Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Die Berufung Abrahams (2)

Autor: Geyer, Karl  |  Kategorie(n): Biblische Symbolik, Das prophetische Wort, Erwählung, Glaubensleben & Wandel, Lehre  |  842 x gelesen

Die praktisch-erbauliche Bedeutung

Was hat uns die Geschichte Abrahams zu sagen? — Welchen Wert hat sie für unser praktisches Leben? — In welcher Weise dient sie zu unserer Erbauung, oder welchen moralischen Nutzen haben wir von ihrer Betrachtung?

Die Schrift gibt uns in Galater 3, 9 eine Antwort auf diese Fragen. Alle Gläubigen werden mit dem gläubigen Abraham gesegnet. Er ist das Musterbeispiel, an dem Gott Seinen Grundsatz zur Darstellung brachte: “Gerechtfertigt aus Glauben.” Wer auf die Rechtfertigung aus Glauben Anspruch erhebt, tut gut, sich die göttliche Erziehungsweise am Leben Abrahams anzusehen. In derselben Weise erzieht Gott alle Gläubigen, mögen die Umstände in ihrem Leben noch so verschieden sein. “Es ist aber nicht allein seinetwegen geschrieben, daß es ihm zugerechnet werden soll …” (Röm. 4, 23.24, siehe auch das ganze Kapitel).

So deutlich fordert uns Gott auf, das Leben Abrahams glaubend zu erforschen! Dieser Hinweis ist beschämend genug für uns, weil darin die ausgesprochene Voraussetzung liegt, daß wir von Natur aus daran gewöhnt sind, die Geschichten des Alten Testamentes rein historisch zu lesen, so, als ob sie alle nur die dort genannten Personen angingen. Und doch bekommt der Timotheus gesagt, daß in dem Wissen dieser alttestamentlichen Schriften ein großes Vermögen steckt, eine Macht, die wirksam wird zu unserem Heil, wenn sie nur glaubend erkannt und angewandt wird. Denn alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützt uns zu mancherlei Teilzwecken, auf daß der eine große Endzweck Gottes mit uns erreicht werde, den Gottmenschen in uns vollkommen zu machen, zu jedem guten Werke völlig geschickt (2. Tim. 3, 15-17).

Schon dieser umfassende Hinweis auf sämtliche Schriften des Alten Testamentes sollte uns genügen, das Leben Abrahams nach der Seite zu betrachten, welchen Wert es für die Entwicklung des Glaubenslebens in uns hat. Wieviel mehr aber sollte uns die obengenannte Stelle in Römer 4 direkt dazu anleiten, dieses Musterbeispiel Gottes für die Erziehung des Glaubens genau zu erforschen; denn es ist ja nicht allein seinetwegen geschrieben, sondern auch unsertwegen.

Gott redet — so beginnt unser Glaube

Und der Herr sprach zu Abram … — So beginnt aller Glaube. Er entsteht immer erst auf ein Wort des Herrn hin. Umgekehrt ist es mit der Religion des natürlichen Menschen. Diese entsteht durch die Wirksamkeit des Menschen. Denn während Religion das ist, was der Mensch über Gott denkt, und was der Mensch tut, um mit Gott in Verbindung zu kommen, ist der Glaube ein Anerkennen dessen, was Gott über uns denkt, und was Er getan hat, um uns mit Sich selbst wieder in Lebensverbindung zu bringen.

Der religiöse Mensch will und muß leisten. Da aber seine Wirkungsmöglichkeiten beschränkt sind durch seine natürlichen Fähigkeiten, so sucht er seine Leistungen zu vervielfachen durch massenmäßigen Zusammenschluß. Er organisiert, um Stoßkraft zu gewinnen. Das hervorragendste Beispiel dieser Art ist Babel. Der Grundsatz Babels heißt: “Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen! Denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder” (1. Mose 11, 4). Aus Babylon, der Mutter der Huren und Greuel der Erde (Offb. 17, 4), sind im Laufe der Zeit viele Städtegründer und Turmbauer und Organisatoren von Spitzenverbänden hervorgegangen; aber die Städte sind Pestbeulen am Leibe der Menschheit, und die Turmbauten sind Bollwerke der Ungerechtigkeit und Gewalt, und die Spitzenorganisationen unterdrücken die persönliche Freiheit des einzelnen, sowohl im äußeren Leben, wie ganz besonders auf dem Gebiet des Glaubens und Gewissens.

Der Glaube hört Gottes Ruf

Der Glaube stützt sich nicht auf Menschen. Er verzichtet auf die Mithilfe von Geschöpfen. Er hört den Ruf Gottes und geht als einzelner den Weg des Gehorsams, ohne zu wissen, wohin es geht. Dies ergibt sich dann schon. Am Anfang genügt es zu wissen, daß Gott geredet hat und daß Sein Wort uns gilt. Ja, hier ist es so persönlich, daß man schon sagen muß: Der Herr spricht zu mir. Im Gegensatz zu allem Massenmäßigen ist der Glaube die privateste von allen Privatsachen. Er entsteht nicht durch den Anschluß an irgendeine Organisation oder Denomination, sondern durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, der den unvergänglichen Samen des Wortes Gottes in uns lebendig macht. Auf diese Weise werden wir ein neues Lebewesen, ein Organismus. Die beiden Worte Organismus und Organisation hören sich sehr ähnlich an, und doch sind sie so verschieden wie Licht und Finsternis. Das eine ist ein lebendiges Wesen, das andere ein totes System. Das Wesen ist gezeugt, das System ist gemacht. Darum ist auch jeder wahrhaft Gläubige ein Original, das sich artgemäß entwickelt und Früchte bringt nach seiner Art, während ein System nur Klischees hervorbringen kann, die sich alle gleichen wie Gipsabdrücke aus Holzschnittformen.

Es gibt viele Menschen, welche die Tatsachen der Schrift an und für sich glauben. Sie setzen keinen Zweifel in die geschichtliche (historische) Richtigkeit der einzelnen Berichte. Das Leben Jesu oder Seiner Apostel oder der Propheten ist ihnen genau so feststehend wie die Geschichte Bismarcks oder Friedrichs des Großen oder Luthers oder des Papstes. Dennoch gehen sie in ihrer toten Rechtgläubigkeit unfruchtbar dahin. Es gibt einen Erlöser, — aber sie sind nicht erlöst. Es gibt Leben aus Gott, — aber sie besitzen es nicht. Warum nicht? — Weil sie nie persönlich erlösungsbedürftig geworden sind, darum haben sie auch die Tatsache der Erlösung in Christo Jesu nie persönlich erfaßt. Sie haben wohl eine Form der Gottseligkeit, aber die Kraft fehlt (2. Tim. 3, 5).

Wie soll der Glaube sich da verhalten? — Soll er Kompromisse suchen, um das Wohlwollen der Masse nicht zu verlieren (Jak. 4, 4)?

Der Glaube sucht überhaupt nichts, sondern tut den Willen dessen, der zu ihm gesprochen hat. Es ist nicht leicht, die Rede Gottes zu ertragen und dennoch in Seiner Nähe zu bleiben. Aber es ist überaus selig, sie ertragen zu haben und dageblieben zu sein (Joh. 6, 60-69, besonders Vers 66).

Der Glaube führt hinaus in die Freiheit

Das erste Wort, das dem Glauben gegeben wird, lautet: “Gehe aus …” — Er kann ja nicht in Mesopotamien zwischen den Wassern des Euphrat und Tigris bleiben (Offb. 17, 15), wo Babylon, die Mutter der Huren, ihren Sitz hat, und wo Ur-Chasdim liegt, der Greuel der Verwüstung. Die Tradition birgt immer seelische Gebundenheit in sich. Wer andere lösen helfen will, muß selber gelöst sein.

Gehe aus! — Oder willst du lieber nicht? — Willst du Gotteskämpfe kämpfen und dabei noch zu Hause bleiben? — Das geht nicht! Entweder gehst du aus und gewinnst, — oder du bleibst zu Hause und verzichtest auf den Siegespreis. Beides miteinander aber geht nicht.

Der Glaube führt hinaus in die Freiheit, die Tradition fesselt. Der Glaube löst die Bindungen und Hemmungen, die Tradition verstärkt sie. Geradezu krampfhaft frischt man die alten Sitten und Gebräuche immer wieder auf und ahmt sie nach, obwohl sie für die jetzigen Geschlechter nicht mehr Geist und Leben haben, sondern nur noch tote Formen sind. Sie sind aber der beste Nährboden für den eitlen Wandel nach väterlicher Weise.

Genügt es uns nicht, wenn der Herr spricht: “Gehe aus!”? — Der Anfang der Rechtfertigung ist Glaubensgehorsam (Röm. 1, 5, vgl. hierzu noch 2. Kor. 6, 14-18; Kol. 2, 18-23; 2. Tim. 3, 5; Offb. 18, 4).

Tarah — der Geruch des alten Menschen

Wenn der Glaube sich aufmacht, um auszuziehen, so wird mit einem Male das Fleisch betriebsam. Der alte Mensch regt sich und arbeitet, so daß es fast den Anschein hat, als ob die Anregung zum Auszug von ihm ausgegangen sei. Tarah bedeutet: “Der Riechende.” Wenn der Glaube auszieht, so trägt er noch eine Zeit den Geruch des alten Menschen mit. Aber dann kommt eine Station, Haran, von der ab der alte Mensch nicht mehr weiter kann. Die Leitung wird aus seiner Hand genommen und er stirbt. Denn Haran heißt Hitze. Wenn der alte Mensch in das Feuer der Trübsal kommt, kann er die Hitze nicht ertragen. Er stirbt und gibt dem Glauben den Weg frei.

Der Glaube stirbt nicht in der Hitze. Er geht geläutert daraus hervor (1. Petri 1, 7). Und nach der Prüfung sind Ausharren (oder Geduld) und Tragkraft verdoppelt. Hiob bekam nach seiner Prüfung doppelt soviel Schafe und doppelt soviel Rinder als zuvor. Das Schaf ist in der Schrift ein Bild der Geduld, der arbeitende Stier ein Bild der Kraft. Doppelte Geduld und doppelte Kraft sollen das Ende jeder Prüfung für uns sein. Während der alte Mensch in der Hitze stirbt, gewinnt der Glaube Habe und Seelen (1. Mose 12, 5). Leer zog Abram nach Haran, voll kommt er wieder heraus. War auch das volle Ziel nicht erreicht und das Land noch fern, so diente doch auch diese Station in jeder Weise zum Besten (Röm. 8, 28). Darum soll uns auch keinerlei Prüfung betrüben, sondern dem Glauben ein Angeld auf allerlei köstlichen Gewinn sein.

