Weltweisheit und Gottesgeist
Autor: Geyer, Karl | Kategorie(n): Heiliger Geist, Lehre, Zeitgeist | 657 x gelesen“Und ich, als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht nach Vortrefflichkeit der Rede oder Weisheit, euch das Zeugnis Gottes verkündigend. Denn ich hielt nicht dafür, etwas unter euch zu wissen, als nur Jesum Christum, und ihn als gekreuzigt. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und in vielem Zittern; und meine Rede und meine Predigt war nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, auf daß euer Glaube nicht beruhe auf Menschen-Weisheit, sondern auf Gottes-Kraft. Wir reden aber Weisheit unter den Vollkommenen, nicht aber Weisheit dieses Äons (Zeitlaufs), noch der Fürsten dieses Äons, die zunichte werden, sondern wir reden Gottes Weisheit in einem Geheimnis, die verborgene, welche Gott zuvorbestimmt hat, vor den Zeitaltern (= Äonen), zu unserer Herrlichkeit; welche keiner von den Fürsten dieses Zeitlaufs (= Äons) erkannt hat (denn wenn sie dieselbe erkannt hätten, so würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben), sondern wie geschrieben steht: ‘Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.’ Uns aber hat Gott es geoffenbart durch seinen Geist, denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes. Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? Also weiß auch niemand, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, auf daß wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind; welche mir auch verkündigen, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird; der geistliche aber beurteilt alles, er selbst aber wird von niemand beurteilt, denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, der ihn unterweise? — Wir aber haben Christi Sinn.” (1. Kor. 2, 1-16)
Gott ist Geist. Geist ist das unerschaffene Licht-Kraft-Wesen Gottes. Geist ist Wahrheit, unwandelbare Gotteswirklichkeit, ewige Wesenheit, in sich selbst seiende und bestehende Wesenhaftigkeit.
Alles, was Gott tut, schafft er durch die Lichtkraftfülle des Geistes. Geist ist die Kraft, durch die er alles ins Dasein ruft und alles durch die Fehlentscheidungen der Geschöpfe Entartete wieder erneuert und verwandelt und seiner gottgemäßen Bestimmung zuführt.
Zu Beginn des Sechstagewerks brütete der Geist Gottes über den Wassern. Sein lebendiges, lebenschaffendes Wirkewort: “Es werde Licht!” genügte, um aus dem Chaos der Materie, dem Tohu-wa-bohu des Urschlamms und aus der Finsternis der Tiefe das Licht hervorstrahlen zu lassen (1. Mose 1, 2). Der Hauch des Geistes: “Die Erde bringe hervor …” ließ die Schollen des Erdkreises ergrünen und aufblühen und fruchten. Ebenso erregte sich durch den lebenwirkenden Geisthauch das Wasser vom Gewimmel lebendiger Seelen und aus der Erde kamen die lebendigen Wesen hervor, wie der Geist wollte. Den Menschen aber machte er zum Träger seines Geistes und hauchte ihm denselben ein. So entstand alles durch die lebenschaffende Kraft des Geistes.
Die Lichtkraftfülle dieses Geistes ließ das Angesicht eines Moses aufleuchten, sodaß auf seinem Antlitz sich etwas widerspiegelte von jenem Lichtglanz der Herrlichkeit, der vor Adams Fall auf dem Angesicht des ersten Menschen lag, ehe seine Leuchte infolge der Gesetzlosigkeit ausgelöscht wurde und die Schande seiner Sündenblöße verhüllt wurde mit dem Hautrock und Fellsack, den wir als Leib der Niedrigkeit wie einen Vorhang an uns tragen (Hebr. 10, 20; 2. Kor. 5, 1-4; 1. Mose 3, 21; Phil. 3, 21; Matth. 17, 1.2 u. a.). Wenn auch das Leuchten auf dem Angesicht des Moses nur ein schwacher Widerschein unserer ursprünglichen Lichtkraft-Herrlichkeit war, so genügte es doch, um die Kinder Israel so zu blenden, daß sie nicht unverwandt in sein Antlitz schauen konnten, sodaß er eine Decke vor sein Gesicht hängen mußte, wenn er mit ihnen redete (2. Mose 34, 33-35; 2. Kor. 3, 13).
