Versiegelt durch den Heiligen Geist
Autor: Heller, Adolf | Kategorie(n): Gemeinde, Heiliger Geist, Lehre | 1,035 x gelesenDer Reichtum des Christus ist unausforschlich. Darum sind uns Seine Schätze zum großen, vielleicht sogar zum größten Teil noch verborgen. Von den unermeßlichen Gaben und Gütern Gottes, von Seinen unaussprechlichen Freuden und Wonnen haben wir nur sehr wenig erkannt und geschmeckt. Denn das meiste davon ist ja noch zukünftig und wird jetzt nur anbruchweise ins Herz und Leben gelegt, da wir in diesem Leibe der Schwachheit und Niedrigkeit den Vollgenuß Seiner Seligkeit und Herrlichkeit gar nicht zu ertragen vermöchten.
Aber es gibt auch göttliche Gewißheiten und heilige Gnadenreichtümer, deren wir uns jetzt schon erfreuen dürfen, da deren Besitz und Genuß zu der Vollausrüstung der Heiligen für die Gegenwart gehört. Daß der Feind, der sehr wohl weiß, was die Vollendung der Gemeinde des Leibes Christi für ihn bedeutet, mit allen Mitteln zu verhindern sucht, daß die Gläubigen in den Vollumfang ihrer Berufung und Segnung hineinwachsen und dadurch in Christi Art und Wesen praktisch hineingestaltet werden, ist leicht ersichtlich. Hat er doch in der natürlichen Trägheit unseres Fleisches seinen besten Bundesgenossen. —
Zu den Aufgaben und Gnaden, die uns von Gott gegeben sind und um die wir wissen dürfen und sollen, gehört auch das, was die Schrift Versiegelung nennt. Lesen wir nur zwei Schriftzeugnisse darüber: Eph. 1, 13.14 und 2. Kor. 1, 21.22. “Nachdem ihr gehört habt das Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heils, seid ihr in Ihm, nachdem ihr geglaubt habt, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher das Unterpfand unsres Erbes ist, bis zur Erlösung des erworbenen Besitzes zum Preise Seiner Herrlichkeit … Gott hat uns versiegelt und hat das Pfand des Geistes in unsre Herzen gegeben.”
Hier ist zunächst gar nicht die Rede davon, was wir zu tun haben, sondern was Gott selbst getan hat. Das ist von großer Wichtigkeit. Denn in unsrer religiösen Verblendung meinen wir immer, wir müßten uns gewaltig anstrengen und irgendetwas Großes leisten, um dadurch Gottes Zuneigung zu erringen. Wir wähnen, durch Reue und Zerknirschung, durch Buße und Glauben unser Heil zu bewirken.
Das ist jedoch eine überaus gefährliche Schwerpunktverlagerung, die unsern Gott völlig mißversteht und uns niemals von Herzen frei und froh werden läßt. Weit mehr Menschen als wir wissen unterliegen dieser Gefahr und quälen nicht nur sich, sondern in bester Meinung durch eine gesetzliche, ichverhaftete Haltung auch andere. In redlicher Absicht und mit dem reinsten Wollen versuchen sie Gottes Gnade zu erwerben, um so des Heils und schließlich der Herrlichkeit teilhaftig zu werden. Es sind dies durchaus keine hochmütigen Pharisäer, sondern meist treue, selbstlose Menschen. Sie sind in allen religiösen Kreisen christlicher und außerchristlicher Prägung zu finden. Wie werden wir einmal staunen, wenn wir erkennen werden, wie groß die Zahl derer ist, die unter Römer 2, 6.7.10 fallen, die höchste Ziele verfolgten, ohne auf Erden zur Gewißheit und Freude des vollen Heils durchgebrochen zu sein! —
Wenn man ein schlichtes Gotteskind fragt: “Bist du versiegelt durch den Heiligen Geist?”, so wird man, obgleich Gottes Wort ganz klar und unzweideutig darüber redet, wohl in nicht sehr vielen Fällen eine frohe, heilsgewisse Antwort bekommen. Das hat seine Ursache darin, daß wir gewohnt sind, uns auf unsre Erfahrungs- und Gefühlswelt zu stellen statt auf Gottes Wort. Daß der Glaube zur Erfahrung wird und allmählich die Gesamtheit unsrer Persönlichkeit ergreift, und zwar einschließlich unsrer Gefühle bis hinein in die traumdunklen Tiefen unsres Unterbewußtseins, das ist eine zweite Sache. Zunächst hat es der Glaube mit Gottes heiligen Urkunden zu tun. Darauf und auf nichts anderes dürfen und müssen wir uns gründen. Und wenn die Schrift uns versichert, daß wir versiegelt sind, dann ist es so. Ob wir das verstehen und fühlen oder nicht, spielt dabei zunächst gar keine Rolle.
Wenn ein Beamter die Mitteilung bekommt, daß er in einer gewissen Stadt zu einem bestimmten Zeitpunkt an dieser oder jener Amtsstelle den Posten als Inspektor zu bekleiden habe, so ist er eben Inspektor, auch wenn er von den Obliegenheiten und dem Pflichtenkreis, der auf ihn wartet, noch wenig weiß. Daß er mit allem Ernst und Eifer sich darauf vorzubereiten und sich darin einzuarbeiten bestrebt ist, ist eine Selbstverständlichkeit. Er tut das aber nicht, um Inspektor zu werden, sondern, weil er Inspektor ist und sich seiner Berufung würdig erweisen will.
Genauso ist es im Geistlichen. Gott sagt nicht: “Strengt euch jetzt aber mächtig an; und wenn ihr einen gewissen Vollkommenheitsgrad erreicht habt, dann werdet ihr versiegelt werden.” Vielmehr schreibt der inspirierte Apostel in Gottes Auftrag in seinem Rundbrief an die Nationengemeinden, dem sogenannten Epheserbrief, und in seiner zweiten Epistel an die Korinther, bei denen es wahrlich noch genug Schwachheit und Unvollkommenheit gab: “Ihr seid versiegelt worden.”
Was aber bedeutet versiegeln? Das griechische Wort sphragizo heißt soviel wie ein Schriftstück mit einem Siegel, mit einer Petschaft oder, modern ausgedrückt, mit einem Amtsstempel versehen, damit es Gültigkeit hat und an allen Dienststellen anerkannt wird. Es ist also eine Bekräftigung oder Sicherstellung, eine Bestätigung oder Beglaubigung.
Darüber hinaus hat es aber auch die Bedeutung des Verbergens und Verschließens, des Verheimlichens und Verschweigens. Sagt doch der weise Sirach das sehr beherzigenswerte Wort: “O daß ich könnte ein Schloß an meinen Mund legen und ein festes Siegel auf mein Maul drücken!” (22, 33).
Was will nun Gottes Wort damit sagen, wenn es uns bezeugt, daß wir mit dem Heiligen Geist versiegelt sind? Zunächst wohl das, daß menschliche Bestätigungen, irdische Papiere und Ausweise vor Gott keinen Wert haben. Wir werden einmal ganz gewiß nicht nach unserm Tauf- und Konfirmationsschein oder nach unsrer kirchlichen oder außerkirchlichen, kirchenfreien oder freikirchlichen Zugehörigkeit gefragt. Es liegt uns völlig fern, diese Dinge gering zu schätzen. Aber wir wollen doch bedenken, daß Paulus sogar auf Empfehlungsbriefe christlicher Urgemeinden verzichtete (2. Kor. 3, 2) und in heiligem Ernst darauf hinwies, daß er zu seinem hohen, wunderbaren Dienst weder von Menschen noch durch Menschen berufen wurde (Gal. 1, 1). Was wir brauchen, weil es vor Gott allein gilt, ist das Zeugnis der Schrift, das Siegel des Geistes und die Deckung des guten Gewissens.
Daß wir darüber hinaus in der Liebe zu allen Heiligen stehen sollen und sogar “von denen, die draußen sind”, ein gutes Zeugnis haben müssen, ist für unsern Weg und Dienst auf Erden von großer Bedeutung. Aber zutiefst kommt es darauf an, was wir vor Gott sind, ob unser Leben wirklich und wesenhaft dem Herrn geweiht ist und wir das Zeugnis des Geistes in uns tragen.
