Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Menschen der letzten Tage

Autor: Diverse  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort, Endzeit, Heilsgeschichte, Zeitgeist  |  559 x gelesen

Gekürzte Zusammenfassung von Wortdiensten der Brüder Karl Geyer, Willy Schirrmacher, Otto Hoffmann, Heinz Schumacher über 2. Tim. 3, 1-5 auf der Karlsruher Jugendfreizeit vom 7. bis 10. April 1955; mit eigenen Worten wiedergegeben und ergänzt von Heinz Schumacher

“Dieses aber wisse, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten da sein werden; denn die Menschen werden eigenliebig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, heillos, ohne natürliche Liebe, unversöhnlich, Verleumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht liebend, Verräter, verwegen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen hebend als Gott, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen; und von diesen wende dich weg!” (2. Tim. 3, 1-5)

Dieses aber wisse …! Wie manches andere Zeugnis des Neuen Testamentes zeigt auch diese Aufforderung des Nationenapostels an seinen geistlichen Sohn Timotheus die lebendige Naherwartung des wiederkommenden Herrn, wie sie in den Urgemeinden durchweg lebendig war (vgl. dazu etwa 1. Thess. 4, 17; 1. Kor. 7, 29; 2. Kor. 5, 4; Röm. 8, 11). Nur weil Paulus durch Offenbarung Jesu Christi wußte, daß der gegenwärtige Äon seinem Abschluß entgegengeht und daß die “letzten Tage” (nämlich des gegenwärtigen Äons) nahe bevorstehen, konnte er es für notwendig erachten, die besonderen Charakterzüge und Erkennungsmerkmale dieser Zeit hier zur Belehrung und Warnung herauszustellen. Denn nur, wer eine Zeit ihrem Wesen und Charakter, ihrer “Tendenz” und ihrem “Zeitgeist” nach durchschaut hat, ist in der Lage, sich inmitten einer solchen Zeit richtig, d. h. wortgemäß zu verhalten.

Ist diese Naherwartung des Paulus ein “Irrtum”, über den wir längst “erhaben” sind, die wir längst denken und vielleicht auch sprechen lernten: “Mein Herr kommt noch lange nicht!” (Matth. 24, 48.49)? Oder haben wir es hier nicht vielmehr mit einer prophetischen Fernschau von ganz besonderer Deutlichkeit und Schärfe zu tun, die dem Träger dieser Prophetie, der ja gleichsam durch ein göttliches Fernrohr schauen durfte, als ganz nahe bevorstehend erscheinen mußte?

… daß in den letzten Tagen schwere Zeiten da sein werden: Zwar ist der ganze jetzige Äon seinem Wesen nach böse (Gal. 1, 4), steht er doch unter der Herrschaft des “Gottes und Fürsten dieser Welt” (Joh. 12, 31; 14, 30; 2. Kor. 4, 4; Luk. 4, 6). Das Bosheitswesen aber ist im Zunehmen begriffen, es unterliegt einem Wachstumsprozeß, der von Gott gewollt und bejaht ist. — Nicht, als ob Gott das Böse an und für sich wollte, sondern er will seine Ausreifung insofern, als sie das Böse in seiner ganzen Bosheit am deutlichsten enthüllt und zugleich die Geschöpfe gerichts- und rettungsreif werden läßt. Jesu Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen in Matth. 13, 24-30 und 36-43 veranschaulicht, wie im jetzigen Äon eine doppelte Saat im Kosmos gesät wird, wächst und ihrer Ernte entgegenreift. Neben den aus dem Samen des Wortes gezeugten Gotteskindern, ja sogar in ihrer Mitte (”mitten unter den Weizen”, V. 25) darf, ja soll sich das Wachstum des Samens des Feindes vollziehen — für erstere ein ständiger Anlaß zu gottgewollten und unserer inneren Kräftigung dienenden Anfechtungen, Spannungen und Kämpfen.

Die gefährlichen Zeiten der letzten Tage, der Tage des endzeitlichen Antichristus, der Tage der letzten Danielschen Jahrwoche, denen wir mit zunehmender Geschwindigkeit zusteuern, sind jedoch auch nichts “Neues unter der Sonne” — sie haben ihre Parallelen und Vorbilder in den “Zeitenwenden” bzw. “Umbruchszeiten” der Vergangenheit, wie sie uns das biblisch-prophetisdie Wort zeigt.