Ebenso erglänzte das Angesicht des Stephanus wie eines Engels Angesicht, als er vor dem Synedrium stand und der Himmel sich über ihm öffnete und er den Herrn der Herrlichkeit zur Rechten des Vaters stehen sah (Ap. 6, 15).
Auf dem Berg der Verklärung brach die Lichtkraftfülle des Geistes Christi so aus ihm hervor, daß sein Angesicht heller leuchtete als die Sonne und seine Kleider weiß wurden wie das Licht. — So werden auch die Gerechten einmal leuchten, sodaß auf der neuen Erde keine Nacht mehr sein wird (Off. 22, 5).
Und heute schon werden alle, die mit aufgedecktem Angesicht hineinschauen in die Wesenherrlichkeit des Christus, hineinverwandelt in dasselbe Bild von einer Klarheit zur anderen, von einer Herrlichkeit (doxa) zur anderen (2. Kor. 3, 17.18).
Zuletzt aber werden wir alle verwandelt, damit das Sterbliche Unverweslichkeit anziehe (1. Kor. 15, 51-58) und unser sterblicher Leib der Niedrigkeit zum Geistleib der Herrlichkeit werde um des in uns wohnenden Geistes Christi willen (Röm. 8, 11), der die Kraft ist, durch die der Christus sich alles untertänig macht und verwandelt (Phil. 3, 20.21).
Ein schwaches Bild dieser Allkraft Gottes haben wir in der kosmischen Kraft der Atome. Der ganze Kosmos, die gesamte Welt des Stoffes, besteht ja aus einem einzigen Grundstoff, der Elektrizität, und alle Verschiedenheiten der einzelnen Elemente sind nur Differenzierungen des einen Grundstoffes. Darum läßt sich durch Einwirkung starker elektrischer Kräfte die Differenzierung verändern und ein Element in ein anderes verwandeln, z. B. Quecksilber in Gold.
Elektrizität ist der Lichtkraft-Urstoff des Kosmos, d. h. des Erschaffenen. — Geist aber ist die Lichtkraft-Fülle Gottes, d. h. des Unerschaffenen.
So wenig es ohne Elektrizität, also ohne Naturkraft, irgendetwas Natürliches gibt, so wenig gibt es ohne Gotteskraft, also ohne Geist, etwas Geistiges, etwas Göttliches.
Ohne Geist ist es daher auch unmöglich, Gott zu erkennen, weil Geistliches nicht mit natürlichen Mitteln erkannt werden kann. Gott aber ist Geist. Sein Wesen kann daher nur durch den Geist wahrgenommen und erkannt werden.
Den Geist Gottes empfängt aber nur der Glaubende, d. h. der, der sich in hingebender Liebe und völligem Vertrauen Gott anvertraut. Durch diese Wesenseinung wird der Mensch Teilhaber der göttlichen Natur, weil der Geist Gottes ausgegossen wird in sein Herz. Nur die Gott Vertrauenden genießen sein Vertrauen, und nur sie erlangen durch den Geist die Vollmacht, diese Allkraft-Fülle Gottes, seinen Geist nämlich, auch seinem Willen gemäß zu betätigen.
Daher besitzt auch nur der Glaubende das Mittel und die Möglichkeit, Gott zu erkennen (1. Kor. 2, 10.15), und zu verstehen, daß die Welt (der Kosmos) durch das Wirkewort Gottes bereitet ist, und daß alles Erschaffene herkommt aus dem Unerschaffenen, das Sichtbare aus dem Unsichtbaren, d. h. das mit den Sinnen Wahrnehmbare aus dem nicht mit Sinnen Wahrnehmbaren, also der Stoff aus dem Geist (Hebr. 11, 1-3).
Der Geist ist ja die Wahrheit, die Wesenhaftigkeit, die Gotteswirklichkeit, das Wesenhafte (1. Joh. 5, 6b; Joh. 16, 13). Darum kann nur der Geist in alle Wahrheit leiten (Joh. 16, 13), und nur der Geist kann uns in das gleiche Wesen verwandeln (2. Kor. 3, 17.18; Röm. 8, 11; Phil. 3, 20.21).
