Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Der Mensch und sein Ich

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Lehre  |  367 x gelesen

(Nach einer Tonbandaufnahme; mit einer Ergänzung von Arthur Muhl)

Meine Brüder und Schwestern, ihr Heiligen und Geliebten und Ersehnten Gottes!

Es ist mir eine herzliche Freude, daß ich auf dem Wege in die Schweiz hier unter Euch (auf der Langensteinbacherhöhe) sein darf. Gott möge uns in dieser Abendstunde segnen!

Laßt mich — bevor sich unser teurer Bruder Arthur Muhl noch anschließt — ein Zeugnis sagen über “Der Mensch und sein Ich”.

Der Mensch ist wohl die “Krone der Schöpfung”, aber er kennt sich selber nicht. Auch der Gläubige kennt sich nur ein klein wenig in seinem von Gott erneuerten Bewußtsein. Ich möchte Euch nun auf Grund der Schrift eine Reihe von Stufen vor Augen führen, die wir alle mehr oder weniger bewußt durchlaufen, allerdings nicht bis zur letzten Konsequenz. Denn das wäre schrecklich, wie wir gleich sehen werden.

Die Menschen sind Tiere!

Einleitend lese ich ein Wort aus Prediger 3, 18: “… sie (die Menschen) sind an und für sich Tiere“.

Das ist ein schreckliches Wort! Es ist keine moderne Theologie, kein Liberalismus, es ist Gottes Wort! An und für sich ist der Mensch — du und ich — ein Tier. Sogar der Apostel Paulus, der wie kein anderer auf einer hohen Stufe moralischer Vollkommenheit stand, schreibt in Römer 7: “Das Gute, das ich will, tue ich nicht; das Böse, das ich nicht will, das tue ich!” Wir leben in einem fortwährenden, mehr oder weniger bewußten, erschütternden Krieg, der in uns selber tobt.

“Sich selbst bekriegen ist der schwerste Krieg;
sich selbst besiegen ist der schönste Sieg!”

Davon möchte ich heute abend etwas sagen unter dem Thema “Der Mensch und sein Ich”.

Die 4 negativen Stufen

Ich schildere zunächst die negativen Entwicklungsstufen, die die Schrift uns zeigt, anhand von vier Stadien.

1. Stadium: Die Selbstbehauptung

Der natürliche Mensch steht zunächst in der Selbstbehauptung. “Ich bin, wie ich bin, und ich werde nicht anders!” — Schon manches Mal bekam ich zu hören: “Sie können mich nicht ändern, Sie können mich nicht bekehren, glauben Sie das ja nicht!” Schon das kleine Kind läßt sich sein Spielzeug nicht nehmen, will sich nicht einordnen noch unterordnen. Das gilt aber nicht nur für das Kind, das gilt auch für den Erwachsenen und für die Völker; denn “da ist kein Unterschied”.

2. Stadium: Die Selbstüberhebung

Der Mensch begnügt sich aber nicht damit, das zu sein, was er ist, sondern er will mehr sein als die andern, er will sich über die andern erheben. Die zweite Stufe ist darum die Selbstüberhebung.

Gott hat ein Maß für alle Seine Geschöpfe; aber das Kennzeichen Satans ist die Maßlosigkeit oder Vermessenheit. So finden wir viele Menschen, auch in der Bibel, die maßlos oder vermessen sind. Wenn wir darüber jetzt eine Bibelarbeit halten wollten, so daß ich Euch Fragen stellte und Ihr dazwischen Eure Meinung sagtet, dann würden wir an vielen Gestalten der Bibel feststellen, daß Maßlosigkeit oder Vermessenheit überall durchbricht, wo Menschen und Völker miteinander in Berührung kommen.

“Über die Maßen” kommt achtmal bei Paulus vor; über die Maßen hat er die Versammlung Gottes verfolgt und sie zerstört; aber auch viel Positives und Herrliches hat er “über die Maßen” erlebt und im Geiste geschaut (Gal. 1, 13; Apg. 26, 11; Röm. 7, 13; 1. Kor. 12, 31; 2. Kor. 1, 8; 4, 7.17; 12, 7).

Der Mensch hat den Blick dafür verloren, was er seiner Naturanlage nach ist; er will immer mehr sein, mehr scheinen, mehr gelten, als er in Wirklichkeit ist. Das ist die zweite Stufe, die Selbstüberhebung, und auf dieser Stufe stehen — wenn auch nur für eine gewisse Zeit — alle Kinder, alle Erwachsenen und alle Völker.

