Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Was ist Heiligung?

Autor: Schumacher, Heinz  |  Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Heiligung  |  437 x gelesen

“Ihr aber habt den Christus nicht also gelernt, wenn ihr anders Ihn gehört habt und in Ihm gelehrt worden seid, wie die Wahrheit in dem Jesus ist: daß ihr, was den früheren Lebenswandel betrifft, abgelegt habt den alten Menschen, der nach den betrügerischen Lüsten verdorben wird, aber erneuert werdet in dem Geiste eurer Gesinnung und angezogen habt den neuen Menschen, der nach Gott (oder: gottgemäß) geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit” (Eph. 4, 20-24).

Kind Gottes ist, wer aus Gott geboren ist, d. h. wer auf dem Wege einer Neuzeugung und Neugeburt (Joh. 3, 5; Tit. 3, 5 u. v. a.) — dadurch, daß der menschliche Geist und Gottes Geist in gegenseitiger Hingabe eins wurden (1. Kor. 6, 17) — ein neues Leben empfing, das “ewige Leben”, das “Leben Gottes” (Eph. 4, 18), also Gottes ureigenes Leben im Gegensatz zu unserem menschlich-natürlichen Leben. Fortan darf er sich seiner Gotteskindschaft bewußt sein, die ihm der nun innewohnende Heilige Geist auch fortwährend bezeugt (Röm. 8, 16); er ist teilhaftig geworden der göttlichen Natur (2. Petr. 1, 4). Weil aber auch seine alte natürlich-fleischliche Natur noch vorhanden ist, solange sie nicht sterbensmäßig abgetan wurde, ist er nun gleichsam ein Doppelwesen, eine Doppelnatur, die zweierlei Leben in sich birgt.

Das natürliche Leben und das Leben Gottes, die menschliche Natur und die göttliche Natur oder, wie es unsere vorangestellte Epheserstelle ausdrückt, der alte Mensch und der neue Mensch — sie sind beide vorhanden und schaffen dadurch für den Glaubenden ein fortwährendes inneres Spannungsfeld.

Der alte Mensch ist Fleisch, vom Fleisch geboren, und bleibt es auch. Er kann nicht nur hin und wieder, sondern er muß sündigen, so oft man ihm die Zügel überläßt, weil dies nun einmal seiner durch und durch sündenvergifteten Natur entspricht. Daher ist er auch keiner Umwandlung oder “Reparatur” fähig, und daher finden wir auch keine einzige Aufforderung im Worte Gottes, den alten Menschen zu verbessern oder zu erneuern. Im Gegenteil wird immer bezeugt: “Ziehet aus, leget ab, haltet euch für gestorben, tötet …!” (Eph. 4, 22; Kol. 3, 5; Röm. 6, 11 u. a.)

Der neue Mensch hingegen ist vollkommen wie Gott selbst. Er kann nicht sündigen (1. Joh. 3, 9)! Und wenn der alte Mensch keiner Reparatur fähig war, so ist der neue keiner solchen bedürftig. Er ist ja das Leben Gottes selbst (Eph. 4, 18), das uns in Ihm geschenkt ist, und alle Aussagen der Schrift über das Wesen Gottes gelten daher im Vollumfang auch für den uns geschenkten neuen Menschen. Er ist unsterblich (1. Tim. 6, 16), vollkommen (Matth. 5, 48), glückselig (1. Tim. 1, 11), Licht ohne Beimischung irgendwelchen Finsterniswesens (1. Joh. 1, 5), Liebe, wie Gott Liebe ist (1. Joh. 4, 8.16). Er ist, mit einem Wort: gottgemäß (Eph. 4, 24).

Was aber ist nun Heiligung?

Keinesfalls Reparatur oder Flickwerk irgendwelcher Art, auch wenn das Flickzeug aus edelsten und ernstesten Vorsätzen, Kraftanstrengungen unsererseits, Kasteiungen oder selbstaufgebürdeten Gesetzen bestünde! Wir sahen ja bereits, daß weder an der alten noch an der neuen Natur irgendwelche Reparaturen möglich sind. Heiligung ist vielmehr durch und durch ein Glaubensakt. Im Glauben darf ich erfassen und verwirklichen, daß meine alte Natur dem Tode übergeben ist und nicht mehr zu herrschen hat über mich. Und im Glauben darf ich auch wissen, daß der Herr mir eine neue Natur geschenkt hat, Seine göttliche Natur, die sündlos ist, und von der ich mich nun leiten und regieren lassen darf.