“Im Geiste sein” heißt daher, in der Einheit des Glaubens und der Einheit des Erkennens mit Gott und Christus stehen (Eph. 4, 13); heißt: alles so sehen, wie Gott es sieht, und in innerer Wesenseinheit mit ihm so handeln, wie er handelt. “Der Sohn kann nichts von sich selber tun; was der Sohn den Vater tun sieht, das tut in gleicher Weise auch der Sohn” (Joh. 5, 19). Das gilt von dem Erstgeborenen der Brüder und ebenso von allen Nachgeborenen.
Glaube (= pistis) bedeutet ja nach dem Grundtext auch Treue. Gott, der Ewigtreue, der immerdar sich selbst treu bleibt, auch dann, wenn wir untreu sind, kann sich selbst nicht verleugnen und handelt daher immer seinem vollkommenen Gotteswesen gemäß. In dem Augenblick, in dem er aufhörte, treu zu sein, hätte er durch Untreue gegen sich selbst die Vollkommenheit seines Gotteswesens unterbrochen und zerstört. Eine einzige Untreue Gottes würde ihn für immer der Absolutheit seiner Gottvollkommenheit entkleiden. Damit wäre die einzige Säule, auf der das ganze All mitsamt der Hoffnung und dem Sehnen aller Geschöpfe ruht, zerbrochen und alles in ein nicht mehr gut zu machendes unwiederbringliches Verderben gestürzt. Denn die absolute Treue Gottes gegen sich selbst ist die einzige Grundlage unseres Glaubens und unserer Hoffnung.
Gott ist der Unwandelbare. Und sein Sohn Jesus Christus ist gestern, heute und in Ewigkeit derselbe. Ohne diese Tatsache und diese Gewißheit gäbe es nichts, auf das man sein Vertrauen setzen könnte. Die Fehler und Mängel und Gebrechen und Schwachheiten und Danebenwürfe und Sünden und Untreuen aller Geschöpfe zusammen wiegen daher soviel wie nichts gegen eine einzige Untreue Gottes, gegen einen einzigen Fehler, den Gott machen würde. Aber er fehlt nicht, und er ist nie untreu! Die Schrift redet daher vom Glauben Gottes, d. h. von der Treue Gottes; und ebenso spricht sie auch von dem Glauben Christi, d. h. von der Treue Christi. Der Glaube der Heiligen ist daher das Sich-einordnen in die Treue Gottes und Christi Jesu, das im Glauben Sich-einfügen in das ewig-treue Tun und Handeln Gottes.
Solches kann nur der, der in Wesenseinheit mit ihm steht. Das sind aber alle die, die er durch einen Geist zu einem Leibe getauft hat (1. Kor. 12, 13). Wer diesen Geist nicht hat, der ist nicht sein (Röm. 8, 9b). Wo aber diese Einheit des Geistes ist, da ist ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung der Berufung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in uns allen (Eph. 4, 3-6).
Teilhaber der göttlichen Natur (2. Petr. 1, 4) zu sein, eines Geistes und Wesens mit ihm, das ist die Voraussetzung, ihn aus der Wesensgleichheit heraus überhaupt erst erkennen und verstehen und erfassen zu können. Diese Teilhaberschaft an ihm haben aber nur die Geistgezeugten, die in der glaubenden Lebensübergabe an ihn sich ihm völlig anvertrauten. Wer nicht von oben geboren ist, kann das Reich Gottes nicht sehen, noch weniger aber hineinkommen, und daher auch nicht zur Erkenntnis Gottes selbst vordringen.
Wer sich ihm anvertraut, in den strömt seine Treue ein.
Glauben heißt daher in seinem tiefsten Sinne: erfüllt werden mit der Treue Gottes und aus dem Wesen Gottes heraus auch seinem Wesen gemäß handeln. Darum ist der Glaube des Geistes höchste Tat. Es ist ein Stehen im göttlichen Wesen und ein Handeln und Wandeln mit göttlichen Mitteln in der Kraft und Vollmacht seines Geistes.
Glaube ist die Erfüllung des Erschaffenen mit dem Unerschaffenen, die Einbeziehung des Geschöpfes in das Wirken des Schöpfers, die Teilhaberschaft des Menschen am Göttlichen.