Glaubenswandel bedeutet Fremdlingschaft

Gehe aus deinem Lande! Mag es das Land deiner Jugend, das Land deiner Träume, das Land deiner Sehnsucht oder irgendein anderer Mutterboden deines Fleisches sein, — sie alle halten dich auf im Glaubenslaufe. Darum gehe aus! Der Herr sagt es. Wer auf den Boden der Verheißung will, muß den Boden der Tradition verlassen. Wer die Stadt Gottes erreichen will, wird hier unten zum heimatlosen Pilger (Hebräer 11, 8-16). Fremdlinge und ohne Bürgerschaft auf der Erde! Ist jenes unerschütterliche Reich und jene Stadt, die Grundlagen hat, dir diesen Einsatz wert (Hebräer 12, 22-29)? Dann ziehe die Konsequenzen und werde ein Fremdling! Denn unser Bürgerrecht ist in den Himmeln (Phil. 3, 20; Kol. 3, 1-11). Auf dem Wege dem Lamme nach ist man weder Richter noch Erbteiler. Opfer sind nicht aktiv Handelnde, sondern Leidende. Darum sind wahrhaft Gläubige gute Untertanen, aber schlechte Politiker, weil ihnen das Eigentumsinteresse an dieser Welt fehlt (1. Kor. 7, 29-31). Sie sind untertan der Obrigkeit, die Gewalt über sie hat (Röm. 13, 1-14; Titus 3, 1.2). Stehen sie in einem irdischen Beruf, so laufen sie nicht davon, sondern erfüllen ihn in Treue, als gelte ihre Arbeit dem Herrn. Können sie aber frei werden, so benutzen sie dies noch viel lieber. Sie versuchen nicht, mit der Kraft ihres Armes oder auch des Kopfes hier unten tüchtig zu rangieren und die Menschheit auf das rechte Geleise zu bringen, sondern setzen durch das Gebet des Glaubens den Arm dessen in Bewegung, der vom oberen Stellwerk aus die Weichen stellt (1. Tim. 2, 1-4). So sind sie auf dem Wege ihrer Pilgerschaft durch die Wüste dieser Welt Brunnengräber (Psalm 84, 5-7, Luther: V. 6-8), die ihren Verzicht auf die vergänglichen Scheingüter dieser Welt nicht als Verlust empfinden, sondern im Hinblick auf die vor ihnen liegende Hoffnung alles erdulden (Hebr. 12, 2; 11, 24-26; Röm. 8, 18), obwohl die Welt ihrer nicht wert ist (Hebr. 11, 37.38). Stand je einer durch eine besondere Berufung Gottes in einer leitenden Stellung, so war seine Macht nicht in der Gewalt begründet, sondern im Glauben, und seine Gottesfurcht war ihm der Anfang zur Weisheit, mit der er handelte (1. Kön. 3, 5-14; 1. Mose 41, 37-40; Daniel 2, 47.48). Seit dem Gottesmord auf Golgatha hat aber diese Linie ganz aufgehört. Gott sucht diese alte Welt nicht mehr zu verbessern, sondern führt sie dem Gericht entgegen, um dann eine neue zu schaffen. Fortan gilt nun die Linie von 1. Kor. 1, 23-31.

und aus deiner Verwandtschaft … — Je enger die Bande des Blutes werden, um so stärker sind die Bindungen. Im Kreis der Verwandten steht die gemeinsame Art und Abstammung hoch im Kurs. Bei Hochzeiten und ähnlichen Feiern ist die Gefahr für den einzelnen Gläubigen sehr groß, dem Ansturm der gesamten Freundschaft zu erliegen, besonders dann, wenn es eine sogenannte fromme Freundschaft ist (vgl. Luk. 1, 58-61). Geht ein Mensch aber Glaubenswege, so fallen die früheren Freunde als erste über ihn her (Hiob 19, 13-19, siehe auch die Reden der drei Freunde Hiobs). Sie schämen sich der Verwandtschaft (Psalm 31, 11, Luther: V. 12). Sobald ein Mensch gläubig wird, wird er, wenn er auch den Stolz und die Zierde der Sippe bildete, zur Schande für die ganze Verwandtschaft. Darum gehe aus!

Irdisch-natürliche Liebe führt leicht in die Irre

und aus deines Vaters Hause … — Dazu hat uns einer ein Vorbild gegeben, daß wir sollen nachfolgen Seinen Fußstapfen, einer, der größer war denn Abram, der Sohn Gottes selbst (Matth. 12, 46-50; 10, 32-38; 5. Mose 33, 9; Matth. 16, 24; Mark. 3, 31-35; Luk. 2, 41-52; Joh. 2, 3.4; 2. Kor. 5, 16).

Dieses Nichtkennen des Fleisches hat nichts mit menschlichem Haß zu tun. Der Zwölfjährige verleugnet nicht den Gehorsam, noch der am Kreuz Hängende die Dankbarkeit (Luk. 2, 51; Joh. 19, 25-27). Wo es sich aber um den Auftrag des Vaters handelt, ist sie Ihm nicht Mutter, sondern Weib. Da lehnt Er alle Bindungen ab. So nur kann Er den Willen des Vaters tun, ohne von Menschen beirrt zu werden. Denn gerade liebende Menschen führen uns leicht irre, weil sie uns schonen möchten (Matth. 16, 21-26). Die natürliche Liebe ist blind gegen den göttlichen Liebeswillen. Darum muß sie ausgeschaltet werden, sobald sie hemmend wirkt, damit die Aufträge Gottes in Reinheit erfüllt werden können. Denn der Satan hat großen Einfluß auf den natürlichen Menschen durch die Familienglieder. Er benützt unsere eigenen Hausgenossen, um uns zu vorschnellem Handeln zu bewegen, oder gar dazu, uns von dem Weg des Opfers zurückzuhalten. Wenige erkennen in so wohlgemeinten Ratschlägen die Taktik des Feindes, der sich als Engel des Lichts aufspielt und durch unsere Hausgenossen uns in Feindschaftsstellung wider Gott bringt, indem er uns zu Handlungen anleitet, in denen wir nur ein Schonen unserer selbst sehen. Ja, wir wären jedenfalls von der Fürsorge des Petrus ganz gerührt gewesen und hätten vielleicht als höfliche Menschen gesagt: “Ich danke dir, Petrus! Das war sehr lieb von dir!” — Doch der, der uns von Grund unseres Wesens aus kennt, weiß, wo es uns fehlt. Er will uns aus der Bindung in die Freiheit führen, damit wir Ihm verfügbar werden zum Dienst. Und deshalb spricht Er: “Gehe aus deines Vaters Haus!”

Er zeigt den Weg und Er ist der Weg

in das Land, das ich dir zeigen werde. — Wenn wir ausziehen im Glauben, so wissen wir nicht, wohin es geht. Aber wir kennen den Führer, der nicht nur den Weg weiß, sondern der selbst der Weg ist. Er wird uns das Land zeigen, denn Er hat es versprochen, und Er ist die Wahrheit. Er wird uns auch hineinbringen und uns nicht in der Wüste sterben lassen, denn Er ist das Leben. Sollte da die Wanderschaft nicht zum Ziele führen, wenn der Führer nicht nur den Weg weiß, die Wahrheit kennt und das Leben hat, sondern Weg, Wahrheit und Leben ist? — Er führet uns auf rechter Straße um Seines Namens willen! Auch wenn der Weg des Pilgers durch finstere Täler geht, ja durchs Tal des Todesschattens, so hat er nichts Übles zu fürchten. Der Führer ist ja bei ihm und wehrt mit Seinem Stecken und Stab das Unheil ab. Ja, im Angesicht der Feinde bereitet Er einen Tisch, dessen Speise sie nicht kennen, die aber wunderbar stärkend ist, so daß man in der Kraft dieser Speise viele Tage und Nächte wandern kann, ohne zu ermüden. Sollte dem Wanderer bei einem solchen Führer bangen, er werde das Ziel nicht erreichen (Psalm 23; 1. Kön. 19, 8; Psalm 46, 2, Luther: V. 3)? Nein, dieser Führer kann des Weges nicht fehlen und verliert auch nichts von allem, was der Vater Ihm gegeben. Er bringt Sein teuer erkauftes Eigentum ja nicht in ein fremdes Land, sondern in Sein Land, in das wahre Vaterland, in das Land, in dem der Vater ist.

Frucht ist mehr als Erfolg

Und ich will dich zu einer großen Nation machen … — Wenn der Gläubige von Gott in die Einsamkeit geführt wird, so ist ihm der Boden für jede Wirksamkeit an der Masse entzogen. Es scheint so, als wäre er fortan nutzlos für jede soziale Betätigung, für jede gesellschaftliche und genossenschaftliche Arbeit. Aber wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, so bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, so bringt es viel Frucht. Frucht ist etwas anderes als Erfolg. Menschen mit organisatorischen Fähigkeiten können Erfolg haben. Sie gründen Vereine, Aktien-Gesellschaften und Parteien. Aber Vereine können sich auflösen, Gesellschaften können Konkurs machen und Parteien können sich zersplittern. Das Leben des Glaubens aber ist unauflöslich (Hebr. 7, 16), sein Besitz ist unverweslich, unbefleckt und unverwelklich (1. Petri 1, 4), seine Gemeinschaft wesenhafte Einheit mit dem Vater, dem Sohn und den Brüdern (Joh. 17, 22-24; 1. Joh. 1, 3). Erfolg vergeht, Frucht bleibt. Und der Glaube soll viel Frucht bringen. Söhne und Töchter soll der Glaube zeugen und zu einer großen Nation werden. Söhne sind in der Schrift ein Bild der Tat, des Wandels. Töchter sind ein Bild des Gefühls, der Neigung, der weisen Einsicht. (Selbst die Heiden haben weise Frauen, und auf der Linie des Unglaubens sind fast alle Medien Frauen.) Die Schrift stellt die Weisheit als Weib dar, und ihr dunkles Gegenspiel nennt sie “Frau Torheit” (Sprüche 9, siehe besonders Vers 13 in der Elberfelder Übersetzung). Sprüche 8, 14 sagt von ihr, daß bei ihr Rat und Einsicht ist. Darum soll auch Abram Saras Rat hören (1. Mose 21, 12). Hiob hatte sieben Söhne, das heißt, er war vollkommen in seinem Wandel. Gott selbst bezeugt ihm dies (Hiob 1, 8; 2, 3). Dazu hatte er drei Töchter, das heißt, göttlich (drei) waren seine Weisheit und Einsicht, darum auch rein seine Worte (Hiob 1, 22; 2, 10). Selbst “Frau Torheit” kann ihn nicht überreden (Verse 9 und 10).

Solange der Glaube nicht auszieht aus dem Greuel der Verwüstung, ist Sara, sein Weib, seine Weisheit und Einsicht, unfruchtbar. Der Ausziehende hat die Verheißung, daß viel Frucht von ihm kommt, daß er zu einer großen Nation wird. Soll unser Glaube nicht tot und fruchtleer bleiben, so müssen wir ausgehen aus allen Verbindungen, in die wir durch unser natürliches Dasein hineingeboren sind. Dann aber wird durch den “Rat der Sara”, durch die Erkenntnis der Weisheit, auch unser Glaube Kraft gewinnen zu einem wohlgefälligen Wandel und wird wachsen und fruchtbringend werden zu jedem guten Werk (Gal. 5, 22-25; Kol. 1, 9-11, siehe auch die beiden nächsten Verse, in denen der Auszug und die Versetzung beschrieben sind).

Auf diesem Wege werden wir auch echte Kinder nach dem Glauben haben (1. Tim. 1, 2; Titus 1, 4). Und so wird die Mehrung des Glaubens in uns auch zu einer Mehrung des Volkes Gottes nach außen sich darstellen.

