Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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Gottes Zorn und Liebe

Autor: Heller, Adolf  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Gerichte Gottes, Heilsgeschichte, Lehre  |  514 x gelesen

Immer wieder hat man in Gottes Sein und Wesen Zwiespältigkeit hineinzutragen versucht, indem man seinen Zorn gegen seine Liebe ausspielte und ihn so in das verfinsterte Vernunftlicht menschlicher Philosophie rückte. Die Folge war, daß man immer wieder an ihm irre werden mußte, da man seinen ureigentlichen Charakter nicht erkannte.

Das war schon Satans Taktik im Paradies! Er schrieb Gott eine Gesinnung zu, die diesem gar nicht eignete, und erreichte, daß der Mensch seinem Schöpfer mißtraute und so in Ungehorsam verfiel. Ist es heute im tiefsten Grunde anders? Wir wähnen, Gott wolle uns um letzte und höchste Lustgewinne betrügen und suchen diese deshalb auf eigenwilligen Wegen des Ungehorsams zu erreichen. Das aber ist unser Verderben, denn so verfallen wir dem Betrug des Feindes.

Gottes Wort, die klare, lautere und einzige Quelle dessen, was und wie und wer Gott wirklich ist, ist weder eine Dogmensammlung noch ein Paragraphenbuch, das man so handhaben könnte, wie man irgendein Nachschlagewerk benützt. Die heiligen Schriften sind so beschaffen, daß nur ein gedemütigtes und gehorsames Herz ihren Reichtum erfährt, ihre Kräfte empfängt und ihre Seligkeiten genießt. Man kann alles Mögliche und Unmögliche mit Gottes Wort beweisen, kann die Schrift entleeren und verdrehen, ja, kann sie zum Instrument machen, mit dem man die Heiligen und Geliebten Gottes zu Tode quält. Das ist im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder geschehen, einerlei, ob es sich um Welt- und Machtkirchen oder um Sekten, Gruppen und Parteien handelte.

Es ist eine ernste, heilige, verantwortungsvolle Sache, sich auf die Bibel zu berufen. Und doch ist der schlichte Weg selbstloser Treue und hingegebenen Gehorsams gegenüber der Schrift so einfach, daß selbst die Toren darauf nicht irren. Denken wir doch daran, daß Gott sein Wort und Evangelium nicht Großen, Starken und Hohen, sondern ganz einfachen, schlichten Menschen gab: Hirten und Fischern, Bauern und Beamten; vergessen wir auch nicht, daß der Sohn Gottes ein kleiner Handwerker war! Und da, wo hervorragend begnadete Persönlichkeiten Träger höchster Gottessegnungen waren, — denken wir nur an einen hochgebildeten Mose, an Könige wie David und Salomo, an einen Minister Daniel, einen Saul von Tarsus usw. —, da mußten diese Männer zunächst durch tiefe Demütigungen und Zerbrüche hindurch, um wirklich brauchbar für Gott zu werden.

Man kann darum im ungebrochenen Zustand selbstbewußter, ichhafter Frömmigkeit weder Gottes Wort und noch weniger Gottes Wesen fassen und haben. Das kann uns nur der Geist mitteilen, indem er uns dem Tode Christi gleichgestaltet. Wer aber — wir reden menschlich! — nicht darauf eingehen will, der wage sich nicht an die heiligen Bezirke dessen, was Gottes ist! Denn “der Herr ist gar schrecklich im vertrauten Kreise der Heiligen, ist furchtbar über alle, die rings um ihn her sind” (Ps. 89, 7). Das hat schon die griechische Weltweisheit geahnt, wenn sie durch einen ihrer Vertreter sagen ließ: “Wer Gott sieht, stirbt!”

Was der Herr an geistgemäßer, innerer Schau schenkt und wesenhaft darreicht, kann man niemand aufdrängen mit Mitteln der Überredung oder zwingender Logik. Geistliche Dinge können nur durch geistliche Methoden und auf geistlichem Wege bezeugt und mitgeteilt werden (1. Kor. 2, 13). Darüber hinaus besteht die ungeheure Gefahr, der schon viele erlegen sind, daß das, was wirklich einmal geistgewirktes, inneres Eigentum war, durch Gewohnheit, Selbstsucht und Untreue zum Religionsmechanismus eines toten Wissens, einer leeren Form, eines bloßen Lehrbildes der Gottseligkeit wird, wobei aber die Kraft selbstloser, demütiger Liebeshingabe völlig verloren ging (2. Tim. 3, 5). Das schlimmste dabei ist, daß man in diesem Zustand wohl alle andern, nicht mehr aber sich selbst zu beurteilen vermag. Davor wolle Gott dich und mich in Gnaden bewahren! —

Wenn wir nun etwas sagen möchten über Gottes Zorn und Liebe und ihr Verhältnis zueinander, so soll es uns ein heiliges Anliegen sein, im Gleichgewicht der gesamten Schriftwahrheit zu bleiben. Wir wollen nichts überbetonen, aber auch nichts unterschlagen. Wir möchten ein Zeugnis ablegen von dem, was Gott selbst uns beseligend ins Herz gesenkt hat und was uns zur Kraft und Freude unsres Lebens geworden ist.

“Gott bleibt sich gleich, und wer kann seinen Sinn ändern? Er wird vollenden, was über mich bestimmt ist” (Hiob 23, 13.14). Wenn wir dieses Wort so nehmen, wie es dasteht, so werden wir von tiefer, überströmender Freude erfüllt. Denn damit ist der Schwerpunkt unsres Lebens in Gott hineinverlegt. Und er ändert sich nicht, noch kann jemand ihn ändern. Was er beschließt, führt er auch aus und vollendet es.

Es handelt sich also darum, zu wissen, wer und wie Gott ist und worin seine Pläne und Ziele bestehen. Aber da erhebt sich sofort eine Reihe quälender Fragen: Kann man denn überhaupt Gottes letzte und tiefste Gedanken wissen? Steht es uns Sterblichen zu, in das Geheimnis seines Willens hineinzuschauen? Und beweist nicht die ungeheure Macht des Bösen in der Welt, daß der sogenannte “liebe Gott” gar nicht existiert, oder daß er, wenn er wirklich lebt, weder allmächtig noch die Liebe ist, da doch sonst eine solche “Weltordnung” von Wahnsinn, Haß und Grauen gar nicht bestehen könnte?

Und doch ist die Zentralbotschaft vom Wesen Gottes die, daß er Liebe ist. “Gott ist Liebe” (1. Joh. 4, 8b). Was ist doch in diesen drei Worten enthalten! Wenn unsre Bibel nur aus diesem Sätzlein bestünde, so sollte uns das eigentlich genügen. Aber um unsres Unglaubens und unsrer Schwachheit willen werden uns Tausende von Verheißungen und Beweisen, von Erklärungen und Darlegungen, von Begebenheiten und Bildern gegeben, in denen sich, wenn wir sie vom Zentrum her in göttlicher Innenschau zu sehen versuchen, die qualvollen Rätsel der Schöpfung und des Menschseins wunderbar und beseligend lösen.