Die Welt des Anfangs, der Ur-Kosmos (2. Petr. 3, 5-7) voller Pracht und Schönheit, über den die Morgensterne miteinander jubelten und alle Söhne Gottes jauchzten (Hiob 38, 4-7), erlebte infolge des Falles Satans und seines Anhangs einen gewaltigen Umbruch, eine Wasserkatastrophe, die nicht nur wie bei der Sintflut die Erde, sondern auch die Himmel in Mitleidenschaft zog (vgl. “die jetzigen Himmel aber …” in 2. Petr. 3, 7). Die Erde wurde zu einem “Tohuwabohu”. Der Geist Gottes aber, der darüber schwebte, gestaltete daraus einen neuen, wiederhergestellten, sehr guten Kosmos, in dem der Mensch als Bild und Stellvertreter Gottes herrschen sollte. Sein Ungehorsam führte den zweiten gewaltigen Umbruch herbei — die Austreibung des Menschengeschlechtes aus dem Paradies, die Ausstoßung aus der Gemeinschaft mit dem Heiligen. Der alleingelassene Mensch entwickelte sich rapide abwärts, bis sich auf der ganzen Erde nur noch ein einziger Frommer fand: Noah! Seine Tage gleichen in ganz besonderem Maße den unseren (Matth. 24, 37-39). Ihre Kennzeichen waren in der Hauptsache das süchtige Ausarten der natürlichen Triebbefriedigungen und das Abhandenkommen jeglicher Ehrfurcht vor Gott (”die Menschen wollen sich von meinem Geist nicht mehr strafen lassen”, 1. Mose 6, 3 nach Luther). Welche Übereinstimmung mit 2. Tim. 3, 1-51! — Auch die Zeit eines Daniel war in kleinerem Maßstab eine Umbruchszeit. Sein Lebenswandel in der Gefangenschaft ist vorbildlich für unseren Wandel inmitten der “Menschen der letzten Tage”. Er “nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Weine, den er trank, zu verunreinigen” (Dan. 1, 8); fleißig studierte er das Wort Gottes, insbesondere das prophetische Wort (9, 2); glaubensvoll hält er Gott seine Barmherzigkeit und seine Zusagen vor. “Wer das Wort vernachlässigt, kommt auch um Niederlagen nicht herum; wer treu ist, erlebt Gott in seiner Treue.” Wer das Wort bewahrt, den bewahrt das Wort (Offbg. 3, 10); wer es verwirft, wird von Gott verworfen (1. Sam. 15, 26). — Dreimal des Tages betete er knieend vor seinem Fenster, das nach Jerusalem zu offen war, und lobpries vor seinem Gott (Dan. 6, 11). In seinem ergreifenden Bußgebet in Kap. 9 bekennt er nicht nur eigene Schuld, sondern stellt sich unter die Schuld der Gesamtheit. (So gibt es auch in der Gemeinde Jesu eine “Kollektiv-Verantwortung” — siehe Hebr. 12, 14-16! Wachstum in der Heiligung kommt dadurch zustande, daß wir darauf achten, daß nicht jemand — keineswegs nur wir selbst! — an der Gnade Gottes Mangel leidet!)

Der gewaltigste Zeitenumbruch aber ist das Kreuz von Golgatha, wo eine Welt in ihrem Schöpfer gerichtet und getötet, zugleich aber durch ihn versöhnt wurde. Was dort an Heil erwirkt wurde, kommt aber erst nach und nach auf dem Wege der endzeitlichen Krisen, Gerichte und Umbrüche zur vollen Auswirkung.

