Vom göttlichen Gesetz der Rückbeziehung
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Lehre | 648 x gelesenIn den heiligen Schriften finden wir verborgene Gesetze, die uns mit Staunen und Anbetung füllen. Je beseligender göttliche Wahrheiten sind, um so weniger werden sie aber erkannt. Man kann und soll sie darum niemand aufzudrängen versuchen, der kein Organ dafür hat. Der HErr selbst wird durch den Heiligen Geist jedem das aufschließen und zueignen, was er zu erfassen vermag, wozu er, menschlich gesprochen, Eignung und Neigung hat.
Eines dieser wunderbaren Gesetze ist das der Rückbeziehung. Man kann es vielleicht auch so ausdrücken: All das, was Gott in Sich selbst ist, will und wird Er auch für uns und alle sein. Denn Er ist Liebe und will sich mitteilen und verströmen in alle Seine Wesen und Welten. Was Er je ins Dasein gerufen hat, soll Seiner Ihm innewohnenden Freuden und Seligkeiten im Vollumfang teilhaftig werden und endlos bleiben.
Das ist aber nur die eine Seite der göttlichen Wahrheit, von der hier die Rede sein soll.
Die andre Seite ist erstaunlich und wunderbar. Das, was Gott in Sich selbst für uns ist, bedeuten auch die Seinen für Ihn! Wer wirklich von Jesus Christus durch den Glauben an Seinen Tod und Seine Auferstehung Vergebung der Sünden empfangen hat, wesenhaftes Leben aus Gott besitzt, ein neuer Mensch wurde, oder wie man es nach den verschiedenartigen Zeugnissen der Schrift auch immer ausdrücken will, ist damit ein Gegenstand der Wonne und Freude des Vaters. Anders gesagt: Was Gott für Seine Geschöpfe ist, sind Seine Geschöpfe für Ihn, beide stehen im Verhältnis der Rückbeziehung zueinander.
Wir wollen diese köstliche Wahrheit an einer Reihe biblischer Aussagen darzustellen versuchen.
Beer-Lachai-Roi = der lebendige Brunnen des Schauens
In 1. Mose 16 lesen wir die menschlich ergreifende, prophetisch bedeutungsvolle Geschichte der Hagar. Im 13. und 14. Vers steht da geschrieben: “Du bist ein Gott des Schauens (d. h. der mich sieht oder auch: der sich sehen läßt), denn sie sprach: Habe ich nicht auch hier geschaut, nachdem Er sich hat schauen lassen? (Oder nach Dr. Th. Seelbach, Provinzial des Salesianerordens: Habe ich hier wirklich den geschaut, der nach mir geschaut hat?) Darum nannte man den Brunnen: Beer-Lachai-Roi. Siehe, er ist zwischen Kades und Bered.”
Dazu lesen wir 1. Mose 25, 11: “Es geschah nach dem Tode Abrahams, da segnete Gott Isaak, seinen Sohn; und Isaak wohnte bei dem Brunnen LachaiRoi.”
Gott schaut uns und läßt sich schauen
Wem etwas von den Wundern biblischer Namen aufgegangen ist (siehe das wertvolle Werk von Schumacher: Die Namen der Bibel, Paulus-Verlag!), der darf aus der Doppelbedeutung des Wortes Lachai-Roi eine kostbare Wahrheit lernen. Lachai-Roi heißt: des Schauens, d. h. Gott schaut nach mir und sieht mich an. Aber diese Aussage wird nicht nur aktiv gedeutet, sondern auch passiv! Der lebendige Gott blickt nicht nur auf uns und schaut und durchschaut uns, sondern Er läßt sich schauen, ja, Er verlangt danach, daß wir Ihn sehen. Er ist ein Gott, der uns sieht, aber auch sich sehen läßt, d. h. wünscht, daß wir Ihn sehen.