Aber wenn Gott wirklich die Liebe ist, wie kann da so oft von seinem Zorn die Rede sein? Kann man denn zugleich lieben und zürnen? Ist das nicht ein unlösbarer Widerspruch? Wir wollen hinsichtlich des Zornes Gottes ein Dreifaches erkennen:

  1. Gottes Zorn ist eine Auswirkung seiner Liebe
  2. Gottes Zorn ist zielgemäß begrenzt
  3. Gottes Zorn ist zeitlich begrenzt

Gott verlangt von den Korinthern, daß alles bei ihnen, also auch die notwendigen Maßnahmen biblischer Gemeindezucht, wie wir sie gerade in diesen Briefen finden, in der Liebe geschehe, wie in 1. Kor. 16, 14 geschrieben steht: “Alles bei euch (oder: alle eure Dinge oder Angelegenheiten) geschehe in der Liebe.” Kann es im Licht dieser göttlichen Anordnung irgendein Vorhaben, irgendein Wort, irgendeine Gottestat geben, die aus etwas anderem als aus der Liebe geboren ist? Die Frage stellen, heißt sie verneinen.

Wenn Gott im Alten und Neuen Testament gebieten ließ, hungernde Feinde zu speisen und dürstende Gegner zu tränken (Spr. 25, 21.22; Römer 12, 20), wenn er befahl, seine Widersacher zu lieben (Matth. 5, 44) und das Böse nicht etwa durch endlose Qual zu bestrafen oder durch Vernichtung auszurotten, sondern vielmehr durch das Gute (Edle, Heilsame oder Glückbringende) zu überwinden (zu besiegen, zu übertreffen), wie wir in Römer 12, 21 lesen, sollte er da selber weniger sittlich sein als wir, von denen er das verlangt? Das könnte nur der für möglich halten, der seines Geistes nie einen Hauch verspürte!

Warum aber zürnt und straft dann Gott? Wir wollen ein einfaches, leider meist unbeachtetes Wort aus dem Buch der Sprüche nennen, das uns hier Licht gibt, 3, 12: “Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und zwar wie der Vater den Sohn, an dem er Wohlgefallen hat.” Die Kautzsche Textbibel sagt: “Wen Jahwe liebt, den straft er, und zwar wie ein Vater den Sohn, dem er wohlwill.” Wieviele Irrwege und Katastrophen der Erziehung wären vermieden worden, wenn man aus falscher Weichheit und völliger Unkenntnis der menschlichen Seele dieses Wort nicht verachtet und übertreten hätte!

Von zwei Stücken ist hier die Rede: von Gottes Liebe und von Gottes Wohlgefallen, Wonnewillen oder Wohlwollen. Sie sind die Wurzeln und Quellen seines Handelns mit seiner Schöpfung. Es gibt Umstände und Verhältnisse, in denen sich seine Liebe und sein Wohlwollen in Form von Züchtigung und Strafe auswirken. Ist es bei Eltern, die nicht im Affekt, d. h. in der Erregung ihres Gemütes, sondern nach vorherigem Gebet strafen, anders? Gottes Wort hat schließlich doch recht, wenn es sagt: “Wer die Rute spart (d. h. sie nicht gebraucht), der haßt seinen Sohn; aber wer ihn lieb hat, sucht ihn frühe heim mit Züchtigung” (Spr. 13, 24).

Wem freilich die Bibel nicht Gottes Wort ist, der lehnt diesen “überwundenen Erziehungsstandpunkt” ab. Die modernen Statistiken jugendlicher Kriminalität beweisen ja zur Genüge die Erfolge. Über dieses ernste Kapitel wäre viel zu sagen von Eltern und Erziehern. Aber es hat gar keinen Wert, zu streiten. Wer nicht aus Liebe strafen und züchtigen kann, soll es lieber ganz sein lassen und zunächst einmal sich selber richten und von Gottes Geist strafen lassen.

Wahre, göttliche Liebe ist nicht immer zart und süß, sondern oft “gewaltsam wie der Tod; hart wie das Totenreich ist ihr Eifer, ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme des Herrn” (Hohelied 8, 6b). Hier werden die Gewalt des Todes, die Härte, d. h. die Unentrinnbarkeit des Totenreiches und die Gerichtsgluten und Feuerflammen göttlicher Strafe mit der Stärke seiner heiligen Liebe in Verbindung gebracht Die Liebe aber ist stärker, denn “große Wasser vermögen nicht die Liebe auszulöschen, und Ströme überfluten sie nicht” (Vers 7a). Die Wasser der Trübsal und die Ströme des Verderbens sind letztlich nur Werkzeuge in Gottes Hand, sind zutiefst Ausflüsse seiner harten, heiligen Liebe. Das vermag aber nur der Glaube zu fassen und darüber anzubeten.

Daß Gottes Zorn nur Wegbereiter und Bahnbrecher seiner Liebe ist, ersehen wir z. B. auch aus dem 83. Psalm. Darin ist die Rede von den tobenden und hassenden Feinden Gottes (Vers 2), die Israel, das Volk des Herrn, zu vertilgen suchen (Verse 3.4). Nicht weniger als zehn Nationen (10 ist die Füllezahl im Blick auf die Nationen, wie aus mancherlei Zusammenhängen der Schrift hervorgeht) haben sich in seltener Einmütigkeit (vgl. Ps. 83, 5 mit Offbg. 17, 6.17: “Die zehn Hörner … handeln in einem Sinn”) beraten und einen Bund wider Gott gemacht (Vers 5): Edomiter, Ismaeliter, Moab, Hageriter, Gebal, Ammon, Amalek, Philistäa, Tyrus und Assur (Verse 6-8). Über sie ruft Asaph, der heilige Sänger und Prophet, das Strafgericht Gottes herab, indem er anknüpft an frühere Gerichte Gottes über seine Feinde (Verse 9-11). Da sie Gottes Wohnungen antasteten (d. i. die Stiftshütte mit ihren heiligen Geräten, ja, das ganze Volk, das doch im tiefsten Grunde die Wohnung Gottes war!), sollen sie gleich einem Staubwirbel, gleich Stoppeln vor dem Winde werden, gleich einem verbrannten Wald, sollen wie von Flammen entzündete Berge sein (Verse 12-15).

Der Schluß dieses Fluch- und Gerichtspsalmes aber, die Krone dieses Gottesgedichtes voll prophetischer Schau lautet so: “Fülle ihr Angesicht mit Schande, damit sie deinen Namen, o Herr, suchen! Laß sie beschämt und hinweggeschreckt werden für immer und mit Scham bedeckt werden und umkommen, damit sie erkennen, daß du allein, dessen Name ‘der HErr’ ist, der Höchste bist über die ganze Erde” (Verse 16-18).

Hier sehen wir Zweck und Ziel dieser scheinbar maßlosen Zornesäußerungen Gottes; hier leuchtet uns der verborgene Sinn dieser Gerichte auf, die nach unserem natürlichen Empfinden nichts anderes als völlige Vernichtung bedeuten können: nachdem Gottes Feinde beschämt und für immer (!) hinweggeschreckt sind, mit Schande bedeckt und umgekommen (!) sind, sollen und werden sie erkennen, daß der Herr, der Gott Israels, der Höchste über die ganze Erde ist. Erkenntnis Gottes aber bedeutet nach den Worten des Herrn Rettung und ewiges Leben (Joh. 17, 3).

Gott zürnt nicht wie wir armen, gehässigen, blinden Menschen, um seinen Zorn- und Rachegefühlen freien Lauf zu lassen, um seine mühsam zurückgehaltene Wut “abzureagieren”, — es wäre eine Lästerung, das zu glauben! Er zürnt, um seine armen Geschöpfe zur Erkenntnis ihrer und seiner selbst zu führen, um sie zu retten und zu beseligen. Wer das nicht irgendwie am eigenen Herzen erlebt und erfahren hat, mit dem sollte man nicht über solche köstlichen, anbetungswürdigen Dinge streiten. “Wie einer ist, so ist sein Gott”, sagt ein tiefes, wahres Wort. Wer selber ungestillten Haß im Herzen hegt und seinen Groll und Zorn nicht loslassen und preisgeben will, der glaubt natürlich, daß Gott auch so sei und endlos und ziellos zürne und seine Geschöpfe quäle. Wer aber durch die Schrift ins Vaterherz Gottes zu sehen vermag, wer in Christo Jesu das Wesen der Liebe und der Erlösung erfaßt hat, der wird eines andern belehrt.

