Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Decke auf dem Angesichte Moses

Autor: Jugel, Wolfgang  |  Kategorie(n): Lehre, Paulusbriefe  |  693 x gelesen

Diesem Thema liegt mit 2. Kor. 3 und 4 einer der schwierigsten Texte des Neuen Testamentes zugrunde. Dies kann man schon daran erkennen, daß die meisten Übersetzer ihn recht schlecht verdeutscht haben, weil ihnen offenbar der Schlüssel zum rechten Verständnis fehlte. Da aber Gottes guter Geist “in das Ganze der Wahrheit leiten” will und es offenbar für nötig befunden hat, auch solch schwierige Zusammenhänge in Sein wunderbares Wort zu bauen, sollten auch wir versuchen “ein Verständnis vom Wesenhaften” zu erlangen (1. Joh. 5, 20).

Wir werden dabei erleben, wie Paulus als messiasgläubiger Rabbiner Israels seine Bibel (und das war für Jesus und Seine Apostel das Alte Testament!) “auf Christum hin” gelesen hat. Darum verstanden ja auch die Apostel ihre Briefe als seelsorgerliche Schreiben an ihre Missionsgemeinden und als prophetische Schriften zur Deutung des im Alten Testament aufgezeichneten Heilsweges (Röm. 16, 25-27). So wie es gewiß wahr ist, daß wir das Alte Testament nur im Lichte des Neuen verstehen können, so gilt doch ebenso, daß wir die Schriften des Neuen Gottesbundes nur vom Alten Testament her recht verstehen. Die Mißachtung der Bibel Israels, Jesu und Seiner Apostel hat sich bitter gerächt: Die verwirrende Auslegungs- und Dogmengeschichte der christlichen Kirche ist (bis heute!) dafür ein Zeugnis. Statt die Quelle zu ergründen, vermengte man die Apostelschriften mit griechischer Weltweisheit und schleppte dieses schreckliche Gemisch aus Christusoffenbarung und Philosophie durch die Zeiten! Erst in unserer letzten Zeit beginnen die Dinge sich zu wenden — allerdings auch nur im wortgläubigen Teil der Gemeinde.

Aus zwei Quellen bezog Paulus seine Lehre, seine Ermahnungsbotschaft und seine geistgeleitete Deutung des göttlichen Heilsplanes: aus seinen Erlebnissen an der missionarischen Front und aus der genauen Kenntnis des alttestamentlichen Offenbarungsgutes (wobei wir natürlich die göttliche Seite der unmittelbaren Gottes- und Christusoffenbarung keineswegs übersehen wollen!). Was er in Vollmacht lehrte und schrieb, war keine “Schreibtischtheologie”, es wuchs vielmehr organisch aus seinen Christuserlebnissen und Missionserfahrungen, aus seinem Kampfe mit Feinden der Frohen Botschaft und seinem Ringen um die Christusgemeinde. Die Erlebnisse an der heißumkämpften missionarischen Front bildeten die Gefäße für den Offenbarungsgehalt göttlicher Geheimnisse.

Wenn wir einmal die Apostelgeschichte so lesen, daß die Aussagen der Apostelbriefe hindurchleuchten, werden wir erstaunt bemerken, wie stark gerade die Aussagen der späteren Paulusbriefe aus seinen Erlebnissen mit dem verblendeten Israel und der Missionierung der Weltvölker schöpfen!

Grundsätzliches zum Verständnis von 2. Kor. 3 und 4

Doch zuvor etwas zum besseren Verständnis der Ausgangslage von 2. Kor. 3 und 4.

Paulus wurde keineswegs von allen Christusgemeinden anerkannt oder gar wie ein Triumphator gefeiert. Vielmehr war er der meistgeschmähte Apostel Jesu Christi! Wenn wir seine Briefe genau lesen, dann geht es uns auf: Dieser Sendbote Christi wurde geschmäht und verlästert, verleumdet und angeprangert; man grub seine Vergangenheit aus, um ihn damit “schachmatt” zu setzen, man wühlte in seinem Verhalten und in seinen Aussagen, um endlich einen Anklagegrund gegen ihn zu finden. Das Zeichen des Kreuzes Christi bestimmte sein Leben und Dienen, die “Malzeichen Jesu” trug er an seinem Leibe, doch erwuchsen ihm die größten Leiden nicht durch die christusfeindliche Welt, noch nicht einmal durch die “Last der Christusgemeinden”, die er sorgenvoll trug, sondern durch “falsche Brüder” und “Feinde des Kreuzes Christi”!

Ich habe einmal versucht, aus dem 2. Korintherbrief alle Schmähungen und Anklagen seitens seiner Feinde und seitens der verhetzten Korinthergemeinde zusammenzustellen — es ergab eine lange, lange Liste!

Seine Feinde versuchten, das Rettungswerk der Gnade Jesu zu untergraben, indem sie ihren Sendboten Paulus verdächtigten, der die Botschaft der freien, uferlosen und allumfassenden Gnade verkündigte. Paulus nennt sie “falsche Apostel”, “betrügerische Arbeiter, welche die Erscheinung von Christusaposteln annehmen”, “Diener des Satans”, “durch die Hintertür eingeschlichene falsche Brüder”, ja “Hunde”, “böse Arbeiter” aus der “Zerschneidung” (Phil. 3, 2-3; Gal. 2, 4; 2. Kor. 11, 13-15). Solche Wühl- und Zerstörungsarbeit in den Gemeinden schrieb er dem Satan zu, der die Gestalt eines Lichtesengels anzunehmen vermag und darum auch ohne weiteres seinen Dienern die Gestalt und das Auftreten von Dienern der Gerechtigkeit verleihen kann (2. Kor. 11, 14-15).

In unseren Bibelübersetzungen sind leider die Vorwürfe gegen Paulus, die wir neben Fragen und Behauptungen der Korinther in den beiden Korintherbriefen finden, schlecht erkennbar. Diese Briefe sind ja Antwortbriefe des Paulus auf Zweifel, Fragen, Irrtümer und Angriffe, die ihm die Glieder der Gemeinde in Korinth in (verlorengegangenen) Briefen stellten. Indem nun Paulus darauf eingeht, antwortet, zurechtweist, korrigiert, warnt, mahnt, zitiert er die bezüglichen Stellen aus den verlorenen Briefen.

Nun hat der Grundtext leider keine Zeichensetzung, also auch keine Anführungsstriche für Zitate, ja noch nicht einmal Lücken zwischen den einzelnen Wörtern, die überdies noch alle mit großen Buchstaben geschrieben wurden! Manche Übersetzer haben nun (so Menge und Bruns) die Bezugsstellen in Anführungsstriche gesetzt und so als Zitate kenntlich gemacht. Ein äußeres Kennzeichen dafür ist, daß Paulus seine Antworten der Meinung der Korinther durch ein “aber” entgegensetzt. Wenn man das beachtet, versteht man viele Zusammenhänge weit besser als bisher.

Paulus verteidigt sich gegen Vorwürfe seiner Feinde

Einige solcher Vorwürfe gegen Paulus möchte ich zum Ausgangspunkt meiner Betrachtung machen, da sie mit den späteren Aussagen in engem Zusammenhang stehen; sie bilden offensichtlich auch die Ausgangslage zu den Gedankengängen, die Paulus in einer Rückbesinnung auf Vorgänge im Alten Bund in 2. Kor. 3 und 4 entfaltet.

Lesen wir zunächst 2. Kor. 3, 1-3. Der Text läßt klarwerden, daß man Paulus und seinen Mitarbeitern vorwarf, daß sie noch nicht einmal “Empfehlungsbriefe” von den Säulen in Jerusalem besäßen, daß sie sich selbst anpriesen und überall in den Gemeinden Propaganda für den eigenen Namen trieben. “Wie kann jemand eine solch kühne Verkündigung betreiben, wenn er noch nicht einmal eine Legitimation von den allerhöchsten Gemeindestellen besitzt! Wo kämen wir denn da hin, wenn jedermann behauptete, unmittelbar von Gott ausgesandt und geleitet zu sein!” — so ungefähr mag es geklungen haben.

“Fangen wir schon wieder an, ‘uns selbst zu empfehlen’? Nein! Oder haben wir etwa wie gewisse Leute ‘Empfehlungsbriefe’ an euch oder von euch nötig? Nein! Unser Empfehlungsbrief seid ihr! Er ist uns ins Herz (unauslöschlich) eingeschrieben und wird von aller Welt zur Kenntnis genommen und gelesen! Bei euch liegt es ja klar zutage, daß ihr ein Brief Christi seid, der von uns in Seinem Dienst angefertigt wurde, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes! — nicht auf Steintafeln (wie das Gesetz vom Sinai), sondern (nach der Prophetenverheißung vom Neuen Bund) auf Herzenstafeln von Fleisch!”

