Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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“HERR, wer bist Du? — HERR, was willst Du?”

Autor: Bayer, Rupprecht  |  Kategorie(n): Glaubensleben & Wandel, Paulus  |  529 x gelesen

(Apostelgeschichte 9, 1-8)

In der ganzen Bibel wird uns keine Bekehrungsgeschichte so ausführlich geschildert wie die des Paulus. Sie hat seinen Glauben und sein Leben so fundamental geändert, daß er später in seiner Verkündigung von diesem Eingriff in sein Leben wiederholt berichtet (Apg. 22, 6-16; 26, 12-18) und in seinen Briefen ihn immer wieder erwähnt (1. Kor. 9, 1; 1. Kor. 15, 9-10; Gal. 1, 13; 1. Tim. 1, 13).

Bei Paulus ereignet sich in seiner Bekehrung nicht eine allmähliche Veränderung. Wenn auch manche von uns Zeit und Stunde ihrer Umkehr genau angeben können, so verläuft dennoch unser Ablegen des alten Adam und das Anziehen des Neuen Menschen durchweg in einem großen Bogen, und nicht in einer augenblicklichen Kehrtwendung. Bei unserem Apostel findet eine plötzliche Wandlung statt, und das ohne jede Mitwirkung von Menschen. Es ist ganz allein die Macht der Wirkung Jesu Christi, Sein Werk.

Was braucht es bei uns oft an Seelsorge, an geistlicher Betreuung, an Aussprachen, bis es endlich soweit ist, daß die Gnade in uns siegt. Der HERR gibt uns bei Paulus einen wunderbaren Anschauungsunterricht von dem überwältigenden Triumph der Gnade. Der Apostel bekennt immer wieder in seinen Briefen unter Danksagung, wie die Gnade unseres Herrn über die Maßen in ihn überströmte (1. Tim. 1, 12-16).

Der erbittertste Feind soll zum Heilsträger der weltweiten Evangeliumsbewegung werden. Sicherlich waren die meisten von uns ehemals keine Verfolger der Gemeinde, aber dennoch müssen wir uns bewußt sein, daß wir von Natur aus alle Rebellen gegen Gott sind. Wir müssen uns von dem Wort treffen lassen: “Die ihr einstmals entfremdet und Feinde gewesen seid in der Denkart und in den bösen Werken” (Kol. 1, 21).

“Herr, wer bist Du?”, ertönt die zitternde Stimme des Paulus. In der Lutherübersetzung (auch bei Schlachter) steht noch eine Frage: “Und er sprach mit Zittern und Zagen: Herr, was willst Du, daß ich tun soll?” Wenn auch diese Rede in der Elberfelder und anderen Übersetzungen an dieser Stelle fehlt, so muß doch Paulus damals diese Frage dem Herrn gestellt haben; in Apg. 22, 10 bezeugt er dies.

Jenes erste Gespräch mit Jesus ist für Paulus lebenslang maßgebend. Es trifft sein ganzes Umdenken und Neudenken. Ich habe den Eindruck, als stehe sein weiteres Leben unter diesen beiden Fragestellungen. Sie bilden den Grundton der Offenbarungen, für die ihm die Augen geöffnet werden: “HERR, wer bist Du?” — “HERR, was willst Du, daß ich tun soll?” IHN zu erkennen (Wer bist Du?) und Seinen Willen zu tun (Was willst Du?), war von jetzt ab sein heißes Verlangen, sein ganzer Lebensinhalt: “… zu erkennen das Geheimnis Gottes, des Vaters, und Christi” (Kol. 2, 2), um “erfüllt zu werden mit der Erkenntnis Seines Willens” (Kol. 1, 9).

Bewegen auch uns diese beiden Fragen? Sie sollten uns nicht mehr loslassen. Sie sollten uns in unserer Lebensexistenz erschüttern, unser Herz durchbohren! Und das nicht nur am Anfang unseres Glaubenslebens, sondern immer wieder. Was steckt in diesen beiden Fragen alles drin:

Herr, wer bist Du? — Herr, offenbare Dich mir, erschließe mir Dein Wort; ich möchte mich Dir ganz öffnen! — Herr, wer bist Du? — Laß mich tiefer in Dein Wort eindringen, um Dich immer völliger erkennen zu dürfen! — Herr, ich möchte über Dich nachdenken, mein Denkvermögen möchte ich Dir zur Verfügung stellen! — Herr, wer bist Du?

Herr, was willst Du? — Was hast Du mit mir vor? — Was ist Dein Wille mit mir und der Welt? Welchen Plan hast Du mit mir, mit den Menschen? — Herr, was willst Du? — Herr, mein Eigenwille soll nicht länger über mich herrschen, laß mich Deinen Willen erkennen! Ich möchte mich von Dir führen lassen! Ich möchte erkennen, was vor Dir recht ist! Dein Wille, Herr, geschehe! Darf ich dabei Dein Werkzeug sein? — Herr, was willst Du, daß ich tun soll?

“HERR, wer bist Du?”

Erschüttert vernimmt Paulus: “ICH BIN Jesus, den du verfolgst!” Schier unfaßbar: So antwortet die Stimme Jehovahs! Paulus wähnt, der treueste aller Seiner Diener zu sein, und er bekommt eine solche Antwort! Er muß erkennen: Ich bin ja ein Verfolger Jehovahs! Aus Seinem Munde vernimmt er: Du bist mein Feind! Das schmettert ihn nieder! Das vernichtet seine seitherige Überzeugung! Er hätte nie geahnt, daß er sich in seiner Gottesvorstellung so getäuscht hat!