Einer der erbittersten Feinde Gottes waren die Ägypter, die Israel mit harten Fronarbeiten belasteten und es, seinen Gott verhöhnend, quälten. Wie verfährt nun der Herr diesem, seinem Feinde gegenüber? Statt vieler Stellen mag uns ein kurzes Zeugnis Antwort geben: Jes. 19, 22. Dort lesen wir: “Der Herr wird die Ägypter schlagen, schlagend und heilend, und sie werden sich zu dem Herrn wenden, und er wird sich von ihnen erbitten lassen und sie heilen.”

Die Schläge, die Gott ihnen gibt, die bitteren Gerichtswege, die er sie um ihrer Sünden willen führt, bedeuten also zugleich Heilung! Die Ägypter werden sich “bis zu dem Herrn” (so wörtlich) wenden und nicht nur, wie einst ihr Pharao zur Zeit des Auszugs Israels, für kurze Zeit erschüttern lassen, — nein, der Herr wird sie so gründlich demütigen, daß er sie dann auch wirklich heilen kann. Rettung und Heil ist auch hier das Ergebnis der Gerichtsschläge Gottes; Zorn und Strafe sind Bahnbrecher und Wegbereiter der Gnade. —

Lesen wir in dem ergreifenden Buch der Klagelieder nicht jenen gewaltigen prophetischen Abriß der Gegenwarts- und Zukunftsgeschichte Israels, das unter Gottes Zorn steht und dennoch sein “besonderer Schatz” ist? Schlagen wir 3, 43-47; 5, 20-22 auf: “Du hast dich in Zorn gehüllt und hast uns verfolgt; du hast hingemordet ohne Schonung. Du hast dich in eine Wolke gehüllt, sodaß kein Gebet hindurchdrang. Du hast uns zum Kehricht und zum Ekel gemacht inmitten der Völker. Alle unsre Feinde haben ihren Mund gegen uns aufgesperrt und Grauen und Grube sind über uns gekommen, Verwüstung und Zertrümmerung … Warum willst du uns für immer vergessen, uns verlassen auf immerdar? Herr, bringe uns zu dir zurück, daß wir umkehren! Erneure unsre Tage wie vor alters! Oder solltest du uns gänzlich verworfen haben, gar zu sehr auf uns zürnen?”

Jeremias wußte besser als die modernen Verkündiger der angeblich frohen Botschaft, daß Zorn nicht Gottes innerstes Wesen, sondern nur seine Hülle ist. Darum sagt er: “Du hast dich in Zorn gehüllt.” Aber diese Hülle oder Verkleidung, von der wir auch in andern Zusammenhängen noch lesen werden, trägt Gott nicht immer und ewig. Sein Herz brennt darauf, sich zu enthüllen und sein wahres Sein und Wesen seinen Geschöpfen kundzutun und mitzuteilen.

Erst wenn wir die vielen Rettungszusagen und Eidschwüre Gottes lesen, wie sie Paulus in das triumphale Wort zusammenfaßt: “Ganz Israel wird errettet werden!” (Römer 11, 26), vermögen wir den Sinn seiner Gerichte und die verborgene Bedeutung seines heiligen Zornes zu verstehen. Dann begreifen wir, daß wir wohl lesen, daß Gott die Liebe ist, aber niemals, daß er Zorn und Wut ist! Wir deuteten bereits an, daß sein Zorn und sein Grimm Verkleidungen sind, Verhüllungen, wie wir es auch etwa in Jes. 59, 17 finden: “Er zog Rachegewänder an als Kleidung und hüllte sich in Eifer (Segond: in Eifersucht; Menge: in Zorneseifer) wie in ein Amtsgewand”, wie sich ja auch einst Joseph hart stellte, ehe er der tiefen Bewegung seines liebenden Herzens freien Lauf ließ. Sollte Joseph edler und göttlicher gewesen sein als Gott selbst es war und ist und immer sein wird?

Aus all den erwähnten Zusammenhängen ersehen wir, daß Gottes Zorn nichts anderes ist als eine Verhüllung, ein Damm, der nötig ist als Wegbereiter und Anbahner größerer Gnade. So wie wir von Natur aus sind, sind wir unfähig, die Liebe des Vaters zu fassen. Wir würden sie, wenn er sie in unser ungerichtetes und ungereinigtes Leben gösse, mißbrauchen und in den Schmutz treten (vgl. Matth. 7, 6). Deshalb müssen wir durch Gerichte zubereitet werden, müssen die Sünde hassen und lassen lernen, um von Gottes Überfülle an Güte und Gnade zuerst einen Begriff und dann auch ein Verlangen danach zu bekommen. Das geht aber nicht anders als auf schmerzlichen, demütigenden Gerichtswegen. Und das gilt sowohl für den Einzelnen, als auch für die Erde samt ihren Völkern und die gesamte Schöpfung. Glückselig, wer das zu verstehen beginnt! —

Gottes Zorn ist nicht ziellos, d. h. ohne jeden Sinn und jeden Zweck, sondern vielmehr zielgemäß begrenzt. Lesen wir etwa Jer. 23, 19.20: “Siehe, ein Sturmwind des Herrn, ein Grimm ist ausgegangen, ja, ein wirbelnder Sturmwind; er wird sich herniederwälzen auf den Kopf des Gesetzlosen. Nicht wenden wird sich der Zorn des Herrn, bis er getan und bis er ausgeführt hat die Gedanken seines Herzens. Am Ende der Tage werdet ihr dessen mit Verständnis inne werden.” Hier werden Sturm und Grimm als Zorn Jehovas bezeichnet. Wenn wir wissen wollen, was und wer aber der Zorn Gottes im tiefsten und letzten Grund ist, so lesen wir 2. Sam. 24, 1 in Verbindung mit 1. Chron. 21, 1. Beidesmal wird die gleiche Begebenheit geschildert, nur wird sie einmal von der Erde her und ein andermal vom Himmel her geschaut. Der Glaube darf hier in gewaltige Dinge hineinblicken, die nicht jeder zu fassen vermag.

Wird sich nun der Zorn, der sich im Auftrag Gottes auf den Kopf der Gesetzlosen herniederwälzt, wenden und umkehren? Nach menschlichem Ermessen wohl kaum! Da soll er wohl endlos und unaufhörlich weiterwüten! Betrachten wir jedoch unser Wort: er wird sich wenden, aber erst dann, wenn er die Gedanken des Herzens Gottes ausgeführt hat. Was sind das aber für Gedanken? Sind es Haß- und Rachegedanken? Mitnichten! Sagt doch der Herr selbst: “Ich weiß ja die Gedanken, die ich über euch denke, Gedanken des Friedens und nicht zum Unglück, um euch Ausgang (oder Zukunft) und Hoffnung zu gewähren” (Jer. 29, 11).

Ja, höre ich jemanden einwenden, das mag richtig sein. Aber dürfen wir denn in diese Zielabsichten Gottes hineinschauen? Steht nicht am Schluß unsres Wortes in Jer. 23, 20 geschrieben: “Am Ende der Tage werdet ihr dessen mit Verständnis inne werden”? Noch aber ist das “Ende der Tage” nicht da! Und was uns erst dann geoffenbart und enthüllt werden soll, wenn wir am Ziel angelangt sind, das dürfen wir doch nicht jetzt schon wissen wollen und an uns reißen!

