Gerichtsziele Gottes nach dem Propheten Jesaja
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Erkenntnis & Wesen Gottes, Gerichte Gottes | 516 x gelesenJede Einrichtung im Plan Gottes mit Seiner Schöpfung ist sinnvoll und zweckmäßig. Seinem heiligen Willen untersteht alles und jedes Ding. Er hat selbst die Haare unsres Hauptes gezählt und achtet auf das Schreien der jungen Raben. Weil alles planvoll und zielführend ist, so sind auch Seine Gerichte nicht etwas endlos und zwecklos Weiterlaufendes und Andauerndes, sondern haben Ziel und Ende.
Alle Gottesgerichte haben Ziel und Ende
So sagt der Herr in Joh. 5, 22b.23a: “Das ganze Gericht hat Er (d. i. der Vater) dem Sohne gegeben, auf daß alle den Sohn ehren.” Die Zweckbestimmung “auf daß” gibt uns hier, wie so oft in der Schrift, Sinn und Ziel der dem Sohn vom Vater übertragenen Gerichtsaufgaben an. Es heißt nicht, daß der Vater dem Sohn das ganze Gericht übergeben hat, um die Widerspenstigen und Abtrünnigen mit endloser Pein zu strafen, sondern im Gegenteil, daß “alle den Sohn ehren”.
Noch deutlicher spricht 1. Kor. 5, 5. Dort wird bezeugt, daß selbst die Überlieferung (oder Auslieferung) eines Menschen an den Satan zuletzt Rettung des Geistes bewirkt, obschon es zunächst durch Verderben des Fleisches geht. Solche Zusammenhänge und Durchblicke sind dem Glauben gar köstlich und anbetungswürdig.
Schlagen wir, um noch einen dritten neutestamentlichen Zeugen für den Zweck göttlicher Gerichte anzuführen, 2. Tim. 2, 26 auf! Dort ist die Rede von solchen, die vom Teufel gefangen sind und in seinem Fallstrick liegen. Wessen Willen wird dadurch erfüllt? Scheint es nicht, als ob der Wille Satans und der des Sünders über Gottes Heils- und Rettungswillen triumphieren? Nach außen gesehen ja! Wer aber innere Zusammenhänge des Wortes Gottes mit dem Auge des Glaubens zu sehen vermag, der versteht den Nachdruck, der auf den letzten drei Worten dieses Verses liegt: “Für Seinen (d. i. Gottes!) Willen.” Zuletzt wird die Liebes- und Rettungsabsicht Gottes doch erreicht, wenn auch Sein Wille scheinbar eine Zeitlang nicht erfüllt wurde. Und dazu muß alles, müssen selbst die Machenschaften des Feindes dienen.
Wir wollen im Propheten Jesaja eine Reihe göttlicher Gerichtsziele miteinander betrachten. Es sollen weder alle Zusammenhänge und praktischen Folgerungen aufgezeigt, noch soll Erschöpfendes gesagt werden. Nur einige Zeugnisse seien angeführt, die etwas von den Zielen verhängter Strafen und Gerichte erkennen lassen und die wichtige Wahrheit bestätigen, daß Gerichte und Verdammnisse nie Ziele, sondern nur Wege zum Heil und zur Vollendung sind.
Juda wird gereinigt und zurechtgebracht
Jes. 1, 18: “Kommt denn und laßt uns miteinander rechten, spricht der Herr. Wenn eure Sünden wie Scharlach sind, wie Schnee sollen sie weiß werden; wenn sie rot sind wie Karmesin, wie Wolle sollen sie werden.”
Wer wird denn aufgefordert, zu kommen und Rechtsstreit mit Gott zu führen? Die Überschriften über den ersten beiden Kapiteln unseres Propheten geben uns Antwort: Juda und Jerusalem. Die Auseinandersetzung des Herrn mit dem abtrünnigen, zur Hure gewordenen Volk (1, 21) ist so wichtig und grundlegend, von solcher Offenbarungsweite und -tiefe, daß Himmel und Erde als Zeugen und Zuhörer dessen aufgefordert werden, was Gott zu sagen hat (1, 2). Das untreue Juda wird samt seinen Führern mit “Vorsteher von Sodom” und “Volk von Gomorra” angeredet (1, 10). An seinen Schlacht- und Brandopfern hat Gott kein Wohlgefallen (1, 11) , sein Erscheinen im Heiligtum, sein Räucherwerk und seine Festversammlungen sind Ihm Greuel und Frevel, die Ihm eine untragbare Last sind und die Er deswegen haßt (1, 1-12). Selbst ihr Beten erreicht nicht Sein Herz, denn ihre Hände sind blutbefleckt (1, 15). Das Haupt ist krank, das Herz ist siech, und von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an dem von seinem Gott abgefallenen Volk (1, 5.6).
