Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Jesus wandelt auf dem See

Autor: Geyer, Karl  |  Kategorie(n): Das prophetische Wort, Glaubensleben & Wandel, Heilsgeschichte  |  1,015 x gelesen

Da nun Jesus erkannte, daß sie kommen und Ihn ergreifen wollten, auf daß sie Ihn zum König machten, entwich Er wieder auf den Berg, Er selbst allein. Als es aber Abend geworden war, gingen Seine Jünger hinab an den See, und sie stiegen in das Schiff und fuhren über den See nach Kapernaum. Und es war schon finster geworden, und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen; und der See erhob sich, indem ein starker Wind wehte. Als sie nun etwa fünfundzwanzig oder dreißig Stadien gerudert hatten, sehen sie Jesus auf dem See wandeln und nahe an das Schiff herankommen, und sie fürchteten sich. Er aber spricht zu Ihnen: Ich bin’s, fürchtet euch nicht! Sie wollten Ihn nun in das Schiff nehmen, und alsbald war das Schiff an dem Lande, zu welchem sie hinfuhren (Joh. 6, 15-21; vergl. Matth. 14, 22-33 u. Mark. 6, 45-52).

I.

Der Herr hatte die Vielen gespeist. Solch einen Brotgeber konnten sie gebrauchen. Deshalb wollten sie sich Seiner mit Gewalt bemächtigen, um Ihn zum König zu machen. Da wäre Er auf immer ihren Wünschen verpflichtet und ihren Zwecken dienstbar gewesen. Diesem Vorhaben entzieht Er Sich und geht allein auf einen Berg, um zu beten.

Dann wird es Abend, und die Jünger fahren allein über den hochgehenden See, den ein starker Wind aufwühlt. Die Dunkelheit ist bereits eingetreten, doch Jesus ist noch nicht zu ihnen gekommen. Er sieht vom Berge aus ihre Not und kommt zu ihnen. Zuerst erschrecken sie. Dann aber erkennen sie Ihn, und sogleich ist das Boot am Lande, am Ziel.

II.

Das, was damals geschah, erfährt jedes bewußte Kind Gottes auf einer bestimmten Entwicklungsstufe seines neuen Lebens.

Als wir hungerten und dürsteten nach der Gerechtigkeit, speiste uns der Herr in überströmender Fülle. Wir aber wollten Ihn nun ganz für uns haben, aber nicht so, daß Sein Wille geschehen sollte, sondern so, daß Er nunmehr alle unsere Bedürfnisse nach unseren Wünschen erfülle. Der gewaltige Wundertäter sollte fortan Seine große Macht in unserem Sinne brauchen, dafür sollte Er als Anerkennung auch den Königstitel erhalten. Aber mein König, unser König!

Auf diese Wünsche und Absichten, die im letzten und tiefsten Grunde sich selbst meinen, kann der Herr nicht eingehen, weder um Seinetwillen noch um unseretwillen. Er zieht sich deshalb zurück, um droben auf der Höhe in der reinen Sphäre des Geistes Gottes zu dienen und für uns einzutreten.

Sein Zurückziehen bringt unserer Seele Dunkelheit und Nacht. Die Wogen unseres Herzens gehen hoch, zumal da in der Finsternis der Wind (ein Bild der Geistermacht) uns entgegen ist. Satan ist auf dem Plan und überfällt uns in unserem Alleinsein, in unserer inneren Einsamkeit. Die Wasser gehen uns bis an die Seele (Psalm 69, 1.2; bei Luther 69, 2.3).

Der Herr aber, der droben beim Vater uns vertritt, sieht unsere Not und kommt zu uns. Er läßt uns nicht verderben. Wir sind ja Sein!

Sein Kommen erschreckt die geängstigte Seele zunächst noch mehr. In der Finsternis erwartet sie Ihn ja nicht. Doch Er ist da und gibt Sich uns zu erkennen. Da wollen wir zu Ihm hin, und Er soll zu uns herein. Und dann, sobald Er wieder zu unserm Lebensschifflein herzutritt, legt sich der Wind. Satan schweigt, wo der Herr gegenwärtig ist.

So ist es auch dem Apostel Paulus tiefstes Herzensanliegen, das er im Gebet vor den Vater bringt (Eph. 3, 14-21), daß in den Herzen der Heiligen und Gläubigen Christus nicht nur von ferne verehrt wird, sondern immer gegenwärtig sei, in uns wohne. Das allein verbürgt dauernden Frieden.

Christus in uns, die Hoffnung der Herrlichkeit (Kol. 1, 27). Das ist der Reichtum des herrlichen Geheimnisses. Wer es erkennt, darf zur vollen geistlichen Reife kommen (Kol. 1, 24-29). Der Friede Gottes bewahrt sein Herz und seine Sinne (Phil. 4, 5-7).

III.

Was sich im Glaubensleben des einzelnen im Kleinen abspielt, erfährt die Gemeinde des Herrn im Großen.

