Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Welche Bedeutung kommt dem Staat Israel heilsgeschichtlich zu?

Autor: Schumacher, Heinz  |  Kategorie(n): Heilsgeschichte, Israel, Zeitgeschichte & Politik  |  462 x gelesen

Seit dem 15. Mai 1948 besitzen die Juden wieder einen eigenen Staat. Er heißt Israel. Viele Bücher sind seither über jenen wiedererstandenen Staat geschrieben worden. Es wird auch immer wieder gefragt, welche heilsgeschichtliche Bedeutung ihm zukomme. — Wir meinen, daß man das heutige Israel in seiner Bedeutung im Heilsplan Gottes weder unter- noch überschätzen darf. Eine Unterschätzung ist es zweifellos, wenn Professor J. J. Stamm, Bern, schreibt: “Die alttestamentliche Landverheißung hat im NT keinen Platz mehr. Das heißt nicht, daß sie einfach dahingefallen wäre; vielmehr ist sie aufgenommen in Jesu Person und in die Ihn umgebende Gemeinde. Die am Ende in der Unmittelbarkeit zu Gott und zu Jesus stehende Gemeinde ist das Ziel und nicht mehr Jerusalem und der Zion. — Mit diesen beiden Punkten ist gegeben, daß die Gründung des israelischen Staates in Palästina keine direkte heilsgeschichtliche Bedeutung hat. Keine direkte Bedeutung, wohl aber eine indirekte als Zeichen dafür, daß Israel noch immer unter Gottes Treue steht und eine Zukunft hat vor Gott.” (Hervorhebungen von uns.)

Hier hat wieder einmal die fragwürdige Methode der Vergeistigung über das Wörtlichnehmen der Verheißungen Gottes gesiegt. Besonders kraß zeigt dies der Satz, die alttestamentliche “Landverheißung sei aufgenommen in Jesu Person und in die Ihn umgebende Gemeinde”! Das kann man sich weder vorstellen noch steht es geschrieben. Dahin kommt man aber, wenn man alle Worte des AT, die im NT keine wörtliche Wiederholung finden, als abgetan oder vergeistigt oder “verpersönlicht” (wie Stamm sagt) betrachtet! Im übrigen macht das NT sehr wohl, wenn auch spärlich, Ortsangaben. Nach Matth. 24 konzentrieren sich die Endzeitgerichte auf Judäa (V. 16); dort sollen die Juden den Herrn erwarten, und dort werden bei Seiner Ankunft “wehklagen alle (zwölf) Stämme des Landes” (V. 30 und Offb. 1, 7; nicht: “Geschlechter der Erde”; vgl. Sach. 12, 10-14). Und Offb. 20, 9 nennt als Regierungssitz des Tausendjahrreiches “die geliebte Stadt” = das irdische Jerusalem.

Das sind doch unüberhörbare Bestätigungen, daß es bei den Orts- und Landangaben der alttestamentlichen Propheten bleibt! — Man kann eben nicht im gleichen Atemzug die Treue Gottes rühmen, aber die alttestamentlichen Landverheißungen als vergeistigt, verpersönlicht — und das heißt eben doch: in der wortwörtlichen Bedeutung als hinfällig — betrachten! Denn Gott hat sich nach alttestamentlichem Zeugnis nicht nur Sein Volk Israel, sondern ebenso Sein Land Kanaan als Vermählte erkoren (Jes. 62, 4)! Entweder ist Gott treu — dann steht Er zu den Verheißungen für Volk und Land! Oder aber Er wäre es nicht, dann wären die dem Volk Israel gegebenen Verheißungen ebenso wie die Landverheißungen hinfällig.

Weil wir an die Treue Gottes hinsichtlich aller Seiner Verheißungen glauben, weil wir glauben, daß Er die Verheißung der Sammlung Israels im Lande der Väter ebenso wörtlich erfüllt wie die angedrohte Zerstreuung unter die Völker, deshalb sehen wir in der Sammlung Israels im neugegründeten Staat eine Vorerfüllung der göttlichen Sammlungsverheißungen (ähnlich wie die Rückkehr von Babylon eine solche Vorerfüllung war). Mehr können wir allerdings im heutigen Judenstaat nicht erblicken. Die endgültige Sammlung erfolgt erst beim Kommen des Herrn — nach einer letzten Zerstreuung durch den Antichristen — und wird doch noch ganz andere Züge tragen als die derzeitige Sammlung. Vor allem wird die letzte Sammlung die Sammlung eines zitternden, weinenden Überrestes sein, der nach Jehova fragt, während im heutigen Staat Israel nur ein recht geringer Prozentsatz im alttestamentlichen Sinne gläubig ist — im neutestamentlichen Sinne christusgläubig eine verschwindende Minderheit. Mit diesem überwiegend ungläubigen und Ihm ungehorsamen Volke kann der Herr, so wie es ist, nichts anfangen. Deshalb kann auch der heutige Wiederaufbau in Israel noch nicht der letzte, sondern nur der vorletzte sein.

Eine Überbewertung der heilsgeschichtlichen Bedeutung des neuen Staates Israel ist daher ebenso falsch wie eine Unterschätzung. Je und dann wird heute in Wort oder Schrift in der Weise über das neue Israel berichtet, als habe schon die endgültige Heimführung begonnen und könne sich gewissermaßen das Königreich Christi sehr rasch daraus entwickeln. Man übersieht dabei, daß alles erst vorläufig ist und der Weg ins Millennium noch durch schwere Gerichte führt — für die Juden zuerst und für die Nichtjuden.