3. Stadium: Die Selbstverherrlichung

Das dritte Stadium ist dann die Selbstverherrlichung. Man will sich selbst zum Herren machen. “Der Mensch ist das Maß aller Dinge”, das ist in der ersten Regierungserklärung am Schluß des ersten Weltkrieges von einem der großen Politiker gesagt worden. In diesem Stadium handelt man nach der Losung: “Gut ist, was dem Menschen dient”. Was mir dient, meiner Familie, Firma, Interessengruppe oder Rasse, ist gut! So hat ja auch Hitler sehr oft geredet und gehandelt. Das ist die Selbstverherrlichung. “Nichts ist größer als der Mensch!” Die Folge solcher Haltung sind Neid, Haß, Komplexe und Verkrampfungen. Gegenüber der Überlegenheit eines anderen, von dem wir zugeben müssen, daß er klüger, lebendiger, edler, reiner, tüchtiger, gebildeter, reicher, vornehmer, mächtiger, interessanter oder eleganter ist — und wir sind ihm gegenüber geradezu eine Null — entsteht dann eine Minderwertigkeit, die von bösem Neid erfüllt ist. Gegen diese Minderwertigkeit gibt es nur ein einziges Heilmittel, das ist die Liebe. Liebe den andern, bete für ihn, und du wirst sehen, du wirst ein gesunder und glücklicher, geistlich und seelisch erlöster und gelöster Mensch werden! Die Liebe ist das einzige Heilmittel gegen den uns schädigenden Neid und gegen das uns tötende Gift des Hasses. Ich will aber heute abend keine Psychologiestunde halten, sondern ein biblisches Zeugnis geben.

Wir sahen also bisher

  1. die Selbstbehauptung: So bin ich und so bleibe ich;
  2. die Selbstüberhebung: Ich will noch mehr sein;
  3. die Selbstverherrlichung: Ich will mich selbst zum Herren machen und alle Dinge “in den Griff bekommen”.

Der freche, sogar noch in seiner Frömmigkeit anmaßende Mensch will, statt sich von Christus ergreifen zu lassen, Ihn, den Sohn Gottes, “in seinen Griff bekommen”, d. h. Ihn zu einem Werkzeug machen, dessen er sich bedient! Wieviel Religiosität, die wir heute haben, bis hin zu den Methoden mancher moderner Evangelisten, läuft auf der Linie: “man muß das in den Griff bekommen”!

Meine Freunde, wer das durchschaut hat, der wird innerlich bereit, durch das Sterben und durch die Liebe in das Wunder der Erlösung hineinzuwachsen. Nur wer bereit ist zum täglichen Sterben (1. Kor. 15, 31), vermag auch zu lieben. Wer nicht sterben will, kann auch nicht lieben. Und wer nicht lieben kann, der kann auch seinem Ich nicht sterben, seiner Selbstbehauptung, seiner Selbstüberhebung, seiner Selbstverherrlichung.

4. Stadium: Die Selbstvergottung

Wir haben davon Typen genug in der Bibel; ich nenne nur einen Typus (Vorbild, Abbild, Abschattung), dargestellt durch ein goldenes Haupt. Wie heißt dieser Mann? Nebukadnezar! Er hat sich selbst zum Gott gemacht. So hat auch Nietzsche gesagt: “Der Gedanke, daß es einen Gott gibt, und ich wäre nicht Er, machte mich wahnsinnig!” Er ist auch wahnsinnig geworden. Schauerliche Selbstvergottung! —

Ich müßte Euch nun die ganze Geschichte von Saul und David aufrollen. David ist ein Typ auf Christus, der sich selbst erniedrigt hat. Saul ist ein Typ auf Satan, der durch seine Sünde, nämlich durch seinen Neid, seine Eifersucht und seine Mordversuche, die er an David unternahm, immer stärker in die Gottlosigkeit hineinkam, so daß er zuletzt als Selbstmörder starb. Ihr müßt dazu einmal 1. Samuel 18 bis 31 nachlesen. Das ist erschütternd! — David ist der Liebende und der Geliebte; Saul ist der Begehrer oder auch der Begehrte (denn er wird von dem lebendigen Gott begehrt!). Beide sind also aktiv und passiv. Das Wort “Saul” ist auch mit dem Wort “Scheol” verwandt. Hier kommen wir zu den letzten Tiefen der Heilsgedanken Gottes.