Paulus will sagen: Wir haben einen gottgemäßen und darum viel besseren Empfehlungsbrief als unsere Feinde, die euch — womöglich mit Empfehlungsbriefen aus Kreisen der Jerusalemer Gemeinde — verwirren wollen! Was sie stolz mit Tinte auf Pergament geschrieben tragen, zeigt doch nichts von wirklicher Geisteswirksamkeit, von Frucht der Arbeit in Gestalt lebendiger Gemeinden! Wenn das aber kein Empfehlungsbrief für die Wirksamkeit des Heiligen Geistes ist, was denn sonst?

In Kap. 4 begegnen uns weitere Vorwürfe: Offensichtlich bezichtigte man Paulus, er arbeite mit “schändlicher Heimlichtuerei”, lege also “die Karten nicht offen auf den Tisch”, er sei “arglistig” und “verschlagen”, d. h. er habe es faustdick hinter den Ohren und wolle die Menschen, die er evangelisiere, gewissermaßen an die falsche Adresse verkaufen; man brandmarkte die Motive seines Dienstes als unedel und gesetzlos. Dies gipfelte in der Behauptung, Paulus “verfälsche das Wort Gottes”. Damit begannen die gläubigen Pharisäer aus Jerusalem einen Frontalangriff gegen Paulus, der das Gesetz als Vorbedingung zum Heil radikal ablehnte und die Gnade allein als freien Zugang zu Gott rühmte. Sie aber forderten das Halten des Gesetzes mit allen seinen Forderungen als Grundlage des Heils und Vorbedingung zum Erlangen der Versöhnung! Letzten Endes bedeutete dies, daß ein Heide erst Jude werden mußte, um dann “langsam in die Gnade Jesu hineinwachsen” zu können. Und so verhetzte man die Paulusgemeinden mit der Devise, er “verfälsche das Wort Gottes”, d. h. die Botschaft des Alten Testamentes. Diesen Meinungen schlossen sich offensichtlich viele neubekehrte und unsichere Gemeindeglieder an.

Sodann warf man Paulus vor, er “treibe keine offene Verkündigung”, die von ihm verkündigte Heilsbotschaft sei vielmehr “verdeckt”, “verschleiert” oder “verhüllt” — sie “trage eine Decke”.

Hier fällt nun das Stichwort für die Überlegungen des Apostels, die wir in diesem Artikel betrachten wollen. Seine Gegner wollten wohl sagen: Die Verkündigung des Paulus ist so unverständlich und unergründlich, daß sie kein Mensch mit “normalem und gesundem Menschenverstand” begreifen könne.

Von diesen Vorwürfen wußte offensichtlich auch Petrus, wenn er später schreibt, was Paulus mittels der ihm verliehenen Weisheit schriebe, sei “schwer zu verstehen und könne darum von Unwissenden und Unbefestigten zu ihrem eigenen Verderben leicht verdreht werden” (2. Petr. 3, 15-16).

“Viel zu kompliziert, viel zu gefährlich!” sagte man schon damals von der Verkündigung des vollen Christusevangeliums. Man habe das Gefühl, als ob Paulus seine Botschaft absichtlich “verschleiere”, damit man ihm nicht hinter die Schliche käme; eine “verhüllende Decke” läge über allen seinen Aussagen.

Die Angriffe gipfeln in der Aussage, Paulus verkündige mit seinen Mitarbeitern “nicht Jesus, den Messias, sondern sich selbst”, mache also Propaganda für die eigene Person (2. Kor. 4, 1-5). Paulus antwortet als ein treuer Zeuge und Diener Jesu Christi, indem er seine Antwort mit Aussagen der göttlichen Offenbarung verflicht:

“Deshalb werden wir, weil wir infolge des uns widerfahrenen göttlichen Erbarmens dieses Amt zu verwalten haben, nicht mutlos, sondern haben uns von aller ’schändlichen Heimlichtuerei’ losgesagt; denn wir gehen nicht ‘mit Arglist um’, ‘verfälschen’ auch das Wort Gottes nicht, empfehlen uns vielmehr durch die offene Verkündigung der Wahrheit jedem Gewissensurteil der Menschen vor den Augen Gottes. Wenn aber dennoch die von uns verkündigte Heilsbotschaft ‘verhüllt’ ist (oder eine Decke trägt), so ist sie doch nur bei denen verhüllt, die verlorengehen, weil in ihnen der Gott dieser Weltzeit (der Satan) das Denkvermögen der Ungläubigen verblendet (verdunkelt) hat, damit ihnen nicht aufstrahle der Lichtglanz der Heilsbotschaft der Herrlichkeit des Messias, der das Ebenbild Gottes ist. Denn nicht ‘uns selbst’ verkündigen wir, sondern den Messias Jesus als Herrn, ‘uns selbst’ aber allenfalls als eure Sklaven um Jesu willen! Denn derselbe Gott, der (bei der Schöpfung) gebot: ‘Aus der Finsternis strahle das Licht hervor!’, ER ist es auch, der (bei der Neuschöpfung) den Lichtglanz in unseren Herzen hat aufstrahlen lassen, um (uns) die Erkenntnis der Gottesherrlichkeit im Angesichte Jesu Christi erglänzen zu lassen” (2. Kor. 4, 1-5).

Dazu noch die Kapitel 2, 17 und 3, 12:

“Und wer ist zu solchem Dienste befähigt? Nun, wir machen es nicht wie so viele, die mit Gottes Wort hausieren gehen (und es verfälschen); nein, aus reinem Herzen, nein, getrieben von Gott, reden wir vor Gottes Angesicht in Christus!”

“Weil wir nun eine solche Hoffnung haben, treten wir auch mit rückhaltlosem Freimut auf und machen es nicht wie Mose, der eine Decke auf sein Angesicht legte …”

Warum verstanden viele, sonderlich aus dem Judentum, die Botschaft des Paulus nicht? Warum wird sie bis in unsere Tage so wenig verstanden? Nicht darum etwa, weil die Glieder der Gemeinden zu wenig Verstand hätten oder keine höhere Bildung, weil sie kein Griechisch gelernt und keine Theologie studiert haben, sondern weil der Satan das Denkvermögen vieler geblendet und damit verblendet und verdunkelt hat. Solche Blendung aber geschieht durch ein “Zuviel an Licht”, allerdings an widergöttlichem Licht aus der finsteren Restherrlichkeit des ehemaligen Gottesfürsten, der sich zum Lichtesengel verstellen kann.

Das ist wie bei einem Reh oder bei einem Hasen, der nachts die Straße überquert, in den Scheinwerferlichtkreis eines heranbrausenden Autos gerät und dann so geblendet wird, daß alle Fluchtreaktionen gelähmt werden und er glattweg auf der Straße sitzenbleibt und überfahren wird. So kann es geschehen, daß in der Bundesrepublik mehr Wild von Autos überfahren wird, als im ganzen Jahr der Jagd zum Opfer fällt.

Satan arbeitet mit faszinierenden Blendungen

Auch der Satan arbeitet mit solchen Blendungen. Er blendet die Menschen mit der Strahlkraft seiner finsteren Majestät, mit der Faszination “einleuchtender” Menschenphilosophie. Dann kann ihnen das “heimliche”, verborgene Licht des Evangeliums nicht aufstrahlen, weil ihre geistlichen Augen geblendet sind. Wenn mich ein Scheinwerfer geblendet hat, kann ich das Licht einer Kerze nicht mehr wahrnehmen. Gottes Licht ist bei aller Stärke und inneren Strahlkraft doch unaufdringlich und nur dem sichtbar, der aus der Wahrheit ist! Es will nicht blenden, sondern erleuchten.

Das Denkvermögen der Nichtglaubenden ist geblendet von Satan, dem Gott dieses Äons. Nicht der Vater Jesu Christi, sondern der Satan ist der “Fürst dieses Kosmos” und der “Gott dieser gegenwärtigen bösen Weltzeit”. Der Vater Jesu Christi ist der König aller Weltzeiten, doch der Gott dieser Weltzeit, dem die Nationen opfern und in der Blindheit ihres Geistes dienen, ist der Satan. “Was die Nationen opfern, opfern sie den Dämonen” — auch in der erlauchtesten Religion (1. Kor. 10, 20)! Dies gilt bis heute. Nur die Gemeinde Jesu ist der Autorität und Rechtsbefugnis des Satans und seiner Mächte entnommen und versetzt in das Königreich des Sohnes Seiner Liebe, da sie im Heiligen Geiste angepaßt wurde zur Teilnahme am Erbteil der Heiligen in dem Lichte (Kol. 1, 12-13).

Ihr gehören alle an, denen der Lichtglanz der vollen Heilsbotschaft von der Herrlichkeit des Christus aufstrahlen konnte, die in ihren Herzen den Widerschein der Gottesherrlichkeit auf Seinem Angesichte wahrnehmen. So leben sie jetzt schon in einem anderen Herrschaftsbereich, unterstehen einer anderen Autorität und Rechtsbefugnis — nämlich der Herrschaft Gottes.

