Gottes Weg, Wort und Wesen
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Biblische Symbolik, Erkenntnis & Wesen Gottes | 806 x gelesenIn Psalm 18, 30 bezeugt uns David ein Dreifaches von Gott. Dieses Zeugnis kommt in einem Liede vor, das dem Vorsänger übergeben wurde. Das bedeutet, daß es in den heiligen Versammlungen Israels von Zeit zu Zeit vorgelesen und vorgesungen werden mußte. Die Gemeinde sollte es lernen und nachsingen und dadurch den Herrn preisen und verherrlichen.
Was lehrt nun der königliche Sänger, dessen Herz von gutem Worte wallte und dessen Gedichte dem wahren König, also dem Messias-Christus galten und dessen Zunge dem Griffel eines geübten Schreibers glich (Ps. 45, 1)? David bezeugt: “El — Sein Weg ist vollkommen; Jahves Wort ist geläutert; ein Schild ist Er allen, die auf Ihn trauen” (Ps. 18, 30).
1. Gottes Weg ist vollkommen
Gottes (El = der Starke, der über alles Verfügende!) Weg ist vollkommen. Glauben wir das? Wie dunkel und leidvoll, wie ungerecht und grausam erscheinen uns oft die Wege, die der Herr Seine Geschöpfe führt! Ist nicht die Weltgeschichte ein Beweis für die (scheinbare!) Sinnlosigkeit der Wege der Völker? Werden nicht oft gerade die besten und wertvollsten Menschen, ja, die angeblich Auserwählten und Geliebten, durch so viel Dornen und Dickicht geführt, daß man fast am Dasein Gottes zweifeln könnte?
Und doch bezeugt uns die Schrift, daß alle Wege unsres Herrn richtig sind (5. Mose 32, 4). Und David, der doch lange Zeit wie ein Verbrecher verfolgt wurde und oft dem Tode näher war als dem Leben, frohlockt im 23. Psalm: “Er führet mich auf rechter Straße um Seines Namens willen!”
Wir deuteten schon an, daß das hebräische Wort, mit dem Ps. 18, 30 beginnt, El heißt. Das bedeutet, daß Ihm, dem Starken, über alles Verfügenden, jedwede Macht und Gewalt der Welt zum Gebrauche dient. Glauben und fassen wir doch, daß Gott in Seiner Allmacht, Weisheit und Liebe Seine Geschöpfe den kürzesten Leidensweg führt, um das vor Grundlegung der Welt zuvor geplante Hochziel der Herrlichkeit zu erreichen. Halten wir doch immer daran fest, daß Er durch ein Mindestmaß von Schmerzen ein Höchstmaß, ja, Übermaß von Seligkeit bewirkt! Und fangen wir doch einmal an, dafür zu danken, auch wenn wir “gar nichts fühlen von Seiner Macht”! Dann werden wir immer tiefer und wesensmäßiger erfassen und erfahren dürfen, daß Gottes Weg in Wahrheit vollkommen ist, ob Er, der heilig und liebevoll Verfügende, nun straft und richtet, läutert und reinigt oder heiligt und vollendet.
Gelobt sei Gott für Seinen vollkommenen Weg, den Er mit allen Seinen Geschöpfen geht, Er, dessen Weg im letzten und eigentlichen Grunde ja nicht Berechnung und Plan, ein Ding oder eine Sache, sondern Sein geliebter Sohn ist, der nicht nur von sich sagen konnte: “Ich bin der Weg”, sondern der auch in Hebr. 10, 20 der “neue und lebendige Weg” genannt wird!
2. Des Herrn Wort ist geläutert
Das ist das zweite Zeugnis unsrer Psalmstelle. Gottes Wort ist nicht nur einmal oder doppelt, sondern siebenfach geläutert (Ps. 12, 6)! Mögen Menschen daran nörgeln und darüber kritisieren, es verachten, totzuschweigen versuchen oder verlästern — uns ist allein maßgebend, was die Schrift über sich selbst, was der Herr und Seine Apostel und Propheten über die heiligen Bücher sagen.
Sie sind dem Glaubenden eine Fundgrube unsagbarer Schätze und Freuden, Kräfte und Seligkeiten. Wir sollten uns nur einmal die Mühe machen, nein, den Segen und die Freude schenken lassen, den 119. Psalm betend und glaubend durchzubuchstabieren. Wieviel Licht und Lösung, Heil und Frohlocken würden da in unser Leben strömen!
Nehmen wir von den 176 Versen — das ganze Lied zerfällt, entsprechend den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabeths, in 22 Abschnitte von je 8 Versen. Das sind also 22 mal 8 = 176 Verse — nur einmal die erste Hälfte des ersten Verses. Sie lautet: “O der Glückseligkeiten derer, die im Wege untadelig sind!”
