Christi Herrlichkeit nach Hebr. 1, 1-6
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre | 549 x gelesenDas ganze Wort Gottes ist vom ersten bis zum letzten Vers ein Enthüllungsbuch der Herrlichkeit des Christus. Aber wir bedürfen geöffneter Augen des Herzens, um diesen Lichtglanz überall aufleuchten zu sehen. Wer von uns erkennt z. B. am Gesetz des Herrn göttliche “Wunder”? Jedenfalls tat das David, denn er betet in Ps. 119, 18: “Öffne meine Augen, damit ich Wunder schaue in (genauer: aus) deinem Gesetz!”
Wenn auch die heilige Schrift immer und überall “Christus treibt”, wie Luther sagt, so erstrahlt doch die Herrlichkeit des Sohnes Gottes in manchen Zusammenhängen in besonders hellem Glanz. Denken wir nur etwa an den 22. Psalm oder an Jes. 53, wo uns der Gekreuzigte klar und deutlich gezeigt wird. Oder erinnern wir uns an die Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium, an das Hohelied der Sohnschaft in Römer 8 oder an die Enthüllung der Herrlichkeit der Gemeinde in Eph. 1-3! Das sind wirkliche Edelsteine von wunderbarer Schönheit, deren beseligendes Licht wir uns immer wieder in wachstümlicher Erkenntnis ins Herz leuchten lassen.
Ein solches Schmuckstück der Christusherrlichkeit, wenn wir so sagen dürfen, sind auch die ersten Verse des Hebräerbriefes. Lesen wir aus dem ersten Kapitel Verse 1-6:
“Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohne, den er gesetzt hat zum Erben aller Dinge, durch den er auch die Äonen gemacht hat; welcher, der Abglanz seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens seiend und alle Dinge durch das Wort seiner Macht tragend, nachdem er durch sich selbst die Reinigung der Sünden bewirkt, sich gesetzt hat zur Rechten der Majestät in der Höhe; indem er um soviel besser geworden ist als die Engel, als er einen vorzüglicheren Namen vor ihnen ererbt hat. Denn zu welchem der Engel hat er je gesagt: ‘Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt’? Und wiederum: ‘Ich will ihm zum Vater, und er soll mir zum Sohne sein’? Wenn er aber den Erstgeborenen wiederum in das Bewohnte einführt, spricht er: ‘Alle Engel Gottes sollen ihn anbeten.’”
Es ist völlig unmöglich, im Rahmen einer kurzen Arbeit den ganzen Herrlichkeitsinhalt des obigen Schriftabschnittes anzudeuten, geschweige denn auszuschöpfen. Aber zehn Strahlen dieses Christusglanzes wollen wir uns ins Herz und Gewissen leuchten lassen:
- Gott redet im Sohn
- Christus ist der Erbe aller Dinge
- Er ist der Schöpfer der Äonen
- Er ist der Abglanz der Herrlichkeit Gottes
- Er ist der Abdruck des Gotteswesens
- Er ist der Träger des All
- Er hat die Reinigung der Sünden bewirkt
- Er sitzt zur Rechten der Majestät in der Höhe
- Er ist besser als die Engel
- Alle Engel werden ihn anbeten
Die Größe und Schönheit, die Allmacht und Treue unsres Herrn und Hauptes glaubend und anbetend anzuschauen, ist und bleibt für den Erlösten das Köstlichste, das er auf seiner Pilgerfahrt durch diese Welt voller Angst und Weh, voller Schuld und Not haben und genießen kann. Möchten auch diese Betrachtungen dazu dienen, daß uns Christus groß, herrlich und anbetungswürdig wird, damit unsre Herzen in wartender, dankbarer Hingabe allein an ihm hangen!
1. Gott redet im Sohn
“Vielfältig und auf mancherlei Weise” hat Gott durch seine Sprecher und Darsteller, die Propheten, geredet. Wieviele direkte Aussprüche offenbaren uns Gottes Wege und Wesen; wie zahlreich sind die Symbolhandlungen, durch die der Herr wichtige Wahrheiten enthüllte! Man denke etwa an Jer. 13, 1-11, wo der Prophet einen leinenen Gürtel in einer Felsspalte verbergen muß, oder an Hes. 37, 15-23, wo der heilige Seher aufgefordert wird, zwei Hölzer zu einem Holz zu vereinigen! Diese Sprache Gottes war oft dem Empfänger völlig dunkel, so daß er durch den Geist des Herrn oder durch einen Engel Aufklärung über den Sinn des Geschauten bekommen mußte. Es gab Propheten, die kein geschriebenes Wort hinterließen, sondern nur Symbolhandlungen vornahmen, ohne sich all dessen vollbewußt zu sein, was Gott ihnen anvertraute. Lesen wir darüber etwa 1. Petri 1, 10-12! Nicht nur durch die Propheten, sondern auch durch das Gesetz hat Gott gewaltig geredet. Er hat darin seine Heiligkeit enthüllt und die völlige Ohnmacht und Unfähigkeit alles Fleisches geoffenbart. Daß daneben das Gesetz eine wunderbare zielstrebige Prophetie auf Christus und seine kommende Heilserweise ist, sei in diesem Zusammenhang nur angeedeutet. Schlagn wir darüber Matth. 11, 13; Hebr. 9, 9.10; 10, 1; Gal. 3, 23.24 u. a. Schriftstellen nach!
Auch schon vor dem Gesetz hat Gott laut und vernehmlich gesprochen. Ist nicht die ganze Schöpfung ein gewaltiges Reden Gottes? Steht doch in Ps. 19, 1-3 geschrieben: “Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündet seiner Hände Werk. Ein Tag berichtet es dem andern, und eine Nacht meldet der andern die Kunde. Keine Rede und keine Worte, und doch wird gehört ihre Stimme.” Und bezeugt nicht Paulus in Römer 1, 20: “Das Unsichtbare von ihm (d. i. von Gott), sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, die von der Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen werden, wird geschaut”?
Wer weder Gesetz noch Evangelium kennt, der kann doch um Gott als den allmächtigen Schöpfer wissen. Und jedes Gewissen, sofern es nicht gewaltsam betäubt und zum Schweigen gebracht ist, bezeugt, daß alle Menschen dereinst vor ihm stehen und vor ihm offenbar werden müssen. Diese Sprache des heiligen Schöpfers und Richters, die sich an das Gewissen der Menschen wendet, ist allen vernehmlich und erschreckend deutlich.
Schöpfung, Gesetz und Prophetie enthüllen wohl wichtige, grundlegende Eigenschaften Gottes und zeigen seine Wege mit den Menschen — aber des Vaters letzte Ziele, sein Herz und Wesen, sein ureigentliches, innerstes Sein, offenbaren sie nicht. Zu diesem Zweck sandte er seinen Sohn. “Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und wem der Sohn ihn offenbaren will”, sagt der Herr in Matth. 11, 27. Und Paulus, der Apostel der Fülle, lehrt in Kol. 2, 9.10: “In ihm (d. i. in Christo) wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid zur Fülle gebracht in ihm, welcher das Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt ist.” Hier ist nicht die Rede von der Göttlichkeit Gottes, seinen an der Schöpfung erkennbaren Eigenschaften, sondern von seiner Gottheit, seinem am gezeugten Sohn seiner Liebe schaubaren innersten Vaterwesen. Aus dem Matthäus- und Kolosserzeugnis ersehen wir, wie aus vielen andern Schriftzusammenhängen auch, daß Gott, der Vater der Treue und der Barmherzigkeit, sich erst in seinem Sohn völlig enthüllt. Erst in Christo offenbart er seine Fülle, läßt er den ganzen Überstrom seiner Liebe und Gnade schrankenlos und ohne Bedingung kundwerden. Sein Sohn ist sein vollkommenstes Sprachorgan, sein völliger Darsteller, wie ja auch der Herr in Joh. 10, 30 selber sagt: “Ich und der Vater sind eins.” Wiederum bezeugt er in Joh. 6, 45: “Nicht daß jemand den Vater gesehen habe außer dem, der von Gott her ist; dieser hat den Vater gesehen.”
