Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Vom Wesen der Sünde

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Das Böse, Lehre  |  842 x gelesen

Wohl kaum ein Begriff ist so verschiedenartigen Deutungen unterworfen wie das, was man schlechthin Sünde nennt. Was der eine als notwendige Sparsamkeit bezeichnet, kommt einem andern als schmutziger Geiz vor. Die kluge, vorsichtige Zurückhaltung des Phlegmatikers erscheint dem Sanguiniker als erbärmliche Feigheit. Wieder andre nennen das unsinnige Verschwendung, was man ebensogut als großzügige Freigebigkeit deuten könnte. Die Begriffe von Recht und Unrecht Gott und den Menschen gegenüber schwanken bedenklich und ändern sich je nach der Geisteshaltung einer Zeitepoche oder eines Volkes.

Da ist es für Gläubige von Wert und Wichtigkeit, einmal klar zu sehen, was die Schrift, sonderlich das Neue Testament, unter Sünde versteht. Wir wollen darum zehn verschiedene Ausdrücke betrachten, welche die Verfasser der heiligen Bücher griechischer Sprache für das Wort oder den Begriff Sünde gebrauchen:

  1. Hamartia (hamarteema) = Verfehlen eines Zieles
  2. Parabasis = Überschreiten einer Linie
  3. Parakoee = Ungehorsam einer Stimme gegenüber
  4. Paraptooma = Fallen statt Stehenbleiben
  5. Agnoeema = Unwissenheit statt Wissen
  6. Heetteema = Verminderung dessen, was völlig zu erstatten wäre
  7. Anomia (paranomia) = Nichtbefolgen eines Gesetzes
  8. Asebeia = Vorenthalten von Gebet und Dank
  9. Adikia = Unrecht, Kränkung, widerrechtlicher Besitz
  10. Proskomma = Anstoß, Ärgernis, Verführung

1. Hamartia = Verfehlen eines Zieles

Mehr als 150-mal spricht die Schrift von hamartia, viermal von dem damit verwandten hamarteema. Hamartia bedeutet das Verfehlen eines Zieles; man könnte es also sehr verständlich mit Zielverfehlung übersetzen. Schlagen wir etliche Stellen nach, wo wir diesem Ausdruck begegnen!

In Matth. 1, 21 wurde Joseph bezüglich seines Pflegesohnes Jesus gesagt: “Er wird Sein Volk erretten von ihren Sünden.” Von denen, die sich von Johannes taufen ließen, berichtet Mark. 1, 5, daß sie ihre “Sünden” bekannten. Joh. 1, 29 nennt den Herrn das Lamm Gottes, welches die “Sünden” der Welt wegnimmt. Petrus sagt von Jesus, daß Er keine Sünde “tat” (1. Petr. 2, 22), Johannes bezeugt, daß Sünde nicht in Ihm “ist” (1. Joh. 3, 5), und Paulus schreibt, daß der Herr Sünde nicht “kannte” (2. Kor. 5, 21).

Wie genau entsprechen diese drei Zeugnisse dem Charakter der Schreiber! Petrus ist der Mann des Tuns, Johannes der Mensch des Seins und Paulus der Träger höchster und letzter Erkenntnisse.

Der Apostel der Fülle gebraucht das Wort hamartia oft, am häufigsten im Römerbrief. Das Gesetz bewirkt Erkenntnis der Zielverfehlung (Röm. 3, 20). Christus wurde von Gott für uns zur Sünde, zur Zielverfehlung gemacht (2. Kor. 5, 21). Es schien am Kreuz, als habe der Herr Sein Ziel verfehlt, als sei der Zweck Seiner Sendung mißlungen.

Die Schrift hat das All in Zielverfehlung eingeschlossen, lehrt Gal. 3, 22. Welche Tiefen göttlicher Weisheit und kreatürlicher Unfähigkeit liegen in diesem schlichten Zeugnis verborgen!

Wir waren tot in Danebenwürfen und Zielverfehlungen, lesen wir in Eph. 2, 1. Der folgende Vers sagt uns, daß diese Danebenwürfe und Zielverfehlungen dem Zeitlauf dieser Welt, dem Äon dieses Kosmos und dem Fürsten der Gewalt der Luft entsprechen.

