Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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“Aus Ägypten habe Ich Meinen Sohn gerufen”

Autor: Schumacher, Heinz  |  Kategorie(n): Biblische Symbolik, Gemeinde, Glaubensleben & Wandel  |  556 x gelesen

Über die sinnbildliche Bedeutung des Auszugs aus Ägypten

Der Krieg in Nahost hat die Blicke der Weltöffentlichkeit und insonderheit der Kinder Gottes in verstärktem Maße auf Israel, daneben aber auch auf Ägypten gelenkt. Die Feindschaft zwischen Ägypten und Israel ist ja uralt. Der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten, begleitet von der Tötung aller ägyptischen Erstgeburt und dem tödlichen Haß des nur widerwillig sie freigebenden Pharao, war Israels völkische Geburt. Dieser “Exodus” war nicht eine beiläufige, belanglose Episode in der wechselvollen Geschichte des auserwählten Volkes Gottes, sondern drückte ihm für immer den Stempel auf. So wie es für ein Gotteskind charakteristisch ist, aus der Finsterniswelt heraus errettet zu sein (Kol. 1, 12.13) — ohne diese Rettung wäre es ja gar kein Gotteskind! —, so ist es für Israel kennzeichnend, ein aus Ägypten errettetes Volk zu sein.

Jeder Gottessohn wurde aus Ägypten herausgerufen und herausgeführt. Dieser göttliche Grundsatz von Hosea 11, 1 erfüllte sich im Erdenleben Jesu Christi, des erstgeborenen Sohnes des Vaters, bei der Rückkehr der heiligen Familie von ihrem Aufenthalt in Ägypten (Mt. 2, 15). — Gott besitzt aber auch einen völkischen erstgeborenen Sohn, Israel. Von ihm lesen wir im Buch des Auszugs (2. Mose 4, 22.23): “Und du sollst zu dem Pharao sagen: Mein Sohn, mein erstgeborener, ist Israel; und ich sage zu dir: Laß meinen Sohn ziehen, daß er mir diene! und weigerst du dich, ihn ziehen zu lassen, siehe, so werde ich deinen Sohn, deinen erstgeborenen, töten!”

Dieser völkische erstgeborene Sohn Gottes wurde damals unter Mose aus Ägypten herausgeführt. Zu dem erstgeborenen Sohn Gottes aus der Völkerwelt werden sich im Tausendjährigen Reich sicherlich weitere völkische Söhne Gottes gesellen. In der Gegenwart hingegen “gibt es so wenig christliche Staaten, wie es christliche Löwen, Bären und Tiger gibt” (Ströter), und auch einer ihrer Führer in der Gegenwart (de Gaulle) gibt offen zu: “Staaten sind Ungeheuer”.

Was der erstgeborene Sohn Gottes, Jesus Christus, und der erstgeborene völkische Sohn Gottes, Israel, buchstäblich erfuhren, erfährt die Gemeinde der Erstgeborenen, erlebt jeder Gottessohn, den Gott in der Gegenwart herausruft, um ihn durch Seinen Geist zu leiten (Röm. 8, 14), auf geistlicher Ebene. Er muß durchaus nicht nach Ägypten reisen und von dort in sein Heimatland zurückkehren; es genügt ihm vollauf, aus der Einengung, dem Druck und der Knechtschaft Pharaos, d. h. des Satans und der Finsterniswelt, im Geiste errettet zu sein. Parallel zum Volke Israel erlebt auch er

  • eine Herausrettung aus Ägypten, der Finsterniswelt;
  • eine Hindurchrettung durch die Wüste dieser Welt und zuletzt
  • eine Hineinrettung ins Land der Verheißung (das für uns nicht auf Erden, sondern in den Himmeln liegt).

Dabei ergeben sich so manche Parallelen zu dem einstigen Auszug Israels aus Ägypten, denen wir in einigen Zusammenhängen nachgehen wollen:

1. Wir ziehen aus auf Grund des geschlachteten Lammes

In der Nacht vor dem Auszug feierte Israel erstmals das Passah. Jeder Hausvater schlachtete ein Lamm ohne Fehl und Flecken, bestrich Pfosten und Oberschwelle seines Hauses mit dessen Blute und durfte daraufhin mit den Seinen ein Passah, ein Verschonen erleben, während ringsum in den Häusern der Ägypter alle Erstgeburt sterben mußte. — So erleben auch wir die Erlösung durch Sein Blut, die Vergebung der Vergehungen (Eph. 1, 7), nicht auf Grund vieler Opferlämmer, sondern auf Grund des einen völlig ausreichenden Opfers Jesu Christi, und nicht indem wir unsere Wohnungen mit Tierblut bestreichen, sondern indem wir das Blut des Lammes Gottes (Joh. 1, 29) für das “Haus” unseres Leibes und Lebens glaubend in Anspruch nehmen.

