D e r Aufhaltende und d a s Aufhaltende
Autor: Merz, Karl | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Endzeit, Paulusbriefe | 375 x gelesenVor einiger Zeit hat ein Teilnehmer an einer der letzten Prophetischen Tagungen in Seeshaupt die Brüder Dreher, Malessa und mich gefragt, wie 2. Thess. 2, 6.7 zu verstehen sei. Er komme mit der herkömmlichen Auslegung nicht zurecht. Ich habe das an mich gerichtete Schreiben wie folgt beantwortet:
Mit Deinem Brief vom 28. v. M. hast Du mir eine doppelte Freude bereitet: einmal, weil er einen Gruß von Dir enthielt, und dann, weil er mir einen wertvollen Beitrag für unser Forschen im prophetischen Wort darzustellen scheint. Es ist mir ein Anliegen, daß unsere Prophetischen Tagungen sich nicht in brüderlicher Freundschaft (2. Petr. 1, 7 nach Konk. Wiedergabe) erschöpfen, sondern durch gemeinsames betendes Sinnen und Forschen neues Licht und neue Kraft vermitteln …
Du schreibst: “Durch einen der Vorträge angeregt, las ich das Wort aus 2. Thess. 2 von dem Aufhaltenden am Abend noch einmal und betete darüber. In der Nacht wachte ich auf und hatte eine Antwort: das Aufhaltende ist die Langmut oder Geduld unseres Herrn. Am Morgen suchte ich dazu die Bibelstelle und fand sie in 2. Petr. 3, besonders in V. 9 und 15 … Wenn Paulus 2. Thess. 2, 6 schreibt: Was es noch aufhält, wisset ihr, — dann kann es sich um kein Geheimnis handeln, es kann nur eine in der Gemeinde allgemein bekannte Wahrheit des Wortes Gottes sein. Eine wunderbare Illustration finden wir in Jona 3, 1 bis 4, 2.”
Vielleicht darf ich zunächst auf die hier angeschnittene Frage eingehen. Du meinst, daß Paulus in 2. Thess. 2 von einer allgemein bekannten Wahrheit rede, denn sonst könnte er nicht sagen: “Das wisset ihr”. Nun ist aber ein Geheimnis nie etwas, das alle wissen, aber auch nie etwas, das gar keiner weiß. Es kommt vielmehr darauf an, wem ein Geheimnis offenbart wird. (Siehe die Familien-, Geschäfts- und Staatsgeheimnisse.) Ich selbst halte es für durchaus möglich, daß Paulus den Thessalonichern Dinge mitgeteilt hat, die wir nicht wissen. Die Gläubigen der ersten Zeit haben eben viel mehr in der Erwartung des wiederkommenden Herrn gelebt, als etwa die Gemeinde unserer Tage. Mir ist es auf jeden Fall sehr wertvoll zu sehen, daß Paulus Jungbekehrten gegenüber (er war nach Apg. 17, 1ff. nur 3 bis 4 Wochen in Thessalonich gewesen) überhaupt von solchen Dingen redete. Heutzutage vertritt man ja vielfach die Meinung, daß man, wenn überhaupt, nur zu gereiften Gottesmenschen davon sprechen sollte. — Ich persönlich nehme an, daß das, was Paulus den Thessalonichern gesagt hat, wir nicht wissen. Wir können es nur annehmen und folgern.
Dann schreibst Du weiter: “Zu 2. Thess. 2, 7 (’… nur daß, der es jetzt aufhält, muß hinweggetan werden’) habe ich noch keine Antwort. Da Paulus von ‘jetzt’ oder nach einer anderen Übersetzung von ‘gegenwärtig’ spricht und nach anderen Stellen seiner Briefe in einer Naherwartung des Herrn stand, kann diese Stelle einmal so verstanden werden, daß sie zu dem Zeitpunkt, da Paulus diesen Brief schrieb (1. Hälfte des 6. Jahrzehnts), also zur Zeit des Claudius, auf diesen Kaiser hinweist. Tatsächlich fanden zu dieser Zeit keine Christenverfolgungen statt, während nach Claudius Nero zur Regierung kam.”