Ich wiederhole noch einmal die vier negativen Stufen, die ich nur andeuten wollte, um nachher auch Positives zu sagen:

  1. Selbstbehauptung: Ich bin, wie ich bin; ich lasse mich nicht antasten oder umbiegen.
  2. Selbstüberhebung: Ich bin mehr als andere, größer, stärker, edler, wertvoller.
  3. Selbstverherrlichung: Ich will alles “in den Griff bekommen”.
  4. Selbstvergottung: Ich will das Höchste und Größte sein, was es überhaupt gibt.

Auf diesen Linien laufen wir alle von Natur aus, bis Gott in unser Leben eingreift. Sie enden oft im Irrenhaus oder im Selbstmord. Ich könnte Euch hierzu ergreifende Dinge aus der Seelsorge erzählen. Viel Gehörtes und Durchbetenes lebt noch in mir in seiner ganzen lebendigen und packenden Kraft, in seiner Seligkeit und seinem Grauen.

Die vier positiven Stufen

Nun aber bringe ich Evangelium. Bis jetzt war es ja mehr “Drohbotschaft” als “Frohbotschaft”. Aber nun nenne ich Euch die anderen vier Stufen, und da wollen wir uns sehr gründlich prüfen und lauschen, uns das Herz auftun lassen und fragen: Wo stehen wir? An welcher Nahtstelle befinden wir uns, du und ich und jeder in diesem Raum?

Den positiven Stufen, die ich jetzt nenne, will man mit allen Mitteln aus dem Wege gehen, während wir uns in die andern Stufen, die unserem Fleisch, unserer Gier, unserer Herrschsucht und unbegrenzten Genußsucht entsprechen, hineindrängen. Gegen die vier positiven Stufen der Rettung aber wehren wir uns mit allen Mitteln.

1. Stufe: die Selbstbeurteilung

Man frage sich einmal in einer stillen, heiligen Stunde — ob das am rauschenden Meer ist oder in einem dunklen Wald, in einer Kirche oder auf dem Krankenbett oder gar an einem Sterbelager oder bei einer Beerdigung, das spielt gar keine Rolle —: Habe ich überhaupt den Mut zu sehen, wie ich wirklich bin? Sollte ich nicht aufhören, Theater zu spielen vor dem lebendigen Gott und vor den Menschen und vor mir selber? Das tun wir nämlich vielfach, besonders die “Sektierer”, d. h. solche, die sich auf Grund einer Sonderlehre — sie mag heißen, wie sie will — über alle anderen erhaben vorkommen. Das ist das Zeichen des Sektierers, zu sagen: Alle anderen laufen verkehrt — aber wir, unser Verein, unsere Richtung, unsere Bruderschaft (oder wie es auch heißen mag), wir allein haben das Richtige! Wer so redet, ist noch ganz in der geistlosen Nacht!

Die Selbstbeurteilung fragt: Wie bin ich — nicht in meinen Augen, nicht in den Augen meiner Mitmenschen, meiner Freunde oder meiner Feinde, sondern wie bin ich in den Augen des lebendigen Gottes? Dazu muß man den Mut haben, vor dem lebendigen Gott einmal ganz klar und wahr zu sein. Und da kommen wir zu der Erkenntnis unseres ganzen Elends, unserer Unbrauchbarkeit und Fäulnis. Aber dann dürfen wir auch wissen und erfahren: So wie aus einem elenden Misthaufen, wenn man ihn in der Erde zerfallen und sich auflösen läßt, die köstlichsten Früchte und leuchtendsten Blumen kommen, so darf auch uns das Böse und Schlimme, das wir gedacht, getan und gewesen sind, zum Heil und zur Herrlichkeit dienen. Dieses Wissen bewahrt uns vor der Verzweiflung und dem Irrenhaus. Unser Elend und unsere Fäulnis gehören in den Tod Christi, an das Kreuz und in die Selbstaufgabe. Dann kommen die leuchtendsten Blumen und die köstlichsten Früchte daraus hervor! Das ist Evangelium! Das macht unser Herz so voll und so froh, das macht uns jung und glückselig!