Denken wir ferner an Joh. 14, 7-10a: “Wenn ihr mich erkannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater erkannt haben; und von jetzt an erkennet ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus spricht zu ihm: Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns! Jesus spricht zu ihm: So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen, und wie sagst du: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst.”
Oder erinnern wir uns noch an das gewaltige Selbstzeugnis des Herrn in Joh. 5, 19.20: “Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: der Sohn kann nichts von sich selbst tun, außer was er den Vater tun sieht; denn was irgend er tut, das tut auch in gleicher Weise der Sohn. Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er selbst tut; und er wird ihm größere Werke als diese zeigen, auf daß ihr euch verwundert.”
Aus diesen Zeugnissen ersehen wir, daß der Sohn der vollkommenste Offenbarungsträger, der wesenhafte Enthüller des Vaters ist. Seinen ganzen Füllereichtum von Gnade und Liebe, von Treue und Barmherzigkeit hat Gott in Christo dargestellt, entschleiert und den Glaubenden mitgeteilt. Alles, was und wie und wer Gott ist, hat er in seinem geliebten Sohn gesagt. Und zwar nicht nur in Worten der Lehre, sondern auch in Taten der Liebe, in Erweisung von Güte, in Darreichung von uferloser, abgrundtiefer Gnade. In seinem Sohn hat uns Gott zu einer solchen Höhe von Herrlichkeit berufen, uns solche Dienste, Ämter und Würden für die zukünftigen Zeitalter zugeteilt, daß unsre Herzen davon überwältigt werden, wenn uns erst das innere Auge einmal dafür aufzugehen beginnt.
Willst du das Letzte und Tiefste dessen vernehmen, was Gott zu sagen hat, so lege dein Ohr an sein Herz. Blicke in gläubigem, anbetendem Schweigen seinen Sohn der Liebe an und lausche dem Pulsschlag seines Erbarmens. Möchten wir die Sprache des Herzens Gottes hören, so gilt es, wirklich und völlig eines zu werden mit Christus Jesus, unserm Herrn und Haupt. Denn Gott redet im Sohn!
2. Christus ist der Erbe aller Dinge
Gott hat seinen Sohn zum Erben, Nutznießer oder Besitzer aller Dinge eingesetzt, bestimmt oder verordnet. Sagt doch der Herr in Matth. 11, 27: “Alles ist mir übergeben von meinem Vater.”
Für all die großen, herrlichen Wahrheiten, die uns in den Evangelien und Briefen enthüllt und klar ausgesprochen sind, haben wir im Alten Testament köstliche Vorbilder und prophetische Hinweise. So ist auch die Wahrheit, daß Gott seinen Sohn zum Erben über alles eingesetzt hat, schon auf den ersten Blättern der Bibel vorgeschattet. Lesen wir den kurzen Hinweis in 1. Mose 25, 5: “Abraham gab dem Isaak alles, was er hatte.” Dieses Wort steht in einem eigentümlichen Zusammenhang. Es ist die Rede davon, daß Abraham außer Hagar und Sara noch ein Kebsweib hatte, die Ketura. Diese hatte 16 Söhne. Sowohl die Geschlechter Ismaels, des Sohnes der Hagar, als auch die Söhne der Ketura waren reich gesegnet, wie wir aus einer Reihe von Schriftzeugnissen wissen. Aber Isaak war nicht nur gesegnet, er war Träger der Verheißung. Das ist weit mehr! Denn das Laufen auf der Segenslinie bedeutet noch lange nicht, Gottes Verheißungsträger zu sein. “Alles, was er hatte”, gab Abraham (zu deutsch: Vater der Menge oder Vater vieler Völker) seinem Sohne Isaak. Die Söhne lsmaels, dieses “Wildesels von Mensch” (1. Mose 16, 12), waren mit irdischen Segnungen reich bedacht. Lesen wir nur einen einzigen Vers, der uns Einblick gibt, wie weit es die Söhne Ismaels gebracht hatten: “Das sind die Söhne Ismaels und das ihre Namen in ihren Gehöften und in ihren Zeltlagern; zwölf Fürsten nach ihren Stämmen” (1. Mose 25, 16).
Nicht weniger als zwölf Fürsten waren aus den Lenden Ismaels hervorgegangen! Ist das nicht imponierend? Alles religiöse Ismaelwesen gewinnt durch seine Macht und seinen Reichtum Weltgeltung. Das war damals schon so und ist auch heute noch in tausend Variationen der Fall. Lassen wir uns dadurch nicht täuschen! Was in dieser Welt wesenhaft göttlich ist und bleibenden Ewigkeitswert hat, geht genau wie der Herr und seine Apostel einen Weg der Armut und Niedrigkeit. Die wirklichen Geistesträger werden nicht immer reicher und angesehener, gehen nicht aus der Enge in die Weite, sondern werden wie Jesus und Paulus einsamer und innerlicher, tragen Schmach und Verleumdung und verzichten auf die Ehren und Schätze, die Annehmlichkeiten und Wollüste dieser Welt. Auf welcher Linie laufen wir, du und ich: auf der Isaaks- oder auf der Ismaelslinie? Wie meisterhaft versteht es unser verfluchter Egoismus, uns herauszureden und aus schwarz weiß und aus weiß schwarz zu machen. Täuschen wir uns nicht! Rasch naht der Tag, da aller Besitz und Genuß dieser Erde, den wir auf gottlose oder fromme Weise erbettelt oder erpreßt haben, wie Bleigewicht an unsrer Seele hängen wird. Dann wird jeder noch so fromm getarnte Selbstbetrug schmerzlich offenbar. Es ist tausendmal beglückender, sich übervorteilen und in die Ecke drängen zu lassen, arm und klein zu bleiben und unerkannt von der Welt wirklich Augenblick um Augenblick zur Ehre Gottes und Christi ein bescheidenes Leben zu leben, als gleich Ismael groß und reich zu werden.
Der Segen Isaaks, des Verheißungsträgers, war innerer, geistlicher Art. Von ihm lesen wir in 1. Mose 25, 11: “Es geschah nach dem Tode Abrahams, da segnete Gott den Isaak, seinen Sohn: Isaak wohnte bei dem Brunnen Lachai-Roi (zu deutsch: der lebendig Schauende, oder der Lebendige, der sich schauen läßt).” Lebensumgang mit Gott, wie er hier in heiliger, tiefer Prophetie und Symbolik angedeutet ist, ist fürwahr unendlich mehr als irdische Segnung und Machtstellung, wie sie Ismael und seine Söhne hatten. War nicht die ununterbrochene Lebensverbindung Jesu mit seinem Vater im Himmel etwas unvergleichlich Köstlicheres als alle Scheinherrlichkeit weltlicher und religiöser Machthaber?
Von diesem Isaak, der zunächst von seinem Stiefbruder Ismael weit überflügelt worden war, heißt es, daß Abraham ihm alles gab, was er hatte. Ist das nicht ein feines Vorbild auf Jesus Christus, der auf Erden nichts hatte, da er sein Haupt hinlegte, und doch zum Erben über alles eingesetzt war?
Christus ist der Erbe aller Dinge. Das gebührt ihm auch als dem eingeborenen Sohn, der von Anfang an beim Vater war und in der Gottgleichheit lebte. Aber er ist nicht Alleinerbe. Er hat sich vielmehr — o Höhe und Weite anbetungswürdiger Liebesvorsätze! — Miterben über das All erwählt (Römer 8, 17)! Hier setzt das paulinische Fülleevangelium ein, d. h. die Frohbotschaft, die das verherrlichte Haupt vom Himmel her durch sein eigens dazu erwähltes Werkzeug, den Apostel der Nationen, kundmachen ließ.
Diese Erben Gottes und Miterben Christi, die dereinst über das ganze All gesetzt werden sollen, sind nicht etwa Cherubim und Seraphim, Urmächte oder Vollzugsgewalten der himmlischen Heerschaft, nicht Fürsten über jene strahlenden, lichtvollen Engelwelten, von deren Größe und Glanz wir uns kaum einen Begriff zu machen vermögen — nein, die Miterben Christi sind wir, die Gemeinde, der “Auskehricht der Welt”, der “Auswurf aller bis jetzt” (1. Kor. 4, 13).