Notvoll, gefährlich, schwierig, schwer sind die letzten Tage. Ihre Hauptmerkmale sind Angst, Sucht und Dämonie. Die Angst als Folge der zunehmenden äußeren Unsicherheit nimmt immer mehr zu. Luk. 21, 26 sagt dazu: “Die Menschen werden verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden.” Die Sucht ist die Folge einerseits dieser Angst, andererseits der inneren Leere, die jede Trennung von Gott ja zwangsläufig mit sich bringt. Sie äußert sich in den mancherlei Süchten, die die Verse 2. Tim. 3, 2-5 aufzählen: Ich-Sucht, Geld-Sucht, Geltungs-Sucht, Schmäh-Sucht, erotische Sucht, Vergnügungs-Sucht, Scheinfrömmigkeits-Sucht. Die innere Leere ist aber zugleich eine offene Tür für den Einbruch dämonischer Geister, von denen 1. Tim. 4, 1-4 spricht. Diese möchten uns aus der Freiheit, für die Christus uns befreit hat, in gesetzliches Zwangs- und Leistungswesen zurückführen, indem sie bestimmte Speisen und das Heiraten verbieten. — So sehr auch besonders das Letztere scheinbar biblisch zu begründen ist, so doch nur in bestimmten Fällen, wie etwa bei dem Apostel Paulus, wo ein besonderer Dienst, aber auch die besondere Gnadengabe des Sichenthalten-Könnens vorlag, mit wirklicher biblischer Berechtigung. Denn der eine hat zwar diese Gnadengabe, der andere aber jene (die Befähigung zur Ehe, 1. Kor. 7, 7). Und wenn für die einen die Regel gilt: “Heiraten ist gut, Nichtheiraten ist besser” (1. Kor. 7, 38), so gilt für die andern: “Heiraten ist besser” (V. 9; vgl. 1. Mose 2, 18). — Es ist eine besondere Gnade, daß die letzten Tage zugleich auch abgekürzte Tage sind, in denen der Herr “eine abgekürzte Sache tut auf Erden” (Röm. 9, 28; Matth. 24, 22). Das Tempo des Ablaufs des Heilsplanes hat sich der Vater selbst vorbehalten (Apg. 1, 6-8) und reguliert es in “eigener Vollzugsgewalt”. Er sandte den Sohn das erste mal in die Welt; er wird ihn auch zum zweiten mal “in den Erdkreis einführen” (Hebr. 1, 6); denn nichts tut der Sohn aus sich selber (Joh. 5, 19). Hatte Gott das Weltgeschehen am Anfang verlangsamt durch Herabsetzung des “Lebensstandards” und Lebensalters (1. Mose 4, 12 und 6, 3), so beschleunigt er jetzt immer mehr das Tempo der Weltgeschichte, um das schreckliche Drama schneller zu Ende zu bringen. Mit der Zunahme der Bosheit ist daher auch eine Zunahme der Geschwindigkeit verbunden, wie ein führerlos gewordenes Gefährt, einmal auf abschüssige Bahn geraten, immer schneller dem Abgrund zusteuert. Bei diesem Prozeß der Beschleunigung ist Satan selbst ohne seinen Willen Gott zu Diensten, denn auch er drückt aufs Tempo, wissend, daß er wenig Zeit hat (Off. 12, 12).

… denn die Menschen: Daß die Tage böse sind, spürt auch die Welt. So redet sie gern und oft von der “guten alten Zeit”, worin ein Körnchen Wahrheit liegt, da ja das Böse im Zunehmen begriffen ist. Doch auf die Frage nach der Ursache der zunehmenden Bosheit der Zeit findet sie nie eine befriedigende Erklärung, weil sie die biblische Antwort nicht wahrhaben will. So macht sie einzelne Völker, bestimmte regierende Schichten oder Regierungsformen, die Wirtschaft oder die Technik dafür verantwortlich. Die Schrift führt die bösen Zeiten auf die bösen Menschen zurück: “denn die Menschen …” Der Mensch schlechthin ist die Ursache. Deshalb muß auch bei ihm die Veränderung einsetzen. Nicht bessere Lebensumstände auf der Welt ändern den Menschen, sondern erst, wenn ein erneuerter Mensch geschaffen, wenn der zweite Adam, der durch seinen Leib vervollständigte Christus, gebildet ist, können auch “bessere Zeiten” kommen.

… werden eigenliebig (selbstsüchtig, ichsüchtig) sein: Die Ichliebe, Ichsucht oder Selbstsucht wird als erstes der 19 Stücke vor uns hingestellt, die den Endzeitmenschen charakterisieren. Sicher ist sie, wie alle hier genannten Stücke, nicht erst in der Endzeit vorhanden, doch treten alle diese Stüdce, je mehr das Ende naht, um so krasser, ausgeprägter, unverhüllter in Erscheinung. Daß die Ichliebe am Anfang steht, deutet an, daß sie die Wurzel aller anderen Süchte und Verirrungen ist. Wer von ihr wahrhaft gelöst ist, ist auch frei von der Geldsucht, der Schmähsucht, der Prahlerei und all den anderen Begleiterscheinungen.

Phil. 2, 21 und 1. Kor. 13, 5 kennzeichnen den Hauptunterschied zwischen Gott und Mensch, wie er von Anbeginn der Welt besteht. Schon Adam und Eva gehörten zur “Welteinheitspartei” der Egoisten. Der mißtrauische Gedanke, zu kurz zu kommen, ließ sie in Ungehorsam fallen. Dieselbe Gesinnung zeigt sich bei Kain als unbekümmerte gleichgültige Kälte: “Soll ich meines Bruders Hüter sein?”