Zu dieser ersten Stufe, der Selbstbeurteilung, gehört Mut. Deshalb ist auch das Wort berechtigt, das vor 40 Jahren in den großen Evangelistenkonferenzen und bei Evangelisationen geradezu ein Schlagwort war: “Nur Charaktere bekehren sich!” Wer kein Charakter ist, wer nicht die Wahrheit will um jeden Preis, auch wenn sie sich gegen ihn selbst richtet und er darunter zerbricht und zugrunde geht, der bekehrt sich auch nicht wirklich. Diesen Mut zur Selbstbeurteilung müssen wir einmal haben. Je aufrichtiger und ehrlicher wir sind, je mehr Charakter wir haben, um so gründlicher ist unser Bankrott, aber auch um so beglückender die Frucht, die daraus erwächst.

2. Stufe: Die Selbstverurteilung

Sie wird aus der Selbstbeurteilung geboren. Da sagen wir unserem Ich: Mit dir ist gar nichts los. “Was bin ich, wenn es mich betrifft? — Ein Abgrund voller Sündengift.” Jede ehrliche Selbstbeurteilung wird immer und unbedingt zur Selbstverurteilung. Wer das in seinem Leben nicht mehr hat oder noch nie gehabt hat, der tappt im Dunkeln, der betrügt sich selbst, auch wenn er ein religiöser Mensch ist und gute und große Werke tut. “Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr! Haben wir nicht … ” (Matth. 7, 22). Gehörst auch du zu diesen Vielen? Sage nicht so schnell “Nein”! Man muß diese Dinge durchsterben, ehe man davon reden kann.

3. Stufe: Die Selbstverwerfung

Jede ehrliche Selbstbeurteilung führt zur Selbstverurteilung und dann weiter zur Selbstverwerfung. Damit ist gemeint, daß man sich selber verwirft, abtut, total preisgibt und losläßt. Das kann nur der Heilige Geist wirken. Da spricht man die drei schwersten Worte der Schrift, die es gibt, und die achtmal in der Bibel vorkommen: “Ich habe gesündigt!” Das sagt man aber nicht so wie ein Massenbekenntnis beim kirchlichen Abendmahl. Nein, so ist das nicht. Das kostet Herzblut und zerschneidet den letzten Nerv unseres Daseins und Soseins. Aber anders geht es nicht. Nur wer den höchsten Preis zahlt, wird das Ziel der Herrlichkeit und Vollendung und Verklärung erlangen!

Wer in der Selbstverwerfung steht, der spricht im Glauben: “Mit meinem alten Menschen, mit seinen Forderungen, habe ich nichts mehr zu tun, weil ich erkauft bin von Gott durch das Blut Seines Sohnes!” Das ist etwas unerhört Großes! Wer das verstanden hat, ist bereit, über das Kreuz und die Bruderliebe nicht nur Bücher zu schreiben und Vorträge zu halten, sondern das alles auszuleben. Dann kann man sogar seine Feinde, seine Verleumder lieben und segnen. Das ist ein tiefes Glück. Wir haben dann gar keine Bitterkeit mehr gegen die, die uns wehtaten, uns zu unterdrücken versuchten, undankbar und lieblos, brutal und taktlos waren. Wir können auch sie von ganzem Herzen lieben und segnen. Wer das einmal zu erleben beginnt, der wird ein Nachahmer Gottes und Christi. Denn keiner wird so viel geschmäht und verachtet wie der lebendige Gott, Sein Sohn und Sein Wort und Sein Heiliger Geist!

4. Stufe: Christus in uns

Nun heißt es (Gal. 2, 20): “Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir!” ER ist jetzt mein Leben (Phil. 1, 21). Dann ist nicht mehr unsere kirchliche Organisation unser Leben, nicht mehr unsere Leistung unser Leben, auch nicht unsere Frömmigkeit oder unser Betrieb, sondern der Sohn Gottes, mit dem wir Kontakt haben mit allen Fasern unseres Herzens, dem unsere Seele sich zuneigt, zu dem unser Geist sich erhebt. Aber das kann man nicht beschreiben; man hat es oder hat es nicht. Aber Gott will und Gott kann es uns geben, dieses Geheimnis zu erleben: “Christus in uns, die Hoffnung der Herrlichkeit” (Kol. 1, 27).

