Unsere Gegner nach Epheser 6, 12
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Gemeinde, Unsichtbare Welt, Versuchung & Verführung | 805 x gelesenDas Leben ist ein Kampf. Das sagt schon ein weltliches Sprichwort und meint damit die täglichen Mühsale und Enttäuschungen, die keinem Sterblichen erspart bleiben. Wieviel tiefer aber ist die Einsicht, die Gottes heilige Urkunden uns geben! Sie zeigen uns, daß unser Kampf im eigentlichen Grund nicht gegen die Welt um uns, sondern vielmehr gegen die Welt über uns geht. Unsre wirklichen Gegner sind nicht in der Umwelt, sondern in der Überwelt zu suchen.
Lesen wir darüber Eph. 6, 12: “Unser Kampf ist nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider die Fürstentümer, wider die Gewalten, wider die Weltbeherrscher dieser Finsternis, wider die Bosheitsgeister in den Überhimmeln.”
Der inspirierte Apostel nennt vier Gruppen von Gegnern, wider die wir in der Waffenrüstung Gottes zu kämpfen und zu siegen vermögen. Es sind:
- Die Anfangsmächte oder Fürstentümer;
- die Herrschaften oder Vollzugsgewalten;
- die Weltbeherrscher oder Systemhalter;
- die Geister der Bosheit in den Überhimmeln.
Was sagt die Schrift über diese Feinde, denen unser Glaubenskampf gilt? Zunächst geht aus den einleitenden Worten unseres Verses hervor, daß es keine Wesen aus Fleisch und Blut sind. Es sind Engelmächte, die auf uns einwirken. Zweierlei wollen wir festhalten, was von grundlegender Bedeutung für die Kampfesart jener Geisterwelten ist. Zuerst gilt es zu bedenken, daß diese Wesen unsern eigentlichen Geistes- und Glaubensgrund nicht anzutasten vermögen.
“Euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott”, schreibt Paulus in Kol. 3, 3b. Wer könnte dieses unser eigentliches Gottesleben antasten oder gar zunichte machen? Keine Macht der ganzen Welt!
Nicht unser Geistesleben, wohl aber unser Seelenleben vermögen diese Wesen zu erschüttern. Die Wasser der Trübsal können nicht den von Gott in uns hineingegebenen Heiligen Geist berühren, sondern höchstens bis ins Gebiet des Seelischen dringen, wie auch David in Ps. 69, 1 betet: “Rette mich, o Gott, denn die Wasser sind bis an die Seele gekommen!”
Zum andern wollen wir uns darüber klar sein, daß die Mächte der Überhimmel uns durchaus nicht nur in augenfällige, grobe Sünden und Laster hineintreiben wollen. Gewiß sind viele Geistesströmungen da, die uns in die Gesetzlosigkeit zu ziehen versuchen. Aber sind nicht die Mächte, die die Gläubigen in die Gesetzlichkeit, unter das Prinzip der religiösen Leistung zu bringen trachten, viel gefährlicher und schlimmer?
Gal. 1, 6-9 kann uns in dieser Hinsicht manches Licht geben. Dort lesen wir: “Ich wundere mich, daß ihr so schnell von dem, der euch in der Gnade Christi berufen hat, zu einem andersartigen Evangelium umwendet, welches kein zusätzliches ist; nur daß etliche sind, die euch verwirren und das Evangelium des Christus verkehren wollen. Aber wenn auch wir oder ein Engel aus dem Himmel euch etwas als Evangelium verkündigte außer dem, was wir euch als Evangelium verkündigt haben: Er sei verflucht!” Es ist durchaus kein belangloser Zufall, daß das Gemisch von Gesetz und Evangelium, das die Juden den galatischen Heidengemeinden aufzudrängen suchten, von Paulus mit Engeln in Beziehung gebracht wird.
Ein weiterer Zusammenhang, der hierher gehört, ist Kol. 2, 16-18a. Da steht geschrieben: “So richte euch nun niemand über Speise oder Trank oder in Ansehung eines Festes oder Neumondes oder von Sabbaten, die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist Christi. Laßt niemand euch um den Kampfpreis bringen, der seinen eigenen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel.” Der äußere Gesetzes- und Zeremoniendienst ist ein “Um-den-Kampfpreis-Kommen”, wörtlich: ein “Abgedrängtwerden auf falsche Bahnen”. Wer den Boden der Gnade verläßt, gerät auf Abwege. Dabei ist es nicht das Wichtigste, ob man in die Gesetzlosigkeit des Sündendienstes oder in die Gesetzlichkeit der Selbsterlösung kommt. Die Schrift warnt vor beidem.