Das Gefühl der Minderwertigkeit, an dem so viele Menschen kranken, entspringt derselben Wurzel. “Ein Minderwertigkeitskomplex ist die Quittung der Seele für einen mißglückten Hochmutsanfall.” Hingegen dient alles zum Besten dem, der IHN liebt (Röm. 8, 28). Die Liebe ist der einzige Schlüssel zum Herzen Gottes und zugleich der “Zündschlüssel” für ein geordnetes Ablaufen unseres Lebens.

Wie Phil. 2, 21 uns zeigt, ist die Endzeitkrankheit der Ichliebe nicht auf die Weltmenschen beschränkt, — sie zeigt sich erschütternderweise auch unter der Masse der Gläubiggewordenen. Auch sie, die doch dem leben sollten, der für sie gestorben und auferweckt worden ist, und nicht mehr sich selbst (2. Kor. 5, 15), sind großteils doch noch sich selbst verfallen. Ursache dafür mag in manchen Fällen schon eine falsch aufgefaßte Bekehrung sein, die letztlich — infolge einer entsprechenden Drohverkündigung — doch nur aus egoistischen Motiven zustande kam: man wollte lediglich dem Feuer der Hölle entgehen, nicht aber sein Leben und seinen Willen dem Herrn übergeben und ausliefern, von seiner Liebesmacht überwältigt. Entsprechend sucht man auch im Wort vornehmlich nur seine eigene Erbauung oder Zurechtweisung, statt in erster Linie danach zu trachten, IHN zu finden, von dem doch schon das Alte Testament zeugt (Joh. 5, 39). Man vergißt, daß wir nur durch Sein Anschauen verwandelt werden (2. Kor. 3, 18) und nur durch die Erkenntnis Gottes wachsen können (Kol. 1. 10).

Die gefährliche Folge der Eigenliebe im praktischen Leben und Handeln ist dann der Eigenwille. Er ist dem Götzendienst gleichgeachtet (1. Sam. 15, 23) — das Ich sitzt auf dem Thron des Herzens, den Gott innehaben sollte und der innewohnende Christus im Heiligen Geist (Eph. 3, 16.17). Der Leiter einer Irrenanstalt erklärte bei einer Tagung auf einem Rundgang den Tagungsteilnehmern: “60 % der Insassen verdanken ihr Hiersein ihrem Eigenwillen!” Wegen festgehaltener Eigenliebe und Eigenwillen schreiten auch nur so wenige Gläubige von ihrer Errettung im Geiste fort zu der Errettung ihrer Seele (1. Petr. 1, 9), ihres Charakters und Innenlebens überhaupt, werden nicht alle ihre Seelenanlagen umgestaltet und ausgebildet, so daß sie eine Vollpersönlichkeit in Christo werden. Nur wer seine Seele zu verlieren, aufzugeben bereit ist, wird sie erretten (Luk. 17, 33; wörtlich: “ins Leben zeugen”).

… geldliebend: Auch diese Endzeiterscheinung ist im Grunde nichts Neues, nur tritt auch sie immer extremer und ungestümer auf. Nicht der Mensch ist mehr Herr seines Geldes, sondern das Geld beherrscht ihn und macht ihn zu seinem Sklaven. Die Stellung des Glaubenden auch zum Gelde finden wir vorgezeichnet in 1. Kor. 7, 29-31.

… prahlerisch, hochmütig, Lästerer: Das Geltungsbedürfnis des Endzeitmenschen will unter allen Umständen befriedigt werden, wenn es nicht anders geht, auch auf Kosten der Wahrheit und des guten Rufes der Mitmenschen. Indem man andere schmäht und lästert, umgibt man sich selbst mit einem Schein richterlicher Erhabenheit und Heiligkeit. Nicht zuletzt ist es Gott selbst, den die Menschen lästern werden, an der Spitze der Antichrist selbst (Offbg. 13, 6). Auf dem Wege der Prahlerei wird die Lüge salonfähig gemacht. “Es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Lüsten sich selbst Lehrer aufhäufen werden, indem es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren und zu den Fabeln sich hinwenden”, sagt 2. Tim. 4, 3.4 von den Menschen der letzten Tage. Es braucht nicht alles wahr zu sein, wenn es nur schön, reizvoll, formvollendet ist! — Hier sollten die Gläubigen einen entschiedenen Widerspruch anmelden und dem schleichenden Gift der Lüge wehren, schon da, wo es auf dem Umwege “harmloser” Nikolaus-, Osterhasen- und Klapperstorchgeschichten sich in den Kinderstuben festsetzen will. Nur die Wahrheit macht frei!

