Gedenket eurer Lehrer!
Autor: Schumacher, Heinz | Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Lebensbilder | 501 x gelesenEin Wort zum Heimgang unseres Bruders Karl Geyer
Unserem allweisen und alliebenden Gott und Vater in Christo hat es gefallen, unseren teuren, hochgeschätzten Bruder Karl Geyer heimzurufen. Unser törichter Verstand will es nicht fassen; unser unverständiges Herz möchte ihn zurückholen; nur der Glaubensgehorsam kann auch dazu sagen: “Der Herr hat ihn uns gegeben, der Herr hat ihn uns genommen, der Name des Herrn sei gelobt!”
Einer, der weithin als eine Säule der Gemeinde Gottes angesehen wurde (Gal. 2, 4), ward abberufen. Wie sollen wir als Hinterbliebene — und dazu gehören ja letztlich alle, denen er in ihrem geistlichen Leben etwas bedeutet hat; wie vielen ist er Vater, Seelsorger, Lehrer, Prophet gewesen! — uns nun angesichts solch göttlicher Führung verhalten? Sollen wir klagen, jammern oder gar zweifeln und murren? Oder alle Regungen des Gedenkens und Erinnerns um des Schmerzes willen, vielleicht auch aus falscher “Geistlichkeit”, vorerst mit Gewalt ersticken? — Beides sei ferne!
Dem Schreiber des Hebräerbriefes wurde es durch den Heiligen Geist geschenkt, auch für solche Lage den Gläubigen eine Richtlinie gottgewollten Verhaltens zu geben. Er setzt sie uns in Kapitel 13, 7 auseinander in den drei kurzen, klaren Ermahnungen:
- Gedenket eurer Lehrer!
- Ihr Ende schauet an!
- Folget ihrem Glauben nach!
1. Gedenket eurer Lehrer! Die Elberfelder Übersetzung gebraucht hier das Wort “Führer”; das griechische Wort bedeutet soviel wie führen, Wegweiser sein, vorangehen, voranmarschieren, beim Vortrab sein, Anführer sein, ein Kommando haben, das Heer führen, die Bahn vorschreiben, gebieten, befehligen, sich an die Spitze stellen, voranstehen, regieren, lenken!
Fürwahr, ein solcher “Anführer” und “Wegweiser”, der aber nicht nur in blasser Theorie die Richtung wies, sondern selbst mit ganzem Einsatz “voranmarschierte”, “sich an die Spitze stellte”, durfte auch unser Bruder in Wort und Wandel sein!
Zunächst im Wort! Welch köstliche, vollmächtige, spürbar vom Geiste Gottes Augenblick um Augenblick gewirkte Zeugnisse durften wir aus seinem Munde vernehmen! Welche Klarheit und Abgeklärtheit, Keuschheit und Würde, aber auch unerschrockene Kampfesbereitschaft tat sich da kund! Wie vielen durfte dieses Wort als lebendiger Same zum Glauben verhelfen; wie viele — wie auch den dankbaren Schreiber dieser Zeilen — aus noch ungewiß tastenden, gefühlsbestimmten ersten Glaubensschritten zum alleinigen Sich-Stützen aufs Wort der Verheißung führen; und endlich wie vielen — und wieder darf ich mich einschließen — über den Anfang des Glaubens hinaus den Blick für die herrliche Vollendung in ihrer ganzen biblischen Tiefe und Fülle und Weite öffnen!
Und wie unterstrich sein Wandel dieses sein Wort in für uns alle beschämender Weise! Er war gekennzeichnet vor allem durch das eine, das auch das Wesen Gottes ausmacht: die Liebe! —
“Gedenket eurer Führer!” — D. h. macht euch Gedanken darüber, was das Eigentliche und Wesentliche ihrer Botschaft war, und was sie dazu befähigte, das zu sein, was die Gnade aus ihnen machte! Erkennt an ihrem Weg und Wesen und Werk das Geheimnis wahrer Fruchtbarkeit für Gott!
Welches war dies Geheimnis im Leben unseres Bruders? Kein anderes als das, welches schon vor Jahrtausenden ein alttestamentlicher Seher in die Worte fassen durfte: “Jehovas Augen durchlaufen die ganze Erde, um sich mächtig zu erweisen an denen, deren Herz ungeteilt auf ihn gerichtet ist” (2. Chr. 16, 19), seine ungeteilte vertrauensvolle Hingabe an seinen Herrn! Wer Bruder Geyer je beten hörte: “Herr, mache mir mir, was Du willst, nur erreiche Dein Ziel mit mir, koste es, was es wolle!”, der weiß davon und spürte hier eine selten reine, völlige, überströmende Liebe zu diesem Herrn.
2. Ihr Ende (Elbf. Übs.: den Ausgang ihres Wandels) schauet an! — Wir haben hier also eine direkte Aufforderung des Wortes Gottes, vor den letzten Stationen im Erdenleben unseres Bruders einmal schauend und sinnend stehenzubleiben.
Nichts im Leben eines Gotteskindes und erst recht im Leben eines bewährten Gottesknechtes ist ja so entscheidend wie der Ausgang seines Wandels. Ein Verleugnen alles Bisherigen in letzter Minute kann ein ganzes Lebenswerk fragwürdig erscheinen lassen; ein sieghaftes Ausharren hingegen ist eine gewaltige Bestätigung, ein laut hallendes “Amen” zu dem Lebenszeugnis eines Bruders.
So war auch das Ende unseres teuren heimgerufenen Bruders nach dem ergreifenden Bericht seiner lieben Frau eine solche Bestätigung seines vorausgegangenen Wortes und Werkes. Der “Ausgang seines Wandels” läßt sich in drei Worte kleiden: Leiden, Ausharren, Siegen!