Für wen ist es leichter zurechtzukommen, für den Zöllner oder für den Pharisäer? Vergessen wir nicht, daß Paulus den Gesetzesdienst, selbst wenn er von einem Engel vom Himmel her verkündigt würde, mit Fluch bedroht!
Von Anbetung der Engel oder Engelverehrung ist ferner die Rede. Das kann man so auffassen, daß solche Gläubige, die sich um den Kampfpreis bringen lassen, anbeten in der Art und Weise der Engel. Wie wir aus der Schrift wissen, beten Engel mit verhülltem Angesicht die Heiligkeit Gottes an. Sie vermögen nicht gleich der Gemeinde mit aufgedecktem Antlitz die Herrlichkeit der Gnade zu rühmen. Davon wissen sie nichts. Die ist ihnen fremd. Sie erkennen, wenn wir so sagen wollen, Gott nur von außen. Wir aber dürfen “dem ins Herze sehen, der uns so geliebet hat”!
Man kann dieses Wort von der Anbetung der Engel aber auch ganz wörtlich nehmen. Gibt es nicht viele “Christen”, die zu Heiligen und vermittelnden Mächten beten? Treiben denn, genau genommen, nicht Millionen der “Christenheit” ausgesprochene Engelverehrung?
Diese wenigen Zusammenhänge dürften genügen, um uns zu zeigen, daß nicht nur die Gesetzlosigkeit der Sünde, sondern auch die Gesetzlichkeit der Selbsterlösung mit dem Hereinragen der unsichtbaren Welt in unser Erdenleben und Menschendasein in Beziehung steht. Darum gilt unser eigentlicher Glaubenskampf nicht Menschen und Verhältnissen, sondern jenen Gegnern, von denen unser Textwort spricht.
Was sagt die Schrift über die “archai”? Wir wollen versuchen, anhand einer Reihe biblischer Zeugnisse Einblick in die gewaltigen Welten unsichtbarer Mächte zu gewinnen.
Die Anfangsmächte oder Fürstentümer
Kol. 1, 16 bezeugt von Christus, daß Er das All ins Dasein gerufen hat, und zählt dabei auf: “was in den Himmeln und was auf der Erde ist, Sichtbares und Unsichtbares, Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten.” Das Wissen, daß diese Mächte Kreaturen Christi, unseres Herrn und Hauptes sind, ist überaus tröstlich. Es nimmt die Furcht vor einer uns bedrohenden Über- und Unterwelt aus unsern Herzen und läßt uns von den starken Geschöpfen auf den noch stärkeren Schöpfer blicken.
In Röm. 8, 38 finden wir eine Aufzählung solcher Wesen, die uns von der Liebe Gottes in Christo Jesu zu scheiden versuchen. Unter ihnen werden auch die Anfangsmächte genannt. Auch sie wollen uns von unsrer eigentlichen Lichts- und Lebensquelle abdrängen. Aber es gelingt ihnen nicht. Denn Paulus bezeugt mit großer Bestimmtheit, daß keine Kreatur uns von der Liebe Gottes scheiden kann.
Nach unsern einseitigen menschlichen Denkgesetzen wäre es doch dann gar nicht nötig, gegen diese Mächte zu kämpfen. Es steht doch ganz klar geschrieben, daß sie uns nicht von der Liebe Gottes zu trennen vermögen! Und dennoch werden wir aufgefordert, die ganze Waffenrüstung Gottes zu ergreifen, um am bösen Tage stehen und alles ausrichten (oder überwältigen) zu können. Der Sieg ist Gottes; aber wir stellen unsre Glieder und unser ganzes Sein Ihm zu Seiner Verherrlichung im heiligen Kampf zur Verfügung.
Alle Urmächte werden dereinst einmal abgetan oder ausgeschaltet werden. Und zwar zu dem Zeitpunkt, da Christus das Reich Seinem Gott und Vater übergibt. Das bezeugt Paulus in 1. Kor. 15, 24, wo wir lesen: “Er übergibt das Reich dem Gott und Vater, wenn Er weggetan haben wird alle Herrschaft und alle Gewalt und Macht.”