Gott löst Seine Verheißungen ein

und dich segnen. — Gott löst Seine Verheißungen ein (1. Mose 24, 1.35.36). Und wie löst Er sie ein! Nicht nach der Melodie, die unser frommes “Ich” in selbstgemachter Bescheidenheit so gerne singt: “Sende Tropfen auch auf mich!” Wenn Er segnet, dann öffnet Er die Schleusen des Himmels und läßt Ströme sich über uns ergießen, bis wir von der Flut getragen werden (Epheser 1, 8-11; Hes. 47, 1-5). Er vermag weit mehr zu tun, als wir mit unseren begrenzten Maßstäben auszumessen vermögen (Eph. 3, 20; 1. Kor. 1, 4-9; 2, 6-13).

Irdische Segnungen als Bild der himmlischen

Die Segnungen des Landes, in das Gott den Abram führte, waren vorzugsweise irdischer Art. Sie schatten die Segnungen vor oder ab, die Gott uns in himmlischen Ortern bereitet hat (Eph. 1, 3). Alle Gaben und Kräfte, alle Einsicht und Ausrüstung, welche die Gemeinde Seines Leibes zur Durchführung ihrer großen und gewaltigen Zukunftsaufgaben braucht, hat Gott ihr in Christo schon bereitstellen lassen in allen Örtlichkeiten der Himmelswelten. Wenn wir mit dem Haupte als Seine ausführenden Organe einmal Welt und Engel richten sollen (1. Kor. 6, 2.3), wenn wir mit Ihm herrschen sollen, bis alle Seine Feinde gelegt sind zum Schemel Seiner Füße (Offb. 3, 21; 1. Kor. 15, 25), wenn wir als Erben Gottes und Miterben Christi einmal alles in Besitz nehmen sollen, was Ihm selbst gehört bis an die letzten Grenzen des Weltalls (Röm. 8, 17, siehe auch das Vorbild in 1. Mose 24, 36), wenn zuletzt jede Gottesverheißung, so viele es ihrer irgend gibt, ausgeführt werden soll durch uns zum Lobe und zur Verherrlichung Gottes (2. Kor. 1, 20), damit jede Kreatur in der ganzen Schöpfung durch die Erstlinge erhoben wird zur selben herrlichen Freiheit, wie die Söhne Gottes auch (Römer 8, 18-23), damit alles, was Odem hat, Gott als seinen Herrn lobt (Psalm 148; Psalm 150, 6; Jes. 45, 22-24; Phil. 2, 9-11), — dann, ja dann muß Er selbst auch uns Unvermögenden Stärke genug geben, um dies alles ausrichten zu können, und zwar so, daß alles herrlich hinausgeführt wird, entsprechend der herrlichen Größe des Hauptes, das ja verherrlicht werden soll durch die Glieder.

Offnen sich uns nicht allein schon bei diesem Ausblick die Schleusen des Himmels? Ahnen wir da nicht etwas von der Herrlichkeit und Größe dessen, der uns hierzu berufen hat? Fängt nicht die völlige Freude an, unser Herz zu erfüllen über die Segnungsabsichten dessen, dem niemand etwas hinzuzufügen vermag? Wenn nicht, dann ist die Liebe noch nicht übergeströmt bei uns in Erkenntnis und alle Einsicht (Phil. 1, 9), und die Furcht wohnt noch in unseren Herzen. Die vollkommene Liebe aber treibt die Furcht aus und macht das Herz dessen gewiß, daß der Vater der Herrlichkeit, der alles wirkt nach dem Rate Seines Willens, alle Seine Pläne auch ausführt und alle Seine Herrlichkeitsziele auch ohne jeden Abstrich erreicht.

Was Er sich vorgenommen,
und was Er haben will,
das muß doch endlich kommen
zu seinem Zweck und Ziel!

Ihm sei die Herrlichkeit und die Ehre und die Segnung, jetzt und in alle Äonen!

Der Name des Glaubenden wird groß gemacht

und ich will deinen Namen groß machen. — Der Name Abrams sollte groß gemacht werden, und Gott hat diese Verheißung eingelöst, so daß wir heute noch unter Christen und Juden, unter Heiden und Mohammedanern seinen Namen mit hoher Achtung nennen hören. Auch Israel wurde von Gott gerufen und ihm der Name Israel, d. h. Gotteskämpfer, als Ehrenname beigelegt, und wenn Gott Sein Volk rief, so rief Er es bei diesem Namen. Das ist gewiß groß und kostbar, von Gott mit einem persönlichen Namen gerufen zu werden (Jes. 43, 1). Größer und kostbarer aber ist es, den Namen dessen tragen zu dürfen, der uns berufen hat zu Seiner eigenen Herrlichkeit. Denn zu Israel sagt Er: “Ich habe dich bei deinem Namen gerufen”; von der Gemeinde aber wird bezeugt, daß sie berufen sei auf Seinen Namen (Apg. 15, 14). Sein zwölfstämmiges Bundesvolk nennt Er Israel, die Gemeinde, die ecclesia, die Herausgerufene aus den Nationen aber nennt Er Seinen Leib, oder “der Christus” (1. Kor. 12, 12; Kol. 1, 27; Eph. 1, 22.23; 3, 4; 4, 13). Wir tragen Seinen Namen, sind mit Ihm versetzt in die himmlischen Orter und sind Teilhaber Seiner Verheißungen, die der Vater Ihm selbst gegeben hat (Eph. 3, 6). Er hat uns dazu bestimmt, daß wir dem Bilde Seines Sohnes gleich sein sollen (Röm. 8, 29; 2. Kor. 3, 18), und wenn wir in Herrlichkeit mit Ihm offenbar werden (Kol. 3, 4), dann werden wir Ihm gleich sein (1. Joh. 3, 2).

So groß soll der Name des Glaubenden gemacht werden, ja, in Christo ist er schon so groß gemacht. Der Gläubige weiß es schon, nur der Welt ist es noch verborgen. Am Tage des Herrn wird sie es sehen (2. Thess. 1, 10).

Genügt dir das, gläubiges Herz, um zu vergessen, was dahinten liegt, und dich auszustrecken nach dem, das vorn ist? Dann mag die Welt, sei es die moralisch verkommene oder die religionsstolze, selbstbewußte Welt, dir Schmähnamen und Titulierungen geben, soviel sie will. Du brauchst es ihr auch gar nicht mehr anzurechnen. Sie vermag ja doch von deinem neuen Namen keinen Buchstaben mehr auszukratzen. Dazu hängt unser Schild zu hoch. Er ist mit Christo verborgen in Gott. Dorthin, wo wir mit Gott und Christo in eines vereinigt sind, reicht kein Arm irgendeiner Kreatur.

Hätte Gott es dir und mir überlassen zu bestimmen, wie groß denn nun eigentlich unser Name gemacht werden solle, so hätten wir es vielleicht bis zu Alexander dem Großen oder Karl dem Großen oder Friedrich dem Großen gebracht. Wenn aber Gott spricht: “Ich will deinen Namen groß machen”, dann sind Seine Gedanken soviel höher als die unsern, wie der Himmel über die Erde erhöht ist. Nicht den Namen eines Geschöpfes will Er uns geben, sondern Seinen eigenen Namen. — Ahnst du hier etwas davon, was Anbetung ist?

Segnend soll der Glaubenspilger wandern

und du sollst ein Segen sein! — Alle die Herrlichkeiten und Segnungen, die der Herr dir gibt, wenn du im Glauben auf die Wanderschaft gehst, sollen nicht zugeschnürt und eingepackt wie die Goldstücke des Geizhalses in irgendeiner Ecke deines Zeltes lagern, sondern ausstreuend und segnend sollst du deinen Pfad wandern, Ströme lebendigen Wassers sollen von deinem Leibe fließen, die rings das dürre Land befruchten und beleben, das Jammertal soll durch dich zu einem Quellenort werden (2. Kor. 9, 5-11; Röm. 12, 14; 1. Kor. 4, 12; 10, 16).

Priesterlich dienend am Evangelium, sollen wir segnend durch die Lande unserer Fremdlingschaft gehen, und unser Pfad soll eine lichte Spur sein für die, deren Herzen hungern nach Gerechtigkeit und Frieden und Leben. Gesegnet von Gott, um ein Segen zu sein! So wollen wir als Gesandte Gottes über die durch den Fall des ersten Adam verfluchte Erde dahingehen, um als Träger der Segnungen und Verheißungen des zweiten Adam den Fluch umzuwandeln in Segen.

Gott macht Sein Verhalten gegen die Menschen abhängig von ihrem Verhalten zu Seinen Gesandten

Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den will ich verfluchen. — Die Ehre, die man einem Gesandten erweist, gilt dem Herrscher, der ihn gesandt hat. So hält es sogar die Welt. Und wenn irgendwo dem Gesandten einer fremden Macht ein Unrecht geschieht, so werden die diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Auch der Gläubige ist ein Gesandter für Christum (2. Kor. 5, 20). An ihm offenbart die Welt ihren wahren Sinn. Wer den liebt, welcher uns gesandt hat, liebt auch die Gesandten. Wer Gott nicht liebt, liebt auch Seine Gesandten nicht. Einer der köstlichsten Erfahrungsbeweise für die Gotteskindschaft liegt ja in der Liebe zu den Brüdern (1. Joh. 3, 14). Wer aber sagt, er liebe Gott, und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht (Joh. 4, 20)?

Wie oft haben Menschen, hochreligiöse Menschen, um ihrer Lehrsätze willen die Brüder zu Tode gebracht, so, wie sie auch den Erstgeborenen der Brüder zum Tode verurteilten. Und doch ist die Wahrheit gar kein Lehrsatz, sondern eine Person, nämlich der, der von sich sagen konnte: “Ich bin die Wahrheit.” Insoweit Er, der die Wahrheit ist, in uns Gestalt gewinnt, insoweit sind wir auch wahr. Das Abfassen von Lehrsätzen und das orthodoxe Anerkennen dieser Sätze ist noch kein Leben aus Gott und verändert auch darum unseren eigentlichen Charakter nicht. Der wahre Charakter eines Menschen aber wird offenbar an seiner Einstellung gegen die Brüder. Und das Erhabenste für diese armen, wandernden Fremdlinge ist dies, daß der große und herrliche Gott Sein Verhalten gegen die Menschen (und noch gegen andere Wesen) davon abhängig macht, wie sie sich gegen Seine unscheinbaren Gesandten verhalten haben.

Segnungen für die ganze Schöpfung

und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde! — Wie bei der großen Flut die Wasser des Gerichts die Erde bedeckten und alle Geschlechter an Menschen und Vieh dahinrafften, so sollen die Ströme des Segens, die Wasser des Lebens, die von Abram ausgehen, die ganze Erde bedecken und allen Geschlechtern Heil und Segen und Leben bringen.

Weit hat Gott dem Abram die Zeltpflöcke gesteckt. Bis an die Enden der Erde soll der Einfluß seines Segens reichen. Der Segen derer aber, die mit Christo und in Christo gesegnet sind, soll reichen bis an die Enden des Himmels. Nicht nur den Geschlechtern der Erde soll er zugute kommen, sondern den Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen. Und wenn die Häupter der himmlischen Priesterschaft, die 24 Ältesten, dem Lamme ein neues Lied singen, weil Es aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen heraus eine Schar erkauft hat, die nun bereit ist, mit Ihm geoffenbart zu werden (Offb. 5, 10), dann ist jener Augenblick gekommen, auf den die ganze Schöpfung sehnsüchtig gewartet hat (Röm. 8, 19-21), und obwohl nun erst die ganze Schwere des Gerichts noch kommt, so ist doch das Angeld für die Erlösung der anderen da, die Schar nämlich, durch die alle Gottesverheißungen aus- und durchgeführt werden sollen, und jedes Geschöpf, das in dem Himmel und auf der Erde und unter der Erde und auf dem Meere ist, und alles, was in ihnen ist, stimmt mit ein in das Lob dessen, der diese Schar bereitet hat (Offb. 5, 9-14).

