Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Besitzende oder Besessene?

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Gemeinde, Glaubensleben & Wandel  |  683 x gelesen

Alles Irdische ist vergänglich; die schönste Blume verblüht, das herrlichste Bauwerk, das Menschenhände schufen, zerbröckelt und zerfällt einmal in Schutt und Asche, Menschen und Völker unterliegen dem Prozeß innerer und äußerer Verwesung und sinken ins Grab. Doch nicht nur das! Allem Geschaffenen wohnt das Prinzip des Bösen inne, haftet ein Fluch an. In den reinsten Kinderherzen ist die Wurzel zu allem Bösen, ist die Möglichkeit zu jedem Verbrechen vorhanden; auch der edelste Mensch steht unter dem Gesetz der Sünde.

Das gilt nicht nur von den intelligenten Geschöpfen; auch alles Geschaffene ist der Nichtigkeit und dem Verderben unterworfen, wie Rö. 8, 20.21 so eindringlich bezeugt. Die beiden hier gebrauchten griechischen Ausdrücke mataiotees und phthora bedeuten Torheit, Erfolglosigkeit, Zwecklosigkeit oder Lügenhaftigkeit und Verderben, Zerrüttung, Schändung, Untergang.

Wie ganz anders wäre unsere Einstellung zu den Schätzen und Gütern dieser Welt, wenn wir diese biblischen Zeugnisse wirklich glaubten! Paulus spricht 14-mal vom Reichtum:

Rö. 2, 4: Reichtum seiner Gütigkeit und Geduld;
Rö. 9, 23: Reichtum seiner Herrlichkeit;
Rö. 11, 12: Reichtum der Welt durch Israels Fall;
Rö. 11, 33: Reichtum der Weisheit und Erkenntnis;
2. Kor. 8, 2: Reichtum der Freigebigkeit;
Eph. 1, 7: Reichtum seiner Gnade;
Eph. 1, 18: Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes;
Eph. 2, 7: Reichtum seiner Gnade in Güte;
Eph. 3, 8: Unausforschlicher Reichtum des Christus;
Eph. 3, 16: Reichtum seiner Herrlichkeit in Stärke und Kraft;
Phil. 4, 19: Reichtum in Erfüllung aller Notdurft;
Kol. 1, 27: Reichtum der Herrlichkeit des Geheimnisses;
Kol. 2, 2: Reichtum der vollen Gewißheit;
1. Tim. 6, 17: Ungewißheit irdischen Reichtums.

Hier lesen wir 13-mal von göttlichen wesenhaften Schätzen, aber nur 1-mal (1. Tim. 6, 17) von den Gütern dieser Welt in warnendem Sinn. Das sollte uns doch zu denken geben! Wie ganz anders ist doch meistens die Einstellung der Frommen und erst recht die der christlichen Organisationen aller Prägung! Gott schenke uns hinsichtlich dieser “Wurzel aller Übel!” einen klaren Durchblick und ein heiliges Erwachen!

Kauf, Besitz und Gebrauch der Güter und Schätze dieser Welt sind durchaus keine Sünde. Es kommt nur darauf an, in welcher Gesinnung, mit welcher Zielsetzung wir den irdischen Reichtümern gegenüber stehen. Weil die Zeit in dieser Welt so schnell fortschreitet, sollen “die Kaufenden sein, als behielten sie es nicht, und die die Welt Nutzenden, als benutzten sie sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.” (1. Kor. 7, 30.31). Nur wer die köstliche Spannung erkennt und erlebt, die hinsichtlich irdischer Güter und Gaben in den Schlußworten von 2. Kor. 6, 4-10 so gewaltig uns zum Herzen redet, der wird ein wirklich gelöster, glückseliger Mensch sein. Dort lesen wir: “… als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und alles besitzend (gewinnend oder vollendend).”

Nur das, von dem wir uns zu trennen bereit sind, was wir ohne Murren mit Freuden loslassen und preisgeben können, werden wir einmal wirklich und wesenhaft besitzen. Das sagt der Herr in Joh. 10, 17.18: “Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, auf daß ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt es zu lassen, und habe Gewalt es wiederzunehmen. Dieses Gebot (eigentlich: Innenziel) habe ich von meinem Vater empfangen.”

Das gleiche schreibt Paulus an Philemon hinsichtlich seines Sklaven Onesimus, der durch die Sünde seiner Flucht von seinem Herrn auf den Weg des Heils geführt und ein Gottesmensch wurde. Verse 15 und 16 lauten: “Vielleicht ist er (Onesimus) deswegen für eine Zeit von dir getrennt gewesen, auf daß du ihn für immer besitzen mögest; nicht länger als einen Sklaven, sondern mehr als einen Sklaven, als einen geliebten Bruder, besonders für mich, wieviel mehr aber für dich, sowohl im Fleische als im Herrn.” Philemon verlor einen Sklaven und gewann nun einen geliebten Bruder und treuen Mitarbeiter. So wurde er ein wirklich Besitzender. Wären wir treuer und opferwilliger, so würden wir das in wunderbarer Weise auf vielen Gebieten unseres Lebens erfahren.