Diese Anfangsmächte haben also nur eine äonische Rolle zu spielen. Solange die gottverordneten Zeitläufte dauern, haben sie gewisse Aufgaben und Rechte. Nach Ablauf der Äonen aber werden sie abgeschafft. Das bedeutet nicht, daß sie vernichtet werden, also zu existieren aufhören, — das heißt vielmehr, daß sie auf eine höhere Stufe des Seins gehoben werden und zu Gott in ein wesensmäßigeres, inneres Verhältnis kommen. Denn Gott wird ja nicht alles neben allen oder über allen, sondern “in allen” sein!
Der aus den Toten auferweckte, in die himmlischen Orter versetzte Christus Gottes ist hoch erhöht “über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen” (Eph. 1, 21). Dieses eine Zeugnis dürfte schon genügen, uns zu zeigen, daß wir diese Mächte nicht zu fürchten brauchen.
Im Gegenteil! Die Fürstentümer (Urmächte) und Gewalten in den Himmelsregionen lernen jetzt — zur Zeit unsrer Niedrigkeit! — an uns, der Gemeinde, die buntfarbige Weisheit Gottes, wie Eph. 3, 10 bezeugt. Nicht sie sind unsre Lehrmeister, sondern wir sind, wenn auch meist ganz unbewußt und unter Schwachheit, Zittern und Zagen, die ihrigen!
Ja, noch mehr als das! Lesen wir Kol. 2, 10! Dort steht geschrieben: “Ihr (Kolosser) seid zur Fülle gebracht in Ihm (in Christo), welcher das Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt ist.” Was soll das heißen?
Wir wissen, daß in Christo die Fülle oder das Vollmaß der Gottheit leibhaftig wohnt. Zu dieser Fülle sind wir hinzugebracht. An ihr nehmen wir teil. Christi Fülle ist auch die unsre. Der Herr ist unser Vollmaß, da Er ja das Haupt ist, und wir sind Seine Vervollständigung, da wir doch Seinen Körper oder Leib ausmachen. Darum sind wir in Ihm zur Fülle gebracht.
Nun aber ist noch ein kleiner Nebensatz angefügt. Es heißt da, daß der Christus, in dem wir zur Fülle gebracht sind, das Haupt jeder Urmacht und jeder Ausführungsgewalt ist. Das will sagen, daß wir in und mit Christus diesen unsichtbaren Wesen gegenüber Hauptesstellung einnehmen. Welch ein hohes und herrliches Zeugnis! Laßt uns anbetend darüber nachsinnen, damit Gott es uns völliger erschließen kann!
Hinsichtlich der stofflichen, vergänglichen Schöpfung sind diese Urmächte die Ersten, die Erzfürsten und Herrschaften im All. Bezüglich der Neuschöpfung und Neuzeugung durch den Geist in Gottes Bild und Art sind jedoch nicht diese geschaffenen Wesen Erstling und Anfang, sondern niemand anders als der Herr selbst. Darum nennt Er sich im letzten Buch der Bibel dreimal den “archä”, den Erstling oder Anfang (Offb. 3, 14; 21, 5.6; 22, 13).
Die jetzt noch herrschenden Anfangsmächte oder Fürstentümer, die durch Christus geschaffen sind, werden bald durch den wahrhaftigen “Anfang” weggetan werden. Bis zu jenem Zeitpunkt aber gilt es für uns, im Glauben in die Waffenrüstung Gottes eingehüllt, ihnen zu widerstehen.
Die Herrschaften oder Vollzugsgewalten
In mancherlei Zusammenhängen lesen wir von den “exousiai”. Es sind, wie aus ihrem Namen hervorgeht, wohl solche Wesen, die besondere Befugnisse und Vollmachten haben. Während es die archai mehr mit der Schöpfung und Grundlegung bestehender Ordnungen zu tun haben, sind die exousiai mehr Verwalter und Vollzieher im großen Gotteshaushalt des Alls.
Lesen wir Luk. 22, 53: “Als ich täglich bei euch im Tempel war, habt ihr die Hände nicht gegen mich ausgestreckt; aber dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis.” Der Herr will damit sagen, daß in der gegenwärtigen Stunde die Ausführungsorgane der Finsternis Vollmacht haben, Ihn anzutasten. Die Hohenpriester, Hauptleute und Ältesten durften vorher nicht ihre Hände gegen Ihn ausstrecken, weil die von Gott verordnete Zeit und Stunde noch nicht gekommen war. Jetzt aber war es soweit!