Die Segnungen Abrams gehen bis an die Grenzen der Erde, — die Segnungen Josephs gehen bis an die Grenze der äonischen Hügel (1. Mose 49, 26), — die Segnungen der Leibesgemeinde sind ohne Grenzen und Maß und umfassen alle Tiefen der Gottheit selbst (1. Kor. 2, 9.10; Eph. 3, 6).

Und Abram ging hin, wie Jehova zu ihm geredet hatte … — Im Blick auf die Verheißungen und die zu erwartenden Segnungen scheint es wunderbar leicht zu sein, auszuziehen und hinzugehen, wie der Herr gesagt hat. Und es wäre auch leicht, wenn die klar vor Augen liegenden Verhältnisse nicht so verzweifelt hoffnungslos wären. Ein alter Mann und sein unfruchtbares Weib ziehen aus, um eine große Nation zu werden! — Kann es etwas Lächerlicheres geben? — Kein vernünftiger Mensch wäre an Abrams Stelle ausgezogen und hätte seine sichere Existenz mit einer ungewissen Zukunft vertauscht. Alle Gründe der Vernunft sprachen gegen dieses Unternehmen. Abram kann nur einen Grund für sein Handeln angeben: die Treue dessen, der mit ihm geredet hat. Aber dieser eine Punkt genügt ihm. Die Unveränderlichkeit des Charakters Gottes wiegt schwerer als alles, was die Vernunft gegen den Zug sagen könnte. Abram will ja auch gar nicht vernünftig handeln, sondern glauben. Er glaubt, und er gewinnt.

Kennst du den Gott, der das Nichtseiende ruft, als wenn es da wäre, den Gott, der die Toten lebendig macht (Röm. 4, 17.18)? — Steht dir Seine Treue außer Zweifel? — Wenn ja, dann gehe hin, wie Er geredet hat zu dir. Er wird dich durchbringen und für dich handeln, und du wirst nicht zuschanden werden, sondern Seine Herrlichkeit schauen (1. Kor. 1, 9; 10, 13; 1. Thess. 5, 24; 2. Thess. 3, 3; 2. Tim. 2, 13; Tit. 1, 2; Hebr. 6, 11-18; 5. Mose 7, 9; Psalm 146, 6; Joh. 3, 33).

Der natürliche Verstand möchte auf dem Glaubenspfade zunächst mitgehen

Und Lot ging mit ihm. — Noch ist Abram nicht ganz frei. Lot zieht mit ihm. Wie auf dem Wege von Ur-Chasdim bis Haran der alte Vater Tarah mitzog, bis Gott die Lösung schenkte, so zieht nun der Bruderssohn Lot noch eine Strecke mit, bis es auch da eine Lösung gibt.

Abram zieht auf das Wort des Herrn hin aus. Lot hat kein Wort des Herrn empfangen. Seine Beweggründe sind natürlicher Art. Es ist ihm nichts geoffenbart worden, und er hat keine Einsicht in die Pläne und Verheißungen Gottes. Er wandelt darum auch nicht mit Gott, sondern mit Abram. Er ging mit Abram, weil dies für seine natürlichen Überlegungen das Gegebene und Vorteilhafteste war.

Lot bedeutet: Verhüllt. — Wenn wir im Glauben ausziehen, so geht unser natürliches Überlegen noch eine Zeitlang mit uns. Zwar hat es keine Einsicht in die Gedanken Gottes, denn der natürliche Mensch vernimmt nicht, was des Geistes Gottes ist. Es wird darum auch von einer gewissen Station ab in Glaubenssachen beiseite gesetzt. Zunächst aber versucht es der natürliche Verstand, das Land der Verheißung zu durchforschen. Wenn jedoch später der Glaube auf dem Verheißungsboden wohnhaft wird, zeigt es sich, daß der “Verhüllte” dies nicht ertragen kann.

Nicht nur in und an uns selbst erfahren wir dies, sondern auch nach außen hin machen wir die gleiche Erfahrung. Wie oft kommt es vor, daß ein Bruder vom Herrn auf einen einsamen Glaubensweg geführt wird. Da geschieht es gar leicht, daß ein jüngerer Bruder sich an ihn hängt, weil er vorher viel von ihm hatte. Zwar hat der junge Bruder keinen Ruf vom Herrn empfangen. Die Absichten und Pläne Gottes sind ihm verhüllt. Er ist noch ein Lot. Darum zieht er auch nicht mit Gott, sondern mit einem Bruder. Aber solches Hängen an Menschen, auch an Brüdern, bringt nicht den gewünschten Erfolg. Sobald der vom Herrn Geführte beginnt, sich nur noch auf die Verheißungen zu stützen, versagt der natürlich Gebundene und natürlich Überlegende. Er findet auf dem Verheißungsboden nicht die gewohnten Lebensbedingungen. Sein natürliches, seelisches Wesen hat dort keine Befriedigung der Triebe. Er scheidet sich von dem Manne des Glaubens und sucht sich Verhältnisse aus, die ihm eine Betätigung in seinem Sinne bieten.

Gott zählt die Jahre anders

Und Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. — Gott zählt die Jahre anders, als wir zu zählen gewöhnt sind. Aus dem Leben Abrams wird uns vorher keine Zahl berichtet. Solange es noch unter dem Zeichen Tarahs ging, war Abrams Herz nicht ungeteilt für Gott. Darum erwies sich auch Gott in dieser Zeit nicht mächtig an Abram. Er konnte wohl in Gnaden mit ihm handeln, aber nicht nach Seinem Wohlgefallen. Die Herrlichkeit Gottes wurde nicht offenbar. Als aber der Auszug aus Haran kommt, wo Abram seither durch seine Vaterbindung sitzengeblieben war, da ist der Weg zu ungehindertem Empfang der göttlichen Kraftwirkungen im Herzen Abrams frei. In seinem Herzen sind gebahnte Wege für das Reden und Handeln Gottes (2. Chron. 16, 9; 2. Kön. 20, 3; 2. Chron. 15, 17; Psalm 84, 5, Luther: V. 6). Nach dem Eigenleben beginnt nun ein Leben für Gott, und hier beginnt Gott zu zählen.

Dies sehen wir auch am Volke Israel. Solange es in den Fesseln Ägyptens steckt, sind seine Jahre nicht fruchtbar für Gott, und es ist kein Segensträger für eine im Tode liegende Welt. Mit dem Tage des Auszuges aber wird es frei für Gott und kann am Berge Gottes Botschaften aus einer anderen Welt empfangen. Vom Tage seines Auszuges ab zählt es im Auftrag Gottes sein Jahr.

Haran = die Hitze der Prüfung

Wenn uns Gott aus dem Greuel der Verwüstung herausgeführt hat, so heißt die erste Station unseres Glaubensweges Haran, das ist Hitze. Dort entscheidet es sich, ob wir gewillt sind, unseren alten Menschen dem Tode zu überliefern. Manche Seele, die den Ruf Gottes gehört hat, kehrt an jenem Punkte wieder um, wo es gilt, die alten Beziehungen endgültig aufzugeben und das Fleisch zu kreuzigen, samt seinen Lüsten und Begierden (Ruth 1, 14-18). Glaubensmenschen aber machen unter das alte Leben einen Strich. Sie überschreiten die Grenze und ziehen über den Jordan (Todesstrom) in ein neues Land. Das Alte ist vergangen, alles ist neu geworden (2. Kor. 5, 15-20; Röm. 6, 2-11).

Fünfundsiebzig Jahre alt dem Leibe nach, aber jung an Geist und Glauben, und nicht zu alt, um gehorchen zu können, wenn Gott redet! Und wie der Adler sein Gefieder erneuert, indem er das alte Federkleid abstößt und ein neues anzieht, so erneuert Abram seine Jugend durch den Glauben, und Gott kann ihm und seinem erstorbenen Weibe einen Sohn schenken in ihrem Alter.

Gehe aus Haran hinaus und verkündige durch Wort und Werk und Wesen: “Das Alte ist vergangen, siehe, alles ist neu geworden!”

Was nehmen wir auf den Glaubensweg mit?

Und Abram nahm Sarai, sein Weib, und Lot, seines Bruders Sohn, und alle ihre Habe, die sie erworben, und die Seelen, die sie in Haran gewonnen hatten, und sie zogen aus, um in das Land Kanaan zu gehen.

Bei dem Auszug aus Ur-Chasdim, dem Greuel der Verwüstung, waren sie alle noch gefangengenommen unter den Gehorsam gegen den alten Mann Tarah. Tarah, der Riechende, nahm! Nun aber nimmt Abram, der Mann des Glaubens.

Von Natur aus nimmt der Gläubige zwei Dinge mit, wenn er dem Greuel der Verwüstung zu entfliehen sucht. Das eine ist das Fleisch, sein alter Mensch; das andere ist der natürliche, ungeheiligte Verstand. Von beiden müssen wir gelöst werden. Der alte Mensch muß sterben, die natürlichen Überlegungen aber müssen gefangengenommen werden unter den Glaubensgehorsam (2. Kor. 10, 5; Röm. 6, 13.16.19, siehe auch den ganzen Abschnitt der Verse 12-23).

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein Mensch beherrscht wird von dem Willen des Fleisches und der Gedanken, oder ob er im Glauben durch den Geist das Fleisch kreuzigt und die Gedanken gefangennimmt unter den Gehorsam gegen Christus (besser: Gehorsam Christi — Eph. 2, 3 sowie die vorhin genannte Stelle 2. Kor. 10, 5).

Wollen wir alle die Dinge, die Abram bis dahin begegnet sind, so zusammenfassen, daß sie für unseren Glauben einen praktischen Sinn ergeben, der zur Auferbauung unseres inneren Menschen dient und uns leitet auf unserem Glaubenswege, so müssen wir sagen: Wenn der Glaube auszieht, so muß der alte Mensch sterben. Dann nimmt der Glaube die Weisheit (Sarai) Gottes an; den natürlichen Verstand (Lot) aber, dem die Einsicht in die Weisheit Gottes verhüllt ist, nimmt er gefangen unter den Glaubensgehorsam. Dazu nimmt er den köstlichen Gewinn, der ihm in der Hitze (Haran) der Glaubensprüfung erstand, und zieht gelöst und bereichert am inneren Menschen aus, um den Boden der Verheißung zu betreten.

Es ist köstlich, zu sehen, wie der Glaube an dem Ort, der dem alten Menschen den Tod bringt, noch “Habe und Seelen” gewinnen darf. Die Hitze der Glaubensprüfung läutert ja nur das reine Gold des Glaubens und befreit es von Schlacken und unedlen Bestandteilen. Mit vermehrter Geduld und größerer Tragfähigkeit kommt der Gläubige aus der Prüfung heraus. Alles dient ihm zum Besten, und Schritt für Schritt wächst er hinein in den herrlichen Reichtum der Gnade und Erkenntnis Gottes.