Richtig! Nur besteht hier ein tiefer, wesenhafter Unterschied, den wir verstehen lernen, wenn wir Israel einerseits und die Gemeinde des Leibes Christi andrerseits unterscheiden gelernt haben. Die “ihr” von Jeremias 23 sind doch ohne Zweifel Israeliten! Uns jedoch, der Auswahl aus den Nationen, gelten die köstlichen Worte des verherrlichten Christus durch seinen Sonderbeauftragten, den Apostel Paulus, unsern Bruder und Lehrer: “… auf welche (d. h. auf uns, die Gemeinde) das Ende (oder die Enderträge) der Äonen gekommen ist”; “… er (d. i. Gott) hat uns kundgetan das Geheimnis seines Willens nach seinem Wohlgefallen” u. v. a. m. — Gottes Zorn ist also nicht ziellos; und wenn diese Ziele auch dem verstockten Israel in seiner Gesamtheit bis zur Stunde verborgen sind und erst in der ausgesprochenen Endzeit geoffenbart werden, so dürfen wir doch schon jetzt darum wissen, da ja nach Gottes Wort und Willen die Endergebnisse der Zeitläufte schon jetzt auf uns gekommen, d. h. im Geiste erschlossen sind.

Jer. 30, 24 spricht nicht nur vom Zorn, sondern sogar von der “Glut des Zorns”. Im Zusammenhang (siehe den vorhergehenden Vers!) ist die Rede von einem Grimm, einem sausenden Sturmwind, der sich auf den Kopf der Gesetzlosen wälzt. Auch hier lesen wir nicht, daß sich diese Zornglut niemals wenden wird, sondern daß sie erst dann umkehrt, wenn sie die Herzensgedanken Gottes ausgeführt haben wird. Welcher Art diese aber sind, sahen wir bereits.

Es gälte nun aufgrund der Schrift zu untersuchen, was mit diesem sausenden Sturmwind, dieser Zornglut Gottes gemeint ist. Wir dürfen dieses Wort zunächst, wie alle und jede Schrift, ganz buchstäblich nehmen. Im Orient haben heiße Wüstenwinde schon viel Unheil angerichtet. Doch ist damit die Bedeutung dieses Wortes längst nicht erschöpft. Prophetisch gesehen ist dieser Sturmwind, der ja ein Sturmwind des Herrn genannt wird, eine Benennung für die Nationen, die Gott als Zuchtrute für sein ungehorsames Volk benutzt. Nennt er doch z. B. Nebukadnezar, den König von Babel, der Israel völlig zu zerstören trachtete, seinen Knecht (Jer. 25, 9). Daß darüber hinaus der Sturmwind oder der Zorn des Herrn auf Finsternismächte zielt, wird jeder einsehen, dem von der tiefen, wunderbaren Symbolik des Wortes Gottes etwas aufzuleuchten beginnt.

Ergreifend in ihrem Gerichtsernst und doch beseligend in ihrer Zielsetzung ist die Androhung Gottes in Hes. 24, 13.14: “In deiner Unreinigkeit ist Schandtat. Weil ich dich gereinigt habe und du nicht rein geworden bist, so wirst du von deiner Unreinigkeit nicht mehr rein werden, bis ich meinen Grimm an dir stille. Ich, der Herr, habe geredet. Es kommt, und ich werde es tun. Ich werde nicht nachlassen und werde kein Mitleid haben und es mich nicht gereuen lassen.” Gott sagt keineswegs, daß Israel, das sich nicht reinigen ließ, niemals rein werden wird, sondern daß das Volk der Wahl erst dann rein werden wird, wenn er seinen Grimm an ihm gestillt hat. Gott behauptet von sich selbst, in seinen Gerichtswegen ohne Mitleid und ohne Reue zu sein. Aber das Ziel, der verborgene Zweck ist weder Vernichtung noch endlose Qual, sondern Reinigung, Wiederherstellung, Rettung. Auch aus diesen Zusammenhängen, die um noch viele andere vermehrt werden könnten, ersehen wir, daß Gottes Zorn zielgemäß begrenzt ist und aufhört, wenn der heilige Rettungszweck erreicht ist. Der Zorn des Herrn dient seiner erneuernden, beseligenden Liebe.

Damit hängt eng zusammen, daß Gottes Zorn auch zeitlich begrenzt ist. Lesen wir betenden Herzens Jes. 54, 7.8: “Einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen, aber mit großem Erbarmen will ich dich sammeln; im Zorneserguß habe ich einen Augenblick mein Angesicht vor dir verborgen, aber mit ewiger Güte werde ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.” Die Zeiten, in denen Gott sein Volk verstößt und verläßt und es dann wieder sammelt und sich voller Güte seiner erbarmt, verhalten sich, zeitlich gesehen, wie ein Augenblick zu einem Äon, wie eine Sekunde zu einer Ewigkeit. Wer wollte es angesichts eines solchen Wortes wagen, Gottes Zorn und Liebe als gleich lang nebeneinander zu stellen?

Redet doch die Schrift in Offbg. 15, 1 von einem Vollenden, Stillen oder Sättigen des Grimmes Gottes! Nicht Gottes Grimm und Zorn ist unersättlich, wie bei uns gefallenen, verfinsterten Menschen, sondern seine Liebe! Denn sie allein höret nimmer auf. Der Zorn wird beendet, der Glaube wird zum Schauen und die Hoffnung wird erfüllt, aber die Liebe endet nimmer. Das dürfen wir beseligt fassen und festhalten und darüber anbeten in heiliger Freude.

In Ps. 30, 5 bezeugt der inspirierte königliche Sänger: “Ein Augenblick ist in seinem Zorn, ein Leben in seiner Gunst; am Abend kehrt Weinen als Gast ein, und am Morgen — Jubel!” Zorn und Gunst (im hebr. das gleiche Wort wie Gnade!) stehen im gleichen Verhältnis wie ein Augenblick zu einem ganzen Menschenleben; der Trübsalsgast, der mit dem Abend einkehrt, weicht dem strahlenden Morgen. Denn die Nacht mit allen ihren Begleiterscheinungen wird ja einmal nicht mehr sein (Offbg. 22, 5). Herz, mein Herz, könntest du doch den Vollumfang dessen fassen, was Gott dem Glauben so klar zugesagt, aber dem Unglauben und Mißtrauen verborgen hat!

Ps. 103, 9 sagt uns, daß Gott nicht immerdar rechtet oder hadert und nicht ewiglich nachträgt. Weil wir armseligen Menschlein unsern Zorn und Haß, unsern Groll und Hader nicht preiszugeben gewillt sind, tragen wir unser eignes verfinstertes Wesen in Gottes Lichts- und Liebescharakter hinein und schreiben ihm Dinge zu, die einer gründlichen Prüfung des Schriftganzen niemals standhalten können. Fürwahr: “Wie einer ist, so ist sein Gott!”

Gewiß: Gott rechtet und hadert und trägt nach. Seine Gerichte sind viel ernster, als wir anzunehmen geneigt sind; sein Zorn viel heiliger und glühender, als wir uns vorzustellen vermögen. Aber sein urinnerstes Sein und Wesen ist und bleibt immer die Liebe! Als letzte, unabdingbare Ziele bleiben immer Rettung und Herrlichkeit bestehen. Ihm muß zur Erreichung dieser Endziele letztlich alles dienen, auch Leid und Gericht, die über die Schöpfung hereinbrechen, und sein heiliger Zorn und sein durchaus berechtigter Grimm.