Die Tatsache, daß Gott uns immer sieht und völlig durchschaut bis in das uns Unbewußte unsres Seins und Wesens, ist etwas Niederschmetterndes. Wir können tun und lassen, was wir wollen, und alle möglichen Verstecke aufsuchen, — immer weiß Gott um das letzte, tiefste Verbergen unsrer Gedanken, Worte und Werke. Daß ein solcher Gott dem Menschen unbequem ist, können wir gut begreifen. Wir verstehen auch durchaus, daß er sich darum gern vom Feind einreden läßt, es gebe überhaupt keinen Gott. Wenn aber doch ein höheres Wesen existieren sollte, dann könne es sich unmöglich um jeden von uns kümmern. Zudem müßte das ja ein grausamer oder unfähiger Gott sein, da es soviel unverschuldetes Leid, soviel Jammer und Elend auf der armen, gequälten Erde gibt.
Wo ein Mensch aber der von Gott gegebenen Anordnung gehorcht, Ihn zu suchen und zu finden (Apg. 17, 27!), da darf er nicht nur den heiligen Richter und Rächer, sondern in Christo den liebenden Versöhner, Beglücker und Vollender sehen. Er darf Sein Angesicht sehen mit Frohlocken. “Freuen werden sich die Gerechten, sie werden frohlocken vor dem Angesicht Gottes und jubeln in Freude” (Ps. 68, 3 u.v.a.).
So verstehen wir auch, daß der gesegnete Isaak (auf deutsch: man lacht, der Lacher, das Lachen!) vorerst nichts tut, als bei dem Brunnen Lachai-Roi zu wohnen. Er selbst läßt sich von Gott durchschauen, richten, retten und reinigen und schaut hinter dem Ernst und der unerbittlichen Strenge des heiligen Gottes dessen Gnade, Güte und Barmherzigkeit. Nur so kommen auch wir aus den unheilschwangeren Verlockungen des Zeitlaufs und der verkrampften religiösen Betriebsamkeit, wie man sie leider so oft findet, zu wirklichen inneren Lösungen. Wagen wir es, gleich Isaak an dem Lebensbrunnen des Geschautwerdens und Schauens zu wohnen und zu verharren im Wort, im Gebet und in der Liebe zu allen Heiligen, dann werden auch wir, gelöst von Neid und Streit, von Herrschsucht und Eitelkeit, mit göttlicher, gelöster Freude solche “Lacher” werden wie Isaak.
Welch wunderbare Beziehung und Rückbeziehung: Gott schaut uns in Gericht und Gnaden an, und wir blicken auf Ihn in Beugung und Demütigung, dann aber auch voller Freude und Frohlocken! Wer das noch nicht erlebt hat, kann es auch nicht begreifen. Er wird, ja, er muß uns für Phantasten und Schwärmer halten, über deren Freudigkeit und Leuchtkraft er sich ärgert.
Reichtum, Kronen, Herrlichkeit
Gottes Wort redet weit häufiger und eingehender von Reichtum, Kronen und Herrlichkeit, die uns erwarten, als man glaubt. Natürlich ist diese Botschaft dem Feind zuwider, weil er ja selber trotz aller Scheinerfolge in einem Verarmungsprozeß steht und zuletzt alles verlieren wird. Wer die verschiedenen Satanologien (lehrhafte Darlegungen über Satan) der Schrift gründlich nachliest, wird das bestätigt finden. Der Feind ist ein freudloser Finsterling voller Gewalttat und Grausamkeit. Das finden wir an denen, die ihm verfallen sind, auf allen Lebensgebieten der Menschheit bestätigt.
Gott dagegen ist ein glückseliger Vater der Liebe voll Güte und Erbarmen. Jeder Lehrling ahmt bewußt oder unbewußt seinen Meister nach, jeder Schüler seinen Lehrer, jedes Kind seine Eltern. Deshalb werden auch die, die noch “Söhne des Teufels” (Matth. 13, 38; Joh. 8, 44) sind, herrschsüchtig, unversöhnlich, neidisch und voller oft fromm getarnter Begierden. Wer aber wirklich und wesenhaft Christo angehört, ein Gotteskind geworden ist, der kann nicht anders als lieben, vergeben, sich von Herzen demütigen und ist dabei ein glückseliger Mensch.