So schildert der Herr den aussichtslosen Zustand Seines Ihm entfremdeten, in törichtem, äußerem Gesetzesdienst erstarrten Volkes. Und dieses Juda soll nun zu Ihm kommen und mit Ihm rechten. Nach menschlichem Ermessen müßte das Ergebnis für die, die Sodom und Gomorra nicht nur gleich geworden sind (1, 10), sondern noch greulicher gehandelt haben (Hes. 16, 46.52), unabänderliches Gericht und strengste Strafe sein. Man sollte doch meinen, daß es für solche Sünden bewußter Verstockung und Auflehnung weder Gnade noch Heil gebe.
Was aber bei Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott. Er bedroht ihre scharlachroten Sünden nicht mit endloser Strafe, sondern verheißt völlige Reinigung. Der endgültige Ausgang Seines Rechtens mit Juda und Jerusalem ist nicht ziellose Verdammnis, sondern Zurechtbringung und Wiederherstellung. Mag der Weg noch so qualvoll und furchtbar sein, — das Ziel und Ergebnis ist zuletzt doch Heil und Friede.
Zion wird erlöst werden durch Gericht
Jes. 1, 21-27a: “Ich werde meine Hand gegen dich wenden und werde deine Schlacken ausschmelzen wie mit Laugensalz und hinwegschaffen all dein Blei. Und ich werde deine Richter wieder herstellen wie zuerst und deine Räte wie im Anfang. Danach wird man dich nennen: Stadt der Gerechtigkeit, treue Stadt. Zion wird erlöst werden durch Gericht.”
Wenn Gott von Seiner Hand redet, so will Er damit sehr oft Gerichte androhen. Denken wir nur an Davids Bekenntnis in Ps. 32, 4: “Tag und Nacht lastete auf mir Deine Hand”, oder an Hebr. 10, 31: “Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.” Gott wendet Seine heiligen Hände gegen das zur Hure gewordene Juda. Wohl besteht Sein Werk in scharfer Züchtigung und ernster Strafe, aber Sein Ziel ist, seine Schlacken auszuschmelzen und all sein Blei, also alles Unedle, hinwegzuschaffen. Das bezeugt der 25. Vers ganz klar.
Wiederherstellung und Wiedereinführung der Gerechtigkeit und Treue sind nach Vers 26 die Folgen göttlicher Rache (Vers 24). Das Gericht über Zion bewirkt Erlösung! Darum kann der Glaube für jedes Gericht, so schmerzlich und demütigend es auch für den Augenblick sein mag, danken und anbeten.
Gericht dient zur Reinigung
Jes. 9, 7: “Die Mehrung der Herrschaft und der Friede werden kein Ende haben auf dem Throne Davids und über Sein Königreich, um es zu befestigen und zu stützen durch Gericht und durch Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des Herrn der Heerscharen wird dieses tun.”
Wenn wir den Umstand beachten, daß Vers 7 unmittelbar hinter dem 6. Vers folgt, also nach der Geburt Christi sofort die Schilderung Seiner Königsherrschaft kommt, so erkennen wir wieder die große, wichtige Wahrheit, daß im Alten Testament nicht alle Teile des Heilsplanes Gottes geschaut werden. Die Gemeinde des Leibes des Christus zwischen dem ersten und zweiten Kommen des Herrn, deren Wesen und Verwaltung dem Apostel Paulus geoffenbart wurde, wird nicht gesehen. Das ist durchaus wesentlich und kennzeichnend für das Messiasbild des Alten Testamentes.