“Wenn Gott für uns ist, wer könnte wider uns sein? Er, der doch seines eignen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?” (Römer 8, 31b.32). Solche Zeugnisse sind zu umfassend und gewaltig, als daß wir sie beim ersten Hören und Lesen im Vollumfang zu begreifen vermöchten. Mit und in Christo, ihrem Herrn und Haupt, ist die Gemeinde, die da ist sein Körper oder sein Leib, sein Vollmaß oder seine Vervollständigung, der von Gott verordnete Erbe über alles.
Wie beugt uns diese Wahrheit in den Staub und erhebt uns zugleich an das Herz des Vaters im Genuß seiner heiligen, brünstigen Liebe. Der Christus Gottes, das Haupt und seine Glieder, ist der vom Vater verordnete Erbe des Alls.
3. Der Sohn Gottes ist der Schöpfer der Äonen
Nicht von der Schöpfung der Welt ist hier die Rede, sondern von der Erschaffung großer Zeitabschnitte mit ihren wesenseigentümlichen Heilsinhalten. Unser Zeugnis setzt Christus nicht zum Kosmos, dem gegenwärtigen Weltsystem, sondern zu den Äonen oder Zeitläuften in Beziehung. Alles Weltgeschehen läuft nach genau zuvorverordneten, nach Dauer und Gepräge fest bestimmten “Ewigkeiten” ab. Und diese Zeitalter sind geschaffen, bereitet oder veranstaltet durch den Sohn Gottes. Diese Erkenntnis ist, so gewaltig und wunderbar sie auch dem Nachsinnen eines denkenden Menschen erscheint, in erster Linie gar nicht einmal für unsre erleuchtete Vernunft da, ist zunächst nicht Sache unsres Wissens und Verstehens, sondern vielmehr ein heiliger Trost für unser Herz und unser Glaubensvertrauen inmitten aller Ängste und Nöte dieser dunkeln, hoffnungslosen Weltzeit.
Alles, was an Nacht und Niedergang, an Zerfall und Vernichtung über die Menschheit hereingebrochen ist und in noch weit größerem Umfang hereinzubrechen im Begriff steht, kommt nicht von ungefähr. Es ist nicht das Zufallsergebnis des Wirkens eines blind wütenden, übermächtigen Feindes. Wenn dem so wäre, so gäbe es keine größere, himmelschreiendere Not als die, ein denkendes, fühlendes Wesen in Gottes Schöpfung zu sein. Nein, alles ist zuvorbestimmt, weise verordnet, zweckvoll und zielstrebig eingerichtet. Selbst Tod, Gericht und Verdammnis sind letztlich nur Bahnbrecher kommender Gnadenerweise und Herrlichkeitsentfaltungen!
Wenn auch alle Äonen mit einem scheinbaren Bankrott Gottes und einem Sieg der Finsternisprinzipien enden, so sind sie dennoch nur Wegbereiter künftiger Rettungen und Segnungen. In dieser Absicht sind sie vom Sohne Gottes eingerichtet worden. Nicht als ob der Herr Freude und Wohlgefallen an ihrem Inhalt hätte! Er ist nur Licht und Liebe, und gar keine Finsternis ist in ihm. Darum kann er nur an Arteigenem Freude und Wonne empfinden. Aber er gebraucht alles Bestehende und verwandelt Leid und Not in ihr gesegnetes Gegenteil.
Weil Christus der Schöpfer der Ewigkeit ist, wird er schon in Jes. 9, 6 Ewigvater, genauer: Vater der Äonen genannt. Dieses Wissen vermittelt starken Trost und heilige Freude inmitten all unsrer Drangsale, die niemand, am wenigsten den Gläubigen, erspart bleiben. In dankbarem Vertrauen dürfen wir immer wieder sagen: Du Herr, bist der Vater der Äonen; du weißt und kennst alle Dinge, die auch in mein Leben hereintreten und mich ängsten und quälen. Nichts ist dir unbewußt, denn ohne dich besteht ja nichts, was irgend ist oder geschieht im weiten Weltenall. Deine Gnade und Treue hat alle Auswege und Rettungen aus jeglicher Notlage längst zuvorersehen. Darum befehle ich mich dir an, denn in dir allein bin ich völlig geborgen.
Diese innere Seite des Verständnisses der Äonen ist wichtiger als ein genaues Schema ihres äußerren Ablaufs. Und doch redet die Schrift auch darüber! Sie spricht von voräonischen Zeiten (1. Kor. 2, 7; 2. Tim. 1, 9; Titus 1, 2; Joh. 17, 5.24 u. a.); von vorweltlichen Äonen (Ps. 90, 2); vom Anfang der Äonen (Lukas 1, 70; Apg. 3, 21; 15, 18 u. a.); von Schaffung der Äonen (Hebr. 1, 2; 11, 3; Jes. 9, 6); von vergangenen Äonen (Römer 16, 25.26; Eph. 3, 9; Kol. 1, 26); vom Fels der Äonen (Jes. 26, 4); vom König der Äonen (Tim. 1, 16); vom gegenwärtigen Äon (Tim. 6, 17; 2. Tim. 4, 10; Titus 2, 12; Gal. 1, 4; Mark. 12, 32; Lukas 20, 34 u. a.); vom künftigen Äon (Matth. 12, 32; Markus 10, 30; Lukas 18, 3; 20, 35; Eph. 1, 21; Hebr. 6, 5); von allen Äonen (Phil. 4, 20; 2. Tim. 2, 18; Hebr. 13, 21; 1. Petri 4, 11; 5, 11; Offbg. 1, 6; 18, 14 u. a.); vom Ende des Äons, bzw. der Äonen (Matth. 13, 39; 11, 40-49; 24, 3; 28, 20; Hebr. 9, 26; 1. Kor. 10, 11) und von Nachäonischem (1. Kor. 15, 24-28).
So zahlreich diese Zeugnisse auch sind, so scheint doch keine lückenlose, sämtliche Fragen befriedigende Aufstellung aller Äonen möglich zu sein. Es gilt hier, sich zu bescheiden. Einerseits wollen wir von ganzem Herzen alles glauben, was geschrieben steht; aber andrerseits möchten wir nichts behaupten noch lehren, was die Schrift nicht klar und eindeutig aussagt. Halten wir fest, daß Christus der Schöpfer der 3, 5, 7, 12, oder 50 Äonen ist. Jede dieser hier genannten Zahlen wird von Vertretern verschiedener Auffassungen mit mehr oder weniger Scharfsinn und Geschick zu beweisen versucht. Wir möchten den Mut zur Demut haben, zuzugeben, daß wir nicht einwandfrei und absolut genau wissen, wieviele Äonen es gibt. Eines aber wollen wir tun und nimmer lassen: lobpreisen und anbeten in heiliger Glaubenszuversicht und Freude des Geistes, daß alles Weltgeschehen in Christi treuen, allmächtigen Händen liegt.
4. Christus ist der Abglanz der Herrlichkeit Gottes
Im dritten Vers unsres Hebräerkapitels wird der Sohn Gottes “Abglanz seiner (d. i. des Vaters) Herrlichkeit” genannt. Man kann das hier gebrauchte nur ein einziges mal in der Schrift vorkommende Wort apaugasma auch mit Ausstrahlung übersetzen. Gott glänzt seine Herrlichkeit, seine doxa, durch Christus ab. Mögen andre Wesen und Welten die Kraft und Stärke, die Macht und Heiligkeit des Schöpfers und Richters darstellen — das Herz des Vaters der Barmherzigkeit und Gottes aller Gnade wird nur im Sohn seiner Liebe ganz enthüllt. Jesus Christus, der Erniedrigte, und Jesus Christus, der Verklärte, ist die vollkommene Ausstrahlung des ureigentlichen Seins, des Herrlichkeitswesens unsres Vatergottes.
Wer wissen will, wer und wie unser Vatergott ist, der schaue seinen Sohn an. Wer in das Herz Gottes hineinlauschen möchte, der lege sein Ohr an den Busen Jesu. Nicht Haß und Rachegefühle, sondern tiefes, inbrünstiges Erbarmen erfüllt unseren Vater der Liebe. Diese Inbrunst des Erbarmens, diese brennende Liebe ist jedoch nichts Weichliches und Süßliches, sonderen etwas Heiliges und Starkes. Sie ist herrlich, d. h. nach dem biblischen Grundbegriff voll Majestät, Glanz und Ehre. Sie strahlt das innerste Wesen Gottes aus. Auch hier gilt das wichtigste Wort aus Mark. 4, 22: “Es ist nichts verborgen, außer damit es offenbar gemacht werde, noch gibt es etwas Geheimes, sondern auf daß es ans Licht komme.”