Die Frage, die uns in diesem Zusammenhang bewegt, ist nun die: Ist der Herr unser Reichtum, unsre Krone, unsre Herrlichkeit, oder — wer erschrickt nicht, wenn er diese Frage zum erstenmal hört! — sind wir, die wir glauben und Christo anhangen, im Sohne Gottes gewurzelt sind und bewußt aus Ihm und für Ihn leben wollen und dürfen, sind auch wir Sein Reichtum, Seine Krone und Seine Herrlichkeit?
Gibt es dafür klare, unzweideutige Schriftaussagen? Das allein ist entscheidend. Alles andre ist Vermutung, Gefühlstäuschung, Selbstbetrug, Philosophie, die nie und nimmer Fundament unsres Glaubens und Zeugnisses sein dürfen. Zu einer Aussage über göttliche Dinge gehört ein klarer Auftrag, gehört aber auch unsre Bereitschaft, für einen Schwärmer und Phantasten gehalten zu werden. Wer nicht bereit ist, zu “glauben wie die Schrift sagt” und alle sich daraus ergebenden Folgen mit Freude und Danksagung zu übernehmen, der schweige.
Der Glaube drängt zum Zeugnis
Bei jedem echten Glaubenszeugnis, das ja mehr die über- und unterirdische als die irdische Welt bewegt (1. Petri 1, 12b; 1. Kor. 4, 9b; Eph. 3, 10; Hiob 1, 6- 9 u. v.a.m.), vollzieht sich der dramatische Ablauf von Ps. 116, 10-15: “Ich glaubte, darum redete ich. Ich bin aber sehr gebeugt gewesen. Ich sprach in meiner Bestürzung: Alle Menschen sind Lügner! Wie soll ich dem Herrn alle Seine Wohltaten an mir vergelten? Den Kelch der Rettungen will ich nehmen und anrufen den Namen des Herrn. Ich will dem Herrn meine Gelübde bezahlen, ja, in der Gegenwart Seines ganzen Volkes. Kostbar ist in den Augen des Herrn der Tod Seiner Frommen!”
Diese Zeugnisse stehen in einem Kausalnexus, d. h. in einem inneren ursächlichen Zusammenhang. Sie verknüpfen eine Reihe scheinbar unzusammenhängender Ereignisse miteinander und finden ihre Krönung in dem wunderbaren Wort von der Kostbarkeit des Todes der Heiligen.
Der Glaube drängt zum Zeugnis. Das ist gar nicht so selbstverständlich, wie ja auch die Erfahrung lehrt. Es gibt viele wirklich fromme Menschen, die jedoch nie ein Zeugnis ihres Glaubens gegeben haben. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes an uns; das Zeugnis aber ist unser Gegengeschenk an den Herrn, worüber Er sich freut. Steht nicht in Röm. 10, 10 geschrieben, daß der Glaube zur Gerechtigkeit, das Bekenntnis unsres Mundes jedoch zum Heil, zur Seligkeit oder zur Beglückung führt? Aber nicht nur wir sind bei solchem Zeugnisgeben glückselig, sondern auch Gott. Löst doch unser schwaches Bekenntnis zum Herrn Jesus hier unten ein machtvolles Bekenntnis des Herrn bei unserm Vater zu uns aus, wie Er selbst in Matth. 10, 32 gesagt hat: “Ein jeder, der mich vor den Menschen bekennen wird, den werde auch ich bekennen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist.” Echter lebendiger Glaube drängt immer zum Zeugnis. Aber das Zeugnis bringt uns selten Beifall und Bewunderung ein, sondern bewirkt, daß wir gebeugt (betrübt, geplagt, geschmäht) werden. Dadurch aber werden wir bestürzt und verzweifeln an der Menschheit (Ps. 116, 11). Doch ringt sich der Glaube wieder durch: Der inspirierte Schreiber unsres Psalmliedes redet im gleichen Atemzug von “allen Wohltaten des Herrn”, vom “Becher oder Kelch der Rettungen” und der dadurch geschenkten Fähigkeit, seine Gelübde bezahlen zu können in Gegenwart des ganzen Volkes. Und das Ergebnis davon ist das Zeugnis von der Kostbarkeit, dem hohen göttlichen Wert des Todes der Frommen des Herrn. Was das bedeutet, verstehen wir nur, wenn wir bedenken, daß im AT vom Tod fast nur als von etwas Schwerem, Dunklem, Hoffnungslosem gesprochen wird.