Wodurch wird nun das Königtum der Friedensherrschaft gefestigt und gestützt? Unser Schriftwort sagt: “Durch Gericht und durch Gerechtigkeit.” Damit sind wohl die täglichen Reinigungsgerichte gemeint, die während des Königreiches Christi Morgen für Morgen erfolgen, wie geschrieben steht: “Jeden Morgen will ich vertilgen alle Gesetzlosen des Landes, um aus der Stadt des Herrn auszurotten alle, die Frevel tun” (Ps. 101, 8) und: “Der Gewalttätige hat ein Ende und der Spötter verschwindet, und ausgerottet werden alle, die auf Unheil bedacht sind” (Jes. 29, 20).
Gericht dient zur Reinigung. Diese wichtige Wahrheit göttlicher Haushaltungen haben wir doch schon oft in unserm praktischen Leben erfahren. Wie oft schon durchliefen wir innerlich Ängste, Spannungen und Nöte, unter denen wir stark litten. Und doch waren wir hinterher für die Lösungen und Läuterungen, die diese Gerichte bewirkt hatten, sehr dankbar und möchten sie nicht mehr missen. Gottes Gerichtseifer ist der heilsnotwendige Bahnbrecher und Wegbereiter für Gerechtigkeit und Frieden.
Zunichtewerden bewirkt Richtigwerden
Ein eigenartiges Wort lesen wir in Jes. 10, 22b: “Vertilgung ist fest beschlossen; sie flutet Gerechtigkeit einher.”
Vertilgung oder Vernichtung bedeutet in Gottes Wort nicht Aufhören, sondern Zunichtewerden. Und Zunichtewerden bewirkt Richtigwerden oder Gerechtigkeit. Wir sehen also auch hier, daß der Gerichtsakt der Vertilgung keine bloße Strafmaßnahme ist, kein Kühlen der Zornglut Gottes, sondern ein In-Ordnung-Bringen, ein Herstellen des Zustandes der Gerechtigkeit. So erscheint uns manches, das wie ein Verderbensstrom aussieht, von der Höhe göttlicher Warte betrachtet, als Heilsvermittler.
Offenbarte sich nicht auch in unserer persönlichen Lebensführung vieles, was uns als Verlust vorkam, als wunderbarer Gewinn? Gibt es nicht einen wertvollen Segen des Leides? Gewann nicht Joseph, als er von seinen Brüdern verkauft wurde und in den Kerker geriet, viel mehr, als er hatte aufgeben müssen? Bedeutete nicht die Ausrottung des Messias (Dan. 9, 26 wörtlich) einen unbeschreiblichen Heilsgewinn für die Schöpfung? Und war die Einkerkerung des Apostels Paulus ein Vorteil oder ein Verlust für die Gemeinde Gottes, wenn wir den hohen Wert seiner Gefangenschaftsbriefe erwägen? Siehe, so mag auch in deinem und meinem Leben vieles als Nachteil, Verzicht und Verlust erscheinen, was im göttlichen Licht besehen nur Vermittlung von mehr Heil und höherer Herrlichkeit bedeutet! Lernen wir deshalb auch für die schmerzlichen und dunkeln Gerichtswege Gottes dankbar werden, denn auch sie dienen letztlich der Erreichung Seiner wunderbaren Vollendungsziele.
Gericht als neugestaltendes Gnadenfeuer
Jes. 13, 12.13: “Ich will den Sterblichen kostbarer machen als gediegenes Gold und den Menschen als Gold von Ophir. Darum werde ich die Himmel erzittern machen, und die Erde wird aufbeben von ihrer Stelle: beim Grimme des Herrn der Heerscharen und am Tage Seiner Zornglut.”
Es ist ein anbetungswürdiges Ziel Gottes, die Menschen köstlicher als Gold zu machen; sie, die doch Fleisch sind, die einem Schlafe oder einem Grase gleichen und deren Herrlichkeit wie eine Morgenwolke entflieht. Welche Wege geht Gott, um das zu erreichen? Er setzt nach unserem Schriftwort Himmel und Erde in Bewegung, um zu Seinem Ziele zu kommen. Sein Grimm und Seine Zornglut werden entbrennen. Das werden gar gewaltige Gerichtsentfaltungen sein. Dabei wird Er sich als “Herr der Heerscharen” erweisen, d. h. als der Gott, dem alle Engelmächte und die gesamte Geisterwelt zur Ausführung Seiner Pläne zur Verfügung stehen und dienen müssen.