Die meisten Menschen, leider auch viele Gläubige, sind nicht Besitzende ihres Geldes und ihres Einflusses, ihres Wissens und Könnens, ihrer Arbeit und ihrer Pläne, sondern Besessene. Sie haben nicht ihren Besitz, sondern ihr Besitz hat sie! Sie fühlen und gefallen sich in ihrer Rolle als Reichgewordene, als Manager, als Herren. Daß sie dabei im Grunde ihres Herzens unglücklich sind und ihr betäubtes Gewissen dann und wann sich regt, so daß sie sich nach der Armut und Einfalt vergangener Zeiten zurücksehnen, ist eine andre Seite.

Wie ganz anders war Paulus, unser großer Bruder und Lehrer, eingestellt! Lesen wir nur das ergreifende Zeugnis von 2. Kor. 12, 14b.15: “Ich werde euch nicht zur Last fallen, denn ich suche nicht das Eure, sondern euch. Denn die Kinder sollen nicht für die Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern für die Kinder. Ich will aber sehr gerne alles verwenden und völlig verwendet werden für eure Seelen, wenn ich auch, je überschwenglicher ich euch liebe, um so weniger geliebt werde.” Wer von uns könnte das in Wahrheit auch sagen? Täuschen wir uns nicht: nach diesen Maßstäben werden wir einst gelobt oder nicht gelobt, belohnt oder nicht belohnt.

Paulus arbeitete mit eigener Hand, um ja niemand zur Last zu fallen. Wie herzandringend schildert er das z. B. in 1. Thess. 2, 5-9: “Niemals sind wir mit einschmeichelnder Rede umgegangen, wie ihr wisset, noch mit einem Vorwande für Habsucht, Gott ist Zeuge; noch suchten wir Ehre von Menschen, weder von euch, noch von anderen, wiewohl wir als Christi Apostel euch zur Last sein konnten; sondern wir sind in eurer Mitte zart gewesen, wie eine nährende Frau ihre eigenen Kinder pflegt. Also, da wir ein sehnliches Verlangen nach euch haben, gefiel es uns wohl, euch nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser eigenes Leben mitzuteilen, weil ihr uns lieb geworden waret. Denn ihr gedenket, Brüder, an unsere Mühe und Beschwerde: Nacht und Tag arbeitend, um niemand von euch beschwerlich zu fallen, haben wir euch das Evangelium Gottes gepredigt.”

Auf einen wichtigen inneren Zusammenhang von Verse 32-34 in Apg. 4 möchten wir aufmerksam machen. Er erscheint uns für die Gegenwart von ausschlaggebender Bedeutung. Die beiden Verse lauten: “Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, daß etwas von seiner Habe sein eigen wäre, sondern es war ihnen alles gemein. Und mit großer Kraft legten die Apostel das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ab; und große Gnade war auf ihnen allen. Denn es war auch keiner dürftig unter ihnen, denn so viele Besitzer von Äckern und Häusern waren, verkauften sie und brachten den Preis des Verkauften und legten ihn nieder zu den Füßen der Apostel.” Das uns meist überflüssig dünkende Wörtlein “und” (griech. kai) bedeutet oft eine unterordnende, nebenordnende oder gegensätzliche Verbindung von Sätzen oder Satzteilen, kann aber auch eine Erklärung oder Begründung, also einen Kausalnexus, d. h. einen inneren Zusammenhang ausdrücken.

Und das scheint uns in Apg. 4, 32-34 der Fall zu sein! Weshalb war das Zeugnis der Apostel, die doch ganz einfache “ungebildete” Männer waren, von solch großer Kraft und bewirkte so viel Gnade? Verse 32 und 34 erklären es uns! Die Urchristen waren in all ihrer Armut göttlich Besitzende und nicht mehr von ihren Gütern und Schätzen Besessene. Wir wissen sehr wohl, daß, kirchengeschichtlich gesehen, dieser urchristliche Kommunismus ein Fehlschlag war. Diese jerusalemitische judenchristliche Gemeinde verarmte so sehr, daß Paulus unter den Nationengemeinden für sie sammeln mußte. Auch sind alle Versuche, die seit zwei Jahrtausenden angestellt wurden, den urchristlichen Kommunismus wieder einzuführen, fehlgeschlagen. Denn das, was Apg. 4, 32-34 schildert, war ein Anbruch des messianischen Reiches, ein Vorwegnehmen dessen, was erst im Tausendjährigen Reich seine volle, segensreiche Auswirkung haben wird.

