Die Berufung Abrahams (1)
Autor: Geyer, Karl | Kategorie(n): Biblische Symbolik, Das prophetische Wort, Erwählung, Glaubensleben & Wandel, Lehre | 1,438 x gelesenHistorisch, erbaulich, prophetisch und symbolisch betrachtet
Einleitung
Gott wohnt in einem unzugänglichen Licht, da niemand hinkommen kann. Ohne eine Offenbarung Seinerseits wäre die Menschheit nie zu einer Erkenntnis Seines Wesens und Seines Willens gekommen. Wir würden heute noch alle an der Stelle stehen, auf der die Heiden vor der Erscheinung des Lichtes der Welt standen. Unsere Erkenntnis wäre allein über Seine Wohnung, jenes unzugängliche Licht, geringer, als über einen der immerhin noch wahrnehmbaren Sterne der Milchstraße. Noch weniger aber wüßten wir über Ihn selbst. In Dunkel und Finsternis müßten wir tastend unseren Weg gehen, die Seele erfüllt von dem hoffnungslosesten Nichtwissen über das “Woher”, das “Wozu” und das “Wohin”. Und alle, die Ihn tastend suchen und fühlen und finden möchten, müßten über ihre Altäre schreiben: “Dem unbekannten Gott” (Apg. 17, 22-31).
Aber Sein Wesen ist Liebe. Darum kann Er nicht verborgen bleiben. Liebe braucht einen Gegenstand, an dem sie sich auswirken kann, ohne Rücksicht auf den Wert desselben. Die Inbrunst Seiner Liebe bewog Ihn, aus Seiner Gottes-Einsamkeit herauszutreten. Er rief eine Welt ins Dasein, die Ihm in ihrer Schöpfung, Erlösung und dereinstigen Vollendung Gelegenheit gab und gibt, alles, was an Allmacht und Weisheit, an Gerechtigkeit und Heiligkeit, an Gnade und Liebe in Ihm ist, kund und offenbar zu machen.
Diese Offenbarung hat zwei Seiten, eine darstellende und eine beschreibende:
- Die darstellende Offenbarung Gottes ist der Sohn Gottes (Joh. 1, 18; 10, 30; 14, 9).
- Die beschreibende Offenbarung Gottes ist Sein Wort (Joh. 5, 39 und Apg. 10, 43 u. v. a.).
Die beiden Seiten der Gottesoffenbarung decken sich. Von außen ist die Gestalt beider rein menschlich. Hätte man das fleischgewordene Wort (Joh. 1, 14 und Offb. 19, 13) während Seines Erdenlebens den Messern der Anatomen ausgeliefert, sie hätten nur Fleisch und Bein gefunden, aber Seine Gottesherrlichkeit wäre ihnen verborgen geblieben. Um diese zu sehen, muß man “im Geiste sein”, denn der natürliche Mensch vernimmt nicht, was des Geistes Gottes ist. Der neue Sinn, um den Wahrhaftigen zu verstehen, fehlt ihm (1. Joh. 5, 20). Ebensowenig kann der natürliche Mensch in dem “geschriebenen Wort” etwas anderes sehen als nur rein Menschliches. Die theologischen Berufsanatomen, die Vertreter der “höheren Kritik”, können wohl über das vermutliche Alter des Geschriebenen und seine sprachlichen Eigenheiten, bzw. die des Schreibers, ihre menschlich-natürlichen Meinungen äußern, aber die im Worte verborgene Gottesherrlichkeit erschließt sich nur dem, dem der Geber des Wortes den Geist der Weisheit und Offenbarung geschenkt hat zur Erkenntnis Seiner (Gottes) selbst (Eph. 1, 17).
Der Aufbau der Stiftshütte
Gott geht inmitten der Menschen Seinen Weg, ohne von ihnen als Gott bemerkt zu werden. Unter Seinem Volke Israel wohnte Er in der Stiftshütte, der Hütte des Zeugnisses gegen die Leugner auf Erden und ihre Inspiratoren im Lufthimmel (2. Mose 25, 8 und 26, 1-14). Von außen war aber keine Gestalt noch Schönheit an dieser Behausung Gottes zu entdecken. Eine unscheinbare, graue Dachsfelldecke bildete die äußerste Hülle und bot dem Auge des neugierigen Beschauers wenig Reizvolles. So ging auch der Sohn Gottes über diese Erde (Jes. 53, 1-3).
Unter der grauen Dachsfelldecke aber lag eine andere, die rote Widderfelldecke. Sie gab Zeugnis von dem Blute des Lammes ohne Fehl und ohne Flecken. Gesehen wurde sie aber nur von denen, denen zu einer gewissen Zeit eine helfende Hand die obere, unscheinbare Decke wegnahm. Alle anderen konnten nur mit dem Gehör des Ohres von ihr hören (Hiob 42, 5).
Dem Auge, dem es vergönnt war, auch unter diese Hülle zu schauen, bot sich ein weit herrlicherer Anblick dar. Es sah das Zelt über der Wohnung, das aus Teppichen von Ziegenhaar gefertigt war.
Zuunterst aber befand sich die eigentliche Wohnung, deren reine, weiße Leinwand zeugte von der Reinheit dessen, der von keiner Sünde wußte, während der blaue und der rote Purpur die Farbe Seiner Heimat, des Himmels, und Seine königliche Pracht widerspiegelten.
Hier erst war der Ort, wo die Lade des Zeugnisses stand, — hier erst war die Gegenwart Gottes selbst, der zwischen den Cherubim thronte, die auf beiden Seiten des Sühnedeckels standen, aus ihm in getriebener Arbeit gemacht. Der wahre Sühnedeckel aber ist nach dem Zeugnis der Schrift der Herr selbst (Röm. 3, 25).
Ein Herz, das bis hierher dringt, findet Stillung seiner tiefsten Sehnsucht und seiner letzten Bedürfnisse. Und Gott will, daß wir Ihm so nahe kommen (Hebr. 10, 19-22; Eph. 1, 17-23; 3, 19; 1. Kor. 2, 6-16, besonders die Verse 10 und 12).
Vorhof — Heiligtum — Allerheiligstes
Die Stiftshütte in ihrem ganzen Aufbau gibt uns ein weiteres Bild des Weges, der von außen, dem Aufenthaltsorte des Menschen, hineinführt in die Gegenwart Gottes selbst. Da war zunächst die große Scheidung durch die Umzäunung des Vorhofes in ein “Drinnen” und ein “Draußen”. Der Weg hinein führt durch die Tür (Joh. 10, 7-9; 14, 6). Aber innerhalb der Hütte war durchaus nicht alles gleich. In den großen Vorhof durfte das ganze Volk, in das Heilige nur ein Stamm, der Stamm Levi, in das Allerheiligste nur eine Familie, nämlich Aaron und seine Söhne. Dies ist die innere Scheidung. Gnade gibt es im Vorhof für alle, Berufung zum Dienst im Heiligtum gibt es für viele, aber Auserwählung zu persönlicher Gemeinschaft und zum höchsten Mittlerdienst nur für wenige. Aber auch die “Wenigen” und die “Vielen” gehörten zu den “Allen”, nämlich zu dem Volke Israel. Sie verloren mit ihrer Berufung oder Erwählung nicht den Zusammenhang mit ihrem Volke, sondern waren im Gegenteil jetzt erst recht da für ihr Volk. Hieran sehen wir, daß es Berufung und Erwählung nie mit Leben oder Tod zu tun haben, sondern mit Dienst und Segensvermittlung an die anderen. Wenn Gott den Ismael nicht erwählte, sondern ihn austreiben ließ, weil dieser Wildesel von Mensch nicht Segensträger in der Verheißungslinie werden sollte, so hat dies nichts mit menschlichem Haß zu tun, denn Gott macht ihn auch zum großen Volk und läßt ihn zwölf Fürsten zeugen (1. Mose 17, 15-21; 25, 12-18). Ebenso ergeht es Esau (Röm. 9, 11-13 und 1. Mose 36, 1-43). Mit Jakob hat Gott Seinen Liebesbund geschlossen, aber Esau kommt zur Durchführung der Verheißungen nicht in Betracht. Aber auch er wird zum großen Volke. Wer die Erwählung auf Leben und Tod bezieht, macht Gott zum Lügner, denn Gott will, daß allen Menschen geholfen werde (1. Tim. 2, 4).
Die Tätigkeit der Besucher der Hütte war sehr verschieden. In den Vorhof traten die, deren Beziehungen zu Gott irgendwie nicht in Ordnung waren. Sie brachten ihr Opfertier, bekannten ihre Sünden, indem sie dabei ihre Hand auf den Kopf des Opfertieres legten und so gewissermaßen ihre Unreinheit auf das Tier übertrugen. Der Priester opferte dann das Tier an ihrer Stelle, und sie konnten den Vorhof wieder verlassen mit dem Bewußtsein, daß nun alles geordnet sei. Ihre Bedürfnisse waren befriedigt. Das ist das Kennzeichen des Vorhofes: Die Befriedigung der geschöpflichen Bedürfnisse.
Die Priester, die Zutritt zum Heiligtum hatten, sorgten nicht mehr für die Befriedigung eigener Bedürfnisse, sondern für die der anderen. Ihr Dienst galt dem Heil der Brüder. Dafür war auch, der erhöhten Verantwortung entsprechend, die Art ihrer Gemeinschaft mit Gott eine weit innigere. Kein Licht von außen drang in das Heiligtum. Der siebenarmige goldene Leuchter erhellte (als Ab- oder Nachbild des siebenfachen Gottesgeistes, Offb. 3, 1 u. Jes. 11, 2) das Gemach, in dem sie die heiligen Brote aßen, die vorher eine Woche lang vor dem Angesicht Gottes lagen als Schaubrote, andeutend, daß Er sich an Seinem Brote, dem Brote Gottes, nicht satt sehen könne (Joh. 6, 33). Wie kostbar war es für sie, die Dinge genießen zu dürfen, die dem heiligen Gott selbst Genuß bereiteten durch ihren Anblick! Welche Lieder des Lobes und Dankes aus den Herzen dieser Männer drangen, die so Anteil hatten am Heiligen, sehen wir an den Psalmen. Diese Frucht der Lippen, die Seinen Namen preisen, ist das Kennzeichen des Dienstes im Heiligtum.