Es ist die gleiche Gerichtslinie, die wir in Zeph. 3, 8b finden, wo wir lesen: “Ich werde meinen Grimm ausgießen, die ganze Glut meines Zornes. Denn durch das Feuer meines Eifers wird die ganze Erde verzehrt werden.” Zu welchem Zweck aber will Gott in Seinem Grimm und in Seiner Zornglut die ganze Erde verzehren? Damit sie nicht mehr sei und die Menschen endloser Qual überliefert würden? Mitnichten! “Denn alsdann”, fährt Gott im nächsten Vers fort, “werde ich die Lippen der Völker in reine Lippen umwandeln, damit sie alle den Namen des Herrn anrufen und Ihm einmütig dienen.” Diese beiden kurzen Wörtlein “denn alsdann” sind dem Glauben nicht nur im Blick auf die Erde und ihre Bewohner, sondern auch für das persönliche Leben und das ganze weite Weltenall ein wunderbarer Trost und herrlicher Durchblick. Gottes Eifer, Grimm und Zornglut sind, so schmerzlich und furchtbar sie auch im Augenblick ihres Wirkens empfunden werden, reinigende, neugestaltende Gnadenfeuer. Sein Gericht ist ein Richtigmachen!
Gott schlägt und heilt die Ägypter
Jes. 19, 22: “Der Herr wird die Ägypter schlagen, schlagend und heilend; und sie werden sich bis zu dem Herrn wenden, und Er wird sich von ihnen erbitten lassen und sie heilen.”
Jes. 19 und 20 handeln von den Ägyptern. Ägypter heißt auf deutsch “die Leute im eingeschlossenen Land”, oder “Drangsalstätte”. Ernst und streng sind die Gerichte, die über dieses Volk beschlossen sind. “Das Herz Ägyptens zerschmilzt in seinem Innern” (19, 1). Das Volk wird in die Hand eines harten Herrn und grausamen Königs überliefert (19, 4); der Nil, die Lebensader des Landes, wird vertrocknen, so daß Hungersnot und wirtschaftlicher Niedergang die Folge sein werden (19, 5-10); die Ägypter werden vor den Strafgerichten Gottes zittern und beben (19, 16).
Diese Schläge bedeuten aber bei all ihrer Schmach und all ihrem Schmerz zutiefst einen Rettungsprozeß! “Schlagend und heilend” wird Gott die Ägypter heimsuchen, so daß sie sich zu Ihm wenden, Ihn anrufen und Sein Heil erfahren. Wohl mag es eine Zeitlang scheinen, als habe der Herr Sein abgefallenes und untreues Volk “vergeblich geschlagen” (Jer. 2, 30). Aber zuletzt wird kein Wort Gottes, auch keines Seiner Gerichtsworte, leer zurückkommen, sondern ausrichten, wozu Er es gesandt hat (Jes. 55, 11).
“Schlagend und heilend.” Möchte dieser Gottesausspruch uns immer wieder vor der Seele stehen, wenn uns scheint, als ob nur “Schicksalsschläge” in dieser oder jener Form über uns hereinbrechen, und wir am Sinn und Zweck der Leiden und des Lebens fast verzweifeln wollen. Gottes Schläge sind Liebesschläge, und alle Seine Wege, so dunkel und qualvoll sie auch für den Augenblick erscheinen mögen, sind Heils- und Rettungswege. Laßt uns diese Wahrheit allezeit im Glauben festhalten und uns darinnen durch lebendige Danksagung üben!
Strafheimsuchung und Gnadenheimsuchung
Jes. 24, 21.22: “Es wird geschehen an jenem Tage, da wird der Herr mit Strafen heimsuchen die Heerscharen der Höhe in der Höhe und die Könige der Erde auf der Erde. Und sie werden in die Grube eingesperrt, wie man Gefangene einsperrt, und in den Kerker eingeschlossen; und nach vielen Tagen werden sie in Gnaden heimgesucht werden.”
Hier ist (vgl. Kautzsche Textbibel!) von einer doppelten Heimsuchung die Rede. Vers 21 spricht von einer Strafheimsuchung und Vers 22 von einer Gnadenheimsuchung. Es wird sowohl die Engel- oder Geisterwelt als auch die Menschenwelt genannt. Die Grube ist ein oft gebrauchtes Bild des Totenreiches, und unter dem Kerker darf man wohl Orte der Verdammnis verstehen. Besteht doch auch bei menschlichen Institutionen ein Unterschied zwischen Gefängnis und Zuchthaus. Und weil alles Irdisch-Vergängliche nur ein Gleichnis himmlischer Realitäten ist, so sind auch unsere Rechtseinrichtungen mehr oder weniger verzerrte Abbilder göttlicher Normen und unsichtbarer Wesenheiten.