Glaube ist die Verleihung des Hochadels Gottes an den Menschen durch die Mitteilung des Geistes, so, wie bei einer Trauung die Frau den Namen des Mannes erhält; denn Glaube ist ja Treue, ist Vertrauen, ist ein Sich-anvertrauen, ist Trauung auf ewiger Basis.
Aus dieser Adelsstellung, diesem Adelswesen heraus erfolgt dann auch die adelige Haltung und göttliche Würde und das adelige Handeln und der adelige Wandel der Heiligen. — “Auserkor’ne, Hochgebor’ne, standsgemäß man wandeln muß!”
Glaube ist also zunächst und zutiefst die Betätigung des vollkommenen und unwandelbaren und alles vermögenden Gottesgeistes durch Gott selbst, d. h. die aktive und zweckvolle und zielmäßige Anwendung seiner Lichtkraft-Fülle in der ihm gemäßen Art und in der seiner Erhabenheit entsprechenden Weise.
Sodann aber ist Glaube die Auswirkung des gleichen Geistes nach den ihm eigenen Gesetzen und Ordnungen in den Gläubigen, d. h. den Treuen, in denen, die sich Gott anvertrauten, und die gleiche wesensmäßige Betätigung der Kraft des Gottesgeistes durch sie.
Der Glaubende hat den Kontakt, die heilige Lebensverbindung mit Gott, dem Urquell der Lichtkraft-Fülle, gefunden. Sie strömt nun nach dem Maße seines Glaubenswachstums in ihn ein, bis daß auch er erfüllt ist mit der ganzen Gottesfülle (vergl. Kol. 2, 9 mit 1, 19 und Eph. 3, 19). Die Kraft Gottes wohnt in ihm und wirkt sich in ihm und an ihm und durch ihn aus. Dadurch wird das an sich selbst schwache Geschöpf erfüllt mit Geisteskraft, mit Gottes-Energie, mit Gottes-Dynamis.
In dieser Lichtkraft-Fülle erkennt und beurteilt der Glaubende alles, er selbst aber wird nicht verstanden noch beurteilt (1. Kor. 2, 15). Auf dem Vollmaß-Stand der Geistesfülle erkennen wir, gleichwie wir von Gott erkannt sind (1. Kor. 13, 9-12). Darum ist die Vollendung der Heiligen für das Werk des Dienstes das Ziel der Arbeit und des mühevollen Ringens des Apostels Paulus (Kol. 1, 27-29; Eph. 4, 7-16). Sie sollen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Christus geführt werden (Eph. 4, 13). Dann bringen sie auch das All zum Wachsen in ihn hinein, der das Haupt ist, der Christus (Eph. 4, 15).
So, wie Gott, dem sich selbst Treuen, kein Ding unmöglich ist, so ist auch den Glaubenden alles möglich, denen, die im Kontakt mit ihm stehen, sodaß sie von seiner göttlichen Lichtkraft-Fülle durchströmt werden, die in ihnen wirkt und sich durch sie auswirkt. “Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt” (Mark. 9, 23). “Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt” (Phil. 4, 13). Nur Kontakt muß da sein, völlige Willenshingabe und Willenseinfügung, Willenseinbettung in den Willen Gottes. Sonst strömt es nicht, sondern die Kraft Gottes schaltet sich selbsttätig ab.
Der Kleinste aber im Reiche Gottes, der als ein aus Gott Geborener in der heiligen Hochspannung dieses göttlichen Lichtkraft-Stromes steht, ist größer als der größte von Weibern Geborene, dem nur der glimmende Docht des eigenen verderbten Denksinnes (= nous) zur Verfügung steht.
Der Glaubende erkennt durch die Erleuchtung der Lichtkraft des Geistes Gottes und wirkt durch die ihm zuströmende Energie der Dynamis Gottes, der Kraft aus Gott. Ohne ihn, bzw. außer ihm, sind wir nichts und haben nichts und können nichts. “Alle meine Quellen sind in dir!” (Psalm 87, 7b).