Wenn Gott einem Menschen etwas enthüllt, so ist das für ihn Gabe und Aufgabe zugleich. Ob das unserm Fleische Annehmlichkeiten oder Unannehmlichkeiten bereitet, darf keine Rolle spielen. Jede wahre Gotteserkenntnis und jedes sich daraus ergebende Bekenntnis und Zeugnis reizt die gottlose und fromme Welt zum Widerspruch und erfüllt sie mit Haß oder aber bewirkt Wunder der Verwandlung! Das gilt von der grundlegenden Erkenntnis, daß wir verlorene Sünder sind, bis zur höchsten und letzten Zielwahrheit, daß Gott einmal alles in allen sein wird. Jedes Zeugnis, auf welcher Stufe es sich auch bewege, verläuft nach Ps. 116, 10: Ich glaube, ich rede darüber, ich werde sehr geschmäht.
Zu der unerschöpflichen Fülle all dessen, was Gott in Seinem Wahrheitswort bezeugt, gehören auch die Aussagen über Reichtum, Kronen und Herrlichkeit. Ehe wir auf die biblische Antwort im einzelnen eingehen, sei eine Vorbemerkung gestattet, die uns vielleicht überaus groß und kostbar werden kann, wenn wir genau auf jedes Wort der Schrift achten lernen.
Christus ist “der Vollender der Erkenntnisse” und “das Ersehnte der Nationen”
In Hiob 36, 4b lesen wir: “Der Vollender der Erkenntnisse ist bei dir.” Wenn nun alle Schrift, jedes Wort auf Christus zielt, vom Sohne Gottes zeugt (auch wenn wir das noch nicht sofort erkennen), dann auch dieses. Der “Vollender der Erkenntnisse” ist niemand anders als der Herr selbst. Er ist beim Vater, Er sitzt, hohepriesterlich für Israel, für alle Nationen, für Seine Körpergemeinde und das All eintretend, neben Seinem und unserm Gott.
Nun ist unser Herr aber nicht nur der Vollender der Erkenntnisse, alles dessen, was uns der Heilige Geist als gültige Wahrheit bezeugt und bestätigt, Er ist auch — und jetzt begeben wir uns mit einem andern ebenso gültigen Wahrheitswort auf die Ebene der menschlichen Seele — nach Haggai 2, 7 das oder der Ersehnte aller Nationen, der bald wiederkommen wird. Dieser Ersehnte (auch Kostbarkeit oder das Köstlichste) ist nichts und niemand anders als der Herr selbst. Lesen wir nur einmal in der bereits oben erwähnten katholischen Übersetzung des Salesianerprovinzials Dr. Seelbach die wenigen Verse Haggai 2, 6-9: “So spricht der Herr der Heerscharen: Noch eine kurze Weile, und ich erschüttere den Himmel und die Erde, das Meer und das Festland; alle Völker setze ich in Bewegung, und es kommen die Kostbarkeiten (Schätze oder Sehnsüchte) aller Völker, und dieses Haus erfülle ich mit Herrlichkeit, spricht der Herr. Mein ist ja das Silber und mein ist das Gold, spricht der Herr der Heerscharen, und an dieser Stätte gewähre ich den Frieden, spricht der Herr der Heerscharen.” —
Wir sind Gottes Erbgut — und Er ist unser Erbgut (Losteil)
In Eph. 1, 18 ist die Rede von einem Erbteil oder Losteil, das der Vater der Herrlichkeit besitzt. Es handelt sich also nicht um einen Besitz, ein Vorrecht oder einen Sondervorteil, den wir innehaben oder erhalten sollen, sondern um etwas, das Gott der Vater als Eigentum hat. Es ist Sein Erbgut. etwas, das Ihm allein völlig gehört. Hiermit ist nichts anderes gemeint als der Körper, das Vollmaß oder die Vervollständigung Christi Jesu, unsres Hauptes. Das ist aber nichts und niemand anders als wir, Seine Leibesgemeinde!