2. Wir ziehen aus in Eile

In 5. Mose 16, 3 lesen wir: “In Eile bist du aus dem Lande Ägypten herausgezogen.” Dies ist auch das Normale für den Auszug eines Menschen aus der Finsterniswelt. Wer — durch Gottes Wort gerufen und durch Gottes Geist gezogen — gleichsam eine doppelte göttliche Aufforderung erhält, aus der Welt der Finsternis und Ichsucht heraus zu Christus zu kommen, soll dem sofort und ohne Aufschub Folge leisten. Wer hier aufschiebt wie Felix (Apg. 24, 25) und auf eine “gelegene Zeit” wartet (während die “gelegene Zeit” Gottes doch gerade im Augenblick da ist!), oder wer seine Hand an den Pflug legt und zurückblickt und sich erst mit Fleisch und Blut besprechen will (Luk. 9, 62; Gal. 1, 16), ist nicht geschickt zum Reiche Gottes. Drum zieh aus in Eile, sofort, jetzt — wenn Gott dich ruft und du Seinem Ruf bisher noch nicht gefolgt bist!

3. Nach dem Auszug möchte Satan uns zurückholen

Kaum hatten die Israeliten das Land der Knechtschaft verlassen, da reute es den Pharao (2. Mose 14, 5ff.), daß er sie hatte ziehen lassen, und er jagte ihnen nach, sie zurückzuholen. Dieser Versuch mißlang, weil Gott die, die Er durch Seine Machterweisung aus dem Schmelzofen Ägypten herausgerissen hatte, nun auch nach ihrer Errettung nicht im Stich ließ, sondern wunderbar beschirmte und beschützte. — So gibt sich auch der Feind durch die Errettung eines Menschen noch keineswegs geschlagen, sondern versucht, aufs neue Macht und Einfluß über ihn zu gewinnen. Die schwersten Kämpfe finden erst nach dem Auszug statt. Da gilt es im Glauben zu verharren und immer neu die Rettung des Herrn zu erbitten, zu erwarten und zu erleben.

4. Nach dem Auszug singen wir ein Siegeslied

Auf den Auszug von Exodus 12 und die wunderbare Rettung von Exodus 14 folgt sodann im Buch des Auszugs das Siegeslied von Exodus 15, wo es heißt: “Singen will ich Jehova, denn hoch erhaben ist Er; das Roß und seinen Reiter hat Er ins Meer gestürzt. Meine Stärke und mein Gesang ist Jah, denn Er ist mir zur Rettung geworden …” (2. Mose 15, 1.2).

Ähnlich singen auch die Gotteskinder nach dem Erleben ihrer Errettung oder bestimmter gnädiger Durchhilfen ihres Gottes in schwerer Not. Dann ist Rettungsjubel auf ihren Lippen. Alle Erweckungslieder gehen auf solches Erleben eines einzelnen oder einer Gemeinde zurück.

5. Wir sollen des Auszugs gedenken

“Gedenket dieses Tages, an welchem ihr aus Ägypten gezogen seid!”, so lesen wir in 2. Mose 13, 3. Insbesondere das Passahfest sollte eine immer wiederkehrende Rückerinnerung an diese mächtige Befreiungstat Gottes bedeuten. Ja, Israel datierte sogar seine Jahre von dieser Gottestat an. So lesen wir vom 2. Jahr nach dem Auszug (4. Mo. 9, 1), vom 40. Jahr (5. Mo. 1, 3), ja sogar vom 480. Jahr nach dem Auszug als dem Jahr des Tempelbaus Salomos (1. Kön. 6, 1).

Auch die Kinder Gottes sollen immer wieder dankbar ihrer Errettung aus der Macht der Finsternis und der Versetzung in den Herrschaftsbereich Jesu gedenken. “Danksaget dem Vater!”, ermahnt uns Paulus in Kol. 1, 12. Nur wo diese immer wiederkehrende Danksagung verstummt, können sich Unlust und Zweifel an der Realität der Rettermacht Gottes breitmachen. Danken schützt vor Wanken, und Danken schützt auch vor Zanken. Dankst du täglich für deine Errettung? Oder kannst du noch gar nicht dafür danken?

