Von der Barmherzigkeit Gottes
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Allversöhnung, Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre | 1,032 x gelesenDie letzte und tiefste Frage, die ein Geschöpf stellen kann, ist die nach der Gesinnung seines Schöpfers. Wenn ein Kind erst einmal erkannt hat, daß die Eltern es lieben, dann wird sein Herz froh. Aber solange ein verschüchtertes, armes Wesen der Meinung ist, man wolle es nur quälen und ihm jede Freude rauben, gerät es in immer stärkere Liebesnot. Wie oft steht schon in den Augen von Kindern etwas von der Verzweiflung und dem Grauen geschrieben, die weit mehr Menschen an den Rand der Schwermut und des Selbstmordes treiben, als die meisten ahnen. Jeder wirkliche Seelsorger weiß davon Erschütterndes zu erzählen.
Während nun Gott in der Schöpfung seine Weisheit und Macht, in der Geschichte der Völker und des Einzelnen seine Heiligkeit und Weisheit offenbart, enthüllt er in seinem logos, d. h. in dem geschriebenen und Fleisch gewordenen Wort, sein urinnerstes Sein und Wesen. Sein brünstiges Herz sehnt sich danach, sich als der zu offenbaren, der er wirklich und wesenhaft ist. Die heilige Glut seiner Liebe kann und will nicht auf einem weltfernen Altar zu seiner eigenen Ergötzung leuchten. Es drängt ihn, sich selber mitzuteilen, sich gewissermaßen zu vervielfachen, Welten und Wesen ins Dasein zu rufen, um zuletzt alles in allen zu sein.
Erst dann, wenn Gott selbst diese Erkentnis in uns liebend hineingelegt und bleibend eingeprägt hat, vermögen wir sie aus seinem Wort zu ersehen und durch seinen Geist immer tiefer und beseligender zu begreifen. Dann sind auch wir entzündet vom Feuer seiner Vaterinbrunst und brauchen um solche Wahrheiten nicht mehr zu streiten, sondern können darüber anbeten, schweigend in heiligem Liebesvertrauen. —
Eine der charakteristischen Bezeichnungen der Schrift, die uns Gottes innerstes Sein darstellen und enthüllen, ist Barmherzigkeit. Die entsprechenden hebräischen und griechischen Ausdrücke bedeuten so viel wie Mitgefühl. Mitempfinden der Not und des Jammers leidender Geschöpfe. Davon wissen die außerchristlichen Religionen wenig oder nichts. Und wenn sie davon reden, dann nur einseitig und verdunkelt. So lehrt z. B. die griechische Philosophie, daß éleos (Barmherzigkeit) nur dem Edlen, nicht aber dem Grausamen gebühre. Wer ein wenig von den Mythen Griechenlands weiß, wird bestätigen, wie unsagbar rachsüchtig und grausam die sogenannten “Götter” sind. Das ist auch durchaus zu begreifen, wenn man es wagt, das Wort Gottes buchstäblich zu nehmen, das uns lehrt, daß alles, was die Nationen opfern, sie nicht Gott, sondern den Dämonen darbringen (1. Kor. 10, 20).
Wir wollen versuchen, in einigen großen Linien ein Zeugnis von der Barmherzigkeit Gottes zu sagen. Möge dein und mein Herz davon erfaßt, erfüllt und überfließend werden zum Lob und Preis unseres wunderbaren Vaters in Christo Jesu! Wie viel gelöster und beseligter, gottnäher und gottinniger wäre dann unser Denken, Fühlen und Wollen, unser Sinnen und Sein, unser Reden und Tun! Dazu segne der Herr diese kurze Betrachtung! —
1. Gottes ureigenes Wesen ist Erbarmung
Als der Herr in einer Wolke vom Himmel herniederstieg und sich Mose, seinem Knechte und Propheten, offenbarte, rief er aus: “Herr, Herr, El, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit!” (2. Mose 34, 6b). Das erste Wort, das seinen Charakter kennzeichnet, sein innerstes und eigentliches Wesen enthüllt, heißt “barmherzig”! Daß wir das doch von ganzem Herzen glauben und dafür danken wollten! Bricht nicht auch Paulus in 2. Kor. 1, 3.4a in einen Lobpreis aus, worin er den “Vater der Erbarmungen (oder Barmherzigkeiten)” benedeit und segnet, wenn er schreibt: “Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und Gott alles Trostes, der uns tröstet in all unserer Drangsal!?
David vergleicht im 103. Psalm das Erbarmen des Herrn über die Gottesfürchtigen mit den Erbarmungen, die ein Vater über seine Kinder empfindet (Vers 13), und in Jes. 54, 6-8 bricht Gott im Blick auf sein Volk Israel in die herzbewegenden Worte aus: “Wie ein verlassenes und im Geiste betrübtes Weib ruft dich der Herr und wie ein Weib der Jugend, wenn sie verstoßen ist; einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen, aber mit großem Erbarmen will ich dich sammeln; im Zorneserguß habe ich einen Augenblick mein Angesicht von dir verborgen, aber mit ewiger Güte werde ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.” Oder schlagen wir Amos 1 auf! Dort rechnet Gott mit acht Feinden ab, mit Damaskus und Gasa, Tyrus und Edom, Ammon und Moab, Juda und Israel. Und was wirft er Edom vor? “So spricht der Herr: Wegen drei Freveltaten von Edom und wegen vier werde ich es nicht rückgängig machen: Weil es seinen Bruder mit dem Schwerte verfolgt und sein Erbarmen erstickt hat, und weil sein Zorn beständig zerfleischt, und es seinen Grimm immerdar bewahrt, so werde ich ein Feuer senden nach Teman, und es wird die Paläste von Bozra verzehren” (Verse 11.12).