Aus diesen Zusammenhängen ersehen wir eine wichtige, grundlegende Bedeutung dessen, was Sünde ist: das Verfehlen eines gottgegebenen Zieles. Wir wollen aber nicht vergessen, daß Gott selbst das All in die Zielverfehlung eingeschlossen hat, um Seine Schöpfung zur rechten Zeit und Stunde aus diesem Kerker durch Gericht und Gnade in Seine lichtvolle Segensgegenwart zurückzuführen.

2. Parabasis = Überschreiten einer Linie

Parabasis ist ein weiteres Wort für Sünde. Es heißt etwa soviel wie das Überschreiten einer Linie und wird darum oft durch “Übertretung” verdeutscht. Siebenmal begegnen wir diesem Ausdruck im Neuen Testament, nämlich zweimal im Hebräerbrief und fünfmal in den Paulusbriefen.

Hebr. 2, 2 spricht von dem Übertreten des durch Engel geredeten festen Wortes, und Hebr. 9, 15 nennt den Herrn den Mittler eines neuen Bundes, da der Tod zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bunde stattgefunden hat. Röm. 2, 23 bezeichnet die Linienüberschreitung des Gesetzes als eine Verunehrung Gottes; 4, 15 lehrt, daß nur da eine Linienüberschreitung möglich ist, wo ein Gesetz besteht; 5, 14 spricht von der Übertretung Adams; Gal. 3, 19 sagt uns, daß das durch Engel angeordnete Gesetz nicht der dadurch zu erlangenden Gerechtigkeit, sondern vielmehr der Übertretungen wegen hinzugefügt wurde, und 1. Tim. 2, 14 bezeugt, daß nicht Adam, sondern das Weib betrogen wurde und in Übertretung fiel.

Immer finden wir also die Übertretung oder Linienüberschreitung in Verbindung mit dem den ersten Menschen oder dem Volk Israel gegebenen Gesetz. Der Mensch kann gar nicht anders, als die gottgegebenen Linien überschreiten, ja, Gott zieht diese Linie bzw. läßt sie durch Seine heiligen Diener vorzeichnen, damit das Geschöpf davon überführt werde, daß es gar nicht anders kann, als die Schranken gottgeziemender Normen zu übertreten.

Wie groß und allgenugsam muß die Erlösung sein, wenn Gott bei der Sünde Seiner Wesen und Welten nicht nur nicht erschrickt, sondern sogar noch kraft des Gesetzes die schlummernde Sünde erwecken läßt (Röm. 7, 7-11)!

3. Parakoee = Nichthören, Ungehorsam

Parakoee heißt eigentlich Falschhören oder Nichthören, ist also Ungehorsam gegen eine Stimme. Darum wird auch parakoee durchweg mit Ungehorsam übersetzt. Diesen Ausdruck finden wir nur dreimal in der Schrift.

Zuerst lesen wir ihn in Röm. 5, 19. Dort steht geschrieben: “Gleichwie durch des einen Menschen Ungehorsam die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.”

Der parakoee, dem Nichthören oder Falschhören der Menschen, wird die hypakoee, das Hören oder der Gehorsam Christi entgegengesetzt. Genauso wie der Ungehorsam des ersten Adam die andern in die Stellung von Sündern brachte, werden diese durch den Gehorsam des letzten Adam in die Stellung von Gerechten gesetzt (vgl. 1. Kor. 15, 22).

Auch 2. Kor. 10, 6 stellt die beiden Ausdrücke par-akoee = Nichthören und hyp-akoee = Darunterhören gegenüber: “Wir stehen bereit, allen Ungehorsam zu rächen, wenn euer Gehorsam erfüllt sein wird.”

Die dritte Stelle ist Hebr. 2, 2. Wir sahen bereits, daß jede Übertretung oder Linienüberschreitung des durch die Engel geredeten festen Wortes, nämlich des Gesetzes, gerechte Vergeltung empfing. Neben der parabasis wird hier auch die parakoee genannt.