“Nach vielen Tagen” werden die himmlische Heerschar und die irdischen Könige in Gnaden heimgesucht. Was liegt in diesen wenigen Worten “nach vielen Tagen” an Zeitdauer und Gerichtspein eingeschlossen! Wie viele Verdammnisumwege müssen doch Gottes Geschöpfe gehen, ehe sie zerbrochen und heilshungrig Seine Gnade erfahren können! Es gehört zum Herzstück der Gnadenbotschaft des gegenwärtigen Heils, daß wir nicht nur vor allen Gerichtsumwegen bewahrt bleiben, sondern in den kommenden Zeitaltern mithelfen dürfen, daß die jetzt noch Widerspenstigen und Verlorenen auch das Heil Gottes erfahren und erfassen.
Auf dem Pfade Seiner Gerichte erwartet Juda den Herrn
Jes. 26, 8a: “Ja, wir haben Dich, o Herr, erwartet auf dem Pfade Deiner Gerichte.”
Während wir gnadenmäßig, d. h. durch Gnade und zur Gnade errettet sind, wie der Epheserbrief bezeugt, ist die jüdische Heilserwartung immer mit Gerichten verbunden. Auf dem Pfade Seiner Gerichte erwartet Juda den Herrn. Für unsere Betrachtung ist es von Wichtigkeit, zu betonen, daß Gottes Gerichte Gegenstand der Hoffnung und Heilssehnsucht sind. Denn Gerichte sind immer ein Beweis dafür, daß Gott redet. Wenn Seine Gerichtssprache auch ernst und schmerzlich ist, so ist doch der Herr auf dem Plan. Und weil Er die Wunden Seiner Geschöpfe nicht leichthin und oberflächlich verbindet, sondern zuerst aufdeckt und bloßlegt und dann gründlich heilt, so ist Sein Gerichtswirken Bahnbrecher und Wegbereiter Seines Heils.
Der Gesetzlose muß dem Gericht überliefert werden, um heilsverlangend und gnadenhungrig zu werden
Jes. 26, 9b.10a: “Wenn Deine Gerichte die Erde treffen, so lernen Gerechtigkeit die Bewohner des Erdkreises. Wird dem Gesetzlosen Gnade erzeigt, so lernt er nicht Gerechtigkeit.”
Gott hat den unabänderlichen Plan und Vorsatz, die Völker der Erde gerecht zu machen und so den von allen ersehnten und erstrebten Zustand der Gerechtigkeit herzustellen. Solange aber Ungerechtigkeit und Gewalttat, Selbstsucht und Sünde die treibenden Kräfte der unerneuerten Menschheit sind, kann keine wirkliche Gerechtigkeit auf Erden herrschen. Erst die innere Erneuerung des Menschen bringt eine gottgemäße Gestaltung irdischer Verhältnisse mit sich.
Um der Sünde des Menschen willen wurde dereinst der Erdboden verflucht, so daß Dornen und Disteln (Bilder der Sorge und Unfruchtbarkeit) nur durch Schweiß und Mühsal notdürftig bekämpft werden können. In der Vollendung aber wird der erlöste und erneuerte Mensch Heilsträger und Rettungsbringer für die ganze Schöpfung sein, die deshalb mit sehnsüchtigem Harren auf die Enthüllung der verklärten Söhne Gottes wartet (Röm. 8, 19).
Wodurch aber wird der Zustand der Gerechtigkeit auf Erden eingeleitet? Unser Schriftzeugnis gibt uns die Antwort: dadurch, daß Gottes Gerichte die Erde treffen. Mögen die Gerichte zunächst nur als Strafmaßnahmen und heilige Vergeltung erscheinen, — zutiefst dienen sie doch dazu, daß die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit lernen, daß also der Heilswille Gottes erfüllt wird.