Unendlich kostbarer als alles dieses war jedoch die Herrlichkeit, die der sehen durfte, den Gott herzurief, um vor Ihn selber hinzutreten. Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott im Allerheiligsten! Keine Lampe erhellte diesen Raum. Er, Gott selbst, war ja da, und Seine Herrlichkeit war so groß, daß der, dem sie einmal ins Angesicht schien, eine Decke darüberlegen mußte, weil das natürliche Auge noch nicht einmal den Abglanz dieses Lichtes auf einem Menschenantlitz ertragen konnte. — In diese Gottesnähe durfte niemand herzutreten, ohne von Gott gerufen zu sein. Wer eigenwillig nahte, wurde von Gott getötet (3. Mose 10, 1-3; 4. Mose 16, 35-40). Letzte und höchste Verantwortung lag auf diesem Auserwählten: die Versöhnung des ganzen Volkes. Aber er durfte auch schauen, was die anderen erst auf der neuen Erde einmal sehen werden (Offb. 21, 23). Gegen diese Herrlichkeit verblaßte alles, was nicht nur die Erde bieten konnte und kann, sondern auch alles, was je ein Auge gesehen, ein Ohr gehört, oder was in irgendeines Menschen Herz gekommen ist. Der Mensch durfte vor dem Angesichte Gottes erscheinen! Er durfte Gemeinschaft haben mit dem Ursprung des Lebens, mit der Quelle alles Seins. Er durfte gegenüber allem Vergänglichen das Wesenhafte schauen. — Für dieses Schauen hat die irdische Zunge keine Worte mehr (2. Kor. 12, 1-4). Der Geist aber steht in wortlosem Staunen vor seinem Schöpfer und bewundert erschauernd die unfaßbare Größe des dreimal Heiligen. — Das ist Anbetung.
Ichbefriedigung — Dienst — Anbetung
Jedem Kinde Gottes steht ein einfacher Gradmesser zur Verfügung, an dem es sehen kann, wie weit der Herr es einführen konnte in die Erkenntnis Seiner Herrlichkeit. Dieser Gradmesser ist das Gebetsleben.
Wer immer mit Bitten und Lamentieren beschäftigt ist, zeigt damit an, daß er über seine eigenen Bedürfnisse noch nicht hinausgekommen ist. Ohne Zweifel dürfen wir dem Herrn alle unsere Anliegen kund werden lassen. Da aber der Vater weiß, was wir bedürfen, ehe wir Ihn bitten, so ist es nicht recht, darüber viele Worte zu machen wie die Heiden. Der Vater weiß es! Das ist genug für ein gläubiges Herz, um es vor Jammern und Klagen zu bewahren. Diese Dinge sind eines Kindes Gottes unwürdig.
Eine Station weiter sind die gekommen, denen der Herr einen Dienst an den Brüdern aufs Herz legen konnte. Das Kennzeichen ihres Gebetslebens ist das Loben und Danken. Derer sind schon weit weniger, die mit derselben Inbrunst loben und danken können, als derer, die Ihm ständig ihre Bedürfnisse vorhalten oder vorjammern. Das Heiligtum ist auch viel kleiner als der Vorhof. Es gibt viele Menschen, mit denen Gott in Gnaden handeln kann, aber nur an einer viel kleineren Zahl hat Er Wohlgefallen.
Wie klein aber ist erst die Zahl derer, die erfüllt sind mit der Erkenntnis Seiner selbst und deren Geist in anbetender Bewunderung stille steht vor der Erhabenheit dessen, der auf dem Thron sitzt! So klein ist diese Zahl, daß der große Gott, dessen Augen das ganze Erdenrund durchlaufen, um sich mächtig zu erweisen an denen, die ungeteilten Herzens für Ihn sind, suchend durch die Lande gehen muß, um etliche Anbeter zu finden (2. Chron. 16, 9; Joh. 4, 23).
Verschiedene Betrachtungsweisen des Wortes Gottes
Dieser Einstellung zu Gott und Seinem Sohne, dem fleischgewordenen Wort, entspricht auch die Einstellung zu dem geschriebenen Wort. Nur die, die den Willen des fleischgewordenen Wortes tun wollen, werden auch erkennen, ob Seine Lehre, das geschriebene Wort, aus Gott sei.
Der natürliche Mensch, dessen Platz außerhalb des Zeltes der Zusammenkunft ist, betrachtet das Wort mit seinen natürlichen, unerleuchteten Augen rein historisch. Er liest die Geschichten genauso, wie man irgendwelche Begebenheiten der Weltgeschichte liest. Sein Herz kann dabei völlig unberührt bleiben, ja, er kann sogar eine zweifelnde oder ablehnende Stellung dazu einnehmen.
Ist ein Mensch durch die Tür Christus in den Vorhof eingegangen, so bezieht er zunächst alles auf sich. “Meine Sünden”, “mein Heiland”, “meine Errettung”, “meine Bekehrung”, “mein Glaube” und viele ähnliche Ausdrücke lassen erkennen, daß er noch völlig zu tun hat mit der Befriedigung seiner Bedürfnisse, und daß sich bei ihm noch alles vollzieht nach der Formel: “Ich — meiner — mir — mich.” Ob eine Verheißung dem Volke Israel gegeben ist oder irgendeiner anderen Körperschaft, spielt ihm gar keine Rolle. Alles betrachtet er nur von der Seite, ob es einen moralischen Nutzen für ihn hat, und wendet es dementsprechend praktisch auf sich an. Dies ist die Stufe der moralischen (oder praktisch-erbaulichen) Betrachtungsweise. Sie ist die dem Kindesalter in Christo zugehörige; denn das Kennzeichen der Kindlein in Christo ist die erfahrene Vergebung der Sünden, das Bewußtsein der Rechtfertigung durch das Blut des Lammes (1. Joh. 2, 12).
Wen aber die Liebe zu den Brüdern das eigene kleine “Ich” mehr und mehr vergessen läßt, erkennt, daß Gott auch Seine anderen Geschöpfe (einschließlich der Tierwelt) zu derselben herrlichen Freiheit erheben will, wie die Söhne Gottes auch (Römer 8, 21, siehe auch die Verse 18-23). Das “Du” ist ihm dann so wertvoll wie das “Ich”. Er liebt seinen Nächsten wie sich selbst. Freude zieht in sein Herz, wenn er die großen und herrlichen Verheißungen sieht, die Zukunft Israels und der Völkerwelt betreffend. Ja, Herrliches ist von dir geredet, du Stadt Gottes! — Doch auch “das Ersehnte aller Heiden wird kommen”. In ungeahnter Weise wird Gott alle Bedürfnisse stillen, die der irregeleitete Mensch heute auf falschem Wege durch eigene Kraft zu befriedigen sucht. Diese Erkenntnis läßt den Gläubigen die Schwierigkeiten der Jetztzeit nicht nur ertragen, sondern auch überwinden. Er sieht, daß der Böse nicht den Sieg behält, und überwindet ihn durch den Glauben. Hierdurch bekommt er auch Sieg über das Böse. Sieg über das Böse und den Bösen ist das Kennzeichen der Jünglingschaft. Auf dieser Stufe steht nicht mehr die Rechtfertigung im Vorhof im Vordergrund, sondern die Heiligung. Die dazu nötige Kraft bekommt man durch das Essen des Brotes im Heiligtum und die Leitung durch das innere Licht, durch den Geist. Er erschließt uns das prophetische Wort, Israel und die Völkerwelt betreffend.
Unnennbare Seligkeit aber umfängt den, der in der Erkenntnis Seiner (Gottes) selbst steht. Versunken ist das “Ich” in der Fülle der Gottheit. Wo die Schrift angeschaut wird, zeugt sie von dem, der sie gegeben hat und der auch letzten Endes der einzige Gegenstand ist, um den sich alles dreht (Röm. 11, 36; Kol. 1, 16; Offb. 5, 11; Joh. 5, 39). Da wird alles lebendig. Jeder Gegenstand schattet dann eine Seite des Wesens dessen ab, der ihn erschaffen hat. Da wird der harte Fels in der Wüste etwas ganz anderes, als was ihn das natürliche Auge schaute, etwas unendlich Herrliches kommt hervor, — der Herr selbst (1. Kor. 10, 4). Ja, alle Dinge werden zu Vorbildern für uns, an denen wir die Dinge in den Himmeln erkennen können (1. Kor. 10, 6.10; Kol. 2, 16.17; 3, 1-3; Hebr. 8 und 9, sowie 10, 1.12.19-22 und Kap. 12, 18-24; dazu noch viele andere Stellen). Diese Betrachtungsweise ist die symbolische. Sie ist die tiefste von allen, denn sie führt uns zu Ihm selber hin, läßt uns in allem den erkennen, der von Anfang ist, gibt uns durch den Geist der Weisheit und Offenbarung Erkenntnis Seiner selbst. Das ist vollendete Gemeinschaft mit Gott selbst im Allerheiligsten. Der Gläubige ist dann vom “Ich” zum “Du” und vom “Du” zum “Er” gekommen. Hier erst kommt der Geist zur Ruhe, weil er nun den letzten Urgrund alles Seins gefunden hat.
Wenn selbst irdische Geister erkannten, daß alles Irdische nur ein Gleichnis ist, daß die Erde nur eine Pflanzschule für die Geisterwelt ist, wie Goethe sagt, wieviel mehr sollten Gotteskinder sich zurechtfinden in den Dingen, die ihrer droben warten, indem sie schon jetzt erkennen an dem, was geschaut wird, wie es in dem Unsichtbaren zugeht. Ja, nach Hebr. 11, 3 (siehe Elberfelder Übersetzung oder irgendeine neuere) ist es gerade ein Kennzeichen des Glaubens, daß er erkennt, daß alles Sichtbare herkommt aus dem Unsichtbaren, das Erscheinende aus dem Nichterscheinenden, die Welt der Sinne aus dem Übersinnlichen, der Stoff aus dem Geist. Damit wird diese Welt eine Scheinwelt genannt, die nichts darstellt, als den Schatten der Geisterwelt. Der Glaube stellt sich dementsprechend zu ihr ein und schickt das Herz da hinein, wo er ewig wünscht zu sein.
Das Wort Gottes bietet also jedem Menschen etwas. Dem natürlichen Menschen gibt es Speise für seinen Menschengeist. Dem neugeborenen Kindlein in Christo reicht es Milch dar. Der Jüngling findet Brot und starke Speise darinnen, die ihn in den Stand setzen, Kämpfe Gottes zu kämpfen und zu obsiegen. Dem erwachsenen Manne in Christo gibt es Licht über die letzten Zusammenhänge aller Dinge und führt ihn in die volle Gotteserkenntnis hinein.
Wer die rechte Speise geben will zur rechten Zeit (Matth. 24, 45), wer das Wort der Wahrheit recht teilen will gemäß 2. Tim. 2, 15, der muß das Wort in allen vier Bedeutungen kennen und in jedem Einzelfall das darreichen, was der Stellung des Hörers angemessen ist. Dem irrenden natürlichen Menschen wird der unbekannte Gott nahegebracht und die frohe Botschaft von Jesu und der Auferstehung verkündigt (Apg. 17, 16-31). — Die neugeborenen Kindlein in Christo erhalten Milch (1. Petri 2, 2; 1. Kor. 3, 2). — Die Herangewachsenen bekommen feste Speise (Hebr. 5, 12 - 6, 2). — Das Ziel aber ist es, als Vater in Christo Erkenntnis Seiner selbst zu bekommen (Eph. 1, 17) und erfüllt zu werden mit der ganzen Gottesfülle (Eph. 3, 19).