Das sind die vier positiven Stadien oder Stufen (”Staffeln” würden die Schwaben sagen); sie führen von der

Selbstbeurteilung über die
Selbstverurteilung und die
Selbstverwerfung zu dem
Christus in uns.

Dabei wird nicht nur der alte Mensch beiseitegesetzt — damit allein ist ja noch nichts gewonnen, dann wäre ja noch ein Vakuum da, ein leerer Raum. Vielmehr dürfen wir uns dem Christus öffnen, bereit, denselben Weg zu gehen wie ER, bereit, so zu sein in dieser Welt, wie ER in dieser Welt war (1. Joh. 4, 17): der Verborgene, der Geschmähte, der Verleumdete, der Gehaßte. Es ist etwas Wunderbares, so wie ER in dieser Welt zu stehen, zu lieben und zu segnen und sich selbst für die andern zu geben und hierzu Zug um Zug fähig gemacht zu werden durch das Wort und den Heiligen Geist.

Zwei Möglichkeiten des Lebens

Ich komme zum Schluß und sage noch einmal:

Entweder sind wir Menschen, die ihr Ich festhalten und daran zugrunde gehen — auf gottlosem Wege oder auf frommem Wege. Wer sein Ich festhält, geht an ihm zugrunde.

Oder aber wir sind solche, die ihr Ich oder ihre Seele loslassen, preisgeben, hergeben, wie Jesus es ausdrückte (Joh. 10, 17.18). Dann dürfen wir aus der Beurteilung in die Verurteilung unseres Ichs hineinwachsen und schließlich durch die völlige Verwerfung und Beiseitesetzung des alten Menschen hineinsterben in die Christus-Klarheit. Dann gilt uns das Wort des Predigers (3, 18b) nicht länger, daß der Mensch an und für sich nur ein Tier ist; denn das trifft nur zu für den natürlichen Menschen, für das Fleisch. Dann gilt ein anderes Gotteswort — erschreckt bitte nicht —: “Ich habe gesagt: Ihr seid Götter” (Joh. 10, 34). Hat Gott nicht den Mose zum Gott des Aaron gemacht? (Zuruf von Br. Muhl: “Auch zum Gott des Pharao!”) Ja, und der Pharao ist ja ein Typus auf die Finsternismächte (2. Mose 4, 16; 7, 1)!

Gottessohnschaft oder Tierwesen?

Es gibt viele Söhne Gottes im Himmel und auf Erden, und wir sind berufen zur Sohneswürde! Gottessohnschaft oder Tierwesen — vor dieser Entscheidung stehen wir!

Wohin gehst du? — Wohin gehe ich? — Wohin treibt dieser Äon, in dem wir stehen? Geht es hinab ins Tierwesen? Da braucht man nur die Frisuren zu betrachten! — Gott segne uns, daß wir verstehen: “Der Mensch und sein Ich” ist das größte Problem!

Ich schließe mit dem Wort, das ich zu Anfang sagte:

“Sich selbst bekriegen ist der schwerste Krieg,
sich selbst besiegen ist der schönste Sieg!”

Jesus ist und bleibt Sieger. Amen.


.

Ergänzung von Br. Arthur Muhl, Zürich

Liebe Geschwister, mein Programm war zuerst so, daß ich schon heute mittag mit Br. Heller nach Zürich abgefahren wäre; aber irgendwie war mir nicht ganz wohl dabei. Heute abend weiß ich, weshalb; Br. Heller hätte sonst hier nicht mehr diesen Dienst tun können.

“Christus in den Griff bekommen”

Ich darf anschließen an das Wort von der Stufe der Selbstvergottung. Dies setzt voraus, daß der Betreffende tatsächlich versucht, “Christus in seinen Griff zu bekommen”. Dazu schlagen wir den Römerbrief auf und finden, daß das in unseren Tagen in einer Art und Weise einen Höhepunkt erreicht, wie es nicht deutlicher von Paulus beschrieben sein könnte. Wir lesen Römer 10, 6:

“Die Gerechtigkeit aus Glauben aber sagt also: Sprich nicht in deinem Herzen (dort beginnt ja alles!): ‘Wer wird in den Himmel hinaufsteigen?’” (Ist das ein modernes Problem heute? Das ist ja die Überschrift über die ganze moderne Raumfahrt: Wer wird in den Himmel hinaufsteigen? — Welches ist nun die Glaubenshaltung zu dieser Frage? Antwort: Der Glaube macht hier nicht mit! — Und nun folgt in Röm. 10, 6 die Enthüllung Gottes, warum das alles geschieht, wozu dieser ungeheure Aufwand und die Kosten eingesetzt werden. Es geht letzten Endes darum:) “… das ist, um Christum herabzuführen.”