Das erste Wort ist eine Glückseligpreisung. Ihrer finden wir allein im 119. Psalm nicht weniger als 25. Wenn wir sie einmal gründlich lesen, werden wir leicht einsehen lernen, warum unser Leben oft so mißmutig und unzufrieden, so gejagt und geplagt, so voller Neid und Streit ist und so wenig beschwingt und getragen, durchleuchtet und beseligt von der Glückseligkeit Gottes.
“Glückselig, die im Wege untadelig sind!” lasen wir. “Aber”, höre ich dich sagen, “das ist es ja, was mir Not macht! Meine Wege sind eben durchaus nicht untadelig. Ich finde in mir so viel Geltungsbedürfnis und Herrschsucht, so viel Gier und Geiz, so viel Undankbarkeit und Lieblosigkeit. Darum bin ich auch trotz meiner eingebildeten oder wirklichen Frömmigkeit, Leistungen und Erfolge kein wesenhaft glückseliger Mensch.” So denken viele Gläubige, kleine und große, hohe und niedere.
Wenn wir aber einmal glaubend dieses Wort lesen, es im Licht der paulinischen Füllebotschaft fassen, dann wird es uns zu Licht und Trost, zu Heil und Herrlichkeit. Wir sahen doch, daß Christus der Weg ist. Demnach dürfen wir ohne die geringste Vergewaltigung und Umdeutung so sagen: “Glückselig, die in Christo untadelig sind!” Stimmt das? Ist das richtig? Haben wir blinden und tauben Frommen denn nicht hundertmal gehört und gelesen, daß es kein Verdammungsurteil gibt für die, die in Christo Jesu sind (Rö. 8, 1)? Und sind wir denn nicht in Christo Jesu, dem neuen und lebendigen Weg, du und ich und alle, die in Wahrheit an Ihn glauben?
Daß wir doch endlich fassen und festhalten könnten, daß uns Gott in Seiner Bibel ein geläutertes Wort in die Hände gegeben hat, um es uns durch Seinen Geist ins Herz legen und prägen zu lassen! Fangen wir, die wir uns doch gläubig nennen, endlich an zu glauben und dafür zu danken, daß des Herrn Wort wirklich geläutert, siebenfach (also in geistlicher Vollendung) wie Silber (also zur Erlösung dienend, da ja 7 die Zahl geistlicher Vollendung und Silber das Symbol der Erlösung ist) und zur Erde fließend (also der gefallenen Schöpfung geltend) ist (Ps. 12, 6)! —
3. Ein Schild ist Gott allen, die auf Ihn trauen
Noch eine dritte kostbare Aussage enthält unser Psalmwort. Es handelt nicht von Gottes Weg oder Wort, sondern von Ihm selbst. Die Schrift nennt uns ungezählte Namen und Bilder, die uns das Wesen Gottes von immer neuen Seiten und immer tiefer und klarer enthüllen. Unsre Schriftstelle sagt uns, daß Er ein Schild ist.
Zwar ist der Schild auch ein Bild für den Glauben, wie in Eph. 6, 16 geschrieben steht: “Ihr habt den Schild des Glaubens ergriffen”; auch werden die Fürsten und Schirmherren der Völker “Schild der Erde” genannt (Ps. 47, 9), — aber im tiefsten Grunde ist Gott selbst der Schild der ganzen Schöpfung, der sie liebend trägt und deckt und schirmt. Daß dabei mit dem Schild nicht ein metallisches oder hölzernes, mit Leder überzogenes Kriegsgerät gemeint ist, sondern etwas von Gottes wirklichem Wesen offenbart, geht schon aus den Zusammenstellungen hervor, in denen von Gott als dem Schild der Seinen die Rede ist.
Denken wir nur an die erste Stelle, in der wir von Gott als dem Schild lesen: 1. Mo. 15, 1! Dort offenbart und verheißt sich der Herr Seinem Freunde Abraham als “Schild und sehr großer Lohn”. Welch ein wunderbares und gewaltiges Wort ist das für den Glauben! Nicht Reichtum und Ehre, Gesundheit und Macht, Sachen und Dinge dieser armen Erde, sondern Gott selbst ist uns Schild und Lohn. Der Schöpfer, Erlöser und Vollender aller Wesen und Welten gibt sich uns in Christo Jesu als Schild und Lohn. Wohl dem, der das fassen darf!
Nach 5. Mo. 33, 29 ist der Herr für Sein Volk “Schild der Hilfe und Schwert der Hoheit”, und in 2. Sam. 22, 3 nennt David seinen Gott “Schild und Horn des Heils”, “hohe Feste, Zuflucht und Retter”. Laßt uns im Buche des Psalters noch einige Zusammenhänge nachschlagen und uns ins Herz prägen, die uns mit tiefer Freude und Danksagung erfüllen.