In einer Zeit, in der Israel in geistlicher Dürre lebte und die Nationen nach wahrem Leben hungerten, kam Er, das wahrhaftige Brot, das Brot Gottes, vom Himmel hernieder, um der Welt das Leben zu geben, wie Er anschließend an unseren Text im gleichen Kapitel bezeugt (Joh. 6, 32-34.48-58). Am deutlichsten war dieses Hungergefühl der Nationen, dieses Sehnen der Heiden, in Griechenland zum Durchbruch gekommen, wo Sokrates und andere Gottsucher es klar bezeugten. Sie suchten den wahren Gott und verehrten Ihn, ohne Ihn zu kennen, wie Paulus ihnen selbst in Athen Zeugnis gibt (Apg. 17, 22-31). Darum verhinderte auch der Heilige Geist, daß Paulus und seine Mitarbeiter das Wort in Asien verkündigten. Der Geist Jesu erlaubte ihnen ihre bereits beschlossene Reise in Kleinasien nicht, sondern offenbarte ihnen in einem Gesicht, daß fortan Griechenland ihr Arbeitsgebiet sei (Apg. 16, 6-12). Danach aber mußte Paulus auch nach Rom gehen, um dort in der Weltmetropole im Prätorium und bis in des Kaisers Haus das Evangelium zu verkündigen (Apg. 23, 11; 28, 14; Phil. 4, 22).

Die Briefe des Paulus enthüllen uns den gewaltigen Reichtum der Herrlichkeit, den Christus der Gemeinde gegeben hat. Diese starke Speise ließ die Erstlinge wachsen und zunehmen in wunderbarer Weise. Die Gemeinden mehrten sich, und die Jünger und ihre Gehilfen teilten das Brot Gottes aus unter den hungernden Nationen, daß deren Fülle ganz überströmend wurde (2. Kor. 3, 9.10; 8, 2.7; 9, 8.14; 10, 16; 12, 7; Eph. 1, 8.19; 2, 7; Phil. 1, 26; 2. Thess. 1, 3; 1. Tim. 1, 14 u. a.).

Dieser Überfluß bewirkte schon bald in der Gemeinde ein Gefühl des Sattseins (vergl. 1. Kor. 4, 8 mit 1, 5-7; ferner Offb. 3, 17). Anstatt das Brot Gottes mit dem Hunger nach Gerechtigkeit für sich selbst weiter zu essen, begann man sich als Herrn des Brotes zu fühlen, entgegen der klaren Anordnung der Schrift (2. Kor. 1, 24) und baute sich eine Organisation, in der Christus wohl König sein sollte, aber doch zu dem Zweck, um mit Ihm, dem Wundertäter, Propaganda zu machen und Machtpolitik zu treiben. Die Kirche wollte herrschen, und dazu sollte der, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, ihr Seine Macht leihen.

Er aber ließ sie und ging hinweg, um dort beim Vater den inneren Dienst zu tun, dessen sie bedurften und für den sie ja in ihrem Streben nach Macht kein wahres Verständnis mehr hatten.

Die Masse geht ihren Weg weiter durch die Zeiten ohne Ihn, und die Liebe erkaltet in vielen. Die Wenigen aber, die Ihm angehören, steigen in ein Boot. Satan erregt jedoch das Völkermeer, um diese kleine Herde zu verschlingen. Die Finsternismacht überfällt sie und droht sie zu vernichten. Der Herr aber sieht die Not der Seinen, und wenn sie weit genug gerudert sind und der Untergang nahe bevorsteht, kommt Er zu ihnen und holt sie heraus aus dem aufgewühlten Meer der Nationen, die unter der Obrigkeit der Finsternis gegen den Herrn und Seinen Gesalbten toben (Ps. 2, 1-3). Und sobald Er bei den Seinen ist, sind sie am Lande, Er entrückt sie in einem Nu (1. Thess. 4, 15-18).

IV.

Doch auch hiermit ist die Bedeutung dieser Geschichte nicht erschöpft. Der Herr kam ja nicht nur für dich und mich und starb nicht allein für unsere Sünden, sondern auch für die des ganzen Kosmos (1. Joh. 2, 2). Er ist das Brot Gottes, das der Welt das Leben gibt. Ohne Ihn ist nichts geworden (Joh. 1, 3; Kol. 1, 16). Alle Dinge bestehen zusammen durch Ihn (Kol. 1, 17), und Er trägt das All durch das Wort Seiner Kraft dem Ziele seiner Bestimmung entgegen (Hebr. 1, 3). Er versöhnte ja auch nicht nur das, was auf Erden (und die Erde ist nur ein Sandkorn im Sternenmeer), sondern auch das, was in den Himmeln ist (Kol. 1, 20; Hebr. 9, 23). Darum kam das Evangelium nicht nur zu uns, sondern ist wachsend und fruchtbringend im ganzen Kosmos, so, wie auch unter uns (Kol. 1, 6). Für den Kosmos ist ja die Leibesgemeinde ein Schauspiel (theatron), sowohl Engeln als Menschen (1. Kor. 4, 9; Eph. 3, 10). Gott wird gesehen von den Engeln, gehört (durch die Predigt) unter den Nationen, geglaubt im Kosmos (1. Tim. 3, 16). Bei der Triumphgemeinde (panegyris) sind daher Engel und Menschen vereinigt (Hebr. 12, 22-24). Für sie alle gab Er Sein Leben, und für sie alle ist Er das Brot Gottes, das dem Kosmos (der Welt) das Leben gibt. Denn Gott hat nicht nur Erstlinge des Geistes geliebt, sondern “also hat Gott die Welt (den Kosmos) geliebt” (Joh. 3, 16).