Jehovah ist demnach kein anderer als Jehoschua, Jeschua, Jesus! “Und DEN verfolge ich?”, so mußte sich Paulus fragen. Dann hat also diese verhaßte Sekte der Nazarener (Apg. 24, 5), haben diese Christen doch die Wahrheit?! Nicht ich?! Welch eine Zielverfehlung muß Paulus an sich entdecken! Deshalb bezeichnet er sich als den ersten der Sünder (1. Tim. 1, 15). Schockierend schlägt es in Paulus ein: Ich, Paulus, verfolge den ICH BIN, der schon im brennenden Dornbusch zu Mose redete! ER sagte nicht zu mir: Ich bin Gott, oder ich bin Jehovah, sondern: “ICH BIN Jesus!” Du, Jehovah, bist also doch in Jesus Mensch geworden?! Du, Jehovah, und Du, Jesus, bist ein und derselbe!

Wie tief muß ihn das gedemütigt haben! Ob nicht hier schon in Paulus der Grund gelegt wurde für das Geheimnis der Leibesgemeinde des Christus? Denn dieser Jesus erklärt sich solidarisch mit denen, die Paulus verfolgt. Dieser Jesus steht in innerer Verbundenheit mit Seinen Gliedern auf der Erde. “Ich bin Jesus, den du, Paulus, verfolgst!” Er hat doch Jesus nicht verfolgt, sondern Menschen, die “abtrünnig” wurden vom Glauben der Väter. Nun erfährt er: Indem er diesen Christen mit abgrundtiefem Haß nachjagte, verfolgte er Jesus. Jesus identifiziert sich mit Seinen Gliedern! Diese Erkenntnis bewirkt eine radikale Lebensumwandlung. Paulus kapituliert!

“HERR, was willst Du, daß ich tun soll?”

“Stehe auf und gehe in die Stadt; dort wird man dir sagen, was du tun mußt.” Der stolze Paulus, stolz auf seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Pharisäer, stolz auf seine Gelehrsamkeit und Gesetzesgerechtigkeit, der stolze Paulus wird tief gedemütigt. Als völlig gebrochener Mann muß er sich in die Stadt führen lassen. In jene Stadt wollte er doch als Christenverfolger einziehen, als mächtiger Mann, als Sieger über die Abtrünnigen! Nun kommt er daher als Ohnmächtiger, als Besiegter. Sein Ruhm wurde in eine Niederlage verwandelt! In Damaskus wird er erst weiter erfahren, was mit ihm geschehen soll.

Jesus sagt nicht: “ICH werde dir dort sagen”, sondern: “Dort wird man dir sagen.” Vom ersten Augenblick an muß Paulus lernen, sich zu beugen. Von einem, den er gefangen abführen wollte, muß er sich unterweisen lassen. Der Anführer einer gewaltigen Bewegung ist zu einem Geführten geworden. Hier liegen die tiefen Wurzeln seines Zerbruchsweges, auf dem er nun konsequent weiterschreitet.

“Was willst Du, daß ich tun soll?” Keine Gesetzeswerkerei, keine eigenen Leistungen sollst du hinfort vollbringen, sondern ganz einfach die Gnade Jesu Christi wirken lassen! — Ich bin davon überzeugt, daß Paulus in jenen Tagen bereits grundlegend erkennt, was er später in Römer 7 niederschreibt:

Er wollte das Gute und tat das Böse. Er handelte fleischlich und nicht geistlich. Er war unter die Sünde verkauft. Er lebte in völliger Zielverfehlung. Er entdeckte: In meinem Fleisch wohnt nichts Gutes; ich habe nur den Tod verdient. “Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?” Gnade! Gnade! — Paulus lernt nach Gnade schreien! Im totalen Zusammenbruch blutet sein innerstes Wesen. Und die Gnade ist für ihn da! “Gnade aber tut’s! Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn” (Röm. 7, 25; Konkordante Wiedergabe).

Der Herr hat an ihm Ungeheures gewirkt: einen Triumph der Gnade, selbst durchlitten, an seinem eigenen Leibe! — “Ich ward ergriffen von Christus Jesus” (Phil. 3, 12). “Es gefiel Gott wohl, Seinen Sohn in mir zu offenbaren” (Gal. 1, 15). “Auf daß sich vor IHM kein Fleisch rühme; wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn” (1. Kor. 1, 29.30). — Und Paulus fragt uns: “Was rühmst du dich noch, als ob du es nicht auch empfangen hättest?” (1. Kor. 4, 7). Wir wollen uns nicht vergeblich fragen lassen und uns ernstlich besinnen: Wie steht es bei dir und bei mir? Reden wir nur fromme Worte nach? Haben wir aus unserer Bekehrung (auf die viele immer noch so stolz sind) eine billige Gnade gemacht? Oder ist sie uns teuer, teurer als am Anfang unseres Glaubens, staunenswerter, heiliger, anbetungswürdiger? Wo rühmen wir uns noch? Haben wir wirklich die “Gnade des Nullpunktes” ergriffen? Hören wir nicht auf, über jene Fragen nachzudenken: “HERR, wer bist Du? HERR, was willst Du?” Die Antworten finden wir in der Heiligen Schrift. So darf auch unser Leben ein Triumph der Gnade sein und werden!

Liebe ohne Ende,
die mein Sehnen stillt,
Deine Meisterhände
prägen mich zum Bild
Deiner Wesensklarheit,
Deiner Gotteskraft,
die in Menschenschwachheit
Deine Werke schafft.
Liebe ohne Ende,
zieh mich himmelwärts,
Deinen Geist mir sende
völliger ins Herz.
Nichts sei mir zum Schaden,
alles dazu dient,
daß ich sei in Gnaden
Werkzeug, das Dich rühmt.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 4/1983; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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