Es geht also darum, so sagt uns dieses Wort, Christum herabzuwürdigen, Ihn womöglich vom Himmel herunterzuholen. Welcher Inspiration folgt also die heutige moderne Menschheit, vor allem die Wissenschaft? Wir haben es eben entdeckt: auf keinen Fall der des Glaubens.

Ebenfalls spricht die Gerechtigkeit aus Glauben nicht (Röm. 10, 17): “Wer wird in den Abgrund (in die Tiefen) hinabsteigen? — das ist (gleichbedeutend mit der Meinung), um Christus aus Toten (dem Totenreich) heraufzuführen.”

Der Unglaube sagt also von Christus: Er ist gestorben wie ein anderer Mensch; wir erbringen über kurz oder lang den Beweis; wenn Er eine Seele hatte und sie noch irgendwo ist, dann werden wir sie eines Tages heraufbefördern.

Ist das Wort treffend: “Christus in den Griff bekommen”, wenn wir es mit diesen beiden Schriftworten vergleichen? Es ist die Zusammenfassung dieser beiden seit Jahrtausenden in der Schrift verankerten Wahrheiten. Jede Schrift, besonders wenn sie mißverstanden oder gar verlacht, verspottet worden ist, jedes Zeugnis der Schrift findet die höchste Erfüllung in diesen unseren Tagen zur Zeit der Ausreife dieser Welt. Gott läßt heute “beides miteinander wachsen” bis an das Ende dieses Zeitalters: das Unkraut und auch den Weizen. Erst wenn beides vollständig ausgereift ist (Matth. 13, 30), mit einem anderen Gotteswort ausgedrückt: wenn das Maß der Sünde voll geworden ist (1. Thess. 2, 16), dann erst beginnt Gott aus Seiner Stille herauszutreten und zu reden. Wunderbar, wenn Er uns vorher schon hat zu Herzen reden können mit den Worten der Gnade aus dem Munde Jesu!

Wer hat Verstand?

Der Mensch unterscheidet sich an und für sich in nichts von einem Tier, so sagt die Weisheit Gottes (Pred. 3, 18b). Der hochberühmte Menschenverstand beginnt, von Gott aus gesehen, erst dort, wo ein Mensch so in die Gemeinschaft des lebendigen Gottes hat treten können, daß er die Dinge des Allerheiligsten kennt. So steht es geschrieben in Sprüche 9, 10b: “Die Erkenntnis des Allerheiligsten ist Verstand.” Und die Weisheit beginnt ja ganz unten mit der Furcht Gottes, und dann erst kommt berechtigterweise Verstand in Sicht.

Um einen Gradmesser für unseren Verstand zu haben, lassen wir die einfache Feststellung des Wortes aus Sprüche 11, 12 zu uns reden: “Wer seinen Nächsten verachtet” (haben wir das schon einmal getan? — nein, schon mehr als einmal!) “der hat keinen Verstand”.

Wer sich im Allerheiligsten bewegen darf, dem ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, jeden anderen höher zu achten als sich selbst, sowohl den viel höher Begabten (da dürfte es ja eigentlich leicht sein) als auch den Verachteten, den er auch eingehüllt sieht in die Liebe Gottes.

Was ist der Mensch? (Psalm 8)

Ich darf noch einige Gedanken der Schrift aussprechen, ausgehend von dem bekannten Psalm 8.

Wir dürfen nicht einfach lesen: “Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkst, und des Menschen Sohn, daß Du auf ihn achthast?”

Wir müssen vorher Vers 3 beachten. Offenbar befand sich David eines Nachts auf der Zinne seines Palastes, und so bringt er in Vers 3 zum Ausdruck: “Wenn ich anschaue Deinen Himmel (hebräisch immer Mehrzahl: Deine Himmel), Deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die Du bereitet hast …”

Ich weiß noch gut und höre heute noch die Worte einer Witwe in Zürich; sie war im Vortrag eines Zürcher Astronomen, der die Größe und Erhabenheit der Sternenwelt und ihre Herrlichkeit so gewaltig zur Darstellung gebracht hatte, daß sie bekannte: “Da habe ich hinterher Mühe gehabt, noch glauben zu können, daß dieser große Gott noch Zeit hat für mich und auf mich achthaben sollte.”

