Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Voraussetzungen zum rechten Verständnis der biblischen Prophetie

Autor: Schumacher, Heinz  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort, Glaubensleben & Wandel, Lehre  |  1,082 x gelesen

Alles Geschriebene kann nur unter bestimmten Voraussetzungen verstanden werden. Schon zum Verständnis dessen, was aus dem Geist des Menschen heraus geschrieben wurde, bedarf es ja gewisser unumgänglicher Vorkenntnisse: Ich muß lesen können, ich muß die Sprache des Verfassers verstehen, und ich muß seine Aussage geistig fassen können. Während Letzteres bei schlichten Erzählungen oder Abhandlungen bei den meisten Menschen ohne weiteres der Fall sein mag, können etwa bei schwierigen wissenschaftlichen Werken Jahre des Studiums dazu erforderlich sein.

Erst recht kann das Wort eines großen und heiligen Rettergottes, dessen Gedanken im Gegensatz zu den unseren um so viel höher sind, wie der Himmel höher als die Erde ist (Jes. 55, 9), nur erfaßt und verstanden werden, wenn die dazu notwendigen Vorbedingungen erfüllt sind. Das gilt zunächst ganz allgemein von der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, im besonderen gilt es aber von dem prophetischen Wort, das ja im Gegensatz zu der “Milch” der einfachen Heilsbotschaft “feste Speise” zur Förderung der Heranwachsenden und Reifenden darstellt. Wer sich hier vermißt, voraussetzungslos (ohne daß die von Gott selbst angeordneten und festgelegten Voraussetzungen bei ihm erfüllt sind) die Botschaft der alt-oder neutestamentlichen Propheten zu lesen oder gar zu verkündigen, kann nur irregehen oder sogar noch andere in die Irre führen. Ja man darf wohl sagen: Alles fehlende oder falsche Verständnis der biblischen Prophetie in den Volkskirchen wie auch in Freikirchen und Gemeinschaften und “Sekten” rührt letzten Endes daher, daß gottgesetzte Voraussetzungen außer acht gelassen wurden.

Bevor wir nun solche Voraussetzungen anhand der Schrift im einzelnen ins Auge fassen, sei noch eins gesagt, das uns vor Mutlosigkeit bewahren kann, uns mit den Köstlichkeiten biblischer Weissagung zu befassen: Diese notwendigen Voraussetzungen liegen am allerwenigsten auf seiten unserer menschlichen Kenntnisse und Fähigkeiten, so wertvoll auch etwa die Hilfe eines guten Gedächtnisses und die Kenntnis der Ursprachen sein mögen. Sie sind in allererster Linie göttliches Geschenk, vermittelt durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, der uns ja in die ganze Wahrheit leiten und uns das Kommende verkündigen will. Wer sich diesem Bemühen des Geistes Gottes rückhaltlos aufschließt und ohne Vorbehalt und Widerstreben hingibt, den kann und wird Er selbst auch tüchtig machen und befähigen zum immer besseren Verständnis dessen, was Er einstmals “Menschen Gottes eingab” (2. Tim. 3, 16; 2. Petr. 1, 21), und so selber die notwendigen Voraussetzungen in ihm erfüllen. — Versuchen wir im folgenden zu erkennen, um was es sich dabei im einzelnen handelt!

Die Grundvoraussetzung für jedes rechte Verständnis nicht nur des prophetischen Wortes, sondern der Bibel überhaupt, lautet:

1. Ich muß auf Grund einer neuen Geburt aus dem Heiligen Geist im lebendigen Glauben an Gott und Christus stehen

Das bestätigt uns der Apostel Paulus, wenn er in 1. Kor. 2, 11.12.14 schreibt: “Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? Also weiß auch niemand, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, auf daß wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind. Der natürliche Mensch aber faßt nicht, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird.”

Weil der Heilige Geist der eigentliche Schreiber aller biblischen Schriften ist, kann auch nur Er der rechte Ausleger sein. Wer ohne Seine Erleuchtung das Wort erforscht, sieht nur eine Sammlung von mehr oder weniger glaubhaften geschichtlichen Berichten, Briefen und Visionen vor sich; ihm gehen weder die einfachen Evangeliumswahrheiten noch die prophetischen Linien dabei auf. Solche “Schriftforscher” aber hat es zu allen Zeiten gegeben, ob wir nun an die Schriftgelehrten aus den Tagen Jesu, an den Verfasser des “Mythos des 20. Jahrhunderts” oder eine ungläubige, “entmythologisierende” Theologie Bultmanns und seiner zahlreichen Schüler in unseren Tagen denken.

Das oben Gesagte bedeutet aber nun nicht, daß man das Wort Gottes nicht auch Ungläubigen in die Hand geben oder empfehlen sollte. Oft gefällt es ja Gott, einem ehrlich suchenden Herzen schon beim bloßen Lesen eines Gotteswortes eine derartige Erleuchtung des Heiligen Geistes zu schenken, daß es nicht nur seinen verlorenen Zustand plötzlich erkennt, sondern auch seinen Heiland und Retter findet und annimmt. Wo aber ein Herz dem Geiste Gottes bewußt widerstrebt, wie das unter den Massen einer satten und traditionsfrommen Namenchristenheit weithin der Fall ist, bestätigt sich immer wieder das angeführte Wort, daß der natürliche Mensch eben nicht faßt oder begreift, was des Geistes Gottes ist.

Um die feste Speise des prophetischen Wortes “verdauen” und “vertragen” oder gar weiterreichen zu können, müssen nach der Grundvoraussetzung des Besitzes des Heiligen Geistes auf Grund des Glaubens nun noch weitere Bedingungen erfüllt sein:

2. Ich muß in der Liebe zu Gott und allen Heiligen stehen

Dem Pauluswort von 1. Kor. 8, 1 zufolge steht nicht nur Haß oder Gleichgültigkeit im Gegensatz zur Liebe, sondern u. U. auch unser Wissen, und zwar immer dann, wenn es ein bloßes Kopfwissen ist, das das Herz, von dem aus doch die Ausgänge des Lebens sind (Spr. 4, 23), unberührt und kalt läßt. Solches Wissen aber führt in Ehrgeiz und Hochmut hinein und schließlich dazu, daß Gott keine neuen Durchblicke mehr schenken kann, denn den Hoffärtigen widersteht der Herr (1. Petr. 5, 5). Deshalb ist die Ermahnung des Apostels so wesentlich, die Wahrheit — wir können hier auch sagen, das uns geschenkte biblische Wissen — in Liebe festzuhalten (Eph. 4, 15). Wo der Satan Gläubige dahin bringen kann, die Wahrheit nur noch kopf- oder bekenntnismäßig festzuhalten, hat er sie schon in eine Sackgasse geführt, auf der man zwar noch eine Weile gehen und scheinbar sogar Fortschritte machen kann, die aber schließlich in rechthaberischen Auseinandersetzungen oder starrem Dogmatismus sich verläuft. Daß wir uns doch selber prüfen möchten, ob wir nicht auch schon im Begriff sind, in diese Sackgasse einzubiegen, oder gar schon eingebogen sind! — Und sollte es so sein, daß wir doch dann zu einer herzensmäßigen und liebesmäßigen Rückkehr zu unserem Rettergott uns bereitfänden, der eben kein dogmatisches Gebilde, sondern — Liebe ist!