Die Ausführungsorgane finsterer Absichten und Machenschaften dürfen nicht ohne weiteres nach ihrem eignen Gutdünken verfahren. Sie haben die von Gott verordneten Zeitpunkte abzuwarten. Und dann sind auch die Art und Stärke ihrer Angriffe genau festgelegt. Ist das nicht eine tiefe Beruhigung, zu wissen, daß über der Großmacht des Feindes die Allmacht Gottes steht? Nicht auf die Mächte der Bosheit und die Gewalt der Finsternis sei dein Blick gerichtet, sondern auf den allmächtigen Gott der Treue und den liebenden Vater der Barmherzigkeit!
Von einer furchtbaren Vollzugsgewalt teuflischen Betrugs in der Endzeit spricht Offb. 13, 11-17. (Man lese die Verse nach.) Wir wollen nicht auf Einzelheiten dieser endgeschichtlichen Ereignisse eingehen. Das zweite Tierwesen übt die ganze Vollmacht des ersten Tierwesens aus. Seine Wunder und Verführungskünste sind sehr groß. Von grundlegender Wichtigkeit für solche satanischen Machtentfaltungen und Betrugsmanöver sind die Anfangsworte des 15. Verses: “Es wurde ihm gegeben.” Nicht eigenwillig und unbeschränkt dürfen diese Vollzugsmächte wirken und walten, sondern sie müssen genaue Vorschriften befolgen, die ihnen von Gott gegeben sind.
Darum verlaufen auch die schärfsten und schrecklichsten Gerichtsperioden der Menschheitsgeschichte nach genau festgelegten, zielstrebigen Plänen Gottes, die im tiefsten Grunde nichts anderes sind als Liebesabsichten und Heilsgedanken.
“Das All dient Gott”, sagt David im Buch der Psalmen und spricht damit eine Wahrheit aus, deren Vollumfang und Folgen wir gar nicht ernst und wichtig genug nehmen können.
Daß Christus über jede Urmacht und jede Vollzugsgewalt erhöht ist, und daß diese Mächte dereinst von Ihm abgetan und ausgeschaltet werden (Eph. 1, 21; 1. Kor. 15, 24), sahen wir bereits bei der Betrachtung der Fürstentümer.
Der Wandel eines unerretteten Menschen vollzieht sich “nach dem Äon dieses Kosmos, nach dem Fürsten der Vollzugsgewalt (exousia) der Luft, des Geistes, der jetzt sein Werk hat in den Söhnen des Ungehorsams” (Eph. 2, 2). Es kommt zunächst gar nicht darauf an, ob ein unerretteter Mensch “religiös” oder ein offenbarer Sünder ist, — alle sind ohne Ausnahme in diesen Äon hineinverflochten, unterstehen den Gesetzen dieses Kosmos und werden ohne ihr Wissen und Wollen von der Luftsphäre her durch den Fürsten der Vollzugsgewalt in ihrem seelischen Geschehen beeinflußt und gestaltet.
Genauso wie der Heilige Geist wirksam ist oder Sein Werk hat in den Gläubigen, ebenso hat der Fürst der Vollzugsgewalt der Luft seine Wirksamkeit in den Kindern des Unglaubens. Irgendwie werden wir immer geformt und zubereitet. Absolute Freiheit gibt es für ein Geschöpf nicht. Irgendwie sind wir entweder an Gott und Sein Heil gebunden oder stehen mehr oder weniger stark unter dem Verderbenseinfluß kosmischer Mächte.
Natürlich ist es nicht so, daß man restlos nur den einen oder nur den andern Wirkungsmächten ausgesetzt ist. Auch der Gläubige ist nach Gottes Plan und Willen den Gesetzen dieser Weltzeit unterstellt und hat naturgegebene Bindungen an Familie und Sippe, Volk und Vaterland. Die Gesetze von Saat und Ernte, von Sommer und Winter, von Aufstieg und Niedergang gestalten auch sein Leben nach Leib und Seele. Im Geist aber ist er versetzt in die Himmelsregionen, ist sein wirkliches Leben verborgen mit dem Christus in Gott. Dort ist es in einem unzugänglichen Lichte, unantastbar für jede Macht der Welt.