Wer sein Erbarmen nicht durchbrechen und sich auswirken läßt, sondern es erstickt, wer seinem Zorn nicht ein Ende setzt, sondern ihm “beständig” freien Lauf läßt, wer seinen Grimm nicht endlich aufhören läßt, sondern ihn “immerdar bewahrt”, den wird Gott schwer dafür strafen. Und das, was Gott ein Greuel ist, was er unter schwere Gerichtsandrohungen stellt, das soll sein eigenes Herz erfüllen, daran soll er seine Freude haben? Welch eine Unkenntnis und Verunehrung der Vaterliebe! Wenn Gott richtet, dann tut er es “einen kleinen Augenblick”, wie wir oben lesen, oder “nach Maßen”, wie die Schrift in anderen Zusammenhängen bezeugt.
Nun könnte aber jemand einwenden: Gott hat doch auch den Menschen geboten: “Du sollst nicht töten!” und tötet selber! Gewiß! Gott tötet. Aber er macht wieder lebendig, und das Ende wird herrlicher als der Anfang. Seine Gerichte sind Rettungsgerichte, seine Strafen dienen zum Heil, seine Schläge sind Liebesschläge. Sie entspringen nicht, wie bei uns, einem Affekt, einer leidenschaftlichen Aufwallung, die er nicht mehr beherrschen kann, sondern vielmehr seiner Treue und Güte! Gott schlägt und heilt, er richtet nicht hin, sondern her, er zerstört nicht, um endgültig auszulöschen, sondern er vernichtet, damit die zu einem Nichts Vernichteten erwählt werden (1. Kor. 1, 27.28)!
Auf die Klage Zions, sein Gott habe es verlassen und vergessen, antwortet er: “Könnte auch ein Weib ihres Säuglings vergessen, daß sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes? Sollten selbst diese vergessen, ich werde deiner nicht vergessen” (Jes. 49, 15), und in Rö. 11, 32 spricht der Lehrer der Nationen, der Verkündiger des Leibes Christi, die ungeheuere Wahrheit aus: “Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf daß er alle begnadige.” Alle Menschen, Israel und die Nationen, sind nicht deshalb in den Ungehorsam oder in den Unglauben eingeschlossen worden, um endlos gequält zu werden, wie viele meinen, sondern um alle des Erbarmens Gottes teilhaftig zu werden! Wer es zu fassen vermag, der fasse es und bete darüber an!
2. Gottes Erbarmen deckt nicht unsere Sünde zu, sondern löst uns von ihr!
Das ist eine wichtige grundlegende Heilstatsache, die viele nicht wahr haben wollen. Barmherzigkeit ist nicht eine gefühlvolle, weichliche Angelegenheit, wie das bei einer schwachen nachgiebigen Mutter der Fall ist, die ihr ungezogenes Kind einfach gewähren läßt und aus schwarz weiß und aus weiß schwarz macht.
Wenn wir einen biblischen Begriff wirklich verstehen wollen, so müssen wir besonders darauf achten, wo er zum erstenmal in Gottes Wort erscheint. Da haben wir meistens ein Schlüsselwort, das uns das Verständnis anderer Stellen aufschließt. So auch hier. Der Ausdruck “erbarmen” (oder verschonen) kommt zum erstenmal in 1. Mos. 19, 16 vor. Dort lesen wir, daß zwei Engel den Lot, sein Weib und seine beiden Töchter mit Gewaltanwendung ergriffen und aus Sodom herausführten (1. Mo. 19, 15.16). Was aber war der Grund zu dieser “Freiheitsberaubung”? Nichts anderes als das Erbarmen oder das schonende Vorübergehen des Herrn!
Trotz seines Sträubens und seiner Einwände gegen die Hilfe der Engel, seines “nicht doch!” und seines “aber” gegen seine Rettung bringt ihn Gott, allerdings unter dem Verlust seiner innerlich durch Sodom vergifteten Frau und mit einer schweren sittlichen Belastung seiner beiden durch die Sünden Sodoms verdorbenen Töchter, in Sicherheit. Lies bitte den spannenden und erschütternden Bericht von 1. Mo. 19, 17-38!
Verstehen wir jetzt, welches die tiefste Ursache so mancher schmerzlichen Lösung von Welt und Sünde ist? Nichts anderes als die Gnade und Barmherzigkeit Gottes! Wie oft stehen wir uns selbst im Wege und zögern gleich einem Lot, wenn wir eine Befreiung aus irgendeiner Bindung an das eigene Ich erfahren könnten! Hätten die heiligen Engel des Herrn nicht auf so scharfe, demütigende Weise eingegriffen, so wäre Lot sicherlich samt seinen Töchtern elend umgekommen.
Lernen wir aus dieser Begebenheit! Erst wenn wir einmal eingesehen haben, wie stark die Verflechtung unseres ganzen Seins und Wesens in die Augenlust, die Fleischeslust und den Hochmut dieser Welt ist, wie unheilbar wir an diesen Dingen kranken, wir, die man uns für fromm hält oder die wir gar uns selbst für so tüchtig und wertvoll halten, — dann brechen wir in den Wehruf eines Paulus aus: “Ich elender Mensch, wer wird mich retten aus dem Leibe dieses Todes?” Nur wer in den verzweifelten Bemühungen seiner Selbstheiligung zu der niederschmetternden Erkenntnis kommt, daß die innewohnende Sünde jede Lust in ihm bewirkt (Rö, 7, 8), der wird bereit, sich von aller Erden- und Ichverhaftung völlig und mit allen Konsequenzen lösen zu lassen.