Es gehört zum Betrüblichsten und Schmerzlichsten, das einem den Herrn und Sein Wort liebenden Herzen widerfahren kann, wenn es hören muß, wie oftmals die herrlichsten und köstlichsten Wahrheiten biblischer Prophetie zu geistlichen Schlagworten entarten. Ist diese Verirrung nicht eigentlich noch schlimmer als jener andere Irrtum, man sei “Gottes liebes Kind und nicht Sein Geheimrat” und brauche deshalb kein über die Grundlagen hinausgehendes biblisches Wissen?! — Der Herr bewahre uns in Gnaden vor beidem!

Nur wo das Liebesverhältnis zu Gott selbst in Ordnung ist, kann auch eine echte und ungeheuchelte Liebe zu allen Heiligen vorhanden sein. Denn “jeder, der den liebt, der geboren hat, liebt auch den, der aus Ihm geboren ist” (1. Joh. 5, 1) — und zwar naturgemäß jeden aus Ihm Geborenen! Und wo umgekehrt das Liebesverhältnis zu den Kindern Gottes Not leidet, wird auch das zu Gott selbst getrübt (1. Joh. 4, 20). Beides ist unlöslich miteinander verbunden — eins kann nicht ohne das andere sein. Wenn daher eine wichtige Voraussetzung zu rechtem, d. h. also herzens- und lebensmäßigem Erfassen des biblischen und insonderheit des prophetischen Wortes die ist, Gott zu lieben, so gehört dazu notwendigerweise auch die Liebe zu allen Heiligen. Das bestätigt uns der Nationenapostel in Eph. 1, 15-17, wo er für die Epheser, die lt. Kap. 1, 13.14 bereits den Geist des Herrn besaßen, auch den Geist der Weisheit und Offenbarung oder Enthüllung erbittet, “nachdem er gehört hat von ihrem Glauben in dem Herrn Jesus und der Liebe zu allen Heiligen”. Nun erst war die Vorbedingung zu solch weiterführender Fürbitte erfüllt, die dann in Eph. 3, 14-19 bis auf den Gipfelpunkt aller nur möglichen Fürbitte geführt wird.

Den Geist des Herrn als die erste und grundlegende Geistesmitteilung schenkt der Herr dem, der hört und glaubt (Eph. 1, 13; Apg. 10, 44; vgl. die Reihenfolge in Jes. 11, 2!). Den Geist der Weisheit und der Offenbarung gibt Er hernach demjenigen, der glaubt und liebt (Eph. 1, 15-17; vgl. in Jes. 11 den “Geist der Weisheit und des Verstandes” als entsprechendes Stück!) Erst diese Geistesmitteilung befähigt dazu, das Wort Gottes auch in seinen Tiefen und Geheimnissen, d. h. nicht zuletzt: in seinen prophetischen Zusammenhängen, zu verstehen.

Warum hat es denn der Herr wohl so eingerichtet, daß nur der in der Gottes- und Bruderliebe Stehende Sein prophetisches Wort recht ergründen kann? — Darauf läßt sich vor allem eines antworten:

Weil alle Wirksamkeit des Heiligen Geistes in diesem Äon in erster Linie auf die Sammlung und Vollendung der Gemeinde des Leibes Christi ausgerichtet ist. Es geht um die Gesamtheit der Gemeinde, nicht um die Förderung einzelner Spezialisten! Daher schiebt Gott allem Spezialistentum auf einfache und höchst wirksame Art einen Riegel vor, indem Er sich nur denen immer mehr enthüllt, die da lieben, — die alle Seine Heiligen lieben.

Wenn das nicht so eingerichtet wäre, gäbe es noch mehr Einzelgänger, noch mehr Spezialisten-Ehrgeiz und Ehrgeiz eigener Namen und Kreise, noch mehr Ehrsucht und Streitsucht. Weil es aber so eingerichtet ist, muß alle wahre Enthüllung und Offenbarung Gottes der Gesamtgemeinde zugute kommen, während alle, die sich der Gesamtheit verschließen und nur die eigene Person oder den eigenen Kreis lieben, ärmer und ärmer werden. Je mehr Grenzpfähle und Zäune sie um sich her aufrichten, desto begrenzter wird auch ihr eigener Durchblick. Denn mit welcherlei Maß sie messen, wird ihnen wiedergemessen. Daher erklärt sich auch die erstaunliche Tatsache, daß jemand, der eine bestimmte Wahrheit beharrlich nicht sehen will, sie am Ende auch gar nicht mehr sehen kann. Gott hat auf seinen Eigenwillen mit geistlichem Licht-Entzug geantwortet.

Eine weitere Vorbedingung lautet:

3. Ich muß in der Demut stehen

Wie wir bereits sahen, hängt das mit dem vorhergehenden aufs engste zusammen. Wer nicht liebt, den bläht sein Wissen auf. Wer aber liebt, den treibt es in die Demut. Und wenn in Bezug auf alle und jede Gnadenmitteilung Gottes das Wort gilt, daß Er nur “dem Demütigen Gnade gibt” (1. Petr. 5, 5), so ganz besonders auch im Blick auf die Gnade, das prophetische Wort verstehen zu dürfen.

Dieser Zusammenhang wird uns im Danielbuch in Kap. 9 und 10 besonders deutlich gemacht. In Dan. 9 wird uns in den Versen 4-19 ein ergreifendes Bußgebet Daniels mitgeteilt, in dem er sich nicht nur unter seine eigene Schuld, sondern auch unter die seines Volkes stellt, und wobei er sich demütigt “in Fasten und Sacktuch und Asche” (V. 3). Diese Demut belohnt Gott in einer wunderbaren Weise, indem Er schon gleich zu Beginn dieses Bußgebets (”im Anfang deines Flehens”, V. 23) den Engel Gabriel zu ihm aussendet, der ihm die überaus wichtige und köstliche prophetische Botschaft der 70 Jahrwochen überbringen darf.

