Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Triumph der Gnade

Autor: Bayer, Rupprecht  |  Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Paulus  |  693 x gelesen

(Apostelgeschichte 9, 9-29)

In den Briefanfängen der Paulus-Briefe können wir immer den Zuspruch lesen: “Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.” Das ist keine fromme Rede, keine Formsache (wie förmlich sind wir in unseren Briefen), sondern innerste Regung des Herzens. Seine ganze Freude und Glückseligkeit, seine tiefempfundene Dankbarkeit und sein überströmender Lobpreis kommen in dieser Zusage zum Ausdruck. So darf er es an die Gemeinden weitergeben, daß ihn die Gnade ergriffen hat, und daß er in Jesus Christus zum Frieden mit Gott gekommen ist. Gnade und Frieden hatte ihm keiner aufgeschwatzt, er hatte beides durchlebt und durchlitten. Das war das Ergebnis des Damaskusgeschehens.

Paulus hat jenes Ereignis nicht einfach “automatisch” über sich ergehen lassen. Der Apostel ist — wie in allem — ein Typus dafür, daß bei den Wirkungen des Heiligen Geistes die menschliche Persönlichkeit nicht ausgeschaltet wird. Hier geschieht nichts im Unterbewußtsein, in einem Trancezustand, sondern in völligem Bewußtsein, unter Beteiligung der persönlichen Verantwortlichkeit. Ganz bewußt ordnet er sein neues Werden, sein gesamtes Denkvermögen, dem Gehorsam Jesu Christi unter (2. Kor. 10, 5). Die drei Tage der Einkehr sind für seine Zukunft von entscheidender Bedeutung.

“Siehe, er betet!”

Unter Beten und Fasten verarbeitet er alles, was mit ihm geschehen war, und bespricht in der Einsamkeit seine neue Lage mit Jesus. So wird die stille Gebetszeit sein erstes Erkennungsmerkmal für das total veränderte Sein in Christus. In der Zwiesprache mit dem Herrn fleht er zu IHM. Dabei darf er seine Berufung empfangen, als auserwähltes Werkzeug den Retternamen Jesu Christi in die Welt zu tragen. Er weiß sich von jetzt an als Sklave seines neuen Dienstherren, der nun das Kommando seines Lebens übernommen hat. Er weiß sich als Gesandter des Herrn, “nicht von Menschen und durch Menschen, sondern durch Jesus Christus” (Gal. 1, 1), “durch den Willen Gottes” (2. Kor. 1, 1), “nach der Anordnung Gottes” (1. Tim. 1, 1).

“Siehe, er betet”, ist das auch unser Erkennungsmerkmal? Stehen wir in ständiger Gebetsverbindung mit Gott? Besprechen wir alles mit IHM? Oder holen wir immer noch so viel Rat bei Menschen? Paulus “besprach sich nicht mit Fleisch und Blut” (Gal. 1, 16), sondern holte sich Weisung beim Herrn. Ein Zeuge Jesu Christi sagte einmal: “Was du an der Gebetszeit absparst, verlierst du; was du dazufügst, gewinnst du!” Wer den Herrn preisen kann, gerade dann, wenn er, wie hier Paulus, völlig niedergeschmettert am Boden liegt, der verherrlicht Gott. Das ist der Weg, auf dem auch du auf deine Probleme Antwort von IHM bekommst!

“Er ist mein auserwähltes Gefäß”

Das Damaskuserlebnis stülpt das ganze seitherige Denken des Apostels auf den Kopf. Er muß total umdenken und sich an Jesus Christus neu orientieren (Phil. 3, 7-9). Auch unsere gewohnten Normen werden durch IHN zerrissen. Unsere üblichen Maßstäbe werden gesprengt! Nun stellen wir uns nicht mehr dem Zeitgeist und dem Denkschema dieser Welt gleich, sondern lassen uns in unserem Denksinn verwandeln (Röm. 12, 2).