Was in Gott verhüllt und verborgen ist, wird in Christus bewußt und offenbar. Selbst seine eignen Personalgeheimnisse hat er durch das verherrlichte Haupt seiner Leibesgemeinde entschleiert. Die Stärke seiner Liebe drängt und treibt ihn, nichts für sich zurückzuhalten, sondern es allen Wesen und Welten beseligend zuströmen zu lassen. Dazu bedarf es allerdings ernster Zurechtbringungswege und sdiärfster Gerichtsmaßnahmen. Aber sein Ziel, alles in allen zu werden, wird er zuletzt dennoch herrlich erreichen.
Zunächst ergießt sich Gott in seinen Sohn. Er ist alles in Christo. Dieser wiederum teilt sich seiner Gemeinde, seinem Leibe oder seinem Vollmaß, mit. Wir sind in ihm zur Fülle gebracht. Die Gemeinde hinwiederum, wenn sie vollendet ist, hat ihre Heilsdienste im ganzen All. Deshalb ist von uns das Gleiche gesagt, was in Hebr. 1 vom Herrn bezeugt wird: wir dürfen und sollen Gott an unserm Leibe verherrlichen oder abglänzen (lies 1. Kor. 6, 20!). Das hier gebrauchte Wort verherrlichen oder preisen (griech.: doxazoo) ist von von doxa = Ruhm, Herrlichkeit, Ehre, Pracht, Abglanz oder Majestät abgeleitet.
So, wie der Sohn seinen Vater ausstrahlt oder abglänzt, ist es auch unsere heiligste Aufgabe, Gott an unserem Leibe abzustrahlen, zu rühmen und zu ehren. Dazu ermahnt und ermuntert uns der inspirierte Apostel. Doch auf eines möchten wir in diesem Zusammenhang besonders hinweisen: dieses Abglänzen der Herrlichkeit Gottes ist kein religiöser Leistungsakt unsrerseits. Es ist ein mehr oder weniger bewußtes Ausstrahlen dessen, was wir von der Gnade und Treue Christi wesenhaft in uns aufgenommen haben. Dieses Widerspiegeln geschieht in Wort und Werk und allem Wesen und vollzieht sich meist ohne Absicht und Berechnung. Muß sich ein Spiegel anstrengen, um das ihn bestrahlende Sonnenlicht zurückzuwerfen?
Und wer sieht diesen Abglanz der Herrlichkeit des Herrn? Zunächst Gott selbst, dem unsre Danksagung, unser Loben und Preisen auch unter Trübsal und Tränen ein süßer Wohlgeruch ist. Dann aber ist es die unsichtbare Welt, die an der Gemeinde etwas von Gottes Art und Wesen kennen lernt. Sagt doch Paulus, daß wir den Engeln ein Schauspiel sind (1. Kor. 4, 9), und daß den Fürstentümern und Gewalten in den Himmelsregionen die Weisheit Gottes schon jetzt, in unserm Erdenleben, kundgetan wird (Eph. 3, 10).
Mag die uns umgebende Welt von der in uns wohnenden Christusherrlichkeit wenig oder nichts merken, ja, mögen wir selbst betrübt oder gar verzweifelt sein über unsere innere Armut und Leere, — sofern wir in lebendiger Anbetung verharren und Gott immer und unbedingt die Ehre geben, strahlen wir etwas aus von dem Füllereichtum seiner Gnade und Treue. Möchten wir doch alle, gleich unsrem Herrn und Haupt, je länger je mehr ein Abglanz der Herrlichkeit Gottes sein!
5. Christus ist der Abdruck des Gotteswesens
Der Sohn Gottes stellt nicht nur das Wesen seines Vaters dar, sondern er vermittelt auch andern Geschöpfen dessen Gottesherrlichkeit. Darum wird er auch Abdruck des Gotteswesens genannt. Das durch Abdruck verdeutschte Wort charakteer bedeutet eigentlich Gepräge oder Kennzeichen. Manche übersetzen es sehr treffend mit Prägestempel. Christus ist der große Gottes-Präge-Stempel. Welche gewaltigen, wichtigen Verheißungen sind in dieser Benennung verborgen! Nicht nur, daß der Sohn Gottes das Gepräge des Vaters selber trägt — er prägt auch die gefallene Kreatur in Gottes heiliges Bild und Wesen um.
Diese Umprägung ist keine Vergewaltigung der Geschöpfe, kein willkürlicher Machtakt eines zürnenden Gottes, sondern ein verborgener Liebesprozess, eine Neuzeugung durch seinen Heiligen Geist. Dazu benützt er mancherlei Mittel und geht gar seltsame Wege mit seinen Kreaturen. Lust und Leid, Weh und Wonne, Nacht und Not und Angst und Elend gebraucht er als weiser Erzieher und liebender Vater, um uns in seine Art und seinen Charakter umzugestalten. Der Dichter singt mit Recht:
“Unter Leiden prägt der Meister
In die Herzen, in die Geister
Sein allgeltend Bildnis ein.”
Das alleingültige und allgeltende Bildnis Gottes soll in den Seinen ausgeprägt werden. Gott will sich nicht nur in seinem eingeborenen geliebten Sohn, sondern in vielen Söhnen, also auch in dir und mir, widerspiegeln. Das ist ein gar hohes Ziel. Niemals dürfte ein Geschöpf wagen, sich nach Gleichgestaltung mit Gott auszustrecken, wenn nicht geschrieben stünde: “Wir wissen, daß, wenn es (oder: er, Christus) offenbar werden wird, wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist” (1. Joh. 3.2).
“Wir werden ihm gleich sein.” Das hier gebrauchte Wort homoios heißt gleichartig, einerlei, derselbe, seines Gleichen, Standesgenossen. Dürfen wir fassen, daß wir dem Herrn homoios sein werden? Man ist fast zu fragen geneigt, ob wir es hier nicht mit einer Lüge oder doch wenigstens mit einer Übertreibung des Feindes zu tun haben, der schon unseren ersten Eltern im Paradies einflüsterte: “Ihr werdet sein wie Gott!”
Jede Wahrheit wird durch zwei oder drei Zeugen erhärtet. Darum wollen wir außer Johannes noch einen andern Zeugen über diesen wichtigen Punkt vernehmen, den Apostel Paulus. Er schreibt in Phil. 3, 21: “Er (d. i. Christus) wird unsern Leib der Niedrigkeit umgestalten hinein in die Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit.” Gleichförmigkeit mit dem Herrlichkeitsleib Christi! Daß es solch eine Erwartung gibt! Welche Wonnen und Seligkeiten wird die Erfüllung dieser Zusage bringen? Aber eines wollen wir nicht außer Acht lassen: unsere äußere, körperliche Gleichgestaltung mit dem Herrn hat als naturnotwendige Voraussetzung das innere, durch den Heiligen Geist gewirkte Gleichgestaltet- oder vielmehr Gleichgeartetsein mit ihm. Das Leibesgefäß entspricht dem Geistesinhalt.