Welche Methoden nun Gott je nach dem Grad unseres Widerstandes dazu benützt, das ist seine heilige Sache, die nur er völlig weiß und kennt. Der innerste Beweggrund aber, weshalb er bei dem einen diese und bei dem anderen jene Mittel gebraucht, ist nichts anderes, als seine abgrundtiefe, uferlose Gnade und Barmherzigkeit. Ergreifen wir diese Tatsache im Glauben und halten wir sie in der Anbetung allezeit fest!
3. Gottes Zorn ist nur die Hülle seines Erbarmens
Der Prophet Habakuk betet in 3, 2 die seltsamen Worte: “Im Zorn gedenke deines Erbarmens!” Was will er damit sagen? Wie meint er das? Die Botschaften des Herrn waren meist Gerichtsandrohungen, und zwar sowohl an Israel als auch an die Nationen. Aber die wahren Propheten wußten doch so viel, daß Gerichte und Strafen nicht das Letzte und Eigentliche dessen waren, was Gott bezweckte. Sie ahnten, daß der Herr im tiefsten Grunde seines Wesens voller Güte und Erbarmung ist. Deshalb konnte Habakuk auch das tun, was so viele, die den Vater unseres Herrn Jesu Christi zu kennen wähnen, nicht begreifen wollen: Gott an sein eigenes Erbarmen zu erinnern, ihm die innersten Gedanken seines eigenen Herzens vorhalten zu dürfen.
In dieser Sicht verstehen wir auch die scheinbar so widerspruchsvollen Worte von Jes. 30, 18, wo wir lesen: “Der Herr wird verziehen, euch gnädig zu sein, und darum wird er sich hinweg erheben, bis er sich euer erbarmt, denn der Herr ist ein Gott des Gerichts. Glückselig alle, die auf ihn harren!” Nicht endlose, unwiederbringliche Trennung von Gott, sondern Erbarmen ist das Letzte! Und das Harren auf den “Gott des Gerichts” ist Glückseligkeit!
Wäre Gericht unabänderliche Pein und Strafe, wie viele behaupten, so wäre das Warten auf den “Gott des Gerichts”, das Herbeisehnen seines Eingreifens, etwas unsagbar Grauenhaftes und Furchtbares. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall! Das sollte uns doch zu denken und zu danken geben.
Oder erinnern wir uns noch an zwei Psalmstellen! In 40, 11a betet David: “Herr, halte deine Erbarmungen nicht von mir zurück!” Wie stark der königliche Sünder unter Gottes Gericht und damit unter dem Selbstgericht stand, ersehen wir aus den Bußpsalmen, besonders aus dem 51. David wußte aber, daß Finsternis und Angst, Grauen und Verzweiflung über jeden Menschen hereinbrechen, wenn Gott seine Erbarmungen zurückhält. Gott braucht gar nicht zu schelten oder zu schlagen, sondern nur zu schweigen, und schon sind wir von Furcht und Finsternis umgeben und erfüllt.
Ein ganz einfaches Bild möge uns das klarmachen. Stellen wir uns vor, daß eine Großstadt oder nur ein Stadtteil plötzlich von jeder Versorgung mit Wasser, Strom und Gas abgeschnitten ist. In wenigen Stunden wären Handel und Wandel, Arbeit und Verkehr unterbunden. Finsternis und Tod jedes Erwerbslebens wären die Folgen. Wir haben ja ähnliche Dinge während des Krieges zur Genüge erlebt. So ist es, wenn Gott den innersten Lichts- und Lebens- und Liebesstrom seiner Erbarmung zurückhält. David wußte aus schmerzlicher Erfahrung, was das bedeutet und betete darum: “Halte deine Erbarmungen nicht von mir zurück!”
Mit sinnendem Herzen und forschendem Geist (Vers 6) stellt Asaph im 77. Psalm 6 wichtige und ernste Fragen, die ihn nach seinen eigenen Worten geradezu krank machen (Vers 10). Die letzte lautet: “Hat Gott im Zorn verschlossen seine Erbarmungen?” (Vers 9b). Damit wollte er doch sagen, daß Gottes Barmherzigkeiten nicht etwa aufgehört haben, nicht völlig ausgelöscht sind, sondern nur im Zorn wie in einer Umhüllung verborgen sind, so, wie eine zarte, wertvolle Blüte in geschlossenen Kelchblättern, wie ein wichtiges Schriftstück in einen versiegelten Umschlag gehüllt und dadurch jedem Zugriff entzogen sind. Der Zorn Gottes ist nur das Gefäß, aber tiefes, herzliches Erbarmen ist der Inhalt, der darin bewahrt ist. Wohl uns, wenn wir das glauben und fassen dürfen!
4. Erbarmen macht glückselig
Nur verkrampfte, unglückliche Menschen sind gegen andere unbarmherzig. Wer ein gelöster glückseliger Mensch ist, der erweist auch seinen Mit- und Nebenmenschen Güte und Freundlichkeiten. Er kann ja gar nicht anders handeln. Denn “wessen ein Gefäß ist gefüllt, davon es sprudelt und überquillt.” Aus einer Jauchetonne kann weder edler Wein noch kostbares Öl fließen, wenn sie angestoßen wird oder umfällt. Genau so wenig kann aus einem Gefäß voll köstlicher Narde Gift und Galle strömen, wenn es mit oder ohne Absicht zerbrochen wird. So verhält es sich auch mit dem Herzen Gottes und dem seiner Geschöpfe.