Das erkennen wir ganz klar aus Eph. 1, 23. Dort ist die Rede von derjenigen Gemeinde, die Sein, nämlich Christi Jesu Körper ist, das Vollmaß, die Vervollständigung oder Fülle Seines Ich, der das All in allen Stücken in diese Vervollständigung hinein gestaltet.
Nun soll den Briefempfängern der Geist der Weisheit und der Offenbarung verliehen werden, damit sie mit erleuchteten Augen des Herzens wissen, verstehen oder bedenken, welches
- die Hoffnung Seiner Berufe oder Berufung,
- der Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbteils in den Heiligen und
- die überschwengliche Größe Seiner Kraft in bezug auf uns ist.
Uns beschäftigt hier nur das zweite Stück dieser drei hohen Erkenntnisgüter. Wir, die Heiligen, die Gemeinde des Christuskörpers, sind der Reichtum Seines Erbes. Man kann auch übersetzen: der Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes inmitten der Heiligen. Da wären wir also gewissermaßen das Gefäß, in dem Gottes ureigenes Erbteil verborgen liegt. Welche wunderbaren Konsequenzen in diesen beiden Deutungsmöglichkeiten liegen, wollen wir hier nicht näher erörtern.
Sinngemäßer ist die Deutung, daß wir dieser Reichtum sind. Diese Schau ist tiefer, paulinischer, wenn wir so sagen dürfen. Selbstverständlich sind auch wir die Besitzer und Genießer des Losteils, das wir von Ihm erhalten haben bzw. erwarten! Wir sind aber nicht nur Erben im Blick auf das, was wir bekommen, sondern auch Erbgut, das dem Vater selbst gehört. Gott ist also der Empfangende, und wir sind das, was Er empfängt.
Vergleichen wir damit Gottes Aussage in Hes. 44, 28: “Dies soll ihr (der Priester) Erbteil sein: Ich bin ihr Erbteil (oder Erbbesitz); und ihr sollt ihnen kein Besitztum in Israel geben: Ich bin ihr Besitztum.”
In vielen Zusammenhängen sehen wir das erstaunliche Gesetz der Rückbeziehung. Einmal ist Gott der Empfänger, und beim andernmal sind wir die Empfänger. Beide haben die gleiche Seligkeit, obwohl andrerseits nach dem göttlichen Gesetz “Wiederum stehet geschrieben!” Geben seliger ist als Nehmen.
Gott segnet und Gott wird gesegnet
Wenn uns das nicht sofort in der strahlenden Schönheit göttlicher Gnade und Weisheit einleuchtet, dürfen wir vielleicht darauf hinweisen, daß Gott, der ohne Zweifel größer ist als wir, ja weitaus der Größte von allem und allen ist, sich immer als der Segnende erweist, der Seine Welt mit einem Übermaß von Wohltaten überschüttet hat, überschüttet und in den kommenden Ewigkeiten in unvorstellbarem Ausmaß überschütten wird.