Ehe wir Jesu Christi Leibesähnlichkeit anziehen können, müssen wir seines Sinnes und Charakters teilhaftig geworden sein. Bis dahin aber bedarf es vieler Erziehungsarbeit durch Gottes Wort und Geist. Es ist unbedingt notwendig, daß sich unsre Umprägung in unsres Vaters Art und Wesen Zug um Zug vollzieht. Erst dann, wenn diese Grundlage echt ist, sind wir fähig, bei der Wiederkunft des Herrn oder vor seinem Preisrichterstuhl ihm auch äußerlich gleichgestaltet zu werden. Gott wolle uns in Gnaden bewahren, trotz aller biblischer Erkenntnisse und hohen Worte, innerlich undankbare, selbstsüchtige, von der Dämonie des Mammons besessene Menschen zu werden, denen die Frömmigkeit nur ein Mittel zum Gewinn ist! Die Gefahr ist weit größer, als man gemeinhin ahnt, und das Schlimmste dabei ist, daß solche, die in dieses Netz Satans geraten sind, es gar nicht merken und wahr haben wollen, wenn man ihnen zu helfen und zu dienen versucht. Es ist ein ehernes, unentrinnbares Gesetz, das Paulus in die lapidaren Worte von 1. Tim. 6, 9 zusammenfaßt: “Die reich werden wollen, fallen!” Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Reichtum an Geld und Gut, an Macht und Ehre, an Einfluß und Geltung handelt — wem die Armut Christi nur ein interessanter Stoff zu christlichen Reden und Schriften und nicht ein heiliger Anreiz zur Nachahmung ist, der geht irre und verfehlt das Ziel. Und davor möge der Herr dich und mich und alle die Seinen bewahren!
Mit der Umgestaltung der Gläubigen in die Gleichförmigkeit des Herrlichkeitsleibes Jesu Christi ist dessen Umprägevermögen noch lange nicht erschöpft. Denn das Endziel Gottes besteht ja nicht darin, alles in seiner Gemeinde zu sein — diese ist ja nur Erstling und Vermittlungskanal! —, sondern alles in allen zu werden. Darum fährt unser Zeugnis von Phil. 3, 21 fort: “… bis zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit gemäß der wirksamen Kraft (oder Energie), mit der er das All sich gehorsam zu machen vermag.”
Die Lebensenergien Christi, des göttlichen Umprägers in seines Vaters Bild und Wesen, reichen aus, das ganze All in die Gehorsamsstellung zurückzuführen. Das ist nach dem genauen Wortlaut der unzweideutige Sinn unserer Schriftstelle. Wenn dieses Ziel erreicht ist, wird es nirgends mehr Empörer geben, und alle Auflehnung und Feindschaft gegen Gott werden in jauchzende Danksagung und Anbetung umgewandelt sein. —
6. Christus ist der Träger des Alls
Die Beziehungen, in denen der Herr zu dem All steht, sind mannigfacher Art. Er ist sein Schöpfer und Versöhner, sein Herrscher und Vollender. Eines der Ämter, womit er hinsichtlich des Alls auch begnadet ist, ist das des Erhalters oder Trägers. Darum sagt unser Text, daß der Sohn Gottes das All durch das Wort seiner Macht trägt.
Was bedeutet dieses Tragen des Weltenalls? Den hier gebrauchten Ausdruck pheroo kann man durch tragen oder hinbringen, aber auch mit ertragen oder erdulden verdeutschen. Daraus ergibt sich, daß man das Tragen als eine äußere Sache der Kraft, aber auch als eine innere Angelegenheit des Herzens auffassen darf. Da die Schrift in jeder Beziehung vieldeutig und “gefüllt” ist, so dürfen und müssen wir hier wohl beide Bedeutungen, die äußere und die innere, nehmen.
Christus trägt das All durch das Wort seiner Macht oder durch den Ausspruch oder Rechtsbefehl seiner Kraft. Ohne ihn bestünde nichts, was besteht, bräche alles Sein in wütenden, wilden Wirbeln zu einem Chaos zusammen. Daß die Sternenheere ihre vorgeschriebenen Bahnen eilen, daß die jungen Raben ihre Nahrung bekommen, daß der vielfältige Haushalt der Natur so reibungslos verläuft und daß der Wunderbau unseres Körpers bis hinein in die kleinsten, z. T. noch gar nicht erkannten Funktionen Bestand hat — all das hat seinen Grund in der anbetungswürdigen Tatsache, daß Christus der Träger des Alls ist!
Und wodurch trägt er das All? “Durch das Wort seiner Kraft”, sagt unser Text. Das Wort ist das göttliche Mittel seines Wirkens, das Wunderwerkzeug seines Gestaltens und Erhaltens. Durch das Wort sind die Äonen eingerichtet worden; durch das Wort wurde Unsichtbares sichtbar, trat Nichterscheinendes in die Erscheinung, wurden Pläne und Gedanken lebensvolle Wirklichkeit. Wie Gott spricht, so geschieht es, wie er gebietet, so steht es da.
Hier ist nicht von dem logos die Rede, sondern von dem “reema seiner Dynamik”. Reema heißt soviel wie Verheißung, Ausspruch, Beschluß oder Botschaft. Es vermittelt Leben, wie in Matth. 4, 4 geschrieben steht: “Nicht vom Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Worte (reema), das durch den Mund Gottes ausgeht.” “Von Seiten Gottes wird kein Wort (reema) unmöglich (oder kraftlos) sein”, sagt Gabriel in Lukas 1, 37. “Das Wort (reema) des Glaubens, das uns verkündigt wird, ist uns nahe”, bezeugt Paulus in Römer 10, 8; und Offbg. 17, 17 belehrt uns, daß die Weltmächte der Endzeit unbewußte Vollzugswerkzeuge der Worte (reema) Gottes sind.
Aus diesen wenigen Andeutungen erkennen wir, welche wichtige Bedeutung den Beschlüssen und Aussprüchen Gottes zukommt. Darum hält sich auch der Glaube an nichts anderes als an das, was Gott zusagt und verheißt. Nicht die sichtbaren Zufälligkeiten und wechselnden Erscheinungsformen des gegenwärtigen Zeitlaufs, auch nicht die schwankenden und trügerischen Gefühle und Empfindungen unseres törichten, irrenden Herzens, sondern die Aussprüche und Worte Gottes sind das Wirkliche und Wesenhafte.
Durch dieses Wort seiner Macht trägt Christus das All. Dabei kümmert er sich auch um das Allerkleinste und scheinbar Nebensächlichste. Hat er nicht selbst die Haare unsres Hauptes gezählt? Seine allmächtigen Liebesenergien halten alles, das Große wie das Kleine, in Gang und Bewegung und lassen alles nach vorgeschriebenen, festgelegten Gesetzen abrollen, wie der Erzengel Raphael im Prolog im Himmel in Goethes Faust sagt:
“Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.”
Gabriel, der nächstgenannte Engelfürst, fährt fort:
“Und schnell und unbegreiflich schnelle
Dreht sich umher der Erde Pracht
Es wechselt Paradieseshelle
Mit tiefer, schauervoller Nacht;
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen
Am tiefen Grund der Felsen auf,
Und Fels und Meer wird fortgerissen
In ewig schnellem Sphärenlauf.”
Wenn schon die Wunder der Natur den sinnenden Menschengeist mit tiefen Schauern heiliger Ehrfurcht erfüllen, wieviel beseligender ist dann die hohe, herrliche Freude, die den Gläubigen durchpulst, der nicht nur die äußere Hülle sieht, sondern Christus, den Träger des Alls, als Freund und Erretter, als Herrn und Haupt kennen, lieben und anbeten darf!
Dieses Tragen der Schöpfung hat aber auch, wie wir sahen, eine Innenseite. Christus trägt nicht nur alles, er erträgt es auch. Wieviel Haß und Hohn muß er, der Werkmeister der Schöpfung, von seinen Kreaturen erdulden! Und wieviel Undank und Treulosigkeit erfährt er nicht nur durch die ungläubige Welt, sondern auch von denen, die ihn als Herrn und Retter kennen!
Doch alle Sünden der Gottlosen und Frommen erträgt der Sohn Gottes in anbetungswürdiger Geduld und Langmut. Immer noch läßt er seine unbedingte, schrankenlose Gnade verkündigen, sein allgenugsames Heil anpreisen, und wartet, daß sich noch etliche zu ihm wenden. Fürwahr, der Herr erträgt und erduldet alles; er trägt auch dich und mich, bis er uns völlig zurechtgebracht und heimgeholt hat. —
7. Christus hat die Reinigung der Sünden bewirkt
Mit die schwierigste Frage der Menschheit ist die, ob und wie ihre Schuld beseitigt werden kann. Die größten Geister haben darüber nachgegrübelt, auf welche Weise wohl eine Erlösung möglich wäre. Letztlich ist ja die Kunst in all ihren Teilgebieten nichts anderes als ein Versuch, sich eine neue, innere Welt aufzubauen, in der man der Schuld und Schande, der Not und dem Tod mit all ihren häßlichen und schmerzlichen Begleiterscheinungen entnommen wird und davor bewahrt bleibt.
