herrlichkeit hin. Nach dieser Durchrichtung wird die Leibesgemeinde ihren weiteren Heilsdienst als »Tempel Gottes« übernehmen (siehe 1. Kor. 3, 10-17).

In Offb. 21, 22.23 wird im Blick auf das neue Jerusalem von Johannes gesagt: »Einen Tempel gewahrte ich nicht mehr in ihr; denn der Herr ist ihr Tempel, Gott der Allgewaltige und das Lämmlein. Die Stadt bedarf weder der Sonne noch des Mondes, um in ihr zu scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lämmlein.« Wir dürfen aus dieser Vision und weiteren Angaben in Kap. 21 und 22 folgende Schlüsse ziehen: Dort, wo Jesus Christus lebt und wirkt, sind gewiss auch Seine Mitarbeiter, die Glieder Seines Leibes, tätig. Hier dürfen wir — im Gegensatz zu den 12 Aposteln und den 12 Stämmen Israels — eine über das neue Jerusalem und die neue Erde hinausreichende Stellung und Funktion einnehmen: »Wisst ihr nicht, dass die Heiligen den Kosmos richten werden? Wisst ihr nicht, dass wir Engel (Boten) richten werden?« (1. Kor. 6, 2a.3a). Wir finden die unterschiedlichen Aufgaben zwischen der Gemeinde des Leibes und Israel auch durch folgende Hinweise bestätigt: In Offb. 21, 9b ist von der »Braut des Lammes« die Rede, die in Verbindung mit der Stadt Jerusalem von Johannes gesehen wird. (Die Gemeinde stellt die Glieder des »Bräutigams« dar). Ein weiterer Beweis für die Differenzierung der beiden Heilskörperschaften liegt in den Zahlenangaben der gewaltigen Stadt: 12 Tore, 12 Apostel, die 12 Stämme Israels, die 12 Tore der Mauer und ihre 12 Grundfesten. Auch die Maße der Grundmauern weisen diese für Israel typische Zahl auf: 12.000 Stadien (eine Stadie = ca. 185 m) (Offb. 21).

Die Gemeinde wird bis zum Abschluss aller Heilsgeschichte so lange mit Christus herrschen und regieren, bis alle Feinde abgetan sind (auch der Tod) und Gott sein wird alles in allem bzw. allen (1. Kor. 15, 25-28). Welch gewaltige und herrliche Aufgabe ist das doch, aber auch damit verbunden welch große Verantwortung der Gläubigen zur Zeit ihrer Zubereitung auf Erden!

3. Die Konsequenzen der Erwählung zum Sohnesstand zu Lebzeiten

Wir dürfen im Gegensatz zum Volk Israel, das als Erstlingsvolk der Nationen auch zum Sohnesstand erwählt war, auf der Grundlage der Erlösung »zum Lobpreis der Herrlichkeit Seiner Gnade« bereits jetzt schon leben (Eph. 1, 6). Israel hatte das mosaische Gesetz erhalten, das es aber in eigener Kraft nicht erfüllen konnte. In den Gnadenstand wird es erst nach dem Erscheinen des Messias in Kraft und Herrlichkeit versetzt und ist dann göttlich legitimiert, die ihm gemäße Aufgabe in der Völkerwelt zu übernehmen. Wir dürfen aber bereits in diesem irdischen Leben auf die »Fülle des geistlichen Segens inmitten der Überhimmlischen in Christus« zurückgreifen. Deshalb sind wir auch hohen lebenspraktischen Erwartungen ausgesetzt: »… damit wir Heilige und Makellose vor Seinem Angesicht seien« (Eph. 1, 3-6!). Dank des Reichtums Seiner Gnade besitzen wir »die Freilösung durch Sein Blut und die Vergebung unserer Sünden« und können auf dieser Grundlage durch die Kraft des Heiligen Geistes auch gottgemäß wandeln (vgl. Eph. 1, 7.8; Röm. 8, 1-4). Aus eigener Kraft können wir unsere Berufung nicht erfüllen. Am Anfang unseres Glaubenslebens versuchen wir meistens aus dem Eigenen heraus ein Leben nach dem Wohlgefallen Gottes zu führen. Wir müssen aber alle erst die negative Erfahrung wie Paulus machen: »Ich elender Mensch! Wer wird mich aus dem Körper dieses Todes bergen? Gnade! Ich danke Gott durch Christus, unseren Herrn. Folglich, auf mich selbst gestellt, sklave ich demnach mit dem Denksinn dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde« (Röm. 7, 24.25 Konk. Übers.). Erst nach diesem Debakel ist der Gläubige für das völlige Heil in Christus offen und kann, geleitet durch den Heiligen Geist, wachsen und reifen.