Der wirklich von Gott ergriffene Mensch darf glauben und wissen, daß er von Christus erkauft ist, erlöst durch Sein Blut und versiegelt durch den Heiligen Geist.
Was aber bedeutet Versiegelung? Wir wollen versuchen, anhand einer Reihe biblischer Zusammenhänge eine siebenfache Antwort zu geben:
- Das Siegel als Zeichen der Gewißheit
- Das Siegel als Sinnbild des Wertes
- Das Siegel als Symbol der Vollmacht
- Das Siegel als Zeichen der Unantastbarkeit
- Das Siegel als Pfand unseres Erbes
- Das Siegel als Sinnbild der Aufbewahrung
- Das Siegel als Symbol des Dienstes
1. Das Siegel als Zeichen der Gewißheit
Versiegelung ist Bestätigung. Ein Dokument ohne Stempel oder Petschaft hat keine Gültigkeit. Als Abraham durch den Glauben gerecht geworden war, “empfing er das Zeichen der Beschneidung als Siegel (Quittung oder Stempel) der Gerechtigkeit des Glaubens” (Römer 4, 11). Damit hat Gott das, was Seinem Auserwählten innerlich geschenkt worden war, durch ein äußeres Zeichen bestätigt. Gott sah Abraham nicht mehr dem Fleische nach an. Denn des Herrn Augen sehen nach dem Glauben (oder: der Treue), wie Jer. 5, 3 bezeugt.
Nicht nur unser persönliches Gerechtgewordensein wird von Gott besiegelt oder bestätigt, sondern auch ein Dienst oder ein Auftrag, den wir von Ihm bekommen haben. So schreibt z. B. Paulus in 1. Kor. 9, 2: “Seid ihr nicht mein Werk im Herrn? Wenn ich andern nicht ein Apostel bin, so bin ich es doch wenigstens euch; denn das Siegel meines Apostelamtes seid ihr im Herrn.” Damit will er sagen: Die Tatsache, daß ihr zum lebendigen Glauben gekommen und neue Menschen in Christo geworden seid, ist doch der unzweideutige Beweis dafür, daß ich ein Gottbeauftragter bin.
Hat nicht der Herr gesagt: “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen”? Ein bekanntes Wort lautet: “Die Frucht eines Gotteskindes ist ein Gotteskind.” Gewiß besteht die Tatsache, daß es treue, gläubige Missionare gab und gibt, die Jahre oder Jahrzehnte arbeiteten und arbeiten, ohne daß eine sichtbare Frucht zu finden war. Dann kam jedoch oft die Ernte in überwältigender Fülle. Wer aber nicht von der “Leidenschaft des Heiligen Geistes” ergriffen ist, Menschen für Christus zu gewinnen, und demzufolge auch niemanden zum Herrn führen will noch kann, von dem darf man wohl kaum zu behaupten wagen, daß er ein Gesandter und Beauftragter Gottes ist.
Das Siegel zu einer wirklichen Berufung zum Dienst am Evangelium ist nach unserm apostolischen Zeugnis nicht ein Beglaubigungsschreiben von Menschen, auch nicht von den höchsten Instanzen, sondern die Tatsache, daß durch unser Zeugnis und unsre “Bemühungen der Liebe” Menschen zum lebendigen Glauben kommen. Wo das fehlt, stimmt irgendetwas nicht. Leben wirkt immer Leben, und jedes brennende Feuer entzündet seine Umgebung. —
Von einem Doppelsiegel, das uns unser persönliches Heil bestätigt, lesen wir in 2. Tim. 2, 19: “Der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: der Herr kennt, die Sein sind; und: jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit.”
Es ist von tiefer Bedeutung, daß das Siegel des festen Gottesgrundes zwei Seiten hat: eine göttliche und eine menschliche. Die erstere lautet: “Der Herr kennt, die Sein sind.” Hier ist alles ganz auf Gott abgestellt. Er kennt uns, weil Er uns ja erkannt, d. h. durch Seinen Geist ins Leben gezeugt hat. Er beurteilt uns viel besser, als Menschen uns beurteilen können, ja, als wir uns selber zu beurteilen vermögen. Wir sind ja Sein Werk, geschaffen in Christo Jesu (Eph. 2, 10). Er hat uns sowohl dem Leibe und der Seele nach ins irdische, als auch dem Geiste nach ins wesenhafte Leben gerufen.
Dazu kommt aber ein wichtiges Zweites. Wer den Namen des Herrn anruft, ist dadurch gerettet (Römer 10, 13). Damit aber erwacht in ihm das tiefe Verlangen des Herzens, die heilige Pflicht der Liebe, von der Ungerechtigkeit (wörtlich etwa: von einer gesetzwidrigen Ausgabe, einem durch Unrecht erworbenen Vermögen oder der Überschreitung eines vorgeschriebenen Etats!) abzustehen (sich zu enthalten oder sich zu trennen).
Das ist von großer Bedeutung. Vielleicht wird uns das sehr lebendig und klar, wenn wir die ausgezeichnete, plastische und oft drastische Dächselübersetzung dieses Wortes beachten: “Vom Unrecht trete ab, wer den Namen des Herrn in den Mund nimmt!” Das ist es, was nicht nur Gott, sondern auch die Welt von uns erwartet. Wer sich auf Jesus beruft und sich zu Ihm bekennt, der hat die sittliche Pflicht, sich von der Sünde in jeder Form zu scheiden. Wenn ein Weltmensch sich betrinkt oder zum Karneval geht, so findet niemand etwas dabei. Wenn das aber ein “Frommer” tut, dann wird das Evangelium gelästert.
Die menschliche Seite des Gottessiegels unseres Heiles besteht also darin, daß wir, die wir nach dem Namen des Herrn genannt sind und uns immer und unbedingt zu Ihm bekennen, uns von jedem Unrecht trennen und lösen. Wenn wir das nicht tun, so machen wir das Heil als solches durchaus nicht zunichte — das vermögen wir gar nicht! —, aber in unserm Bewußtsein werden die Gewißheit und die Freude der Errettung verdunkelt. Die menschliche Seite unsrer Versiegelung wird befleckt oder gar beschädigt.
Hier erhebt sich die oft gestellte Frage, ob ein wirklich Gläubiger verlorengehen kann. Wenn verlorengehen soviel bedeuten soll wie unrettbar und unwiederbringlich in nie endende Qual der Gottesferne hineingegeben sein, wie viele meinen, so muß demgegenüber gesagt werden, daß das die Schrift nicht kennt. Sie weiß von einer äonischen, aber von keiner endlosen Pein. Denn der gute Hirte geht ja nicht so lange dem Verlorenen nach, bis Seine Gnade erschöpft oder solch ein Grad von Verstockung erreicht ist, daß Gottes Weisheit und Liebe keinen Weg mehr zu sehen vermag — das zu wähnen, wäre ja eine Schmähung Gottes! —, sondern so lange, “bis Er es findet” (Lukas 15, 5).
So heißt, biblisch gesehen, verloren sein nichts anderes als noch nicht gefunden sein. Für Menschen und Geschöpfe, Umstände und Verhältnisse dinglicher Art mag es ein “niemals” und “unmöglich” geben; für Gott aber, dem alle Seine Wege und Werke schon vor Grundlegung der Welt bewußt waren, der schon vor Anfang aller Dinge ihr herrliches Ende gesehen und ersehen hat, gibt es kein Unmöglich!
Denn der Herr führt ja nicht nur etliches, sondern alles herrlich hinaus und macht nicht nur manches oder vieles oder das meiste, sondern alles neu (Offb. 21, 5). Doch soll man darüber nie streiten. Wem es nicht von Gott selbst erschlossen und geschenkt ist, den kann man nur ärgern, wenn man ihm die Allmacht und Liebe des Schöpfers, Retters und Vollenders aller Dinge, Wesen und Welten bezeugt. Wir möchten aber niemanden ärgern, sondern unsre Brüder, ja, sogar unsre Feinde lieben und wollen darum das anvertraute Gut der Erkenntnis niemandem aufdrängen oder über die Maßen dafür eifern.