Bei einer Betrachtung des Wortes Gottes vor einer gemischten Hörerschar muß also auf alle vier Bedeutungen des Wortes eingegangen werden. Dies ist auch notwendig bei einer schriftlichen Betrachtung, da ja das gedruckte Wort in mancherlei Hände kommt. Andernfalls müßte man schon auf der Titelseite angeben: “Nur für Gläubige”, oder: “Frohe Botschaft für Verlorene”, oder: “Starke Speise für Geförderte” usw.
Die Berufung Abrahams, mit der sich die folgenden Blätter beschäftigen, soll aus diesen Gründen auch in ihrer vierfachen Bedeutung betrachtet werden. Zunächst soll das einfache Geschehen dargestellt werden. Sodann soll versucht werden, soweit der Herr dazu Gnade und Einsicht gewährt, den Text praktisch-erbaulich auf uns anzuwenden, damit ein moralischer Nutzen für jeden einzelnen dabei herauskommt. Drittens soll gezeigt werden, wie das Leben Abrahams prophetisch Glaubenswege aufweist, die Israel als Ganzes in der Zukunft noch einmal gehen muß. Zuletzt aber enthüllt es uns die Wege, die Gott selbst ging, um aus einem Vater der Höhe (Abram) ein Vater der Menge (Abraham) zu werden.
Wir betrachten also sämtliche vier Bedeutungen:
- die historische Bedeutung,
- die erbauliche Bedeutung,
- die prophetische Bedeutung,
- die symbolische Bedeutung.
Die Gottesoffenbarungen in seinem Leben
Wunderbar groß und erhaben ist die Erziehungsweise Gottes im Leben Abrahams. Der Vater der Gläubigen, der in seinem Glaubensleben Muster und Vorbild für das Wachstum des Glaubens in allen Gläubigen ist, beginnt seinen Pfad auf das Geheiß Gottes hin und geht diesen Weg unter der Führung und Leitung Gottes bis zum Ende. Dabei ist die menschliche Seite in seinem Leben nicht verschwiegen. Dreimal weicht er ab von dem Pfade des Glaubens und geht einen Irrweg der Vernunft. Aber die Treue Gottes wacht über ihm und läßt ihn nicht, bis die letzten Schlacken abfallen und ein geläuterter Glaube dasteht, viel köstlicher als das im Feuer geläuterte Gold.
Echter, gesunder, gottgewirkter Glaube stützt sich immer auf das Wort. Er hat nichts gemein mit menschlicher Phantasie und seelischem Hineinsteigern in eigene Wünsche, bis man sie sich selbst glaubhaft gemacht hat. Wo der Wunsch der Vater des Gedankens ist, hat man es im besten Falle mit eigenwilliger Glauberei zu tun, nicht aber mit Glauben.
Im Leben Abrahams geht das Wachstum des Glaubens Hand in Hand mit den immer größeren und tieferen Offenbarungen Gottes. Von Gott gerufen zieht er aus, von Gott geleitet wandert er von Station zu Station und legt endlich in der letzten großen Schlußprüfung den Ertrag seines Glaubens wieder in die Hand dessen zurück, der den Sohn der Verheißung geschenkt hatte.
Dieses Opfer ist undenkbar am Anfang seines Glaubenslebens. Dort vermochte er sich weder von Lot noch von seinem Vater Tarah zu trennen. Gott läßt niemand über Vermögen prüfen. So mutet Er auch dem Abraham das Schwerste erst dann zu, als Abraham dazu erzogen und reif war.
Dieses vollkommene Leben des Glaubens kann auf das Herz eines Gläubigen nicht ohne Wirkung bleiben. Unwillkürlich drängt sich uns im Lichte dieses Lebens ein Vergleich auf mit unserem eigenen Glaubensleben. Es erfolgt als Wirkung des gläubigen Betrachtens dieses Lebens eine Projektion, ein Hineinzeichnen der Grundlinien dieses Glaubensweges in unser eigenes praktisches Leben hinein. Dies ist die praktisch-erbauliche Bedeutung dieses Lebens für uns.
Die Kostbarkeiten dieses Lebens werden uns im einzelnen noch besonders bewegen. Hier sei nur noch kurz auf die prophetische Bedeutung hingewiesen, die uns sein Leben als richtunggebend für die spätere Erziehung Israels hinstellt, und auf die symbolische, die uns in wunderbarer Weise Geheimnisse der unsichtbaren Welt enthüllt an dem sichtbaren Geschehen im Leben Abrahams.
Die Schrift nennt Abraham einen Propheten, obwohl uns von ihm nicht ein einziges prophetisches Buch hinterlassen noch irgendeine Weissagung aus seinem Munde aufbewahrt ist. Das Wesen der Prophetie kann also nicht lediglich darin bestehen, göttliche Aussprüche oder Gesichte über zukünftige Dinge einfach an andere weiterzugeben. Dann wäre Abraham ja kein Prophet, weil er uns solche Dinge nicht übermittelt hat. Vielmehr besteht die Prophetie in seinem Leben darin, daß Gott an seinem Leben etwas darstellte, was für alle späteren Zeiten eine große und tiefe Bedeutung hat. Das Volk Israel bekommt durch den Propheten Jesaja den direkten Hinweis, daß des Volkes Tröstung, Wiederaufrichtung ünd Mehrung sich gerade so vollziehen würden, wie dies am Leben Abrahams wahrzunehmen sei (vergleiche Jes. 51, 1-3, siehe überhaupt das ganze Kap. 49 und Kap. 51, 1-11).
Ebenso ist auch das Leben der Sara ein prophetisches Bild für gewisse Ereignisse im Leben Israels, je nachdem eben Israel als Weib gesehen wird oder als der männliche Sohn, von dem Gott selbst sagt: “Israel ist mein erstgeborener Sohn” (2. Mose 4, 22). Sara kommt zweimal in die Gewalt fremder Herrscher, ohne daß einer ihr zu nahe treten darf. Israel kommt auch zweimal unter fremde Gewalt, einmal unter die Gewalt des Fürsten der Finsternis, zum andernmal unter die Gewalt der Unbeschnittenen. Darum soll Israel nicht nur auf den Felsen Abraham sehen, aus dem sie gehauen sind, sondern auch auf die Höhlung der Grube, aus der sie gegraben sind, auf Sara. Was Israel an väterlichem und mütterlichem Erbteil mitbekommen hat, was es keimhaft in sich trägt, wird in großen prophetischen Linien noch einmal an ihm erfüllt werden.
Tiefer als das alles ist die symbolische Bedeutung des Lebens Abrahams. Da nimmt der Glaube an dem Sichtbaren das Unsichtbare wahr und bekommt Erkenntnisse und Blicke in die unsichtbare Welt, die ihm ohne dies verborgen blieben. Ab-ram, der Vater der Höhe, ist ja nur ein schwaches Bild des wahren Vaters in der Höhe, nämlich Gottes selbst. Er zieht aus Ur (Licht) aus, um ein Vater der Menge zu werden, ein Ab-raham. So blieb auch Gott nicht für sich in jenem unzugänglichen Licht, da niemand hinkommen kann, sondern fing in Christo an, einen Weg der Offenbarung Seiner selbst zu gehen, um viele Söhne durch den einen zu bekommen (vgl. Gal. 3, 16; 3, 29; 4, 22-31). Da wird selbst von den beiden Frauen, Sara und Hagar, sowie den beiden Söhnen derselben gesagt, daß ihr Leben einen bildlichen Sinn habe (vergl. Hebr. 11, 8-20).
Dieses Ziel, viele Söhne zur Herrlichkeit zu bringen, kann Gott nur erreichen, wenn Er Seinen eigenen Sohn dahingibt. Deshalb ist auch die Opferung Isaaks genau das Gegenteil von dem, als was sie der Unglaube hinzustellen versucht, nämlich nicht eine grausame Forderung Gottes an Abraham, der ja auch den Sohn der Verheißung nicht zu opfern brauchte, sondern ein Bild davon, was Gott selbst tun wollte zur Errettung der Menschheit. Abraham durfte dieses Opfer verstehen und den Ertrag des Erlösungswerkes Christi am Tage des Herrn sehen (Joh. 8, 56).
Da wird es offenbar, wer zuerst geglaubt hat, — nicht der kleine Mensch, sondern der große Gott selbst. Und Er hat auch durchgehalten in Seinem Glauben bis zum vollen Ende seiner Offenbarung im Opfertode Christi am Kreuz.
Möge der, dessen tiefstes Sehnen es ist, sich in Seinen Geschöpfen zu offenbaren, uns die Berufung Abrahams so nach allen Seiten erschließen, daß wir zuletzt niemand mehr sehen als Ihn allein. Ihm sei die Ehre.
Die Berufung Abrahams
Apostelgeschichte 7, 2-4: “Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham, als er in Mesopotamien wohnte, und sprach zu ihm: Gehe aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschafl und komm in das Land, das ich dir zeigen werde. Da ging er aus dem Lande der Chaldäer und wohnte in Haran; und von da übersiedelte Er ihn, nachdem sein Vater gestorben war, in dieses Land, in welchem ihr jetzt wohnet.”
1. Mose 11, 27-32: “Und dies sind die Geschlechter Tarahs: Tarah zeugte Abram, Nahor und Haran; und Haran zeugte Lot. Und Haran starb vor dem Angesicht seines Vaters Tarah in dem Lande seiner Geburt, zu Ur in Chaldäa. Und Abram und Nahor nahmen sich Weiber; der Name des Weibes Abrams war Sarai, und der Name des Weibes Nahors Milka, die Tochter Harans, des Vaters der Milka und des Vaters der Jiska. Und Sarai war unfruchtbar, sie hatte kein Kind. Und Tarah nahm seinen Sohn Abram und Lot, seines Sohnes Sohn, und Sarai, seine Schwiegertochter, das Weib seines Sohnes Abram; und sie zogen miteinander aus Ur in Chaldäa, und sie kamen bis Haran und wohnten daselbst. Und die Tage Tarahs waren zweihundertundfünf Jahre, und Tarah starb in Haran.”
1. Mose 12, 1-7: “Und Jehova hatte zu Abram gesprochen*: Gehe aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschafl und aus deines Vaters Hause, in das Land, das ich dir zeigen werde. Und ich will dich zu einer großen Nation machen und dich segnen, und ich will deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein! Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde! Und Abram ging hin, wie Jehova zu ihm geredet hatte, und Lot ging mit ihm; und Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. Und Abram nahm Sarai, sein Weib, und Lot, seines Bruders Sohn, und alle ihre Habe, die sie erworben, und die Seelen, die sie in Haran gewonnen hatten, und sie zogen aus, um in das Land Kanaan zu gehen; und sie kamen in das Land Kanaan. Und Abram durchzog das Land bis zu dem Orte Sichern, bis zur Terebinthe Mores. Und die Kanaaniter waren damals im Lande. Und Jehova erschien dem Abram und sprach: Deinem Samen will ich dieses Land geben. Und er baute daselbst Jehova, der ihm erschienen war, einen Altar. Und er brach auf von dannen nach dem Gebirge ostwärts von Bethel und schlug sein Zelt auf, Bethel gegen Westen und Ai gegen Osten, und er baute daselbst Jehova einen Altar und rief den Namen Jehovas an.”
