Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Klammern aus Erz und Klammern aus Gold

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Biblische Symbolik  |  1,021 x gelesen

Wem die ganze heilige Schrift Gottesoffenbarung ist, der findet im Wort des Lebens immer neue verborgene Schätze, von denen die Klugheit dieser Welt nichts weiß noch wissen kann. Freilich wird jede Gotteserkenntnis, je tiefer und wesenhafter sie die ewigen Realitäten erfaßt, für Torheit gehalten werden. Das trübe Licht menschlicher Vernunft kann nicht anders urteilen. —

Wer sich einmal betend mit dem Bau der Stiftshütte beschäftigt hat, dem ist ohne Zweifel eine Fülle köstlicher Gotteswahrheiten lebendig geworden. Weil sich Schrift nur durch Schrift erklären läßt, so gilt es darauf zu achten, wie etwa der Hebräerbrief die Dinge, die das Gesetz betreffen, auslegt und auf Christus deutet. Mag auch die irdische Gelehrsamkeit darüber lächeln, — für den lebendigen, geistgezeugten Glauben ist das Wort eine unerhörte Licht-, Kraft- und Freudenquelle, wie es etwa der 119. Psalm darstellt. Wer von Christus zutiefst ergriffen ist, lebt von jedem Worte, das durch den Mund Gottes geht, und fürchtet sich in heiliger Scheu, etwas ihm noch Unverständliches zu belächeln oder gar zu verwerfen. —

Was der eherne Opferaltar und das eherne Reinigungsbecken im Vorhof, der goldene Rauchaltar, der Schaubrottisch und der siebenarmige Leuchter im Heiligtum und schließlich die goldüberzogene Bundeslade im Allerheiligsten vorschatten, darüber werden sich wohl alle Bibelchristen einig sein.

Haben aber auch die Dinge, die uns als nebensächlich und bedeutungslos erscheinen, einen tieferen Sinn, den man nicht zuerst hineingeheimnissen muß, sondern der wirklich besteht? Wenn Gottes Wort bis zum letzten Jota ernst zu nehmen ist und nicht, wie man in Groß- und Freikirchen immer stärker zu glauben und zu lehren beginnt, ein Sammelsurium heidnischer Überlieferungen, irrtümlicher und zusammenhangloser aneinandergestellter Mythen (Märchen und Sagen) ist, dann hat eben alles seine tiefe Bedeutung, auch wenn wir mit unserm verfinsterten Verstand bis jetzt nur wenig davon begreifen.

Wie einer liebenden Mutter an ihrem Kind, einem dankbaren Schüler an seinem verehrten Meister und Lehrer, einer glücklichen Braut an ihrem Bräutigam auch scheinbar nebensächliche und ganz bedeutungslose Dinge wichtig und köstlich sind, — tausendmal mehr gilt das für die wirklich Gläubigen hinsichtlich des Wortes Gottes. Darum wollen wir auf eine solche scheinbare Kleinigkeit hinweisen, die auch im Worte heiliger Schrift steht und über die die meisten wohl gedankenlos hinweglesen, wenn sie sie überhaupt noch lesen.

In 2. Mose 36, 18.13 steht geschrieben: “Er machte 50 Klammern von Erz, um das Zelt zusammenzufügen, so daß es ein Ganzes wurde … und er machte 50 Klammern von Gold, … so daß die Wohnung ein Ganzes wurde.”

Ist es denn wirklich so wichtig, daß es an der Stiftshütte zwei Arten von Klammern gab, solche aus Erz und solche aus Gold? Vielleicht hat das Gold nicht gereicht, und da nahm man halt Erz. Was ist denn da viel drüber zu sagen? So kann nur der freche Unglaube sprechen, der nie vor Gottes Wort gezittert hat, weder in Sündennot und Furcht noch dann in beseligter Freude des Heils.

Über den goldenen Brettern der Stiftshütte lag eine vierfache Schickt von Teppichen, die gewissermaßen das Dach bildete. Die oberste Decke bestand aus 11 Teppichen von Dachs- oder Seekuhfellen. Jeder dieser Teppiche war 30 Ellen lang und 4 Ellen breit. Die ganze Decke maß also 1320 Quadratellen und war der Sonnenglut und dem Wind und Wetter ausgesetzt. Jeder konnte sie sehen und schmähen, und die Vögel des Himmels (ein Sinnbild der Dämonen: Matth. 13, 4.19; Luk. 8, 11.12; Hiob 28, 20-22) konnten sie verunreinigen.