Kann ein Gläubiger verlorengehen? — Gewiß kann eine Zeitlang in einem Menschen die Gewißheit des Heils und die Freude der Errettung verdunkelt werden, wie wir oben andeuteten. Aber Kind bleibt Kind, und Sohn bleibt Sohn, und Gott hat Mittel und Wege genug, die Seinen zurechtzubringen und zu vollenden. Fängt doch das Gericht nicht bei der ungläubigen Welt, sondern am Hause Gottes an (1. Petri 4, 17). —
Halten wir aufs erste fest, daß das Siegel ein Zeichen der Gewißheit ist, wie wir aus den obengenannten drei Beispielen bei Abraham, Paulus und allen Gläubigen sahen. Wer darum Vollgewißheit seines Heils haben darf, der ist versiegelt durch den Heiligen Geist. Wenn daher gewisse Sekten sagen, daß man nur in ihrer Organisation versiegelt werden könne, so dürfen wir kühnlich bezeugen, daß wir durch den Geist Gottes versiegelt worden sind.
2. Das Siegel als Sinnbild des Wertes
Das Siegel ist nicht nur ein Zeichen der Gewißheit, sondern auch ein Sinnbild des Wertes einer Sache oder Person. So lesen wir nicht nur, daß Gott Seinen Sohn versiegelt hat (Joh. 6, 27), sondern daß auch ein Geschöpf das Bild der Vollendung “besiegelte” (Hes. 28, 12b) oder, wie die bekannte Textbibel von Kautzsch verdeutscht: “Du warst das Gebilde eines Siegelrings und die vollendete Schönheit.” Die englische Companion-Bibel übersetzt in der Anmerkung zu dieser Stelle: “Du bist das vollendete Siegel.” In einer weiteren Fußnote ergänzt dieses hervorragende Werk: “Der König von Tyrus ist nicht ein gewöhnlicher Mensch, seine Beschreibung zielt auf ein übermenschliches, überirdisches Wesen und kann sich auf niemand anders als auf Satan selbst beziehen.”
Dieses “Bild der Vollendung”, das “voll von Weisheit und vollkommen an Schönheit” war und in “Eden, dem Garten Gottes” weilte (Verse 12.13), war “ein schirmender, gesalbter Cherub” (Vers 14), also nicht nur ein Mensch, der ja seit Adam an eine verfluchte Erde gefesselt ist. Der Ausdruck “Bild der Vollendung” heißt nach der Zürcher Bibel “urbildliches Siegel” und nach der sehr feinen französischen Segond-Übersetzung “Versiegelung der Vollendung”. Diese beiden Wiedergaben widersprechen sich scheinbar. Das Urbild ist doch nach unsrer Meinung das Gegenstück der Vollendung. Wer jedoch etwas weiß von den Vorbildern und Abbildern der Heiligen Schrift, der begreift, daß sich diese beiden scheinbar widersprechenden Begriffe decken. Denn das, was war, ist das, was sein wird (Pred. 3, 15), und es gibt nichts Neues, Ursprüngliches, Originales unter der Sonne (Pred. 1, 9).
Dieses vor seinem Fall herrliche, strahlende Wesen war wegen seines Wertes und seiner Schönheit, seiner Weisheit und seiner Vollkommenheit von Gott versiegelt. Wir wissen, daß dieses Siegel gebrochen und entweiht wurde, daß dieses Geschöpf mit Gewalttat erfüllt wurde (Hes. 28, 16) und wegen seines Hochmutes seine Weisheit und seinen Glanz einbüßte (Vers 17). Es wird aber samt der von ihm verführten, zu Finsterniswesen gewordenen “Heerschar der Höhe” zuerst “mit Strafen heimgesucht”, “in den Kerker eingeschlossen” und “nach vielen Tagen heimgesucht” werden ( Jes. 24, 21.22).
Nicht nur jene Lichtschöpfungen wurden wegen ihres Wertes und ihrer Würde versiegelt — auch die Gläubigen, die der Vollmacht der Finsternis entrissen wurden und nun Gottes Geliebte sind, werden versiegelt. Denken wir etwa an Hohelied 8, 6a, wo die Braut, Israel, den Geliebten, ihren Messias und Eheherrn Jesus Christus bittet: “Lege mich wie einen Siegelring an Dein Herz, wie einen Siegelring an Deinen Arm!”
Hat nicht der Hohepriester als Vorbild auf den wahren Hohepriester, den Sohn Gottes, an seiner Amtskleidung das wortwörtlich getan? Trug er nicht in den zwölf Edelsteinen, die die zwölf Stämme Israels abschatten, das geliebte Volk auf den Achselstücken, den starken Schultern seiner Kraft, und auf dem Brustschild, dem treuen Herzen seiner Liebe? Wenn wir doch besser die wunderbare Prophetie und Symbolik der heiligen Bücher verstünden, wieviel Licht und Freude würde dann in unser Herz strömen!
In Hag. 2, 23 verheißt Gott in Seiner Eigenschaft als Herr der Heerscharen, d. h. als Verfügender über sämtliche Mächte und Gewalten der Welt, dem zur Durchführung und zur Erreichung Seiner Ziele das ganze All zur Verfügung steht: “An jenem Tage werde ich dich nehmen, Serubbabel, Sohn Schealtiels, meinen Knecht, und werde dich wie einen Siegelring machen, denn ich habe dich erwählt.” Es ist von Bedeutung, daß der Anfang und der Schluß dieser Gottesverheißung darauf hinweisen, daß hier der Herr als “Jehovah der Heerscharen” spricht.
Das Siegel oder der Siegelring werden durch das begründende “denn” des letzten Teiles des Verses als Kennzeichen des Wertes und der Erwählung gebraucht. Wir wissen, daß Serubbabel, der Sohn Schealtiels, Gott durch den Bau eines Altars verherrlicht hat. Denn wir lesen in Esra 3, 2b: “Serubbabel, der Sohn Schealtiels, und seine Brüder machten sich auf und bauten den Altar des Gottes Israels, um Brandopfer darauf zu opfern, wie geschrieben steht in dem Gesetz Moses, des Mannes Gottes.” Ihm hat der Herr den großen Grundsatz geoffenbart, wie Er Seine Verheißungen erfüllt: nicht durch irdische Kraft und menschliche Macht, sondern durch Seinen Geist. Das bestätigt Sach. 4, 6, wo geschrieben steht: “Dieses ist das Wort des Herrn an Serubbabel: Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen.”
Gott achtet und wertet solche, die Ihm ergeben sind und Ihm von Herzen angehören und gehorchen wollen, wie einen Siegelring. Das gilt für Israel, das Seine Braut bzw. Sein Weib ist, wie für die Nationen, die glückselige Untertanen in Seinem Reich, gesegnet durch das irdische Volk Seiner Wahl, sein werden. Wieviel mehr aber gilt das für uns, die wir Sein Leib, Sein Vollmaß, Seine Herrlichkeit sind!
Wir, die Gemeinde aus den Nationen, die wir versiegelt sind durch den Heiligen Geist der Verheißung, bilden Christi Körper, sind Seine Fülle oder Vervollständigung und werden Seine doxa (Herrlichkeit) genannt. Gibt es einen Organismus im weiten Weltenall, der Ihm näher stünde als wir? Begreifen wir in diesem Licht, daß sich der Herr, unser Haupt, mehr nach uns sehnt, als sich Paulus nach den Gemeinden sehnte, denen er dienen durfte? Schlagen wir etwa nur einmal 1. Thess. 3 auf und lesen wir dieses Kapitel nicht nur geschichtlich, also im Blick auf Paulus und sein Verhältnis zu den Thessalonichern, sondern auch symbolisch, d. h. im Blick auf Christus und Seine Gemeinde! Dann erst schließt sich uns das Herz unsres Herrn und Hauptes in überwältigender Weise auf. Kein Wunder, daß der Feind versucht, uns die letzte und tiefste Schau des Wortes Gottes zu verdunkeln oder gar zu verhüllen. Wir sind als Versiegelte für Gott von einem Wert und einer Würde, von denen wir noch wenig wissen, weil uns Sein Wort ein fast völlig verhülltes Buch ist.