Einem zerbrochenen Geist kann Gnade und Rettung zuteil werden. Wer aber in seiner Gesetzlosigkeit verharrt, kann keine Barmherzigkeit erlangen. Er lernt durch Gnadenmitteilung nicht Gerechtigkeit, sagt unser Wort. Zuerst muß er heilsverlangend und gnadenhungrig werden. Dann wird auch er Gottes vergebendes Erbarmen erfahren. Solange jedoch ein Geschöpf in ichstolzer Gesetzlosigkeit verharrt, lernt es nicht Gottes Gerechtigkeit kennen und sich danach ausstrecken, sondern handelt unrecht. Der Gesetzlose muß daher dem Gericht überliefert werden und die Ängste und Schrecken der Gottesferne erleben. So köstlich die Gnade ist, so sehr sie Gottes ureigentlichem, innerstem Liebeswesen entspricht, so gerne Er sie anwendet und walten läßt, so kann Er sie doch nicht immer und überall erweisen. Zwar wird sie zuletzt den Sieg davontragen und alle beseligen, aber zuvor müssen Ängste und Gerichte die Geschöpfe rettungsreif machen. Das ist die tiefe, wichtige Wahrheit von Jes. 26, 9.10. Lernen wir deshalb auch für die vorbereitende Arbeit und die geheimen Rettungsdienste der Gerichte danken!
Bedrängnisse und Züchtigungen sind heilsnotwendig
Jes. 26, 16: “Herr, in der Bedrängnis haben sie Dich gesucht (eigentlich: vermißt); als Deine Züchtigung sie traf, flehten sie mit flüsterndem Gebet.”
Jede Bedrängnis ist, von Gott aus und vom Ziele her gesehen, heilsnotwendig. Denn erst in der Not und Drangsal vermißt und sucht man Gott. Da merkt man, daß man einen starken Helfer braucht, einen wirklichen Tröster, Retter und Erstatter. Die Züchtigungen Gottes treiben uns in Beugung und Gebet. Darum sind sie weit mehr als nur das Kühlen Seiner Zornglut und Ausflüsse beleidigter Heiligkeit. Sie sind Rettungsmaßnahmen und Heilswege. Wohl uns, wenn wir das immer wieder beim Erleben und Erleiden eigner oder fremder Bedrängnis glaubend festhalten können!
Der Abwendung des Herrn folgt Erbarmen
Jes. 30, 18: “Darum wird der Herr verziehen, euch gnädig zu sein; und darum wird Er sich hinweg erheben, bis Er sich euer erbarmt; denn der Herr ist ein Gott des Gerichts; glückselig alle, die auf Ihn vertrauen!”
Ist das nicht ein Wort voll scheinbarer Widersprüche? Zuerst wird gesagt, daß der Herr verzieht, also aufhört, gnädig zu sein. Dann ist die Rede davon, daß Er sich hinweg erhebt, sich also von Seinem Volk abwendet. Das ist jedoch kein Endzustand, denn der Satz schließt mit den wichtigen Worten: “bis Er sich euer erbarmt”.
Wer dächte da nicht an die Verheißung des Herrn in Matth. 23, 37-39: “Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt. Siehe, euer Haus wird euch wüste gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht mehr sehen, bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!” Hier heißt es ausdrücklich: “Ihr habt nicht gewollt!” Das Nichtwollen der Geschöpfe bewirkt aber keineswegs unaufhörliche Gerichte und endlose Strafen, wie manche meinen, denn hinter der Drohung: “Ihr werdet mich von jetzt an nicht mehr sehen!” ist kein Punkt, sondern die herrliche Verheißung: “bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!” Wie wichtig ist doch dieses kurze, köstliche Wörtlein “bis”!
Genau wie in Matth. 23 verhält es sich in Jes. 30. Gott zieht sich so lange von Seinem untreuen Volk zurück, bis Sein Erbarmen wieder wirksam wird. Diese Erziehungs- und Rettungsmethode wird mit den Worten begründet: “denn der Herr ist ein Gott des Gerichts.” Weil sich aber selbst die Gerichte dem Auge des Glaubens als heilsnotwendig und zur Rettung führend enthüllen, fährt der inspirierte Prophet nicht etwa fort: “Wehe denen, die diesem Gerichtsgott begegnen müssen!”, sondern ruft frohlockend aus: “Glückselig alle, die auf Ihn harren!” Nicht Verderben und Qual, sondern Glückseligkeit ist also das Teil derer, die auf den Gott des Gerichts warten.