Die historische Bedeutung der Berufung Abrahams
Nachdem Gott durch die Zerstörung des Turmes zu Babel den Organisationswillen der damaligen Menschheit gebrochen und ihre Zusammenballung in Zerstreuung gewandelt hatte, beginnt Er einen neuen Abschnitt Seiner Beziehungen zu dem Menschen. Er handelt hinfort nicht mehr mit der Masse, sondern mit einem einzelnen (Jes. 51, 2; Hes. 33, 24). Die Masse geht den Weg der Todeslinie, die Auswahl aber zieht den schmalen Pfad des Lebens, wenn auch vorerst noch in der Hoffnung und dem Ausblick auf den, der das Leben ist. Aus diesem einen heraus wird das Volk der Wahl geboren, um Segensträger zu werden für alle Nationen. Das Heil für die Völkerwelt kommt von Israel. Wenn auch das ungläubige und in der Zerstreuung wohnende Israel ein Fluch ist für alle Völker, so wie Jehova es ihm schon in 5. Mose 28, besonders Vers 37, sowie in den Kapiteln 29 und 30 vorhergesagt hat, so wird doch eines Tages der Fluch in Segen gewandelt werden, und in demselben Maße, in dem es ein Fluch ist, wird es ein Segen sein.
Außer diesem irdischen Samen Abrahams, dem Volke der Wahl, Israel, hat Abraham auch noch einen himmlischen Samen (Röm. 4, 11.12.16.17; Gal. 3, 7-9; Hebr. 11, 12). Gerade die letzte Stelle betont wieder die Auswahllinie, indem sie hervorhebt, daß sie alle von einem kommen.
Auserwählung bedeutet zunächst Vereinsamung
Auserwählung hat es nicht mit Leben und Tod zu tun, sondern mit Segensvermittlung. Aber sie bringt ihren Träger in Vereinzelung und Vereinsamung. Die Träger und Vermittler zukünftiger Güter leisten Verzicht auf alles, was die jetzige Weltordnung ihnen bieten kann. Sie gebrauchen die Welt, insoweit dies zur Stillung der notwendigsten Lebensbedürfnisse sein muß, aber sie gebrauchen sie nicht als Eigentum, weil sie wissen, daß das Schema, die Form dieser Welt vergeht (1. Kor. 7, 31). Sie verzichten auf die zeitliche Ergötzung der Sünde (Hebr. 11, 25). Sie ziehen ihren Weg allein auf das Wort des Herrn hin (Luk. 5, 5), ohne zu wissen, wohin sie kommen (Hebr. 11, 8; 5. Mose 26, 5).
Abrahams Weg begann in Dunkelheit. Die Chaldäer waren Götzendiener, und die Familie Abrahams war es auch (Jos. 24, 2.3.14.15; 1. Mose 31, 19.30.32.34.53).
Aus diesem Greuel der Verwüstung (Chaldäa bedeutet Verwüstung) nimmt Gott den Abraham heraus. Abraham bekommt als einzelner den Befehl zum Auszug. Es ist dies zu beachten. Der Bericht in 1. Mose 11, 27-32 behandelt nicht die Geschichte Abrahams, sondern Tarahs. Er führt deshalb auch das Leben Tarahs in der Beschreibung fort bis zum Ende, ohne irgendwelchen Bezug zu nehmen auf die Gottesoffenbarung an Abraham, die diesem schon in Mesopotamien zuteil geworden war. Die eigentliche Geschichte Abrahams beginnt im 1. Buche Mose erst im 12. Kapitel.
Alle Stellen der Schrift, die sich auf den Auszug Abrahams beziehen, bezeugen einheitlich, daß Gott ihn als einzelnen aus Ur in Chaldäa rief. Es war aber nicht leicht, die natürlichen Beziehungen zu lösen und aus den Fesseln und Banden der Tradition herauszukommen. Selbst wenn auf seiten Abrams die Willigkeit vorhanden gewesen wäre, sich von allem lösen zu lassen, so war sie bei dem alten Vater Tarah nicht vorhanden. Er entwickelt sogar eine gewisse Aktivität und setzt sich an die Spitze des Zuges. Fast hat es den Anschein, als wäre der Befehl Gottes, auszuziehen aus Ur in Chaldäa, nicht an Abram ergangen, sondern an den alten Tarah. Er handelt so, als ob die ganze Initiative zum Auszug von ihm ausginge.
Wie hinderlich diese fleischliche Bindung für Abram war, geht aus dem gleichen Vers (1. Mose 11, 31) hervor. Das göttliche Ziel wird nicht erreicht. Die Kraft des alten Mannes ist bald erlahmt. Er bleibt in Haran sitzen, ehe er noch auf halbem Wege war. Und nun vermag auch Abram den nicht mehr zu verlassen, der mit ihm ausgezogen war. Hier wäre dies unnatürlich und hart gewesen. Die Treue dessen aber, der als der Rufende (oder Berufende) zu Seinem Plan steht, kennt den Weg und weiß die Lösung. Tarah darf in Haran seine Tage erfüllen. Es sind deren 205 Jahre, mehr also als die seines Sohnes Abram, der 175 Jahre alt wurde. Nachdem die Tage Tarahs vollendet sind, nimmt ihn Gott hinweg und löst so den Auserwählten aus der stärksten Verbindung, die es zwischen Fleisch und Blut gibt. Mit dem Tode Tarahs ist die Vaterbindung gelöst. Der Weg für den Beauftragten Gottes ist frei.
Hier beginnt nun die eigentliche Geschichte Abrahams (Kapitel 12, 1-3). Vers 1 enthält drei Teile über den Auszug und einen über das Ziel. Vers 2 enthält drei Aussprüche über den persönlichen Segen, den er empfangen sollte, und einen darüber, daß er für andere zum Segen gesetzt sei. Vers 3 gibt zwei Aussprüche wieder über die Rückwirkung auf seine Umgebung, je nachdem sich diese freundlich oder feindlich gegen ihn einstellen würde. Der Schluß des Verses enthält dann in wunderbar klarer und kurzer Fassung den Grund, warum Gott den Abram erwählt hat und diesen Weg der Aus- und Absonderung mit ihm geht: Alle Geschlechter der Erde sollen gesegnet werden.
Gott will — Gott kann — Gott spricht
Gott will! — Dort liegt der letzte Grund für alles Geschehen in allen Zeitaltern. Dort erblicken wir auch, rückwärts schauend, die Ausgänge alles Lebens, und vorwärts blickend sehen wir in dem göttlichen Willen auch das Ziel alles Weltgeschehens, nämlich, daß Gott sei alles in allem. Er ist das A und das O, der Anfang und das Ende.
Alles, was Er will, das tut Er auch (Psalm 115, 3; 135, 6; Jes. 46, 9-11; Eph. 1, 11; Röm. 11, 29-36; Apg. 2, 23; 4, 27.28; Hebr. 6, 17 u. v. a.)!
Alles, was Er tut, offenbart Er vorher (Amos 3, 6-8)! Es ist ein Kennzeichen des Geistes, vorauszubestimmen, was er tun will. Gott ist Geist, und es ist bezeichnend für die Sicherheit Seines Wollens und Könnens, daß Er es zeitalterlang vorher verkündigen kann. Nie fällt eines Seiner Worte zu Boden. Was Er sagt, trifft alles ein.
Alle Gottesoffenbarung geschieht durch den Sohn! — Niemand hat Gott je gesehen. Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, hat Ihn kundgemacht. Wenn Gott spricht, so spricht Er im Sohn und durch den Sohn. Der Sohn ist der Logos, das schöpferische Wort des Vaters (Joh. 1, 1-3). Sein Name heißt: “Das Wort Gottes” (Offb. 19, 13).
Gott spricht (im Sohne und durch den Sohn)! — Wenn Er spricht, so geschieht’s, und wenn Er gebietet, so steht’s da. Der Glaube gibt dem Reden und Tun Gottes einfach recht und fügt sich so ohne Widerspruch in die Wege Gottes. Der Unglaube widerspricht. Darum aber gibt Gott noch lange nicht Seine Pläne auf, sondern bringt den Widerspruch auf dem Weg der Gerichte zum Schweigen und führt auf diesem Wege Seine Gedanken doch hinaus. Nie überläßt Er dem Geschöpf den Ausgang, sondern nur die Wahl des Weges.
Und Jehova sprach zu Abram … Ohne dieses Wort des Herrn an Abram hätte dieser keinen Grund oder irgendeine Ursache gehabt, im Glauben zu handeln. Aller Glaube ruht auf einem Wort des Herrn. Ohne dieses Fundament gibt es keinen Glauben, sondern nur Glauberei oder Schwärmerei. Hätte Gott nicht geredet, so wäre bei Abram nichts erfolgt. Glaube beruht nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gotteskraft. Gott wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen.
Irdische Bindungen müssen gelöst werden
Gehe aus deinem Lande … — Welch anderes Wort könnte hier am Anfang des Weges Abrahams stehen, als das Wort: “Gehe!” Es steht am Anfang jedes Glaubensweges. — Unter den drei Kreisen, in denen der Mensch als Angehöriger eines Volkes steht, nämlich Familie, Sippe (oder Verwandtschaft) und Volk (oder Land), ist der letzte Kreis der weiteste. Die Beziehungen zu ihm sind nicht so eng und fest, als zu den engeren Kreisen. Deshalb sind sie auch leichter zu lösen. Die äußerste Schale fällt zuerst ab. Sie wurde schon abgestreift, als Tarah noch lebte.
… und aus deiner Verwandtschaft … — Enger wird der Kreis, schwieriger die Lösung. Aber auch dies wird schon beim ersten Anlauf überwunden. Nahor, der Bruder, und die Verwandten bleiben zurück.
… und aus deines Vaters Hause … — Der engste Kreis, die festeste Bindung. Wird es gehen? — Nein, es geht zunächst nicht. Zu fest sind die Bande des Fleisches und Blutes. Die Lösung vom Vaterhause, in dem neben dem alten Tarah noch der vaterlose Lot vorhanden ist, erfolgt nur etappenweise. Aber dann geschieht sie doch. Gott ist langmütig und geduldig. Er kennt den Menschen und weiß, was er für ein Gemächte ist. So wartet Er, bis Tragfähigkeit genug vorhanden ist, bis die Knöchel fest werden zu sicherem Tritt. Dann löst Er selbst das letzte Band auf. Tarah stirbt, Abrams Weg ist frei.
… in das Land, das ich dir zeigen werde. — Mehr hat der Glaube Abrams nicht in der Hand. Er weiß nicht, wohin es geht. Eines nur ist ihm Unterpfand für die Erreichung des Zieles: die Treue dessen, der ihn berufen hat.