3. Das Siegel als Symbol der Vollmacht
Wir erwähnten bereits, daß Gott Seinen Sohn, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, versiegelt hat (Joh. 6, 27). Aus dem Zusammenhang (Verse 26-29) ersehen wir, daß der Herr der vergänglichen, irdischen Speise die unvergängliche, himmlische Speise gegenüberstellt. Weil Er vom Vater versiegelt ist, vermag Er in göttlicher Vollmacht Wesenhaftes zu schenken und Bleibendes zu wirken. Alles, was unsern Leib und unsre Seele nährt und sättigt: Essen und Trinken, Sehen und Hören, Fühlen und Empfinden, ist irdische Speise. Gewiß füllt Gott unsre Seele mit “Speise und Freude” (Apg. 14, 17); ohne Zweifel halten Essen und Trinken Leib und Seele zusammen; sicherlich ist sehr viel Wahres daran, was in den lustberauschten Worten der Dichter singt und klingt und unsre Herzen zum Schwingen bringt: “Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn, es sei, wie es wolle, es war doch so schön!” und “Trinkt, ihr Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt!” Zwar war längst nicht alles schön, was wir seit den letzten beiden Weltkriegen gesehen haben, und die Augen der Menschen waren keineswegs immer glücklich; und aus dem “goldenen Überfluß der Welt” ist viel Not und Jammer, Hunger, Elend und Verzweiflung geworden — doch lernen wir stärker als andre Generationen nach innen lauschen und suchen eine andre Speise, um den Lebensdurst und Liebeshunger unsrer Herzen zu stillen. Der Zerbruch alles Irdischen hat viele Menschen rettungsbedürftig und heilsverlangend gemacht, wenn auch die große Masse im Rausch der Sichtbarkeit weitertaumelt und sich der Sprache des Leides und dem Zug der Gnade verschließt.
Aber der mit göttlicher Vollmacht vom Vater versiegelte Sohn bietet allen Speise an, “die da bleibt ins ewige Leben” und hilft uns, Gottes Werke dadurch zu wirken, daß wir einfach an Ihn glauben (Joh. 6, 29). Durch das göttliche Siegel hat Er Vollmacht (griech.: exousia) im Himmel und auf Erden (Matth. 28, 18). Er hatte aber nicht nur selber Vollmacht über die unreinen Geister, sondern gab sie auch Seinen Jüngern (Mark. 6, 7; Luk. 9, 1). Er hat Vollmacht, Sünden zu vergeben (Luk. 5, 24). Er besitzt Vollmacht über alles Fleisch, um allem Fleisch dereinst das ewige Leben zu geben (Joh. 17, 2), ja, Er verlieh Seinen Jüngern sogar Vollmacht über “die ganze Kraft des Feindes” (Luk. 10, 19).
Alle diese Vollmachten besitzt und verleiht der vom Vater versiegelte Sohn. Welche göttlichen Tatsachen unerhörten Ausmaßes sind das doch. O daß wir sie glauben könnten! Ströme lebendigen Wassers würden dann nach Gottes Verheißung von unserm Leibe fließen.
Doch nicht nur der Sohn und die Söhne sind versiegelt und dadurch mit gewaltigen Vollmachten begnadet — auch Engelmächte tragen ein Siegel Gottes, um ihre erschreckenden Gerichtsaufgaben zu der Zeit und Stunde auszuführen, die von Gottes Weisheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit genau festgesetzt ist. Lesen wir dazu nur Offb. 7, 1-3: “Nach diesem sah ich vier Engel auf den vier Ecken der Erde stehen, welche die vier Winde der Erde festhielten, auf daß kein Wind wehe auf der Erde noch auf dem Meere noch über irgendeinen Baum. Und ich sah einen andern Engel vom Sonnenaufgang heraufsteigen, welcher das Siegel des lebendigen Gottes hatte; und er rief mit lauter Stimme den vier Engeln, welchen gegeben worden war, die Erde und das Meer zu beschädigen, und sagte: Beschädigt nicht die Erde noch das Meer noch die Bäume, bis wir die Knechte Gottes an ihren Stirnen versiegelt haben.” Es gibt also außer der Versiegelung durch den Heiligen Geist, wie sie die Gemeinde des Leibes Christi erfährt, auch eine Versiegelung durch Engelmächte, wie sie Angehörige aus Israel in der Endzeit erleben werden.
Der “aufgeklärte Mensch”, der in Wirklichkeit ein verfinsterter Zwerg ist, mag lächeln, wenn er hört, daß Engel die Winde der Erde festhalten. Die unverbildeten Naturvölker kennen und wissen noch etwas von der grandiosen, schauerlich-schönen Wahrheit des biblischen Weltbildes, daß es Geister und Mächte gibt, die den Lauf allen irdischen Geschehens erregen und bewegen. Die heiligen Bücher des inspirierten Wortes der Wahrheit sprechen von Engeln des Windes und des Wassers, des Schnees und des Hagels und kennen und nennen die Verderbens- und Todesgewalten, denen wir ununterbrochen preisgegeben sind.
Wären nicht die heiligen Myriaden, die Gott zum Dienst der schwachen Menschenkinder verordnet hat — längst wären wir alle elend zugrunde gegangen. Mit göttlicher Vollmacht, durch unantastbare Siegel beglaubigt, verrichten Engelfürsten ihre mancherlei Dienste, von denen dann und wann zum Erschrecken der blinden, armseligen Menschlein etwas durchblitzt, wenn ein “Wunder” geschieht. Wir Narren glauben mit unsrer “Wissenschaft” und unsern “Naturgesetzen” die Allmacht Gottes kontrollieren und regulieren zu können und vermögen doch nichts weiter, als festzustellen, daß wir im tiefsten und letzten Grunde nichts wissen.
Wir sehen ja die wirkliche, wesenhafte Welt gar nicht. Nur dann und wann treiben die untersten und dümmsten der Dämonen in Spiritismus, Okkultismus und Zauberei ihr sinnlos-törichtes, aber für uns verderbliches Spiel, das kein “vernünftiger” Mensch bis ins Letzte deuten kann. Wir erkennen nur die dauernd wechselnde, unbeständige Außenseite des Weltgeschehens, das uns quält und ängstet und belastet, und hören einen Geist wie Goethe in den ergreifenden Klageruf ausbrechen: “Wir gehen an der Sichtbarkeit zugrunde.”
Ja, an der Sichtbarkeit gehen wir zugrunde! Wir genesen nur an dem, was unsern irdischen, verhüllten Augen jetzt noch unsichtbar ist: an Gottes Liebe und Güte, Gnade und Barmherzigkeit. Und den Betrug der sichtbaren, sündenverhafteten Welt überwinden wir nur in der heiligen Vollmacht Christi, für die uns Gott versiegelt mit dem Heiligen Geist der Verheißung.
4. Das Siegel als Zeichen der Unantastbarkeit
Wer ein versiegeltes Wertpaket, einen versiegelten Brief oder gar einen plombierten Eisenbahnwagen erbricht, wird streng bestraft. Darum ist schon im Irdischen Versiegelung ein Zeichen der Unantastbarkeit. Das gilt erst recht für das Geistig-Göttliche.
Die Schrift spricht in mancherlei Beziehung vom Versiegeln. Denken wir etwa an Dan. 6, 18, wo von der Löwengrube die Rede ist, in die der Prophet und Minister hineingeworfen wurde. Dort lesen wir: “Ein Stein wurde gebracht und auf die Öffnung der Grube gelegt. Und der König versiegelte ihn mit seinem Siegelring und mit dem Siegelring seiner Gewaltigen, damit hinsichtlich Daniels nichts verändert würde.”
Wir wissen, wie wunderbar Gott Seinen treuen Zeugen bewahrte und befreite. Hier haben wir einen reichen und starken Trost für alle, die irgendwie dem völligen Verderben preisgegeben scheinen und dennoch eine Errettung aus dem Rachen des Löwen erfahren dürfen (2. Tim. 4, 17). Hier lernen wir, wie der Glaube den Rachen der Löwen verstopft (Hebr. 11, 33) und wie, symbolisch auf Christus gedeutet, Satan, der brüllende Löwe (1. Petri 5, 8), den in den Todesstaub gelegten Sohn Gottes nicht anzutasten vermochte.