Gott hat in einem Akt der Neuschöpfung in unseren Herzen das schöne Bildnis Jesu Christi bleibend aufstrahlen lassen. Dies aber war eine wesentlichere Umwandlung als die beim Werk der ersten Schöpfung. Gott rief in das dunkle Chaos unserer Herzen: “Es werde Licht!” und “Es ward Licht. Und Gott sah das Licht an, daß es gut war”. Er trennte durch Sein schöpferisches Wort in uns Geist und Seele, Geistliches und Seelisches, Licht von der Finsternis unseres alten Wesens. Sein Heiliger Geist war bei diesem Schöpfungswerk wesentlich beteiligt. Seitdem können wir — dank des Geisteslichtes — die Dinge verstehen, die uns von Gott gegeben sind.

Wenn wir Gottes Wort nicht verstehen, wenn wir gar gegen Gottes Wort revoltieren oder zu beweisen suchen, wie sehr es sich doch widerspreche, so liegt das nur an unserem Ungehorsam und an der Verblendung unseres Geistes durch den Satan! Opposition gegen Gottes Wort kommt niemals aus dem Heiligen Geist! Dieser will uns vielmehr in das Ganze der Wahrheit leiten.

Im Anschauen Jesu sehen wir den Vater

Nicht mehr auf dem Angesichte Moses, sondern im Angesicht Jesu Christi erstrahlt uns die Herrlichkeit des lebendigen Gottes. Darum heißt auch die Botschaft, die wir (durch die Apostel) von IHM hörten: Gott ist Licht, und keinerlei Finsternis ist in Ihm (1. Joh. 1, 5)! So dürfen wir dem Ewigtreuen trauen. In Ihm sind keine bösen und boshaften Beweggründe, Er unterliegt keiner Wesensveränderung, Sein Licht erfährt keinen Schatten noch Lichteswechsel, und Er versucht weder zum Bösen noch kann Er vom Bösen versucht werden (Jak. 1, 16-17). Von Ihm, dem Vater der Lichter, kommt nur gute Gabe und vollkommenes Geschenk. Sein Licht und Seine Herrlichkeit erstrahlen in Jesus Christus, in dem ja die ganze Fülle der Gottheit körperlich wohnte und wohnt. Und wenn wir Jesus Christus in Seinem Werk und Wort vernehmen, dann sehen und hören wir den Vater. So kann Er, der die Herrlichkeit des Vaters widerspiegelt, sagen: “Ich und der Vater sind (wesens-)eins.”

Es ist eine Lüge des Teufels und bestenfalls Erzeugnis einer verkorksten Erziehung, wenn wir Gott “ganz anders” sehen als Jesus, als den Tyrannen, der nur darauf wartet, uns quälen und schlagen zu können. So übertragen viele das Erlebnisbild ihres Vaters, das sich ihrem Unterbewußtsein während ihrer Kindheit einprägte, auf Gott. Diese Urbilder des Unterbewußten können nur durch den Geist Gottes ausgelöscht werden, der den Sohn und den Vater in unseren Herzen verklären will. Wenn wir Jesus anschauen in Seiner uferlosen Barmherzigkeit, in Seiner nimmermüden Geduld, in Seiner Tragkraft und unermüdlichen Liebe, in der Kraft Seines um Gott eifernden Geistes, der das Böse haßt und den Bösen liebt, wenn wir Ihn anschauen, der angesichts zuvorverkündigter Gottesgerichte und am Sarge des toten Freundes im Geiste erschüttert wird und Tränen vergießt, den es vor Jammer schier zerreißt ob der Herde Israel, die keinen Hirten hat — dann sehen wir den Vater! So ist der Vater und nicht anders! Und auch Seine härtesten Gerichte sind nur die “ultima ratio”, das letzte Mittel Seiner heimsuchenden Liebe!

So dürfen wir Ihm trauen und zu Ihm, dem Vater, beten im Namen Jesu; Er selbst gebot es uns so. So dürfen wir, getrieben vom Geiste der Sohnschaft, sagen: “Abba, lieber Vater!”

Noch einmal: Im Angesichte Jesu Christi erglänzt uns die Herrlichkeit des Vaters. “Niemand kennt den Vater als nur der Sohn (und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater) und wem Ihn der Sohn will offenbaren” (Matth. 11, 27). Durch die Heilsbotschaft der Apostel ist diese Herrlichkeit in unseren Herzen aufgestrahlt, die verhüllende Decke, das verfinsterte Denkvermögen, ist gefallen.

2. Kor. 3: Paulus — ein Diener des Neuen Bundes

Nun darf ich zum eigentlichen Gedankengang zurückkehren. Paulus sagt: Es gibt Leute — auch in der Gemeinde — bei denen die Heilsbotschaft, die wir verkündigen, tatsächlich so verschleiert und verdunkelt ist, als ob eine Decke darüberläge. Er streitet also den Vorwurf seiner Feinde keineswegs ab, sondern führt ihn auf seine Wurzeln zurück.

Die Vorwürfe erwecken in dem bibelkundigen Paulus die Erinnerung an ein alttestamentliches Vorbild, in dessen Text ebenfalls von einer “Decke” die Rede ist. Aus der Fülle alttestamentlicher Anschauung entfaltet Paulus tiefe Gedanken von der Decke, die über dem Angesichte Moses liegt. Er betrachtet Moses und sein Handeln als ein Modell für den heilsgeschichtlichen Weg Israels, für seine Verblendung und Umkehr; so wird Moses ihm zum Propheten, der in seinen Handlungen prophetische Geheimnisse darstellt, wie wir das oft im AT finden, da ja die wenigsten der Propheten Israels Schriftpropheten waren.

Dabei sollten wir beachten, daß es vor allem messiasgläubige Juden waren, die Paulus befeindeten und seine Botschaft bekämpften. Gerade sie aber sind in 2. Kor. 3 und 4, 3-4 gemeint: Auf ihrem Angesicht, über ihrem geistlichen Wahrnehmungsvermögen lag eine die Heilsbotschaft verhüllende “Decke”.

Von diesen Betrachtungen nun handelt der Text des 3. Kapitels. Wir haben den Weg gewählt, den Textzusammenhang gleichsam “vom Ende her aufzurollen”, von den Ergebnissen, Folgerungen und Zielen her, wie dies oft bei Paulus von Nutzen ist. An seinen oft schwierigen Texten verspürt man eben doch den großen Gottesgelehrten. Ich möchte nun den Text abschnittweise nach der Übersetzung von Menge wiedergeben:

“Solche Zuversicht haben wir aber durch Christus Gott gegenüber; nicht, als ob wir aus uns selbst tüchtig wären, etwas auszudenken, als stamme es von uns selbst; nein, unsere Tüchtigkeit stammt aus Gott! Er ist es auch, der uns tüchtig gemacht hat zu Dienern (Diakonen) des Neuen Bundes, (der ein Bund) nicht des Buchstabens, sondern des Geistes (ist); denn der Buchstabe (des Gesetzes) tötet, der Geist aber macht lebendig” (Vers 4-6).

Wem gilt der Neue Bund?

In unserem Text stellt Paulus immer wieder dem am Sinai geschlossenen Alten Bund einen Neuen, in dem Messias Jesus geschlossenen Bund gegenüber, dessen Diener Paulus ebenso wurde, wie alle anderen Apostel, — ungeachtet dessen, daß er nun nach geistgewollter Arbeitsteilung den Weltvölkern und die Zwölf dem Volke Israel die Christusbotschaft verkündigten!

Zweifellos gilt der “Neue Bund” im eigentlichen Sinn denen, mit denen auch der “Alte Bund” geschlossen wurde, also dem Volke Israel, da er ja die endzeitliche Erneuerung des Sinaibündnisses, des Ehebundes Jehovas mit Israel darstellt, nur, daß dann durch den lebendigmachenden Geist Gottes Wort und Gesetz den Herzen eingeschrieben wird; doch hat auch die Gemeinde des Christusleibes Anteil an diesem Neubunde! Er hat in ihr schon begonnen, ja, sie wird zu einem diakonischen Werkzeug zu seiner Herbeiführung. Der Königspriesterdienst der Christusgemeinde steht in einer unmittelbaren Beziehung zur endzeitlichen Erneuerung Israels (man beachte Offb. 1, 6.7!). Darum kann auch Paulus sich hier einen “Diakon des Neuen Bundes” nennen.

Im vorliegenden Text wird beständig der Alte mit dem Neuen Bund verglichen, werden die Wesenszüge der Gesetzesherrlichkeit der Heilsherrlichkeit in Jesus, dem Messias, gegenübergestellt.

“Wenn nun aber schon der Dienst, der den Tod (des Sünders) bringt, mit seiner auf Stein eingegrabenen Buchstabenschrift solche Herrlichkeit besaß, daß die Israeliten das Angesicht Moses nicht anzuschauen vermochten wegen des auf seinem Antlitz liegenden Glanzes, der doch wieder verschwand: wie sollte da der Dienst des Geistes (die Diakonie, die im Geiste geschieht) nicht eine noch weit größere Herrlichkeit besitzen?” (Verse 7-8).