Der ganze Zusammenhang von Hebr. 1, 14 bis 2, 8 ergibt folgenden Sinn: Die Engel sind dienstbare Geister. Ihnen ist der gegenwärtige, nicht aber der zukünftige Zeitlauf unterworfen. Das durch sie vermittelte Gesetz war gültig. Jede Überschreitung und jeder Ungehorsam empfing gebührende Strafe. Wenn aber schon das Gesetz so ernst genommen werden mußte, wieviel größer ist die Verantwortung, die die Hebräer hatten! Der Herr hatte sich in Seiner Menschwerdung unter die Engel erniedrigt, wurde aber dann mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, ja, das ganze All wurde Ihm unterworfen! Der Anfang — nicht die Fülle — Seiner Verkündigung geschah an die Hebräer während Seines Erdenwandels. Diese Anfangsbotschaft wurde nicht nur von denen, die sie gehört hatten, bestätigt, sondern auch durch Gott erhärtet, der die Verkündigung des Königreichsevangeliums mit Zeichen und Wundern begleitete.

Wir könnten diese Linie verlängern und im Sinn und Geist der Schrift fortfahren: Wenn schon die israelitische Königreichsbotschaft ein großes Heil bedeutete und jeder Ungehorsam Strafe nach sich zog, wie töricht sind wir dann und wie groß ist der Verlust an Herrlichkeit, wenn wir die Füllebotschaft des Erhöhten, die Er durch Paulus gegeben hat, geringachten!

Gott bewahre uns in Gnaden vor jedem falschen Hören oder Nichthören dessen, was Er uns durch den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis Seiner selbst mitzuteilen und darzureichen bemüht ist!

4. Paraptooma = Danebenwurf, Fallen

Paraptooma = Fallen oder Fehltritt bedeutet eigentlich “Danebenwurf”. Man erklärt diesen seltsamen Ausdruck folgendermaßen: Schon zur Zeit, als das Neue Testament entstand, gab es Steuererklärungen, die bei einem Kauf oder Verkauf abgegeben werden mußten. Zu diesem Zweck standen an gewissen Plätzen steinerne oder metallene Behälter, eine Art Briefkästen, in die man solche Erklärungen einwarf. Der Staat holte diese Meldungen ab und besteuerte die Käufer bzw. Verkäufer entsprechend ihren Angaben. Nun gab es auch damals schon Steuerhinterzieher, die wohl Erklärungen schrieben und abgaben, diese aber nicht in die Kästen, sondern daneben warfen, so daß der Staat sie nicht finden konnte. Diese Betrugs- und Schwindelmanöver nannte man Danebenwurf oder paraptooma. — 22-mal gebraucht das Neue Testament diesen Ausdruck. Lesen wir etliche Stellen nach!

In der Bergpredigt sagt der Herr: “Wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen (Danebenwürfe) nicht vergebt, so wird euer himmlischer Vater auch eure Vergehungen nicht vergeben” (Matth. 6, 15).

Paulus schreibt in Röm. 4, 25, daß der Herr unsrer paraptoomata wegen hingegeben wurde, und in Röm. 5, 18 lesen wir: “Wie es durch eine Übertretung gegen alle Menschen zur Verdammnis gereichte, so auch durch eine Gerechtigkeit gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.”

Röm. 5, 20a bezeugt: “Das Gesetz kam daneben ein, auf daß die Übertretung überströmend würde.” Nicht damit es gehalten werde und die Menschen errette, sondern damit unsre Betrugsmanöver voll und ganz ans Licht kommen, dazu ist das Gesetz gegeben!

Einen andern wichtigen inneren Zusammenhang ähnlicher Art finden wir in Röm. 11, 11.12a: “Ich sage nun: Sind sie etwa gestrauchelt, auf daß sie fallen sollten? Das sei ferne! Sondern durch ihren Fall (paraptooma) ist den Nationen das Heil geworden, um sie zur Eifersucht zu reizen. Wenn aber ihr Fall der Reichtum der Welt ist …” — Israels Sünde bereitete seine Beiseitesetzung und damit unser Heil vor. Wie wunderbar ist doch die innere Verflochtenheit von der Schuld der Geschöpfe und den Gnadenerweisen Gottes!

5. Agnoeema = Unwissenheit

Das Wort agnoeema = Unkenntnis, Unwissenheit, Nichtwissen statt Wissen, finden wir nur ein einziges Mal in der Schrift in Hebr. 9, 7b. Dort lesen wir: “Blut, welches er (das ist der Hohepriester) für sich selbst und für die ‘Verirrungen’ des Volkes darbringt.”