Aber niemand vermag von sich aus das uralte, quälende Rätsel von Schuld und Sühne zu lösen. Immer macht man das Heil von dem doch tausendfach als unzulänglich erwiesenen Menschenstreben abhängig. Selbst Goethe weiß in seinem Faust nichts Besseres zu verkünden als den armseligen Trost:
“Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.”
Welch ein wunderbares Vorrecht haben wir da, daß wir wissen dürfen, daß die Reinigung unserer Sünden niemals durch uns bewirkt werden kann noch soll. Nicht wir bringen unsere Erlösung zustande, sondern Christus. Nicht durch unsere kultischen Leistungen, durch Selbstgeißelung und Bußübungen, sondern “durch sich selbst hat er die Reinigung der Sünden bewirkt.”
“Nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blute ist er ein für allemal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte” (Hebr. 9, 12). “Denn es ist unmöglich, daß Blut von Stieren und Böcken Sünden hinwegnehmen kann” (Hebr. 10, 4).
Den Preis, um deswillen wir Reinigung von Sünden erlangen, könnte kein Geschöpf zahlen. Auch der Reinste kann weder sich noch seinen Bruder erlösen. Nichts anderes als die Selbsthingabe des Sohnes Gottes bewirkt unser Heil. “Aller Reichtum seines Hauses” hätte nicht genügt, unsre Schuld zu tilgen (Hohelied 8, 7b); nur seine sich selbst opfernde Liebe reichte aus, unsre Rettung zustande zu bringen.
In immer hellerem Licht erstrahlt mit fortschreitender Offenbarung in der Schrift die herrliche Wahrheit, daß Christus alle Schuld der Schöpfung völlig zu beseitigen vermag. Betrachten wir nur drei Grundstufen der Sündentilgung:
- Christus hat die Sünden bedeckt
- Christus hat die Sünde weggetragen
- Christus wurde für uns zur Sünde gemacht
Schon David preist die Glückseligkeit des Mannes, dessen Sünde zugedeckt ist (Ps. 32, 1). Dieses Bedecken der Sünde ist die Grundlage der Gemeinschaft mit Gott. Im Allerheiligsten der Stiftshütte stand die Bundeslade. Auf ihr lag ein Deckel, der Sühnedeckel oder das Versöhnungsgerät. Darauf sprengte der Hohepriester das Blut zur Sühne, wie wir in 3. Mose 16, 14 lesen: “Er (Aaron) nehme von dem Blut des Farren und sprenge mit seinem Finger auf die Oberfläche des Deckels gegen Osten; und vor dem Deckel soll er mit seinem Finger siebenmal sprengen.”
In Römer 3, 25 wird Christus als das gottverordnete Sühnemittel oder als der Gnadenstuhl bezeichnet. Daraus ersehen wir, daß der Sühnedeckel im Allerheiligsten nur ein Vorbild auf Christus war und die durch ihn vollbrachte Erlösung vorschattete. Dieser Sühnedeckel war so wichtig, daß das Allerheiligste des Tempels in 1. Chron. 28, 11 “das Haus des Sühnedeckels” genannt wird.
Nicht nur Paulus, auch Johannes bezeugt, daß unsre Sühnung nicht irgendeine von uns zu leistende Sache, nicht eine religiöse Handlung oder Zeremonie ist, sondern daß der Herr selber unsre Sühnung ist. Schreibt er doch in seinem ersten Brief: “Wir haben einen Sachwalter bei dem Vater: Jesum Christum, den Gerechten. Und dieser ist die Sühnung unsrer Sünden, nicht allein aber der unsern, sondern der ganzen Welt” (2, 1b.2).
Christus hat die Sünde bedeckt, so daß der erlöste Sänger mit Recht frohlocken darf: “Sein Kreuz bedeckt meine Schuld!” Wenn aber etwas nur bedeckt ist, so ist es doch noch da. Nur ist es nicht zu sehen. Bedeckung der Sünde ist etwas Großes. Aber es gibt mehr als das!
Der Herr hat unsre Sünde hinweggetragen. “Siehe, das ist Gottes Lamm”, rief der Täufer am Jordan aus, “welches der Welt Sünde hinwegnimmt (oder davonträgt).” Bezeugt nicht Jesaja das Gleiche, wenn er sagt: “Fürwahr, er hat unsre Leiden getragen, und unsre Schmerzen hat er auf sich geladen” (Joh. 1, 29; Jes. 53, 4a)? Er trug unsre Sünde ans Kreuz und zahlte und sühnte sie dort. Nun sind für jeden, der diese Heilstat von Golgatha glaubend erfaßt, völlige Gnade und unantastbarer Friede da.
Viel tiefer als die Schreiber des Alten Testaments und der Evangelien sieht der Apostel Paulus. Er lehrt, daß Christus für uns zur Sünde gemacht wurde (2. Kor. 5, 21). So, wie das Gift einer Schlange in das von ihr gebissene Glied eindringt und es ganz durchseucht und zersetzt, die Schlange selbst aber dadurch kein Gift mehr in sich hat, so hat auch der Herr die Sünde nicht nur zugedeckt, sie nicht nur auf sich genommen und weggetragen, sondern er selbst wurde zur Sünde gemacht. Er, der einzig Reine, wurde als Unreiner, ja, als persongewordene Sünde der ganzen Schöpfung geachtet. Darum verhüllte der Vater sein Antlitz vor ihm und ließ ihn am Kreuz allein. In Christus sah der heilige Gott die fleischgewordene Sünde aller Welt. Er handelte mit seinem geliebten Sohn, als habe er in ihm den Täter jeglicher Schuld und Schande vor sich: er strafte ihn und ließ ihn leiden (Jes. 53, 5.10). Nun ist in Gottes Augen die Frage der Sünde ein für allemal vollständig geregelt: sie ist in Christo abgetan.
Nicht die Sünde, sondern der Unglaube, der sich nicht in dem vollbrachten Werk von Golgatha birgt, ist fortan die Scheidewand zwischen Gott und uns. Gelobt sei der Vater der Barmherzigkeit für die in Christo bewirkte Reinigung von Sünden.
8. Christus hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt
Als unser Herr auf Erden weilte, hatte er nichts, da er sein Haupt hinlegte. Von den Obersten seines Volkes gehaßt und bekämpft, von der Masse unverstanden und höchstens als äußerer Nothelfer begehrt, von den eigenen Jüngern verraten oder verlassen — das war sein Weg durch diese Welt. Mit müdem, bestaubtem Fuß durchschritt er die Lande, ein Wanderer zwischen zwei Welten im Vollsinn des Wortes, und starb den schmählichsten Verbrechertod.
In und nach seiner Auferstehung aber erfuhr er eine Erhöhung ohnegleichen. Nun ist er nicht mehr der verstoßene, verachtete Gotteslästerer, der zwischen Krippe und Kreuz in unvergleichlicher Niedrigkeit und Armut seinen einsamen Weg ging, sondern er hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt.
Er hat sich gesetzt! Nie lesen wir, daß Engel, Fürstentümer und Gewalten in den Himmelsregionen sitzen. Immer erblicken wir sie in dienstbereiter Bewegung oder sehen sie zu heiligem Befehlsempfang um den Thron Gottes stehen. Christus aber hat sich gesetzt. Er hat den Thron eingenommen. Und zwar nicht hier auf Erden, wo so viele Throne und Tyrannensitze errichtet wurden, wankten und fielen, sondern zur Rechten der Majestät in der Höhe.
Zur Rechten! Das ist keine Orts-, sondern eine Rangbezeichnung. Die rechte Hand eines hochgestellten Menschen ist sein Berater, sein Eingeweihter, sein ausführendes Werkzeug. So sitzt auch Christus zur Rechten Gottes als dessen Bevollmächtigter und Beauftragter, um alles Wohlgefallen des Vaters durch Gericht und Gnade zum herrlichen Ziel und Ende zu führen.