Diesen Prozess beschreibt Johannes in seinem 1. Brief: Die »Kindlein« haben die Vergebung der Sünden erfahren. Die »Jünglinge« haben den »Bösen« überwunden und die »Väter« haben den erkannt, der von Anfang an ist. So wie im natürlichen Leben ein kontinuierlicher Wachstumsprozess die normale Entwicklung darstellt, so sollte es auch im geistlichen Bereich sein. Automatisch bzw. zwangsläufig vollzieht sich dieser Reifeprozess allerdings nicht. So wie im physischen Leben Nahrungsaufnahme und Bewegung unerlässliche Bedingungen darstellen, ist das im übertragenen Sinne auch geistlicherweise notwendig.

Das Wort Gottes wird in der Heiligen Schrift oft mit »Brot« bzw. »Nahrung« verglichen. So ist das ständige Lesen und die innerliche Aufnahme des Wortes in Verbindung mit der Geistesleitung ein wesentlicher Wachstumsfaktor. Auch die »Bewegung«, in der Schrift mit »Wandel« bzw. »Lauf« beschrieben, fördert das geistliche Reifen. Ein weiterer Aspekt im Wort Gottes, als Voraussetzung für die Umgestaltung unseres Wesens in das Bild Christi, ist die Gesinnung. Diese Geisteshaltung im Innersten der »neuen Kreatur« (2. Kor. 5, 17) ist nach Phil. 2, 5-11 besonders zu beachten. Hier wird Christus als Vorbild eines totalen Gehorsams Gott gegenüber beschrieben:

  • Er hielt die Gestalt Gottes nicht wie einen Raub fest
  • Er entäußerte sich selbst
  • Er nahm die Gestalt eines Sklaven an
  • Er wurde den Menschen gleichgestaltet
  • Er erniedrigte sich selbst
  • Er wurde gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz

»Deshalb hat Ihn auch Gott erhöht und Ihm einen Namen gegeben, der über allen Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich jedes Knie beuge, der Himmlischen, Irdischen und Unterirdischen und jede Zunge bekenne: Herr ist Jesus Christus! zur Verherrlichung Gottes, des Vaters« (V. 9-11). Diese Herzensgesinnung, die wir auch als »Mitgekreuzigte« stets pflegen sollten, ist keine Selbstzweckverpflichtung, sondern führt zu einem herrlichen Endziel: zur Verherrlichung des Vaters.

Es ist deshalb die Zielkenntnis und -orientierung für unseren Lebenswandel äußerst wichtig. Und auf der Grundlage des »Mitauferwecktseins« ist das Erreichen des Zieles auch garantiert.

In 1. Kor. 9, 24-27 wird der bereits erwähnte Lauf als Bewegungsform mit dem folgenden Zielresultat beschrieben: der Kampf- bzw. Siegespreis. Es laufen zwar viele in der Rennbahn, doch nur der erste Läufer erhält diese Auszeichnung. Es kommen zwar alle, die gestartet sind, an das Ziel, aber ohne Gewinn.

Paulus spricht in Phil. 3, 14 dieses Ziel ebenfalls an: den Kampfpreis der Berufung Gottes droben in Christus Jesus. Er bezeugt von sich, dass er diesem Ziel nachjagt. Er bringt es auch mit der Ausauferstehung (Exanastasis) aus den Toten in Verbindung (Phil. 3, 10-12). Generell dürfen alle Glieder des Leibes Christi mit der Entrückung rechnen (1. Thess. 4, 15-17). Doch — wie bereits in Kap. 2.3 erwähnt — entscheidet sich vor dem Richterstuhl des Christus (bäma Christou, 2. Kor. 5, 10), ob wir Bleibendes, Unvergängliches in unserem Lebenslauf ausgewirkt haben oder nur »wie durch Feuer« errettet werden (1. Kor. 3, 11-15).