Im folgenden 10. Kapitel begegnet uns derselbe Zusammenhang zwischen bußfertiger Demut und Enthüllung prophetischer Wahrheiten noch einmal. Denn wie uns in 10, 12 gesagt wird, ist die Ursache der Erscheinung des Engels, der dann die in Kap. 11 und 12 aufgezeichneten gewaltigen Offenbarungen übermitteln darf, seine Demut, zusammen mit seinem tiefen Herzensverlangen nach geistlichem Verständnis. Beachten wir diese Tatsache besonders: Daniels Demut ging Hand in Hand mit dem Verlangen nach tieferem Einblick und Durchblick in die prophetischen Zusammenhänge. Wahre Demut besteht also nicht in dem “bescheidenen” Verzicht auf biblische Erkenntnis, da man als “Gottes liebes Kind” ja Seine Pläne und Ziele nicht unbedingt zu wissen brauche, — wahre Demut kann und soll im Gegenteil vielmehr verbunden sein mit tiefem Herzensverlangen, die prophetischen Wahrheiten kennenzulernen. Solches Verlangen ist weder mit Neugier gleichzusetzen noch mit schwärmerischer Spekulation — sie ist für ein Gotteskind durchaus würdig und angemessen, echt, gesund und normal, ebenso normal wie das Verlangen des heranwachsenden Kindes nach festerer Speise.

Eine Demut auf dem Boden der Unwissenheit und falsch verstandenen “Bescheidenheit” ist eine allzu billige. Man besitzt ja nichts, dessen man sich überheben könnte! Wie lächerlich daher, sich einer solchen Demut noch zu “rühmen”! — Wo man aber in die Höhen und Herrlichkeiten der biblischen Prophetie hineinzuschauen sich berufen weiß, wo man sich auf Grund des Wortes als “Verwalter der Geheimnisse Gottes” (2. Kor 4, 1) und “Mitarbeiter Gottes” (1. Kor. 3, 9) und “Erbe Gottes” (Röm 8, 17) erkannt hat, ist allerdings eine tiefe und echte Demut des Herzens erforderlich, um sich nicht zu überheben, — die Demut Jesu, der sich selbst zum Diener aller machte, obwohl Er Gottes Sohn, der Baumeister der Welten und der Bevollmächtigte Seines Vaters war. Diese Demut, die allen Ruhm Gott allein zuschreibt und auf keinerlei eigene Kraft, Leistung, Tüchtigkeit oder Erkenntnis stolz ist, gilt es mitzubringen, wenn die Betrachtung biblischer Weissagung fruchtbar und gesegnet sein soll.

Eine weitere wesentliche Voraussetzung lautet:

4. Ich muß im Gehorsam stehen

Der Gehorsam des Gläubigen ist immer Gehorsam gegen das Wort, denn darin findet er die Richtlinien für sein Glauben, Hoffen und Handeln. Er soll wie bei dem Sohne Gottes so weit gehen, daß auch jeder Gedanke gefangengenommen ist unter den Gehorsam (2. Kor. 10, 5). Nur ein gehorsam gewordenes Denken vermag immer tiefer in Gottes Wort einzudringen, denn jeder Gehorsam führt zu weiterer Erfüllung mit dem Heiligen Geist, während jeder Ungehorsam einen Bann auf uns lädt (Apg. 5, 32; 1. Sam. 15, 23).

Zu diesem Gehorsam gegen das Wort gehört zuallererst:

a) Ich muß der Bibel wörtlich glauben

Für einen “Gläubigen” sollte das ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, die gar nicht mehr besonders betont zu werden brauchte. Die weithin verbreitete Auffassung jedoch, daß in der Bibel Gottes Wort lediglich “enthalten” sei, d. h. aber, daß die Bibel eine Mischung von Gottes- und Menschenwort sei, statt (in der Ursprache und Urfassung, die aber durch Vergleichen der Funde nahezu als völlig wiedergewonnen gelten darf) ausnahmslos von Gottes Geist eingegeben worden zu sein, macht hier einen besonderen Hinweis notwendig. Denn von der Beantwortung der Frage, wie ich mich zu jedem einzelnen Wort der Schrift zu stellen habe, hängt unendlich viel, wenn nicht alles ab hinsichtlich eines rechten Verständnisses des prophetischen Wortes. Ist in der Bibel Gottes Wort lediglich enthalten und im übrigen Menschenwort, so liegt es ganz im Belieben des einzelnen, hier die Grenze zwischen dem göttlichen und menschlichen Teil zu bestimmen. Damit aber ist einer willkürlichen und persönlichen Wünschen entsprechenden Ausdeutung Tür und Tor geöffnet, die unter dem Decknamen wissenschaftlicher Untersuchungen letzten Endes jedes Bibelwort seines Inhalts zu berauben weiß. Statt daß die Bibel uns kritisiert als der göttliche “Kritikos” (Hebr. 4, 12), kritisiert der Mensch Gott und Sein Wort. Das Ergebnis solcher “Untersuchungen” besteht dann darin, daß man einen Großteil der biblischen Bücher anderen als den angegebenen Verfassern zuschreibt, die Schreiber der heiligen Schriften des Irrtums bezichtigt oder gar sich zur Leugnung der übernatürlichen Geburt Jesu, Seiner Wunder, Auferstehung, Höllen und Himmelfahrt und Wiederkunft bereitfindet.

Wer an solchen Früchten den Baum erkennt, braucht sich gar nicht erst die sogar von gläubigen Theologen noch weithin befürwortete Mühe zu machen, sich mit jenen “hochwissenschaftlichen” Abhandlungen auseinanderzusetzen. Es ist tatsächlich verlorene Mühe. Die Frucht beweist zur Genüge, wes Geistes Kind man ist. Wo die alte Schlange ihr “Sollte Gott gesagt haben?” flüstert, gilt es nicht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sondern ihr einfach das Gehör zu verweigern.

Aber auch da, wo man vor den Abgründen eines Bultmann und seiner zahlreichen Schüler und Nachfolger noch zurückscheut, kann die Leugnung der wörtlichen Eingebung der Heiligen Schrift (was ja durchaus nicht “mechanische Eingebung” bedeutet!) schon schauerliche Knospen treiben. So konnte es der Schreiber dieser Zeilen nach einer in einem Christlichen Erholungsheim gehaltenen Bibelstunde über Hebr. 1 erleben, daß ein unter den Gästen anwesender Pfarrer in der anschließenden Aussprache seinen Ausführungen u. a. entgegenhielt, der Bibel sei es überhaupt einzig und allein nur darum zu tun, Menschen zum Heile zu führen; darüber hinaus kenne sie keinerlei Belehrung.

Dieser Fall, der ja die Haltung vieler widerspiegelt, zeigt deutlich, wie man sich als Gläubiger — und der persönliche Heilsglaube jenes Pfarrers soll durchaus nicht bestritten werden! — durch eine liberale Einstellung der Inspiration der Schrift, anders gesagt: durch Ungehorsam gegenüber dem Einzelwort der biblischen Offenbarung, nur selbst den Weg verbaut zu jeglichem Erfassen tieferer prophetischer Wahrheiten.