So, wie Darius die Löwengrube versiegelte, damit Daniel unentrinnbar dem Tode ausgeliefert sei, so ließ Pilatus den Stein vor der Todesgruft Christi versiegeln und mit einer Wache sichern, damit Er nicht von den Toten auferstehen könnte (Matth. 27, 66). Das Siegel sollte das Grab unantastbar machen. Doch Gott hat durch Seinen Geist Jesum von den Toten auferweckt und damit die Garantie und das Angeld gegeben, daß Er auch unsre sterblichen Leiber lebendig machen wird wegen Seines in uns wohnenden Geistes (Römer 8, 11).
Der allmächtige Gott vermag durch den Hauch Seines Mundes alle noch so festen menschlichen Siegel zu brechen. Nie aber kann ein Geschöpf das Siegel des Schöpfers lösen. Lesen wir nur Offb. 5, 1-5, wo uns etwas von der Vollmacht und Kraft Gottes aufleuchtet. Kein geschöpfliches Wesen im Weltenall vermochte die versiegelte Buchrolle Gottes zu lesen, ja, niemand konnte sie auch nur anblicken. Die Zukunft ist dem Sterblichen verschleiert, und wo im Wahnwitz Menschen in noch verhüllte Fernen einzudringen versuchen, verfallen sie dem Betrug und Bannkreis finstrer Mächte, die sie verderben. Wie ernst und wichtig ist das gerade in unsrer Zeit, die dem Gericht der Drangsal entgegentaumelt und nicht mehr Gott und Sein Wort, sondern den Kaffeesatz und die Sterne, das Pendel und die Dämonen befragt.
Wenn schon ein von Gott versiegeltes Buch unantastbar ist, wieviel unantastbarer sind da durch ein Gotteszeichen versiegelte Menschen (Offb. 9, 3), ist da Seine durch den Heiligen Geist versiegelte Gemeinde, die da ist der Leib des Christus. O daß wir doch glauben und festhalten könnten, daß wir durch die Versiegelung unantastbar gemacht sind und daß wir, obgleich wir wie Schlachtschafe geachtet sind und als Todgeweihte in dieser Welt Satans und der Sünde stehen (Röm. 8, 36), dennoch durch nichts und niemand im weiten Weltenall von der Liebe Gottes in Christo Jesu, unserm Herrn, geschieden werden können (Verse 38.39).
Noch ein feines, inniges Wort voll Duft und Süße, das auch die Versiegelung erwähnt, wollen wir nachschlagen: ein Zeugnis Jesu über Seine Braut Israel, das wir in Hohelied 4 aufgezeichnet finden. Wir müßten das ganze Kapitel, ja, das ganze Liebeslied lesen, wenn wir die heilige Mystik der Seligkeiten Gottes in etwa ahnen wollten. Beachten wir jedoch nur die Verse 12-16. Israel, das einst zur Hure geworden war, die sich jedem hingab (Jes. 1, 21; Jer. 2, 20), ja, das sogar noch unter die Dirnen hinabgesunken war (Hes. 16, 30-34), wird, nachdem es zurechtgebracht ist, “ein verschlossener Garten”, “eine versiegelte Quelle” genannt.
In einen verschlossenen Garten und erst recht zu einer in einem verschlossenen Garten befindlichen versiegelten Quelle haben unreine Tiere des Feldes und Waldes keinen Zutritt. Sie dürfen den Born klaren, reinen Wassers nicht trüben noch beschmutzen, den Lustgarten voll edler Früchte nicht zerstören noch die vortrefflichen Gewürze verderben.
So wird Israel dereinst, abgesondert von den Nationen, die in der Symbolsprache der Schrift mit Löwen, Hunden und Kamelen verglichen werden, als reine Braut für seinen Adon, seinen Eheherrn, zubereitet und vollendet werden. Doch ehe dieser Gottesgarten Israel seine köstlichen Früchte gibt und seine Wohlgerüche träufeln läßt, muß ihn der Nordwind der Schrecken und Ängste und der Südwind der Segnung und Güte Gottes durchwehen (Vers 16).
Gilt das alles nicht schon jetzt für uns, die Glieder des Körpers Christi, ganz persönlich? Schreibt doch Paulus bezüglich Israels Gerichts- und Gnadenwegen und unsrer Führung in 1. Kor. 10, 6.11, daß Israels Geschicke Vorbilder für uns sind, die zu unsrer Ermahnung aufgezeichnet wurden. Der Schlußsatz besagt, daß wir das, was Israel am Ende der Äonen an Segnungen und Seligkeiten, an Gnaden und Gotteswonnen besitzen wird, im Geist und Glauben schon jetzt genießen und verwalten dürfen. Darum gilt es, sowohl den unausweichlichen Ernst der Heiligkeit Gottes als auch Sein alles zurechtbringendes Erbarmen in heiliger Furcht und glückseliger Freude glaubend zu erfassen und zu bezeugen. —
Halten wir fest, daß Versiegelung ein Zeichen der Unantastbarkeit ist und sich nicht nur auf Sachen und Dinge, sondern auch auf Engelmächte und Gottes irdisches Volk Seiner Wahl sowie die Gemeinde des Leibes Seines Sohnes, unsres Herrn und Hauptes, bezieht. Welche Kräfte und Freuden strömen dem lebendigen Glauben aus der gottgeschenkten Erkenntnis zu, daß wir, in Christo geborgen und durch Seinen Geist versiegelt, in Wahrheit “unantastbar für den Feind” sein dürfen!
5. Das Siegel als Pfand unsres Erbes
In Eph. 1, 14 lesen wir, daß der Heilige Geist der Verheißung das Unterpfand unsres Erbes ist. Was will wohl der Apostel damit sagen? Was bedeuten die Ausdrücke “Angeld”, “Losteil”, “Freilösung” und “Zugeeignetes”, denen wir hier beim genauen Betrachten des Textes begegnen?
Die Antwort wird uns köstliche Wahrheiten enthüllen, die unsre Herzen mit tiefer Freude beseligen und uns in staunende Anbetung führen werden. Setzen wir zunächst einmal den Vers in seinem Zusammenhang nach der konkordanten Wiedergabe hierher: “Wir haben eine frühere Erwartung in Christo. In Ihm seid auch ihr, die ihr höret das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, die ihr glaubt, versiegelt mit dem Heiligen Geist der Verheißung, der da ist ein Angeld unsres Losteils bis zur Freilösung des uns Zugeeigneten zum Lobpreise Seiner Herrlichkeit” (Verse 12b-14).
Die Glieder des Leibes Christi teilen nicht die allgemeine Hoffnung auf das Heil, wie sie die andern Heilskörperschaften, etwa Israel und die Nationen, besitzen. Sie haben vielmehr eine Vorher- oder Zuvorerwartung. Die Welt ist ohne Gott und ohne Hoffnung. Andere haben jedoch Hoffnung oder stehen in einer zuversichtlichen Erwartung. Ihnen gelten die Zusagen Gottes, wie wir sie im Alten und Neuen Testament, in den Propheten, den Evangelien, den nichtpaulinischen Briefen und in der Offenbarung lesen. Die Gemeinde jedoch, die den Körper Christi bildet, hat eine Vorher- oder Zuvorerwartung.
Das ersehen wir vielleicht am deutlichsten, wenn wir uns an 1. Kor. 6, 2 erinnern. Dort lesen wir, daß die Heiligen die Welt richten werden. Dieses über die Welt hereinbrechende Gericht wird uns in der Offenbarung breit und anschaulich geschildert. Schlagen wir im letzten Buch der Bibel zunächst 18, 20 auf: “Sei fröhlich über sie (d. i. Babel), du Himmel, und ihr Heiligen und ihr Apostel und ihr Propheten! Denn Gott hat euer Urteil an ihr vollzogen.”
Es handelt sich um die Zerstörung Babylons in der Endzeit. Außer dem Himmel werden auch Menschen aufgefordert, sich darüber zu freuen. Dabei wird darauf hingewiesen, daß das Urteil oder das Gericht eben dieser Heiligen, Apostel und Propheten an der sündigen Stadt vollzogen wird. Wären zu jener Zeit die angesprochenen Heiligen, Apostel und Propheten noch auf Erden, so könnten sie doch nicht Richter sein. Sie sind jedoch “Kampfgenossen” des Lammes, wie Prof. Menge Offb. 17, 14 übersetzt. Dort aber werden diese Kampfgenossen auch als “Berufene, Auserwählte und Treue” bezeichnet. Das sind aber Benennungen, die wir bei Paulus oft im Blick auf die Gemeinde aus den Nationen finden.