Laß mich auch hei diesem Punkt etwas verweilen dürfen. Du weißt, daß die Offenbarung Jesu Christi, also das letzte Buch unserer Bibel, zeit- und reichs- und endgeschichtlich verstanden wird. Ich gebe ohne weiteres zu, daß für alle drei Arten der Betrachtung Gründe angegeben werden können. Du weißt, daß es in der Schrift nicht nur eine Voll-, sondern auch eine Teilerfüllung gibt. Mir persönlich ist es klar, daß die Offenbarung endgeschichtlich zu deuten ist. Ich schließe dies vor allem aus der Tatsache, daß Johannes an den Tag des Herrn versetzt worden ist (Offb. 1, 10). Bekanntlich wird darunter weithin immer noch der Sonntag verstanden. Wer jedoch biblisch denken und urteilen gelernt hat, kann dies unmöglich annehmen. Unter dem Tag des Herrn wird im Alten Testament der Tag Jahwes verstanden. Die Bezeichnung “Tag des Herrn” für den Sonntag ist nachbiblisch und außerbiblisch. — Also ich glaube, daß die Offenbarung die Ereignisse schildert, die den Tag des Herrn ausmachen. Dies gilt mindestens von Kap. 4 bis Kap. 20, Jetzt leben wir im Tag des Menschen (man denke nur an die Zahl 666). Nach ihm folgt der Tag des Herrn.
Was ich hier im Blick auf die Offenbarung gesagt habe, gilt für mich auch im Blick auf die prophetischen Stellen in den Briefen des Apostels Paulus. Überlege einmal: Wenn Paulus bei dem Aufhaltenden an Claudius gedacht haben würde und dieser durch Nero abgelöst worden wäre, dann hätte ja mit Nero der Abfall beginnen müssen. Dies ist aber nicht geschehen. Wir werden bei dem Aufhaltenden in keinem Fall an eine menschliche Person denken dürfen. Vielmehr handelt es sich um ein “Es”, das zugleich ein “Er” ist. Doch darüber möchte ich mich nachher ausführlicher äußern. Für jetzt halte bitte fest, daß auch Paulus nicht zeit- oder reichs-, sondern endgeschichtlich dachte, wenn er sich in 2. Thess. 2 über das und den Aufhaltenden aussprach. Das “es” und der “er” können vorher schon dagewesen sein, aber sie werden jetzt zurückgenommen. In diesem Sinne verdient Beachtung, was Du weiter schreibst: “Endzeitgemäß beziehe ich dieses Wort ‘der es aufhält’ auf Offb. 7, 1-8 und Offb. 11, 3-7. Die erste Stelle redet davon, daß 4 Engel den Auftrag haben, die Winde, offenbar die Sturmwinde, zu halten, bis die 144.000 aus Israel versiegelt sind. Auch die zweite Stelle handelt von Israel.” Wenn ich Dich recht verstehe, dann willst Du damit sagen, daß das Hereinbrechen der endzeitlichen Gerichte erst erfolgen kann, wenn die 144.000 gerettet und versiegelt sind. Das Ganze stellt — hier teile ich Deine Auffassung — eine Frucht des Wirkens der beiden Zeugen in Offb. 11 dar. Im Zusammenhang mit unserer Frage aber will mich diese Deutung nicht ganz befriedigen.
Vielleicht kommen wir zur Klarheit, wenn wir hören, was andere Knechte Gottes und Jesu Christi dazu sagen. Ich will mit der Jubiläumsbibel beginnen. Sie sagt in ihrer Erklärung zu 2. Thess. 2, 5.6: “Das Aufhaltende und der Aufhaltende — welche Macht und welche Person Paulus meinte, ist schwer zu sagen; beide bestanden schon damals und sind jetzt noch nicht hinweggetan. Es kann an eine himmlische Macht und Person gedacht werden, welche dem bösen Geist in der Welt noch widersteht (vergl. Daniel 10, 5ff.).”
Der bibelgläubige Theologe Dr. Knappe in München schrieb 1940 in den Bibelleseblättern: “Was es noch aufhält? Die Fluten der antichristlichen Zeit würden hemmungslos sich über Welt und Kirche ergießen, wenn nicht vorläufig noch ein Damm sie zurückhalten würde. Was für ein Damm? Paulus hatte darüber klar zu den Thessalonichern gesprochen und kann sich hier auf seine diesbezügliche Unterweisung berufen. Wir aber sind im unklaren darüber, was er meint, und nur auf Vermutungen angewiesen. Einmal spricht er von einer das Böse aufhaltenden Macht (Vers 6), das andere Mal von einer aufhaltenden Person (Vers 7). Wahrscheinlich denkt er an die die allgemeine Ordnung noch aufrechterhaltende Macht des römischen Staates, deren Wohltat er wiederholt auf seinen Missionsreisen erfahren hat (Apg. 16, 35ff.; 17, 5ff.; 18, 12ff.). In diesem Sinn — Verkörperung des Staatsgedankens — könnte auch eine dämonische Gestalt wie Nero noch eine positive Wertung erhalten. Er, der das Böse will, muß doch noch dem Guten dienen. Eine aufhaltende Macht ist weiterhin das Gebet der gläubigen Gemeinde (vergl. 1. Mose 18, 22ff.; Hes. 22, 30). Und endlich könnte man daran denken, daß einer der himmlischen Engelfürsten gleichsam eine den vollen Einbruch des Bösen aufhaltende Segensmacht darstellte (vergl. Dan. 10, 20ff.).”