Wenn jedoch diese Maßnahmen endlos und unabänderlich weiterbestünden, so hätten sie ja weder Zweck noch Ziel, und Gott müßte sich selbst verleugnen. Das ist aber durchaus nicht der Fall; eine Fülle alt- und neutestamentlicher Schriftaussagen bestätigen uns das. Auf jeden Fall bezeugt uns unser Psalmwort von 103, 9 klar und eindeutig, daß Gottes Zorn zeitlich begrenzt ist.

Anbetend brach der Prophet Micha in das Lob Gottes aus, als ihm dessen heilige Gerichtswege und ihre Ziele aufzuleuchten begannen: “Weide dein Volk mit dem Stabe, die Herde deines Erbteils, die abgesondert wohnt im Walde, inmitten des Karmel; laß sie weiden in Basan und Gilead, wie in den Tagen der Vorzeit. — Wie in den Tagen, da du aus dem Lande Ägypten zogest, werde ich es Wunder sehen lassen. Die Nationen werden es sehen und beschämt werden über all ihre Macht; sie werden die Hand auf den Mund legen, ihre Ohren werden taub werden; sie werden Staub lecken wie die Schlange, wie die kriechenden Tiere der Erde; sie werden hervorzittern aus ihren Schlössern, sie werden sich bebend wenden zu dem Herrn, unserm Gott, und vor dir sich fürchten.

Wer ist ein Gott wie du, der die Ungerechtigkeit vergibt und die Übertretung des Überrestes seines Erbteils übersieht? Er behält seinen Zorn nicht auf immer, denn er hat Gefallen an Güte. Er wird sich unser wieder erbarmen, wird unsre Ungerechtigkeiten niedertreten; und du wirst alle ihre Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst an Jakob Wahrheit, an Abraham Güte erweisen, die du von den Tagen der Vorzeit her unsern Vätern geschworen hast.”

Der 14. Vers dieser ernsten und tröstlichen Worte ist eine ergreifende Bitte Michas für sein Volk. Israel, “die Herde seines Erbteils”, das sein Knecht sein sollte, ist ja ein verlorenes Schaf geworden, das aber wieder zurück- und zurechtgebracht werden wird (Jer. 50, 17-19).

Der Prophet erinnert Gott an seine eignen früheren Führungen (Verse 14.15) und fleht, daß er diese Machttaten doch jetzt wiederhole um seines eignen Namens willen, damit die Nationen ihn fürchten lernen. Denn die Zurechtbringung der Nationen ist immer geknüpft an die Errettung Israels. Das Verständnis dieser Heilsgedanken Gottes, die die moderne “Christenheit” längst preisgegeben und vergessen hat, war dem Propheten eine Selbstverständlichkeit. Erst ein begnadetes und mächtiges Israel vermag die Völker zur Buße zu führen (Verse 16.17).

Die letzten drei Verse des Buches Micha bringen eine so ergreifend schöne und tiefe Charakteristik Gottes, wie sie selbst im Neuen Testament kaum heller und fröhlicher aufklingen kann: Gott vergibt Ungerechtigkeit und behält seinen Zorn nicht auf immer; er hat Wohlgefallen an Güte (nach der Textbibel von Kautzsch: Er freut sich, Gnade zu üben!), er wird sich seines verstoßenen Volkes wieder erbarmen, er wird ihre Missetaten oder Verschuldungen niedertreten, niederschlagen oder überwältigen, alle ihre Sünden in die Tiefen des Meeres werfen und all die Treue und Gnadenerweise ausführen, die er seit Jakob und Abraham nicht nur verheißen, sondern auch beschworen hat mit göttlichem Eidschwur!

Ist dieses ergreifende Gottesbild nicht echter, tiefer, beseligender als das, was man aus unserm herrlichen Vater der Liebe gemacht hat? Ist er wirklich ein furchtbarer Gott, in dem sich Zorn und Liebe die Waage halten, wobei es unsre persönliche Angelegenheit ist, uns aus der einen Sphäre seines Seins in die andre hinüberzuretten und darin zu erhalten? Gewiß ist, mit den natürlichen Augen eines seelischen Menschen gesehen, etwas daran! Es ist ohne jeden Zweifel unsre ganz persönliche Sache und erfordert unsre totale Willenshingabe und das ganze Opfer unsrer Persönlichkeit, das Ziel der Vollendung und der Herrlichkeit zu erreichen; — wer aber in Gottes Herz hineingelauscht hat und seines Geistes und Wesens teilhaftig geworden ist, der weiß, daß Er selbst das alles wirkt nach Seinem Wohlgefallen und daß Zorn, Gericht und Verdammniswege nichts anderes sind, als Bahnbrecher und Wegbereiter seiner uferlosen Gnade und endlosen Liebe.

Wir sahen bisher ein Dreifaches:

  1. Gottes Zorn ist seiner Liebe untergeordnet
  2. Gottes Zorn ist zielgemäß begrenzt
  3. Gottes Zorn ist zeitlich begrenzt

Dazu wollen wir noch eine überaus köstliche vierte Tatsache nennen, die nur in der Innenschau des Glaubens begriffen werden kann: der Zorn, der Gottes Wege kennzeichnet und nur ein vorübergehend gebrauchtes Werkzeug ist, entspricht nicht den Gedanken und dem Liebesbegehren seines Herzens.

Schlagen wir, um diese kostbare Wahrheit innerlich wirklich zu fassen, zunächst 1. Mose 49, 5-7 auf: “Simeon und Levi sind Brüder, Werkzeuge der Gewalttat (der Grausamkeit oder des Frevels) sind ihre Waffen. Meine Seele komme nicht in ihren geheimen Rat, mein Köstlichstes vereinige sich nicht mit ihrer Gemeinde. Denn in ihrem Zorn haben sie den Mann erschlagen, und in ihrem Mutwillen den Stier gelähmt. Verflucht sei ihr Zorn, denn er war gewalttätig, und ihr Grimm, denn er war grausam. Ich werde sie verteilen in Jakob und sie zerstreuen in Israel.”

Wir wissen, daß die Leviten den Priesterdienst taten, der mit vielen blutigen Opfern verbunden war. So richtig und heilig und göttlich diese auf Christus weisenden Schlachtungen waren, so hatte Gott doch keine Freude, kein Wohlgefallen an ihnen. Es war ein Dienst des Todes und der Verdammnis, der wohl in Herrlichkeit begann (2. Kor. 3, 7.9), der aber schwach und nutzlos war und nichts zur Vollendung führte (Hebr. 7, 18.19). Darum hat Gott im tiefsten Grund seines Herzens solche Schlachtopfer weder gewollt (Hebr. 10, 5) noch Wohlgefallen und Freude an ihnen gehabt (Hebr. 10, 6).

Daß die Gesinnung, der Glaube, die Selbsthingabe, die der Opfernde durch sein Opfer offenbarte, Gott gefiel, das ist eine andre Sache! Darüber herrscht kein Zweifel. Es ist schwer, mit unverständigen, fleischlichen Eiferern über solche Dinge zu reden; geistliche Wahrheiten können nur durch den Geist verstanden und ergriffen werden.