Aber die grundsätzliche Herzenseinstellung aller Gläubigen, der Glieder des Leibes Christi, sollte die gleiche sein. Habsucht, Machthunger und Besitzgier sollte es unter uns nicht geben. Es gehört zum Fluch dieser Erzsünde, daß sie von denen, die ihr verfallen sind, so sehr schwer oder gar nicht erkannt wird! Solche Ermahnungen, wie 1. Thess. 4, 10b-12 sind heute notwendiger denn je: “Wir ermuntern euch aber, Brüder, reichlicher zuzunehmen und euch zu beeifern, still zu sein und eure eigenen Geschäfte zu tun und mit euren eigenen Händen zu arbeiten, so wie wir euch geboten haben, auf daß ihr ehrbarlich wandelt gegen die, welche draußen sind, und niemandes bedürfet.”

Die Kirchengeschichte lehrt, daß es in den Reihen der Frommen immer solche gab und gibt, die durch Betteln und Ausbeutung anderer leben, und zwar meist gar nicht schlecht! Der Herr schenke uns die Gnade, gleich einem Paulus, der nicht einmal eine eigene Wohnung hatte, zu den Letzten, Schwachen und Verachteten und nicht, wie viele korinthische Christen, zu den Klugen, Starken und Herrlichen zu gehören (1. Kor. 4, 9-11)!

Die erste Bedingung, die einer erfüllen muß, wenn er als untadeliger Aufseher ein wirklicher “Verwalter Gottes” sein will, ist die, daß er nicht “eigenmächtig” ist (Titus 1, 7). Solche Eigenmächtige gab und gibt es immer. Sie können niemand neben sich oder gar über sich anerkennen. In jeder Beziehung und unter allen Umständen suchen sie ihren Vorteil und den höchstmöglichen Lustgewinn. Solche Menschen hatten sich auch in die judenchristlichen Gemeinden eingeschlichen und trieben als falsche Propheten und falsche Lehrer ihr Unwesen. In 2. Petr. 2, 1-3.9.10 lesen wir darüber: “Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volke, wie auch unter euch falsche Lehrer sein werden, welche verderbliche Sekten nebeneinführen werden und den Gebieter verleugnen, der sie erkauft hat, und sich selbst schnelles Verderben zuziehen. Und viele werden ihren Ausschweifungen nachfolgen, um welcher willen der Weg der Wahrheit verlästert werden wird. Und durch Habsucht werden sie euch verhandeln mit erkünstelten Worten; welchen das Gericht von alters her nicht zögert, und ihr Verderben schlummert nicht … Der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erretten, die Ungerechten aber aufzubewahren auf den Tag des Gerichts, um bestraft zu werden; besonders aber die, welche in der Lust der Befleckung dem Fleische nachwandeln und die Herrschaft verachten, Verwegene, Eigenmächtige; sie zittern nicht, Herrlichkeiten zu lästern.” Diese Macht, Einfluß und Güter Besitzenden waren in Wahrheit nichts anderes als Besessene.

Möchten wir uns von allem lösen lassen, was Gott nicht gefällt, was unserem ungebrochenen Eigenwillen und Begehren entspringt! Möchten wir in Wahrheit Nachahmer Gottes und Christi werden! Wie weit sind wir davon entfernt! Wehe unserer verfluchten Klugheit, die tausend Entschuldigungen und plausible Gründe für unsere so gar nicht in den Linien des Apostels Paulus laufende Lebensführung hat! Und dabei berufen wir uns auf ihn und rühmen uns dessen, was Gott ihm anvertraut hat! Wir kennen vielleicht 1. Sam. 15, 23 auswendig. Haben wir es aber auch inwendig und “anwendig”? Dort sagt der Herr durch den Mund Samuels dem König Saul und uns und allen: “Widerspenstigkeit ist Sünde der Wahrsagerei, und Eigenwille ist Abgötterei und Götzendienst. Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, so hat er dich verworfen.”

Der Herr zeige uns in Gericht und Gnade, was bei dir und mir “eigenwilliger Gottesdienst” ist, der in Scheindemut sogar sein Leibesleben opfert, damit die fromm getarnte Ehrsucht und das religiöse Fleisch befriedigt werden (Kol. 2, 18)!

In Spr. 8, 21 verheißt der Herr denen, die ihn lieben, “beständiges Gut” (Vorhandenes, Wirkliches). Dieses sollen die Seinen, die ihn und nicht den Betrug irdischer Schätze lieben, erben, und damit sollen ihre Vorratskammern gefüllt werden. Ein Stück dieser bleibenden und wesenhaften Güter, die Gott den ihn Liebenden schenkt, ist die Krone des Lebens. Sie wird in Jak. 1, 12 genannt: “Glückselig der Mann, der die Versuchung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche er denen verheißen hat, die ihn lieben.” —

Entweder haben die Gaben und Güter, die Lüste und Leidenschaften dieser Erde Macht über uns, oder wir haben in der Kraft Gottes Macht über sie. Grundsätzlich wird das, wenn auch in unendlich vielen Abstufungen, immer so sein. Möchten wir niemals solche werden, die von Geiz und Neid, Augenlust und Fleischeslust Besessene sind, sondern laßt uns in Wahrheit Besitzende göttlicher Ewigkeitsschätze in Christo Jesu sein und immer mehr werden!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1/1955; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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