Aber segnet nicht der Apostel Paulus in Eph. 1, 3 den Gott und Vater unsres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung? So ist Paulus, so sind wir als die Nachahmer des Apostels sowohl die Gesegneten als auch die Segnenden. Wir sollen und können unsre Feinde segnen; wieviel mehr haben wir Ursache, unsern Gott und Vater zu segnen, Gutes über Ihn zu reden, Ihn zu benedeien, zu loben und zu preisen! Darf ein Erretteter seinen Retter, ein Sohn seinen Vater, die zufriedenen und dankbaren Untertanen eines Königs ihn und die Regierung rühmen und preisen? Gewiß, denn dazu fordert uns ja Gottes Wort auf! Es ist ein ausgesprochenes Zeichen der Endzeit, daß die heutige Menschheit, besonders die Jugend, die nur genießen und nicht das Joch tragen will, wie es die Schrift fordert, statt zu danken nur revolutionieren und randalieren will. Sie trägt durchaus nicht allein die Schuld an dem Chaos, in das wir unaufhaltsam hineintreiben; es ist Satan, oder wie man in Unkenntnis göttlicher Offenbarung sagt, der “Geist der Zeit”, der diesen Zusammenbruch herbeiführt. Lesen wir Römer 1, 18-32, und wir werden mit Schaudern und Schrecken erkennen, wie es wirklich in der Welt von damals schon aussah. Da aber nach der negativen wie positiven Seite hin das Ende aller Dinge und Geschehnisse ausgeprägter, gewaltiger, globaler ist als der Anfang, so dürfen wir uns nicht wundern über das, was uns bevorsteht, was nicht nur im Anlauf, sondern z. T. schon im Verlauf bzw. Ablauf sich auswirkt.
Doch zurück zu unserm Thema! Mit großer, heiliger Freude des Herzens dürfen wir einen unantastbaren Schriftbeweis für das herrliche Gesetz der Rückbeziehung zwischen Gott und uns geben.
Wir wissen, daß Gottes Wort von Kronen redet, die einmal verliehen werden. Lesen wir anhand einer Konkordanz einmal nach, was von Siegeskränzen, Kronen und Diademen geschrieben steht! Wir werden die erstaunliche Tatsache finden, daß einmal der Herr die Krone der Seinen genannt wird und ein andermal Seine Heilskörperschaft, sei es nun Israel oder die Auswahlgemeinde aus den Nationen, als Siegeskranz oder Krone bezeichnet wird. Das ist ein eindeutiger Beweis dafür, daß wir für den Herrn das sind, was Er für uns ist. Welch eine köstliche Rückbeziehung!
Der Herr ist die Krone Seiner Heiligen — und Seine Heiligen sind die Krone des Herrn
In Jes. 28, 5 lesen wir: “An jenem Tage wird der Herr der Heerscharen dem Überrest Seines Volkes zur prächtigen Krone und zum herrlichen Kranze (oder: die herrliche Krone und der prachtvolle Stirnreif) sein.” “An jenem Tage” — das ist ein typischer Ausdruck für die Endzeit, von dem Übergang der Drangsal in das tausendjährige, messianische Friedens- und Königreich. In jener Zeit ist Jahwe Zebaoth, der Herr der Heerscharen, für den Überrest Seines Volkes eine prächtige Krone. Nennt nicht auch Paulus in Phil. 4, 1 seine Briefempfänger seine Freude und Krone (vgl. 1. Thess. 2, 19)? Menschlich gesprochen wäre es vielleicht richtiger gewesen, wenn die z. T. moralisch sehr angeschlagenen Gemeinden (Korinther, Thessalonicher) den Apostel Paulus als ihre Krone bezeichnet hätten.
Schlagen wir nochmals den Propheten Jesaja auf und lesen wir 62, 3: “Du wirst eine prachtvolle Krone sein in der Hand des Herrn und ein königliches Diadem in der Hand deines Gottes.”
Hier nun ist nicht der Herr die Krone Israels, sondern Zion-Jerusalem ist die prachtvolle Krone in der Hand des Herrn, ein königlicher Stirnreif in der Hand Gottes. Es wird uns auffallen, daß Krone und Stirnreif nicht auf dem Haupt sind, sondern sich in der Hand Gottes befinden. Könnte es vielleicht nicht so sein, daß Israel in der Hand, die Gemeinde des Körpers Christi aber auf dem Haupt die Krone des Herrn bilden? Man braucht keinen Anstoß daran zu nehmen, daß ein Herrscher zwei Kronen oder eine Doppelkrone hat; trägt doch seit dem Jahre 1300 der Papst sogar eine dreifache Krone, die sogenannte Tiara, die sein Hirten-, Lehr- und Priesteramt darstellen soll. Warum wollen wir da nicht unserm Herrn und Haupt eine Doppelkrone gönnen?