Nun lesen wir in Spr. 14, 21: “Wer seinen Nächsten verachtet, sündigt, wer aber der Elenden sich erbarmt, ist glückselig.” Wenn wir verstanden haben, daß in den Doppelversen der Sprüche sehr oft Christus und sein Gegenspieler, Satan, gegenübergestellt sind, so werden wir ohne weiteres erkennen, wer der ist, der seinen Nächsten, d. h. den nach ihm Kommenden verachtet, und wer der ist, der sich der Elenden erbarmt und daher glückselig ist.
Wie stehst du, wie stehe ich zu unseren schwachen, irrenden oder gar strauchelnden und gefallenen Brüdern? Empfinden wir ihnen gegenüber pharisäische Verachtung, oder haben wir Erbarmung mit ihnen? Wie oft kann man von Männern hören, daß sie, als sie noch kleine, einfache Menschen waren, wirklich im Geiste lebten und dienten, dann aber, als sie groß wurden, sich zu herrschsüchtigen, habgierigen Egoisten entwickelten, sich zum Herrn und Richter über andere aufwarfen und dabei gar nicht merkten, wohin sie steuerten. Davor bewahre uns Gott in Gnade! Es ist tausendmal besser, zu viel Erbarmen zu haben und glückselig zu sein, als die schwere Sünde zu begehen, sich über andere zu erheben und sie zu verachten.
Lautet nicht die 5. Seligpreisung der Bergpredigt: “Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren?” Wie einfach ist es nach diesem Herrenwort, in den Genuß der Barmherzigkeit Gottes zu kommen! Man braucht nur gegen Elende und Schwache, Irrende und Strauchelnde barmherzig, d. h. mitfühlend und warmherzig zu sein. Damit schaffen wir uns den Maßstab, nach dem Gott uns beurteilt und behandelt.
Wer andere richtet, wird selber gerichtet. Wer aber barmherzig ist, erlangt selbst Barmherzigkeit. Gottes Wort, das einerseits voll unergründlicher Tiefen, Geheimnisse und Herrlichkeiten ist, ist andererseits so schlicht und einfach, daß ein Kind es begreifen kann und seine Kraft und Seligkeiten schmecken darf.
Womit man sündigt, damit wird man bestraft. Was der Mensch sät, das muß er ernten. “Die ganze Bosheit der Männer von Sichem brachte Gott auf ihren Kopf zurück” (Ri 9, 57a), und “die Bosheit Nabals hat Gott auf seinen Kopf zurückkehren lassen” (1. Sam. 25, 39; vgl. 1. Kö. 2, 44; Neh. 4, 4; Esther 9, 25; Hes. 9, 10; 11, 21; 22, 31; 16, 43 u. a. m.). Es ist schon so, daß der, der sich über andere erbarmt, sich selbst den größten Dienst tut und daher in jeder Beziehung glückselig ist. Wird aber Gott selbst nicht als “glückseliger Gott” bezeichnet (1. Tim. 1, 11 wörtlich), und schreibt Paulus in Tim. 2, 13 nicht von der glückseligen Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus? Das abgrundtiefe, wunderbare Erbarmen unseres Vaters der Liebe und seine heilige, in unsere Herzen strömende und in uns wohnende Glückseligkeit bedingen einander. Erbarmen macht glückselig!
Weißt du jetzt, wie wir arme, unzufriedene Menschlein voll törichter und schädlicher Triebe und Begierden glückselige Söhne Gottes werden und bleiben können? Der Herr schenke es dir und mir und allen, die ihn wirklich kennen und lieben!
5. Erst im Elend ruft man des Herrn Erbarmen an
Nur wer im Finstern sitzt, sehnt sich nach Licht; erst dann, wenn man krank ist und Schmerzen leidet, fragt man nach einem Arzt; und nur die Elenden, die an und in sich selbst Zerbrochenen und Gedemütigten, rufen das Erbarmen Gottes an. Das ist im Geistlichen wie im Irdischen der Fall. Denn alle Naturgesetze herrschen, wenn auch auf höherer Ebene, auch in der geistlichen Welt.
Als unser Herr auf Erden weilte, waren es in erster Linie Blinde, Besessene, vom Leben Enttäuschte und Betrogene, die sich an ihn als Erbarmer wendeten. 28-mal lesen wir im NT das Zeitwort eleëo = Erbarmen oder Mitleid haben, barmherzig sein, 14-mal in den Evangelien, 12-mal bei Paulus und je einmal im 1. Petrusbrief und im Judasbrief.
Schlagen wir einige kennzeichnende Stellen nach: “Als Jesus von dannen weiterging, folgten ihm zwei Blinde, welche schrieen (krazoo = krächzen oder zetern) und sprachen: Erbarme dich unser, Sohn Davids!” (Matth. 9, 27-31). Wir können durchaus verstehen, daß die Jünger des Herrn über solche Plagegeister oft unwillig wurden, zumal diese seine Wohltaten annahmen, aber seinen Anweisungen nur selten gehorchten. Machen wir es aber nicht oft ebenso?