Wie bei weltlichen Gesetzen Unwissenheit nicht vor Strafe schützt, so ist es auch im Geistlichen. Christus hat nicht nur unsre bewußten Übertretungen gesühnt, sondern auch unsre Unwissenheit in bezug auf Gott und göttliche Dinge hinweggetan.

Luther verdeutscht agnoeema mit “Versehen”; Schlachter, Menge, van Eß und Wiese geben es durch “Verfehlungen” bzw. “Unwissenheitssünde” wieder; Albrecht sagt hier etwas ungenauer “Vergehen”, während die gebräuchlichste englische Übersetzung agnoeema recht gut mit “error” = Irrtum übersetzt.

In Christo übersieht Gott auch “die Zeiten der Unwissenheit”, wie uns Apg. 17, 30 bestätigt.

6. Heetteema = Verminderung, Zurückbleiben, Mangel

Heetteema = Zurückbleiben, Mangel, Fehler bedeutet eigentlich eine Verminderung von dem, was völlig zu erstatten wäre. Wir finden diesen Ausdruck in Röm. 11, 12b und 1. Kor. 6, 7a.

Die beiden Stellen lauten: “Ihr (das ist Israels) ‘Verlust’ (Einbuße oder Niederlage) ist der Reichtum der Nationen”, und: “Es ist ja nun schon überhaupt ein ‘Fehler’ an euch, daß ihr Rechtshändel miteinander habt”.

Das Zukurzkommen oder Versagen Israels bedeutet den Reichtum der Nationen! Welch eine kühne Behauptung des Apostels! Ohne dieses grundlegende Zeugnis ist weder Israels Geschichte noch das Wesen der eingeschalteten Botschaft vom Leib oder Körper des Christus zu verstehen.

Wäre Israel nicht entgleist und unter den Fluch gestellt worden, nie wäre es — menschlich gesprochen — zu einer Sammlung und Vollendung der durch den Verherrlichten mittelst Paulus geoffenbarten Heidengemeinde gekommen.

Hier verwandeln sich an und für sich völlig berechtigte Vorwürfe und Verurteilungen des natürlichen Menschen durch den Glauben und die Erkenntnis Gottes in Lob und Anbetung Seiner wunderbaren Gedanken, Wege und Ziele.

Daß die Korinther miteinander rechteten, war ein “Fehler”, wie auch die katholische van-Eß-Übersetzung verdeutscht. Schlachter schreibt hier: “schlimm genug”; Menge übersetzt: “sittlicher Mangel”, und Wiese schreibt: “Schaden”. Auch die französischen, englischen und italienischen Übersetzungen sprechen von defaut, fault und difetto = Fehler oder sittlicher Defekt. Der Sinn ist jedenfalls immer der, daß etwas fehlt, ein moralisches Zukurzkommen vorliegt.

7. Anomia = Nichtbefolgen eines Gesetzes

Anomia oder paranomia ist das Nichtbefolgen eines Gesetzes und wird meist durch “Gesetzlosigkeit” oder “Gottlosigkeit” verdeutscht. Man könnte es ebensogut mit “Normlosigkeit” oder “Gesetzwidrigkeit” übersetzen. Wir finden dieses Wort 14-mal in den heiligen Schriften. Schlagen wir nur drei Stellen nach!

In Matth. 23, 28 spricht der Herr zu den Schriftgelehrten und Pharisäern: “Also scheinet ihr von außen zwar gerecht vor den Menschen, von innen aber seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit.” Jesus vergleicht hier die Heuchler mit Gräbern, die zwar außen schön geschmückt sind und ein Bild von Ordnung und Frieden bieten, innen aber voller Fäulnis und Verwesung sind. Von außen gesehen scheint alles in Harmonie zu sein, innen aber herrscht stinkende Normlosigkeit.

Gott gebe, daß dieser ernste Vorwurf nicht auch uns bezüglich unsrer Erkenntnis und unsres Wandels, unsres Lippenbekenntnisses und unsres verborgenen Innenlebens gelte!