Wer ist denn, prophetisch gesehen, der Mann, den Simeon und Levi erschlagen haben? Wer ist der Stier, den sie in ihrem Mutwillen gelähmt haben? Wenn wir nicht immer wieder festhalten, daß Jesu Wort gilt, daß alle Schrift, also auch diese, wirklich von ihm zeugt (Joh. 5, 39), so erscheinen uns solche Worte wie 1. Mose 49, 5-7 als sinnlose, orientalische Übertreibungen, die sehr gut aus der Bibel wegbleiben könnten. So urteilen ja auch sehr viele gottlose und fromme Bibelkritiker. Wer aber glaubt, daß das Wort Gottes siebenfach geläutert ist und nicht ein einziger Buchstabe darinnen hinfällt oder unerfüllt bleibt, der hat eine heilige Ehrfurcht vor den göttlichen Urkunden der Schriften, auch wenn er längst noch nicht alles versteht. Und solch Ehrfürchtige möchten wir sein.

Gewiß, es ergeben sich eine Reihe von Denkschwierigkeiten aus dieser prophetisch-symbolischen Schau. Das beweist aber gar nichts. Die meisten Menschen haben allerlei Denkschwierigkeiten über den Sinn und Zweck des Menschseins und verzichten deshalb darauf, darüber nachzugrübeln. Damit sind ihre Probleme jedoch nicht gelöst.

Schauen wir uns unser Wort gründlich an: Simeon und Levi richteten in Sichern ein Blutbad an (1. Mose 34) und Simeon gab wohl den Rat, Joseph umzubringen (vgl. 1. Mose 37, 20 mit 42, 24!). Joseph war aber ein wundervolles, in vielen Einzelheiten klar erkennbares Vorbild auf Christus. Der “Mann”, der erschlagen wurde, war zutiefst im letzten und eigentlichen Sinn niemand anders als der Sohn Gottes. Christus war der Stier oder das Kalb, das man lähmte (so dargestellt im Markusevangelium als Ergänzung zum Matthäusevangelium, wo er als Löwe, zum Lukasevangelium, wo er als Mensch oder Engel, und zum Johannesevangelium, wo er als Adler symbolisiert wird. Man vergleiche damit die vier Zemach- oder Sproßnamen des Herrn und die vier Lebewesen vor dem himmlischen Thron!). Gottes Seele und Gottes Ehre (wörtlich: sein Köstlichstes) ist innerlich nicht eines mit ihnen. Darum verflucht er die Gewalttat ihres Zornes und ihren grausamen Grimm und beschließt, Simeon und Levi zu verteilen und zu zerstreuen (Vers 7).

Und dennoch — o heilige Überlogik göttlicher Wahrheit und Liebe! — geschehen alle diese Dinge nach seinem Vorherwissen, waren sie eine Durchführung seiner eignen Liebesgedanken zur Rettung seiner Schöpfung. Hier dürfen wir nicht analysieren und disputieren, weder reflektieren noch unsre natürliche Dialektik spielen lassen, hier kann man nur glauben und schweigen und anbeten. So nur gewinnen wir eine geistliche Innenschau letzter und tiefster Wahrheiten, soweit das hier unten im Fleischesleib des Staubes überhaupt möglich ist.

Wenn Gott den gewalttätigen Zorn und den grausamen Grimm seiner Geschöpfe hier feierlich verfluchen läßt, wie sollte er, der wahrlich das Recht hat zu zürnen, diesen Zorn endlos bewahren? Gott müßte ja sich selbst verleugnen, sein innerstes Sein und Wesen preisgeben, wenn er das tun wollte. Könnte Gott je so über die Liebe, die Gnade und das Erbarmen reden, wie er hier über Zorn und Grimm urteilt? Ersehen wir nicht daraus, worin das Eigentliche, Wesenhafte und Bleibende besteht, dem alles andre untergeordnet ist? Wer Gottes Geist wirklich hat, der versteht auch seine Gedanken und sein Herz.

Wie der Herr über die “Schläge ohne Unterlaß” und den “Zorn ohne Einhalt” urteilt, ersehen wir aus Jes. 13, 5.6 (”Zerbrochen hat der Herr den Stab der Gesetzlosen, den Herrscherstab, welcher Völker schlug im Grimme mit Schlägen ohne Unterlaß, Nationen verfolgte im Zorn mit Verfolgung ohne Einhalt”); und wie sehr er “ersticktes Erbarmen”, “beständigen Zorn” und “immerwährenden Grimm” verurteilt, lesen wir in Amos 1, 11.12 (”So spricht der Herr: … weil es (Edom) … sein Erbarmen erstickt hat und sein Zorn beständig zerfleischt und es seinen Grimm immerdar bewahrt, werde ich ein Feuer senden”). Sollte Gott das, was er ablehnt und straft, selber tun und selber sein? —

Welch eine Plage und welch ein Betrübtwerden ist doch das Menschsein! Kommt aber nicht alles zutiefst von Gott? Ist nicht letztlich er es, der uns plagt (oder demütigt) und betrübt? Ganz gewiß! Wenn es auch unsre eigne Torheit und Sünde ist, durch die wir soviel Schmerzen und Leiden haben, so ist doch Gott der eigentliche Ursächer allen Geschehens in unserm Leben, ohne dessen Willen auch nicht ein Haar von unserm Haupte fällt. Aber dieses Plagen und Betrüben seiner Geschöpfe geschieht nicht “von Herzen” (Klagel. 3, 33)! Es hat einen hohen, sittlichen Heilszweck. Es dient zutiefst seiner Liebe und Gnade. Glückselig, wer das fassen darf! Er lernt in Wahrheit danken allezeit für alles.

Einen Einblick in diese inneren Zusammenhänge, die durchaus überlogisch sind und nur durch den Glauben verstanden werden können, gewährt auch Jes. 28, 21.22: “Der Herr … wird zürnen, um sein Werk zu tun — befremdend ist sein Werk! —, und um seine Arbeit zu verrichten — fremdartig (oder unheimlich!) ist seine Arbeit! Ich habe Vernichtung vernommen, Festbeschlossenes von Seiten des Herrn der Heerscharen über die ganze Erde.”

Wenn Gott zürnt, so tut er ein ihm fremdes Werk, d. h. etwas, was seinem innersten Wesen eigentlich fremd ist, was ihm gar nicht eignet. Gerichtsarbeit ist für Gott “ungewöhnlich, fremdartig oder unheimlich”, und dennoch ist dieses Werk des Zürnens und Richtens von dem Herrn der Heerscharen, dem Gebieter der ganzen Erde, “fest beschlossen”. Nur Gott kann solche Wege wählen und gehen, da er sich der Erreichung aller seiner Ziele bewußt ist; nur er darf töten (den Menschen hat er geboten: Du sollst nicht töten!), da er auch wieder lebendig machen kann und wird (1. Sam. 2, 6a); nur er hat das Recht und die Macht, in die Hölle (nach dem Luthertext; wörtlich: in den Scheol) hinabzuführen, da er die Getöteten und Verlorenen auch wieder heraus- und heraufzuführen vermag (1. Sam. 2, 6b).

Wie Gott fühlt und empfindet, wenn er gegen seine Geschöpfe eine ernste, harte Gerichtssprache führt, ersehen wir z. B. aus Jer. 31, 20: “Ist mir Ephraim ein teurer Sohn oder ein Kind der Wonne? Denn so oft ich auch wider ihn geredet habe, gedenke ich seiner doch immer wieder. Darum ist mein Innerstes um ihn erregt; ich will mich gewißlich seiner erbarmen, spricht der Herr.”