Die göttliche Entschädigung: Gottes siebenfache Verheißung an Abraham
Und ich will dich zu einer großen Nation machen … — Gott vermag Verluste zu ersetzen. Für die verlorene Volksgemeinschaft soll Abram dadurch entschädigt werden, daß er selber zu einem großen Volke wird. Ein göttlicher Grundsatz wird offenbar: Der Unglaube stützt sich auf die Masse und wird dabei zuschanden, — der Glaubende geht als einzelner seinen Weg und erfährt, daß ein Mann mit Gott immer in der Mehrheit ist, daß er mit seinem Gott über die Mauer springen kann und daß er die Welt überwindet. Der kurze Erfolg der Masse verweht, die Frucht des Glaubens bleibt und vervielfältigt sich. — War auch äußerlich für Abram dazu keinerlei Hoffnung durch die Unfruchtbarkeit Sarais, so glaubte er doch wider Hoffnung auf Hoffnung.
… und dich segnen. — Ein Strom soll aus der Quelle des Lebens sich ergießen und herniederfließen über das Haupt des einsamen Wüstenwanderers. Gnade, Friede, Heil und Leben sollen aus dem Herzen Gottes ihm zuteil werden. Ja, der Segen des Herrn, er macht reich, und Anstrengung fügt ihm nichts hinzu (Sprüche 10, 22, vgl. dazu Sprüche 20, 21).
… und ich will deinen Namen groß machen. — Schon zu seinen Lebzeiten begehrten Könige seine Freundschaft, und die erhabenste Priestergestalt des Alten Testamentes, Melchisedek, ging ihm segnend entgegen. Und heute noch wird von Juden und Heiden, von Christen und Mohammedanern sein Name voll Ehrfurcht genannt. Dazu ist er der Stammvater des Volkes der Wahl.
… und du sollst ein Segen sein! — Nicht nur Segen für die eigene Person wird ihm zugesagt, nein, viel mehr als das: Abram soll in der Wüste dieser Welt ein frischer Quell für andere sein, inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechtes ein Lichts- und Segensträger (vgl. Psalm 83, 5-7, Luther: V. 6-8).
Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen. — Segen und Fluch für die Umwelt wird abhängig gemacht von ihrer Einstellung zu dein Segensträger, dem Repräsentanten und Darsteller dessen, der ihn gesandt hatte.
… und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde! — In den Lenden Abrams lag ein Same, der erst nach langer Zeit ans Licht treten sollte. Durch diesen sollte der Fluch, der seit dem Sündenfall auf des Menschen Geschlecht liegt, umgewandelt werden in Segen. Während die erste Christus-Verheißung des Alten Testamentes das Ende der Schlangenbrut in Aussicht stellt, gibt diese Verheißung viel mehr. Alle Geschlechter der Erde, ob schon dahingerafft von dem unerbittlichen Tod, oder gerade zu Abrams Zeit lebend, oder alle die vielen noch ungeborenen Geschlechter, sie alle sollen erleben, wie der Fluch hinweggenommen wird, ja, nicht nur das, sondern wie alle seine bösen und verderblichen Folgen zum Heil ausschlagen für alle. Die Sünde soll abgeschafft werden (Hebr. 9, 26), ihre gesamten Folgen beseitigt und das Wasser der Trübsal verwandelt werden in den Wein der Freude.
Der Auszug ins verheißene Land
Und Abram ging hin, wie Jehova zu ihm geredet hatte. — Schon einmal hat sich Abram auf den Weg gemacht, aber nicht nach dem Wort des Herrn. Damals zog er nicht als einzelner, nicht als völlig Gelöster. Darum blieb er auch bald unterwegs stecken. Nun geht er, wie der Herr geredet hatte. Sein Weg ist nun kein gemischter mehr, kein halber und unklarer, sondern er geht nun den Weg des Herrn. Es ist ein schmaler Pfad, und große Schwierigkeiten sind auf ihm zu überwinden. Aber dafür trägt der Pilgrim auch keine Verantwortung mehr für den Ausgang der Expedition; er reist ja nicht mehr auf eigene Rechnung und Gefahr, sondern auf die volle Verantwortung seines Auftraggebers, des Herrn selbst. Der nimmt alles auf Sich und verantwortet einmal die Notwendigkeit dieser Expedition und die Richtigkeit ihres Ausgangs vor dem gesamten All, und beide, der Auftraggeber und der Beauftragte, werden gerechtfertigt dastehen vor allen Seinen Werken.
… und Lot ging mit ihm. — Lot kehrt nicht zurück in das Land seiner Väter. Er entschließt sich, mit dem Gesegneten des Herrn zu gehen, obwohl für ihn kein Auftrag Gottes vorlag. Obwohl es sich in der Folge erweist, daß Lot keine Hilfe für Abram bedeutete, sondern vielmehr eine Belastung, läßt ihn Abram doch mitgehen. Aber die Initiative geht nicht von Abram aus, sondern von Lot. Dennoch darf dieser später etwas erfahren von der Wahrheit des Wortes des Herrn an Abram: “Die dich segnen, will ich segnen.” Lots Einstellung zu Abram brachte ihm viel Gutes. Er gewinnt, solange er mit dem Gesegneten des Herrn geht, viel Vieh, und er darf auch in großer Not die Hilfe und den Segen Abrams erfahren, sei es, daß Abram ihn nach der Schlacht der Könige aus der Gefangenschaft befreit, oder daß er gar um Abrams willen aus Sodom gerettet wird, ehe das Verderben über die Sündenstadt hereinbricht.
… und Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. — Wenn ein weltlicher Dichter sagt: “In den Ozean des Lebens schifft mit tausend Masten der Jüngling, — still auf gerettetem Boot kehrt in den Hafen der Greis”, so hat dies Wort seine Berechtigung zweifellos innerhalb des rein natürlichen Geschehens der Welt. Hier aber geht ein alter Mann von fünfundsiebzig Jahren aus allen natürlichen Verbindungen heraus und wandert einer unbekannten Zukunft entgegen. Keinerlei Sicherheit hat er in der Hand als allein ein Wort aus dem Munde Gottes. Doch dieses Wort ist dem alten Manne Unterpfand genug. Sein erstorbener Leib hindert ihn nicht, die Zahl der Jahre schreckt ihn nicht zurück. Nicht mit tausend Masten und Segeln beginnt er die Fahrt in jugendlichem Wagemut. Ein Mast, ein Segel, ein Steuermann genügt ihm. Er setzt alles auf die eine Karte. Er wagt als alter, gereifter, weiser Mann alles auf das eine hin, daß der Herr zu ihm geredet hat. Gott hat geredet, Gott will, daß Abram geht, — und Abram geht, — geht den Weg ins unbekannte Land mit fünfundsiebzig Jahren. Und er geht aus Haran, dem Ort, wo er zuvor als Jüngerer sitzengeblieben war. Damals hielt es der Herr nicht für der Mühe wert, sein Lebensalter aufzuzeichnen, als Abram noch in natürlichen Bindungen steckte. Gott zählt von da an, wo Er allein für Abram verantwortlich ist, von da an, wo dieses Leben Ihm ganz gehört (2. Chron. 16, 9). Mit fünfundsiebzig Jahren ein ungeteiltes Herz, nur hinblickend auf den einen, den Auftraggeber, den Herrn. Nun kann der Weg beginnen, nun können die für Gott gelebten Jahre anfangen zu zählen.
Und Abram nahm Sarai, sein Weib, und Lot, seines Bruders Sohn, und alle ihre Habe, die sie erworben, und die Seelen, die sie in Haran gewonnen hatten, und sie zogen aus, um in das Land Kanaan zu gehen … — Bei dem ersten Ansatz, in das Land der Verheißung zu ziehen, ist nicht Abram, der Berufene, der Führer des Zuges, sondern Tarah, der in seiner natürlichen Autorität sich an die Spitze setzt. Seine Stellung wagt auch niemand anzutasten. Die natürlichen Beziehungen zu seinem ganzen Hause geben ihm einfach diese Stellung. Selbst Abram, der Glaubende, vermag nicht gegen diese natürlichen Bande anzukämpfen. Nachdem aber Gott die Lösung gegeben hat, tritt Abram an den Platz, auf den der Ruf Gottes ihn gestellt. Abram nimmt, nicht mehr Tarah. Er ergreift das ihm Anvertraute, um es in das gelobte, vom Herrn zugelobte Land zu bringen. Noch zwei Menschen aus Ur in Chaldäa sind bei ihm: Sarai, sein Weib, die in gottgeheiligter, unlöslicher Verbindung mit ihm steht und deshalb auch in der Berufung nicht besonders erwähnt wird, und Lot, der sich ihm freiwillig anschloß. Dazu hatte aber Abram in Haran Habe und Seelen gewonnen. War auch der erste Schritt von Ur nach Haran kein völliger, so daß Gott Wohlgefallen daran hätte haben können, so war er doch ein Erweis dafür, daß er willig war, Glaubensgehorsam zu üben.
Darum konnte Gott wenigstens in Gnaden mit ihm handeln, wenn auch nicht in Wohlgefallen. Alle Dinge, selbst Haran, dienen dem Glauben zum Besten. Er gewinnt immer etwas.
Abram im Lande Kanaan
… und sie kamen in das Land Kanaan. — Den Blick aufs Ziel gerichtet, so zieht der Glaube, und kein Ereignis auf dem Wege und kein Ort der Rast kann ihn mehr aufhalten. Nichts mehr kann das Interesse des Pilgrims auf sich ziehen, nichts mehr wird der Mühe wert gefunden, aufgezeichnet zu werden. Sie zogen … und sie kamen in das Land. Ihr Fuß betritt das Land des Besitztums, das hinfort ihnen als Besitz zugesichert war. Sie stehen auf dem verheißenen Boden, wenn auch vorläufig noch andere ihn bewirtschaften. Der Glaube hat sein erstes Siegel empfangen, indem der Herr Sein Wort eingelöst hat. Das Land ist da, und der Glaubende steht darauf. Die Verheißung hat ihre Bestätigung gefunden, der Glaubensgehorsam ist zum Erfahrungsglauben geworden. Abram hofft fortan nicht nur, sondern er weiß. Er hat geglaubt und erkannt. Das ist Grundlage für neuen Glauben. Nach dem ersten gelungenen Schritt kann ihm Gott fortan Größeres zumuten. Und so geht es auch weiter, immer aus Glauben in Glauben, aus dem bestätigten Alten in das verheißene Neue, bis Gott, der nie über Vermögen prüft, weiß, daß Er Seinem Freunde und Vertrauten die schwerste Prüfung auferlegen kann, die Opferung des Sohnes, ohne daß Er hätte fürchten müssen, der Glaube würde zuschanden.