Denen, die mit ihrem eigenen geschöpflichen Denksinn forschen und über Gott philosophieren, erschließt sich der Heilige nicht. Er duldet es nicht, daß seine göttliche Reinheit und Herrlichkeit betastet wird von den durch Ehrgeiz, Neugierde, Selbstsucht, Hochmut, Strebertum und Sünde verunreinigten Händen und Hirnen und Herzen eigenwilliger Geschöpfe. Zudem ist das seelische Wesen des natürlichen Menschen gar nicht fähig, das Göttlich-Geistige zu erkennen.
Den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen geoffenbart, — das ist dem Sohne Grund genug, den Vater dafür anzubeten (Matth. 11, 25; Luk. 10, 21). Gott erschließt sich nicht den Weisen, die nur von ihm wissen wollen, sondern den Glaubenden, die sich ihm anvertrauen. Ihnen vertraut auch er sich an und erschließt ihnen sein Herz. “Durch den Glauben verstehen wir …” (Hebr. 11, 3).
Treue um Treue, Glauben aus Glauben, Vertrauen gegen Vertrauen, Hingabe für Hingabe, Erkenntnis gemäß Erkenntnis, Liebe in Liebe — so steht es zwischen den Liebenden, zwischen Gott und Mensch, zwischen Vater und Kind, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Da geht es aus seinem Glauben in den unseren, und je mehr wir ihm zutrauen, umsomehr vertraut er uns an. Jede neue Glaubensprobe ist eine Ankündigung, daß er uns Größeres anvertrauen will. Dem im Feuer bewährten Glauben (1. Petr. 1, 7), dessen Festigkeit und Tragfähigkeit erwiesen ist, vertraut er alles an und kräftigt ihn so, daß er alles vermag (Phil. 4, 13). Darum sollen wir auch jede Erprobung für lauter Freude achten (Jak. 1, 2.3.12).
Glaube wie ein Senfkorn ist mehr als alle Philosophie. Und doch hat der unerneuerte Mensch anstelle des gesunden Liebestriebes nach seinem Urquell hin, auf Gott zu (so, wie der Sohn, das Wort, auf Gott zu gerichtet war; Joh. 1, 1.2), eine geradezu krankhafte Sucht nach Vielwisserei über Gott und die Welt und ihren Betrieb.
Der Mensch kennt nicht mehr das Zentrum aller Dinge: Gott, in dem alles lebt und webt und ist (Ap. 17, 27.38). Das Geschöpf hat seine zentrale Stellung verlassen und seinen Standort in der Tiefe genommen, in die es durch den Fall gestürzt wurde. Dort empfängt der Mensch seine Informationen durch den Vorgänger und Ursächer seines Falles, den Satan, den Widersacher und Widerwirker Gottes. Zwei Geschöpfe: Mensch und Teufel, in gemeinsamem Widerspruch gegen Gott! Das ist die Grundlage der Weisheit dieser Welt! Von dieser Plattform aus kann der dämonisierte Mensch Sätze wagen wie den, den mir ein Theologe entgegenwarf: “Wenn man sich auf den Boden der Existential-Philosophie stellt, dann muß allerdings das Wunder fallen!”
Das Geschöpflein sucht sich einen Ansatzpunkt für sein Denken und stellt von da aus einfach fest, wie Gott auf Grund unserer Denkergebnisse zu sein hat, und was er im Rahmen des uns Denkmöglichen tun darf. Wunder darf er selbstverständlich keine tun! Dies schon deshalb nicht, weil wir es ja auch nicht können. Das paßt also nicht in unseren Rahmen und wird durch die Kritik verschiedener Vernünfte ausgeschieden.