Hebr. 10 spricht von dem vollgültigen Opfer Christi. Der 17. Vers ist ein Zitat aus Jer. 31, 33.34 und lautet: “Ihrer Sünden (hamartioon) und Gesetzlosigkeiten (anomioon) werde Ich nie mehr (oder durchaus nicht mehr) gedenken.” Hier haben wir eines der vielen köstlichen Zeugnisse, die uns einen Einblick in Gottes Vaterherz, in Sein Sinnen und Sehnen, Sein Trachten und Gedenken geben. In 1. Joh. 3, 4 steht geschrieben: “Jeder, der die Sünde (hamartia) tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit.” Die letzte Vershälfte könnte man auch übersetzen: “Die Zielverfehlung ist die Normlosigkeit.” Wer nicht in Gottes heiligen Liebesnormen wurzelt und weset, der befindet sich auf dem mühsamen Weg der Zielverfehlung.

Wohl uns, daß uns der Vater in Seinem Sohn auf den Pfad des Heiles und der Herrlichkeit gestellt hat und wir aus Seiner unversiegbaren Fülle schöpfen und leben dürfen!

8. Asebeia = Vorenthalten von Gottesfurcht, Dank und Lob

Ein weiteres Wort, das unter den Oberbegriff “Sünde” gehört, ist asebeia. Asebeia ist das Gegenteil von eusebeia = Frömmigkeit oder Gottesfurcht und bedeutet Gottlosigkeit oder Frevel. Man könnte es wohl am besten als das Vorenthalten von Gott gebührendem Dank und Lob kennzeichnen.

Sechsmal begegnen wir in der Schrift diesem Substantiv. Wir finden es in Röm. 1, 18; 11, 26; 2. Tim. 2, 16; Tit. 2, 12 und Judas 15 und 18.

Röm. 1, 18 spricht vom Zorn Gottes, der über “alle Gottlosigkeit der Menschen” geoffenbart wird. Diese Gottlosigkeit hat nach Vers 21 ihre Wurzeln darin, daß die Menschen Gott weder verherrlichten noch Ihm Dank darbrachten und dadurch in Verfinsterung fielen.

Dankbarkeit ist der Weg, auf dem Segnungen erschlossen und mitgeteilt werden, während Undankbarkeit in Verhärtung und Irrtum führt. Darum ist es für die Gemeinde der Gegenwart so überaus wichtig, “in allem” dankzusagen; denn dieses ist der Wille Gottes in Christo Jesu gegen uns (1. Thess. 5, 18).

Röm. 11, 26 redet von der Abwendung der “Gottlosigkeiten” von Jakob durch den aus Zion kommenden Erretter, und 2. Tim. 2, 16 weissagt von ungöttlichen, eitlen Schwätzern, die von der Wahrheit abgeirrt sind und zu weiterer “Gottlosigkeit” fortschreiten.

Tit. 2, 12 unterweist uns, die “Gottlosigkeit” zu verleugnen, um besonnene, gerechte und gottselige Wartende zu werden, und die beiden Judasstellen sprechen von der “Gottlosigkeit” als einem Kennzeichen der Endzeit.

Wohl uns, wenn wir lernen dürfen, im Blick auf die herrlichen Vollendungsziele Gottes allezeit und für alles von Herzen loben und danken zu können!

9. Adikia = Ungerechtigkeit oder Kränkung

Adikia heißt Unrecht, Beleidigung, Kränkung oder widerrechtlicher Besitz. Es kommt 25-mal im Neuen Testament vor. Wir begegnen diesem Wort z. B. in Joh. 7, 18: “Wer von sich selbst redet, sucht seine eigne Herrlichkeit; wer aber die Herrlichkeit dessen sucht, der ihn gesandt hat, dieser ist wahrhaftig, und Ungerechtigkeit (adikia) ist nicht in ihm.”

Indem wir nicht Gottes Ehre, sondern die unsre suchen, enthalten wir Ihm die Seine vor, beleidigen oder kränken Ihn und reißen widerrechtlichen Besitz an uns.

Apg. 1, 18 spricht von dem “Lohn des Unrechts” oder der Beleidigung, den Judas für seinen Verrat erhielt, und Simon dem Zauberer sagten Petrus und Johannes, daß er “in Banden des Unrechts” oder der Ungerechtigkeit sei (Apg. 8, 23). Die Liebe freut sich nicht der Beleidigung oder der Kränkung (1. Kor. 13, 6), und Paulus bittet die Korinther in heiligem Hohn wegen seines “Unrechtes”, ihnen nicht zur Last gefallen zu sein, um Verzeihung (2. Kor. 12, 13).