Der Glaube geht ohne Hast und Lärm

Der Glaube geht! — Der sogenannte “moderne” Mensch hat keine Zeit. Er forciert das Tempo, soviel es ihm nur irgend möglich ist. Kein Verkehrsmittel auf dem Lande, auf dem Wasser oder in der Luft genügt ihm hinsichtlich der erreichten Geschwindigkeit. Er muß innerhalb der dem Menschen zur Verfügung stehenden Zeit versuchen, unter der Sonne das zu verwirklichen, was es über der Sonne Neues gibt. Die Inspirationen der Geisterwelt vermitteln ihm die Ideen der himmlischen Dinge, und er sucht sie dann unter der Sonne in die rechte Form und Gestalt zu bringen. Fast alle Erfinder sprechen von ihrem Genius, ihrem guten Geist, der ihnen im gegebenen Augenblick die Ideen vermittelt, häufig im halben oder ganzen Trancezustand. Die Möglichkeiten neuer Erfindungen sind deshalb noch sehr groß, und wir stehen bei weitem nicht vor einer Erschöpfung der Ideen. So viele Möglichkeiten es in der Himmelswelt gibt, so viele versucht die Geisterwelt hier unten zu gestalten. Weil sie als Geschöpfe nicht selber schöpferisch tätig sein können, deshalb übertragen sie einfach die Bilder der Originale in die verzerrten Formen des Stoffes. Nie wird das im Stoffe nachgebildete Ding unter der Sonne die Herrlichkeit des Originals über der Sonne erreichen. Auch bei den Verkehrsmitteln nicht. Man vergleiche nur einmal den Wagen Gottes, die Herrlichkeits- oder Lichtwolke, in der Christus in Gestalt eines Menschen durch die Reiche der Himmel dahinfährt (Hesek. 1), mit der Gestalt unserer Verkehrsmittel! Dort ist alles vereinigt, was wir hier unten einzeln darzustellen vermögen. Der Wagen Gottes kann vorwärts und rückwärts, aufwärts und abwärts fahren, und wo irgend der Geist hin will, der in den Rädern voller Augen ist, da geht augenblicklich auch der Wagen hin. Nichts kann ihn aufhalten, kein Stoff stört seinen Weg, sowenig wie die Fensterscheibe das Licht aufhält oder wie die Türen und Mauern den Auferstandenen hindern konnten, durch sie hindurch Seinen Jüngern zu erscheinen. Vor diesem Lichtgefährt ist alles bloß und aufgedeckt, mehr als wir nur ahnen können, trotz Röntgenstrahlen und ähnlichen Erfindungen.

Gott ist also in Seinen schöpferischen Gedanken den Gedanken der letzten Endes doch nur nachahmenden Erfinder um soviel voraus, als der Himmel höher ist als die Erde. Wir brauchen darum als Gläubige auch gar nicht so neuerungssüchtig zu sein. Wir kommen doch einmal schneller zum Ziel als diejenigen, die unter der Direktion dessen stehen, der wenig Zeit hat (Offb. 12, 12). Wer glaubt, wird nicht ängstlich eilen (Jes. 28, 16 Elbf.).

Die Dinge, die hier unten vorhanden sind, dürfen wir ohne jeden Gewissensanstoß gebrauchen, wenn ein bestimmter Zweck es erfordert. Denn kein Ding ist an und für sich unrein oder gemein. Es wird entweder durch den Gebrauch geheiligt oder entheiligt. Wir dürfen sie in Freiheit gebrauchen, doch ihrer nicht als Eigentum gebrauchend. Deshalb lassen wir uns auch nicht knechten unter das seelenmörderische Hetztempo des nach Reichtum jagenden natürlichen Menschen. Der Glaube kann nicht fabriziert werden am laufenden Band. Er entwickelt sich wachstümlich, ohne Getöse. Was wächst, macht keinen Lärm.

Ist es nicht eine merkwürdige Reaktion gegen die Seelenlosigkeit des Maschinenzeitalters, daß der sogenannte “moderne” Mensch die einsamsten Plätze des Erdballs aufsucht, um von der Veräußerlichung zurückzufinden zu sich selbst und um zu retten, was noch an höheren Werten in ihm steckt?

Unser Heimatland ist in den Himmeln

Wer schon hier unten seine Heimat recht kennenlernen will, der muß sie nicht durchrasen, sondern durchwandern. Und wie der irdische Mensch die starken Wurzeln seiner Kraft im Boden der Heimat hat, so hat der himmlisch orientierte Mensch die Wurzeln seiner Kraft in der oberen Heimat. Dort, wo der Auferstandene zur Rechten des Vaters sitzt, ist die Quelle und die Wurzel unserer Kraft (Kol. 3, 1-3). Um dieses Land aber schon jetzt recht kennenzulernen, müssen wir es seiner Länge und seiner Breite nach völlig durchwandern, wie Abram es tat. Und aller Boden, aller Verheißungsboden, den wir mit dem Fuß des Glaubens betreten, wird uns vor dem allgemeinen Erbteil vorausgegeben (4. Mose 14, 24; 5. Mose 1, 36; Josua 14, 6-14).

Welch ein heiliges Gehen sollte doch das Lesen der Beschreibung unseres Heimatlandes in den Himmeln für uns sein, wenn wir kundschaftend das Wort der Schrift durchziehen, um vertraut zu werden mit den Dingen des Landes! Nicht das, was wir raketengleich durchrasen, wird uns als Besitz verheißen, sondern nur das, worauf wir unseren Fuß setzen. Wie viele Verheißungen himmlischen Charakters gibt es in der Schrift, die unser unverlierbares Eigentum werden könnten, wenn wir sinnend und betend und forschend und suchend den Fuß des Glaubens auf sie setzen würden, anstatt hastend und jagend durch die religiösen Großbetriebe unserer Zeit zu eilen, Massenaufgebote zu bewerkstelligen und Demonstrationen zu machen.

Möge der Ewigtreue uns die erhabene Ruhe Seines eigenen Herzens schenken und unsere Füße richten auf den Weg des Friedens, damit wir feste und gewisse Tritte tun können, bis unser Gang sein letztes Ziel findet bei Ihm selbst, der uns berufen hat, im Glauben zu gehen.

Und sie kamen in das Land Kanaan. — Der Ewigtreue hat Sein Wort eingelöst. Die Füße des wandernden Fremdlings stehen auf dem verheißenen Boden. Die Welt jenseits des Todesstromes ist verlassen. Kein Lagerplatz hat mehr das Herz des Pilgers so fesseln können, daß er zu einem Halteplatz geworden wäre, wie Haran es war. Er hat nur ein Ziel, — das Land. Dorthin sehnt sich sein Herz, und dorthin kommt er. Der treue Gott, der die Sehnsucht nach dem Lande in ihm geweckt hat durch Sein Wort, stillt sie auch und bringt den Pilger ans Ziel.

Auch Abram kommt nicht ohne uns zur Vollendung

Wie kostbar ist es, dieses Heimkommen Abrams zu sehen; doch ist es nur ein schwaches Bild der Herrlichkeit, zu der wir gekommen sind. Er kam ja nur in ein irdisches Land, und als er darinnen war, hielt er sich in dem Lande auf wie in einem fremden. Das letzte Ziel seiner Sehnsucht lag doch nicht auf Erden. Er suchte die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Die Einlösung der irdischen Verheißung, indem Gott ihm das Land des irdischen Besitztums zeigte, war ihm nur ein Angeld auf die Einlösung einer größeren Verheißung. Und auch jenes Land durfte das Auge des Glaubensmannes sehen (Joh. 8, 56). Aber diese Verheißung konnte er damals noch nicht erlangen; denn dazu muß er warten, bis die Gemeinde vollendet ist, der Leib dessen, der durch die Glieder alle Gottesverheißungen einlöst und zur Durchführung bringt. Darum können die Glaubensmänner des Alten Testamentes nicht zur Vollendung kommen ohne uns (Hebr. 11, 39.40), sondern nur durch uns (2. Kor. 1, 20), und darum lagern sie um uns (Hebr. 12, 2).

Die Herrlichkeit der Berufung des Christusleibes ist so überaus groß, daß es notwendig ist, daß die Schrift uns auch die andere Seite entgegenhält, damit wir dessen eingedenk bleiben, daß alles aus Ihm ist, dem Berufenden, und nicht aus uns (1. Kor. 1, 26-31; Eph. 2, 8-10). Sonst müßte Hochmut in unser Herz einziehen, wenn wir uns auch nur irgendwie etwas zuschreiben könnten, was wir an Leistung vollbracht hätten, auf Grund deren uns dann Gott berufen hätte. Es ist aber aus Gnade, und darum wird auch nicht der Mensch dadurch gepriesen, sondern Gott und die Herrlichkeit Seiner Gnade und der überschwengliche Reichtum Seiner Güte gegen uns.

Wer kann das fassen, ohne erschüttert zu werden: Keine Gottesverheißung wird eingelöst ohne uns; alle Verheißungen löst der Sohn ein durch uns. — Darum lagern auch die Heiligen des Alten Testamentes um uns, weil sie wissen, daß sie nicht ohne uns vollendet oder vollkommen gemacht werden. Erst muß der Christus, der in allem den Vorrang hat, Seinen Leib der Herrlichkeit haben, gebildet aus lauter lebendigen Gliedern, ehe irgendein anderes Geschöpf zur vollen Herrlichkeit kommt.

Der Sohn bedarf unser nicht in dem Sinne, als wäre Ihm Hilfe nötig. Aber Er will die Mächte, die Seine Weisheit antasteten und dadurch ihre eigene Weisheit zunichte machten, nicht gewaltmäßig erledigen, sondern weisheitsmäßig. Darum wird auch schon heute den Fürsten und Gewalten im Lufthimmel an der Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes dargestellt (Eph. 3, 10). Er will die, die etwas sein wollten ohne Ihn, erledigen durch die, die von Natur aus nichts sind. Tiefer kann Er den Satan nicht demütigen, als daß Er, der herrliche Sohn, ihn zunichte macht durch staubgeborene Menschenkinder.

So ist unsere Erwählung vor Grundlegung der Welt nach dem Zeugnis der Schrift deshalb geschehen, weil die Weisheit Gottes sich auf diese Weise erhaben erzeigen will über die Geschöpfe, die Seine Weisheit antasteten. Hierin liegt auch für uns ein einleuchtenderer Grund als in unserer eigenen Tüchtigkeit. “Ohne all mein Verdienst und Würdigkeit.”

Dazu sind wir gekommen. Ist das nicht himmelhoch erhaben über das: “und sie kamen nach Kanaan”? Da vergißt man das, was auf Erden ist, und fängt an zu suchen, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes (Kol. 3, 1-4). Und durch das Betrachten dessen, der zur Rechten des Thrones Gottes sitzt, werden wir auch erquickt und gestärkt für den vor uns liegenden Wettlauf (Hebr. 12, 1-3; 1. Kor. 9, 24-27; Phil. 3, 7-15; 2. Kor. 3.8.18 und 4, 1.16-18).

Wo Er ist, da ist kein leerer Raum. Wenn wir erst einmal anfangen, zu sinnen über das, was droben ist, und zu trachten nach dem, was droben ist, und zu suchen das, was droben ist, wo der Christus ist, dann öffnen sich uns die Herrlichkeiten jenes Landes, das besser ist denn Kanaan (Hebr. 12, 22-29). Dorthin sind wir gekommen, wo die Geister der vollendeten Gerechten (des Alten Bundes) in der Gegenwart Gottes sich vereinen mit der Gemeinde der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind, und mit der allgemeinen Versammlung von Myriaden Engeln.