Oder lesen wir in Matth. 15, 22.23: “Ein kananäisches Weib, das von jenen Grenzen herkam, schrie und sprach: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter ist schlimm besessen. Er aber antwortete ihr nicht ein Wort. Und seine Jünger traten herzu und baten ihn und sprachen: Entlaß sie, denn sie schreit hinter uns her.” Wir verstehen die tiefe prophetische Bedeutung dieser ergreifenden Geschichte dieses arme, heidnische Weib hatte eigentlich zunächst noch keinen Anspruch an den Messias Israels, wenigstens nicht solange, bis ganz Israel errettet war. Doch ihr demütiges “Ja, Herr!” (Vers 27), wodurch sie sich zu den Hunden, den Heiden, bekennt, und ihre wunderbare Gegenbeweisführung lassen den Herrn in den staunenden Ausruf ausbrechen: “O Weib, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du willst!” (Vers 28).
Denken wir weiter an die lehrreiche Begebenheit von Matth. 17, 14-21! Ein armer mondsüchtiger Junge konnte von den Jüngern Jesu nicht geheilt werden, weil ihr Leben nicht wie das ihres Meisters ein fortwährendes Beten und Fasten im göttlichen Sinne war und sie deshalb über diese Art von Dämonen keine Vollmacht hatten. Der Vater des Besessenen wendet sich an das Erbarmen des Herrn, der den Knaben zur selben Stunde heilte. Wo Gott es in seiner Gnade schenkt, sind solche Dinge auch heute auf dem Boden des Evangeliums des Leibes Christi durchaus möglich.
Die sich in tausend Variationen wiederholende Geschichte vom unbarmherzigen Knecht in Matth. 18, 21-35 gehört auch hierher. Sollte man es für möglich halten, daß jemand, der so viel Barmherzigkeit erfuhr, selber so unbarmherzig ist? Die “weltliche Kirchengeschichte” — welch ein innerer Widerspruch in sich selbst ist dieses Wort bei Lichte besehen! — liefert unzählige Beweise. Aber nicht nur in den großen Welt- und Machtkirchen ist das häufig so, nein, das geht hinein bis in die kleinsten und scheinbar reinsten Bruderkreise!
Noch ein letztes Beispiel aus dem Matthäus-Evangelium wollen wir uns anschauen: 20, 30-34. “Zwei Blinde, die am Wege saßen, als sie hörten, daß Jesus vorübergehe, schrieen und sprachen: Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids! Und Jesus blieb stehen und rief sie und sprach: Was wollt ihr, daß ich euch tun soll? Sie sagen zu ihm: Herr, daß unsere Augen aufgetan werden. Jesus aber, innerlich bewegt, rührte ihre Augen an, und alsbald wurden ihre Augen sehend, und sie folgten ihm nach.” Um das, was Jesus innerlich empfand, begreiflich zu machen, dürfen wir vielleicht auf folgendes hinweisen: der in Vers 34 gebrauchte Ausdruck “innerlich bewegt” ist abgeleitet von dem Wort splangchnizomai = Jammer empfinden, in Herz und Gemüt (eigentlich in den edleren Eingeweiden, Herz, Lunge, Leber und Nieren) erregt sein.
Dieses Wort kommt nur 12-mal vor, und zwar bei den Synoptikern, also in den ersten drei Evangelien. Es wird fast nur von Jesus gebraucht, dazu einmal von dem barmherzigen Herrn des unbarmherzigen Knechtes, einmal von dem barmherzigen Samariter und einmal von dem Vater des verlorenen Sohnes. Wie oft läßt uns dieser Ausdruck, auch an den letzten drei Stellen, die ja von vorbildhafter Bedeutung sind, in das Herz Gottes des Vaters und des Sohnes hineinschauen!
6. In Gottes Erbarmen geborgen
In 2. Sam. 24, 14 ruft David aus: “Mir ist sehr angst! Mögen wir doch in die Hand Jehovas fallen, denn seine Erbarmungen sind groß! Aber in die Hand der Menschen laß mich nicht fallen!”
Hände können befleckt sein und sich voller Haß zu Fäusten ballen, sie können schlagen und morden. Aber sie können auch helfen und heilen, sich zum Gebet falten und andere segnen. Sie werden in der Schrift als Sinnbild der Macht und Gewalt, aber auch als Symbol der Darreichung, der Bewahrung und der Segnung gebraucht.
So spricht Gottes Wort von starken und mächtigen Händen, zeigt uns Menschen mit verdorrten Händen und läßt niemand Priesterdienst tun, der einen “Bruch an der Hand” hat. Gottes heilige Hände lasten schwer auf dem Sünder (Ps. 32, 4) und finden alle Feinde des Herrn (Ps. 21, 8). Aber zutiefst kann diese “gute Hand Gottes” (Neh. 2, 18) von niemand abgewendet werden (Jes. 14, 27; Dan. 4, 35). Wer in Gottes und Christi Hand geborgen ist, kann von nichts und niemand herausgerissen werden (Joh. 10, 28.29). Denn selbst am äußersten Ende des Meeres, in Nacht und Finsternis, leitet sie den Flüchtigen und faßt seine Rechte, d. h. errettet ihn (Ps. 139, 9-12).
Das alles sind große und wunderbare Dinge, und erst in diesem Lichte verstehen wir den davidischen Angstruf von 2. Sam. 24, 14. Wir können ja nicht für uns allein bestehen, sondern sind auf unsere Mit- und Nebenmenschen, zutiefst aber auf den lebendigen Gott angewiesen. Da wir aber dauernd vor die Entscheidung gestellt sind, ob wir unser Vertrauen auf die Menschen und ihre Hilfe oder ganz allein auf Gott und seine Gnade setzen wollen, kommen wir immer wieder in den gleichen Zwiespalt wie der königliche Sünder und Sänger David. Möchten wir uns immer für den Ewigtreuen, den Schöpfer, Löser und Vollender all seiner Wesen und Welten, entscheiden!