Liebe Geschwister, man kann diese Worte im Unglauben so lesen: “Du bist der Gott, der alles geschaffen hat, so groß und so wunderbar, und Du solltest noch auf mich achthaben können?!” Es steht aber Gott sei Dank anders geschrieben. Darf ich es einmal so betonen:

“Was ist nur der Mensch, daß Du trotz Deiner Größe, trotz der Herrlichkeit, die sich allein schon in Deiner Schöpfung offenbart, Dir noch Zeit nimmst, auf jeden einzelnen Menschen bis in alle verborgensten Einzelheiten seines Herzens zu achten?” — Darin besteht Seine größte und herrlichste Größe.

Nun aber bekommt David eine Antwort in Vers 5:

“Denn ein wenig (oder: für kurze Zeit) hast Du ihn (den Menschen) unter die Götter (hebr. Elohim) erniedrigt; und mit Herrlichkeit und Pracht hast Du ihn gekrönt. Du hast ihn (den Menschen) zum Herrscher gemacht über die Werke Deiner Hände.”

Wer ist ausgeschlossen von den Werken der Hände Gottes? Nur Einer: der Sohn, den Gott gezeugt hat. Über alles andere, vom ersten, herrlichsten Geschöpf (nämlich Satan, der einstmals der schirmende Cherub war, Hes. 28, 14) bis zum Wurm, hat Gott den Menschen zum Herrscher gesetzt.

Mensch und Tier an einem Tag erschaffen

Vor dem Menschen wurden ja alle anderen Dinge geschaffen, darunter auch die Tiere. Und ich sage immer wieder: Sonderbar, daß Gott für die Erschaffung des Menschen nicht einen besonderen Tag reserviert hat, daß Er ihn dafür nicht würdig befunden hat. Gott hat — sagen wir einmal: in der ersten Hälfte des sechsten Tages — zuerst das Gewürm, das Vieh und die wilden Tiere geschaffen (1. Mose 1, 24.25), und dann in der zweiten Hälfte den Menschen (Verse 26.27). Welcher Unterschied besteht nun zwischen dem Menschen und dem Tier (ich meine, dem Fleische nach)? Höchstens der Unterschied, daß Gott sämtliche bei den Tieren einzeln auseinandergebreitete Eigenschaften und typischen Merkmale beim Menschen konzentriert hat. Deshalb müssen wir auch nicht erstaunt sein, wenn bei der Ausreife dieses bösen Äons, wahrscheinlich noch in unseren Jahrzehnten, der Mensch offenbar wird als das Tier! “Der Mensch der Sünde” wird zugleich genannt “das Tier” (2. Thess. 2, 3; Offb. 13; 17, 11; 19, 19). Der Unterschied zwischen dem Menschen als Tier und irgendeinem anderen Tier besteht auch hier nur wieder darin, daß bei diesem “Tier”, dem Menschen der Sünde, alles konzentriert vorhanden ist, was sich an Schrecklichkeiten und Greueln bei den verschiedensten Tieren findet, die um des Menschen willen auch der Vergänglichkeit und Nichtigkeit verfallen sind (Röm. 8, 20).

Eine Zwiesprache zwischen Vater und Sohn

Wir schlagen jetzt Hebräer 10 auf. Da gewährt uns die Schrift einen ganz intimen, köstlichen, erlösenden Einblick in eine Zwiesprache zwischen dem Sohn und dem Vater (Vers 4-6):

“… unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden hinwegnehmen. Darum, als Er in die Welt kommt, spricht Er” (Wer? Der Sohn Gottes! Zu wem? Dem Vater!): “Schlachtopfer und Speisopfer hast Du nicht gewollt, einen Leib aber hast Du mir bereitet; an Brandopfern und Opfern für die Sünde hast Du kein Wohlgefallen gefunden.”

Es war dem Sohne also klar, daß die vom Gesetz geforderten Tieropfer

  1. von Gott nicht gewollt waren,
  2. von Gott auch nicht gefordert waren (dies geht aus Psalm 40, 6 hervor),
  3. daß Gott selbst kein Wohlgefallen daran hatte.