Schon der Empfang und die Begrüßung des in den Himmel Aufgefahrenen war eine so große, wichtige Angelegenheit, daß selbst die Leser des Hebräerbriefes, gläubig gewordene Priester zu Jerusalem, diese Dinge nicht zu fassen vermochten, wie in 5, 9-11 geschrieben steht: “Vollendet worden ist er (der Sohn Gottes) allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heiles geworden, von Gott begrüßt (oder angeredet) als Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks. Über diesen haben wir viel zu sagen, was mit Worten schwer auszudrücken ist, weil ihr im Hören träge geworden seid.”
Neben dem Hohepriesteramt für Israel wurden ihm noch andre Würden und Aufgaben für die Gemeinde seines Leibes zuteil. Ist er doch deshalb über alle Himmel hinübergegangen, damit er das All in die Fülle führe (Eph. 4, 10). Vermittelst seines Körpers oder Vollmaßes wird er zur gottverordneten Stunde und auf die ihm geziemende Weise das All in allen Stücken zur Fülle gestalten. Das lehrt der letzte Vers von Eph. 1.
Christus hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt. Mit und in ihm aber ist auch seine Gemeinde, die sein Leib ist, versetzt in die Himmelsregionen oder inmitten der Himmelswesen, wie Eph. 2, 6 bezeugt: “Er (d. i. Gott) hat uns mitauferweckt und mitsitzen lassen (oder mitversetzt) inmitten der Himmlischen in Christo Jesu.” Somit ist seine Erhöhung unsre Erhöhung; seine Würden sind die unsrigen, und sein Hoffnungsgut für die kommenden Zeitalter, in denen er den Reichtum seiner Gnade in Güte erweisen wird (Eph. 2, 7), ist auch unseres.
Darum ist uns die Erhöhung Christi nicht ein totes, trockenes “Lehrstück”, sondern eine lebendige, uns tief und wesenhaft beseligende Gewißheit und Erwartung, die uns heilige Spannkräfte verleiht, durch alle Finsternistäler und Todestiefen dieser Zeit und Welt mit freudiger Danksagung hindurchzugehen.
9. Christus ist besser geworden als die Engel
Der Hebräerbrief ist ein Brief der Vergleiche. Er stellt die Größe und Schönheit Christi vor den Hintergrund kultischer Einrichtungen und schattenhafter Vorbilder in der Engel- und Menschenwelt. Dadurch erstrahlt die Herrlichkeit des Sohnes Gottes in umso hellerem Lichte. So wird uns gezeigt, daß Christus größer ist als Mose, daß er als der wahrhaftige Hohepriester vorzüglicher ist als Aaron, daß er einen weit erhabeneren Rang einnimmt als Melchisedek und die levitischen Priester, daß sein Heiligtum und Amt hoch über dem alttestamentlichen steht und daß die Opfer des alten Bundes nur ein unvollkommenes Vorbild seines Versöhnungstodes sind.
Das erste Kapitel unsres Briefes stellt den Herrn den Engeln gegenüber und bezeugt: “Er ist um so viel besser geworden als die Engel, als er einen vorzüglicheren Namen vor ihnen ererbt hat. Denn zu welchem der Engel hat Gott je gesagt: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt?”
Christus ist besser geworden als die Engel. Denn er ist ein Gottgezeugter, während die Engel nur Geschaffene sind, also auf geschöpflicher Stufe stehen. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Denn etwas, was ich mit meinen Händen geschaffen habe, und sei es noch so kostbar und wertvoll, steht meinem Herzen nie so nahe, kann nie in so enge Lebensgemeinschaft und Liebesbeziehung zu mir treten wie mein Kind, das ich gezeugt habe.
Gottes Sohn hat einen vorzüglicheren Namen ererbt als jene Fürstentümer und Gewalten in den himmlischen Höhen. Diese Lichtswesen sind voll strahlender Herrlichkeit. Und dennoch sind sie nur “allesamt dienstbare Geister”, wie der letzte Vers unsres Kapitels bezeugt. Christus aber ist nicht Diener, sondern Sohn. Darum ruht Gottes Wohlgefallen auf ihm. Selbst als er in Knechtsgestalt den Verbrechertod am Schandpfahl erduldete und ausrief: “Ich bin ein Wurm und kein Mensch!” (Ps. 22), war und blieb er dennoch Sohn und Erbe des Weltenalls.
Auch hier gilt, wenn auch in höherem, umfassenderem Sinn, das Wort: “Der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien” (1. Mose 21, 10; Gal. 4, 30). Engel sind Boten und Diener, die Befehle ausführen und mit Verwaltungsaufgaben im Kosmos betraut sind. Darum werden sie ausgesandt als Wind und Feuer (Hebr. 1, 7), legen ihre Sichel an die gerichtsreife Erde (Offbg. 14, 19), sammeln unter Posaunenschall die israelitischen Auserwählten von den vier Winden her (Matth. 24, 31); verkünden das äonische Evangelium, das Gott als Schöpfer und Richter bezeugt (Offbg. 14, 6), bringen die letzten sieben Plagen (Offbg. 15, 1) und verwalten die Schlüssel des Abgrundes (Offbg. 20, 1).
So groß und gewaltig jedoch auch die Aufgaben und Ämter dieser starken, lichtsprühenden Himmelswesen sind, so haben wir es bei ihnen dennoch nur mit Dienern und Boten zu tun, deren Rang und Würde weit unter denen Christi, des eingeborenen Sohnes der Liebe, stehen. Diesen Unterschied gilt es immer wieder zu betonen und festzuhalten. Denn während die Welt auf der Linie der Schöpfung läuft und dementsprechend durch die himmlischen Kosmokratoren oder Systemhalter verwaltet und gestaltet wird, ist die Gemeinde des Leibes des Christus eine Neuschöpfung oder Geistzeugung und ist darum in Stellung und Berufung völlig eines mit Christo als ihrem Haupt. Darum winkt uns auch kein Lohn, den wir irgendwie verdienen müßten, sondern uns erwartet ein Erbe,
Welche Fülle zukünftiger Heilsoffenbarungen und Segensentfaltungen liegt in dem kurzen Zeugnis verborgen, daß der Sohn besser geworden ist als die Engel. Denn der Vater zeigt dem Sohn alles, was er tut, wie wir in Joh. 5, 20 lesen. Das ist aber bei den Engeln durchaus nicht der Fall! Denn sie begehren sogar in das Evangelium der Beschneidung hineinzuschauen (1. Petri 1, 12) und müssen an uns, der Gemeinde des Leibes Christi, die Weisheit Gottes lernen, jenes Fundamentalstück der vier Lektionen dessen, wozu Gott seinen Sohn nach 1. Kor. 1, 30 gemacht hat.
Der Vater zeigt nicht nur dem Sohne alles, was er tut, sondern hat ihn, wie wir bereits sahen, zum Erben über alles eingesetzt. Knechte und Diener stehen in lösbarem Leistungsverhältnis und werden entsprechend ihrer Arbeit gelohnt. Der Sohn aber ist vom Vater gezeugt und darum sein Erbe. Göttliche Vaterschaft kann durch nichts aufgehoben oder für ungültig erklärt werden. Darum ist der Sohn um so viel besser als die Engel.
10. Alle Engel werden Christus anbeten
Im sechsten Vers unsres Kapitels ist die Rede von einer zweiten Einführung des Erstgeborenen. Wo aber soll nach dem Schriftwort Christus eingeführt oder “auf die Bühne gebracht” werden? Die Luther-, Schlachter- und Albrechtbibel geben das hier stehende Wort oikumene mit “Welt” wieder; die Elberfelder-, Wiese- und Weizsäckerübersetzung sagen “Erdkreis”, Menge verdeutscht durch “Menschenwelt”, während die englischen, französischen und italienischen Übersetzungen durchweg “Welt” (world, monde, mondo) schreiben.
Was aber bedeutet oikumene eigentlich? Sein schlichter Ursinn ist: das Bewohnte, der Bezirk, in dem jemand haust oder den jemand verwaltet. Die Griechen verstanden unter oikumene die von ihnen bewohnte und durch sie kultivierte Erde im Gegensatz zu den Ländern der Barbaren, während die Römer mit diesem Ausdruck ihr Weltreich, also das damalige Kulturgebiet ums Mittelmeer bezeichneten. Aus dem Wort selbst geht jedoch weder hervor, daß die oikumene nur auf Erden ist oder daß sie nur von einer gewissen Rasse oder Gruppe von Menschen bewohnt wird.