Sichem und die Terebinthe Mores
Und Abram durchzog das Land bis zu dem Orte Sichem, bis zur Terebinthe Mores. — Der Glaubende wandelt nun auf dem durch die Verheißung ihm zugesagten Boden. Sein Fuß schreitet durch die Täler Kanaans und übersteigt die mit Wiesen und Wäldern bedeckten Höhen des Landes. Er durchzieht das Land. Keiner der Lagerplätze wird genannt, an denen er mit seinen Herden rastete. Keine dem natürlichen Menschen so gefällige Reiseschilderung wird gegeben. Nichts, was seelischen Schwarm erzeugen könnte, wird berichtet. Der Heilige Geist berichtet uns im Wort der Schrift nur das, was für den glaubenden Geist irgendwelche Bedeutung hat. Nur die richtunggebenden Marksteine werden genannt. Ein solcher ist Sichem und die bei diesem Orte stehende Terebinthe (oder Eiche) Mores. Sichem bedeutet Schulter. Kein anderer Name könnte beim Betreten des Landes besser das ausdrücken, was Gott mit Seinem Auserwählten vorhat. Abram, der von Gott bestimmte Herr des Landes, durchzieht es bis zu dem Orte “Schulter”. Wer würde hier nicht an das Wort erinnert: “Und die Herrschaft ruht auf Seiner Schulter!” — Wie gleicht Abram hier dem Herrn selbst, von dem dies gesagt ist! Doch ruht auf der Schulter nicht nur die Herrschaft des Königtums, als deren sichtbares Zeichen die Schlüssel auf die Schulter gelegt wurden (Jes. 22, 22; 9, 5), sondern auch die Verantwortung des Priestertums, das sowohl die Namen der Brüder als auch die Ungerechtigkeit der heiligen Dinge zu tragen hat (2. Mose 28, 12; 4. Mose 18, 1). Und auch dies wird im Leben Abrams zum Ausdruck gebracht, und zwar dadurch, daß uns nicht nur berichtet wird, daß er bis zu dem Orte Sichem zog, sondern bis zu der bei diesem Orte stehenden Terebinthe (oder Eiche) Mores. More bedeutet Ungehorsam. Abram zog bis zu dem Orte Schulter, bis zu der Eiche des Ungehorsams.
Wie dick die Finsternis in diesem Lande war, geht aus Kapitel 15 hervor, in dem besonders die Verse 10-21 die Verbindung zwischen dem priesterlichen Tragen der Ungerechtigkeit zuvor und der Herrlichkeit der Königsherrschaft hernach zeigen. (Auch hier die vollkommene Parallele zwischen dem Abbild Abram und dem Herrn, von dem uns die Schrift ebenfalls die gleiche Reihenfolge zeigt: 1. Petri 1, 11.) Bei Sichem betritt später der Enkel Abrams, Jakob, aufs neue das Land (1. Mose 33, 18-20). Dort in Sichem wird seine Tochter Dina geschändet (1. Mose 34, 2). Es ist die erste Schändung eines Weibes, die in der Schrift berichtet wird. Auch das ist bezeichnend für Sichem. Unter der Eiche bei Sichem vergräbt Jakob auch die Hausgötter aus Paddan-Aram, die Rahel aus dem Hause ihres Vaters mitgenommen hatte (1. Mose 35, 4). Wie sehr sich Jakob des Unterschiedes zwischen More (Ungehorsam) und Bethel (Haus Gottes) bewußt war, geht daraus hervor, daß er, ehe er bei Bethel den Altar errichtet, zuvor die Hausgötter unter der Terebinthe Mores vergräbt. Die Folge dieser Reinigung beschreibt Vers 5 (überhaupt 1-5). Das Feld, das Jakob bei Sichem kaufte, gab er seinem Sohne Joseph (Joh. 4, 5). Auch hier ist es bedeutsam, daß bei der Stadt der ersten Weiberschändung dem Herrn Jesus eine Frau entgegentritt, die fünf Männer hatte und nun mit einem sechsten zusammenlebte, der nicht ihr Mann war. — Bei Sichem werden die Gebeine Josephs begraben, welche die Kinder Israel aus Ägypten mitgebracht hatten (Jos. 24, 32). Bei den Terebinthen Mores sollte der Segen und der Fluch über Israel ausgesprochen werden, wenn es in sein Land käme, und als sie kamen, da geschah es auch so (5. Mose 1, 29.30; 27, 4.11-26; Josua 8, 30-35). Weiter ist zu beachten, daß Sichem eine Zufluchtsstadt für die Totschläger unter den Leviten war (Jos. 21, 20.21), daß Josua dort die Kinder Israel versammelte und sie an demselben Orte die Götter Mesopotamiens hinaustun ließ, an dem ihr Vater Jakob die Hausgötter Labans begraben hatte (Josua 24). Es sei an dieser Stelle auch noch auf Richter 9 hingewiesen, besonders Vers 6, weil dort berichtet wird, wie zu Sichem bei der Terebinthe sich die Bürger einen Brudermörder zu ihrem König wählten, dessen Name Abimelech, d. h. “Mein Vater ist der Moloch”, uns zeigt, welcher Art die Herrschaft an diesem Orte war.
Wollte man alle Beziehungen Sichems und der Eiche (oder Terebinthe) des Ungehorsams ausführlich betrachten, so würden diese Betrachtungen ein Buch für sich ergeben. Wir sind ja leider daran gewöhnt, das Wort Gottes so oberflächlich zu lesen, daß uns der Ausdruck der Schrift: “Abram durchzog das Land Kanaan bis zu dem Orte Sichem, bis zu der Terebinthe Mores” nichts Besonderes zu sagen hat. Es ist uns in der Regel nur eine ziemlich belanglose Ortsangabe, und wenn es auf uns ankäme, könnte genausogut irgendein anderer Name dort stehen, vielleicht auch gar keiner. Vielen Gläubigen gehen die Blätter der Bibel beim Lesen fast so flink aus der Hand, wie zur Zeit der Geldinflation die entwerteten Hundert- oder Tausendmarkscheine. Daß wir es in der Schrift mit einem heiligen Wort zu tun haben, das aus dem Munde Gottes hervorgegangen ist, von dem jeder Buchstabe wertvoll ist nach dem eigenen Ausspruch des fleischgewordenen Wortes, des Herrn Jesus, wird wenig beachtet. Es wäre gut, wenn wir auf diesem Gebiet zu der reinen Goldwährung zurückkehrten und jedem Wort der Schrift die Ehrfurcht entgegenbrächten, die ein im Feuer erprobter und geläuterter Glaube jedem Ausspruch aus dem Munde seines Herrn, des treuen Zeugen, entgegenbringt. Dieser Glaube weiß, daß nicht nur für jedes Wort die volle Deckung vorhanden und der angezeigte Wert garantiert ist, sondern daß hinter jedem Wort ein ganzer Fonds von Werten steht, die wir hier unten nimmer auszuschöpfen vermögen. Möge der treue Zeuge uns erleuchtete Augen des Herzens geben, um den überschwenglichen Reichtum, der hinter jedem Seiner Worte steht, immer völliger und besser zu verstehen (Eph. 1, 15-23). Dann wird uns auch eine Ortsangabe der Heiligen Schrift ein heiliger Wegweiser sein zu geistlichen und himmlischen Dingen.
Die Kanaaniter waren im Lande
Und die Kanaaniter waren damals im Lande. — Immer klarer enthüllt sich mit jedem Satz der Zweck, um dessentwillen Gott eine Expedition in dieses Land schickt. Immer offener treten aber auch die Schwierigkeiten zutage, die der Glaube des Gesandten Gottes zu überwinden hat. Abram soll ein Segensträger sein für alle Geschlechter der Erde. Wohin soll ihn Gott da schicken? — Die göttliche Weisheit sendet und leitet ihn dahin, wo es am nötigsten ist. Die Terebinthe des Ungehorsams deutet ja schon an, daß es bei Sichem (Schulter) viel zu tragen gibt, ehe die Herrschaft auf der Schulter ruhen kann. Der Nachsatz aber führt uns mit gewaltiger Wucht hinein in die ganze Schwere der Verhältnisse und Umstände, unter denen Abrams Glaube bewährt werden soll: Die Kanaaniter waren damals im Lande. Was soll das heißen? —
Die gefallene Menschheit war außerhalb des Paradieses in unerlaubte Beziehungen zu Engeln getreten. Diese hatten ihre Behausung verlassen und waren dem Fleische nachgegangen (1. Mose 6, 1-5; Judas 6.7). Diese beiden Stellen sind zusammengefaßt in 2. Petr. 2, 4, wo das Gericht über jene Engel unmittelbar zu der alleinigen Errettung Noahs in Beziehung gesetzt wird. — Aus diesem Verkehr waren grauenerregende Doppelwesen hervorgegangen, Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten, Giganten oder Riesen. Gott wartet, bis der Sündenaussatz die ganze Menschheit ergriffen hat bis auf eine Familie. Da greift Er ein, nimmt die ganze Menschheit hinweg durch das Gericht der großen Flut und erhält nur die Familie Noahs am Leben. (Was mit diesen Menschen geschieht, über die ein frühes Verderben kam, kann hier nicht erörtert werden. Man vergleiche hierzu nur den Parallelfall von Sodom und Gomorra in Hesekiel 16 — denn dies ist nach 2. Petr. 2, 4-6 das Beispiel des Gerichts — sowie die Stellen Matth. 10, 15; 11, 20-24; Luk. 10, 12; Hes. 16, 46-55.)
Nach dem Gericht der großen Flut bricht aber dieselbe Krankheit bald wieder aus. Zunächst macht sie sich nur in schwachen Symptomen bemerkbar. Einer von den Söhnen Noahs selbst, nämlich Ham, schaut die Blöße seines Vaters. Die Art seines Berichtes erregt den Unwillen seiner Brüder und den Zorn des Vaters. Die Folge davon ist der Fluch über Ham, dessen Auswirkung wir bis heute an den Negervölkern wahrnehmen können (1. Mose 9, 24-27). Dämonenkult und Fleischeslust sind bis heute bei ihnen in besonderem Maße ausgeprägt.
Unter den Söhnen Hams, die in 1. Mose 10, 6-20 aufgezählt werden, hat einer die Keime dieser unheimlichen Krankheit des Dämonendienstes wieder zur vollen Entwicklung gebracht. Es ist Kanaan, der Vater der Kanaaniter. Darum wird auch Ham nicht nur in seiner eigenen Person verflucht, sondern gerade in diesem Samen der Ungerechtigkeit, diesem Träger des Verderbens. Der Fluch lautet darum auch nicht: “Verflucht sei Ham”, sondern: “Verflucht sei Kanaan.”