Der heilsgeschichtliche Dienst, der in Jesus, dem Messias, begann und in der Gemeinde Seines Leibes fortgesetzt wird, besitzt eine größere Herrlichkeit, als sie das Buchstabengesetz besaß, das den Tod des Sünders bewirkte. Paulus will sagen: Das kann auch gar nicht anders sein! Denn die Heilsentwicklung ist immer ein Heilsfortschritt, und die Entfaltung der göttlichen Offenbarung ein Anstieg auf dem Wege zum Ziele der Weltvollendung und eine Mehrung der Gottesherrlichkeit auf Erden. In einem andern Zusammenhang nennt dies der Apostel das “Wachstum Gottes” (Kol. 2, 19b).

“Denn wenn schon der Dienst, der die Verurteilung zum Tode bringt, Herrlichkeit besitzt, so muß der Dienst, der die Gerechtsprechung vermittelt, in noch viel höherem Grade überreich an Herrlichkeit sein! Ja (noch mehr): die auch dort vorhandene Herrlichkeit verschwindet in dieser Beziehung völlig gegenüber der überschwenglichen Herrlichkeit (des Neuen Bundes). Denn wenn schon das Vergehende Herrlichkeit besitzt, so muß das Bleibende in einer noch viel größeren Herrlichkeit bestehen. Weil wir nun eine solche Hoffnung haben, treten wir auch mit rückhaltlosem Freimut auf und machen es nicht wie Mose, der eine Decke auf sein Angesicht legte, damit die Israeliten nicht das Ende des dahinschwindenden (Glanzes) wahrnehmen könnten!” (Verse 9-12).

Ich möchte den Text von Kapitel 3 hier zunächst abbrechen; später sollen seine Aussagen noch klar zusammengefaßt werden. Mir ging es früher lange so, daß ich von diesem Kapitel kaum etwas verstand, bis mir der Schlüssel gegeben wurde, den auch Paulus benutzt: der Anschauungshintergrund einer alttestamentlichen Begebenheit. Alle Begebenheiten der Geschichte Israels widerfuhren ja den Gliedern dieses Auswahlvolkes typisch, vorbildhaft; sie wurden niedergeschrieben zur Ermahnung derer, denen die Endergebnisse der Heilszeiten zukommen, und das ist die Gemeinde Christi (1. Kor. 10, 11).

Was hat es nun mit dieser “Decke” auf sich? Warum verbarg Moses die Herrlichkeit und den Lichtglanz auf seinem Angesichte, indem er eine Decke darüberbreitete?

“Leitworte” erschließen uns biblische Zusammenhänge

Wir werden zur Klärung dieser Frage den alttestamentlichen Text lesen müssen, auf den Paulus anspielt; als Rabbiner Israels kannte er ja (wie die meisten frommen Juden seiner Zeit) die meisten wichtigen Texte seiner Bibel auswendig! Er konnte sie darum auch ständig im Geiste verknüpfen und so immer neue Beziehungen stiften. Das entspricht auch dem Charakter des göttlichen Wortes, da es ein wunderbarer, lebensvoller, vom Geiste erschaffener einheitlicher Organismus ist. So kann man Gottes Wort nur durch Gotteswort deuten. Prof. Martin Buber (der große jüdische Theologe) spricht diesbezüglich im Geleitwort zu seiner Psalmenübersetzung von “Leitworten” und führt u. a. aus:

“Manche Leitworte offenbaren ihre Sinnweite und -tiefe nicht von einer einzigen Stelle aus; die Stellen ergänzen, unterstützen einander, Kundgebung strömt dauernd zwischen ihnen, und der Leser, dem ein organisches biblisches Gedächtnis zu eigen geworden ist, liest jeweils nicht den einzelnen Zusammenhang für sich, sondern als von der Fülle der Zusammenhänge umschlungen!”

Ich habe mich über dieses Zeugnis gefreut, da es unsere Weise der Schrifterklärung unterstützt. Daß diese “latente (im Verborgenen aufgespeicherte) Theologie der Heiligen Schrift” sich weltenweit unterscheidet von der heute gängigen christlichen Theologie, hat seinen Grund darin, daß letztere Gottes Wort nicht mehr im Vollsinn als Gottes Wort gelten läßt, sondern vielmehr zu erforschen sucht, was der einzelne biblische Schreiber “damals”, “hier und nirgendwo anders” sich bei dem, was er niederschrieb, gedacht habe.

Es ist etwas Köstliches, wenn sich auch bei uns durch langes und getreues Bibellesen die von Buber umrissene Haltung herausbildet, daß wir ganze Texte und Zusammenhänge auswendig wissen und sie allüberall im Geiste bewegen und verknüpfen können! Dies kann dann bei mechanischer Arbeit, im Auto, in der Straßenbahn, bei Wanderungen und handwerklichen Arbeiten geschehen. Der glückselige Mann, von dem Psalm 1 berichtet, “meditierte” über dem Worte Gottes “Tag und Nacht”, wobei das hebräische Wort eigentlich das “Knurren” eines Raubtieres über seiner geschlagenen Beute kennzeichnet. Offensichtlich geschah das Erwägen und Verknüpfen biblischer Zusammenhänge auch während des Schlafes in seinem Unterbewußtsein. Haben wir das auch schon einmal erlebt, daß der “Herr es den Seinen (oder Seinem Freunde) im Schlafe schenkt”, daß sich am nächsten Morgen Zusammenhänge geklärt hatten, denen wir am Tage zuvor vergeblich nachsannen? Solchen glückseligen Menschen, die Gottes Wort “lesen, hören und bewahren”, “strömen die Texte Kundgebung zu”; ihnen bilden sich im unerschöpflichen Ozean göttlichen Verheißungswortes mehr und mehr feste Inseln der Gewißheit, auf denen der Fuß des Glaubens zu wandeln vermag, an denen der Glaubende vermöge fester Gewißheit das Schiff seiner Hoffnung verankern kann. Zwischen diesen “Inseln” können wir dann “hin- und herfahren”, d. h. zwischen ihnen Beziehungen stiften. Wie wichtig ist es doch, daß wir Gottes Gedanken nachdenken lernen und dabei unsere Gedanken unter den Gehorsam des Christus gefangennehmen!

So wollen wir nun den Text aus 2. Mos. 34 betrachten, ehe wir dann von diesem Hintergrund göttlicher Offenbarungsgedanken her wieder zu 2. Kor. 3 und 4 zurückkehren, wo wir ja immer wieder die Ausdrücke “Decke, “verdecken”, “verhüllt sein”, “verhülltes” und “unverhülltes Angesicht” finden.

2. Mos. 34, 27-29: Der Widerschein der Herrlichkeit Jehovas (2. Kor. 3, 18)

2. Mos. 34 berichtet uns von jenen 40 Tagen und Nächten, die Moses auf dem Gipfel des Sinai weilte, um Gottes Gesetz zu empfangen. Unter dem schaurigen Ton des allesdurchdringenden Widderhorns (oder Posaune, hebr. Schophar) war er auf den rauchenden und bebenden Berg hinaufgestiegen, um dem Jehova in Seiner Herrlichkeitswolke zu begegnen. Diese Gotteswolke, die von den Rabbinern “schechina” (Wohnung) genannt wurde, war ja keine Regenwolke. Ich habe schon manchmal darauf hingewiesen: Wenn man sie mit einer Wolke vergleichen wollte, dann allenfalls mit ihrer technisch-satanischen Nachäffung, der durch eine Kettenreaktion freigesetzten atomaren Energiewolke. Die Wolke, die Jehovas Gegenwart anzeigte und doch Seine Herrlichkeit und Gotteskraft verhüllte, die Er bewohnte mit den Engeln Seines Thrones, die des Tages Schatten spendete und des Nachts wie loderndes Feuer erglänzte, war ebenfalls eine Energiewolke: in ihr zeltete Gottes und des göttlichen Geistes Kraft. So konnte es sich im Gericht ereignen, daß von ihr “Feuer ausging”, vernichtend “von einem Ende des Lagers Israel bis zum anderen”! Da “entlud” sich die Gerichtsenergie Gottes. Die Wolke bildete so gewissermaßen eine Manifestations-Brücke aus der überkosmischen Gotteswelt in den geschaffenen Kosmos.

In das Zentrum dieser strahlenden Energie- und Herrlichkeitswolke stieg Moses hinein, bis er dem Jehova begegnete, mit dem er dann “wie mit einem Freunde” redete. Dieser Jehova — “der Fels, hochgelobet sei Sein Tun!” — war niemand anderes als der Christus, der Gottessohn (1. Kor. 10, 1-3; Ps. 95, 1; 5. Mos 32, 4.13.15.18.30.31).