Halten wir fest, was die Schrift von sich selber sagt: “Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit” (2. Tim. 3, 16), ferner 2. Petrus 1, 21: “Die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen hervorgebracht, sondern heilige Menschen Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geiste.” (Vgl. auch Matth. 5, 17.18; Luk. 21, 33; 1. Kor. 2, 13; Ps. 12, 6 u.v.a.)

Daß die wörtliche Eingebung der Schrift natürlich nur im Grundtext vorhanden ist, sei nochmals betont. Die Kenntnis der Ursprachen ist daher für das rechte Verständnis der Prophetie von wesentlicher Bedeutung, für die Entscheidung von umstrittenen Lehrfragen gar eine unerläßliche Voraussetzung. Wem die Möglichkeit zur Erlernung der biblischen Sprachen fehlt, ist auch durch den Besitz mehrerer guter Übersetzungen schon weithin geholfen.

b) Ich muß der Bibel vorurteilsfrei glauben

Eines der größten Hindernisse für den Gehorsam gegen das Wort ist die Befangenheit in Vorurteilen. Ihre Verbreitung ist weit größer, als man auf den ersten Blick hin annehmen möchte, und meistens sind sie dem Gläubigen zunächst gar nicht als solche bewußt. Erst unter der Beleuchtung des Wortes Gottes erkennt er sie als solche. Die Vorstellungen von einer nie endenden Qual für alle Gottlosen, einem seligen “In-den-Himmel-Kommen” als Inbegriff aller Zukunftshoffnungen, dem Leibe Christi als der Braut Christi oder dem “geistlichen Israel” u.v.a. gehören zu diesen Vorurteilen, die sich innerhalb der sogenannten Christenheit größter Beliebtheit erfreuen. Weil sie von Jugend auf den “Christen” beigebracht und meist auch widerspruchslos hingenommen werden, scheint es manchmal unmöglich, Gläubiggewordene davon zu lösen und ihnen das Wesen äonischen Gerichts oder die wahre Zukunftshoffnung der Gemeinde, die ja unendlich mehr umfaßt als ein sattes und seliges “In-den-Himmel-Kommen”, oder die Wiederannahme des alttestamentlichen Bundesvolkes überzeugend darzulegen.

Wer jedoch in die wahren Zusammenhänge biblischer Prophetie eindringen möchte, muß schon bereit sein, alle, auch die liebstgewordenen herkömmlichen Anschauungen von der Schrift beurteilen und notfalls korrigieren zu lassen.

c) Ich muß Schrift durch Schrift erklären, nicht durch meinen Verstand wegerklären

Eine beliebte Methode, einer unbequemen biblischen Aussage aus dem Wege zu gehen, und die dabei ganz harmlos und berechtigt scheint, ist die des verstandesmäßigen Erklärens, besser: Weg-Erklärens. Wie oft hört oder liest man Sätze wie diese: “Aber das alles ist ja nur ein Bild”. — “Was konnten sich die Leser damals darunter vorstellen?” — “Was hat sich der Apostel beim Niederschreiben dessen wohl gedacht?” — Mit diesen und ähnlichen Argumenten verflüchtigt und verwässert man nur allzu oft klare biblische Aussagen.

Was nun die Bildersprache der Heiligen Schrift, besonders in ihren prophetischen Teilen, betrifft, so soll darauf später noch eingegangen werden, wenn wir von den Eigentümlichkeiten der biblischen Prophetie sprechen. Nur soviel sei hier schon gesagt: Was immer es sein mag um die bildhaften Wendungen der Schrift, — keinesfalls berechtigen sie uns, die Deutung dieser Stellen willkürlich nach dem Gutdünken unseres verfinsterten Verstandes und vielleicht noch unter Zuhilfenahme außerbiblischer Kommentare und Begriffe vorzunehmen. Wenn irgendwann und irgendwo der Grundsatz von Bedeutung ist, daß “Schrift durch Schrift zu erklären ist”, dann gerade bei unverständlichen, gleichnis- und bildhaften Ausdrücken. Alles sonstige Erklären ist mehr oder weniger ein Weg-Erklären, wodurch der eigentliche biblische Gehalt verflüchtigt und verwässert wird.

Nicht nur das Deuten bildhafter Ausdrücke, sondern auch das Anwenden derartiger Bilder muß immer wieder im Gehorsam gegen das Schriftganze und in Übereinstimmung mit diesem geschehen. Es geht nicht an, Begriffe wie “Leib” und “Braut” oder “Weib” willkürlich anzuwenden oder beliebig zu vertauschen, auch dann nicht, wenn man in ihnen “nur Bilder” zu sehen vermag. Im prophetischen Raum muß grundsätzlich alles an seinem Platz gelassen werden. Wo der Heilige Geist ein bestimmtes Symbol oder Bild nur in bestimmtem Zusammenhang gebraucht, sind wir gehalten, uns auch bei der Anwendung auf diesen Zusammenhang zu beschränken, zumindest dann, wenn es um prophetische Wahrheiten geht.

Auch was sich der Schreiber eines der biblischen Bücher oder Briefe oder dessen Briefempfänger seinerzeit wohl dachten, ist für die Auslegung völlig unerheblich. Lesen wir doch in 1. Petr. 1, 11, daß die Propheten selber über das ihnen vom Heiligen Geist Eingegebene längst nicht immer volles Licht besaßen, sondern danach forschen mußten! Wie kann da das “Denken” eines der heiligen Schreiber, noch viel weniger das der betreffenden Leser, letzte und erschöpfende Auskunft über eine biblische Aussage geben, zumal wir uns dieses “Denken” ja selbst erst “denken” müssen!

d) Ich muß bereit sein, mich zu einer erkannten Wahrheit zu bekennen

Auch dies ist ein wesentlicher Bestandteil des Gehorsams gegen das Wort. Wo er fehlt, kann sich der Herr genötigt sehen, weiteren Durchblick in Sein Wort zu verhindern oder gar den bereits geschenkten Durchblick im Laufe der Zeit wieder zu nehmen.

Keinesfalls soll hier befürwortet werden, jede erkannte Wahrheit in aller Öffentlichkeit sofort zu propagieren. Denn für Ungläubige ist das prophetische Wort schon gar nicht bestimmt (1. Kor. 14, 22), und auch nicht alle Gläubigen vertragen schon “feste Speise” (1. Kor. 3, 1-3). Überall dort aber, wo der biblisch rechte Ort zur Bezeugung einer erkannten prophetischen Wahrheit vorhanden ist, und immer dann, wenn der Herr mir Zeit und Gelegenheit dazu bietet, ich vielleicht sogar durch die Frage eines Bruders herausgefordert werde, darf ich etwas Erkanntes unter keinen Umständen verschweigen oder durch nichtssagende Wendungen umgehen. Sonst mache ich mich durch ein böswilliges Verschweigen genau so schuldig am Blut der Brüder, wie auf der anderen Seite auch ein böswilliges Reden wie Totschlag gewertet wird (Apg. 20, 26; Hes. 2, 18; Matth. 5, 21.22; 1. Joh. 3, 15).