Sosehr wir uns vor jedem Antisemitismus bewahren lassen und Gottes auserwähltes Volk lieben möchten, eben weil Gott es liebt und wir dem Anschauungsunterricht und der Belehrung durch dieses Volk so sehr viel verdanken, ja weil Jesus selbst dem Fleische nach aus ihm stammt, — sosehr möchten wir es andererseits ablehnen, eine philosemitische Brille aufzusetzen und alles in einem rosaroten Lichte zu sehen, was heute in Israel vor sich geht. Ja, die Frage, die der Verfasser vor kurzem einmal gestellt bekam, ist nicht ganz unberechtigt: Ist der neue Staat Israel Menschen- oder Gotteswerk? Ist es die menschliche Vorwegnahme eines Geschehens, das erst Gottes Sohn und Gottes Geist in rechter Weise vollführen können? Gleicht der junge stolze Staat in Gottes Augen dem schönen, kräftigen Ismael, den Abraham nicht ohne Stolz seinem Gott vorstellte, der ihm aber zu verstehen gab, daß ein anderer, ein späterer der Verheißungsträger sei, nämlich jener aus erstorbenen Leibern erzeugte Isaak, der dann kam, als alle menschliche Möglichkeit und Selbsthilfe am Ende war? —

Vieles spricht tatsächlich dafür, daß der heutige Staat Israel in Gottes Augen ein “Ismael” ist. Aber auch Ismael kam nicht ohne Gottes Willen, hat eine Aufgabe in Gottes Plan und erhielt von Gott Verheißungen. Daher kann man nicht sagen: Weil der Staat Israel sich auf die eigene Kraft verläßt, hat er mit Gottes Verheißungen nichts zu tun. Sondern man muß erkennen: Obwohl ihm die innere Erneuerung noch fehlt, ist er ein Beweis der Treue Gottes zum Volk und Land Israel und eine Erfüllung Seiner Verheißung — hat doch Gott schon immer durch die Propheten gesagt, daß Israel zuerst gesammelt und dann bekehrt wird, d. h. also, daß es im Zustand des Unglaubens gesammelt wird.

Diejenige Deutung des neuen Staates Israel, die uns von allen, die wir bisher hörten oder lasen, am zutreffendsten zu sein schien, fanden wir in dem kleinen Büchlein von Walter Schäble: “Der Schatten Israels.” Schäble gibt dort eine Deutung, die das Geschehen im heutigen Israel (seit 1948) weder übertreibt noch unterschätzt und es zugleich in den Rahmen der biblischen Prophetie einordnet. Er schreibt (Seite 26):

“Es wird in unseren Tagen das Szenenbild der Endzeit aufgestellt mit allen Farben, Fahnen und Figuren, bis die Hauptdarsteller die palästinensische Bühne betreten …” (Hervorhebungen von uns).

Das Szenenbild der Endzeit wird aufgestellt! Der notwendige Hintergrund muß auf der Bühne geschaffen werden, bevor die handelnden Personen auftreten und ihre Rolle übernehmen können! Deshalb muß es wieder einen Staat Israel geben! Denn wie könnten sich die Weissagungen des AT, aber auch die von Matth. 24 und der Offenbarung an Ort und Stelle erfüllen, wenn es im Heiligen Lande kein Volk Israel gäbe? Die Mahnung Jesu z. B., “daß alsdann, die in Judäa sind, auf die Berge fliehen” sollen (Matth. 24, 16), könnte sich nie erfüllen, wenn eben dort nicht wieder Juden wohnten. Die beiden Endzeit-Zeugen von Offb. 11 können ebenfalls ihre Rolle als Bußprediger und Zeugen der kommenden Königsherrschaft Jesu Christi in ihrem Volk nur unter der Voraussetzung übernehmen, daß im Lande der Väter — denn dort treten sie ja auf — wieder Israeliten wohnen. Und wie könnte — auch dies muß leider gesagt werden — der Antichrist in der Endzeit noch einmal über Israel und Jerusalem herfallen und die große, aber letzte Drangsal einleiten, wenn Israel nicht im Lande der Väter wohnte?

Damit die beiden Endzeit-Zeugen von Offb. 11, die 144.000 israelitischen Erstlinge von Offb. 7, das vom Teufel bedrängte “Sonnenweib” von Offb. 12, aber auch der Antichrist und seine Scharen die ihnen zugedachte gute oder böse “Rolle” in der bevorstehenden Endzeit an Ort und Stelle im Heiligen Lande übernehmen können, darum muß es dort wieder einen Staat Israel geben!

Noch allerdings ist das Szenenbild nicht vollständig. Der Tempel in Jerusalem muß noch errichtet werden, in welchem in der letzten Daniel’schen Jahrwoche Schlachtopfer und Speisopfer zunächst wieder dargebracht werden dürfen, bis der Antichrist in der “Mitte der Woche” beides verbietet und den Bund bricht (Dan. 9, 27; 11, 31; Matth. 24, 15) und sich selbst im Tempel als Gott verehren läßt (2. Thess. 2, 4). Auch wird wohl ganz Jerusalem erst noch zu Israel kommen müssen. Und zu dem “Szenenbild der Endzeit” wird auch dies gehören müssen, daß sich mehr und mehr Angehörige der sogenannten “verlorenen” zehn Stämme Israels im Lande der Väter herauskristallisieren und dort vermehren.

So ist durch die Gründung des Staates Israel etwas in Fluß gekommen, das weitere Wundertaten Gottes nach sich ziehen wird, bis die dazu ausersehenen Figuren auf der Bühne-der Endzeit auftreten werden, ja bis schließlich die entscheidende Person erscheint: Jesus Christus, der König Israels und aller Völker.

(Quelle: Auszug aus: “Das tausendjährige Königreich Christi auf Erden”; “Gnade und Herrlichkeit”, 6/1965; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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