Wir halten an dieser Stelle wieder um der Priorität willen fest: »Gott ist es, der in euch wirkt das Wollen und Vollbringen« (Phil. 2, 13). Danach sind auch wir aufgefordert, unsere Errettung auszuwirken, und das sogar mit »Furcht und Zittern« (Phil. 2, 12). Es ist also bei der herrlichen Erkenntnis des Gnadenstandes stets darauf zu achten, dass diese Stellung uns nicht zu einer falschen Ruhe im »Fleisch« führt. — Ein weiterer Aspekt der Beachtung von Konsequenzen in unserem irdischen Glaubensleben ist die rechte Blickrichtung. Der bibelgläubige Christ ist kein Optimist, Pessimist, Utopist noch Realist im rein menschlichen Sinn. Der Blick zurück in die Vergangenheit, nach vorn in die Zukunft, in das Umfeld und die nur psychische Innenschau lösen nicht die vielen Menschheitsprobleme. Gewiss, wir sind nicht realitätsblind, sollen aber in der täglichen Lebenspraxis aufgrund unserer herrlichen Sohnesstellung primär geistlich nach droben schauen, wo Christus ist zur Rechten Gottes. Denn wir sind geistlicherweise nicht nur mit Christus gestorben und begraben, sondern auch mit auferweckt und in das Überhimmlische versetzt (Kol. 3, 1-3). Auch in Hebr. 12, 2 werden wir ermahnt, auf den Anfänger (Urheber) und Vollender des Glaubens zu blicken. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: »Was wir anschauen, gewinnt Macht über uns.« Wir können in der Gegenwart die Wahrheit dieser Aussage ganz krass im Medienbereich mit den verheerenden negativen Folgen erkennen. Viele Menschen, vor allem auch Jugendliche, sind Sklaven des Fernsehers und Computers. — Wir wollen aber diesen Punkt der »Blickrichtung« nicht verlassen, ohne noch einen wichtigen Bibelvers zu zitieren: »Wir alle aber, mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn widerspiegelnd, werden in dasselbe Bild umgestaltet von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie von des Herrn lebendig machendem Geist« (2. Kor. 3, 18).

Als letzten Aspekt zu diesem Kapitel wollen wir das Verhältnis unserer Schwachheit zur Kraft Gottes betrachten. Solange wir noch in der sterblichen Hülle unseres Körpers leben, sind wir immer wieder von Anfechtungen durch Nöte und Leiden herausgefordert. Paulus ist uns diesbezüglich ein leuchtendes Vorbild. In fast allen Briefen geht er auf seine um Jesu und seines Dienstes willen zu erduldenden Leiden bis hin zu den Todesgefahren ein; siehe als prägnantes Beispiel: 2. Kor. 11, 22-38. Und im folgenden Kap. 12 erwähnt er eine besondere Prüfung: Um der hohen Offenbarungen willen (geistliche Entrückung bis in den dritten Himmel) wurde ihm ein »Pfahl für das Fleisch« gegeben, indem ein Bote Satans ihn mit Fäusten schlug. Auf sein dreimaliges Flehen zum Herrn, dass der Bote doch von ihm ablassen möge, erhielt er die Antwort: »Dir genügt meine Gnade; denn meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen gemacht« (2. Kor. 12, 9). Gewiss haben wir zur Zeit, in »demokratischer Freiheit« lebend, nicht solche Leiden zu durchstehen. Aber generell darf diese Zusage des Herrn an Paulus auch uns gelten: in den Problemen, Nöten und Leiden nicht alles »wegbeten« zu wollen, sondern der Kraft des auferstandenen Herrn zu vertrauen. Sicher ist das kein allgemeines Verhaltensschema. Wir bedürfen stets der Weisheit Gottes im Gebet bei Anfechtungen, wie wir in rechter Weise überwinden sollen. Wir dürfen gewiss sein — wenn es sich nicht um Leiden der Sünde wegen handelt —, dass unser treuer Gott und Vater entweder die Hindernisse beseitigt oder Er aber uns die Kraft zum Erdulden der Leiden schenkt.