40 Tage und 40 Nächte war Moses auf dem Berge, — bei Jehova. “Er aß kein Brot und trank kein Wasser” (Vers 28), — so wie später der Gottessohn 40 Tage und Nächte in der Wüste Juda nichts aß und trank und als “der Mensch” von einem jeden Worte lebte, das dem Munde Gottes entströmte. Auch Moses konnte dies nur ertragen, weil er aus den Kräften und Energien der Gottesgegenwart in der Wolke lebte, die beständig auf ihn überströmten. Sein natürliches Leben war gänzlich eingebettet in die göttliche Kraftzentrale. Dies zum Verständnis der folgenden Verse:

“Und Jahwe sprach zu Mose: Schreibe dir diese Worte auf, denn auf Grund dieser Verordnungen habe ich mit dir und mit Israel einen Bund geschlossen! Und er war daselbst bei Jahwe 40 Tage und 40 Nächte; er aß kein Brot und trank kein Wasser. Und Jahwe schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die 10 Worte. Und es geschah, als Mose von dem Berge Sinai herabstieg — die beiden Bundestafeln trug er in Händen, als er vom Berge herabstieg —, da wußte Mose nicht, daß die Haut seines Angesichtes strahlte, weil er mit IHM geredet hatte” (Verse 27-29).

Angeregt von dieser Aussage bezeugt später Paulus in 2. Kor. 3, 17-18:

“Der Herr (Jahwe/Christus) ist der Geist; wo aber Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit! — Wir alle aber (im Gegensatz zu Mose) mit unverhülltem Angesichte die Herrlichkeit des Herrn anschauend (und widerspiegelnd), werden dadurch in Sein Bild umgestaltet — von Herrlichkeit zu Herrlichkeit (oder: zu immer größerer Wesensklarheit) — von dem Herrn, der der Geist ist!”

Ein wesentliches Kennzeichen für die Wirksamkeit Heiligen Geistes ist dies: er schafft Freiheit! Wo sich in der Christusgemeinde Unfreiheit und Gesetzlichkeit ausgestalten, ist dies keine Wirkung des Heiligen Geistes, vielleicht sogar Wirkung von Engels- oder Dämonengeist. Der großangelegte Versuch des Satans besteht darin, die Gemeinde entweder unter das Joch der Gesetzlosigkeit oder der Gesetzlichkeit zu bringen. Wo aber der Geist des Herrn wirkt, herrscht Freiheit! Wir könnten in der Umkehrung sagen: Wo immer sich in der Gemeinde christusgebundene Freiheit von Gesetz, Sünde und Ichsucht entfaltet, da wirkt göttlicher, heiliger Geist. Auch darin unterscheiden wir ihn vom Geiste des Irrtums, der Lüge und des Antichristen.

Wir schauen die Herrlichkeit des Herrn in Seinem Worte, das uns der Heilige Geist erleuchtet und verklärt. Durch das Anschauen Seiner Sohnesherrlichkeit werden wir Ihm gleichgestaltet. Dieser Prozeß der Wesensumwandlung beginnt schon jetzt und endet erst dann, wenn wir in Seiner Wiederkunft Ihm völlig gleichen und zur “Freiheit der Herrlichkeit der Gottessöhne” erhoben werden. Im Anschauen Seiner Herrlichkeit aber gleichen wir einem Spiegel, der diese Herrlichkeit widerzuspiegeln vermag. Das “Anstrahlen” anderer aber geschieht meist, ohne daß wir darum wissen. So geschah es ja bei Mose: “Er wußte nicht, daß sein Angesicht strahlte, weil er mit Jahwe geredet hatte!”

In der gegenwärtigen Heilszeit können wir die Herrlichkeit Christi nur in Seinem geistverklärten Wort wahrnehmen; es gibt gar keine andere Wahrnehmungsmöglichkeit, und wer etwas anderes lehrt, betrügt die Gemeinde. Wer da meint, er könne die Christusherrlichkeit mit seinen “edlen” und “frommen” Gefühlen erfassen, betrügt sich selbst; er könnte es eines Tages erleben, daß der Teufel sich des Instrumentariums der Gefühle bedient (das weithin dem Zustande der Nerven und dem Gleichgewicht hormonaler Ausschüttungen unterliegt) und seine chaotischen “Weisen” darauf spielt! Dann schickt er dir belastende, niederdrückende und unschöne Gefühle und höhlt dich innerlich aus — und du hast dem nichts entgegenzusetzen, was aus dem Geiste stammt und nicht den Wallungen des Gefühls unterliegt!

Dem können wir nur entgehen, wenn wir im Geiste leben und die Herrlichkeit des Herrn in Seinem Worte beständig anschauen. Denn das Wort ist der Spiegel, der — wenn auch nicht in letzter Klarheit — die Herrlichkeit des Herrn widerspiegelt — bis zum Tage Jesu Christi, wo das Vollkommene erscheinen wird und wir Ihn erkennen werden, wie Er uns schon jetzt erkannte, wo wir Ihn sehen werden, wie Er tatsächlich ist! In der “Apokalypse” (Enthüllung) Jesu Christi werden wir Ihm gleich sein und Ihn auf der Ebene von Wesensgleichen sehen von Angesicht zu Angesicht.

Noch schauen wir zwar in einem dunklen Spiegel, in einem oft rätselhaften Wort (1. Kor. 13, 12), doch schauen wir Ihn in Seiner unvergleichlichen Herrlichkeit und Wesensschönheit, da ja der Heilige Geist, der Ihn uns verklären will, das Wort lebendig macht.

Je mehr wir aber den Herrn anschauen und mit Ihm reden über der Betrachtung Seines Lebenswortes, um so klarer strahlen wir Seine Wesensherrlichkeit wider. Darum weisen wir immer wieder darauf hin, wie außerordentlich wichtig es ist, wenn wir allen Fleiß aufwenden, um uns mit dem Wort des Lebens zu beschäftigen: volle Gewißheit des Glaubens kann nur daraus erwachsen!

Wir leiden irgendwann schweren geistlichen Schaden, wenn wir uns mit dem Andachtsbuch oder Kalenderzettel genügen lassen. Wollen wir es erleben, daß die Wesensherrlichkeit, die wir einmal besaßen, abnimmt und das “Thermometer unseres Heilserlebens” auf den Gefrierpunkt absinkt? Als Glieder Seines Leibes können wir nicht existieren vom Rückblick auf selige Gefühle einer einstigen Bekehrung! Unter solchen Umständen entschwindet die Strahlkraft des neuen Lebens (wie bei Mose), wenn wir nicht wie er immer wieder neu die Gemeinschaft mit dem Herrn suchen, mit Ihm reden, Seine Herrlichkeit im Wort anschauen und auf diese Weise verwandelt werden in Sein Ebenbild.

Es geht um Verwandlung von innen — nicht um äußeren Glanz, wie Mose ihn trug! Das ist das Neue, daß der inwendige Mensch des Geistes täglich erneuert werden kann nach dem Bilde dessen, der ihn erschuf, ob auch der äußere Mensch mehr und mehr verfällt (2. Kor. 4, 16).

Wir sollten Ihm immer wieder neu begegnen, um teilnehmen zu können am Gesamtwachstum Seines Leibes in unserer Zeit! Jedesmal, wenn Moses wieder zum Zelt der Zusammenkunft (oder der Begegnung) kam, um mit dem Herrn zu reden, nahm er die Decke von seinem Angesicht, und der Glanz auf seinem Angesicht erneuerte sich, der zuvor (von der Decke verhüllt) dahingeschwunden war (Verse 33-35).

Es muß etwas Wunderbares gewesen sein: Sein Angesicht leuchtete in einer ähnlichen Klarheit wie bei Jesus auf dem Verklärungsberge, allerdings mit dem Unterschied, daß auch Moses die Herrlichkeit des Christus-Jehova nur widerspiegelte. Von Jesus heißt es ja, daß Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne in ihrer Vollkraft. Die Gotteswolke überschattete auch Ihn. Er offenbarte sich in der Klarheit Seiner endzeitlichen Erscheinung, und das kommende Gottesreich wurde so in einem prophetischen Modell Seinen Jüngern vor Augen gestellt.

So ähnlich, wenn auch auf einer tieferen Stufe, müssen wir uns das bei Moses vorstellen. Aber: er wußte davon nichts!

2. Mos. 34, 29: Gottes Herrlichkeit erstrahlt in irdenen Gefäßen (2. Kor. 4, 7)

Auch uns bleibt es oft verborgen, wenn wir etwas von Christi Wesen zu Seiner Verherrlichung widerstrahlen! Wahrscheinlich ist dann sogar unser Dienst, Reden und Tun am gesegnetsten, weil am unbeflecktesten von der verfluchten Ehrsucht des Fleisches.