So verstehen wir auch, was 1. Thess. 1, 10 besagen will, wenn hier die Rede davon ist, daß die Thessalonicher errettet oder befreit werden vor oder hinweg von dem kommenden Zorn (vgl. Römer 5, 9). Dieser kommende oder zukünftige Zorn ist die antichristliche Drangsalszeit, die der Aufrichtung des messianischen tausendjährigen Friedensreiches unmittelbar vorausgeht. Während Israel und die Nationen in diese “große Trübsal” hinein und hindurch müssen, besteht die Zuvorerwartung der Gemeinde des Leibes Christi darin, daß sie vorher durch Verwandlung oder Entrückung hinweggenommen wird, um mit ihrem Haupt vereinigt zu werden.
Der folgende 13. Vers von Epheser 1 teilt den Lesern dieses wichtigen Rundschreibens mit, daß auch sie dieser Zuvorerwartung teilhaftig geworden sind in Christo, in welchem sie versiegelt worden sind mit dem Heiligen Geist der Verheißung. Dieser Bestärkung, Bestätigung oder Gültigmachung (denn das bedeutet ja Versiegelung, wie wir sahen) ging ein Doppeltes voraus: die Briefempfänger haben das Wort der Wahrheit, das Evangelium ihres Heils, gehört, und zweitens haben sie es geglaubt.
Es waren also keine Zeremonien irgendwelcher Art oder besondere religiöse Leistungen zu erfüllen. Der Geist fiel auf die, die die Frohbotschaft hörten und glaubten. Wir können durchaus begreifen, daß die Juden und Petrusanhänger “außer sich gerieten”, als sie sahen, daß ohne Beschneidung, ohne besondere Vermittlung oder dergleichen, der Heilige Geist auf die Heiden fiel, die Gottes Wort vernahmen (Apg. 10, 44.45).
Daß Menschen oft unter dem Gebet eines einzelnen, mehrerer oder vieler mit oder ohne Auflegen der Hände gläubig werden und die Gabe des Geistes empfangen oder mit dem Geist erfüllt werden können, finden wir häufig in der Schrift. Aber unbedingt notwendig ist das durchaus nicht. Hören — glauben — versiegelt werden, das ist die Reihenfolge im Erfassen des Heils, wie sie Eph. 1, 13 ohne menschliche Leistungen oder Hilfe nennt.
Die Versiegelung geschieht durch den zugesagten, versprochenen oder angekündigten Heiligen Geist. Diesen Geist, der in alle Wahrheit führen sollte, hatte der Herr ja schon zu Seinen Lebzeiten verheißen. Er erschließt und vermittelt jeder Heilskörperschaft das, was zu ihrer Berufung, Sammlung und Vollendung nötig ist. Das sind ja bei Israel andre Gnaden und Gaben als bei uns, der Gemeinde des Christusleibes.
Man darf aber wohl die Bezeichnung “Heiliger Geist der Verheißung” auch noch anders fassen. Denn Gottes Wort ist ja nicht nur in einem Sinne deutbar, sondern spendet für jede Glaubens- und Reifestufe Licht und Trost und Heil und reicht sowohl den Kindlein als auch den Vätern in Christo immer größere Gnade und vermehrte Erkenntnis dar.
So dürfen wir unter dem Heiligen Geist der Verheißung wohl auch den Geist in Seinem Amt begreifen, das darin besteht, die Verheißung Gottes aufzuschließen, d. h. faßbar zu machen. Der Geist hat ja eine ganze Reihe von Aufgaben: Er überführt und straft, Er tröstet und verherrlicht, Er erforscht und lehrt, Er zeugt und versiegelt. Ohne den Geist Gottes bleiben uns die Verheißungen der Schrift verschlossen; sie erleuchten und strafen uns nicht, erschüttern und beseligen und verwandeln uns nicht, sondern sind höchstens angelernter, toter Wissensstoff.
Darum ist Gottes Wort nicht nur Weltmenschen ein äußerst langweiliges Buch, nach dem sie nicht das geringste Verlangen haben, sondern auch vielen “Christen” der verschiedensten Prägungen ohne Rücksicht auf ihre kirchliche oder außerkirchliche Organisation. Von dem edlen Beröertum des täglichen Forschens in der Schrift ist nur sehr wenig zu finden. Abgesehen von den täglichen Losungen oder einem Kalenderzettel befriedigen die Tageszeitungen und die grellen Illustrierten das geistige Bedürfnis der meisten Menschen. Und wenn wirklich irgendwo einem Christusergriffenen das Herz brennt, in den Reichtum der Schrift hineinzuwachsen, dann bekommt er den Vorwurf, er sei hochmütig und wolle besser sein und mehr wissen als die andern. So war es, so ist es und so wird es bleiben, bis der Herr kommt. Den meisten Menschen sind die Verheißungen und Zusagen Gottes völlig nebensächlich, denn sie sind ihnen verschlossen.
Erst wenn der Geist die Versprechungen der Schrift lebendig macht, springen sie uns an, werden sie uns zum persönlichen Besitz und Genuß, füllen unser Herz mit dankbarem Staunen und heiligem Frohlocken und werden uns zum göttlichen Auftrag, daß wir einfach nicht schweigen können, wenn Gott uns die Gelegenheit zum Zeugnis gibt.
Freilich wissen viele von solchen Seligkeiten nichts und halten die wahren Heiligen Gottes für Schwärmer oder Trunkene. Das war von Anfang an so und wird auch in diesem Äon so bleiben. Wer nicht bereit ist, um Christi willen als Narr zu gelten, der ist Seiner nicht wert.
Der uns die Verheißungen Gottes erschließende Heilige Geist ist eine Anzahlung oder ein Angeld unsres Erbes oder Losteils. Da wir als Gemeinde des Leibes Christi Teilhaber oder Mitgenossen Seiner Berufung oder Seines Berufes sind (Eph. 1, 23; 3, 6), werden wir dereinst mit Ihm auch alles erben. Das meist mit “Erbe” übersetzte Wort kleeronomia bedeutet Anteil an einer Sache mit dem Recht des Besitzes und der Verwaltung bzw. Herrschaft; es ist etwas, was einem durch ein Los zugeteilt ist und das einem dann als rechtmäßiges Eigentum gehört.
Als Glieder Christi haben wir das gleiche Losteil wie das Haupt. Das ist etwas unerhört Großes und Gewaltiges. Was das an Würde und Herrlichkeit, an Segnung und Vollmacht in sich schließt, vermögen wir in unserm Niedrigkeitszustand gar nicht zu fassen. Noch gehen wir mit unserm geliebten Herrn den Weg der Verwerfung, aber einst wird aus allen Leiden um Christi willen lauter Herrlichkeit, verwandeln sich unsre Tränen in Edelsteine.
Der in uns wohnende Heilige Geist, durch den die Liebe Gottes in unsre Herzen ausgegossen ist (Römer 5, 5), ist ein Angeld oder eine Anzahlung unsres Erbes. Das bedeutet, daß wir im Geiste all das schon besitzen und genießen dürfen, was wir einmal nach unsrer Emporhauptung zum Herrn wirklich und wesenhaft haben und sein werden. Dieser Christusreichtum ist unerforschlich und unerschöpflich. Man kann darüber nur staunen und anbeten.
In dieser Welt des Scheins und des Zerfalls dürfen wir Bleibendes, Echtes, Göttliches zu eigen haben, da wir ja Erben Gottes und Miterben Christi sind. Es ist so, wie Christus, die ewige Weisheit, in Spr. 8, 21 verheißt: “Die mich lieben, lasse ich beständiges Gut (hebr. yesch = Wirkliches, etwas, das Bestand hat, Wesenhaftes) erben.”
Das Angeld des Geistes hält uns gewissermaßen in heiliger Spannung bis zu dem Augenblick, da wir gelöst, losgemacht oder freigekauft sind. Das sind wir zwar jetzt schon dem Geiste nach. Aber auch Leib und Seele sehnen sich in heißem Verlangen nach dem göttlichen Loskauf in seiner Vollendung. Erst dann, wenn wir in unsrer Gesamtpersönlichkeit, nach Geist, Seele und Leib, die peripoiesis, das von Christus für uns Erworbene, den Gewinn oder die Errettung in ihrem Vollumfang, erlangen, sind wir in Wahrheit ein Lobpreis der Herrlichkeit Gottes. Gedulden wir uns noch ein wenig: bald schlägt die Stunde, da wir bei dem Herrn sein werden allezeit (1. Thess. 4, 17).