Unser Text lehrt, daß Gott seinen Sohn wiederum (ein andermal oder von neuem) in die oikumene einführt. Dann spricht er (läßt sagen, verkündigt oder hat recht), daß alle Engel ihn anbeten sollen. Wir dürfen wohl annehmen, daß es sich, wenn von Engeln und nicht von Menschen die Rede ist, bei der oikumene an unsrer Hebräerstelle nicht um Behausungen oder Verwaltungsbezirke von Menschen, sondern um solche von Engeln handelt. Wieweit sich diese beiden Gebiete überschneiden, wissen wir nicht. Die Schrift gibt darüber keine eindeutige, erschöpfende Auskunft, sondern weist nur dann und wann darauf hin, daß Engel und Geistermächte in den Himmeln wohnen (”die Heerschar der Höhe in der Höhe”, “die Himmel herrschen” usw.) und vom Lufthimmel aus in das Erdgeschehen hereinwirken (”der Fürst der Gewalt der Luft”, “unser Kampf ist wider die Fürstentümer, die Gewalten, die Weltbeherrscher dieser Finsternis, die Bosheitsgeister in den Himmelsregionen” usw.).
Wann und wie die erste Einführung Christi in die Wohnstätten und Verwaltungsbezirke der Engel war, wissen wir nicht. Es hat wenig Wert, Vermutungen oder gar feste Behauptungen und Lehren über solche Dinge aufzustellen und auszusprechen, die nicht eindeutig bezeugt sind. Hier aber lesen wir, daß Gott bei einer zweiten Einführung seines Sohnes in die oikumene gebietet (verkündet oder recht behält!), daß alle Engel Christus anbeten, ihm huldigen oder ihn verehren sollen. Wieviele Gerichtsäonen notwendig sind, bis dieses Ziel erreicht ist, vermögen wir nicht zu sagen. Aber daß auch dieses Gottesgebot einmal erfüllt wird, daß diese heilige Schöpfer-, Retter- und Vollenderabsicht einmal zustande kommt, daran brauchen wir nicht einen Augenblick zu zweifeln.
Der Sohn Gottes war eine Zeitlang unter die Engel erniedrigt (Hebr. 2, 7). Der jetzige Weltkreis ist ja bis zur gegenwärtigen Stunde Engeln unterstellt (Hebr. 2, 5). Das bleibt aber nicht so. Der Augenblick kommt, da alles Geschaffene, also auch die himmlischen, überweltlichen Systemhalter, einen völligen Zerbruch erleben werden. Dann erst wird es offenbar, daß das gesamte All dem Sohn Gottes unterworfen ist und er all das zurecht- und zurückbringt, was die Schöpfung verdorben und verloren hat.
Darum lesen wir in Hebr. 2, 8: “Indem er ihm (d. i. Christo) das All unterworfen, hat er (nämlich Gott) nichts gelassen, was ihm nicht unterworfen wäre; jetzt aber sehen wir ihm noch nicht alles unterworfen.” Eph. 1, 10 bezeugt: “Das All wird emporgehauptet in dem Christus, das, was in den Himmeln und das, was auf der Erde ist.” Wenn sich dereinst im Namen Jesu alle Kniee, die der Himmlischen, der Irdischen und der Unterirdischen, anbetend beugen, dann wird “jede Zunge” — und es gibt doch Menschen- und Engelzungen! — zur Verherrlichung Gottes des Vaters rühmen, daß Jesus Christus Herr ist (Phil. 2, 10.11).
Dann wird das prophetische Wort bezüglich der Anbetung des Herrn durch das ganze Himmelsheer erfüllt sein, das wir in Nehemia 9, 5b.6 lesen, wo geschrieben steht: “Stehet auf und preiset den Herrn, euren Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und man preise deinen herrlichen Namen, der erhaben ist über allen Preis und Ruhm! Du bist, der da ist, o Herr, du allein; du hast die Himmel gemacht, der Himmel Himmel und all ihr Heer, die Erde und alles, was darauf ist, die Meere und alles, was in ihnen ist. Und du machst dies alles lebendig (oder: zeugst dieses alles ins Leben hinein!), und das Heer des Himmels betet dich an.”
“Das Heer des Himmels betet dich an!” Dann erst, wenn alles neugeschaffen ist, kann Gott auch seinen Heiligen vertrauen, sind auch die Himmel rein in seinen Augen, was vorher nicht der Fall war (Hiob 15, 15). Nun legt Gott seinen Engeln keinen Irrtum, keine Torheit mehr zur Last (Hiob 4, 18). Vielmehr werden “alle seine Engel” und “alle seine Heerscharen” ihn loben (Ps. 148, 2), und er wird alles in allen sein.
Diese gewaltigen und umfassenden Zielwahrheiten sind nicht dazu geoffenbart, daß man sie in einseitiger Überbetonung als Steckenpferde reitet. Auch wäre es falsch, sie Fernstehenden, Suchenden und Erweckten als Trost zu geben. In der Schrift finden wir in dieser Beziehung ein weises Aufleuchtenlassen oder Verschweigen der letzten Gottesziele. Wir dürfen weder Propagandisten noch Spezialisten einzelner, wenn auch noch so herrlicher Wahrheiten sein, sondern müssen im heiligen Gleichgewicht des Gesamtzeugnisses der Schrift bleiben und jedes “Wiederum stehet geschrieben” in Ernst und Treue beachten.
Falsch wäre es aber auch, diese Vollendungstatsachen, die klar niedergelegt sind im Wort heiliger Schrift und von anerkannten Geistesmenschen aller Zeiten immer wieder bezeugt wurden, einfach zu leugnen und Brüder je nach ihrer zustimmenden oder ablehnenden Haltung als Irrlehrer zu brandmarken. Der Glaube, sonderlich der an die letzten und tiefsten Gotteswahrheiten, ist eben nicht jedermanns Ding. Hier erprobt sich die Echtheit der Bruderliebe und damit die Echtheit unseres Glaubens überhaupt. Denn wer den Bruder nicht liebt, auch den Bruder, der andere Erkenntnisse und Durchblicke hat als wir meist so kurzsichtigen und engherzigen Menschlein, der bleibt im Tode (1. Joh. 3, 14b). Und davor bewahre uns Gott in Gnaden, daß wir aus Neid und Streit den Bruder, der auch in Wahrheit Christus liebt und ihm zu dienen sucht in selbstloser Hingabe seines Lebens, ablehnen und schmähen und damit trotz all unsres Eifers und unsrer vermeintlichen besseren Erkenntnis im Tode bleiben. Jeder sei treu und brünstig im Geist, in dem Erkenntnisstand und Dienstkreis, in den Gott ihn gestellt hat, und suche, ohne groß und reich werden zu wollen in dieser zerbrechenden, dem Ende entgegentaumelnden Zeit und Welt, seinem Herrn zu gefallen. Dann dürfen wir in der Liebe zu allen Heiligen in den ganzen Füllereichtum der Herrlichkeit unsres Vaters in Christo hineinwachsen und darin vollendet werden. —
Wir versuchten, zehn Strahlen des Christusglanzes von Hebr. 1, 1-6 auf uns wirken zu lassen. Welch eine Fülle von Pracht und Gottesmajestät offenbaren sie uns. Und wie arm und jämmerlich kommen wir uns vor, wenn wir uns bemühen, das in das unzulängliche Sprachgefäß menschlicher Worte und irdischer Bilder und Gleichnisse zu gießen, was beim Anschauen der Klarheit Christi unsre Herzen bewegt, erfüllt und beseligt. Wie hoch ist unser Herr erhöht; wie unfaßbar groß ist die Berufung, womit wir in ihm berufen sind! Möchte das anbetende Sinnen über diese Zusammenhänge unser Leben zu vermehrter Hingabe und tieferer Liebe zu unserm Vatergott in Christo Jesu und seiner auf die Vollerlösung harrenden Schöpfung führen!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 5 & 6/1955; Paulus-Verlag, Heilbronn)



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