Der Textzusammenhang, in dem unser Wort steht (lies Vers 10-25!), zeigt uns, daß ein rasches und sehr schweres Gericht, selbst wenn es Zehntausende von Toten kostet, einer lang andauernden und leichteren Strafe zu bevorzugen ist. Darum sind alle plötzlichen Gerichte Gottes immer zugleich Erweise und Bahnbrecher seiner Gnade. Obgleich es zunächst und nach außen gesehen “schrecklich ist, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen”, so wird dennoch durch eben diese starken, treuen, heiligen Hände des Herrn das gesamte Wohlgefallen Gottes, das ja nicht endlose Qual oder Vernichtung, sondern Errettung ist, aus- und durchgeführt werden, wie Jes. 53, 10 bezeugt: “Dem Herrn gefiel es, ihn (der nach Vers 5 die Strafe zu unserem Frieden trug) zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen. Wenn seine Seele das Schuldopter gestellt haben wird, so wird er Samen sehen, er wird seine Tage verlängern; und das Wohlgefallen des Herrn wird in seiner Hand gedeihen (oder glücklich zum Ziel geführt werden).”
Wenn wir uns in freiwilligem Selbstgericht in den heiligen Händen Gottes bergen, so ruhen wir doch zutiefst in seinem Erbarmen. Denn unseres Vaters Hände schlagen nicht nur, sondern sie heilen auch, sie führen in die Hölle, aber auch wieder heraus, weil bei ihm allein die Ausgänge vom Tode stehen, wie uns Psalm 68, 20 bezeugt.
Glückselig wer auch ohne Gefühle täglich darüber anbeten kann, daß er — komme, was da wolle — immer und überall in Gottes Erbarmen geborgen ist und Stunde um Stunde von seiner Barmherzigkeit lebt!
7. Gekrönt mit Gnade und Barmherzigkeit
Wenn einem Verbrecher Erbarmen gewährt wird, so wird man ihm vielleicht die Strafe verkürzen oder gar erlassen. Aber zu einem Fürsten oder König krönen wird man ihn nicht. Was jedoch bei Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott. Darum singt David, der doch schwer gefehlt hatte, auf dessen Leben die Todsünden des Ehebruchs und des Mordes lagen, in den mittlersten Versen unserer Bibel, in Ps. 103, 3.4, daß Gott ihm
- alle seine Ungerechtigkeiten oder Sünden vergibt;
- alle seine Krankheiten oder Gebrechen heilt;
- sein Leben vom Verderben oder aus der Grube als Goël löst und
- ihn krönet mit Güte und Erbarmungen oder mit Gnade und Barmherzigkeit.
David ermahnt und ermuntert seine eigene Seele, diese Wohltaten ja nicht zu vergessen. Wie oft haben aber wir, die das Fülleheil Gottes viel lebendiger und umfassender kennen durch das Neue Testament, sonderlich durch die paulinischen Briefe, die uns den ganzen Christus und seine und unsere Vollendungsaufgaben mit dem All zeigen, diese Wohltaten Gottes vergessen!
Die heiligen Schriften reden ganz gewiß von dem abgrundtiefen Verlorensein aller Menschen, drohen mit Gericht und Tod und äonischer Pein und leugnen keineswegs die zeitalterlang dauernde Strafe der Hölle, — aber sie redet viel mehr von der Gnade und Güte Gottes, von seinem uferlosen Erbarmen und seiner alle Ewigkeiten überdauernden Liebe und Treue. Durch unseres Vaters Barmherzigkeit werden wir nicht nur mit Mühe und Not dem Verderben entrissen und wie begnadete Verbrecher davongejagt, — nein, wir werden gekrönt mit Gnade und Barmherzigkeit. Das ist doch wesentlich mehr!
Wenn die Schrift von Kronen und vom Krönen spricht, so ist es nicht Demut und Bescheidenheit, wenn wir von dieser Herrlichkeitsseite unseres Heils schweigen, sondern Ungehorsam und Unglaube. Das wollen wir uns doch auch einmal sagen lassen! So falsch und gefährlich es ist, etwas zu Gottes Wort hinzuzufügen, so verderblich ist es auch, etwas aus Trägheit oder Unglaube wegzulassen und zu unterschlagen. Vor beiden Sünden warnt das letzte Kapitel der Offenbarung sehr ernst (22, 18.19). Möchten wir weder zur Linken noch zur Rechten abweichen, sondern im göttlichen Gleichgewicht der Wahrheit bleiben!