Bruder Geyer scheute vor dem Leiden nicht zurück; er ergab sich auch nicht nur notgedrungen in ein auferlegtes Los; er bejahte Leiden und Opfer, ja er streckte sich aus, teilhaftig zu werden der Leiden des Christus, was er noch auf der Durlacher Jugendkonferenz 1955 im Gebet zum Ausdruck gebracht haben soll. Die Bitte wurde ihm gewährt. Der Herr schenkte es ihm, ihn noch in schweren Leiden zu verherrlichen.
Bruder Geyer war gerade von einem mit mancherlei Mühsalen verbundenen Dienst in einem kleinen, einige hundert Kilometer entfernten Ort, den abzusagen und sich lieber zu schonen er wie immer einfach nicht übers Herz brachte, zurückgekehrt, als sein schon lange währendes Herzleiden sich etwa 8 Tage vor seinem Heimgang in mehreren schweren Anfällen verschlimmerte, wozu dann noch eine Thrombose und Lungenentzündung kam. Und doch war sein ganzes Sinnen und Trachten auch in seinen letzten Tagen, sobald die Schmerzen auch nur ein wenig nachließen, auf den Dienst des Wortes gerichtet, das sein Lebenselement geworden war. So soll er noch eine wunderbare Schau des 1000-jährigen Reiches in diesen Tagen gehabt haben, die er uns, seinen Geschwistern oder gar Kindern (geistlicherweise) so gern noch mitteilen wollte. Der Herr aber weiß, warum es dazu jetzt nicht kommt.
In all dem Leiden bewies er eine einzigartige kindliche Glaubenseinfalt. So wurde sein Leiden zum sieghaften Ausharren, und was er so oft und so gern im Wort bezeugte, daß man Gott nie reiner verherrlichen könne, als im Opfer, wurde auch das letzte Zeugnis seines Wandels. —
3. Und folget ihrem Glauben nach! — Der Urtext redet eigentlich von einer “Nachahmung” (griech. “mimeomai”). Nun gibt es ja nach der Schrift zweierlei Nachahmung: echte und unechte; genauer gesagt: echten Nachvollzug aus gleicher Kraft heraus, oder aber bloßes Nachmachen unter Benutzung andersartiger Kräfte. So ist ja Satan der große “Nachmacher” Gottes, der an die Stelle echter gottgewirkter Wunderkräfte seinerseits Wunder und Zeichen setzt (2. Mose 7 und 8; Offbg. 13, 3.13; 2. Thess. 2, 9.10), an die Stelle des prophetischen Wortes Lügenprophetie, an die Stelle des Christus einen Antichristus, um nur einiges zu nennen.
Aber es gibt auch echte Nachahmung, d. h. wesenhaften Nachvollzug! So ruft der Apostel Paulus z. B. in 1. Kor. 4, 16 der Korinthergemeinde zu: “Seid meine Nachahmer!” (vgl. auch 1. Thess. 1, 6; 2. Tim. 3, 10 u. a.). Und so sollen wir nach unserem vorangestellten Wort aus Hebr. 13, 7 nicht nur den Apostel Paulus, sondern auch alle unsere “Lehrer” und “Führer” nachahmen, die wahre Christus-Nachahmer waren. Vor allen Dingen ihren Glauben sollen wir nachahmen!
So sind wir gerufen, den Glauben unseres heimgegangenen Bruders, seine Hingabe, sein restloses Vertrauen zu seinem Herrn, seine Glaubenskühnheit allen Verheißungen der Schrift gegenüber, nachzuahmen, nachzuvollziehen. Wir sollen und dürfen ihm gleichwerden in diesen Stücken. Danach sich auszustrecken ist nicht Vermessenheit, erwarten wir doch nach 1. Joh. 3, 3 einem noch Größeren einmal gleich zu sein: unserem Herrn selbst! — Freilich: die Originalität seiner Persönlichkeit und Begabung nachahmen zu wollen, wäre grundverkehrt. Da gilt es, sich keusch zu bescheiden vor dem Urwort göttlichen originalen Wirkens: “einen jeglichen nach seiner Art!” Worin wir ihm aber immer wieder als leuchtendem Vorbild nacheifern sollen und dürfen, ist sein Glaube, seine Hingabe, seine Hoffnung, seine Liebe, seine Vollmacht, seinen Wandel!
Möge diese kurze Betrachtung ausklingen in das Gebet:
Du nahmst, o Herr, was Du uns auch gegeben:
ein Dir geweihtes, gotterfülltes Leben,
das einzig Dich zu rühmen war bedacht.
Dein Weg ist heilig, immerdar vollkommen,
auch wenn Du jetzt den Bruder uns genommen,
der über unsern Seelen hat gewacht.
Du ließest ihn als Weizenkorn ersterben,
daß größ’re Herrlichkeit er nun sollt’ erben
bei Dir im unverweslich hehren Licht.
Doch auch der Glieder, die auf Erden bleiben
im unvollkommnen, mühevollen Treiben
vergissest Du, das Haupt der Deinen, nicht.
Was Du in ihm verwandelnd hast gestaltet
und nun sich frei in Herrlichkeit entfaltet,
willst Du auch überströmend uns verleih’n.
Ja schenk’ auch uns sein Glauben, Hoffen, Lieben
und laß uns hier — vereint mit ihm dort drüben —
ein Abglanz Deines Gotteswesens sein!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 6/1955; Paulus-Verlag, Heilbronn)



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