Die Kanaaniter unter Fluch und Gericht
In diesem Fluch liegt eine Weissagung. Das Auge des alten Gottesmannes Noah schaute in zukünftige Zeiten und sah die Entwicklung der kommenden Geschlechter Kanaans. Dieselbe Sünde, welche die Menschheit vor der Flut in Verderbnis gebracht hatte und das große Gericht der Flut nach sich zog, drohte wieder Besitz von der Menschheit zu ergreifen. Aber Gott hatte ja versprochen, es nicht mehr so weit kommen zu lassen. Er greift deshalb ein und operiert diese kranke Stelle aus dem Leibe der Menschheit heraus, indem Er die Kanaaniter durch die Kinder Israel ausrotten läßt. Israel bedeutet Gotteskämpfer. Sie haben hier auch nicht Kämpfe um irdische Interessen ausgefochten, sondern Kämpfe Gottes gekämpft, um die übrige Menschheit vor dem hereinbrechenden Verderben zu bewahren, das ihr durch den neuen Einbruch der Geisterwelt ins Fleisch drohte. Die Kanaaniter sollen durch ein vorläufiges Gericht hinweggetan werden, um die Gesamtheit der Menschen vor diesem neuen Zusammenbruch zu behüten. Beachten wir dies, so wird uns die Handlungsweise Gottes nicht mehr unbarmherzig erscheinen, zumal ja die, die ins Gericht kommen, auch Heilung dadurch erfahren sollen; denn Er zerschlägt, um zu heilen, Er tötet, um lebendig zu machen, Er führt in die Hölle und auch wieder heraus. In der vorläufigen Beseitigung der Kanaaniter liegt vor allem ein großer Barmherzigkeitsakt Gottes gegen die große Zahl der übrigen Menschen. Dies sollten vor allem die beachten, denen aus Unkenntnis der Beweggründe Gottes Sein Verhalten gegen die Kanaaniter nie recht begreiflich war, die vielleicht sogar Seine Barmherzigkeit in Zweifel zogen. Denn gerade diese Gerichte über die Kanaaniter haben ja dem Unglauben als Beweis dafür dienen müssen, daß der Gott des Alten Testamentes nicht so barmherzig sei wie der des Neuen Testamentes, woraus dann der weitere Schluß gezogen wurde, daß die Juden überhaupt einen anderen Gott gehabt hätten. Der Gläubige aber sieht, daß es gerade umgekehrt ist, daß nicht Unbarmherzigkeit gegen die Kanaaniter, sondern Barmherzigkeit gegen alle die Triebfeder Seines Handelns ist. Während Gott bei dem Gericht der großen Flut den kranken Baum umhaut und nur ein einziges brauchbares Reis zu einer Neupflanzung verwendet, wartet Er nach der Flut nicht mehr, bis der neue Baum wieder völlig verderbt ist, sondern schneidet den unheilbar erkrankten Zweig heraus.
Es sei an dieser Stelle schon darauf hingewiesen, wie sich die Weiterentwicklung dieses großen Kampfes zwischen Gott und Satan gestalten wird. Der Christus, in dem alle Gottesverheißungen “Ja” und “Amen” sind, der sie auch alle herrlich hinausführt zum Lobe Gottes, tut dies durch uns, die Gemeinde (2. Kor. 1, 20). Um nun als Glieder Seines Leibes diesen großen Kampf auch bestehen zu können, der mit Satan und seinen Engeln einmal ausgefochten wird, übt Er uns schon jetzt in dem Gebrauch der ganzen Waffenrüstung, damit wir nicht nur an den vielen bösen Tagen unseres Lebens hier unten richtig kämpfen können, sondern vor allem an dem bösen Tage zu bestehen vermögen, an dem die große Auseinandersetzung zwischen Licht und Finsternis stattfindet (Eph. 6, 10-13). Es ist darum auch anbetungswürdig, daß der Sieg des Lammes über das Tier aus dem Abgrund und seine Helfer in Offb. 17, 14 nicht nur dem König der Könige und dem Herrn aller Herren zugeschrieben wird, sondern auch Seinen Kampfgenossen, den Berufenen und Auserwählten und Treuen (oder Gläubigen).
Wenn wir dieses Ziel Gottes im Auge behielten, würden wir auch jenes Wort am Anfang der Schrift besser verstehen, das Er über den ersten Menschen ausspricht, als Er ihn auf die von Satan ins Chaos gestürzte, aber wieder bewohnbar gemachte Erde setzt: “Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.” Denn der Mensch ist nach dem Zeugnis der Schrift nur für kurze Zeit unter die Engel erniedrigt, um dann, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, von Gott gesetzt zu werden über alle Werke Seiner Hände.
Schauen wir von dieser Warte zurück auf den Einzug Abrams und jenes Wort: “Die Kanaaniter waren damals im Lande.” Dann ist dieses Wort kein Inflationswort mehr. Da schauen wir an diesem Volke, dessen Sündenmaß damals noch nicht voll war, die Entwicklung des Kampfes der Finsternis gegen das Licht, und wir sehen deutlich, wie die Sendung Abrams nur eine Etappe auf dem Wege des gesamten göttlichen Vormarsches ist.
Die zweite Gottesoffenbarung an Abram
Und Jehova erschien dem Abram … Der Gottesgesandte hat den ersten Teil seines Auftrages ausgerichtet. Er hat die hemmenden Fesseln der Tradition abgestreift und sich auf den neuen Boden gestellt, der ihm durch die erste Offenbarung Gottes erschlossen wurde. Sein Fuß steht auf dem neuen Boden der Verheißung. Hier auf diesem neuen Boden konnte er sich nicht mehr stützen auf seine ehemaligen Rechte und sein früheres Bürgertum. Was er hier war, war er aus Glauben. Das Leben, das er mit diesem ersten Schritt des Glaubens begann, war fortan ein Leben des Glaubens. Er hatte nur noch einen Grund und Boden unter den Füßen: die Worte aus dem Munde Gottes. Der erste Schritt war getan. Was die Zukunft bringen würde, wußte er nicht. Glaubend mußte er neue Wegweisung von Gott erwarten, um weiter aus Glauben leben zu können.
Gott gibt ihm diese Wegweisung. Er erscheint dem Abram und redet mit ihm. Damit führt Er ihn aus dem ersten Glaubensschritt heraus und in einen neuen Glaubensschritt hinein. Aus Glauben in Glauben (Röm. 1, 17)!
Auf diesem großen Grundsatz baut sich fortan Abrams Leben auf. Aus jeder Glaubenszustimmung Abrams zu einem Worte Gottes führt ihn Gott durch eine neue Offenbarung in eine neue Lage hinein, in der Abram Gelegenheit hat, glaubend hindurchzugehen.
Der Weg Abrams ist nicht leicht. Er befindet sich auf fremdem Boden, inmitten eines verkehrten und verdrehten Geschlechts. Dicke Finsternis liegt auf dem Lande, in das der Herr Seinen Gesandten geschickt hat. Wohin soll er sich nun wenden, wenn der Auftraggeber ihm keine neue Wegweisung zukommen läßt, — wenn keine neue Marschorder ihm ein gewisses Ziel angibt, — wenn kein Licht den Pfad an diesem dunklen Ort erhellt?
Aber zukunftweisendes, prophetisches Licht fällt auf seinen Pfad. Der Herr selbst ist sein Licht. Jehova erscheint ihm! Es ist helle an dem dunklen Ort. Der nächste Schritt kann in gewisser Zuversicht und mit festem Tritt getan werden.
Jehova erscheint ihm! — Kein frommes Phantasiegebilde Abrams sucht den Weg, kein religiöses Überlegen findet den Pfad. Jehova erscheint!
Wie könnte auch Er, der Ewigtreue, den verlassen, der es im Glauben gewagt hatte, nur auf die Treue dessen hin in ein fremdes Land als Gesandter zu ziehen, der nimmer trügen kann, weil Er ja zuvor Seine eigene Lichtsnatur verändern müßte! Aber Er kann sich ja nicht selbst verleugnen. Er ist treu. Er steht für sich selbst ein und steht zu Seinem Wort. Und so erscheint Er nach der Erreichung der ersten Etappe Seinem im Glauben wandelnden Knechte und gibt ihm neue Wegleitung.
… und sprach. — Das schöpferische Wort Gottes kann Sein Wesen und Seine Natur nicht verleugnen. Es steht nicht ferne und läßt sich von außen anschauen, sondern es spricht und enthüllt damit Sein Innerstes. Aus dem Herzen des Herrn kommen (ganz im Gegensatz zu den Gedanken aus dem Herzen des Menschen) Gedanken der Liebe und des Friedens. Abrams Ohr hört diese Worte, und das Herz des Herrn erschließt sich ihm aufs neue.
Und welch eine Botschaft ist es, die ihm da ins Ohr und ins Herz tönt? —
Abram und seinem Samen wird das Land verheißen
Bei der ersten Offenbarung hatte ihm der Herr davon gesprochen, daß Er ihm das Land zeigen wolle. Nun aber hört sein Ohr, daß Er es ihm geben wolle. Und nicht nur ihm, dem alten Manne, für den ja dieses Erbe nur noch kurze Zeit Wert hätte, sondern seinem Samen.
“Deinem Samen will ich dieses Land geben.” — Samen soll er haben. Keinen fremden Samen, sondern eigenen Samen. Deinem Samen!
… will ich. — Der Ewigtreue, der Herrliche, der Erhabene, der Mächtige, dem nichts zu tun verwehrt ist, der alles ausführt, was Er sich zu tun vornimmt, Er sagt dem glaubenden Fremdling: Ich will!
Der Herr will! Wie sollte da der Knecht zweifeln an der Aufrichtigkeit dieses Wollens und an der Fähigkeit des Mächtigen, diesen Willen auch auszuführen? Ihm ist ja kein Tun verwehrt, und was Er zusagt, das hält Er gewiß.
… dieses Land. — Wäre es ein Land ohne Bewohner gewesen, so hätte diese Verheißung dem Glauben leicht erscheinen mögen. So aber war es das Land der Feinde Gottes, das Land, in dem das Mal des Ungehorsams aufgepflanzt war. Die Terebinthe Mores stand dort. Die Kanaaniter waren ja im Lande und trieben ihren greulichen Götzendienst. Kein Lichtstrahl erhellte diese Finsternis.
Doch nun kam einer, ein Gesandter dessen, der Licht leuchten hieß aus der Finsternis. Der war zum Lichte dieses Landes gesetzt. Gotteslicht brannte in seinem Herzen, und das helle Licht der ihm zuteil gewordenen Gottesoffenbarung schien auf seinen Pfad an diesem dunklen Orte. Und das Licht sollte die Finsternis vertreiben und ihr Land als Besitztum einnehmen.
Gott geht denselben Weg, den Er bei der Wiederherstellung der durch den Fall Satans ins Chaos, ins Tohuwabohu geratenen Erde ging. Er läßt Licht leuchten, und die Finsternis, die es zwar nicht zu erfassen vermag, kann dieses Licht nicht hindern. Das Licht scheint inmitten der Finsternis. Da sind ihre Tage gezählt. Sie muß weichen. Der Glaube ergreift Besitz von dem Lande, das er helle macht. Je dunkler die Finsternis, desto heller erscheint das Licht. Darum wird der Glaube gerade in dieses Land geschickt.