Wieviel auf diesem Gebiet gesündigt wird, wird einst das Preisgericht Christi im Feuer erproben. Der Fälle sind mehr als genug, wo man klar erkannte Schriftwahrheiten aus falscher Rücksichtnahme (manche verstehen darunter “Liebe”), die aber in Wahrheit Angst bzw. ungehorsame Umgehung eines Auftrages ist, auf seinen Kreis oder seine “Vorgesetzten” verschweigt. Wir sollten aber die Wahrheit in Liebe festhalten, nicht in Liebe verschweigen, auch nicht, wenn schlimmstenfalls Ausschließung die Folge ist. Nur wer weder die Wahrheit aus falsch verstandener Liebe (”um des lieben Friedens willen”) verschweigt noch sie am falschen Platz, zur unrechten Zeit und in liebloser, bewußt Anstoß gebender Weise bezeugt, findet hier den richtigen Weg.

5. Ich muß Adresse, Zeit und Ort einer prophetischen Botschaft beachten

Bei jedem Brief, den uns ein Postbote überreicht, sehen wir uns für gewöhnlich Absender und Empfänger, Anrede und u. U. auch das Datum des Schreibens bzw. der Auflieferung genauestens an. Sollte ein Schreiben, das nicht an unsere Anschrift gerichtet ist, aber für uns Interessantes und Bedeutsames enthält, uns von einem Freund oder Bekannten, von Eltern oder Geschwistern zum Lesen in die Hand gegeben werden, so werden wir es stets in dem Bewußtsein aufnehmen, das Schriftstück eines anderen in Händen zu halten, in dem uns manches, zumindest die Anrede, zunächst nicht gilt, mögen wir auch an dem Geschriebenen innersten Anteil nehmen und daraus irgendwelche Schlüsse für uns persönlich ziehen.

Um so erstaunlicher ist es, daß solche Grundgesetze und Tatsachen des irdisch-menschlichen Briefverkehrs von vielen Gläubigen da, wo es sich um unseres Gottes heilige Briefe und Schriften handelt, einfach mit einer oft staunenswerten Selbstverständlichkeit außer Acht gelassen werden. Man hat sich in Jahrhunderten einer überwiegend erbaulichen, das prophetische Wort und seine Voraussetzungen großenteils mißachtenden Schriftbetrachtung zu sehr daran gewöhnt, alle Schriftworte unbesehen auf sich zu beziehen, als daß es einem leicht werden könnte, nun wieder umzulernen, da gegen das Ende unseres Zeitalters hin das prophetische Wort immer lauter und gebieterischer, nicht zuletzt in der Sprache der weltgeschichtlichen Ereignisse, nach gebührender Beachtung ruft.

Nun liegt ja zweifellos in der erbaulichen Anwendung und dem Aufsichbeziehen aller Schriftworte, auch der alttestamentlichen und gar nicht an uns Heidenchristen adressierten, eine gewisse Berechtigung. Sagt uns doch ein Selbstzeugnis der Schrift aus 2. Tim. 3, 16, daß “alle Schrift von Gott eingegeben und nütze ist zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung (wörtl. Wiederaufrichtung), zur Unterweisung in der Gerechtigkeit”, und wird uns doch z. B. in 1. Kor. 10, 6.10 im Blick auf Israel einstigen Wüstenzug bezeugt, diese Dinge seien als Vorbilder für uns geschehen, wie uns auch der Herr in Matth. 4, 4 versichert, daß “der Mensch lebt von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.” — Das Übel liegt nur darin, daß man nicht unterscheiden kann oder will zwischen erbaulicher Anwendung einerseits und exakter prophetischer Deutung andererseits.

In erbaulicher Hinsicht hat uns alle Schrift etwas zu sagen, denn auch alle Wege und Führungen Gottes mit anderen bzw. Prophezeiungen über andere dürfen mir eine Enthüllung des Wesens und der Gerichts- und Rettungsmethoden des Gottes sein, der ja auch mein Gott ist, und dessen Erziehungswege, dessen Wille und dessen Wesen mich daher höchst interessieren, — auch da interessieren, wo sie sich an anderen Geschöpfen oder Heilskörperschaften offenbaren.

So oft ich mich daher in einer ähnlichen inneren Verfassung befinde wie ein lobpreisender Psalmist, ein klagender Jeremia, ein geschlagener Hiob, ein murrendes oder bußfertiges Israel — immer darf ich aus der Anrede Gottes an jene Trost, Ermahnung und Zuspruch auch für meine Lage schöpfen in dem Wissen: Es ist derselbe Gott gestern, heute und in die Äonen hinein, der sich damals jenen und heute mir offenbart. Und insofern gilt auch mir jedes an jene gerichtete Gotteswort des Trostes oder der Ermahnung.

Niemals aber darf aus diesem Anwenden ein blindes Vertauschen der Adressen werden, ohne jede Unterscheidung der Zeitalter, Haushaltungen oder Heilsgruppen! Am allerwenigsten dann, wenn das prophetische Wort erforscht werden soll. Denn hierbei ist oberstes Gesetz, einem jeden das Seine zu lassen: das den Juden gegebene den Juden, das den Nationenmassen Angedrohte oder Verheißene den Nationen, das der Gemeinde Geschenkte der Gemeinde! Wer dieses Gesetz mißachtet, teilt das Wort nicht recht, “schneidet es nicht in gerader Richtung” (2. Tim. 2, 15), sondern kreuz und quer nach seinem Gutdünken.

Neben der Anschrift gilt es auch Zeit und Ort zu beachten. Denn nicht jede göttliche Aussage hat für alle Zeiten und Zeitalter Gültigkeit, und manche ist räumlich begrenzt. Da gilt es zu erkennen, daß die Schrift unter “Israel” tatsächlich “Israel” und unter “Jerusalem” tatsächlich “Jerusalem” und unter dem “Ende der Tage” wirklich das “Ende der Tage” versteht!