Allerdings unterläuft dabei dem Menschen oft auch etwas Unvernünftiges. Denn während der Mensch einen Mund hat, den er oft sehr voll nimmt, gestattet er es Gott nicht, einen Mund zu haben und direkt zu seinen Geschöpfen zu reden und sich durch Wort und Geist und gottgemäße Wundertat zu offenbaren. Gott, der dem Menschen den Mund machte, darf selbst nicht reden! Warum nicht? — Weil es den Denkergebnissen des verderbten Denksinnes (= nous) des Menschen widerspricht! Der Mensch schreibt Gott vor, wie er sich uns gegenüber zu verhalten hat. Dieses Recht nimmt sich der Ton einfach heraus gegenüber dem Töpfer. Er hat diskret hinter dem Vorhang zu bleiben, keinesfalls aber ins Fleisch zu kommen und sich so ganz unmittelbar in unser Ergehen und in unsere Geschichte einzuschalten, von einer Veränderung des Verhältnisses völlig zu schweigen! Der nötige Abstand muß gewahrt sein und bleiben! Ein Verhalten Gottes, wie es uns etwa die Apostel und Propheten berichten, ist unstatthaft. Mögen sie auch am Grabe des Lazarus mit ihm gestanden haben oder auf dem Berge der Verklärung im Licht der Herrlichkeit Gottes gewesen sein und seine Stimme gehört haben, oder mögen sie unter dem Kreuze gestanden haben und in seinem leeren Grabe gewesen sein und ihre Finger in seine Nägelmale gelegt und mit dem Auferstandenen gegessen haben und Zeugen seiner Himmelfahrt gewesen sein und die Taufe mit dem Heiligen Geiste erlebt haben — das alles paßt nicht in unsere Philosophie, und deshalb nimmt sich der Mensch das Recht heraus, nachträglich Gott zu untersagen, so etwas je getan zu haben. Damit aber die Kritik des Tones dem Töpfer auch etwas Eindruck macht, bekommt er das in der für uns wirkungsvollsten Art mitgeteilt, nämlich im Namen der Wissenschaft. Und dies möglichst von prominenten Vertretern derselben. Schließlich ist es der Mensch ja sich selbst schuldig, daß er seinen Worten das nötige Gewicht mitgibt, um sich bei Gott Gehör zu verschaffen. Wozu hat man schließlich auch jahrelang auf dem Fechtboden der Philosophie trainiert, wenn nicht wenigstens auch einmal eine Silber- oder Bronze-Medaille abfallen soll, falls es nicht gar einem zu einer goldenen reicht? —
Schade nur, daß sich der Erhabene, der in der Höhe und im Heiligtum wohnt, nicht von diesen “exakten Beweisen” weltlicher Weisheit beeindrucken läßt! — Vielmehr wird von ihm berichtet: “Der im Himmel sitzt, lacht ihrer!” (Psalm 2, 4.)
Ob nicht dann, wenn sein Lachen einmal den Weisen dieses Zeitalters in den Ohren gellt, sodaß die Berge und Inseln aus ihren Stellen gerückt werden, die Großen der Erde anfangen zu schreien: “Ihr Berge, fallet über uns, und ihr Hügel, decket uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Throne sitzt”? — Wenn schon die Vorproben, die wir durch die Atombombe und andere kosmische Kräfte erhielten, so furchtbar waren, wie mag da erst die Hauptprobe mit göttlichen Kräften ausfallen? —
Ist das hilflose Gestammel eines Säuglings in der Wiege den Erkenntnissen und Reden seiner Eltern gleichzuachten? — Und sind Gottes Gedanken nicht soviel höher als der Menschen Gedanken, wie der Himmel höher ist als die Erde? — Kann er etwas anderes tun da droben, als lächeln, wenn er die Weisheit der Erdenwürmlein da drunten hört, die sie aus ihrer Froschperspektive heraus in allen Farbtönen der Mode und in der unter dem ständigen Wechsel gerade herrschenden Anschauung zum Besten geben? —
Nur ist es eben so: “Wenn er spricht, so geschieht’s!” Und wenn wir sprechen, dann geschieht nichts! Wenn der Herr sagt: “Lazarus! Komm heraus!”, dann kommt er heraus; und wenn wir zu einem Toten sagen: “Komm heraus!”, dann kommt keiner heraus.
Seine Worte sind Geist und sind Leben (Joh. 6, 63). Darum bewirken sie auch Leben. Denn Geist ist die Lichtkraft-Fülle des Lebens. “Das Leben ist das Licht” (Joh. 1, 4). Dem Sterbenden erlöschen die Augen. Der Unglaube ist tot in Vergehungen und Sünden. Er ist in der Finsternis, trotz Philosophie und Religion, trotz Kunst und Wissenschaft. Nur aus Glauben kann man leben! Der Unglaube ist tot in sich selbst. Glaube aber ist Treue, ist Vertrauen, ist ein Sich-anvertrauen dem lebendigen Gott und seinem uns gesandten Sohn, dem Retter-Heiland Jesus Christus, kein Fürwahrhalten von Sachen und Ereignissen.