Bitteres Leid wird zum Heil
Der König Hiskia bezeugt anbetend in Jes. 38, 17: “Siehe, zum Heile ward mir bitteres Leid!”
Das einleitende “Siehe!” will auf die Wichtigkeit seines Zeugnisses aufmerksam machen. Bitteres Leid wird zum Heil. Auf diese ganz einfache Formel könnte man den Sinn und Zweck allen Elends und Unglücks in der Welt bringen. Ohne den Sündenfall hätte sich Gott nicht als gnädiger und barmherziger Retter enthüllen können und wäre höchstens als starker Schöpfer und allmächtiger Herrscher erkannt worden. Stärke und Allmacht machen aber nicht Sein tiefstes Wesen aus, bilden nicht Seine innersten Herzensgedanken. Barmherzigkeit mit armseligen, gefallenen Geschöpfen, Gnade gegen Rebellen und Empörer, Treue gegen Untreue und Abtrünnige — solches offenbart unseres Vaters wahren Charakter und treibt uns zu brünstiger Liebe und hingebender Anbetung. Weil aber nur an Gefallenen Barmherzigkeit, an Empörern Gnade und an Abtrünnigen Treue erwiesen werden kann, so war, menschlich gesprochen, der dunkle Hintergrund von Sünde und Schuld notwendig, damit Gottes ureigentliches Wesen um so heller und beseligender erstrahle. So wird bitteres Leid zum Heil; Schmerz, Sünde und Tod führen in wunderbare Höhen von Freude und Seligkeit, oder, wie Paulus in 2. Kor. 4, 17 schreibt: “Drangsal bewirkt Herrlichkeit.” Möchten wir alles Leid und Weh der Welt unter diesem Gesichtswinkel betrachten lernen!
Alle Mächte und Gewalten dienen Gottes Willen
Jes. 46, 9-11: “Gedenket des Anfänglichen von den Äonen her, daß ich Gott bin und sonst ist gar keiner, daß ich Gott bin und gar keiner wie ich; der ich von Anfang an das Ende verkünde, und von alters her, was noch nicht geschehen ist; der ich spreche: Mein Ratschluß soll zustande kommen, und all mein Wohlgefallen werde ich vollführen; der ich einen Raubvogel rufe von Osten her, aus fernem Land den Mann meines Ratschlusses. Ich habe geredet und werde es auch kommen lassen; ich habe entworfen und werde es auch ausführen.”
Von diesem oft genannten, wirklich wundervollen Selbstzeugnis Gottes wollen wir nur einen einzigen Ausdruck herausheben. Der Herr redet davon, daß Er nicht nur einen Teil, sondern “all Sein Wohlgefallen” oder “Seinen ganzen Willen” tut oder vollführt. Welcher Mittel bedient Er sich nun, daß Sein Heilsratschluß zustande komme? Der 11. Vers sagt uns, daß Er “einen Raubvogel von Osten” ruft, “aus fernem Land den Mann Seines Ratschlusses”. Wen meint wohl Gott damit? Wenn wir die Kapitel in ihrem geschichtlichen Zusammenhang verfolgen, so sehen wir (vgl. Jes. 45, 1), daß wohl der heidnische König Kores oder Cyrus gemeint ist, der im tiefsten Grunde nichts anderes ist als ein Werkzeug in der Hand des Herrn. Das sind ja letztlich alle Mächte und Gewalten im Weltenall, seien es nun Engel oder Menschen, mögen sie nun als Freunde oder Feinde Gottes wirksam und tätig sein. Selbst ohne ihr Wissen und Wollen helfen sie mit, unsres Vaters große, herrliche Liebespläne hinauszuführen. Es tut auch der Ehre Gottes keinerlei Abbruch, daß Er einen “Raubvogel” ruft, sondern ist vielmehr Beweis Seiner Allweisheit und Macht. Selbst die Mörder Seines Sohnes waren Männer Seines Ratschlusses und taten in ihrer Bosheit und Feindschaft gerade das, was vor Grundsturz des Weltsystems beschlossen war. Haben wir nicht einen überaus herrlichen und wunderbaren Vater und Rettergott? Wie könnten wir etwas anderes tun, als Ihm unser Leben in heiliger Freude und dankbarer Anbetung völlig weihen?