Wenn schon David, auf dem Boden des Königreichs stehend, bezeugen darf, daß er gekrönt wird mit Gnade und Barmherzigkeit, — wie viel mehr dürfen da wir, die Glieder des Leibes Christi, uns nach den Kronen ausstrecken, von denen unser Lehrer und Bruder, der Apostel Paulus, sehr klar und deutlich redet! Lies 1. Kor. 9, 25-27; 1. Thess. 2, 19; 2. Tim. 4, 8 und siehe dazu Jak. 1. 12; Offbg. 2, 10; 1. Petr. 5, 1-4 und Spr. 1, 8.9; 4. 5-9! —
8. Gottes Erbarmen ist allumfassend
Man hat oft darüber philosophiert und gestritten, was stärker ist: die Inbrunst des Erbarmens Gottes oder der Widerstand einiger seiner Geschöpfe, die er nach vorweltlichen Liebes- und Retterplänen, das Ende vorauswissend und zuvorbestimmend, ins Dasein rief. Grenzt aber das Stellen dieser Frage nicht schon an Lästerung? Läuft die Behauptung, die man so oft hören und lesen muß: “Wenn der Mensch sich nicht reiten lassen will, dann kann ihn Gott auch nicht retten!” nicht auf eine Bankerotterklärung des allmächtigen, allweisen und alliebenden Gottes hinaus? Welch einen armseligen, unfähigen Gott haben doch die, die solches lehren und fest behaupten! Wir wollen sie keineswegs schmähen noch mit ihnen streiten. Im Gegenteil, wir wollen sie, die uns schmähen, verstehen und lieben. Denn unsere Gemeinschaft mit allen Heiligen gründet ja nicht in der endlosen Höllenqual oder in der Allversöhnung, sondern im Vater und im Sohn. Das wollen wir nie vergessen!
Wer aber durch Gottes Geist in sein Wort und durch sein Wort in sein Herz geblickt und auch nur einen Hauch seines Wesens und Geistes verspürt hat, der empfindet solche Kränkungen unseres Vaters der Liebe und Gottes aller Gnade, dem es nie und nimmer gelingen sollte, seine kleinen armseligen Geschöpflein zu zerbrechen und gerichts- und rettungsreif zu machen, um sie zuletzt durch seine Gnade und Güte zur Umkehr zu bringen, geradezu als körperlichen Schmerz.
Doch lassen wir unsere persönlichen Überzeugungen und die Gefühle unserer Herzen ganz aus dem Spiel und lesen wir nur zwei oder drei Gottesworte nach, die uns eine klare Antwort auf die Frage geben sollen. ob Gottes Erbarmen beschränkt und vom Wollen oder Nichtwollen seiner Geschöpfe abhängig ist, oder ob es wirklich allumfassend, tatsächlich universell ist. Wir wollen uns an ein Zeugnis aus dem Alten und an zwei aus dem Neuen Testament erinnern: Ps. 145, 9; Rö. 11, 32 und Jak. 2, 13.
In Ps. 145, 8-10a rühmt der inspirierte königliche Sänger: “Gnädig und barmherzig ist der Herr, langsam zum Zorn und groß an Güte. Der Herr ist gut gegen alle, und seine Erbarmungen sind über alle seine Werke. Es werden dich loben, Herr, alle deine Werke.” Im 8. Vers ist der Zorn Gottes gewissermaßen eingebettet in eine Vorhut und Nachhut, ist umgeben von Gnade, Barmherzigkeit und Güte. Daß im folgenden 9. Vers auch von Gottlosen und Sündern die Rede ist, geht schon daraus hervor, daß der 8. Vers vom Zorn Gottes spricht. Wenn es hier heißt, daß sich seine Erbarmungen über alle seine Werke erstrecken (wie man auch übersetzen kann), so müssen wir fragen, ob es dann ein einziges Geschöpf im weiten Weltall gibt, das der Herr nicht erschaffen hat, das nicht sein Werk ist, dem also nicht sein Erbarmen gilt.
Bezeugt doch Joh. 1, 3, daß ohne den logos, den großen Weltenordner und Weltenvereiniger (logos kommt von lego = sammeln, ordnen, vereinigen), den Sohn Gottes, nichts geworden ist. Daß sich dieser Prozeß der Welterneuerung über viele Äonen oder Ewigkeiten erstreckt, daß Gott dazu Gnade und Gericht gebraucht, Leben und Tod, Himmel und Hölle, das ist eine zweite, geradezu selbstverständliche Sache für jeden, der die Heiligen Schriften auch nur oberflächlich kennt.
Nun bezeugt der folgende Vers 10, daß “alle Werke” Gottes, also alles, was er je schöpferisch ins Dasein rief, nicht nur unter dem einwirkenden Erbarmen steht, sondern auch zum Lob des Herrn gelangt, also in den Besitz und Genuß der angebotenen und dargereichten Barmherzigkeit Gottes kommt. Wer dem Wort der Wahrheit vertraut, der braucht nicht mehr zu streiten; man glaubt es oder glaubt es nicht.
Klar und unantastbar ist das Zeugnis von Rö. 11, 32. Dort schreibt Paulus: “Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf daß er alle begnadige (oder sich aller erbarme).” Ein einziger Mensch war von Natur aus nicht ungehorsam und ungläubig: der Mensch Christus Jesus. Aber er ließ sich zur Sünde für alle machen, um so die Strafe aller zu tragen und die Gesamtschuld der Schöpfung zu beseitigen. Wenn Gott das nicht gemäß seinem Wort und Eidschwur zustande brächte, so wäre er nicht Gott, sondern ein ohnmächtiger Götze.
“Die Barmherzigkeit rühmt sich (oder triumphiert) über das Gericht”, bezeugt Jakobus in 2, 13 seines Rundbriefes an die 12 Stämme in der Zerstreuung. Damit ist doch klar erwiesen, daß beide, Erbarmen und Gericht, nicht gleichzeitig und gleichwertig nebeneinander bestehen bleiben. Entweder siegt das Gericht, — dann hört die Barmherzigkeit auf. Oder aber es triumphiert das Erbarmen, — dann haben Gericht und Strafe, Tod und Hölle ein Ende. Wir glauben, daß das Licht stärker ist als die Finsternis, daß das Leben zuletzt den Tod bezwingt und Gott alle Feindschaft der Schöpfung durch Gnade und Gerichte in Liebe, Heil und Herrlichkeit umzuschmelzen vermag.