Gott gibt Seine Segnungen und Vollmachten nicht in unseren “Zugriff”, der uns darüber nach freiem Ermessen verfügen ließe, damit uns unser Hochmut nicht verblende. Das würde uns doch genau passen, wenn wir gleichsam wie auf “Knopfdruck” die Christusherrlichkeit und -vollmacht in uns erstrahlen lassen und so eine geistliche Schau produzieren könnten! Wir würden uns dann schon die dem Fleische geeignetsten Zeitpunkte und Gelegenheiten aussuchen! Wie gerne würden wir alle doch mit den Erfolgen unserer Frömmigkeit paradieren und allen unsere “weiße Weste” herzeigen!

Moses wußte nichts davon, was ihm geschah, und im Verborgenen erstrahlte von seinem Angesicht der Widerschein der Herrlichkeit Jehovas. So soll es auch bei uns sein. Diese Herrlichkeit könnten wir auch nicht aus uns selbst und aus unseren natürlichen Befähigungen und Kräften erzeugen. Deshalb sagt Paulus: Darum werden wir nicht müde, weil wir Barmherzigkeit empfangen haben als Geschenk, darum verkündigen wir das Offenbarungswort mit rückhaltlosem Freimut, weil wir unverhüllten Angesichtes (d. h. ohne etwas verborgen zu haben) die Herrlichkeit des Herrn anschauen, sie widerspiegeln und in das geschaute Christusbild verwandelt werden.

Gehört hierher nicht die Aussage von 2. Kor. 4, 7, die Paulus sicherlich auch im Gedanken daran machte, daß die bleibende Herrlichkeit der Glieder des Christus von innen her und nicht in einer äußeren Demonstration wie bei Moses erstrahlt? Lesen wir dieses wichtige Zeugnis:

“Wir besitzen aber diesen Schatz (nach den vorangegangenen Versen: die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesichte Jesu Christi!) in irdenen (tönernen, d. h. zerbrechlichen und anfechtbaren) Gefäßen, damit es sich erweise, daß die überschwengliche Kraftfülle (unseres Dienstes) aus Gott stamme und nicht aus uns selbst!”

Vor aller Welt, und sonderlich in der Gemeinde, soll es sich erweisen, daß der “Glanz” des neuen Menschen, die Leuchtkraft und Gotteserkenntnis des Geistes nicht unserem Naturbestand entstammen, sondern allein der dargereichten Gotteskraft, die sich am besten in der Schwachheit vollenden kann! Gott hat die Schätze der Herrlichkeit des Christusevangeliums in irdene, zerbrechliche und zumeist auch anfechtbare Gefäße gegeben, die lediglich eines tun können: die Darreichung vermitteln. So konnte man auch Paulus beleidigen und verleumden, konnte dunkle Punkte in seiner christuslosen Vergangenheit finden, man konnte ihn straflos verdächtigen, ja seine Schwachheit feststellen; er war keineswegs eine philosophisch interessante, Massen begeisternde Rednerpersönlichkeit, sondern arbeitete zuweilen in Schwachheit, mit vielem Zittern und in Furcht.

Irdene, zerbrechliche und anfechtbare Gefäße sind die Knechte Gottes und Christi auch heutzutage. Aber in diesen anfechtbaren Gefäßen, die jeder nach Herzenslust schmähen und verleumden kann, wohnt Gottes Herrlichkeit! Und so sollten wir uns scheuen, sie anzutasten! Sie stehen und fallen ihrem Dienstherrn! Was heute die Gemeinden weithin belastet, ist Klatsch und Tratsch, durch die in ihr die Botschaft der Dienenden entmächtigt werden soll.

Warum hat Gott solche Dinge zugelassen? Wäre es nicht besser, die Zeugen Jesu Christi besäßen auch im Neuen Bund eine äußere Leuchtkraft wie Moses, welche die Gemeinde zu Furcht und Zittern brächte? Dies ist aber keineswegs so. Ist etwa die Gemeinde hierin dem Volke des Alten Bundes unterlegen? Wir wünschten uns doch so gerne einen Mann, der alles kann und weiß, dem alle Gnadengaben eignen und der in unerschöpflicher Kraft all unseren Ansprüchen gerecht wird! Dann bräuchte man sich wenigstens nicht zu genieren, wenn man Außenstehende mitbringt! Wir suchen den “all-round man”, den Alleskönner, den Manager der schönsten Dinge. Er müßte natürlich zugleich Lehrer der Gemeinde, Evangelist, Hirte, Prophet sein und alles andere obendrein: unanfechtbar, ein glänzender Redner und Organisator, ein Mann mit feinem Herzenstakt und gewinnendem Charme, der niemals jemandem wehe tut und weder zuviel noch zuwenig sagt. Was sind wir doch für Toren!

Aber: Warum macht das Gott so, daß Er die überschwengliche und bleibende Herrlichkeit des Neuen Gottesbundes in zerbrechliche Tongefäße gab?

Paulus gibt die Antwort: Damit es sich erweise, daß die Kraft des Gotteswortes und des Dienstes nicht unseren klugen Köpfen und unserer disziplinierten Seele, sondern Gott allein entstammt! So dürfte es in der Christusgemeinde auch keine Menschenverherrlichung geben, und allein Gott sollte die Ehre für empfangenen Segen zuströmen. Bei aller Liebe zu denen, die Gottes Werk treiben, haßt es Gott, wenn wir uns “aufblähen für den einen gegen den anderen” (1. Kor. 4, 6). Auch das ist ein Gift, das die Gesundheit des Leibes Christi zu untergraben vermag.

So kann es geschehen, daß Gott Menschen durch unseren Dienst und unser ganzes Wesen segnete, ohne daß wir jemals davon erfahren, vielleicht sogar dann, wenn wir meinen, es sei ganz und gar fruchtlos gewesen; und wenn wir denken, im Triumph der Rede alle durchdrungen und “mitgerissen” zu haben, kann kein Segen zustande kommen, weil Gott Seine Ehre keinem anderen gibt. “Moses wußte nicht, daß sein Angesicht strahlte!”

“Und Er hat zu mir gesagt: Meine Gnade reicht aus für dich, denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Messias über mir zelte” (2. Kor. 12, 9-10).

“Dafür halte man uns: für Diener Christi und Hausverwalter der Geheimnisse Gottes. Übrigens sucht man auf Erden bei Verwaltern Treue. Mich aber berührt es nicht, wenn ich von euch oder von einem Gerichtskonzil der Menschen beurteilt werde; ja, ich beurteile mich selbst noch nicht einmal. Ich bin mir zwar selbst (keiner Untreue) bewußt, das rechtfertigt mich aber noch lange nicht! Der mich aber (recht) beurteilt, ist der Herr!” (1. Kor. 4, 1-4).

2. Mos. 34, 30-35: Moses als Modell für das Ende der Gesetzes-Herrlichkeit und für das verstockte Israel

Nun wollen wir die zweite Hälfte des Textes aus 2. Mos. 34 lesen:

“Und Aaron und alle Söhne Israel sahen Mose an, und siehe, die Haut seines Angesichtes strahlte; und sie fürchteten sich, ihm zu nahen. Und Mose rief sie an, und sie wandten sich ihm (wieder) zu, Aaron und alle Fürsten der Gemeinde, und Mose redete mit ihnen. Darauf traten auch alle Israeliten nahe an ihn heran, und er gebot ihnen alles, was Jahwe zu ihm auf dem Berge Sinai geredet hatte. Als er dann mit seinen Mitteilungen zu Ende war, legte er eine Decke über sein Angesicht. Jedesmal nun, wenn Mose (in das Zelt) hineinging — vor Jahwe — um mit Ihm zu reden, legte er die Decke ab, bis er wieder hinausging; und wenn er hinausgekommen war, redete er zu den Söhnen Israel alles, was ihm geboten worden war; dabei bekamen dann die Söhne Israel das Angesicht Moses zu sehen (und machten die Beobachtung), daß die Haut seines Angesichtes strahlte; Moses aber legte dann die Decke (oder: Hülle) wieder über sein Angesicht, bis er erneut (ins Zelt) hineinging, um mit IHM zu reden” (Verse 30-35).

Wann immer also Moses ins Bundeszelt trat, um dort dem Herrn zu begegnen und mit Ihm zu reden, so erneuerte sich die Herrlichkeit seines glänzenden Angesichtes im Schauen Jahwes. Wie uns schon 2. Kor. 3, 17-18 bezeugte, geschieht dasselbe an uns: Im Anschauen Seiner Herrlichkeit erneuert sich “unsere” Herrlichkeit, werden wir erneuert am inwendigen Menschen, nach dem prägenden Bilde dessen, der ihn erschuf (Kol 3, 10).

Warum breitete Moses eine Decke über sein Angesicht?

Nun sei aber endlich gefragt: Warum breitete Mose die Decke über sein strahlendes Antlitz? Hatte er etwas zu verbergen? War diese Handlung eine List?

Meist legt man ja 2. Mos. 34 — in Unkenntnis der paulinischen Deutung von 2. Kor. 3 — so aus, als habe Moses die Decke zur Abblendung benutzt, um aus Barmherzigkeit die Furcht der Söhne Israels zu dämpfen; sie hätten nicht dauernd vom Glanz der Herrlichkeit Jahwes getroffen werden sollen.