Es ließen sich wohl Bände füllen, wenn Sachkundige die ganze Fülle der Verirrungen zusammenstellen wollten, die auf Grund der Nichtbeachtung von Adresse, Zeit und Ort in Lehre und Praxis im Laufe der Geschichte der Kirchen und Freikirchen, Gemeinschaften und “Sekten” vorgekommen sind. Nur weniges sei hier kurz angeführt:

Die einfachste Adressenunterscheidung, die mit Prophetie zunächst noch gar nichts zu tun hat, ist die zwischen den für Gläubige und für Ungläubige bestimmten bzw. in erster Linie gemünzten Worten. Daß selbst hier grobe Verstöße gar nicht selten sind, wurde dem Schreiber dieses Artikels in besonderer Deutlichkeit auf einer Trauung zweier ihm nahestehender, leider noch nicht gläubiger junger Menschen vor Augen geführt. Sei es nun, daß der betreffende Pfarrer vorher versucht hat, sich ein Bild von dem Innenleben und Glaubensleben der beiden zu machen, sei es, daß er auch das versäumt hat, — auf jeden Fall legte er der Traurede ein Wort zugrunde, das zu den weitestgehenden Ermahnungen gehört, die der Apostel Paulus jemals den Gläubigen in Christo gegeben hat. Es ist das Wort aus Kol. 3, 17: “Und alles, was immer ihr tut, im Wort oder im Werk, alles tut im Namen des Herrn Jesus, danksagend Gott, dem Vater, durch ihn.” Zu der völlig falschen Adressierung dieses Wortes, das man doch nur solchen mit auf den Weg geben kann, die in Christo eine neue Kreatur geworden sind — wie wollen sie sonst etwas im “Namen des Herrn Jesus” tun können? — paßte dann recht gut die verflachende und verwässernde Auslegung, die sich in den Bahnen bewegte, daß man eben “alles tun solle in dem Gedanken daran, daß man ein Christ sei.” Die höchst würdevolle und herrliche Bezeichnung “im Namen des Herrn Jesus” wird herabgewürdigt zu dem äußerst dehnbaren und durch falschen Gebrauch höchst fragwürdig gewordenen Begriff “als Christ”. — So folgt auf falsche Adressierung oft genug auch noch eine Verdrehung oder Verflachung eines Schriftwortes, das dann eben der neuen Anschrift entsprechend “passend gemacht” werden muß!

Weitere Beispiele, nun aus dem prophetischen Raum:

Wie deutlich und ausführlich ist doch in Offb. 7, 4-8 die Anschrift der 144.000 mitgeteilt worden! Trotzdem gab und gibt es immer wieder Gruppen und Richtungen, die sich — und sich allein! — für diese 144.000 halten zu müssen meinen, obwohl sie aus den Nationen hervorgehen und vielleicht die Mitgliederzahl von 144.000 längst überschritten haben!

Ein besonders schwerwiegender Irrtum ist ferner die seit Jahrhunderten besonders im theologischen Raum weithin geübte Praxis der “Vergeistigung” der alttestamentlichen Verheißungen an Gottes auserwähltes Volk, d. h. ihre Anwendung auf die Gemeinde als auf das “geistliche Israel.” Die dadurch entstandene Verwirrung ist eine doppelte: Man schiebt erstens der Gemeinde Verheißungen zu, die ihr gar nicht zukommen, und muß zweitens die Erfüllung all dieser Verheißungen an einem zukünftigen wiederhergestellten und erneuerten Israel leugnen. Eine gesunde prophetische Erkenntnis leidet durch ein solches Verfahren schwerste Not.

Prophetische Adressen- und Zeitfälschungen gab es auch schon in den Tagen der Apostel. Was bewog denn jüdische Eiferer, der sich gerade im Anfangsstadium befindlichen Nationengemeinde schleunigst das jüdische Gesetz auferlegen zu wollen, wenn nicht der Blick auf die Verheißungen von Jes. 2, 2-4; Sach. 8, 20-23 u.a.? Man übersah nur, daß alle diese Verheißungen gebunden sind an ein im ganzen bekehrtes und erneuertes Israel, in dessen Mitte Jehova als König herrscht, und es sich daher damals um ein ganz andersartiges, direktes Handeln Gottes an den Nationen handeln mußte.

Auch das Knäblein von Offb. 12 hat sich schon alle möglichen Deutungen gefallen lassen müssen. Immer wieder meinten Ausleger, darin den Herrn und in dem Weibe Seine irdische Mutter Maria erblicken zu müssen. Ein einziger Blick auf die beigefügte Zeitangabe, daß dieses Weib nach der Entrückung des Knaben in die Wüste flieht, um dort 1260 Tage ernährt zu werden, hätte doch schon genügen müssen, um diesen Vorgang als einen endgeschichtlichen, in die 70. Daniel’sche Jahrwoche gehörigen erkennen zu lassen (Offb. 12, 1-6.13-17).

Niemals hätte auch die mittelalterliche Kirche sich als Herrscherin mit Pracht und Macht “schmücken” können, wenn sie nicht dem verhängnisvollen Irrtum aufgesessen wäre, ihr Zeitalter sei das der 1000-jährigen Herrschaft Christi, der in ihrer Mitte auf Erden herrsche. Auch hier war mangelndes Achthaben auf biblische Adressen-, Zeit- und Ortsangaben die Ursache weitreichendster Fehlentwicklungen.

Möchte der Herr auch in diesem Punkte Seiner Gemeinde ein gehorsames Beachten jedes Seiner Worte schenken können und ein Unterscheidungsvermögen für erlaubte erbauliche Anwendung und unerlaubte Adressenfälschung!

6. Ich muß die Eigentümlichkeiten des biblischen Weissagungswortes beachten

Der prophetische Bezirk ist ein eigener Bereich im biblischen Raum, wie auch die prophetische Gabe eine besondere Gabe und der Dienst des Propheten ein besonderer Dienst unter den anderen ist (1. Kor. 12, 10; Eph. 4, 11). Dementsprechend ist auch die prophetische Rede- und Darstellungsweise eine eigenartige und besondere.

Als erstes eigentümliches Merkmal sei die Bildersprache der Propheten genannt. Sie findet sich am häufigsten in der alttestamentlichen Prophetie und der Offenbarung, am wenigsten in der Gemeindeprophetie, was wiederum damit zusammenhängt, daß in der Gemeinde der Glaube vorherrscht, der nicht sieht und doch glaubt (Joh. 20, 29). Die Gemeinde wird durchs Wort gezeugt, durchs Wort genährt und durch ein Wort und weitere hörbare Zeichen einmal aus dieser Welt genommen (Eph. 1, 13; 1. Petr. 1, 23; 1. Kor. 3, 2; 1. Thess. 4, 16). Und als ihr Apostel Paulus einmal ins Paradies entrückt wurde, hörte er unaussprechliche Worte (2. Kor. 12, 4), während Johannes und die alttestamentlichen Propheten immer das Sehen betonen (Offb. 1, 12.19; 4, 1; 5, 1; 6, 1 usw.; Dan. 2, 31; 7, 1; 8, 3; Hes. 1, 1.4; 8, 2; 37, 1.2; Amos 7, 1.4.7; Sach. 1, 8.18; 2, 1 u.v.a.). Um diesen Unterschied festzustellen, vergleiche man auch etwa die beiden Darstellungen der antichristlichen Zeit in 2. Thess. 2, 2-12 und Offb. 13 miteinander.