In dem Glaubenden pulsiert das Leben Gottes, das wesenhafte Leben des Geistes. Deshalb sind nur sie, als die ins wahrhafte Leben Gezeugten, die Lebensträger Gottes im All. Und weil das Leben das Licht ist, so leuchten sie als Himmelslichter inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts (Phil. 2, 15).
Es ist nicht ihre Aufgabe, die ihnen in Christo geschenkte Weisheit Gottes (1. Kor. 1, 30.31) zu vermischen mit der Weisheit der Welt, um durch Angleichung an die gerade geltende Denkrichtung dem Kreuz sein Ärgernis zu nehmen und dem Schwert des Geistes, dem Worte Gottes, seine Schärfe, sondern durch die Torheit der Predigt die Glaubenden zu erretten und unter ihnen die Vollmacht des Geistes zu erweisen in der Kraft Gottes.
Wer einmal diese Lichtkraft-Fülle, diese Vollmaß-Kraft des Geistes erlebt und erfahren hat in reiner Schau, mag zuerst mit den Propheten, den Sehern des Alten und des Neuen Bundes, wie tot zu Boden fallen oder schreien: “Wehe mir, ich bin verloren!, denn ich bin ein Mann von unreinen Lippen, und inmitten eines Volkes von unreinen Lippen wohne ich; denn meine Augen haben den König, den Herrn der Heerscharen, gesehen!” (Jes. 6, 5). Oder aber er bekennt mit einem Apostel Paulus: “Ich hörte Worte, welche der Mensch nicht sagen kann (oder: welche den Menschen nicht zustehen zu sagen)” (2. Kor. 12, 4). Dann aber werden die, die seine Herrlichkeit sahen, ihr kreatürliches Leben für nichts achten, weil sie den Geist haben und im Geiste wandeln und das wesenhafte Leben im Geiste führen; denn der Geist ist die Wahrheit, das wahre Sein, die Wesenhaftigkeit.
Sie tragen die Kraft in sich, die alle Dinge verwandelt. Um dieser in uns wohnenden Kraft des Geistes willen wird auch unser sterblicher Leib einmal verwandelt werden, daß er zum Geistleib der Herrlichkeit wird. Darum achten wir die Leiden dieser Zeit nicht wert, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll. Vielmehr aber beten wir füreinander, daß der Vater der Herrlichkeit uns und allen seinen Kindern den Geist der Weisheit und der Hüllenhinwegnahme schenken möge zur Erkenntnis seiner selbst, damit wir, erleuchtet an den Augen unseres Herzens, wissen, welches die Hoffnung seiner Berufung ist, und welches der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen, und welches die überschwengliche Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden sei, gemäß der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke, in welcher er gewirkt hat in dem Christus, als er ihn aus den Toten auferweckte und ihn über alles hinaufsetzte (Eph. 1, 17-23). Es ist dies ja gerade die Kraft, die an uns, den Glaubenden, geoffenbart werden soll!
Offenbarungsträger Gottes! Wohnungen des Heiligen Geistes! Gefäße seiner Lebensmacht! Zeugen der an ihnen sich ständig enthüllenden Kraft seiner Auferstehung! Briefe des lebendigen Gottes! Auserwählte Rüstzeuge zur Kundmachung seines Namens! Darsteller seines Wesens! Prediger seiner Frohbotschaft! Herolde seiner Gnade und Künder seiner Herrlichkeit! Haushalter und Verwalter seiner Geheimnisse!
So reden wir Weisheit unter den Vollkommenen; nicht die Wortweisheit des natürlichen Wissens, die aus dem verderbten Denksinn (= nous) des gefallenen Menschen kommt und gemischt ist mit Ehrgeiz und Selbstsucht und Lüge und Gemeinheit und allen Schwächen der geschöpflichen Gebundenheit, sondern die Weisheit, die aus Gott kommt und ihre persönliche Darstellung in Christus fand, die Weisheit Gottes selbst, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel, der Welt verborgen von den Äonen an, uns aber geoffenbart durch seinen Geist, für uns aufbehalten zu unserer Herrlichkeit und von uns verkündet zum Ruhm der Herrlichkeit seiner Gnade.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1952; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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