Dies stimmt aber nicht! Zwar gibt uns 2. Mos 34 die Deutung seines merkwürdigen Verhaltens nicht, aber Paulus gibt sie uns im prophetischen Geiste:

“Wir machen es nicht wie Moses, der eine Decke über sein Angesicht breitete, damit die Israeliten nicht das Ende des dahinschwindenden (oder: erlöschenden) Glanzes wahrnehmen sollten …” (2. Kor. 3, 12-13).

Der Glanz auf dem Angesichte des Mose wurde also immer schwächer, bis er schließlich ganz erlosch, und eben dieses Dahinschwinden und Erlöschen sollte den Israeliten verborgen bleiben, weil es ein prophetisches Geheimnis andeutet, das zur damaligen Heilszeit noch nicht geoffenbart werden konnte und sollte.

Die Herrlichkeit des Gesetzesbundes war zum Verschwinden bestimmt

Die Herrlichkeit, die sein Angesicht widerspiegelte, war der Glanz der Herrlichkeit des alten Gottesbundes im Gesetz, dem Paulus in 2. Kor. 3 die bleibende Herrlichkeit des Neuen Bundes gegenüberstellt. Moses wurde so zum prophetischen Modell: Indem Gott den Glanz der Herrlichkeit auf dem Angesichte des Gesetzesmittlers immer wieder erlöschen ließ, deutete Er an, daß die Herrlichkeit des Gesetzesbundes zum Verschwinden bestimmt ist und im Neubunde des Geistes enden und sich erfüllen soll (s. Hebr. 8 u. 9; Jer. 31 u. 32; Jes. 50; Hes. 16 usw.). Dies aber sollte geschehen in den Zeiten der Heilserfüllung, wenn der Messias Jesus die Väterverheißung erfüllen und das Gesetz in die Herzen der Israeliten schreiben werde. Erinnern wir uns noch einmal an das Pauluswort aus 2. Kor. 3, 3: “Bei euch liegt es ja klar zutage, daß ihr ein Brief des Messias seid, der von uns in Seinem Dienste ausgefertigt ist, geschrieben nicht mit Tinte, auch nicht eingemeißelt auf Steintafeln, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes geschrieben auf Herzenstafeln von Fleisch!

Wir haben es also hier mit einem typischen, modellhaften Geschehen zu tun, das die Wege zur Heilsentfaltung im voraus darstellt. Das Verschwinden der Herrlichkeit auf dem Angesichte des Mose deutete an, daß einmal die Herrlichkeit des Gesetzesbundes dahinschwinden werde, um in Christo Jesu einer größeren und bleibenden Herrlichkeit Platz zu machen; so weicht mit dem Kommen des Messias die Herrlichkeit des Gesetzes der Herrlichkeit der Erlösung.

Dies aber sollten und konnten die Israeliten damals noch nicht sehen und erfassen, daß der Haushalt des Gesetzes nicht das letzte im Heilsfortschritt der Zeiten sei, sondern vielmehr ein Ende habe. Die Zeit der Offenbarung dieser Zusammenhänge sollte erst mit Pfingsten kommen.

Moses als Prophet

So hat Moses als der größte Prophet Israels mehr geschaut als alle seine Brüder! Wir lesen ja, daß er “im Hinblick auf die Schmach des Messias” seine Entscheidung traf, die Reichtümer Ägyptens zu verlassen und mit seinem Volke Ungemach zu leiden; von ihm heißt es in Hebr. 11, daß er den Messias, “den Unsichtbaren”, im Geiste schaute, als sähe er Ihn. Wir lesen ferner, daß er als einziger in diesem prophetischen Glauben, in dieser Schau des Messias-Leidens das vorschattende Passah feierte. So gab er dieser Festfeier eine tiefere Bedeutung als alle Söhne Israels (Hebr. 11, 23-28). Und hier sehen wir, daß Moses von den Heilswegen Gottes, von Altem und Neuem Bund, von Verheißung und Gesetzesvorschattung und der Heilserfüllung in Christo etwas wußte und in eigener Person darstellte.

Er hängte also eine Decke über sein Angesicht, um zu seiner Zeit zu verbergen, was das Ende des Gesetzes sei, — andererseits, um zu dokumentieren, was einmal im Heilsverlauf mit Israel geschehen würde.

So wird er nun auch zum Modell für das verblendete und verstockte Israel, das auch nach der messianischen Heilserfüllung und nach der Eröffnung des prophetischen Geheimnisses durch die Apostel bis auf die heutige Zeit eine “Decke über dem Angesichte Moses” liegen hat. Das heißt aber, daß Israel in seiner Gesamtheit bis zur Gegenwart noch nicht erfaßt hat, daß die Herrlichkeit des Alten Bundes in Jesus, dem Messias, sich erfüllt hat, daß der Alte Bund durch das Blut Jesu zu einem Neuen Bunde wurde und das Gesetz als Weg zum Heil abgetan ist.

Das haben sie nicht begriffen, weil für sie bis zur Gegenwart über diesem Geheimnis noch eine Decke liegt, sooft auch Moses in ihren Synagogen verlesen wird. Ihnen ist die Heilsbotschaft verdeckt, weil der “Gott dieser Weltzeit ihr Denkvermögen verblendet hat, damit ihnen nicht aufstrahle die Heilsbotschaft von der Herrlichkeit Gottes im Angesichte Jesu Christi”, — nicht mehr auf dem Angesichte des Mose. Die Verklärungsereignisse auf dem heiligen Berge zeigten gerade durch die Anwesenheit des Mose, daß die Herrlichkeit des neuen Gottesbundes vom Angesicht des leidenden Messias Jesus erstrahlt!

In diesem Lichte sollten wir nun noch einmal den Text von 2. Kor. 3, 6-11 erlesen. Ich möchte seine Aussagen in einigen Gegenüberstellungen ordnen:

  1. Der Alte Bund ist ein Bund des tötenden Buchstabens. Denn jeder, der das Gesetz nicht hält, ist verflucht und des Todes schuldig. — Der Neue Bund ist ein Bund des lebendigmachenden Geistes, der das Gesetz der Sünde und des Todes ablöst. Er zeugt uns ins Leben Gottes. “Der Herr ist der Geist, und wo Sein Geist wirksam ist, ist Freiheit”. Durch Totenauferstehung “lebendiggemacht im Geiste”, wurde Er zum “lebendigmachenden Geist”, der alles ins Leben führt (1. Petr. 3, 18b; 1. Kor. 15, 45b).
  2. Der Alte Bund ist der Dienst, der dem Menschen das Todesurteil vermittelt. — Der Neue Bund ist ein Dienst des Geistes, der uns durch das Opfer Christi vom Verdammungsurteil freispricht und die Rechtfertigung vor Gott vermittelt, so daß wir Ihm angenehm gemacht sind in dem Geliebten.
  3. Auch der Alte Bund besitzt eine Herrlichkeit, doch ist diese zum Verschwinden bestimmt. — Der Neue Bund hat eine größere, überschwengliche und bleibende Herrlichkeit. Er ist im Sohne geschlossen und währt letztlich bis zur Weltvollendung. In ihm erfüllt sich der Alte Bund. “Jesus Christus —gestern und heute und derselbe auch in die Äonen!”
  4. Der Alte Bund vergeht, der Neue Bund bleibt und bildet die Erneuerung des Vergehenden.
  5. Die dahinschwindende Herrlichkeit des Alten Bundes haftet am Äußeren und bedient sich äußerer Mittel zum Erweise der Gottesgegenwart. — Der Neue Bund bringt eine Umgestaltung von innen her, die uns von Herrlichkeit zu Herrlichkeit führt. Wir werden verwandelt in Jesu Bild, in Seine Klarheit, bis wir endlich ein “ewiges Vollgewicht überschwenglicher Herrlichkeit” eintauschen gegen die “leichtwiegende Last unserer Drangsal hier” (2. Kor. 4, 16).
  6. Im Alten Bunde erstrahlte die Herrlichkeit Gottes auf dem Angesichte des sterblichen Mose. Jedoch die Wirkung dieser Herrlichkeit ist Furcht, ja Angst. — Im Neuen Bund erstrahlt die Gottesherrlichkeit im Angesichte Jesu Christi, und ihre Wirkung ist Freiheit (2. Kor. 3, 17). Sie bewirkt ferner Liebe zu Jesus Christus und zu Seiner Erscheinung und treibt die Furcht aus; sie spiegelt Seine Klarheit wider und vermittelt Freimütigkeit im Dienste des Evangeliums, so daß man in einer “offenen” Verkündigung nichts mehr zu verbergen hat. Sie bewirkt Erkenntnis im Herzen und verwandelt die Herzensfinsternis in Licht (2. Kor. 3, 12; 1. Joh. 4, 18).
  7. Die Herrlichkeit des Alten Bundes muß verhüllt werden, da ihr Vergehen noch verborgen bleiben muß. — Als Glieder Christi schauen wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und treten mit rückhaltlosem Freimut auf, weil wir keine Heilsminderung und keine Heilskatastrophe zu verbergen haben, keinen Wechsel des Lichtes und der Heilsabsichten Gottes. —