Andrerseits gilt auch hinsichtlich der gottlosesten, christusfeindlichsten Menschen das Wort, das Paulus auf dem Areopag den Männern von Athen zurief: “Er (d. i. Gott) ist nicht fern von einem jeden von uns. Denn in Ihm leben und weben und sind wir” (Apg. 17, 27). Also ist jeder Mensch, wenn auch unbewußt, in Gottes Gegenwart und wird von Ihm bewahrt und getragen und auf mancherlei Art gelockt, dem Liebeszug des Vaters zum Sohne zu folgen.
Ein wichtiges Zeugnis bezüglich der Vollzugsgewalten lesen wir in Kol. 1, 13, wo Paulus lehrt: “Der Vater hat uns errettet aus der Gewalt (exousia) der Finsternis und versetzt in das Reich (oder: unter die Königsherrschaft) des Sohnes Seiner Liebe.”
Das für erretten gebrauchte Wort heißt eigentlich: herausreißen. Die Vollzugsgewalten der Finsternis vermögen einen Menschen, den der Vater zu Seinem Sohne zieht, keineswegs festzuhalten. Er wird ihrem Machtbereich entnommen und als Glied einer neuen Schöpfung in Christus eingepflanzt. Das ist kein Werk religiöser Bemühung oder Leistung, sondern eine unumschränkte Gottestat.
Am Kreuz wurden die Urmächte und Ausführungsgewalten völlig entwaffnet und öffentlich zur Schau gestellt. Das bezeugt Paulus in Kol. 2, 15. Man könnte dieses Wort übersetzen: “Er (d. i. Gott) hat die Fürstentümer und Gewalten sich (oder für sich!) ausgezogen.” Nach dieser Verdeutschung bilden die Engel und Geistermächte gewissermaßen “der Gottheit lebendiges Kleid”, das aber Sein wahres Wesen und innerstes Sein verhüllt und verbirgt. Golgatha bedeutet daher eine Entschleierung, eine Offenbarmachung der Liebe und Gnade des Vaters, Seines Herzens und wahren Charakters.
Nun dürfen diese Wesen und Welten nicht mehr trennend und furchteinflößend einem Menschen im Wege stehen, der die Heilstat von Golgatha glaubend erfaßt. Der Zugang zum Vaterherzen ist in Christo frei und offen.
Wie wir Kol. 2, 15 auch fassen mögen, — auf jeden Fall sind die Anfangsmächte und Vollzugsgewalten für uns abgetan und können und dürfen uns nicht mehr vom Quell alles Heils und aller Herrlichkeit fernhalten. Und wenn wir auch noch gegen sie zu kämpfen haben, solange wir hienieden sind, so wissen wir doch, daß es ein guter Kampf des Glaubens ist, für den in Christo der Sieg längst erfochten ward.
Die Weltbeherrscher oder Systemhalter
Die Welt in ihrem jetzigen Zustand heißt in der Schrift kosmos. Damit ist die Welt als festgefügte Ordnung, als System gemeint. Kosmos heißt eigentlich Einrichtung, Bauart, bestehende Verfassung. Es ist abgeleitet von kosmeoo. Dieses Wort bedeutet anordnen, ausstatten, ausschmücken, zu Ehren bringen.
Über den Kosmos sind Herrscher oder Verwalter gesetzt. Sie heißen Kosmokratoren oder Systemhalter. Von ihnen spricht unser Wort in Eph. 6, 12, wenn es von den Weltbeherrschern dieser Finsternis redet.
Der Fürst und Herrscher dieses Äons ist Satan, wie Joh. 12, 31 geschrieben steht: “Jetzt ist das Gericht dieser Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden.” Ferner lesen wir in Joh. 16, 11, daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist.
Vielleicht deckt sich der mehr die Zeit bestimmende Begriff Äon mit dem mehr die Art betonenden Begriff Kosmos. Denn Eph. 2, 2 redet von dem “Äon dieses Kosmos”. Jedenfalls wird Satan nicht nur der Fürst des Kosmos, sondern auch der “Gott dieses Äons” genannt (2. Kor. 4, 4).
Die Kosmokratoren oder Systemhalter, die mit der Verwaltung der bestehenden Weltordnung betraut sind, haben gewisse Rechte und Vollmachten. Aber sie können trotz all ihrer Mühen den Zerbruch des gegenwärtigen Weltsystems nicht aufhalten, sondern gehen samt ihrem Herrschaftsgebiet zugrunde. Daß dieses Zugrundegehen gottverordnete Voraussetzung für eine Wiederherstellung und Neuschöpfung ist, wissen sie allerdings nicht.