Wer Paulus begreifen will, muß mit Damaskus beginnen. Strikt lehnt er von nun an die Vermischung der christozentrischen Gnadenbotschaft mit Gesetzesforderungen ab. Welch scharfe Worte findet er in dieser Hinsicht besonders den Galatern gegenüber! Kompromißlos verkündet er die Rechtfertigung vor Gott allein aus dem Glauben an Jesus Christus. Nun ist es ihm offenbart worden, “daß durch das Gesetz niemand vor Gott gerechtfertigt wird … Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes” (Gal. 3, 10-13).

So wird Paulus zum auserwählten Werkzeug Jesu Christi, um Seinen “Namen zu tragen sowohl vor Nationen als Könige und Söhne Israels” (Apg. 9, 15). Er soll Seinen Namen unter die Nationen tragen, d. h. IHN bezeugen, nicht aber die Völker bekehren. Und er soll den Namen Jesu Christi auch vor die “Söhne Israels” tragen. Letzteres übersehen wir oft und vergessen, daß die Gemeinde auf den Schultern Israels ruht (Röm. 11, 17-24). Selbstverständlich wissen wir, daß Paulus wiederholt die göttliche Weisung erhielt, in der Völkerwelt Jesus Christus zu verkündigen (z. B. Apg. 22, 21; Gal. 1, 16; Eph. 3, 8; Kol. 1, 27). Zugleich ist er aber auch, was das Volk Israel anbelangt, “eine Frühgeburt” (1. Kor. 15, 8). Einst wird Israel dasselbe erleben, es wird wie Paulus den Messias schauen; dann werden sie DEN erkennen, den sie durchstochen haben (Sach. 12, 10); dann wird es die Vollgeburt eines ganzen Volkes sein. Israel wird in Apg. 9, 15 nach den Nationen genannt. Ist das Zufall? Auch die Reihenfolge stimmt im Wortlaut des biblischen Textes mit dem Geschehen im Heilsplan Gottes überein (vgl. Apg. 15, 14-17).

Gewiß, jetzt sind die aus den Nationen an der Reihe, aber wenn die “Füllezahl”, Seine Gemeinde, herausgerufen worden ist (Röm. 11, 25.26), wird die abschließende Völkermission durch Israel im Messianischen Königreich stattfinden (Apg. 15, 16-18). Alles aber wurde einmal ausgelöst durch Paulus, das “auserwählte Gefäß”. Mit einem so weitreichenden Auftrag wurde unser Apostel betraut. “Deshalb ist es nicht ganz korrekt, wenn wir sagen, die Berufung des Paulus sei nur die eines Heidenapostels. Er ist nicht ausschließlich zu den Heiden gesandt, sondern zu dem Volk Israel und zu den Heiden (vgl. auch Röm. 1, 14-16). Er ist der Universalapostel der ganzen Menschheit” (Langenberg). Welch ein Triumph der Gnade!

Und was ist’s mit der Taufe bei Paulus?

Seine Taufe ist bedeutend mehr als eine “christliche” Handlung, bedeutend mehr als äußere Form; sie ist auch weit mehr als ein bloßer Bekenntnisakt. Paulus stellt in der Taufe sein tiefgreifendes Glaubenserlebnis als wirklich an ihm geschehen dar. Er demonstriert ein totales Hineinversenktwerden in die Todes- und Lebensgemeinschaft mit dem HERRN. Das alte Leben hatte er bewußt abgetan, und das Neue Leben in Jesus Christus sollte als neuer Anfang, als radikale Lebenswende, bezeugt werden.

An ihm ereignet sich in der Taufe das grundlegende Geschehen, das er später in Römer 6, 3-11 in Worte faßt. Er läßt sich hineintauchen in den Tod Jesu Christi als mitgekreuzigt und mitbegraben. Aber zugleich feiert er auch das Auferstandensein mit Jesus Christus zu einem Neuen Leben. Und das alles geschieht zur Verherrlichung Gottes.