Hier sehen wir ganz klar und jedem Kind verständlich das göttliche Gesetz der Beziehung und Rückbeziehung. Einmal ist der Herr die Krone Seiner Heiligen, und ein andermal sind die Heiligen Seine Krone. Nennt Er sie doch auch in Jer. 33, 9 Seinen Ruhm und Seinen Schmuck bei allen Nationen der Erde.
Ein Wort aus dem Buch der Sprüche (17, 6) gibt uns einen weiteren feinen Hinweis auf Krone und Schmuck. Dort lesen wir: “Kindeskinder sind die Krone der Alten, und der Kinder Schmuck sind ihre Väter.” Die Eltern sind die Krone der Kinder, und die Nachkommen sind der Schmuck und die Ehre der Alten. Wie sind in diesem kurzen Satz die immer stärker werdenden Spannungen zwischen jung und alt wunderbar gelöst! —
Wir in IHM und ER in uns
Wer nicht biblisch-göttlich, sondern nur materialistisch und mechanisch denkt und urteilt, kann göttliche Wahrheiten nicht fassen. Sie sind ihm nichts als lächerliche Torheiten. Wenn jemand sagt, in einer Stadt stehe ein Rathaus, in einem Dorf eine Kirche, in einem Wohnzimmer ein Bücherschrank und in einer Küche ein Gasherd, so versteht das ein vierjähriges Kind. Wenn aber jemand behauptet, die Stadt befinde sich im Rathaus, das Dorf in der Kirche, das Wohnzimmer im Bücherschrank und die Küche im Gasherd, so würde selbst ein Tor über einen solchen Unsinn lachen.
Da aber nach der Schrift ein Mensch ohne Gott nichts anderes als ein Tier und ein Tor ist, so darf es uns gar nicht wundern, daß es “gebildete” und “gescheite” Menschen gibt, die es für “absurd”, für völlig unmöglich halten, daß Gott in uns ist und wir “in Gott”, daß Jesus Christus in uns wohnt und wir völlig in Ihm erfunden werden und daß der Heilige Geist in uns wohnt und waltet und wir in Ihm. Hat uns nicht der erhöhte Herr in Seinem Sendschreiben an die Epheser mitteilen lassen, daß Er “inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt” (Offb. 2, 1) und daß die sieben Leuchter sieben Gemeinden sind (Offb. 1, 20b)? Kein Wunder, daß der Unglaube, der von den einfachsten göttlichen Dingen nichts versteht, über solche Worte spottet. Welch eine Behauptung: Die Gemeinden wandeln vor dem Herrn, und der Herr wandelt inmitten der Gemeinden! —
Können wir Gott irgendeinen Dienst leisten, Ihm irgend etwas geben, das Er benötigt? Nur ein Herz des Glaubens und der Liebe wird diese dem kalten Verstand törichte Frage beantworten können. Verlangt nicht Gott unsern Gehorsam, unser Vertrauen, unser ganzes Herz und Leben? In ungezählten Worten werbender Liebe lesen wir das in den heiligen Büchern der Bibel. Und doch steht wiederum klar und bestimmt geschrieben: “Der Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, dieser, indem Er der Herr des Himmels und der Erde ist, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, noch wird Er von Menschenhänden bedient, als wenn Er noch etwas (oder: jemandes!) bedürfe, da Er selbst allen Leben und Odem und alles gibt” (Apg. 17, 24.25). Göttliche Wahrheiten kann man nur begreifen und erfahren, wenn man sie durchdacht, durchforscht, durchweint, durchstorben und durchbetet hat. Wir verstehen nur das, was uns von Gott selbst durch Seinen Geist aus Seinem Wort enthüllt und innerlich zugeeignet wurde. Was wir nicht auf diesem Wege erworben haben, ist höchstens angelernte Frömmigkeit, die kein wahres Gottes- und Christusleben in sich trägt und früher oder später elend zusammenbricht. — Damit ist natürlich keineswegs gesagt, daß wir nicht unsre Kinder und Enkel anhalten, soviel Gotteswort wie möglich rein gedächtnismäßig und gedanklich als den kostbarsten Schatz, den es auf Erden gibt, in sich aufzunehmen.