Alle prophetische Bildersprache geht auf ein Schauen zurück. Der Prophet sieht das Wort, das er reden soll (Jer. 38, 21); deshalb teilt er es auch in der Sprache von Gesichten und Schauen, also bildhaft mit. — Solche Bilder sind also mehr als nur Gleichnisse, Abschattungen und Symbole: Sie bezeichnen Wirklichkeiten aus dem geistlich-unsichtbaren Raum.

Daß z. B. Gott “Licht” ist, daß die Gemeinde Christi “Leib” ist, daß der Feind ein brüllender “Löwe” ist, daß der Herr am Kreuz lt. Psalm 22 von “Büffeln, Stieren und einem Löwen” umgeben war, daß Satan einmal mit einer “Kette” gebunden werden wird, dieses alles und viele ähnliche Bilder bezeichnen lauter Wirklichkeiten der Geistes- und Geisterwelt. Sollte man daher nicht lieber alles irdische Licht, alle irdischen Leiber, Löwen, Ketten usw. als schwache Abbilder und materielle Nachbildungen ansehen, und jene als die wahren Realitäten, als umgekehrt? Hier ist dem Feind bis in gläubige Kreise hinein — ja gerade dort am erschütterndsten — ein verhängnisvolles Täuschungsmanöver gelungen. Es ist ihm gelungen, weithin den Blick für die Tatsache zu trüben, daß das Originale, Wesenhafte und wahrhaft Wirkliche stets in der göttlichen, geistlichen und unsichtbaren Sphäre zu suchen ist, während das Irdisch-Zeitlich-Materielle nur das Abgebildete, ein Schatten ist.

Es ist daher ein verhängnisvolles Unterfangen, die biblischen Bilder, d. h. Bild-Wirklichkeiten, nach dem Gutdünken unseres menschlichen Verstandes anzuwenden, beliebig zu vertauschen oder auszulegen. Der einzig zuständige Kommentar, in dem wir alles zum Verständnis Notwendige erklärt finden, ist und bleibt die Schrift selbst. In diesem Kommentar finden wir auch alle prophetischen Schaubilder so weit erklärt, daß sich der einfältige Glaube daran orientieren, aber der Neugierige und Ungeistliche sich darin nie zurechtfinden kann.

In diesem Kommentar Gottes finden wir ausdrücklich hinzugefügt, wenn etwas nur gleichnishaft anzusehen oder nach Menschenweise oder Gutdünken geredet ist, so daß unser menschlicher Verstand darüber nicht mehr zu entscheiden braucht. Man vergleiche etwa 1. Kor. 7, 8.10.12; Gal. 3, 15; 2. Kor. 11, 17.21; Matth. 13, 3; 21, 33 u.a.; ferner Offb. 9, 2.3.7-10; 17, 12, wo die Gleichnishaftigkeit der gebrauchten Bilder durch das Wörtlein “wie” hervorgehoben wird. — Wo aber solche oder ähnliche Hinweise fehlen, sollten wir uns gehorsam vor der Tatsache beugen, daß wir vor Wirklichkeiten stehen und sie auch so anzusehen haben, auch wo sie unsere gewohnte irdisch-stoffliche Vorstellungswelt überragen.

Eine weitere Eigentümlichkeit sehen wir in der mehrfachen Erfüllung wohl der meisten prophetischen Aussagen des Wortes Gottes, d. h. in der bemerkenswerten Tatsache, daß der eigentlichen Vollerfüllung oder Enderfüllung häufig vorlaufende Erfüllungen vorangehen. So hat z. B. der eigentliche Antichrist eine Vielzahl von Vorläufern, die alle mehr oder weniger deutlich sein Gepräge tragen, angefangen von einem gewaltigen Nimrod über Nebukadnezar, Antiochus Epiphanes, Nero, Napoleon bis hin zu Hitler und Stalin. Doch auch unter den “Kleinen” dieser Erde fanden und finden sich seine Vorläufer, die es schon in den Tagen des Apostels Johannes gab (1. Joh. 2, 18.22). So sehr nun auch derartige Vorläufer die Züge des Antichristen an sich tragen mögen, so sind sie alle eben doch nur Vor- bzw. Teilerfüllung und noch nicht End- oder Vollerfüllung der Prophetie über den endzeitlichen Widerchristen.

Ähnlich steht es mit den Gerichten der Siegel, Posaunen und Zornschalen. So sehr ihnen auch die einstigen Gerichte Gottes an dem verstockten Pharao von Ägypten wie auch die hinter uns liegenden Gerichte zweier Weltkriege mit ihren Begleiterscheinungen ähneln mögen, so steht doch die eigentliche Vollerfüllung dieser Weissagungen bis zur Stunde noch aus, um im Verlauf der 70. Daniel’schen Jahrwoche endlich furchtbare Wirklichkeit zu werden.

Mit dieser Eigentümlichkeit der mehrfachen Erfüllung biblischer Weissagungen hängt es auch zusammen, daß eine prophetische Schau oftmals die Züge zweier verschiedener Persönlichkeiten in einem Bilde zusammenfaßt, so daß die eine für die andere durchscheinend oder “transparent” wird. Wir denken z. B. an die gewaltigen Bilder von Jes. 14, 3-20 und Hes. 28, 1-19, die uns beide den Fall Satans von seiner einstigen Höhe herab beschreiben, zugleich aber in beiden Fällen von einem menschlichen König reden, in Jes. 14 von dem König von Babel, in Hes. 28 von dem Fürsten von Tyrus. Der erstere wird nun zugleich als “Glanzstern, Sohn der Morgenröte” angesprochen (Jes. 14, 12), der letztere zugleich als “schirmender, gesalbter Cherub” (Hes. 28, 14). Eine Auslegung, die darin jeweils nur eine Persönlichkeit sehen zu dürfen glaubt, kann diesen Bezeichnungen keinesfalls gerecht werden. Denn von ein und derselben Person kann nun einmal nicht gesagt werden: “Da du doch ein Mensch bist” (Hes. 28, 2.9) und: “Du warst ein schirmender, gesalbter Cherub.” Entweder muß man eines von beiden als Ungenauigkeit oder Übertreibung deuten, oder aber — und das ist der einzige der Schrift gerecht werdende Weg — man erkennt die hier vorliegende Verflochtenheit zweier (sich in den Grundzügen gleichender und entsprechender) Persönlichkeiten in einer einzigen Schau.