Wer hat die im Gesetz vorgeschriebenen Tieropfer gefordert?

Wer hat denn nun diese Opfer gewollt? — Wer hat sie gefordert? — Wer hat Wohlgefallen daran gefunden? — Ich darf es gleich mit wenigen Worten bezeugen: Das Gesetz wurde von Engeln angeordnet (Gal. 3, 19), und zwar von heiligen Engeln. Das Gesetz (Gesetzesfeuer) ging aus Seiner Rechten für sie hervor (5. Mose 33, 2). Deshalb stimmt es: Das Gesetz ist heilig, gerecht und gut (Röm. 7, 12). Aber — nun kommt das große “Aber”: Wäre Gott selbst nur heilig, gerecht und gut, wüßte aber nichts von Erbarmen und hätte der Liebe nicht, wie stünde es dann um uns? Dann wären wir verloren, dann wäre es aus, dann müßten wir auf diesen negativen Stufen (siehe erster Teil des Vortrags von Br. Heller) bleiben.

Engelanordnungen und verborgene Gottesweisheit im Gesetz vereinigt

Als Christus bei der Ratsversammlung der gesetzgebenden Heerschar von heiligen Engeln den Vorsitz geführt hat, da hat Er nur die Anträge der Engel zum Beschluß erhoben und ins Gesetz aufnehmen lassen, die dem Ratschluß Gottes, ja Seinem Vorsatz in Christo (Eph. 3, 11) entsprachen. Als zum Beispiel der Antrag Sein Ohr erreichte: “An jenem Tage sollt ihr ein Lamm schlachten ohne Fehl …”, da forderten die Engel blutige Tieropfer; ein buchstäbliches Lamm war ihre Meinung. Sie konnten mit keinem Gedanken daran denken, daß der einzige Sohn des Höchsten hier in Frage kommen könnte, als Sündopfer, als Lamm geschlachtet zu werden. Nach 1. Kor. 2, 6-8 haben gerade sie, die Fürstentümer, die verborgene Weisheit Gottes nicht erkannt. — Christus aber wußte schon damals, als der Antrag kam: “An jenem Tage sollt ihr ein Lamm schlachten ohne Fehl”: dieses Lamm bin Ich. (Und wer waren in Gottes Augen die “ihr”, die hier Angeredeten? Die Hohenpriester in Israel!) Christus wußte schon damals: In der Rolle des Buches des Gesetzes, das alle die Tieropfer fordert und will und Wohlgefallen daran hat, steht, von Gott aus gesehen, nicht von den Tierlein, sondern von Mir geschrieben (Hebr. 10, 7). Da sprach der Sohn (als Er das erkannte): “Siehe, ich komme — in der Rolle des Buches steht von Mir geschrieben —, um Deinen Willen, o Gott, zu tun” (Hebr. 10, 7), — den Willen nämlich, daß Ich, Dein vielgeliebter Sohn, aus Liebe und in völliger Freiwilligkeit, Mich selbst zum Sündopfer stelle, zum Lamme Gottes für alle.

Christus des Gesetzes Ende und Vollendung

Nun ist aber Christus nach Röm. 10, 4 auch des Gesetzes Ende (negativ gesehen) bzw. des Gesetzes Vollendung (positiv). Christus ist durch das Gesetz (”An jenem Tage sollt ihr ein Lamm schlachten ohne Fehl” — “Wir haben ein Gesetz, und nach unserem Gesetz muß Er sterben”) dem Gesetz gestorben (3. Mose 23, 12; Joh. 19, 7; vgl. Gal. 2, 19). Und wir? Mit Christo sind auch wir dem Gesetz gestorben. Von hier aus verstehen wir auch die Sprache eines Apostels Paulus, dieses Vorkämpfers des Glaubens an Christum ohne Werke, allein durch den Glauben und die Gnade Gottes. — Aber Christus ist auch auferstanden. Und Er hat alles, was mit Ihm begraben wurde, in Seiner Auferstehung wieder heraufgeführt. So hat Er auch durch Seine Kreuzigung, Sein Sterben und Begrabenwerden, Sein Auferstehen und Verherrlichtwerden den sonst tötenden Buchstaben des Gesetzes zum Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu wunderbar erhoben

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 5/1968; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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