Wenn wir die Geschichte Ephraims, des Sohnes Josephs, verfolgen, so sehen wir, daß seine Nachkommen gegen Gottes Willen die Kanaaniter nicht austrieben, sondern sie in ihrer Mitte wohnen ließen. Das ist das gleiche, wie wenn ein Gläubiger seine bewußte Gottesfeindschaft auf irgendeinem Gebiet seines Lebens nicht loslassen und preisgeben will. Durch Jerobeam wurde der ganze Stamm zum Götzendienst verführt, dem Ephraim verfiel. Darum wird er auch in Offbg. 7, 8 nicht genannt! Unter verschiedenen Bildern wird die Widerspenstigkeit Ephraims gegen Gott dargestellt (ein Kuchen, der nicht umgewendet ist: Hosea 7, 8; eine Taube ohne Verstand: Hosea 7, 11). Und dennoch ist Gott trotz seiner Gerichtsbeschlüsse und Schmerzenswege, die er über den untreuen Stamm verhängt, innerlich darüber bewegt und erregt, sodaß er gar nicht anders kann als sich seiner erbarmen.

Noch ergreifender ist das Zeugnis über Ephraim in Hosea 11, 8: “Wie sollte ich dich hingeben, Ephraim, dich überliefern, Israel? Wie sollte ich wie Adama dich machen, wie Zeboim dich setzen? Mein Herz hat sich in mir umgewendet, erregt sind alle meine Erbarmungen.”

Wir müssen verstehen, daß die zehn Stämme Israels in der Schrift oft “Reich Ephraim” genannt werden (Jes. 7, 2.8; 11, 13; Jer. 31, 9; Hosea 5, 3). Gottes Herz ist tief bewegt, daß er sein Volk hingeben, preisgeben oder ausliefern soll um seiner Sünde willen. Er sollte es zur Adama (rote, blutige Erde) machen, wie Zeboim (Ottern oder Schlangen) behandeln. Doch “glühet sein Mitleid” (nach van Eß), oder: “alle seine Erbarmungen sind erregt”. Statt seiner Geschöpfe wurde er selbst in seinem Sohn zur Adama, zur blutigen Erde: Christus wurde Mensch und trug, vorgeschattet durch die erhöhte Schlange, die Sünden der Welt! Wie leuchtet doch die alte, ewig-neue Kreuzesbotschaft in allen Bildern der Bibel wunderbar auf! —

Wir sahen, daß der Zorn nicht Gottes ureigentliches Wesen ist. Wohl zürnt der Herr und haßt die Sünde, aber das geschieht, so seltsam es klingen mag, aus Liebe! Weil der Vater seinen Geschöpfen wohlwill und sie mit dem höchsten Maß von Segnung und Seligkeit begnaden möchte, darum wendet sich sein heiliger Grimm gegen alles, womit der Feind uns zu betrügen und zu verderben sucht.

Andrerseits jedoch demütigen uns seine Gerichte und Strafen, sodaß wir zur Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis kommen und empfänglich werden für sein wunderbares Heil und seine alles überragende Herrlichkeit. Sein Zorn ist Wegbereiter seiner Gnade und Güte, und die uns auferlegten Leiden bewirken in uns eine über die Maßen gewichtige Herrlichkeit (2. Kor. 4, 17). Das ist die durchaus positive Frucht von Zorn und Strafe. —

Wir wollen noch einige Blicke tun in Ursache und Wirkung, Dauer und Ziel der Liebe. Vielleicht wird uns hier völlig klar, daß Zorn und Liebe niemals gleichwertig nebeneinandergeordnet sind, sondern daß der Liebe in jeder Beziehung der Vorrang gebührt. Wir verstehen durchaus, daß Gott alle Ursache und allen Anlaß hat, uns zu zürnen. Aber was bewegt ihn, uns zu lieben? Wir wollen es einmal philosophisch so ausdrücken: Gottes Liebe ist insofern unmotiviert, als sie gar keinen Grund in der Beschaffenheit des geliebten Objekts hat. Das heißt auf deutsch: wir sind gar nicht wert, geliebt zu werden; verdient haben wir das nie und nimmer. Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist. Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.

Steht nicht in Römer 3, 24 geschrieben, daß wir “dorean”, d. h. ohne Grund und Ursache, umsonst oder geschenkweise gerechtfertigt werden? Und aus welchen Quellen fließt die Rechtfertigung, die uns das Verdienst Christi zurechnet, uns dann auch wirklich und wesenhaft gerecht macht durch die Heiligung und zuletzt im Gericht als gerecht erweist? Die Liebe Gottes allein ist die Ursache zu allem, denn “Gott erweist seine Liebe gegen uns darin, daß Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist.” Halten wir fest, daß die Ursache der Liebe Gottes nicht in uns, sondern allein in ihm liegt!

Welche Wirkungen der Liebe nennt uns Gottes Wort? Aus Eph. 1, 4 dürfen wir eine köstliche Antwort ersehen: unser Gott und Vater hat uns vor Grundlegung der Welt auserwählt, nicht weil wir heilig und tadellos sind, sondern auf daß wir heilig und tadellos seien in ihm. Durch das In-Christo-Sein werden wir verwandelt in sein Bild und Wesen. Das ist nicht die Frucht unsrer Bemühungen, denn unsre Rettung, Heiligung und Vollendung können wir nie und nimmer selber bewirken, sondern das tat und tut Gott in seiner wunderbaren Liebe.

Denn die agape, die heilige Gottesliebe, konstatiert keine Werte in ihren Auserwählten — das Gegenteil ist nach vielfachen Aussagen der Schrift der Fall! —, sondern sie schafft Werte! Das ist der grundlegende Unterschied der göttlichen Liebe zu jeder andern, die, meist mit Unrecht, diesen heiligen Namen trägt. Und daß dem so ist, das allein ist unser Heil. Wenn es anders wäre, blieben wir unrettbar und endlos verloren.

Eine andre Wirkung der agape lesen wir in 1. Joh. 4, 18: “Die vollkommene Liebe treibet die Furcht aus.” Hier ist von der völligen oder Erfüllung bringenden Gottesliebe die Rede. Sie treibt, wirft oder schleudert die Furcht (Angst, Scheu, Flucht oder Schrecken) hinweg. Wie gewaltig diese Verheißung ist, vermögen wir erst dann zu fassen, wenn uns einmal lebendig geworden ist, in welch einer Welt der Furcht und des Schreckens wir leben. Wenn die Gottesliebe wirklich teleios (zielführend oder Erfüllung bringend) ist, dann müßte das Ergebnis ihrer Wirkung eine Schöpfung ohne Furcht und Schrecken sein. Anders ausgedrückt: wenn es im weltweiten All am Ende der Wege Gottes noch Furcht und Schrecken gäbe, dann wäre seine Liebe nicht vollkommen, denn sie hätte ihr Ziel verfehlt. Das zu glauben, wäre aber Gotteslästerung.

Noch eine dritte Wirkung der Liebe sei hier genannt: sie ist gemeinschaftstiftend. So lesen wir in Titus 3, 3-5a: “Einst waren auch wir unverständig, ungehorsam, irregehend, dienten mancherlei Lüsten und Vergnügungen, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhaßt und einander hassend. Als aber die Güte und Menschenliebe unsres Rettergottes erschien, errettete er uns.” Und was wurde aus solchen, die einmal “verhaßt und untereinander hassend” ihren Weg gingen? Sie kamen dahin, “niemand zu lästern, nicht streitsüchtig zu sein, gelinde, alle Sanftmut erweisend gegen alle Menschen” (Titus 3, 2). Die ihnen verkündigte Liebe Gottes führte sie in Gemeinschaft untereinander, da sie in der Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohne Jesus Christus stehen durften.