Um einen Einblick in das Wesen dieses Kosmos zu gewinnen, wollen wir sieben Zeugnisse aus dem ersten Johannesbrief nachschlagen.
1. Fleischeslust, Augenlust und Hochmut des Lebens kennzeichnen diesen Kosmos (2, 16). Wohl ist alles Bestehende “aus Gott”, dem Schöpfer aller Dinge. Aber Fleischeslust, Augenlust und Hochmut des Lebens, die den eigentlichen Inhalt dieses Weltsystems ausmachen, sind nicht “aus” Gott (so wörtlich!), sondern haben ihren Ursprung in der den Fluchprinzipien unterworfenen gegenwärtigen Welt. Lies den ganzen Vers!
2. Der gesamte Kosmos liegt im Bösen (5, 19). Das heißt, daß das ganze Weltsystem der Gegenwart ohnmächtig hingegeben dem Bösen ausgesetzt ist. “Die ganze Welt liegt in der Umklammerung des Missetäters”, sagen manche Übersetzer. Gleich einem Häslein in den Krallen eines Habichts, dessen Sträuben und Wehren die schmerzliche Umklammerung nur vermehrt und verschärft, so befindet sich der Kosmos, wehrlos preisgegeben, in der Gewalt des Bösen. Welch eine ernste Wahrheit, die eine kulturselige Menschheit weder sehen will noch kann!
3. Sowenig der Kosmos Christus, den Sohn Gottes, erkannt hat, sowenig kann er jetzt die erkennen und verstehen, die des Christus sind. Das bezeugt 1. Joh. 3, 1: “Sehet, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, daß wir Gottes Kinder heißen sollen! Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie Ihn nicht erkannt hat.” Wir dürfen nicht erwarten, unseres Glaubens wegen von der Welt anerkannt und geschätzt zu werden. Wohl sollen wir ein gutes Zeugnis haben. Aber die Welt, die den Herrn als Volksaufwiegler und Gotteslästerer bezeichnete, wird uns gewiß keine Rosen streuen.
Unser verborgenes Glaubens- und Geistesleben wird der Masse immer eine Torheit sein, da sie es nicht verstehen will noch kann. Es gehört zum Wesen dieses Kosmos, daß wir trotz aller Treue in der Erfüllung jeglicher irdischen Pflicht als Einsame und Unverstandene unsern Weg durch diese Welt gehen müssen.
4. Noch mehr als das! “Wundert euch nicht, wenn die Welt (der Kosmos) euch haßt!” (1. Joh. 3, 13). Nicht nur, daß wir nicht anerkannt und geliebt werden, wir werden gehaßt! Bezeugt nicht Paulus die gleiche Wahrheit, wenn er schreibt: “Alle aber auch, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, werden verfolgt werden” (2. Tim. 3, 12)? Nicht nur ein geheiligtes Leben im Herrn, sondern schon das Wollen, die Absicht, gottselig zu leben, zieht Verfolgung nach sich.
Das ist eine ernste Wahrheit, deren schmerzliches Durchleben niemand erspart bleibt. Die Apostel und Propheten, der Herr selbst und Seine treuesten Diener waren je und je Gegenstand des Hasses der Welt. Die Kosmokratoren empfinden alle diejenigen, die nicht mehr ihren Grundgesetzen der Augenlust, der Fleischeslust und des Hochmuts des Lebens unterworfen, sondern ihnen in Christo entnommen sind, als Abtrünnige und anstoßerregende Fremdkörper. Darum versuchen sie auf mancherlei Weise, diese Störenfriede hinauszutun. Zu diesem Zweck entfesseln sie den Haß der Welt. Wundern wir uns nicht darüber!
5. Das gegenwärtige Weltsystem ist nur etwas Vorübergehendes. Es bleibt nicht endlos bestehen. Johannes schreibt (1. Joh. 2, 17), daß der Kosmos und seine Lust (sein Verlangen oder seine Begierden) vergehen. Der zukünftige Erdkreis ist nicht mehr den Engeln unterworfen (Hebr. 2, 5). “Das Schema dieses Kosmos verschwindet”, lehrt Paulus in 1. Kor. 7, 31.