… den Eltern ungehorsam: Der Gehorsam ist die göttliche Norm im Verhältnis der Kinder zu den Eltern, die man nie ungestraft verläßt. Gehorsam hängt schon sprachlich zusammen mit Gehorchen, Horchen, Hören, Hinhören. Das anfängliche Nichtwollen des Ungehorsamen führt später zum Nichtkönnen, zur Verstockung (vgl. Israel).

Für gläubige Eltern liegt auf diesem Gebiet gerade in der augenblicklichen Vor-Endzeit, in der sich die Endzeiterscheinungen ja schon immer mehr anbahnen, eine wichtige erzieherische Aufgabe. Wenn die Welt in Elternhaus und Schule immer mehr die Zucht vernachlässigt, um dem “Guten im Kinde” freien Lauf zu lassen (in Wirklichkeit gibt man damit dem Bösen im Kinde Gelegenheit zu freiester Entfaltung!), sollten sie die Erziehungsgrundsätze beibehalten, die Gottes eigene sind und allein wahrer Liebe entsprechen: die Zucht und Ermahnung des Herrn. Eine von Liebe geleitete und auch begrenzte Zucht wird sich andererseits vor blindem Haß und Willkür hüten.

… undankbar: Auch dies ist ein Verstoß gegen die göttliche Norm, welche lautet: “Danksaget in allem!” (1. Thess. 5, 18). Undankbarkeit ist eine Folge von Mißtrauen gegen die göttliche Führung. Ihre Geschwister sind das Murren und Selbstbemitleiden. Wie folgenschwer sich der Undank auswirken kann, ist aus Röm. 1, 18-25 zu ersehen.

… heillos (unheilig, gottlos, ungeweiht), ohne natürliche Liebe, unversöhnlich: Heillose, gottlose Menschen, Menschen ohne Bindung an Gott gab es zu allen Zeiten. Erst die Endzeit aber zeigt die Gottlosigkeit in ihrer letzten Konsequenz, in aller Offenheit und Frechheit, deren sie fähig ist. Kein Wunder, daß derart geprägte Menschen auch lieblos sind! Wesenhafte Liebe kann ja nur von Gott durch seinen Heiligen Geist in unsere Herzen gegossen werden (Röm. 5, 5). Doch nicht nur die Gottesliebe, schon die rein menschlich-natürliche Liebe wie Eltern-, Kindes- und Freundesliebe wird erkalten, wie es auch der Herr in Matth. 24, 12 vorausgesagt hat. Der Antichrist braucht hartgesottene Leute.

… Verleumder: Wörtlich heißt es “diaboloi”, “Teufel!” Verleumden und Anklagen ist ja eine der Haupttätigkeiten Satans (Offbg. 12, 10). Wenn er in der letzten Zeit 3½ Jahre lang auf Erden sein Wesen haben wird, wird das Denunziantentum einen ungeheuren Aufschwung erleben.

Auch die Gemeinde Jesu ist in Gefahr, durch Verleumder und Verleumderinnen geschädigt zu werden. Daher warnt der Apostel so ernst und eindringlich vor solchem Tun in 1. Tim. 3, 11 und Tit. 2, 3. Es sollte kein Wort von einem Gläubigen über einen Dritten gesprochen werden, das man nicht auch in seiner Gegenwart wagen würde zu sagen.

… unenthaltsam, grausam, das Gute nicht liebend, Verräter, verwegen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott: Alles deutet auf ein ungezügeltes, unbändiges Triebleben hin. Man versteht Freiheit als ein Leben, in dem man tun und lassen kann, was man will, und merkt nicht, daß man in Wirklichkeit grausam gebunden ist. Frei ist aber, wer nicht mehr tun muß, was er will. Nur wer ins Licht tritt, wird frei. Dabei ist es wesentlich, zu erkennen, daß gottgegebene Triebe und Anlagen nie an und für sich negativ zu bewerten sind. Selbst wenn sie sich fast nur negativ zu äußern scheinen, haben sie auch immer eine positive Seite. Es kommt nur darauf an, ob sie Gott geweiht und von ihm gebildet und gebraucht werden oder noch im Dienst des Ich und des Fleisches stehen. — Haben wir auch für unsere natürlichen Anlagen schon einmal gedankt? —