Ähnliches liegt z. B. in Dan. 11, 21-45 vor, wo der König Antiochus Epiphanes mit dem endzeitlichen Antichristus in einem Bilde zusammengefaßt ist, wie vor allem auch in einer Vielzahl von Psalmen, wo hinter dem Leiden oder der Freude und Ehre des Psalmisten plötzlich Christus durchscheint.

Nicht unerwähnt bleiben darf schließlich das in der biblischen Prophetie obwaltende Gesetz der Perspektive, d. h. die Tatsache, daß weit Zurückliegendes oder Vorausgeschautes stark verkürzt gesehen wird. Welch riesige Zeiträume mögen z. B. im 1. und 2. Vers unserer Bibel — und zwischen ihnen! — enthalten sein! Aber auch bei der Zukunftsprophetie zeigt sich dasselbe in vielen Zusammenhängen. Ein Musterbeispiel dafür ist ja Jes. 61, 1 u. 2, wo “das Jahr der Annehmung Jehovas” und der “Tag der Rache unseres Gottes” wie auch die Zeit der “Tröstung aller Trauernden” in einem einzigen Satz zusammengefaßt sind, obwohl diese drei Ereignisse durch zwei gewaltige Zeitperioden voneinander getrennt sind (vgl. Luk. 4, 17-21, ferner 2. Kor. 6, 2 mit Luk. 21, 22 u. Offb. 21, 4!).

Erst beim weiteren Fortschreiten der biblischen Prophetie — in der wir ja durchaus eine Entwicklung beobachten können — werden diese “Gräben” oder “Täler” im “Gebirge” der Weissagung nach und nach offenbar. Besonders das “Tal” der augenblicklichen verborgenen Gemeindehaushaltung war überhaupt niemals Gegenstand früherer Weissagung; es wurde erst dem Nationenapostel geoffenbart, als es auch bereits in Erscheinung getreten war (Eph. 3, 1-6). Aus begreiflichen Gründen war es von Gott während der ganzen Zeit der Vorrangstellung Israels geheimgehalten worden, denn wie hätte der Sohn dem alttestamentlichen Bundesvolk jemals in glaubhafter Weise das herannahende Königreich anbieten können (Matth. 4, 17; 10, 7), wenn dieses aus dem prophetischen Wort mit Leichtigkeit hätte ersehen können, daß erst noch eine ganz andersartige Haushaltung im Heilsplan Gottes anbrechen müßte? Erst als dieses Volk der einstigen Verwerfung des Vaters (1. Sam. 8, 5-7) auch die des Sohnes und des Heiligen Geistes hinzufügte und so das Maß seiner Sünden voll machte (Luk. 19, 14; Matth. 27, 20-23; Apg. 7, 51), wurde “die Königsherrschaft Gottes von Israel weggenommen und einem Volke (hier nicht eine bestimmte Nation, sondern die Auswahlgemeinde, vgl. 1. Petr. 2, 9) gegeben, das seine Früchte bringt” (Matth. 21, 43; vgl. Apg. 13, 46). Seither ist die Gemeinde, die da ist der Leib Christi (Röm. 12, 5; 1. Kor. 10, 16.17; 12, 13; 12, 27; Eph. 1, 23.24; 4, 4; 5, 23; Kol. 1, 18; 3, 15) als die Summe aller wiedergeborenen Gotteskinder zugleich auch der Ort der (unsichtbaren) Königsherrschaft Gottes und Christi (Kol. 1, 13; 4, 11; 1. Thess. 2, 12; Eph. 5, 5), bis diese in der Endzeit auch wieder auf Israel übergreifen wird (Röm. 11, 25.26; Offb. 7, 1-8; 12, 1-6), um dann im folgenden 1000-jährigen Reiche Christi eine sichtbare Ausprägung zu finden. Erst nach Ablauf dieser 1000 Jahre und der Abhaltung des Weltgerichts kommt dann auf der neuen Erde die Zeit der “Tröstung aller Trauernden” (Offb. 21, 4).

Eine ähnliche Zusammendrängung entfernt liegender Ereignisse wie in Jes. 61 finden wir in Kap. 10, 1-10 desselben Propheten, wo das erste Kommen des Messias, Sein zweites Kommen zum Gericht und Seine Herrschaft ohne jeden Hinweis auf eine lange zeitliche Unterbrechung aneinander gereiht sind. Solche perspektivischen Verkürzungen und Zusammendrängungen sind besonders in der alttestamentlichen Prophetie keine Seltenheit. Und wir halten es für durchaus möglich, daß wir bei der Erfüllung der Prophetie vom 1000-jährigen Reich, vom Weltgericht und von der neuen Schöpfung noch manches unvermutete “Tal” werden durchschreiten müssen, bevor der Gipfelpunkt von 1. Kor. 15, 28 erreicht sein wird! —

Wir versuchten, die wesentlichsten Voraussetzungen zu einem fruchtbaren Forschen in der biblischen Prophetie zusammenzustellen. Sie bestehen in erster Linie in unserer persönlichen Einstellung und Haltung in Glauben, Liebe, Demut und Gehorsam. Erst in zweiter Linie kommen dann sachliche Voraussetzungen, die sich aber jedem gläubig liebenden und demütig gehorchenden Schriftforscher wohl nach und nach von selbst ergeben würden.

Der Gott der Geister der Propheten schenke uns allen zu einem rechten Verständnis Seines prophetischen Wortes den “Geist der Weisheit und der Offenbarung” und wirke auch in dieser Hinsicht in uns alles, was wohlgefällig ist vor Ihm (Hebr. 13, 21)! — Uns aber mache Er bereit, Ihn wirken zu lassen nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1 & 2/1955; Paulus-Verlag, Heilbronn)

Bisher gibt es 2 Kommentare zu “Voraussetzungen zum rechten Verständnis der biblischen Prophetie”

  1. 1 Schandor (Samstag, 21. Mai 2011; 07:48): 

    “Der Gott der Geister der Propheten schenke uns allen zu einem rechten Verständnis Seines prophetischen Wortes”

    Das kann er gar nicht, und zwar schon allein deshalb nicht, weil Ihre Eschatologie sich von vornherein dagegen wehrt, indem sie Axiome aufstellt, die nicht aus der Bibel kommen, sondern aus Voraussetzungen entstehen, die sich nicht etwa aufgrund biblischen Studiums gebildet haben, sondern aufgrund einer Entscheidung, die durch Tradition entsteht. Wer anders lehrt, sei anathema — so wird der Heilige Geist niemals zur rechten Erkenntnis führen, da seien Sie getrost gewiss.

  2. 2 Krafzik. J. (Dienstag, 31. Mai 2011; 04:11): 

    @Schandor: Sie führen sich mit Ihrem Kommentar selber ad absurdum. Schade nur, dass Sie das nicht merken.

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