6. Das Siegel als Sinnbild der Aufbewahrung
Wenn wir den 14. Vers in Eph. 1 genau ansehen, so finden wir, daß wir die Anzahlung oder das Angeld des Heiligen Geistes “hinein in die Freilösung” oder “zum Zweck der Freilösung” oder “bis hin zur Freilösung” empfangen haben. Das will nicht etwa sagen, daß dann der Geist von uns genommen werde. Im Gegenteil! Dann wird Er uns so füllen und beseligen, wie Er den Herrn, unser Haupt, erfüllt und beseligt. Denn wir werden Ihn ja, da wir dann nicht mehr Fleisch und Blut an uns tragen, allen Einflüsterungen des Feindes und jedem Betrug der Sünde, aller Schwachheit und Ohnmacht völlig entnommen und in Christi Ebenbild verklärt sind, nie mehr dämpfen oder betrüben können. Dann erst wird sich Eph. 3, 19 im Vollumfang bewahrheiten, daß wir “erfüllt sind bis zur ganzen Gottesfülle”.
Die gleiche Wahrheit wie Eph. 1, 13.14 bezeugt Eph. 4, 30, wo wir lesen: “Betrübet nicht (kränket nicht, bereitet keinen Schmerz) dem Heiligen Geist Gottes, mit dem (oder in dem) ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung (oder hin zu dem Tag des Loskaufs).”
Versiegelung bedeutet also Aufbewahrung auf jenen großen Tag, an dem die Erlösung auch unsern Leib der Niedrigkeit erfaßt und ihn verklärt. Jetzt sind wir noch versiegelt. Dann aber werden wir entsiegelt, enthüllt, wird unser innerer Mensch dargestellt, so wie er wirklich ist. Dann erfüllt sich das ernste und doch so beseligende Wort des Dichters:
“Wir werden als ein heilger Same
In das verheißne Erbe gehn.
Es wird ein neuer Gottesname
An den verklärten Stirnen stehn.
Was unter Glauben, Hoffen, Lieben
Der innre Mensch geworden war,
Das ist, wenn alles starb, geblieben
Und wird als Wesen offenbar.”
Heute stehen wir noch in einer dunklen, dumpfen Finsterniswelt des Truges und der Täuschung. Wir leben, wie die Schrift sagt, an einem dunkeln oder trüben Ort (2. Petri 1, 19). Aber einmal kommt alles ans Licht. Die Ratschläge unsrer Herzen und unsre geheimsten Gesinnungen werden enthüllt. Dann erst zeigt es sich, wem wir in Wirklichkeit gelebt und gedient haben, was zutiefst der Gegenstand unsrer Zuneigung und Liebe war: Geld und Gut dieser armen verfluchten Erde, die Welt und ihre trügerische Lust, oder der Herr! Dann werden wir gewissermaßen entsiegelt: das uns heute noch verbergende Siegel wird geöffnet, so daß man klar und deutlich lesen kann, wer und wie und was wir zutiefst geworden sind.
Stellen wir uns vor, ein reicher Mann habe seinem Notar oder Rechtsanwalt ein Testament zur Aufbewahrung gegeben. Außer dem Erblasser und dem Rechtsberater weiß niemand, was darin steht. Die Verwandten und zukünftigen Erben können nur Mutmaßungen anstellen. In irgendeinem Stahlschrank liegt das wichtige Schriftstück, fern vom Tageslicht, verschlossen und unbekannt. Es ist versiegelt. Aber einmal kommt der Augenblick, da dieser versiegelte Brief erbrochen und enthüllt wird. Da lauschen in gespannter Erwartung alle Beteiligten, was jetzt wohl herauskommt.
Ist es nicht auch so mit uns? Sind nicht auch wir Briefe Christi (2. Kor. 3, 3), die zwar einerseits, was ihren Wandel angeht, erkannt und gelesen werden, aber zutiefst doch noch versiegelt und unerkannt sind (2. Kor. 6, 9a)? Sind nicht auch wir aufbewahrt “an einem dunkeln Ort”, “du in deiner Ecke, ich in meiner hier”? Und sehnt sich nicht die gesamte Schöpfung in gespannter Erwartung nach unsrer Enthüllung in Herrlichkeit (Römer 8, 19; Kol. 3, 4)?
Es besteht eine eigenartige Beziehung zwischen uns, die wir noch hier in der Angst und Enge dieser Weltzeit stehen, und unserm Erbe dort oben im Licht. Wir werden durch die Macht Gottes “wie in einer Festung bewahrt” durch den Glauben (1. Petri 1, 5). Und unser Erbe oder Losteil, das dort oben aufgehoben wird, ist unverweslich, unbefleckt und unverwelklich (Vers 4). Wie ganz anders ist das als alles Irdische und Vergängliche, unter dem wir zutiefst leiden und seufzen!
Nun aber haben wir nicht nur eine Anzahlung jener unbeschreiblichen Herrlichkeit, sondern wir selbst werden auch für jenes Losteil oder Erbe aufbewahrt. Lesen wir nicht in Phil. 4, 7, daß der Friede Gottes unsre Herzen und unsern Sinn bewahren wird in Christo Jesu? Und bestätigt uns nicht 2. Thess. 3, 3, daß der treue Herr uns befestigen und vor dem Bösen bewahren wird? Wenn wir uns nach Geist, Seele und Leib im Glaubensgehorsam völlig unserm Herrn und Haupt anvertrauen, so dürfen wir mit Paulus frohlockend bekennen: “Ich bin überzeugt, daß Er mächtig ist, das Ihm von mir Anvertraute (oder: das bei Ihm niedergelegte Gut) auf jenen Tag zu bewahren” (2. Tim. 1, 12). Und im gleichen Brief bestätigt der Apostel in großer Vollgewißheit: “Der Herr wird mich retten von jedem bösen Werk und bewahren für Sein himmlisches Reich” (4, 18).
Wie eine wirkliche Errettung nur durch den Heiligen Geist geschieht, so ist auch unsre Bewahrung allein ein Werk Gottes. Und die Versiegelung mit dem Geist bestärkt und bestätigt die wunderbare Tatsache, daß wir aufbewahrt werden für all das, was der Vater über uns, Seine Söhne, beschlossen hat. Möchten wir doch über die Tatsache unsres Versiegeltseins viel mehr nachsinnen und anbeten! —
7. Das Siegel als Symbol des Dienstes
Laßt uns noch an eine letzte Bedeutung unsrer Versiegelung denken. Wir wissen, daß der Ausdruck Siegel auch für Petschaft (Handstempel zum Siegeln) und Siegelring gebraucht wurde. Man trug den Siegelring entweder an einer Schnur um den Hals oder an der Hand. Wer des Vaters Siegelring verwahrte oder bei sich trug, war sein Stellvertreter, sein Bevollmächtigter. Dieses Siegel besaß meist der älteste Sohn, der darum an Würde und Vollmacht die andern Geschwister überragte.
Vielleicht verstehen wir in diesem Lichte, was es bedeutet, daß der ehemals rebellische, verlorene jüngere Sohn, der vom Träbertrog der Säue heimkehrte, mit offnen Armen und vielen Küssen liebevoll aufgenommen wurde, das weiße Ehrengewand der Gerechtigkeit und die Schuhe der Freiheit erhielt und obendrein sogar noch den Siegelring der Vollmacht ausgehändigt bekam. Das alles war so unerhört, daß wir den Groll des älteren Bruders sehr wohl begreifen können.
Aber so sind nun einmal Gottes Gedanken. Wer wollte Ihn darob schelten und wer könnte Seinem Willen widerstehen? Unser Gott ist eben ganz anders als wir, und erst in der Inbrunst Seiner Liebe zerschmilzt unsre engherzige, selbstgerechte Frömmigkeit. Wenn es Ihm wohlgefällt, daß Erste Letzte und Letzte Erste werden, daß der schwache, erbärmliche Mensch über die höchsten Geistermajestäten erhöht wird und wir als Glieder des Füllechristus Hauptesstellung “über jedes Fürstentum und jede Gewalt” einnehmen (Kol. 2, 10), wer wollte es wagen, Ihn deshalb zu tadeln?