In 2. Thess. 2, 12 lesen wir von solchen, die gerichtet werden, weil sie der Wahrheit nicht geglaubt, sondern an der adikia Wohlgefallen fanden. Letztlich ist für jedes Gericht, sei es ein Verstockungs-, ein Enthüllungs- oder ein Verdammungsgericht, ausschlaggebend, worauf das geheimste Sinnen und Sehnen des Herzens gerichtet war, wie auch andrerseits der Lohn und die Krone nicht von unsrer Leistung, sondern von unsrer Liebe abhängen (Röm. 2, 16; 1. Kor. 4, 5; 14, 25; 2. Tim. 4, 8). Es kommt in erster Linie nicht darauf an, was wir reden und tun, sondern wo die Wurzeln unseres Wesens sind, woher die geheimsten Quellgebiete unseres Seins gespeist werden.

Noch ein Wort aus dem Jakobusbrief sei hier genannt, in dem wir der adikia begegnen: Kap. 3, Vers 6. Dort nennt der Apostel die Zunge “ein Feuer, die Welt der Kränkung und Beleidigung”. Wie offen und ernst, wie wahr und wuchtig sind die Urteile der heiligen Schriften über unsre Worte und ihr innerstes Wesen!

10. Proskomma = Anstoß oder Ärgernis

Noch eine letzte Bezeichnung, die in unsern Zusammenhang gehört, sei hier genannt: proskomma = Anstoß, Ärgernis oder Verführung. Wir finden dieses Wort in Röm. 9, 32.33; 14, 13.20; 1. Kor. 8, 9 und 1. Petr. 2, 8.

Der Herr wird in Röm. 9, 32.33 und 1. Petr. 2, 8 “Stein des Anstoßes” genannt. Die letztere Stelle ist ein Zitat aus Jes. 8, 14. Dort wird von dem Herrn gesagt, daß Er sowohl einerseits ein “Heiligtum” als auch andrerseits ein “Stein des Anstoßes” und “Fels des Strauchelns” ist.

In Röm. 14, 13 ermahnt uns der Apostel, darauf achtzuhaben, dem Bruder keinen Anstoß zu geben. Der 20. Vers sagt uns, daß zwar alles an und für sich rein ist, daß es aber schlecht (schlimm oder unheilvoll) ist, etwas “mit Anstoß” zu essen. Wenn man auch innere Freiheit zu irgendeinem Genuß hat, so sollte man doch dem Schwachen keinen Anstoß, kein Ärgernis geben. Denn der gleiche Genuß, wozu wir innere Berechtigung haben, wäre dem andern Fehltritt und Sünde (1. Kor. 8, 9).

Nicht durch gesetzliche Regelungen irgendwelcher Art, sondern allein durch den Geist der Liebe und Rücksichtnahme kann die für beide Teile befriedigende Lösung gefunden werden. Der Streit um das, was einem Gotteskind erlaubt oder verboten ist, die verschiedene Stellungnahme zu den “Mitteldingen”, wird wohl am besten durch den Verzicht des Stärkeren aus Liebe zu dem schwachen Bruder beendet werden.

Andrerseits sollte man manchen “Bruder Anstoß”, der in Wirklichkeit sich nicht von seinem Neid oder seinen Minderwertigkeitsbelastungen lösen läßt, daran erinnern, daß in Joh. 11, 9.10 geschrieben steht: “Wenn jemand am Tage wandelt, stößt er sich nicht … Wenn aber jemand in der Nacht wandelt, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.”

Wie groß und umfassend, wie wunderbar und weltallweit muß doch das Erlösungswerk Christi sein, wenn eine neue, sündenfreie Schöpfung ohne Nacht und Fluch, ohne Trauer und Tränen, ohne Tod und Teufel dereinst Gott den Vater verherrlichen und preisen wird (Offb. 21, 4; 22, 3.5; 1. Kor. 15, 24-28; Ps. 103, 22)!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 3/1968; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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