Die Welt bedarf des Lebensbrotes! Satan, ihr Gott und Fürst, hat ja kein Leben in sich selbst. Als der Geist den Herrn in die Wüste führte, damit Er vom Teufel versucht würde, war dessen erster Wunsch der: Sprich, daß diese Steine zu Brot werden! (Auf die tiefe symbolische Bedeutung dieser Bitte kann hier nicht eingegangen werden.) Satan wußte, wer allein Brot geben kann. Er weiß aber auch, daß seine Herrschaft über diese Welt nur aufrecht erhalten werden kann mit Hilfe des Herrn, der allein die Brotfrage für den Kosmos lösen und alle Bedürfnisse zu befriedigen vermag, wie Er ja auch jetzt “alle Welt erhält und trägt”. — So kommt als letzter und geheimster Versuch Satans der zutage: Er zeigt dem Herrn alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und will dem Herrn die Königswürde über alles geben, wenn nur er, Satan, als der Veranstalter gilt. — Der Herr weist den Versucher ab, Der verläßt ihn, und die Engel kommen und dienen ihm (Matth. 4, 8-11). — Und dann entweicht der Herr (Matth. 4, 12-13), wie Er auch vor den Menschen entwich, die Ihn zum König machen wollten. Hier in der Wüste aber sollte Er König über den Kosmos werden. Die Motive sind die gleichen: Man will mit Seiner Hilfe Herr der Verhältnisse werden, die man allein nicht zu meistern vermag. Er ist hierbei nicht letztes Ziel, sondern Mittel zum Zweck und Weg zu geschöpflichen Interessen. Das aber lehnt Er ab und entweicht. Er geht beide Male nach Kapernaum, d. h. Dorf der Schönheit, Ort der Lust.

Weil Ihn der jetzige Kosmos nur als Mittel zum Zweck gebrauchen will, verließ Er diese Welt und ging zum Vater an den Ort der Lust, den Platz der Herrlichkeit. Dort betet Er für die Seinen, die noch in dieser Welt sind. — Für sie wird es während Seiner Abwesenheit immer schwerer hier unten. Sie werden von allen Nationen gehaßt um Seines Namens willen (Matth. 10, 22; 24, 9; Luk. 21, 17). Wild branden die Wogen des Völkermeeres. (Zu “Wasser” vergl. Offb. 17, 15.) Die Macht der Finsternis steigt, der Weltabend naht, die Gesetzlosigkeit wirkt im geheimen, und der Gesetzlose wartet auf den Zeitpunkt, an dem er offen hervortreten kann, um alle Nationen unter seiner Herrschaft zu vereinen und das antichristliche Heer gegen den Herrn und Seine Heiligen zu führen (Off. 17, 12-17; 19, 19). Satan selbst, der große Drache, die alte Schlange, kämpft mit seinen Engeln gegen das himmlische Heer Michaels und seiner Engel (Off. 12, 7-9). Da rauschen auch die oberen Wasser, die Ihn einmal loben sollen (Psalm 148, 4), jene himmlischen Heerscharen (im Gegensatz zu den unteren Wassern Off. 17, 15). (Vergl. hierzu auch die Symbolik von 1. Mose 1, 6-8.)

Bevor aber Satan zur letzten Verführung ausgeht, ist das Weib bereitet zur Hochzeit des Lammes. Der Herr erscheint und läßt den Erreger des Sturmes auf dem Völkermeere und im Kosmos binden auf 1000 Jahre. Nun wird es still auf dem See, und der Herr ist bei den Seinen, bei allen Heiligen, Engeln und Menschen, tausend Jahre. Die sind wie eine Nachtwache. Und dann vergehen Erde und Himmel und das Ufer des neuen Landes taucht auf. Die neue Welt, ein neuer Himmel und eine neue Erde erscheinen, in denen Gerechtigkeit wohnt. Und Gott selbst und das Lamm wohnen für immer bei den Menschen.

Dann ist Er selbst für immer ihr Friede, und dieser Friede wird nie mehr gestört werden.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, Jan./Feb. 1956; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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