Die innerste Decke bestand nicht aus mehr oder weniger beschmutzten Seekuhfellen (woraus man damals die Fußbekleidung herstellte), sondern aus Byssus, strahlender, reiner Leinwand, mit rotem und blauem Purpur und Karmesin verziert, worin Cherubim eingewebt waren. Mit Ausnahme der Priesterschaft, den Vorbildern auf Christus, durfte kein geschöpfliches Auge, weder Mensch noch Tier, diese Decke sehen. Denn innerhalb dieser strahlend-weißen Decke war die eigentliche Wohnung Gottes. Sie bestand aus 10 Teppichen von je 28 Ellen Länge und vier Ellen Breite, maß also 1120 Quadratellen.

Ist das denn alles so wichtig? Wie kann man wegen solcher Nebensächlichkeiten soviel Aufhebens machen? Eine illustrierte Zeitung, ein Film oder ein Fußballkampf ist doch dramatischer und erregender als diese langweiligen Dinge! So urteilt der natürliche Mensch, ja, sogar der erweckte oder gar gläubige Mensch, dem das Wesen des Wortes Gottes noch nicht aufgeschlossen ist. Ihm ist die Bibel noch ein Buch mit sieben Siegeln; er weiß nichts davon, daß die Worte des Herrn “siebenfach geläutert” sind (Ps. 12, 6), Gottes Gesetz “Wunder” enthält (Ps. 119, 18), zwar nicht in der Wissenschaft der Welt, dafür aber “im Himmel feststeht” (Vers 89) und “große Beute” in sich birgt (Vers 162). —

Kehren wir zu den beiden Decken der Stiftshütte zurück! Wir sahen, daß die unansehnliche schwarz-graue oberste Decke aus Dachs- oder Seekuhfellen bestand. So ist Gottes Wort, ist der fleischgewordene Sohn Gottes, ist sein Heilsvolk Israel und ist die Gemeinde seines Leibes, von außen gesehen häßlich und verächtlich.

Wenn man aber in das Zelt hineingeht, so strahlt einem die fleckenlose, leuchtende Reinheit der weißen Leinwand entgegen, mit blauem und rotem Purpur, Karmesin und eingewebten Cherubim geschmückt. Es ist so ähnlich wie mit den großen, schönen Fenstern unsrer Dome: von außen erscheinen sie schwarz, häßlich und unansehnlich, von innen aber von oft wunderbarer Leuchtkraft. Purpur ist nach der Schrift die Farbe der Königsgewänder (Richter 8, 28; Matth. 27, 28), während Karmesin (Karmin) ein Hinweis auf das Blut der Opfertiere, zutiefst aber auf das Blut des Kreuzes ist. Hier sehen wir im prophetischen Vorbild den “König, welcher Blut und Leben dem Leben seiner Völker weiht.” Die eingewebten Cherubim sind in der Schrift die Repräsentanten der Schöpfung, wie aus vielen Zusammenhängen hervorgeht.

Wer in Christo ist, schaut die fleckenlose Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes und seiner Heiligen (Offbg. 19, 18!) und weiß um den Weg und das Ziel des Heils. Sind doch die Vertreter der Schöpfung bereits, wenn auch vorläufig erst im Schatten und Vorbild, im Heiligtum und Allerheiligsten. Auch an diesem Muster der Gottgedanken sieht der Glaube, daß unser Vater der Herrlichkeit einmal alles in allen sein will und sein wird. —

Vielleicht dürfen wir noch auf eine merkwürdige Zahl hinweisen, die uns öfter in der Schrift begegnet: die Zahl 200. Wir sahen, daß die äußere Decke 1320 Quadratellen, die innerste jedoch nur 1120 Quadratellen groß war. Wem dies nicht das Geringste zu sagen hat, da er meint, die Zahlen der Bibel seien nur zufällig und hätten keine tiefere Bedeutung, den wollen wir ganz gewiß nicht schelten oder gar schmähen.

Es gibt uns aber zu denken, daß der Unterschied gerade 200 beträgt. Diese Differenz rührt daher, daß die äußeren Felle die innere Herrlichkeitshülle überdecken. Die äußeren Felle sind gewissermaßen die Hüter, Wächter oder Beschützer der eigentlichen strahlend-reinen Gottesbehausung.