Dieser neue Mensch ist aus Gott. Als Gott Seine ganze Fülle einst zeugend in den Sohn ergoß, wurde dieser zum Mittler des Gotteslebens für das ganze Weltenall (zum “Brot, das dem Kosmos das Gottesleben gibt”, Joh. 6, 33). Deshalb sind im Sohne die neuen Naturen aller Geschöpfe keimhaft enthalten. Sie waren auch schon in Ihm, als Er den Opfergang zum Kreuz antrat und durch Sterben und Auferstehen das Erlösungswerk vollbrachte. Daher ist unser neuer Mensch tatsächlich ein mit Christo gestorbener und auferweckter (vgl. dazu Eph. 2, 5.6; Kol. 3, 1-3 u. a., die alle unserem neuen Menschen gelten). Er ist ausgestattet mit den Todeskräften Jesu zur Tötung der alten Natur (die deshalb nicht wir aus dem natürlichen Wesen heraus mit eigenen, gesetzlichen Mitteln zu vollziehen haben!) und mit den Lebenskräften der Auferstehung und befähigt uns zu einem Auferstehungsleben. Darum ist der Sohn Gottes unsere Heiligung, weil Er uns den heiligen und vollkommenen neuen Menschen schenkt (1. Kor. 1, 30); wir aber sind Geheiligte durch Seine Opferung am Kreuz, wo Er uns die Rechte auf Grund Seines Sühnetodes erwarb, diese göttliche Natur nun besitzen zu dürfen (Hebr. 10, 10).

Unsere Heiligung in der Jetztzeit, die der Wille Gottes für das Leben jedes Gläubigen ist (1. Thess. 4, 3), ist somit nichts anderes als der ständige praktische Nachvollzug, die fortwährende glaubensmäßige Aneignung der Tatsache, daß mir durch das Opfer Christi am Kreuz bereits (rechtlich, stellungsmäßig) geheiligt sind, d. h. um Seines Sühnetodes willen einen Rechtsanspruch aus Gnaden zuerkannt bekamen auf die neue göttliche Natur, den wir uns, als wir gläubig wurden, als Erbteil aneignen durften. Es gilt also zu unterscheiden:

  1. Wir wurden geheiligt durch das Opfer des Leibes Jesu Christi am Kreuz schon vor mehr als 1900 Jahren (die Heiligung wurde uns ermöglicht und bereitet, Hebr. 10, 10).
  2. Als wir gläubig wurden, wurden wir aus Feinden und Sündern zu Heiligen (wir traten in die uns bereitete Stellung von Heiligen ein, wir wurden Gott geweiht, Kol. 3, 12 u. v. a).
  3. Im täglichen Wandel sollen wir nunmehr dieser Stellung entsprechend wandeln und sie zur praktischen Darstellung bringen, unsere Stellung als Heilige verwirklichen (1. Thess. 4, 3; Hebr. 12, 14 u. v. a.).

Im Sprachgebrauch der Gläubigen wird unter “Heiligung” zumeist nur der letztere Teil verstanden, der auch im Mittelpunkt dieser Abhandlung steht. Um kein verkürztes Bild zu geben, mußte jedoch auch auf die am Kreuz erworbene und beim Gläubigwerden ergriffene Stellung der Heiligung hingewiesen werden.

Im Blick auf unsere praktische Heiligung gibt es drei Abwege, vor denen wir uns bewahren lassen müssen: den des Perfektionismus, den eines resignierenden Sichabfindens mit der Sünde und den der “Reparatur”.

Der sogenannte “Perfektionismus” — wir verstehen darunter die irrtümliche Meinung, sich durch einen plötzlichen und einmaligen Glaubensakt die völlige und dauerhafte Sündlosigkeit auf allen Lebensgebieten aneignen zu können — übersieht, daß eben neben der neuen auch die alte Natur zeit unseres Erdenlebens noch vorhanden ist. Und ein einziger unwachsamer Augenblick genügt, ihrer Anwesenheit beschämt bewußt zu werden. Wie mancher Gläubige mag zutiefst erschrecken, wenn er vielleicht nach Jahrzehnten seines Glaubenslebens feststellen muß, daß sich sein alter Mensch aber auch gar nicht “gebessert” hat. Darüber sollten wir aber nicht erschrecken, ist uns doch bezüglich des alten Menschen keinerlei Verheißung gegeben worden! Es geht einzig darum, ihn (glaubensmäßig, nicht gesetzlich) im Tode zu halten und die neue Natur fortwährend glaubend zu verwirklichen.