Wenn dann früher oder später das verborgne Gesetz unsrer Beziehung und Rückbeziehung Gott und Christus gegenüber durch den Heiligen Geist aus der Schrift in uns aufgeschlossen wird, kommen wir in ein Vertrauens- und Liebesverhältnis zum Vater und Sohn. Erst wenn wir der Sünde, der Welt und dem Ich gestorben sind, beginnt für uns das wesenhafte und wirkliche Leben. Der natürliche Mensch vegetiert nur, aber er lebt nicht, er hat nicht Gottes ureigentliches, wunderbares, alles Todeswesen überwindendes Leben. Trotzdem erlaubt er sich, besonders der junge, nur von seinen Trieben und Lüsten erfüllte Mensch, über alles und alle, über Familie, Gesellschaft und Staat, Gott und die Welt frech und frivol zu urteilen, ehrbare Männer der Regierung zu beschimpfen und mit Schmutz zu bewerfen und den lebendigen, heiligen Gott zu lästern.
Das kann ja auch gar nicht anders sein! Deshalb wäre es grundfalsch, wenn wir uns darüber entrüsten wollten. Der Geist der Endzeit, der sein Gift in alle Lebensbeziehungen der Menschheit gießt, kann nicht mit Moral, Gesetz oder Mitmenschlichkeit auf eine höhere Ebene geistig-geistlichen Lebens gehoben werden. Das kann nur Gott selbst zu Seiner Zeit und Stunde, mit Seinen Mitteln und auf Seine Art. Wer glauben und warten, vergeben und trösten, lieben und segnen kann, der tut unendlich mehr als der, der im Rausch seiner erfolgreichen Werke in dieser gottfremden Welt Schaufenster seines Glaubens aufzutun versucht. Sie werden ihm trotz anfänglichen Erfolges doch früher oder später zerschlagen werden. Trotzdem und wiederum bleibt nichts, was aus Liebe zum Herrn und Seinem Evangelium getan ist, umsonst. Gott sieht ja das Herz an und wertet, lohnt und krönt die tiefsten und eigentlichen Beweggründe, die uns zu irgendeinem Dienst, einer Arbeit, einem Opfer bewogen haben. Der Herr wird nicht durch Heer oder Macht, sondern durch Seinen Geist und Sein reines, unverfälschtes Wort, an dem und durch das wir immer in die Herrlichkeit der Vollendung hineinsterben werden, zu Seinem Ziel der Herrlichkeit kommen.
Wer die Geistesgesetze göttlicher Füllewahrheiten erlitten und erfaßt hat, ist tief getröstet und erquickt, auch wenn viele seiner Freunde seine Botschaft und Schau nicht verstehen. Laßt uns deshalb durch den Glauben, der uns durch die Schrift vom Heiligen Geist geschenkt ist, hineinwachsen und uns hineindemütigen in die Liebesbeziehungen zu unserm Gott und Vater in Christo, unserm Herrn und Haupt. Gott ist uns unendlich köstlich und wunderbar, so daß unser Herz überfließt von Lob und Dank, bei Tag und Nacht, unter Wehen und Wonnen. Aber genauso kostbar, wie Er uns ist, sind wir Ihm, wie in Ps. 16, 3 geschrieben steht: “Du hast zu den Heiligen, die auf Erden sind, gesagt: das sind die Herrlichen, an denen alle meine Lust ist”, oder (nach Segond): “die der Gegenstand meines gesamten Entzückens sind”. Was Er uns ist und ewig sein wird, sind wir Ihm. Beziehung und Rückbeziehung, glückseliges Geheimnis derer, die den Herrn ungeteilt lieben! Ja, amen, halleluja!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 6/1968; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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