In Psalm 18, 2 bezeichnet der königliche Sänger seinen Gott als “Stärke und Fels, Burg und Retter und Hort, Schild und Horn seines Heils und hohe Feste”. Es ist, als ob David die Bilder geradezu häuft, um das ausdrücken zu können, was sein Herz so heiß bewegt.
Die Söhne Korahs, deren Väter durch Gottes heiligen Zorn in die Tiefen der Finsternis gefahren waren, besingen den Herrn in 84, 11 als “Sonne und Schild”, der “Gnade und Herrlichkeit” gibt und nichts Gutes vorenthält denen, die in Lauterkeit wandeln. Welch ein köstliches Zeugnis voll prophetischer Tiefe!
Als David vor seinen Feinden auf der Flucht war, betete er: “Du, Herr, bist ein Schild um mich her, meine Herrlichkeit und der mein Haupt emporhebt” (3, 3). Ist nicht Christus, unser Haupt, schon emporgehoben worden in die Herrlichkeit Gottes, und dürfen wir nicht in heiliger Sehnsucht auf die Stunde harren, da auch wir, Seine Glieder, zur gleichen Herrlichkeit emporgehauptet werden? Fürwahr, Gott ist auch unser Schild und unsere Herrlichkeit!
Gott umgibt die Seinen mit Segen und Gnade wie mit einem Schilde (5, 12). Er ist Seiner Auserwählten “Stärke und Schild”, der uns herrlich hilft, so daß wir nur frohlocken und preisen können (28, 7). Der Herr, auf den unsere Seele wartet, ist uns “Hilfe und Schild”, in dem sich unser Herz freut (33, 20.21). Gott ist unser “Bergungsort und Schild”, auf dessen Wort wir harren (119, 14), und in 115, 9-11 lesen wir von dem Herrn als “Hilfe und Schild”: “Israel, vertraue auf den Herrn, — ihre Hilfe und Schild ist Er! Haus Aaron, vertraue auf den Herrn, — ihre Hilfe und Schild ist Er! Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, vertrauet auf den Herrn, —ihre Hilfe und Schild ist Er!” —
Noch ein letzter Hinweis auf goldene und eherne Schilde sei uns gestattet. Wem er, durch Gottes Geist erschlossen, zu Herzen geht, wird eine heilige Freude daran haben. In 1. Kö. 10, 16 wird uns berichtet, daß Salomo (auf deutsch: Friedefürst, ein prophetischer Hinweis auf die Herrschaft Christi im Tausendjährigen Friedensreich) 200 Schilde von getriebenem Gold herstellte. Gold ist ein Symbol des Glaubens und der Treue, während 200 die mit der Christus- und Sohneszahl 2 vervielfachte Zahl 100 = 10 mal 10 = erfüllte Fülle abschattet. Der in der Schrift gewurzelte Glaube vermag das zu fassen.
Diese goldenen Schilde wurden jedoch unter der Herrschaft Rehabeams durch Sisak, den König von Ägypten, weggenommen (1. Kön. 14, 26). Wenn die Welt in das Heiligtum unseres Herzens einbricht, gehen wir der göttlichen Segnungen und Freuden verlustig. Statt goldener Schilde bekommen wir eherne (1. Kö. 14, 27)!
Was will uns das sagen? Dürfen wir auch von diesem Worte aus Gottes Munde leben? Wir verstehen es vielleicht im Lichte von 1. Kor. 13, 1. Dort wird uns gesagt, daß wir, wenn wir nicht mehr Liebe, Gottes innerstes Wesen, beseligt und beseligend in uns tragen, zu einem tönenden Erz werden. Erz ist aber nach der Schrift ein Bild für das Gericht! Prophetengabe und Einsicht in alle Geheimnisse, alle Erkenntnis und aller Glaube nützen dann nichts mehr. Alle Leistung und Kasteiung, ja, selbst die völlige Aufopferung des Leibes ist ohne Liebe wertlos (1. Ko. 13, 2.3). Darum ist es so wichtig, daß wir die goldenen Glaubens- und Liebesschilde des wahren Friedefürsten besitzen und uns nicht mit den ehernen, nur auf das Gericht hinweisenden Ersatzschilden des Rehabeam begnügen. —
Gelobt sei Gott, daß Er uns etwas enthüllt von den Wundern Seiner Wege, der Unantastbarkeit und Hoheit Seines Wortes und zuletzt und zutiefst sich selbst, Sein eigenes Herz und Wesen, uns entschleiert hat, damit wir Teilhaber würden aller Seiner Verheißungen, Seiner Berufung und Seiner eigenen Herrlichkeit in Christo Jesu, unserm Herrn und Haupte, hochgelobt in Ewigkeit!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 3/1955; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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