Noch zwei abschließende Wahrheiten hinsichtlich des Erbarmens Gottes mögen hier gesagt sein. Es gibt auch heute noch genug Jonasse, die es Gott zum Vorwurf machen, daß er gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und groß an Güte ist und sich der angedrohten Strafen gereuen läßt (4, 1-4). Solche Leute wollen lieber sterben als eine allumfassende Gnade und Barmherzigkeit siegen zu sehen (siehe Vers 3!). Gott wird sie jedoch, genau wie Jonas, zur rechten Zeit auf die rechte Art überführen. Warten, schweigen und lieben wir so lange!
Man sagt, daß das Bezeugen einer allumfassenden, universellen Barmherzigkeit der Verkündigung des Evangeliums die Spitze abbreche, so daß sich dann kein Mensch mehr bekehre. Dazu ist zum ersten zu bemerken, daß die Bezeugung dieser Wahrheiten gar nicht zur Evangelisation, sondern zum Hirten- und Lehrdienst gehört. Dann wollen wir aber auch bedenken, daß nach 5. Mo. 4, 30.31 die Umkehr Israels in den Drangsalen der Endzeit zutiefst nicht durch die Bedrängnisse, sondern durch das Erbarmen Gottes bewirkt wird, wie geschrieben steht: “In deiner Bedrängnis, und wenn alle diese Dinge dich treffen werden am Ende der Tage, wirst du umkehren zu dem Herrn, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchen. Denn ein barmherziger Gott ist der Herr, dein Gott; er wird dich nicht lassen und dich nicht verderben und wird des Bundes deiner Väter nicht vergessen, den er ihnen geschworen hat.”
Nicht die Furcht vor der Hölle bewahrt uns vor der Sünde und verhilft uns zu einem heiligen gottgefälligen Wandel, zu einem bewußten Bleiben in der Liebe, sondern das lebendige Erwarten, das liebende sehnsuchtsvolle Sichausstrecken nach der Barmherzigkeit unseres Herrn. Das lehrt der 21. Vers des köstlichen Judasbriefleins, in dem es heißt: “Erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes, indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben.”
Wie groß und wunderbar ist doch das Erbarmen, das innige Mitfühlen und Mitleiden unseres Rettergottes mit all seinen Geschöpfen! Wohl uns, daß seine Macht und seine Weisheit ausreichen, seine Barmherzigkeit auch zielführend zu betätigen!
Ein Zeugnis, das ich letzthin während einer christlichen Konferenz auf einem Schloß bei Bern hörte, möge unsere Darlegungen beschließen. Eine ältere, blinde Dame aus Zürich, ein gesegnetes Gotteskind, erzählte, wie sie irgendwo angegriffen worden sei, weil sie glaubt, daß Gott nach 1. Tim. 4, 10 nicht nur der Retter aller Menschen sein möchte, sondern wirklich der Retter aller Menschen ist.
In ihrer freundlichen, ruhigen Art hatte sie ihren “theologischen Gegnern” erklärt: “Wenn ich über die Limmatbrücke gehe und höre, daß ein Kind in den Fluß gefallen ist und zu ertrinken droht, so ist mein Herz bewegt und ich möchte das Kind retten. Aber ich kann es leider nicht, da ich ja erstens blind bin und zweitens nicht schwimmen kann. Trotz meines Erbarmens, das ich empfinde, und der Bereitschaft, das Menschenmöglichste zu tun, ertrinkt das Kind. Man wird mir vielleicht später gerne bezeugen, daß ich das Kind gerne gerettet hätte, es jedoch leider nicht in meiner Macht stand. Aber am nächsten Tag wird sicher nicht in der Zürcher Zeitung stehen, ich sei die Retterin des Kindes, da ich die gute Absicht gehabt habe, es dem Tod des Ertrinkens zu entreißen! Gott jedoch will nicht nur, daß alle Menschen errettet werden, sondern er ist tatsächlich der Retter aller Menschen.” —
Glückselig, wer etwas weiß von der tiefen, heiligen Barmherzigkeit Gottes, dem unendliche Macht und Weisheit zur Verfügung stehen, um seine Heils- und Liebesziele mit seiner gesamten Schöpfung herrlich zu verwirklichen!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 2/1955; Paulus-Verlag, Heilbronn)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 
Zu 6. In Gottes Erbarmen geborgen
3. Abschnitt: Dan. 4, 35
Habe diesen vers nicht in meiner Bibel.
???
Zu 8. Gottes Erbarmen ist allumfassend
“Wenn der Mensch sich nicht reiten lassen will, dann kann ihn Gott auch nicht retten!”
soll ja heißen: nicht retten lassen …
Danke auch für diese Veröffentlichung!
Wolfgang
zu Dan. 4,35: das ist lediglich eine andere Verszählung, die in einigen alten Bibeln zu finden ist, wie zB der King James Bible, Luther 1545 und Elberfelder 1905.
Vergleich Elb.1905 und rev. Elb.1985:
Daniel Kapitel 3: 30 Verse (1905) ggü. 33 Versen (1985)
daraus folgt in
Daniel Kapitel 4: 37 Verse ggü. 34 Versen
Bei ihnen ist es demnach nicht 4,35 sondern 4,32.
Grüße
tape
Soweit ich weiß bedeutet “logos” Wort und “lego” - “ich sage”?! [siehe Punkt 8] Oder habe ich ein anderes Griechisch gelernt…