Wie dünn war die Bibel Abrahams! Und doch zog er auf ein Wort des Herrn hin, um ins Land Kanaan zu kommen, und er kam in das Land. Welch eine Fülle haben wir dagegen in dem vollendeten Wort (Kol. 1, 25)! Wenn der Empfänger der Verheißung auszog, um in ein Land zu gehen, das erschüttert werden wird, wieviel mehr sollten dann die Durchführer der Verheißungen ausziehen, um das Gebiet zu erforschen, wo ihr verherrlichtes Haupt ist!

Treu ist der, der uns berufen hat. Er hat es unternommen, uns ins Land der Verheißung zu bringen. Er wird es auch tun. Ihm sei Ehre dafür!

Der Glaube lernt das Land der Verheißung kennen

Und Abram durchzog das Land bis zu dem Orte Sichem, bis zur Terebinthe Mores. — Abram blieb nicht mehr sitzen jenseits des Jordans, aber auch nicht diesseits. Sowenig der Glaube auf der einen Seite hastet und jagt, sowenig bleibt er auf der anderen Seite sitzen. Er wächst und entwickelt sich stetig weiter. Dabei kommt er immer tiefer hinein ins Land der Verheißung und lernt es kennen in seinem Aufbau und in seiner Beschaffenheit. Mit dem Kennenlernen kommt das Verstehen, und wo es Verstehen gibt, da lernt man auch tragen. So war es bei Abram, so war es bei dem Herrn, und so ist es auch bei uns. Dort, wo wir die Last der Brüder auf unsere Schultern nehmen können, wie Er Krankheit und Schmerzen trug, dort werden wir nach der Dornenkrone auch die Königskrone tragen, und die Schultern werden mit dem Königspurpur geschmückt.

Sichem heißt Schulter (vergleiche hierzu das über den gleichen Abschnitt bei der historischen Bedeutung Gesagte). Die Schrift redet an vielen Stellen von der Bedeutung der Namen, weil an dem Sichtbaren das Unsichtbare erkannt werden kann. So spricht sie vom ersten und zweiten Adam, der eine von der Erde, der andere vom Himmel, spricht weiter von dem Jerusalem unten und dem oben, von dem Sinai unten und dem oben, von Noah und der Arche als Zeichen der Wiedergeburt, von Jona als Zeichen für das Hinunterfahren des Herrn, von Babel (Verwirrung), Sodom, Gilgal und anderen Städten, von der Hütte unten und der oberen Hütte, von Priesterdienst auf Erden und größerem Priesterdienst im Himmel, von irdischen Wagen und Wagen Gottes, von irdischen Leibern und himmlischen Leibern und vielen anderen Dingen, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Aber alle diese Dinge haben für unser Glaubensleben eine praktische Bedeutung. Wenn wir keine Erkenntnis davon haben, dann haben wir auch keine Frucht daraus. Denn wir werden nur wachsend und fruchtbringend in jedem guten Werk durch die Erkenntnis Gottes (Kol. 1, 9.10).

Der Glaube lernt tragen und mitleiden

Der Glaube durchwandert das Land und lernt es kennen in seiner Schönheit und in seiner Verschuldung. Um nun Kanaan, das Land des Besitztums, in Reinheit besitzen und genießen zu können, muß zuerst die Schuld aus dem Land entfernt werden. Sie muß außerhalb des Lagers getragen werden. Dies hat der Herr getan. Er hat Sein Besitztum, Sein Erbe, “das Seinige”, das Ihm vom Vater aus zustand, nicht nur ererbt, sondern auch noch einmal erworben, als wenn Er es aus fremder Hand kaufen müßte. Was Er vom Vater ererbt hat, das hat Er nochmals erworben, um es wirklich zu besitzen. Ist es nicht, als hätte der weltliche Dichter es der Schrift abgelauscht, wenn er sagt: “Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen”? — So beugt auch der Glaube die Schulter, um die Ungerechtigkeit anderer zu tragen. Dies beginnt bei uns schon mit der Fürbitte für eine verlorene Welt. Dazu trage einer des anderen Last. Wer nicht tragen will, beweist, daß der Geist des großen Schuldenträgers nicht in ihm ist. Darum wird ein solcher Mensch auch nicht die Welt richten können. Denn wer nicht tragen hilft, lernt die Schwere der Schuld nicht kennen und hat deshalb auch keine Barmherzigkeit mit dem Schuldner. Und wer nicht Gehorsam lernen will, lernt auch nicht herrschen. Und wer nicht erwerben will, darf auch nicht erben. Und wer nicht den Grund des Zusammenbruchs gefunden hat, kann auch nicht helfen wiederherstellen.

Nur der, der in diese Zusammenhänge hineinschaut, die in dem großen Kampf zwischen Licht und Finsternis bestehen, wird die Notwendigkeit des Mit-Leidens erkennen und wird sich freuen, der Leiden teilhaftig zu werden, die der Christus Seinem Leibe zurückgelassen hat (Kol. 1, 24). Reden wir daher nicht nur von unserer Schuld, sondern beugen wir unsere Schulter auch unter fremde und unter gemeinsame Schuld, wenn wir an “Terebinthen des Ungehorsams” kommen. An Vorbildern fehlt es nicht (2. Mose 32, 32; Röm. 9, 1-3; Daniel 9, 1-19; Esra 9, 1-15 u. v. a.).

Warum hört die Schrift an jener Stelle nicht auf, den Zug Abrahams zu beschreiben, wo es heißt: “… und sie kamen ins Land Kanaan”? — Er war doch im Lande. Warum nun Schulter und Ungehorsam?

Ist dir der Unterschied bewußt zwischen einem Herrscher und einem Untertanen? — Dann merke, daß du hier ein göttliches Grundgesetz erkennst, das wir im Bilde Abrams so ausdrücken können: “Wenn du die Schulter nicht unter die Last des Volkes stemmst, so kannst du auch nicht den Purpur des Königtums um die Schulter gelegt bekommen.” In der Sprache des paulinischen Evangeliums aber lautet der Satz so: “Insoweit wir mitleiden, insoweit werden wir auch mitverherrlicht werden” (Röm. 8, 17; 2. Kor. 4, 1 und 16-18; Phil. 1, 29; Kol. 1, 25; 2. Tim. 2, 10-13).

Und nun durchwandele das Land, in dem unser Kampf ist, ein Kampf mit Fürsten und Gewaltigen, jeder größer denn irgendein Enakssohn oder ein Goliath (Eph. 6, 10-13). Und wenn du an die Terebinthe des Ungehorsams kommst (sie ist über die Maßen größer als die bei Abram), dann neige deine Schulter und trage, so wie Gott Leid trägt, wenn Er solche Bäume fällen muß (versuche das Bild in Hesek. 31 und Dan. 4 zu verstehen), und sinne darauf, wie Gott es tut, daß der Verstoßene nicht von Ihm verstoßen bleibe (2. Sam. 14, 14), und du wirst verstehen lernen, warum Gott dich als eine Expedition des Glaubens in das “Land der Besitzenden” schickt. Dann weißt du auch, warum am Schlusse der ersten Gottesoffenbarung im Leben Abrams der Satz steht: “Und die Kanaaniter waren damals im Lande.”

Und Jehova erschien dem Abram und sprach … — Der Herr will Abram weiterführen. Abram kann aber nur göttlich richtig weitergehen, wenn der Herr ihm neue Wegweisung gibt. Da erscheint ihm der Herr und zeigt ihm den Weg (1. Mose 12, 7). Es ist ein schwerer Weg inmitten eines feindlichen Gebietes, den Abram zu gehen hat.

Schwer und dunkel liegt auch manchmal der Weg vor uns, den wir zu gehen haben in einer Welt der Finsternis und der offenen oder versteckten Feindschaft wider Gott. Der Lügner und Mörder von Anfang liegt mit seinen Helfershelfern auf der Lauer, um als listige Schlange oder als brüllender Löwe oder als reißender Wolf oder als Engel des Lichtes uns irgendwie den Weg zu verlegen. Wie sollten wir in solch schwierigen Lagen auch nur einen Fuß vor den anderen setzen können, wenn nicht das geoffenbarte Wort des Herrn uns Licht und Kraft gäbe, feste und gewisse Tritte tun zu können! Doch der Herr ist treu. Er hat heute Seinem Wort keine neue Offenbarung hinzuzufügen; aber Er offenbart uns dieses Wort aufs neue und macht all das wieder in uns lebendig, was in der gleichen Lage Abram oder einem anderen der Glaubensmänner der Schrift geoffenbart wurde. Dann können auch wir unseren Glaubensweg mit der gleichen Sicherheit und Gewißheit gehen, mit der Abram seinem ersten Glaubensschritt weitere folgen ließ.

Der Herr erscheint! Der Herr spricht! — Heute, wo Er in den Himmeln, ja über allen Himmeln Seinen Platz eingenommen hat zur Rechten des Vaters, hat Er Seinen Geist ausgegossen in unsere Herzen, damit wir einen Sinn haben, um Ihn, den Wahrhaftigen, verstehen zu können. Wie zeugt da die ganze Schrift von Ihm, wenn wir sie lesen! Wie steht Er da so ganz persönlich vor unserem Geiste! Wie offenbart Er sich so klar in Seinem Worte!

Kein Glaubensschritt braucht getan zu werden ohne Licht von Gott. Ja, kein Glaubensschritt kann getan werden ohne Licht von Ihm.

Die Anweisungen Seines Wortes sind so klar und eindeutig, daß der, der den Willen des Herrn zu tun bereit ist, bald innewird, ob die Belehrung aus Gott ist oder nicht.

Wie sollte es uns beim Lesen des geschriebenen Wortes doch zum Bewußtsein kommen, daß der Herr es ist, der da vor uns steht und spricht! Dann würden wir bei jedem Hinweis auf ein uns vorgezeichnetes Ziel sofort den gewaltigen Impuls Seines Willens und Seiner Kraft in uns verspüren, und wir könnten gehen, ohne zu zagen. Seine Kraft ist ja in dem Schwachen mächtig, und Er trägt ja die Verantwortung für jeden Weg, den Er uns gehen heißt.

Gibt es überhaupt eine bessere Rückendeckung für uns als die: “Der Herr hat es gesagt”? — Ist es nicht köstlich, wissen zu dürfen, daß für jeden Glaubensschritt auf dem Weg zum angezeigten Ziel Er selbst die volle Verantwortung übernimmt? —

Auf ein solches Wort hin kann man gehen. Und wenn man gegangen ist, so darf man erfahren, wie treu Er ist. Da kommt die Bestätigung; denn Er steht zu Seinem Wort. Da wächst der Glaube, der solches erfahren hat. Und der Herr weiß es, daß Er diesem bestätigten Glauben Seines Kindes mehr zumuten kann. Er gibt einen neuen Auftrag und führt uns so aus Glauben in Glauben.

Abrahams Frucht — unsere Frucht

“Deinem Samen will ich dieses Land geben.” — Frucht des Leibes ist dem Abram verheißen. Viel herrlichere Frucht ist uns verheißen. Geistesfrucht soll aus uns kommen. Und diese Frucht soll bleiben und soll Gebiete einnehmen, in denen jetzt noch feindliche Mächte und Kräfte und Gewalten wohnen (Epheser 6, 12-16; 3, 10).