… die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen: Das hier gebrauchte griechische Wort “morphoosis” kommt außer an dieser Stelle nur noch einmal im Neuen Testament vor, und zwar in Röm. 2, 20. Dort bezeichnet es eine “Form des Wissens” (der “gnoosis”). Satan kleidet alles in die verführerische Form des Wissens. Schon im Paradies stellte er das Wissen um Gut und Böse als höchstes Ziel dem ersten Menschenpaar vor Augen (1. Mose 3, 5). Das bloße Wissen aber kann nie Leben und Erfüllung bringen. Noch nicht einmal Wissen und Wollen befähigen uns, das Gute zu tun (Röm. 7, 19), wieviel weniger das Wissen allein! Alles, was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sünde, ist bloße Form. Worum es geht, ist nach Phil. 1, 9-11 das Überströmen unserer Liebe in Erkenntnis und Einsicht, nicht aber bloßes Wissen ohne Leben und Kraft.

Das kraftlose Formwesen der letzten Tage besteht nicht nur im bloßen Festhalten von frommen Sitten und Gebräuchen, die ihres Inhalts längst beraubt wurden und zu bloßen Symbolhandlungen ohne jede Bekenntniskraft herabgesunken sind, wie etwa ein unbiblischer Gebrauch der “Sakramente” — zum Formwesen gehört auch schon jeder Glaube, der sich nicht in der Liebe auswirkt oder der Liebe zu allen Heiligen nicht fähig ist.

Unter Frömmigkeit (”eusebeia”) versteht die Schrift eine von Pietät beherrschte Lebenshaltung der Gottesfurcht. Diese Frömmigkeit oder Gottseligkeit will “geübt” werden (1. Tim. 4, 7). “Was du nicht übst, hast du an der entscheidenden Stelle nicht zur Verfügung.” Zu solchen Übungen gibt uns der Alltag mit den ständigen Auseinandersetzungen mit dem “Zeitgeist” reichlich Gelegenheit.

Um ein Leben in Gottseligkeit und würdigem Ernst führen zu können, werden wir ermahnt, “vor allen Dingen” (auch zeitlich: vor dem Frühstück!) mit Flehen, Gebeten, Fürbitten und Danksagungen für alle Menschen vor das Angesicht Gottes zu kommen. Nur wo das Gebet, die Gemeinschaft, das Brechen des Brotes und das Wort als die vier hauptsächlichen Segenskanäle offengehalten werden, kann Kraft der Gottseligkeit in Erscheinung treten, Kraft zur Sündenüberwindung, Kraft zum Bekennen und Leiden. Kraft ist der große Echtheitsprüfstein unserer Frömmigkeit.

… und von diesen wende dich weg! So sehr die Schrift eine Absonderung und Aufspaltung der Gotteskinder etwa aus Gründen der Parteisucht oder verschiedener Erkenntnis in Einzelfragen verwirft (vgl. 1. Kor. 3, 4), so deutlich gebietet sie andererseits eine Absonderung von kraftlosem Formwesen. Entleerte Formen gilt es nicht “leidend mitzumachen”, sondern zu meiden! So sonderte auch Paulus einst die Jünger ab (Apg. 19, 9). Wenn in einem Obstkeller gesunde und kranke Äpfel beieinander liegen, machen nicht die gesunden die kranken ebenfalls gesund, sondern die kranken stecken die übrigen an. So findet sich auch in 2. Tim. 3 zweimal der Ausdruck: “Du aber …” (V. 10 und 14), dazu auch einmal in 1. Tim. 4, 5. “Aber” drückt einen Gegensatz, eine Absonderung aus. Die Gemeinde Jesu, die nicht von dieser Welt ist, aber dennoch nach dem Willen ihres Herrn und Hauptes in der Welt stehen und dort unter allerlei Druck und Mühen ausreifen soll, soll sich mitten unter einem süchtigen, scheinfrommen, ichhaften, an allerlei Triebe und Vergnügungen gebundenen Geschlecht bewähren als eine Schar solcher, die in wahrer Kraft der Gottseligkeit die Welt überwinden. Während die ungöttliche Welt dem Höhepunkt der antichristlichen Bosheitszeit entgegentaumelt, reift sie ihrerseits ihrem glanzvollen Zielpunkt entgegen: der Vereinigung mit ihrem herrlichen Haupt durch die Entrückung.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 5/1955; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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