4. Zusammenfassung und Schlusswort

Das Fazit dieser Abhandlung möchte ich durch einen Buchtitel des chinesischen Christen Watchman Nee, der 20 Jahre um seines Glaubens willen im kommunistischen China inhaftiert war, zum Ausdruck bringen: Sitze, wandle, stehe! W. Nee wollte mit diesem Titel die Gliederung des Epheserbriefes aufzeigen. Das Sitzen bezieht sich auf die ersten drei Kapitel und entspricht der herrlichen Sohnschaftsstellung der Leibesgemeinde. Das Wandeln umfasst die Kap. 4 und 5, wie in Kap. 4, 1 von Paulus beschrieben: »Wandelt würdig eurer Berufung gemäß!« Das Stehen wird in Eph. 6, 10-18 im Sinne einer dringenden Aufforderung angemahnt. Es meint nach anderen Übersetzungen: Standhalten (z. B. Konk. Übers.).

Diese Schriftstelle soll uns als Abschlusswort leiten und eine wichtige Hilfe für unseren Stand, Wandel und Glaubenskampf sein.

Die erste Ermahnung gilt unserer »Kräftigung im Herrn, in der Gewalt Seiner Stärke« (Standfestigkeit) (Vers 10).

Der zweite Befehl bezieht sich auf das »Anlegen der gesamten Waffenrüstung Gottes« (Vers 11). Der Grund für die Notwendigkeit des Anziehens dieser Rüstung liegt in der Gegnerschaft. Wir haben nämlich nicht primär gegen »Fleisch und Blut« zu kämpfen, sondern gegen die »Obrigkeiten, Weltbeherrscher (Kosmokratoren) dieser Finsternis und geistlichen Mächte der Bosheit inmitten der Himmlischen« (Vers 12). Und hier gilt es den Kriegslisten Satans gegenüber standzuhalten (zu stehen). Dieser unser Widerstand — besonders am »bösen Tag« — ist nur möglich, wenn wir die gesamte »Waffenrüstung Gottes« anlegen (Vers 13). Die Stücke dieser Rüstung wollen wir abschließend noch aufzeigen:

  • der Panzer der Gerechtigkeit als Hauptschutz des Körpers
  • der Lendengurt der Wahrheit
  • die Fußfertigkeit zur Bereitschaft für das Evangelium des Friedens
  • der Langschild des Glaubens zum Löschen der glühenden Pfeile des Bösen
  • der Helm des Heils zur Errettung droben
  • das Schwert des Geistes, das Wort Gottes (V. 14-17)

Wir stellen dabei fest, dass bis auf den letzten Teil der Waffenrüstung (Schwert) alle anderen Stücke dem Abwehrkampf dienen. Das ist m. E. eine wichtige Erkenntnis. Denn wir können nur das besitzen bzw. behalten und bewahren, was der Herr uns in Gnaden zugeteilt hat. Neues Terrain über das geschriebene Wort hinaus können und dürfen wir nicht erobern.

Wie wir also in diesem Artikel erkennen durften, haben wir als Söhne Gottes, des Vaters, einen herrlichen Stand und mutmachende Verheißungen für die Zukunft. In Christus Jesus haben wir die Gewissheit, dass »alle Verheißungen das Ja und Amen sind, Gott zur Verherrlichung durch uns« (2. Kor. 1, 20). Der Zielpunkt dieser Verheißungen ist die Vollendung des gesamten Alls, »bis Gott sein wird alles in allem bzw. allen« (1. Kor. 15, 28).

»Der Gott aber der Zuversicht gebe euch Frieden und Freude durch den Glauben, damit ihr überfließt in der Kraft des Heiligen Geistes« (Röm. 15, 13).

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 3/2009; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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