Gott behält Seinen Grimm nicht für immer
Noch ein letztes Selbstzeugnis Gottes, das uns Einblick in Sein Herz gewährt und Art und Zweck Seiner Gerichte enthüllt, sei hier genannt: Jes. 57, 16-18: “Ich will nicht ewiglich rechten und nicht auf immerdar ergrimmt sein; denn der Geist würde vor mir verschmachten und die Seelen, die ich ja gemacht habe. Wegen der Missetat seiner Habsucht ergrimmte ich und schlug es, indem ich mich verbarg und ergrimmt war; und es wandelte abtrünnig auf dem Wege seines Herzens. Seine Wege habe ich gesehen und werde es heilen; und ich werde es leiten und Tröstungen erstatten ihm und seinen Trauernden.”
Der Herr behält Seinen Grimm nicht für immer und endlos, sonst würden ja Seele und Geist der Menschen, die Er doch selbst gebildet hat, zugrunde gehen. Ihm sind alle Seine Geschöpfe kostbar. Und wenn sie abtrünnig sind und sündigen, so hat Er Mittel und Wege genug, um sie wieder zu sich zurückzubringen. Und das Ende ist immer eine viel engere und innigere Vereinigung als vorher. Es ist hinsichtlich Gottes und Seiner ganzen Schöpfung so, wie wir in Philemon 15-16 a lesen: “Vielleicht ist er deswegen für eine Zeit von dir getrennt gewesen, auf daß du ihn für immer besitzen mögest, nicht länger als einen Sklaven, sondern mehr als einen Sklaven, als einen geliebten Bruder.” Der durch den Dienst des Paulus errettete und wieder heimgekehrte Sklave stand nun als “geliebter Bruder” zu seinem Herrn in einem viel innigeren und herzlicheren Verhältnis, als es bei dem brav daheimgebliebenen Sklaven je hätte der Fall sein können. Welch eine tiefe Symbolik liegt in dem kurzen Brieflein verborgen, wenn wir es im Blick auf Gott und Seine Schöpfung zu lesen verstehen!
Der 17. Vers unsres Jesajakapitels redet von der “Missetat der Habsucht”, die Gottes Grimm erregt. Darum schlägt der Herr Sein Volk. Wie macht Er das? Er verbirgt sich! Wenn Gott sich vor Seinen Geschöpfen verborgen hält, ihnen den Genuß Seiner Gegenwart und Gemeinschaft entzieht, so bedeutet das Strafe und Verlust. Gibt es im Leben der Gläubigen schlimmere Zustände, als wenn sie das Gefühl haben, daß sie keine Lebensgemeinschaft mit dem Herrn mehr haben, nicht mehr in der Liebeseinheit mit Ihm stehen? Wer hätte diese Stunden und Nächte noch nicht durchlebt, da man wähnt, unsre Gebete prallten gegen eine undurchdringliche Wand und Gott höre unser Schreien nicht! Gott schlägt, indem Er sich verbirgt. Aber wenn auch wir Ihn nicht sehen und fühlen, so sieht Er uns doch und fühlt und empfindet mit uns. Das wollen wir nie vergessen, denn das allein macht uns froh und glücklich.
Wenn wir nach unserm natürlichen Empfinden den 18. Vers geschrieben hätten, so würde er wohl lauten: “Seine Wege habe ich gesehen und werde es schwer züchtigen und streng bestrafen.” Gott aber sagt anders. Er verheißt: “Seine Wege habe ich gesehen und werde es heilen.” Er verspricht Heilung, Leitung und Trost. So berechtigt Sein Grimm und so notwendig Seine Gerichte sind, — Sein Endziel ist Rettung und Seligkeit. Wenn auch die Gottlosigkeit der Menschen Ihn tief ins Herz hinein schmerzt, so bleibt doch Sein Entschluß der Gnade und des Heiles unbereubar bestehen und wird zur rechten Zeit und Stunde herrlich ausgeführt.
Laßt uns anbeten und preisen, daß auch die Gerichtsdrohungen unsres Gottes zutiefst Rettungsverheißungen sind, da ja Sein Gericht nicht anhält und Tod und Verdammnis nicht endlos währen, sondern nur Wegbereiter und Bahnbrecher Seiner allgenugsamen erlösenden Liebe und Gnade sind!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1/1968; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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