Wo liegt es nur, dieses Land, das uns verheißen ist?

Das Land hier unten hat Gott Seinem Volk Israel versprochen. Wenn wir ersehen wollen, wohin wir den Glaubensblick wenden müssen, um das Gebiet zu schauen, das Er uns verheißen hat, so dürfen wir nicht nach unten sehen noch irgendwie um uns schauen. Da müssen wir den Blick nach oben erheben und die Dinge anschauen, die dort sind, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten des Vaters (Kol. 3, 1-4). In diesem Gebiet liegen unsere Segnung und Hoffnung und Berufung und Erwählung (Eph. 1, 3-23).

In den himmlischen Örtern wohnen die Fürsten und Gewaltigen, denen Gott an uns Seine mannigfaltige Weisheit erzeigen will. Deren Gebiet ist viel gewaltiger und größer als das Land Kanaan hier unten. Das Kanaan dort oben ist auch von schlimmeren Rebellen und Haufen und Rotten bewohnt als das irdische. Doch die Frucht des Geistes, die in Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit besteht, bleibt. Wider diese Frucht gibt es kein Gesetz. Darum richtet auch diese Frucht keinen Zorn an. Sie überwindet das Böse mit dem Guten und sammelt feurige Kohlen auch auf das Haupt der grimmigsten Feinde. Da werden umkehren und sich schämen alle, die wider Ihn entbrannt waren (Jes. 45, 22-24).

Es gibt die Glut des Gerichtsfeuers, die furchtbar ist und voll Schrecken und Weh. Nach der Zornesglut jedoch, die alles rächt und richtet, die alles behandelt nach dem Gesetz, kommt die viel tiefere und heißere Glut der Liebe, die auch alle Feuer und Wasser nicht auszulöschen vermögen, die stärker ist als der Tod und stärker als die Hölle, so daß sie zuletzt auch über das schrecklichste und schwerste Gericht triumphiert.

Der Triumph der Liebe

Die Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht. — Der letzte Triumph liegt nicht auf der Seite des Hasses und der Bitterkeit und der Rebellion, sondern auf der Seite der Barmherzigkeit und der Liebe. Die Glut dieser feurigen Kohlen ist so brennend, daß tiefstes Schamgefühl und heiße Reue in all denen entstehen, die wider Ihn entbrannt waren. Sie kehren um zu dem, gegen den sie stritten, beugen ihre Knie und bekennen mit ihren Zungen: “Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke” (siehe Jes. 45, 22-24, vergleiche auch Psalm 68, 18, Luther: V. 19). Die Liebe hat keine Ruhe, bis daß ihr letztes und tiefstes Ziel erreicht ist und auch die Empörer bei ihr wohnen, oder, wie die Elberfelder Bibel sagt, damit Jah, Gott, selbst unter Widerspenstigen eine Wohnung habe. Und so, wie die ganze Glut Seines Zornes das Haupt der Rebellen trifft, so wird zuletzt auch die ganze Glut der Liebe auf das “Haupt” gesammelt.

Man lese in diesem Zusammenhang noch einmal die Waffenrüstung, die uns zum Kampfe wider die Mächte der Bosheit verordnet ist (Eph. 6, 12-17; dazu Gal. 5, 22.23).

Weiter vergleiche man die Methode Gottes, die Er auch uns anempfiehlt: “Überwinde das Böse mit dem Guten.” Wer wagte es, Ihn zu lästern, als empfehle Er nur uns diese Methode, Er selbst aber halte sich nicht an Seine eigenen Gedanken und Pläne? — Nein, diese Frucht des Geistes ist ja nur möglich als Seiner Liebe Frucht. Und diesem Samen kann Er auch das Land geben.

So ist der Endsieg im letzten großen Kampfe nicht wildem Wagemut, nicht heldischem Trotz, nicht Heer oder Kraft beschieden, sondern dem Größten, das es gibt, der Liebe. Die vergeht nimmer. Sie findet auch keine Ruhe, bis es kein Leid mehr gibt und kein Geschrei, bis kein Gericht oder Tod oder irgend etwas mehr sein wird, das nicht umgestaltet und verwandelt wäre. Darum erträgt sie alles, glaubt sie alles, hofft sie alles, erduldet sie alles. Die Liebe vergeht nimmer. Denn Gott ist Liebe. Alles andere sind nur Eigenschaften, die zusammengehalten werden durch das Band der Vollkommenheit, die Liebe. Die Liebe macht Sein Wesen aus. In dieses Wesen will Er auch uns hineingestalten. Und dem Glauben, der durch nichts anderes mehr wirkt als durch die Liebe — der selbst die Angelegenheiten seiner Feinde und Hasser in diesem Lichte der Liebe betrachtet und erledigt —, diesem Glauben kann Er das Land der Feinde geben. Denn der Same, den solcher Glaube hat, richtet eine solche Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens ein, daß zuletzt auch die Feinde damit zufrieden sind (Spr. 16, 7).

Möge der, der einmal alles in allen sein wird, sich uns so offenbaren und erschließen, möge Er so zu uns reden, daß auch in unseren Herzen dieser Glaube gewirkt wird, dem nichts unmöglich ist, der Glaube, der die Welt überwindet, — der Glaube, dem das Land der Feinde verheißen ist!

Denn so will Er sich uns offenbaren. Nicht mehr auf das Sichtbare sollen wir sehen, sondern auf das Unsichtbare (2. Kor. 4, 17.18; Kol. 3, 1-4). Sein Gottes- und Vaterherz ist ja im letzten und tiefsten Grunde nur dann befriedigt, wenn Er Sich selbst kund und offenbar machen kann. Das, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die Ihn lieben, das hat Er uns geoffenbart durch Seinen Geist; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen der Gottheit (1. Kor. 2, 9-16; Eph. 1, 17).

Dort sind die starken Wurzeln unserer Kraft! Gewurzelt und gegründet in der Liebe (Eph. 3, 14-21)! Auf diesem Boden werden wir wachsend und fruchtbringend in jedem guten Werke durch die Erkenntnis Gottes (Kol. 1, 9.10). Und diese Frucht bleibt und ist Same, der das Land besitzt.

Werden wir dieses Ziel erreichen? — Wird unser Glaube durchhalten? — Aus uns heraus nie! Aber der Ewigtreue, der Sich selbst nicht verleugnen kann, ist ja der Auftraggeber. Und Er hat nicht gefordert, sondern gesagt: “Ich will … dieses Land geben.” Er kann nicht nur befestigen und durchbringen, sondern Er wird uns befestigen bis ans Ende. Er hat gesagt: “Ich will!” Er tut es auch (1. Kor. 1, 8.9; 1. Thess. 5, 24). Die Garantie für die Erreichung des Zieles liegt ja nicht in den Berufenen, sondern in dem Berufenden. Das Wesen und der Charakter Gottes sind die letzte Bürgschaft für alles (2. Kor. 1, 18-22). Und Er bürgt bis ans Ende.

O Wort des Lebens! Da kann der Glaube ruhen! — Und da, wo Gott mit Wonne ruhet, bin auch ich zur Ruhe gesetzt. Da löst sich aus unseren Herzen ein Lobpreis Gottes und eine Anbetung all Seiner herrlichen Größe und all der Herrlichkeit Seiner Gnade. Und das will Er (Joh. 4, 23; Eph. 1, 6.12.14).

Da wird das Herz zu einem Altar, besser denn einer von Steinen, und Lobopfer der Lippen, die Seinen Namen preisen, steigen auf zum Herzen Gottes (Hebr. 13, 15; Röm. 15, 4-6; vgl. auch Psalm 145, 1; 146, 1.2; 147, 1; 148; 149; 150).

Die Stimme des Jubels und der Rettung ist in den Zelten der Gerechten. Man singt mit Freuden vom Sieg in diesen Hütten (Psalm 118, 15).

Hat der Herr durch die Offenbarung Seiner herrlichen Größe dein Herz zu einem Altar werden lassen? Liegt ein Lied des Jubelschalls auf deinen Lippen? — Dann weißt du auch, was in dem Herzen Abrams vorging, dort an jener Stelle, von der uns die Schrift berichtet: “Und er baute daselbst Jehova, der ihm erschienen war, einen Altar.”

Neuer Aufbruch

Und er brach auf von dannen … — Die Freude am Herrn ist unsere Stärke. Da gibt es Kraft, um aufzufahren mit Flügeln, wie die Adler. Durch das Anschauen der Herrlichkeit dessen, der sich uns offenbart, werden wir hineinverwandelt in dasselbe Bild von einer Herrlichkeit zur anderen. Der Blick in solche Herrlichkeit erfüllt das Herz mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude. Und diese Freude, als Frucht der unserem Geiste erschlossenen Herrlichkeit, ist die Kraft und der Lebensimpuls in uns. Darum ermatten wir auch nicht, sondern vollführen den herrlichen Dienst des Geistes so, daß uns Gott allezeit im Triumphzuge umherführen kann in Christo Jesu (2. Kor. 3, 8-11.18; 4, 1.6.16-18, siehe auch Kap. 2, 14).

Neuer Aufbruch! — Wie nötig wäre er oft! Und wie müde wird doch der Gläubige, wenn er nicht die Herrlichkeit des Herrn anschaut! Da nützt es gar nichts, wenn Zehntausende von Zuchtmeistern damit beschäftigt sind, die müden Glieder der Gemeinden wieder aufzurütteln mit dem Zuchtmeisterstab. Was nützt es denn, wenn wir noch so oft sagen: “Wir müssen viel mehr … als bisher”? — Der Treiberstab und der Zuchtmeisterstecken trösten ja nicht, sondern ängstigen. Da werden die müden Knie noch gelähmter und die erschlafften Hände noch kraftloser. Aber der Hirtenstab ist ein Zeichen dessen, der auf grünen Auen der Hoffnung und an frischen Wassern des Lebens lagern läßt, der nicht hetzt und jagt und treibt und fordert.

“In der Kraft dieser Speise” vermag der müde Pilger wieder zu wandeln, ja, Tag und Nacht ohne Ermüden seinen Weg zu gehen und ein Triumphzug zu sein für den Namen dessen, der ihn sandte in das Land der Finsternis, damit es auch dort Licht würde.

So geht es denn auch in unserem Leben immer weiter nach der göttlichen Methode: Offenbarung — Glaube — Auszug — Bestätigung und dann wieder neue Offenbarung — neuer Glaube — neuer Aufbruch.

Ostwärts von Bethel

nach dem Gebirge ostwärts von Bethel. — Alle Greuel auf Erden gehen aus von Babel, der Mutter aller Hurerei und Greueltaten. Babel aber hat seinen Sitz auf einem Gebirge von sieben Bergen (Offb. 17, 1-18; 18, 1-24). Die Inspirationen aber empfängt diese Greuelstadt von dem großen Berge des Verderbens, der mit seiner Verderbnis die ganze Erde erfüllt (Jer. 51, 25.26; Offb. 8, 8.9).

Aber die Stadt auf dem gipfelreichen Gebirge soll vernichtet werden, und an ihrer Stelle soll ein Heiligtum Gottes entstehen (Hes. 43, 3.12). Alle Berge, die sich wider den heiligen Berg des Herrn erhoben und empört haben, werden erniedrigt werden. Der Berg des Herrn wird am Ende der Tage höher sein als alle Berge. Und die Stadt, die auf ihm gebaut wird, besteht aus lauter lebendigen Steinen.