Schön ist es auch, wenn man die Jahre seines Lebens vom “Auszugsjahre” an datieren kann. Gewiß gibt es nicht nur den Paulustyp, dessen Errettung einem gewaltigen, die ganze Existenz erschütternden Umbruch gleichkommt, sondern auch den Timotheustyp, der von Jugend auf die heiligen Schriften kennt und dadurch — im Laufe der Jahre — weise gemacht wird zur Errettung durch den Glauben (2. Tim. 3, 15). Aber gibt es nicht auch im letzteren Fall einen “geistlichen Geburtstag”, ein erstes Bewußtwerden neuen Lebens?

6. Klagen, Murren, Zweifeln und sehnsuchtsvolle Rückschau nach Ägypten verunehren Gott

Des Menschen Herz ist ein trotzig und verzagt Ding. So lesen wir von den aus Ägypten erretteten Israeliten schon sehr bald nach ihrem Auszug, daß sie murrten und klagten. Denn der Weg durch die Wüste ist heiß und beschwerlich, nicht überall gibt es Wasser, und abwechslungsreiche Kost fehlt auch. Zu dem Murren aber gesellt sich mehr und mehr ein zweifelndes, wehleidiges, ja trotziges “Warum?”. Die Ausgezogenen bezweifeln Sinn und Wert ihres Auszugs, spielen mit dem Gedanken einer Rückkehr, bemitleiden sich selbst, ja das Land der Einkerkerung und der Knechtschaft erscheint der sehnsüchtigen Rückschau geradezu in einem Goldglanz der Verklärung! Was man einst um jeden Preis verlassen wollte, dahin sehnt man sich jetzt zurück! Die größte Sünde aber war, daß das ungläubige Volk seinem Gott im Blick auf die Herausführung aus Ägypten unlautere Beweggründe unterschob: Er habe sie nur deshalb aus Ägypten geführt, um sie in der Wüste in noch viel schrecklicherer Weise umkommen zu lassen!

So erklang nach dem Siegeslied von 2. Mose 15 recht bald eine Klagemelodie, welche lautete: “Wären wir doch im Lande Ägypten gestorben, als wir bei den Fleischtöpfen saßen … Warum doch hast du (Mose) uns aus Ägypten heraufgeführt, um mich und meine Kinder und mein Vieh vor Durst sterben zu lassen? … Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir gedenken der Fische, die wir in Ägypten umsonst (!) aßen, der Gurken und der Melonen und des Lauchs und der Zwiebeln und des Knoblauchs; und nun ist unsere Seele dürre, gar nichts ist da, nur auf das Man sehen unsere Augen … Wer wird uns Fleisch zu essen geben? denn in Ägypten ging es uns wohl (!) … Warum doch sind wir aus Ägypten herausgezogen? … Warum bringt uns Jehova in dieses Land, daß wir durchs Schwert fallen und unsere Weiber und unsere Kindlein zur Beute werden? Wäre es nicht besser für uns, nach Ägypten zurückzukehren? Laßt uns … nach Ägypten zurückkehren! … Weil Jehova uns haßte, hat Er uns aus dem Lande Ägypten herausgeführt!” (2. Mo. 16, 3; 17, 3; 4. Mo. 11, 4-6.18.20; 14, 3.4; 5. Mo. 1, 27).

Gibt es auch hierzu Parallelen im Leben der Glaubenden? Gibt es Klagemelodien, wo man einst frohe Erweckungslieder sang? Kann sich Rettungsjubel in Zweifel und Angst und Weltliebe verkehren? Wenn Gotteskinder anfangen, die im Argen liegende Welt “doch eigentlich ganz schön” zu finden, wenn sie die Finsternisverhaftung dieses Kosmos nicht mehr sehen und wahrhaben wollen, wenn sie die Weltkinder beneiden, statt sie zu bedauern und zum Herrn zu rufen, dann ist höchste Gefahr im Verzuge. Der Weg ist dann oft nicht weit von der Frage “Warum sind wir aus Ägypten ausgezogen?” bis hin zu dem Entschluß “Laßt uns nach Ägypten zurückkehren!” Wer, statt für seine Errettung zu danken, aus dem Schimpfen über die ach so unvollkommenen Glaubensgeschwister nicht mehr herauskommt, fängt zugleich oft an, die Welt im rosigsten Lichte zu sehen und sich nach ihr zurückzusehnen.