Das ist nun fortan seine Rechtfertigung vor Gott: Er stellt dar, daß er in Christus der Sünde ein für allemal gestorben ist und, was er nun noch lebt, Gott lebt in Jesus Christus, seinem Herrn. Seine Taufe ist gewissermaßen das Siegel, daß er ganz einsgemacht ist mit Jesus. Einsgemacht mit dem Tode Jesu Christi, einsgemacht mit Seiner Auferstehung. Das stellt nun Paulus im täglichen Wandel dar (1. Kor. 15, 31). Sein altes Leben endet im Tode Jesu, sein Neues Leben beginnt mit dem Auferstandenen. Das ist seine Taufe, das ist nun sein Leben. So kann Paulus triumphieren: “Ich bin mit Christus gekreuzigt; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir” (Gal. 2, 20).

Täglich gibt es in unserem Leben genug Gelegenheiten, uns in unserem Mitgestorbensein und Mitauferwecktsein zu bewähren. Solche Situationen legt Gott in die kleinsten Zerreißproben des Alltags. Hierin den Herrn zu verherrlichen, war das Geheimnis des Apostels Paulus. Das darf auch unser Geheimnis sein. Dann kommt es auch in unserem Leben zu einem Triumph der Gnade.

“Ich werde ihm zeigen, wieviel er für meinen Namen leiden muß”

Mit der Demütigung von Damaskus beginnt bei Paulus der Sterbensweg. Konsequent geht er ihn bis ans Lebensende.

Der 2. Korintherbrief schildert uns seine Schwierigkeiten und Drangsale, die dornenvollen Zerbruchswege. Aber inmitten aller Leiden lebt in ihm eine heilige Freude. Wenn man oft den Eindruck hat, die Tiefenwege müßten ihn erdrücken, rühmt er das Erbarmen Gottes, das Heil in Christo; da ist er getröstet in IHM; wenn er im Kerker sitzt, geschehen Zeichen und Wunder (Apg. 16, 23-26), und Gott enthüllt ihm Einsichten in Seinen Heilsplan, die keinem früheren Offenbarungsträger Gottes gezeigt wurden. Auf dem Wege des Zerbruchs macht Paulus seine Gnadenerfahrungen, und alles geschieht bei ihm unter Danksagung und Lobpreis.

Der Herr ließ es Paulus im Vollmaß erfahren, wieviel er für Seinen Namen leiden mußte. Aber nur dadurch wurde er der geisterfüllte Apostel, dem Gott die höchsten Offenbarungen anvertrauen konnte. Unter Leiden wurde er “zum auserwählten Gefäß” Christi “passend gemacht”. Wir sollten unter diesem Aspekt wieder einmal den zweiten Korintherbrief lesen, zumindest aber folgende Stellen nachschlagen: Kapitel 1, Verse 3-9; 4, 10-11; 6, 4-10; 11, 23-31; 12, 7-10.

Gott will auch uns auf dem Leidensweg nur zurüsten, zubereiten, “passend machen” (Eph. 4, 2). Auch wir erfahren im Zerbruch “die Segnungen aus der Tiefe”. Darin ist uns Paulus zum Beispiel gesetzt, zum “Typus”. Deshalb fordert er uns wiederholt auf, seine Nachahmer zu werden (1. Kor. 4, 16; Phil. 3, 17). “Werdet doch wie ich” (Gal. 4, 12), d. h. vollzieht dieselben Glaubensschritte.

Leiden sind schmerzhaft. Aber nur so bringt uns Gott dahin, daß wir unser Vertrauen nicht mehr auf uns selbst setzen, sondern auf IHN (2. Kor. 1, 9). Deshalb sagt der Bibelausleger Langenberg: “Leiden ist die schmerzhafte Loslösung von uns selbst. Nur so führen wir den Glaubenskampf nicht mehr in eigener Kraft. Nur so wird Seine Kraft in uns mächtig (2. Kor. 12, 9). Nur so erfahren wir, daß sich Seine Allmacht mit unserer Ohnmacht verbindet. Nur so können wir Gott verherrlichen. Nur so ist auch unser Leben, unser Wandel in Christus ‘etwas zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit’ (Eph. 1, 12), ein Triumph Seiner Gnade!”

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 5/1983; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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