Mit diesem Kampfgelände soll der Gläubige vertraut werden. Er soll schon jetzt die dazu von Gott selbst bereitete Waffenrüstung anlegen und sich darinnen üben, damit er am großen Tage der Auseinandersetzung Gottes mit dem Feinde und dessen ganzer Rotte und allen seinen Heerhaufen auch zu bestehen vermag. Denn in der letzten, großen Schlacht, die den Kampf zwischen Licht und Finsternis abschließt, wird der Sohn Gottes als der Herr aller Herren und der König aller Könige den Sieg davontragen. Wie anbetungswürdig ist das dem gläubigen Herzen, wenn es sehen darf, daß Er sich diesen Sieg nicht allein zuschreibt, obwohl Er ihn machtmäßig längst schon hätte allein erringen können. Er bekämpft ja den Satan und dessen ganzes Heer nach einer ganz anderen Methode, die diesem ehemaligen Lichtsengel, der die Weisheit Gottes antastete, den Beweis liefert, daß die Weisheit Gottes viel höher und erhabener ist, indem Er den, der etwas sein will ohne Gott, erledigen läßt durch die Glieder des Leibes, die von Natur aus doch nichts sind (1. Kor. 1, 26-28; 2, 6-8; 6, 3). Darum ist es nötig, die Gedanken und Kampfmethoden Satans schon jetzt kennenzulernen (2. Kor. 2, 11). Dafür dürfen die, die von Natur aus nichts sind, auch teilhaben an dem Sieg des Lammes über den Feind (Offb. 17, 14).

Dieses Land will Er uns geben. Dort liegt deshalb auch unsere Aufgabe (Eph. 3, 10). Dort liegen auch unsere Gaben und Segnungen (Eph. 1, 3). Dort liegt deshalb auch unser ganzer Interessenkreis. Darum sagt auch Phil. 3, 20, daß unser Wandel, unser Bürgertum im Himmel sei. Nach dem Grundtext aber steht dort: Unser politeuma, das heißt unsere Politiken, sind in den Himmeln.

Ob dies uns in den Tagen der Volksgunst etwas zu sagen hat? — Es gibt so viele Tätigkeiten, die alle massenmäßig eingestellt sind, deren erster Teil immer mit “Volk” beginnt. Alle wollen den Zug auf das rechte Geleise bringen, indem sie in die Räder und Speichen greifen und in guter Absicht versuchen, den rechten Kurs zu finden. Doch droben auf dem obersten Stellwerk steht der wahre Weichensteller, dessen Arm nur einen Hebel dreht, und schon geht die Sache richtig. Diesen Arm in Bewegung zu setzen durch Glaubensgebete (nicht Wunschgebete), ist die Sache der Gläubigen, der Heiligen (Abgesonderten) auf Erden. Da wird es einmal offenbar werden, daß die Gebete eines alten gelähmten Mütterchens auf ihrem Krankenlager für Familie, Stadt, Volk, Land, ja für die ganze verlorene Welt eine viel größere Bedeutung haben als die klugen Reden von Scharen christlicher Politiker.

Denn dieses Land wird gegeben, — nicht gewaltmäßig genommen. Und die Schrift kann nicht gebrochen werden, sondern muß sich erfüllen. Die Ungerechtigkeit wird überhandnehmen, und es ist nicht die Aufgabe der Gläubigen, das Unkraut auszujäten und zu verbrennen. “Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte!” Weil so viele Gläubige aber nicht in Zelten wohnen wollen und durch das Bauen eines Altars Zeugnis geben können von dem, was der Herr ihnen ist, sondern es sich viel lieber hier unten möglichst wohnlich einrichten wollen, darum bemühen sie sich so krampfhaft, diese Welt bewohnbar zu machen. Und es ist doch alles nur fürs Feuer. Denn die Welt vergeht mit ihrer Lust, die Werke auf ihr verbrennen, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt, und sein Werk besteht (1. Kor. 3, 1-23; Kol. 2, 20-23; 3, 1-4).

Darum brich auf, gläubiges Herz, und ziehe hinauf auf das Gebirge ostwärts von Beth-el! Dorther kam der Glanzstern, der Sohn der Morgenröte, der sich wider Gott erhob und darum hinabgestürzt wurde. Nun verursacht er als der Gott und Fürst dieser Welt all die Ungerechtigkeit und das Verderben hier unten. Aber er hat eine kleine Zeit von Gott eingeräumt bekommen, in der er alle seine Kräfte spielen lassen darf. Danach kommt von Morgen her der glänzende Morgenstern, der die wahre Morgenröte bringt, der Herr selbst. Der wird dann alle die Geschädigten reichlich entschädigen, wie uns dies an Hiob schon im Bilde gezeigt ist. Denn Er hat die Bürgschaft dafür übernommen, alles wiederzuerstatten, was der andere geraubt hat (Psalm 69, 4, Luther: V. 5).

Der Herr kommt! Das weiß der Glaube. Darum kann der Gläubige jetzt schon hinaufziehen auf das Gebirge ostwärts von Bethel und kann durch seine Anwesenheit Zeugnis davon ablegen, daß der Kommende kommen wird und nicht verziehen.

und schlug sein Zelt auf. — All diese herrlichen Pläne und Gedanken Gottes sind heute erst in der Anbahnung begriffen. Noch ist die Zeit der Ausführung nicht gekommen. Erst gibt Er ja dem Verderber Gelegenheit, sich öffentlich zu betätigen (2. Thess. 2, 1-16). In der Zwischenzeit aber dürfen wir uns hier unten beweisen als solche, die im Begriff sind hinwegzueilen. Darum bauen wir keine durch Satzungen und Paragraphen und Eisenbänder zusammengehaltenen Prachtbauten für Gläubige, sondern schlagen unsere leichten Wanderzelte auf, die nur zusammengehalten werden durch das Band der Vollkommenheit, durch die Liebe.

Indem wir das tun, verurteilen wir den gegenwärtigen Zeitlauf als widergöttlich und künden an, daß die Form, das Schema dieser Welt, vergeht (1. Kor. 7, 29-31). Denn wir wandeln ja noch im Glauben und nicht im Schauen.

Beth-el gegen Abend und Ai gegen Morgen. — Der natürliche Mensch hat nur wenig Durchschlagskraft. Darum suchen seine Inspiratoren aus dem Lufthimmel immer eine Zusammenballung zu erreichen, sei es rein äußerlich durch die Gründung großer Städte und durch den Bau hoher Türme und Burgen, wie es zu Babel geschah, oder mehr dadurch, daß weitverzweigte Organisationen einem Unternehmen die notwendige Stoßkraft verleihen sollen. Organisationen sind immer unnatürlich. Die göttliche Art der Entwicklung ist der Organismus. Auf der Linie des Organismus bringt ein jedes Wesen Früchte nach der ihm von Gott verliehenen Eigenart. Auf der Linie der Organisation wird gewirkt und gehandelt nach den ausgegebenen allgemeinen Richtlinien. Organismen sind ein Beweis innewohnenden Lebens, Organisationen eine Zerfallserscheinung, ein Zeichen der Degeneration und der Schwäche, weil der einzelne nicht glaubensmäßig seinen Weg gehen und die Erreichung des gesteckten Zieles in der von Gott gesetzten normalen Entwicklungszeit erwarten kann, sondern durch gewaltmäßige Tempobeschleunigung sich Sondervorteile zu verschaffen sucht. — Hinter dem allem aber steht der, der da weiß, daß er wenig Zeit hat (Offb. 12, 12).

Der Glaube aber braucht nicht ängstlich zu eilen. Er ist ja gegründet auf den unerschütterlichen Felsen der Ewigkeiten, den Gott selbst zum Grund- und Eckstein gelegt hat (Jes. 28, 16 Elbf.). Während der Unglaube und der Ungehorsam Rotten bilden, wie es Korah tat zum Zeichen für viele (4. Mose 26, 9.10), und wie es die aus der gleichen Quelle Trinkenden als Geistesverwandte heute noch tun (Psalm 22, 16, Luther: V. 17; Psalm 119, 61), geht der Glaube als einzelner seinen Weg und schlägt an dem Platz sein Zelt auf, von dem ihm Gott gesagt hat: “Dieses Land will ich … geben.”

Die Methode, die Gott zur Einnahme von Festungen und zur Erniedrigung von Höhen anwendet, ist heute noch für alle Gläubigen dieselbe, die Er auch an dem Vater der Gläubigen geoffenbart hat (2. Kor. 10, 3-6). Auf diese Weise wird einmal die Weisheit der Weisen zunichte gemacht und die Stärke der Starken zerbrochen. Inmitten einer gottfeindlichen Welt steht der Gläubige voller Zuversicht und wartet, bis Gott Seinem geliebten Sohne, unserem herrlichen Haupte, einmal alle Feinde zum Schemel Seiner Füße legen wird.

Ein Zeugnis angesichts der Feinde

und er baute daselbst Jehova einen Altar. — Wer das Wort des Herrn in sich trägt und die Kraft Gottes kennt, kann angesichts aller Feinde Zeugnis davon ablegen, daß die endgültige Besitzergreifung aller Gebiete der Finsternis nur noch eine Frage der Zeit ist. Sobald diese Zeit erfüllt ist, trifft der Herr selbst ein und nimmt Wohnung in dem Lande, in dem Sein Gesandter als Zeichen der Besitzergreifung bereits einen Altar errichtet hat.

Auf welche Gebiete der Finsternis durftest du schon im Glauben den Fuß setzen und sie durch Errichtung eines Altars für den Herrn heiligen?

Wer einmal die Tragweite dessen erkennt, was es heißt, auf einem fremden Boden einen Altar zu errichten, in dessen Herz wird eine nie verlöschende Flamme entzündet, eine Flamme Gottes, nämlich die Glut einer Liebe, die stärker ist als der Tod. Von seinen Lippen kommt ein Lobpreis der Herrlichkeit Gottes, ein Preis für alle Seine Werke.

Erst in diesem Lichte wird man dessen gewiß, daß keine unserer Bitten, die wir auf Sein Wort hin tun, unerfüllt bleibt, sondern daß wir für alle die Bitten, die nach Seinem Willen geschehen, schon die Erhörung haben. Denn Gott hat für all das, was Er will, schon von Anfang an die Erfüllung bereitgestellt. Unser Gebet ist nur ein Einstimmen des Glaubens in diesen Willen. Wir sind dann in Übereinstimmung gebracht mit Seinem eigenen Willen.

Wie wird man da im voraus der Erhörung so froh und gewiß! Das ist ein anderes Beten als das, in dem man Gott nur dazu benutzen möchte, die aus der Selbstsucht des einzelnen geborenen Wünsche zu erfüllen. Wenn uns vor allem daran gelegen ist, daß Seine Wünsche erfüllt werden, dann fangen wir auch an, schriftgemäß zu beten (siehe 1. Tim. 2, 1-4; 1. Joh. 5, 14.15; Apg. 15, 14-17). Dann hoffen wir auf die Dinge, auf die Gott selbst hofft, und in unserem Glauben stehen sie alle schon da, als ob sie bereits geschehen wären (Hebr. 11, 1.2).

Dann wissen wir auch, was es heißt: “Und er rief den Namen Jehovas an.”

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1966-68; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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