Wir wollen nie vergessen, daß das Weltsystem mit seinen übergeordneten, unsichtbaren Mächten und Gewalten nur ein Zwischenzustand ist und dereinst durch die Königsherrschaft Jesu Christi abgelöst wird. Darum ist die Feindschaft dieser Welt für Gläubige, die doch in der Zukunft, ja in Christo selbst wurzeln und wesen, kein Gegenstand schmerzlicher Betrübnis und untröstlicher Klage. Alles Wesen der Welt, ihre Lust und ihre Last, ihre Scheinfreuden und ihre Verzweiflung, werden zur gottverordneten Zeit und Stunde vergehen und nicht mehr sein.
6. Weil der Glaubende Leben aus Gott hat, ist er nicht mehr den Fluchprinzipien des Kosmos und seiner Kosmokratoren unterstellt: “Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube” (1. Joh. 5, 4). Nicht unsere Bemühungen moralischer Art, nicht unser scharfer Verstand noch unser tiefes, lebendiges Gefühl machen uns zu Überwindern, sondern allein unser Glaube.
Das fortwährende bewußte Sichbergen in Christus und Seinem vollbrachten Erlösungswerk, das ununterbrochene Rechnen mit Seiner Gnadengegenwart hebt uns hoch aus allen kosmischen Fluchesbindungen heraus und macht uns, selbst wenn wir äußerlich noch mehr oder weniger darunter zu leiden haben, zu “Übersiegern”.
Wenn wir auch im gegenwärtigen Kosmos wie Schlachtschafe geachtet sind, so gilt uns doch auch der heilige Jubelruf des Apostels Paulus in Röm. 8, 37-39: “In diesem allem sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin überzeugt, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn.”
7. In Christo sind wir dem Kosmos entnommen und dürfen als Sieger durch diese Welt und Zeit gehen. Diese Erkenntnis, so unerläßlich und beseligend sie ist, ist aber erst eine grundlegende und ichhafte. Denn Gottes Vaterherz schlägt nicht nur für uns, Seine Gemeinde, sondern für jedes Geschöpf in Seinem weiten Weltenall. Darum fragt ein Mensch, der nicht nur ein eigensüchtiger Pharisäer sein möchte, nicht nur nach der Beseitigung seiner eigenen Sünde, sondern nach der des ganzen Kosmos.
Hier geben uns zwei Worte aus dem ersten Johannesbrief wunderbares Licht. Das erste steht Kap. 2, 2 und lautet: “Er (d. i. Jesus Christus) ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.”
“Nicht allein … sondern auch …” Welch eine umfassende Formel! Die Rettung des Kosmos ist nach diesem Zeugnis ebenso gesichert und verbürgt wie die des greisen Apostels und seiner Briefempfänger.
Die zweite Schriftstelle ist 1. Joh. 4, 14. Hier schreibt der heilige Seher: “Wir haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als Erretter des Kosmos.”
“Erretter des Kosmos!” Das ist ein klares, wuchtiges Zeugnis. Es heißt nicht, daß der Herr die Welt so gerne selig machen möchte, daß aber Sein Liebesbemühen am Widerstand böser, feindlicher Mächte scheitert. Einen so weichen, unfähigen Gott kennt die Schrift nicht. Er ist der Erretter der Welt. Wann und wie Er Sein Heil vermittelt, wissen wir nicht in allen Einzelheiten. Aber daß Er es tut, dessen dürfen wir auf Grund Seines Wortes sicher und gewiß sein. —
Wir haben versucht, in etliche Zusammenhänge hinsichtlich des Kosmos hineinzuschauen. Daraus können wir mancherlei bezüglich der Kosmokratoren und ihres Wirkens und Waltens lernen. Sie suchen eine vergehende Welt in ihrer jetzigen Ordnung zu halten und wissen nichts von einer Errettung des Alls. Darum kämpfen sie gegen uns, da wir ihnen ja als Abtrünnige erscheinen müssen, weil wir nicht mehr im gegenwärtigen Weltsystem, sondern in den Äonen der Vollendung wurzeln und unsere tiefsten Quellen allein in Christo haben.
Noch ein kleiner Hinweis sei hier gestattet. Über den Kosmokratoren, den Systemherrschern, steht Gott als Pantokrator oder Allherrscher! Zehnmal nennt die Schrift Gott den Herrscher über das All, und zwar tut das einmal Paulus und neunmal die Offenbarung. In Gott, dem Pantokrator, sind wir Sieger über alle Kosmokratoren. Laßt uns das glaubend und dankend allezeit festhalten!