7. Vergebungsgnade von Ägypten an — bis hierher!

Wer unter allen aus Ägypten gezogenen Israeliten hätte wohl diese Spannung schmerzlicher gespürt als Mose, der Führer des Volkes? Er erlebte an vorderster Front die Machttaten Gottes, den Jubel der Geretteten — und dann ihr Klagen und Murren, Zweifeln und Lästern. Zweimal macht ihm Gott das Angebot, ganz Israel zu vernichten und aus ihm, Mose, sich ein neues Volk zu erwecken — Mose aber lehnt ab (2. Mose 32 und 4. Mose 14). In unglaublicher Kühnheit tritt er Gottes Gerichtsdrohung priesterlich betend entgegen, und sein Flehen zeigt, daß es ihm zutiefst um Gott geht: Er appelliert in seinem Gebet von 2. Mose 32, 11-13 an drei Dinge:

  1. an Gottes Verantwortung: “Du hast das Volk aus Ägypten geführt” — also trägst Du auch die letzte Verantwortung, nicht ich;
  2. an Gottes Ehre: “Warum sollten die Ägypter also sprechen …” — die Ägypter von damals und heute würden sich freuen, wenn Gottes erklärtes Heilsziel mit Israel nie und nimmer verwirklicht würde;
  3. an Gottes Wort: “Du hast bei Dir selbst geschworen und gesagt …” — und Du kannst doch Deine beschworenen Zusagen nicht einfach wegen des Versagens des Volkes für immer fallenlassen!

In 4. Mose 14, 19 aber erfleht Mose aufs neue die Vergebung Gottes mit den Worten: “Vergib doch die Ungerechtigkeit dieses Volkes nach der Größe Deiner Güte und so, wie Du diesem Volke verziehen hast von Ägypten an bis hierher!”

Auch dieses Gebet wurde erhört. Und wenn auch das Gericht über das ungläubige, widerspenstige Volk nicht ausbleiben konnte, so leuchtet doch über den im Wüstensand Dahingestreckten das Wort als unwiderrufliches Hoffnungszeichen: “Ich habe vergeben nach Deinem Wort!” (V. 20). Schon deshalb kann ihr Gericht nicht das Letzte sein. Als alle, die zwanzigjährig oder älter aus Ägypten ausgezogen waren, dahingestreckt wurden, fand Gottes Geschichte mit ihnen noch nicht ihr Ende. Das Ende ist vielmehr ihre Auferweckung und Hineinführung ins heilige Land, wie es Hesekiel 37 geweissagt ist. Denn Gott ist treu.

So kann ein aus Ägypten errettetes Gotteskind unter Umständen die Zucht seines Gottes in schwerster Form erfahren. Aber das letzte Wort behalten Gottes Treue und Vergebung. Seine Vergebungsgnade steht allen Erretteten offen, von Ägypten an — bis hierher, bis heute und morgen, sooft wir bekennend und zur Reinigung bereit Ihm nahen (1. Joh. 1, 9; 2, 1.2).

8. Auch Ägypten wird durch Gericht — gerettet!

Eines der ergreifendsten Worte des ganzen AT steht in Jesaja 19, 24.25: “An jenem Tage wird Israel das dritte sein mit Ägypten und mit Assyrien, ein Segen inmitten der Erde; denn Jehova der Heerscharen segnet es und spricht: Gesegnet sei mein Volk Ägypten, und Assyrien,meiner Hände Werk, und Israel, mein Erbteil!”

Daß Gott ein Retter aller Menschen ist, daß Er die ganze Welt liebt, daß es bei Ihm letztlich kein Ansehen der Person gibt (1. Tim. 4, 10; Joh. 3, 16; Apg. 10, 34), diese neutestamentliche Wahrheit scheint hier schon ganz hell und leuchtend durch den Vorhang des alttestamentlichen Gesetzeshaushalts. Gott liebt auch die Ägypter! Ägypten, Sinnbild der Einkerkerung, Knechtschaft und Gottfeindschaft, wird sich am Ende dem Herrn zuwenden, gesegnet werden und ein Segen sein! (Dies kann aber nur auf dem Weg des Gerichts geschehen: Jes. 19, 22!) So darf auch das Gotteskind auf dem Weg durch diese Welt ihrer schließlichen Heilung und Erneuerung auf Grund der Zusagen Gottes hoffnungsfroh entgegensehen.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 5/1967; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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