Den anderen Abweg bildet das entgegengesetzte Extrem: ein resignierendes, müdes Sichabfinden mit der Sünde, die man im Fleischeszustand für unüberwindlich hält. Er begegnet uns oft in Redewendungen wie: “Ich komme eben doch nicht aus meiner Natur heraus” oder: “Ich kann doch nicht über meinen eigenen Schatten springen”.

Übersieht der Perfektionismus die Wirklichkeit der alten Natur, so verschließt ein derartiges müdes Resignieren die Augen vor der Herrlichkeit der neuen gottgemäßen Natur und den ihr gegebenen kostbaren Verheißungen. Solch müdes Resignieren kann falsche (auf den Menschen zugewandte) Blickrichtung zur Ursache haben oder aber Kleinglauben gegenüber der Wesensart der neuen Natur. Entweder ist es die eigene Schwachheit hinsichtlich des Durchhaltens im Glaubenskampf (für den aber doch gerade die “Kampfregel” gilt: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark!), die einem solchen Kinde Gottes als unübersteigbares Hindernis erscheint — vielleicht, weil es ihn allzuoft in eigener Kraft zu führen versuchte —, oder aber es vermag nicht zu glauben, daß der ihm geschenkte neue Mensch tatsächlich sündlos und gottgemäß ist. In jedem Falle tut eins not: Fasse die Verheißungen von 1. Joh. 3, 9; Eph. 4, 24 und ähnlichen Stellen kindlich glaubend ins Auge und erinnere dich daran, daß deine Schwachheit gerade der geeignetste Hinter- und Untergrund zur Entfaltung göttlicher Kraftwirkungen ist, während den “Starken” oft gerade ihre Stärke zum Glaubenshindernis wird!

Schließlich gibt es noch den schon mehrfach erwähnten dritten Abweg der “Reparatur”. Darunter verstehen wir Gläubige, die sich durchaus nicht für vollkommen oder perfekt halten, die auch nicht müde resignieren, sondern durchaus ein Fortschreiten in der Heiligung wünschen und ins Auge fassen. Nur stellen sie sich den gesamten Heiligungsvorgang falsch vor: sie halten ihn für eine fortschreitende Verbesserung bzw. “Reparatur” ihres alten Menschen. Nach einer gewissen Zeit ihres Glaubenslebens meinen sie, nun müsse auch ihr alter Mensch bereits ein gutes Stück “verbessert” sein. Und weil sie früher oder später merken müssen, daß dem doch nicht so ist, tritt dann oft ein eigenes gesetzliches Bemühen an die Stelle des Glaubens, um die alte Natur durch Kasteiungen und selbstauferlegte Gesetze wenigstens scheinbar zu bessern.

Wieviel verkrampftes und abstoßendes Heiligungsbemühen erklärt sich wohl aus dieser Wurzel?! — Derartige Kinder Gottes haben in der Frage der Rechtfertigung oft sehr deutlich erkannt, daß alles “nur Gnade” war; in der Frage der Heiligung aber meinen sie nun, selber “nachhelfen” zu müssen. O daß sie erkennen möchten, daß auch hier, genauso wie einst bei ihrer Errettung, alles nur “aus Gnaden durch Glauben” geschieht (Eph. 2. 8)!

Was ist Heiligung?

Kein kühner Sprung in die Sündlosigkeit, kein müdes Resignieren, keine Reparatur irgendwelcher Art, sondern: das gläubige Erfassen des gewaltigen Geschenks, das jedem Gläubigen zuteil geworden ist in seinem neuen Menschen, seiner neuen göttlichen Natur, die nicht sündigen kann und durch deren gläubiges Anziehen und Verwirklichen auch mir nicht mehr sündigen müssen nach dem Maße ihrer Herrschaft über uns.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 3/1955; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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