Die Bosheitsgeister in den Überhimmeln
Die vierte Gruppe unserer Gegner, die Eph. 6, 12 nennt, sind die Geister der Bosheit in den Überhimmeln. Diese Bezeichnung finden wir nur hier. Aber von verschiedenartigen Geistern oder Geisteswesen ist in vielerlei Zusammenhängen in der Schrift die Rede. Wir wollen einige Zeugnisse herausgreifen, die uns zeigen, wie sehr die Menschen von allerlei Verführungsmächten der Geisterwelt bedroht sind und wie selbst Gläubige einem Truggeist zum Opfer fallen können.
“Wir haben nicht den Geist des Kosmos empfangen”, bezeugt Paulus in 1. Kor. 2, 12, “sondern den Geist, der aus Gott ist.” Während die Geistermächte der Bosheit den Menschen zu Zorn, Wut, Lästerung u. a. reizen, ist der Geist aus Gott ein Geist der Zucht und der Kraft und der Liebe.
Johannes ermahnt seine Briefempfänger, die Geister zu prüfen und nicht jedem ohne weiteres Glauben zu schenken, wenn er schreibt: “Geliebte, glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt gegangen” (1. Joh. 4, 1).
Der Apostel Paulus fürchtet, daß die Korinther die Einfalt gegen Christus verlieren, so daß sie einen andersartigen Jesus, ein andersartiges Evangelium und einen andersartigen Geist aufnehmen, ohne daran Anstoß zu nehmen (2. Kor. 11, 4). Das ist ein gar ernster Vorwurf, den sicherlich auch die heutige “Christenheit” beherzigen sollte.
Die Gemeinde in Thessalonich stand in Gefahr, durch Truggeister, durch verkehrte Wortverkündigung und gefälschte, angebliche Paulusbriefe hinsichtlich der Wiederkunft Christi erschreckt und irregeführt zu werden. Falsche Propheten und Irrlehrer behaupteten, die Ankunft des Herrn sei schon geschehen. Dem tritt der Apostel in 2. Thess. 2, 1-6 entgegen. Wir sehen also, daß die Truggeister der Bosheit sich sogar in die gläubige Gemeinde einzudrängen versuchen.
Von Geistern der Bosheit spricht auch Offb. 16, 13.14. Dort lesen wir: “Ich sah aus dem Munde des Drachen und aus dem Munde des Tieres und aus dem Munde des falschen Propheten drei unreine Geister kommen wie Frösche; denn es sind Geister von Dämonen, die Zeichen tun, welche zu den Königen des ganzen Erdkreises ausgehen, sie zu versammeln zu dem Kriege jenes großen Tages Gottes, des Allmächtigen.”
Wie aus dem Munde Gottes Lebensworte hervorgehen, die Heil und Rettung bedeuten, so gehen aus dem Munde der satanischen Dreifaltigkeit, wenn wir so sagen dürfen, nämlich des Drachen, des Tieres und des falschen Propheten, verführerische Geister hervor, die Tod und Verderben vorbereiten. —
Wir versuchten, einen Blick zu tun in die Welt jener Wesen, gegen die unser Glaubenskampf gerichtet ist. In leiblich-seelischer Beziehung sind uns jene Fürstentümer und Herrschaften, Systemhalter und Bosheitsgeister weit überlegen. Nach Gottes weisem Liebesrat und Rettungswillen sind wir ihren Faustschlägen bis zu gewissem Grade ausgesetzt. Doch können und dürfen sie uns nur das tun, was Gott zuvorbestimmt hat, daß es geschehen sollte, und was zu unserem Heil und unserer Herrlichkeit dient.
In Christo sind wir jedoch Übersieger über all diese Mächte und sind in unserm Herrn und Haupt schon jetzt hoch über sie erhöht. Darum erfüllt uns nicht mehr die Dämonenfurcht, unter der die Heiden alle mehr oder weniger leiden, quält uns nicht mehr das Grauen vor dem Tode; sondern ein heiliges, glückseliges Vertrauen auf Gottes allgenugsame Liebe und Gnade und Barmherzigkeit beseligt uns und läßt uns den guten Kampf des Glaubens in Christi Kraft bis zum endgültigen Siege kämpfen.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 4 & 5/1966; Paulus-Verlag, Heilbronn)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 