Man schelte nun auch uns nicht, wenn wir hier eine Parallele zu Israel, der Braut des Herrn, und den Wächtern und Hütern sehen, denen dafür 200 Silbersekel gegeben werden (Hohelied 8, 12; 5, 7). Oder erinnern wir uns an die 200 Granatäpfel und 200 Schilde (1. Könige 7, 20; 10, 16), die Salomo anfertigen ließ! Dieser Zahl 200 begegnen wir nicht weniger als 25-mal in der Schrift. Uns sind diese Dinge, wie alles in Gottes Wort, nicht nebensächlich und belanglos, wenn wir auch bekennen müssen, daß wir von der Fülle der in den heiligen, inspirierten Schriften verborgenen Wahrheiten und Herrlichkeiten nur sehr, sehr wenig wissen und kaum den Zipfel des Lichtgewandes unseres Vaters berührt haben. —

Damit das “Zelt” (bzw. die “Wohnung”: vergl. Vers 13b mit Vers 18!) “ein Ganzes werde”, war es nötig, daß die verschiedenen Decken zusammengeklammert wurden. Nun waren die Klammern der inneren, leuchtenden Byssushülle von Gold. Daraus wurde Gottes Wohnung. Die andern Decken hingegen, die nicht “die Wohnung”, sondern “das Zelt” bildeten, wurden durch eherne oder bronzene Klammern zusammengehalten.

Gold ist das Sinnbild des Glaubens oder der Treue Gottes (1. Petr. 1, 7). Darum ist Gold das Metall des Allerheiligsten, während Erz (Kupfer, Messing oder Bronze) das Symbol des Gerichtes ist, wie aus ungezählten Zusammenhängen der Schrift hervorgeht. Wir nennen nur etwa 2. Mo. 27, 1-8; 30, 17-21; 1. Kor. 13, 1; 4. Mose 21, 4-9; Offbg. 1, 15; 2, 18 u.a.m.

Das Zelt wurde zu einem Ganzen durch die Klammern aus Erz. Die Stiftshütte ist hinsichtlich Gottes seine “Wohnung”, im Blick auf Israel eine Stätte der “Zusammenkunft” und bezüglich der Welt ein nach außen gewandtes “Zelt des Zeugnisses”. Diese drei Bezeichnungen finden wir immer wieder, je nach dem Zusammenhang, in Gottes Wort.

Nun ist das Gold und Silber der Welt keineswegs wirkliches Edelmetall in tieferer, geistiger Bedeutung. Vielmehr rostet es (Jak. 5, 3), ist also bestenfalls Eisen und Blech, das vom Sauerstoff der Luft, den uns fortwährend beeinflussenden und die Schöpfung gerichtlich zersetzenden Mächten unter dem Himmel, zerfressen wird.

Die Welt aber hält zusammen durch Sympathie (seelisches Mitgefühl, gemeinschaftliches Leid, gleiche Leidenschaften). Darum sind die Klammern der äußeren Decken von Erz und nicht von Gold. Das Gold ist nur inwendig im Heiligtum und Allerheiligsten, der eigentlichen Wohnung Gottes. Aber außen ist Erz! Denn alles, was nicht in Gott ist, steht unter dem Gericht. Nur in Gott durch Christus Jesus sind wir völlig gerechtfertigt und rein, so rein, als hätten wir nie gesündigt.

Mehr als das! Wir sind nicht nur gerechtfertigt, sondern bilden geradezu “Gottes Gerechtigkeit”, wie der genaue Text von 2. Kor. 5, 21 sagt: “Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.”

Die goldenen Klammern, dieses “Band der Vollkommenheit” (Kol. 3, 14), vereinigen uns nicht nur eng mit Gott und pflanzen uns untrennbar in Christus, unser Haupt, — sie binden uns auch wesensmäßig zusammen als Glieder seines Körpers, wie 1. Kor. 12, 12.13 lehrt: “Gleichwie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich viele, ein Leib sind: also auch der Christus. Denn auch in einem Geiste sind wir alle zu einem Leibe getauft worden, es seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie.”

In dieser Welt der Feindschaft und der Finsternis, der Zerrissenheit und des Zerfalls, gibt es nur eine wirkliche Gemeinschaft und Einheit: die in Christo Jesu. Er allein ist der große Logos Gottes, d. h. der Zusammenfüger und Sinngeber alles Seins. Die goldenen Klammern der Gottesliebe und des Glaubensgehorsams der Heiligen bewirken, “daß die Wohnung ein Ganzes werde.”

Was hält und bindet, wurzelt und gründet dich und dein Leben: die ehernen Klammern des Gerichtes, die dich an die Welt und Sünde versklaven, oder die goldenen Klammern der Treue und des Glaubens, die dich mit unserm Vater in Christo Jesu und seinem wunderbaren, allgenugsamen Heil verknüpfen? Weißt du es? Weißt du es wirklich? Weißt du es auch ganz gewiß?

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1/1955; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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