Ich will … geben. — Was hätte die kleine Kraft des einzelnen hier in diesem finsteren Lande vermocht? — Wäre er auf sich angewiesen, so wäre er gar bald verloren. Doch der Herr der Erde steht ja hinter Seinem Gesandten, ja, Er geht vor ihm her, um ihm den Weg zu bereiten. Er kennt die kleine Kraft Seines Gesandten und erwartet auch gar nicht, daß er das Land einnehme. Er will es ihm geben. Er gibt ja da, wo die Kraft klein ist, eine geöffnete Tür, die niemand zuschließen kann. Nur eines erwartet Er von Seinen Gesandten, nämlich dies, daß sie Seinen Namen nicht verleugnen. Sie sollen nur den Namen des rechtmäßigen Herrn und Besitzers bekennen, so will Er ihnen Eingang verschaffen. Der Glaube braucht nur zu stehen und zu warten, wie der Geber Seine Verheißungen einlöst und alles das gibt, was Er zugesagt und versprochen hat. Auf diese Weise lernt er den recht kennen, der sich selbst den Geber aller guten und vollkommenen Gabe nennt, den Vater des Lichtes, der Sein Licht inmitten der Finsternis scheinen läßt und das ehemalige Gebiet der Finsternis in die Hand des Glaubens legt.
So offenbart sich der Herr Seinem Knecht als der Gebende, nicht als der Fordernde, der Nehmende. Was soll der Glaube tun angesichts einer solchen Offenbarung des Wesens dessen, der ihn gesandt hat? —
Abram baut einen Altar
Da fließt das Herz des glaubenden Pilgers über inmitten des Landes derFremde. Und er baute daselbst Jehova, der ihm erschienen war, einen Altar.
Das ist die Frucht des Glaubens: der Altar. Ohne Gottesoffenbarung kein Glaube, und ohne Glauben kein Altar. — Darum berichtet uns die Schrift auch, daß er einen Altar baute dem Gott, der ihm erschienen war. Über Abrams Altar stand nicht die Überschrift: “Dem unbekannten Gott.” Seine Anbetung galt dem, der ihm erschienen war. Kein religiöser Heuchelschein ist vorhanden, kein frommer Betrieb, sondern der Gesandte bewundert die herrliche Größe des Herrn, der ihn schickte. In seinem Herzen ist Staunen, Bewunderung, Anbetung. Er verherrlicht den, den er sah. Seine Anbetung ist die Frucht der Offenbarung dessen, der den Widerschein Seines herrlichen Wesens auf dem Angesichte Seines Freundes sehen wollte.
Und er brach auf von dannen … — Die anbetende Bewunderung des Herrn erfüllt das Herz mit heiliger Freude. Die Freude aber gibt Kraft zum Wandern. Da bricht der Glaube auf und durchzieht das verheißene Land. Nicht bleibt er tatenlos und fruchtleer sitzen, um in selbstgenugsamer Beschaulichkeit seine Tage zu verbringen, sondern er bricht auf von dannen und wandert durch das Gebiet, das sein Herr ihm schenken will.
… nach dem Gebirge ostwärts von Bethel. — Hinauf auf die Höhe trägt der Impuls des Glaubens den wandernden Fremdling. Nach Osten zu, wo die Morgenröte aufgeht. Nach Bethel führt sein Weg, nach dem Hause Gottes. (Beth-el heißt ja zu deutsch: Haus Gottes.)
Zu Anfang aber war nicht Beth-el der Name der Stadt, sondern Lus, das heißt Mandeln (1. Mose 28, 12-19). Der Mandelbaum aber wurde nach dem Aufruhr der Rotte Korah ein besonderes Zeugnis gegen Widerspenstigkeit und Rottenbildung (4. Mose 16, 1 - 17, 11). Lus, ein Zeugnis von einer Rottenbildung, sollte zu einem Beth-el, zu einem Hause Gottes werden.
Zwischen Bethel und Ai schlägt Abram sein Zelt auf
… und schlug sein Zelt auf. — Wo Gott noch keine feste Wohnung, keine bleibende Stätte hat, wie könnte da der Beauftragte Gottes sich ein festes Haus bauen! Er schlägt nur sein Wanderzelt auf und deutet damit an, daß er sich in diesem Lande so lange als Fremdling aufhält, bis der Einlöser aller Verheißungen selbst dort zur Ruhe gekommen ist (Hebr. 11, 9.10.13.14). Der Glaubende ruht nur da, wo sein Herr auch ruht.
Beth-el gegen Abend … — Schritt für Schritt offenbart der Glaube die göttlichen Pläne und die göttliche Methode, mit denen der Herr des Landes in diesem Lande zu Seinem Ziel kommen will. Die erste Blickrichtung geht gegen Abend. Gott erweist Seine Weisheit und Seine Macht dadurch, daß Er Licht leuchten läßt aus der Finsternis (2. Kor. 4, 6) und daß für Ihn aus Abend und Morgen ein neuer Tag wird. Wie der Sturz des Geschöpfes die Erde ins Chaos stürzte, so wird durch den Wiederhersteller (man beachte die Anmerkung zu Hebr. 13, 20 in der Elberfelder Übersetzung) das Tohuwabohu wieder durch Nacht zum Licht geführt. Wie hat doch Gott diesen Grundsatz durchgeführt, als Er den Apostel der Nationen nach Westen, gegen Abend, sandte!
… und Ai gegen Morgen (Osten). — Ai heißt Haufen. Ein großer Steinhaufen bezeichnet die Stelle, wo es einst stand (Jos. 8, 1-29). Ai und Bethel sind die ersten Städte, die die Kinder Israel später erobern mußten, nachdem Gott ihnen zuvor Jericho ohne Kampf in die Hände gegeben hatte.
Abram setzte sein Zelt mitten zwischen diese beiden Städte. Inmitten seiner Feinde deckte ihm Gott den Tisch. Im dunklen Tale konnte ihn kein Übel anrühren (Psalm 23, 4.5). Er fürchtete den Herrn. Darum konnte ihn dieser unterweisen und ihm Seinen Bund und Seine Geheimnisse offenbaren (Psalm 25, 12-14). Die Furcht und der Schrecken vor dem Herrn Abrams legte sich auf die Haufen und Rotten bildenden Bewohner, so daß sie ihn nicht anrührten, wie wir dies später ja auch an Jakob (Israel) sehen (1. Mose 35, 1-5).
In dem Kampf, den Josua zur Ausrottung der Rotten- und Haufenbildner führte, fielen zwölftausend Mann. Zwölf mal tausend, gleich zwölf Legionen. Wie wird man da an das Wort des Herrn erinnert in Matthäus 26, 52-54! Den zwölf Legionen der Finsternis, die unten kämpfen, vermag Gott, der Herr der Heerscharen, zwölf Legionen des oberen Heeres entgegenzustellen. Man vergleiche hierzu 1. Mose 32, 1; Josua 5, 13-15; 2. Sam. 5, 22-25.
Fürwahr, Babylon, die Mutter der Huren und aller Greuel der Erde, die Behausung aller unreinen Geister und Dämonen (Offb. 17, 6; 18,2), hat Töchter, die ihre Art deutlich an sich tragen. Aber inmitten der Welt geht der Glaube seinen Weg und ist doch nicht von der Welt. Er kann da nicht einen festen Wohnsitz bauen, wo die Sünde und das Unrecht, die Gewalttat und die Rebellion, die Haufenbildung und Rottenbildung ihren Sitz haben. Aber er schlägt sein Zelt auf zu einem Zeugnis wider sie. Und der Herr der Heerscharen sendet Seine Diener, um Seinen Zeugen zu bewahren, bis er sein Zeugnis voll ausgerichtet hat (Hebr. 1, 7.14).
… und er baute daselbst Jehova einen Altar. — Kein Haus von Steinen baut der Glaube an diesem Ort. Nur ein leichtes Wanderzelt ist das Zeugnis, daß er hier keine bleibende Stadt hat, sondern die zukünftige sucht (Hebr. 13, 14). Dafür baut er aber einen Altar von Steinen, zum Zeugnis davon, daß der Geoffenbarte den Sieg behalten wird, daß jedes Wort der Verheißung eingelöst wird und nichts davon zurückgenommen zu werden braucht (Jes. 45, 22-24; 46, 10; Psalm 115, 3; 135, 6; Eph. 1, 9-11).
Zelt und Altar! Das sind hinfort die beiden Kennzeichen des Lebens des Vaters der Gläubigen. Das Zelt ein Zeichen der Fremdlingschaft in der unteren Welt, — der Altar ein Zeichen der Verbindung mit der oberen Welt. Dorther kommen dem Glauben Licht und Kraft, und dort hinauf steigt die Flamme des Altars als Zeichen der Anbetung in dem Herzen dessen, der als Lichtträger wandert durch das dunkle Tal der Sünde und des Todes.
Inmitten der Kanaaniter ruft Abram den Namen des Herrn an
… und rief den Namen Jehovas an. — Der Gesandte des Herrn ruft nun dessen Namen an und nennt Ihn damit zum erstenmal in diesem Gebiet der Finsternis. Da wird es den Kanaanitern kund, in wessen Auftrag und Namen er kommt. Er kommt im Namen des Herrn.
Es ist unaussprechlich groß und erhaben zu sehen, wie Gott das Land betrachtet, über das Sein Name angerufen ist. Wohl muß Er die Bewohner strafen um ihrer Sündenschuld willen. Doch erbarmt Er sich aller Seiner Werke und rettet zuletzt alle Nationen, über die Sein Name angerufen worden ist (vergleiche Apg. 15, 17; 1. Tim. 2, 1.4; 1. Joh. 5, 14.15).
Der Glaubende ruft den Namen des Herrn an. Er bittet im Glauben, gemäß der ihm zuteil gewordenen Offenbarung. Er braucht nicht zu zweifeln. Der Auftraggeber ist ihm Bürgschaft genug dafür, daß Er Seine Aufträge auch gerade so meint, wie Er sie gibt. Es ist ihm genug, daß er weiß, daß der Name des Herrn genannt worden ist über irgendeiner Person, über irgendeiner Stadt, über irgendeinem Volk oder Land. Dieses Aussprechen des Namens des Herrn in göttlichem Auftrag ist ein Zeugnis für den Gott und Fürsten dieser Welt, den Satan, daß der wahre Eigentümer des Landes Maßnahmen getroffen hat, es wieder selbst in Besitz zu nehmen und den ungetreuen Verwalter abzusetzen und zur Rechenschaft zu ziehen. Der Mensch des Glaubens aber, der diesen kostbaren Namen seines Herrn aussprechen darf, steht inmitten der Finsternis als ein helles Licht und freut sich schon im voraus des Ausgangs.
* So geben die autorisierte englische und die französische Übersetzung den Text wieder. Im Hebräischen gibt es nur ein Präteritum, das sowohl als Perfekt, als Imperfekt wie auch als Plusquamperfekt gebraucht wird.
(Weiter zu Teil 2)


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