Der heimgekehrte Sohn wird als Letzter Erster und empfängt den Siegelring. “Zu welchem der Engel hat Gott je gesagt: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt”? (Hebr. 1, 5). Wohl sind auch sie Söhne, bene elohim, strahlende, gewaltige Wesen — aber sie sind nicht gezeugt, sondern geschaffen. Wir aber sind gezeugte Söhne des lebendigen Gottes. Welch eine Würde!
Darum sind wir auch der Berufung Christi teilhaftig geworden und dürfen dem Vater als echte, geistgeborene Söhne dienen. Nicht in sklavischer Furcht als Knechte, sondern in der gelösten, vertrauenden Liebe, wie sie nur der Sohn zum Vater hat.
Jesus schwört in Joh. 5, 19-23: “Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, außer was Er den Vater tun sieht; denn was irgend der Vater tut, das tut auch in gleicher Weise der Sohn. Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt Ihm alles, was Er selbst tut; und Er wird Ihm größere Werke als diese zeigen, auf daß ihr euch verwundert. Denn gleichwie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, also macht auch der Sohn lebendig, welche Er will. Denn der Vater richtet auch niemanden, sondern das ganze Gericht hat Er dem Sohn gegeben, auf daß alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.”
Welch ein köstlicher, tiefer Einblick in das Vater-Sohn-Verhältnis ist uns hier gegeben! Dieser Abschnitt ist mit einem doppelten Eidschwur, einem zweifachen Amen eingeleitet. Das ist von tiefer Bedeutung. Nur im Johannesevangelium, das wie kein anderes die Sohnesstellung Jesu Christi zeigt, ist dieser doppelte Eidschwur zu finden. Bei allen andern inspirierten Schreibern heiliger Bücher ist immer nur ein einziges “wahrlich” zu lesen. Das ist weder Zufall noch Nebensache. Denn in Gottes Wort ist alles voll Sinn und Bedeutung, wenn uns auch meist der Blick in die Tiefen dieser Schätze und Schönheiten fehlt.
In Christo Jesu sind auch wir zur Sohnschaft, zur Sohnesstellung oder Sohneswürde berufen (Eph. 1, 5). Er ist unser Haupt, und wir sind die Glieder Seines Leibes (Eph. 1, 23). Dadurch wurden wir aber zu Teilhabern (Eph. 3, 6) und Ausführern der vom Vater gegebenen Verheißungen und Eidschwüre (2. Kor. 1, 20). Darum gilt das, was der Herr von Seinen Zukunftsaufgaben sagt, nicht allein Ihm, dem Haupt, sondern auch uns, den Gliedern. Deshalb beschwört Er Seine Zeugnisse im Johannesevangelium nicht nur mit einem einfachen, sondern mit einem doppelten “wahrlich”.
Die große, wichtige Wahrheit von dem Christus Gottes ersehen wir wiederum klar und deutlich aus 1. Kor. 6, 2 in Verbindung mit Joh. 5, 22. Wohl hat der Sohn das gesamte Gericht vom Vater übergeben bekommen, aber ausgeführt werden die Gerichte durch Seine Glieder. Wie beugt uns das tief in den Staub, wenn wir auf uns blicken, aber wie reißt es uns empor in jene Welten endloser Freude und Gottesseligkeiten, wenn wir den Glaubensblick nach oben richten!
Auf noch eine wunderbare Wahrheit möchten wir in diesem Zusammenhang hinweisen. Der Vater hat nicht deshalb alles Gericht dem Sohn übergeben, damit der Sohn Seiner Liebe Seine Geschöpfe endlos quäle oder völlig vernichte, — nein, das Gericht, d. h. das Richtigmachen dient letztlich dazu, daß der Sohn so geehrt und gepriesen, gebenedeit und verherrlicht werde wie der Vater (Vers 23).
Was der Vater tut, das tut “in gleicher Weise” oder “ohne Unterschied” auch der Sohn, nämlich der aus Haupt und Gliedern bestehende Christus Gottes. Bezeugt das nicht auch Paulus, wenn er in 1. Kor. 13, 12b die gewaltigen Worte schreibt: “Ich werde erkennen, genauso, wie auch ich erkannt worden bin”? Erkennen aber bedeutet zutiefst: neues Leben zeugen. Wer dächte da nicht an 1. Kor. 15, 45b, wo von Christus, dem zweiten Adam, im Gegensatz zu dem ersten Adam, der ein seelischer Mensch war, gesagt wird, daß er ein lebendig machender Geist ist?
So bedeutet unser Versiegeltsein auch, daß wir in den kommenden Ewigkeiten, wenn wir mit unserm Haupte vereint sein werden, umfassende Christusdienste der Sohnschaft ausführen dürfen zur Ehre Gottes des Vaters. —
“Alles, was wir nicht aus Gottes heiligen Händen nehmen, beschlagnahmt der Teufel.” Dieses Wort gilt schlechterdings für alle Gebiete unsres Leibes-, Seelen- und Geisteslebens. Denken wir nur daran, wieviel Leid und Jammer sowohl durch bittere Armut als auch durch großen Reichtum bewirkt werden können. Gerade unsre Gegenwart mit ihrer Verzweiflung und ihrer Genußsucht bietet tausendfache Belege dafür.
Wer nicht an die Macht der Liebe und Gnade Gottes glaubt, der vertraut auf Sterne und Amulette, auf Spiritismus und Zauberei. Denn wo dem Bibelglauben die Türe gewiesen wird, steigt der Aberglaube durchs Fenster. Wer sich nicht an Gott orientiert, verfällt letztlich unweigerlich finsteren Gewalten.
Daß das, was wir nicht aus Gottes Händen nehmen, vom Feind verdreht und mißbraucht wird, gilt auch für Schriftwahrheiten. Kein biblisches Lehrgut kann auf Dauer ohne Schaden unterschlagen werden. Wundern wir uns nicht, daß dort, wo nicht der Vollumfang des Evangeliums in Kirchen und Gemeinschaften, in Freikirchen und christlichen Vereinen bezeugt wird, Sekten und Irrlehren auftauchen, die kühn behaupten, sie hätten die ganze Wahrheit, sie allein wüßten um den Heilsplan Gottes, sie nur seien die Auserwählten und könnten Menschen versiegeln, so daß diese dann erst wirklich errettet seien und das Ziel der Vollendung auch erreichten.
Wenn sich die Gemeinde der Gläubigen, wie verschieden auch ihre Lehrerkenntnis im einzelnen und wie unterschiedlich sich die Formen ihrer Organisationen und Ordnungen auch darstellen, nach den hohen Heilszielen Gottes ausstreckte, wie sie im paulinischen Fülle-Evangelium dargeboten sind (man denke nur etwa an Eph. 4, 11-16; 1. Kor. 4, 1; Eph. 3, 19; Kol. 1, 9-20), so könnte sie vor vieler Erschütterung, Unruhe und Verführung bewahrt bleiben und würde Kol. 2, 18.19 zu ihrem Frieden und ihrer Auferbauung und Vollendung beherzigen: “Laßt niemand euch um den Kampfpreis bringen, der seinen eignen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel, indem er auf Dinge eingeht, die er gesehen hat, eitler Weise aufgeblasen von dem Sinne seines Fleisches und nicht festhaltend das Haupt, aus welchem der ganze Leib durch die Gelenke und Bande Darreichung empfangend und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst.” —
Vielleicht darf auch das vorliegende schlichte Zeugnis von der Versiegelung ein klein wenig dazu beitragen, daß wir mit freudig bewegtem Herzen erkennen, wie groß und tief und weit, und doch wie klar und schlicht und einfach die Wahrheiten Gottes sind. Möchten wir bei der Betrachtung der Versiegelung durch den Heiligen Geist in die jauchzende Anbetung des Dichters einstimmen, die er in die Worte gekleidet hat:
“Alle Himmel sind zu wenig
Für die Seele, der ihr König
Hat Sein Siegel aufgedrückt!”
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 4/1983; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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