Wer den Lichtsruf des Evangeliums gehört hat: “Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir!” (Jes. 60, 1.2; Luthertext), und ihn befolgt — wer glauben und fassen kann, was der Gemeinde in Eph. 5, 8 gesagt ist (”Einst waret ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts!”) —, der darf auch immer wieder inmitten aller Zerrissenheit der Gläubigen, inmitten allen Neides und Streites der großen und kleinen Organisationen die köstliche Zusage von 1. Joh. 1, 7a erfahren: “Wenn wir im Lichte wandeln, wie er im Lichte ist, so haben wir Gemeinsdiaft miteinander.” Wandel im Licht führt immer in die Gemeinschaft untereinander. Wenn du im Lichte wandelst und ich auch, dann haben wir trotz verschiedener Führungen und Erkenntnisse dennoch in Christo Jesu heilige, wesenhafte Gemeinschaft.

Denn erst die Gemeinschaft von Gott zu Mensch führt in die Gemeinschaft von Mensch zu Mensch. Nie aber ist es umgekehrt. Nur die Liebe Gottes ist gemeinschaftstiftend. Es gibt nur eine Gemeinschaft der Heiligen. Jede andre Gemeinschaft, so groß und edel, so rein und schön sie auch aussehen mag, ist nicht wesenhaft, nicht gottgewirkt und muß deshalb früher oder später zerbrechen. Politische, sportliche, wissenschaftliche, künstlerische und sonstige Gemeinschaften, die oft zu imponierenden Zusammenballungen von Menschenmassen führen, sind im tiefsten Grunde keine fruchtbaren Gemeinschaften, sondern gehen, ihre Träger und Anhänger gleicherweise vernichtend, zugrunde. —

Wir sahen etwas von der Ursache und Wirkung der Liebe. Laßt uns noch einen Blick tun in der Liebe Dauer und Ziel. Wie lange währt die Liebe? Prophezeiungen, Sprachen und Erkenntnisse werden weggetan werden (1. Kor. 13, 8b); alles Stückweise, Wegbereitende wird dereinst beseitigt sein (1. Kor. 13, 10). Bleiben werden nur “Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, die größte aber unter ihnen ist die Liebe” (1. Kor. 13, 13), Fürwahr, die Liebe “höret nimmer auf” (1. Kor. 13, 8a), oder, wie Dächsel verdeutscht: “Für die Liebe gibt es niemals einen Zusammenbruch!” Wie oft zerbricht bei Menschen und Völkern das, was sie für Glauben und Hoffnung halten, was vielleicht bis zu gewissem Grade auch Glaube und Hoffnung ist. Denken wir nur an viele treue Kinder Gottes, die in dem Grauen der Bombennächte aufgrund irgendwelcher Schriftworte an ihre und der Ihren Bewahrung glaubten und dennoch das Leben verloren! Was im Geschöpf an Glauben und Vertrauen ist, kann zusammenbrechen (1. Tim. 1, 19). Aber der Urquell, aus dem alles strömt, die Liebe Gottes, bricht nie zusammen.

Das Gericht wird nicht endlos weitergehen, sondern einmal zur Gerechtigkeit zurückkehren (Ps. 94, 15); die letzten Plagen werden einmal vorbei sein, und der Grimm Gottes wird dereinst ein Ende haben (Offbg 15, 1); aber die Liebe vergehet nimmer. Zorn und Gericht, Strafe und Verderben sind Wege unsres Gottes. Sie enden und münden in ihm selber, wenn sie ihr vor Grundlegung der Welten verordnetes Ziel erreicht haben. Dann haben sie ihren heilsnotwendigen Auftrag erfüllt und werden aufhören, wie ja auch jeder Weg ein Ende hat, sobald er in seinem Ziel mündet.

So sind auch alle Wege Gottes Gericht (5. Mose 32, 4 wörtlich). Deshalb sprechen wir auch mit Recht von Gerichtswegen unsres Gottes. Aber seine Ziele sind Herrlichkeit. Im Irdischen, das in allen Stücken ein Abbild himmlischer Wahrheiten und Wesenheiten ist, ohne daß wir das völlig verstehen, ist es ja ebenso: steile und steinige, dunkle und dornige Wege sind zutiefst nicht dazu da, daß die Menschen sich darauf sinnlos und zwecklos abquälen, sondern führen zum Ziel! Und je größer und köstlicher das Ziel ist, umso weniger scheut man die Mühsal des Weges. So ist es im Menschlich-Irdischen, und so ist es auch im Geistlich-Göttlichen!

Ein unaussprechlich hohes Teilziel der Liebe besteht nun darin, die Gemeinde des Leibes Christi zu erfüllen “bis zur ganzen Gottesfülle” (Eph. 3, 19). Jedes erklärende Wort zu dieser heiligen Zusage wäre nur Abschwächung. Wer es zu fassen vermag, der fasse es und bete darüber an! Und wem es zu groß und gewaltig ist, der lasse es liegen, bis der Geist Gottes es ihm erschließt und verklärt.

Das Ziel der Liebe Gottes geht aber noch weiter. Es genügt ihr nicht, daß nur die Gemeinde des Leibes Christi in die Fülle, ins Vollmaß geführt werde, sondern der Herr ist darum als Haupt über alles seiner Gemeinde (und seine Gemeinde ihm!) gegeben, “auf daß er das All in die Fülle führe” (Eph. 1, 23). Die Liebe Gottes, von der wir sahen, daß sie gewaltsam wie der Tod ist, daß ihr Eifer unerweichlich wie das Totenreich brennt und ihre Gluten Feuerflammen des Herrn sind, diese starke, heilige, alles besiegende Liebe, die weder überflutet noch gelöscht werden kann (Hohelied 8, 6.7), diese Liebe, die dem Verlorenen nicht nur solange nachgeht, bis ihre Geduld erschöpft, bis ihre Gnade für immer zu Ende ist, sondern bis sie es findet (Lukas 15, 4), diese Liebe kann und wird nicht eher ruhen, bis Gott ist alles in allen (1. Kor. 15, 28).

Eine solche Botschaft darf man niemand aufdrängen, dem nicht Gott selbst das Herz dafür erschlossen hat. Die meisten Israeliten gingen nur bis in den Vorhof und freuten sich in heiliger Freude ihrer persönlichen Errettung und Gemeinschaft mit Gott. Viel weniger, nur ein Zwölftel des Volkes, nämlich der Stamm Levi, stellte sich in Treue und Hingabe Gott zur Verfügung für die andern und diente im Heiligtum; aber nur einer, der Hohepriester, durfte das Allerheiligste betreten und hatte enge, unmittelbare Gemeinschaft mit Gott selbst, soweit das in diesen Schattenbildern möglich war.

So dürfen auch solche, die zur Gemeinschaft des Leibes Christi verordnet sind, die durch Leiden zur Herrlichkeit gehen, erleuchtet an den Augen ihres Herzens, den Geist der Weisheit und Offenbarung empfangen zur Erkenntnis seiner (d. i. Gottes) selbst (Eph. 1, 15-17). Sie dürfen etwas von dem Geheimnis seines Willens fassen (Eph. 1, 9) und als “Unterruderer (oder angekettete Ruderknechte) Christi” Haushalter oder Verwalter der Geheimnisse Gottes sein (1. Kor. 4, 1).

Gott bewahre die Seinen, über diese Dinge zu streiten! Man kann sie nur, beseligt und geschmäht zugleich, im Auftrag Gottes in mühsamer Arbeit keusch und heilig bezeugen (1. Tim. 4, 9-11). Wem der Geist sie wesenhaft und lebensmäßig vermittelt und darreicht, das ist allein dessen Sache, dem Anbetung, Lob und Preis gebührt für seine überschwengliche, uferlose Liebe und Treue.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 1951; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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