Pfarrer Böhmerle erblickt in dem Aufhaltenden das gesetzestreue Israel (wie er auch den Abfall nicht unter den Christen, sondern in Israel sieht). Er schreibt: “Ist der Antichrist der Mensch der Gesetzlosigkeit, wie er gleich nachher im 7. Vers wieder bezeichnet wird, so kann das Aufhaltende nichts anderes sein als eine noch festgehaltene, gesetzliche Ordnung. Und ist der Antichrist, wie wir gesehen haben, ein Jude, so kann er erst kommen, wenn im Judentum die gesetzliche und prophetische Ordnung sich ganz aufgelöst hat, und wenn, unter Führung des jüdischen Geistes, die Gesetzlosigkeit auch unter den Nationen groß wird … So ist das Festhalten der Juden am Gesetz und seinen Ordnungen das noch Aufhaltende.”
Professor Ströter hingegen erklärt 2. Thess. 2, 6 und 7 wie folgt: “Halten wir nun fest, daß die Gemeinde der Gläubigen und Heiligen der Wohnort des Heiligen Geistes ist, daß sie als Licht in der Welt dem Hereinbrechen der Finsternis das größte Hindernis bedeutet, als Salz der Erde den Ausbruch, das Hervorbrechen der im Fleisch wirksamen Todesmächte zurückhält, so scheint uns darin der Schlüssel zu liegen für die richtige Lösung dieser etwas geheimnisvollen Rede. Auf diese Weise erklärt sich auch der Gebrauch der beiden verschiedenen Geschlechter, wo es einmal heißt, ‘was’ und dann ‘der’ es aufhält. Das, was es aufhält, wäre dann die Kraft des Geistes in der gottgeweihten Gemeinde, während der, der es aufhält, der Heilige Geist selber ist, der in der Gemeinde, dem Tempel des Heiligen Geistes, wohnt. Will man aber dabei an die aufhaltende Macht des geordneten Staates oder der gottverordneten Obrigkeit denken, so ist dagegen nicht viel zu sagen, da es ja im letzten Grunde auf dasselbe hinausläuft, weil die Obrigkeiten doch nur getragen werden von den Gebeten der Gläubigen, das heißt von den bewahrenden Kräften des in der Gemeinde wirksamen Geistes Gottes.”
Endlich möchte ich noch das anführen, was Fritz Binde in seiner Schrift “Die Hoffnung des Evangeliums” schreibt: “Denn ehe der Gesetzlose geoffenbart werden kann, muß das hinweggetan werden, was sein Erscheinen zurückhält (Vers 6), und das kann nichts anderes sein als die gläubige Gemeinde, die ja das Licht der Welt und das Salz der Erde genannt wird. Sobald die Gemeinde entrückt ist, wird die Welt in Finsternis und Fäulnis versinken und damit reif für die Herrschaft des Antichristen werden.”
Du siehst, daß erleuchtete Männer “das” Aufhaltende und “den” Aufhaltenden in verschiedenem Sinne aufgefaßt haben. Am besten gefällt mir das, was Ströter gesagt hat.
Die Frage ist die, ob viel daran liegt, wie wir es verstehen. Wichtiger ist wohl das andere, daß wir nämlich selber das Böse in der Welt auhalten. Dazu möge der Herr unser Leben gebrauchen; dazu unseren Wandel und unser Wort dienen lassen.
Wenn Du wieder eine Frage hast, werde ich mich nur freuen, wenn Du sie stellst. So gut ich es vermag, will ich sie Dir dann zu beantworten suchen.
Ich grüße Dich herzlich und bleibe Dein Dir brüderlich verbundener
Karl Merz
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 6/1965; Paulus-Verlag, Heilbronn)


Jeden Sonntag ab 10:00 Uhr von der 