Moses als prophetisches Modell für die Umkehr Israels

2. Kor. 3 enthält aber noch einen weiteren Gedanken, der an das vorbildliche Handeln Moses anschließt; in den Versen 12-16 heißt es:

“Weil wir nun eine solche Hoffnung haben, treten wir auch mit rückhaltlosem Freimut auf und machen es nicht wie Mose, der eine Decke auf sein Gesicht legte, damit die Israeliten nicht das Ende des verschwindenden Glanzes wahrnehmen könnten. — Indessen ihr geistliches Denken ist verhärtet worden; denn bis auf den heutigen Tag ist dieselbe Decke immer noch da, wenn die Schriften des Alten Bundes von ihnen gelesen (oder: vorgelesen) werden, und sie wird nicht aufgedeckt, weil sie nur in Christus weggenommen werden kann. ja, bis heute liegt, sooft Mose vorgelesen wird, eine Decke über ihren Herzen. Sobald aber Israel umkehrt — zum Herrn hin — wird die Decke weggezogen!” (nach Menge).

Moses ist ein prophetisches Modell, ein Modell für das Werden und die heilsgeschichtliche Entwicklung Israels. Das erste, was er darstellt, ist die Verstockung Israels.

Solange er die Decke über seinem Angesicht trug, stellte er prophetisch das bis heute verhärtete Israel dar, das nicht wahrzunehmen vermag, daß die Gesetzesherrlichkeit des Alten Bundes in Jesus Christus sich erfüllte. Wie schwer hatte es selbst der Schreiber des Hebräerbriefes, dies Judenchristen gegenüber zu begründen und zu erhärten (s. Hebr. 5, 11-12)!

Sie erkannten nicht, daß in Jesus, dem Messias, die Neuheit des Lebens und die Wiedergeburt für das Königreich eröffnet wurde. So wird Moses zu einem Darsteller des Unheilsweges Israels. Bis heute sind ihnen die alttestamentlichen Schriften — die vom Geiste belebt ein lebendiges Zeugnis des Messias Jesus sind — durch die Decke der Verhärtung verhüllt. “Ihr durchforschet die Schrift und meinet ewiges Leben darin zu haben — und sie ist es doch, die von MIR Zeugnis gibt!” und “Ihr verstehet weder die Schriften noch die Kraft Gottes!” sagt schon Jesus den Schriftforschern Israels.

Was aber geschieht, wenn ein messiasgläubiger Jude zum ersten Male und fortan ohne Decke die Herrlichkeit des Jehova-Christus in den Heiligen Schriften des Alten Bundes “anschaut und widerspiegelt”, dafür sind seit dem Pharisäer Saulus viele Brüder aus Israel ein Beispiel: sie erheben Schätze aus dem Wort, die uns Heidenchristen vielfach verborgen sind! “Es fiel wie Schuppen von seinen Augen, und er ward sehend” heißt es von Saulus. Dasselbe vollzieht sich an den Augen des inwendigen Menschen, wenn der Geist der “Enthüllung” die “Apokalypse (Enthüllung) Jesu Christi” einleitet und die Decke hinwegreißt!

Nun stellt Moses diese Umkehr zum Herrn ebenfalls dar. Unser Text bezieht sich darauf, wenn er sagt: “Wenn aber Israel umkehrt zum Herrn hin, dann wird die Decke weggezogen!” Das bezieht sich dann nicht mehr auf einzelne Erstlinge, sondern auf Ganz-Israel, — und das sind sowohl die letzte überlebende Generation vor dem Reichsanbruch, als auch die, “die Ihn zerstochen haben” (die Generation Jesu), wie überhaupt alle Toten Israels, die dann um des Bundesblutes des Messias willen aus der wasserlosen Grube, dem Totenreich, entlassen werden, in der sie schon heute Gefangene auf Hoffnung sind (Hes. 37; Sach. 9, 11-12; Offb. 1, 7: man achte auf den genauen Wortlaut!).

Jedesmal wenn Moses sich vom Volke abwandte, kehrte er um, um dem Jehova-Christus im Zelte der Zusammenkunft zu begegnen, der dort in Seiner Herrlichkeitswolke erschien. Nach dieser “Umkehr dem Herrn entgegen” nahm er die Decke von seinem Angesicht und sah die Herrlichkeit des Christus, und der (entschwundene) Glanz auf seinem Angesichte erneuerte sich.

Dieser Umkehrweg wird zur Prophetie; er stellt die Begegnung Israels mit seinem Erlöser am Ende dieser Weltzeit dar. Dann wird der Herr zurückkehren zum Lager Israels, dann werden Seine Füße auf dem Olberg stehen, den das Zeichen der Gotteswolke überstrahlt, und sie werden Ihn sehen, den sie durchbohrten, und werden um Ihn weinen und wehklagen. “In jenen Tagen und zu jener Zeit, spricht Jehova, werden die Kinder Israel kommen, sie und die Kinder Juda zusammen; fort und fort weinend werden sie gehen und JEHOVA, ihren Gott, suchen. Sie werden nach Zion fragen, indem ihr Angesicht dahin gerichtet ist: Kommet und schließet euch an Jehova an mit einem ewigen Bunde, der nicht vergessen werde!” (Jer. 50, 4-5).

Moses, der größte Prophet des Alten Bundes, stellt dies unübertrefflich in seinem Wege zum “Zelt der Begegnung” dar; Paulus, der größte Prophet des Neuen Bundes, wird bei seiner Bekehrung zum Modell des gleichen Heilsgedankens. Und wenn einst Israel zum Herrn hin umkehrt, wird die Decke endlich abgerissen, und die (entschwundene) Herrlichkeit Israels und des Alten Bundes erneuert sich, indem sie einmündet in die Herrlichkeit Christi und in die Heilserfüllung des Neuen Bundes. Dann wird der Glanz des Alten Bundes im Neuen wieder aufstrahlen, dann wird das Bleibende das Vergängliche ablösen, dann wird Ganz-Israel die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln und in Sein Bild verwandelt werden von Klarheit zu Klarheit durch den Geist des Herrn, der endlich Freiheit schafft (2. Kor. 3, 17-18).

Saulus, der bei Damaskus dem Christus in Seiner Lichtesherrlichkeit begegnete und so zu einer “Frühgeburt aus Israel” wurde (1. Kor. 15, 8!), zu einer “frühreifen Feige am verfluchten und verdorrten Feigenbaume Juda-Israel”, der erst in unseren Tagen wieder Saft gewinnt und Blätter treibt, — er hat dies alles schon erlebt (Luk. 21). Nach seiner Umkehr zum Herrn heißt es (wir erwähnten es schon) : “Und sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er wurde sehend und stand auf und wurde getauft” (Apg. 9, 18). Wie die Blindheit von seinen Augen fällt, so die Decke von seinen inneren Augen, die der Satan verblendet hatte. Gott aber “offenbarte (enthüllte, entschleierte) Seinen Sohn in ihm”, dessen Bild ihm zuvor verhüllt war (Gal. 1, 16).

Es ist nicht von ungefähr, wenn das Buch, das jene Ereignisse schildert, die schließlich zur Umkehr Israels führen, “Apokalypse”, d. h. “Offenbarung (oder: Enthüllung) Jesu Christi” heißt; gemeint ist die Enthüllung Jesu Christi für Israel.

Erst nachdem die Decke von Israel genommen ist, kann auch jene “Decke” weichen, die nach Jes. 25, 7 jetzt noch alle Völker verhüllt, die den Vorhang bildet zwischen Gotteswelt und sichtbarem Kosmos — die Decke des Todes, die “Flamme des kreisenden Schwertes” (1. Mos. 3, 24).

Ich möchte schließen mit 2. Kor. 4, 16-18:

“Darum werden wir auch nicht verzagt; nein, wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, so empfängt doch unser innerer Mensch Tag für Tag neue Kraft. Denn die augenblickliche, leicht wiegende Last unserer Leiden bringt uns in überschwenglicher Weise — über alle Maßstäbe hinaus — ein ewiges Vollgewicht an Herrlichkeit ein, — uns, die wir den Blick nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare richten; denn das Sichtbare ist zeitlich kurz bemessen, das Unsichtbare aber bleibt ewig!”

Dem, der zu hören vermag, klingen noch einmal alle Gedanken und Zusammenhänge in diesem Worte des Trostes auf: das Äußere und das Innere, das Vergängliche und das Bleibende, das Sichtbare und das Unsichtbare und schließlich: die Verwandlung in Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, die dann die Söhne Gottes in Freiheit besitzen und darstellen werden.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 4/1968; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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