Jesus und die Ehebrecherin
Autor: Jugel, Wolfgang | Kategorie(n): Das prophetische Wort, Erkenntnis & Wesen Gottes, Israel, Lehre | 1,686 x gelesen»Und sie gingen ein jeder in sein Haus. Jesus aber ging auf den Ölberg. Am frühen Morgen aber kam Er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu Ihm; und Er setzte sich und lehrte sie.
Die Schriftgelehrten und die Pharisäer aber bringen eine Frau herbei, beim Ehebruch ergriffen, und stellen sie in die Mitte und sagen zu Ihm: Lehrer, diese Frau ist auf frischer Tat ergriffen worden, Ehebruch treibend; im Gesetz aber hat uns Moses befohlen, eine solche zu steinigen; Du nun, was sagst Du? Dies aber sagten sie, um Ihn auf die Probe zu stellen, damit sie etwas hätten, Ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Als sie aber fortfuhren, Ihn zu fragen, richtete Er sich auf und sagte zu ihnen: ›Der Sündlose unter euch soll als erster den Stein auf sie werfen!‹ Und noch einmal bückte Er sich und schrieb auf die Erde.
Als sie aber dies gehört hatten, gingen sie hinaus — einer nach dem anderen — angefangen von den Ältesten, und Er blieb allein mit der Frau, die in der Mitte dastand.
Jesus aber richtete sich auf und sprach zu ihr: ›Frau, wo sind diese? Hat niemand dich verurteilt?‹ Sie aber sprach: ›Keiner, HERR!‹ Da sprach Jesus: ›Auch ich verurteile dich nicht! Gehe hin, und von nun an sündige nicht mehr!‹« (Joh. 7, 53 - 8, 11)
Die griechischen Handschriften lassen erkennen, daß dieser Bericht wohl nicht von Johannes selbst geschrieben, sondern offensichtlich später in sein Evangelium eingefügt wurde. Man kann annehmen, daß dies durch die beiden Augenzeugen und Mitapostel geschah, die in Joh. 21, 24.25 die Verfasserschaft des Apostels Johannes verbürgen. Aber »die innere Echtheit und Überzeugungskraft« des Berichts »ist unbezweifelbar. Sie zeigt uns Jesus in unvergleichlicher Weise« (Dr. Werner de Boor, Wuppertaler Studienbibel).
Der Bericht steht auch am rechten Ort. Er ist eingefügt in den Rahmen des Laubhüttenfestes (Sukkoth; ab K. 7, 1); dieses erinnerte Israel an die Wundertaten Gottes in der Wüste und galt als »Fest der Gottes-Epiphanie« — also der göttlichen Offenbarung und Erscheinung — und zugleich als ein prophetisches Modell für die endzeitliche Erfüllung im Reich des Messias (s. Sach. 14, 16-19!). Nicht von ungefähr wurde in der jüdischen Festliturgie die Umschreibung des hochheiligen JAHWEH-Namens mit »Ich bin ER« besonders häufig gebraucht. So sagte Rabbi Hillel über das Fest Laubhütten: »Wenn das göttliche ICH BIN (hebr.: ani hu) hier ist, dann ist alles hier!« Ein levitischer Doppelchor aber sang sich zu: (I) »Ich bin ER« … (II) »So hilf doch! (hoshianna)«.
Das Fest der Gottesepiphanie bewegte die Brüder Jesu zu einer dringenden Bitte: Er möge doch, wenn Er nun wirklich der Messias sei, Sein Wirken »in der Verborgenheit« aufgeben, und, wenn Er nun einmal solche Machttaten wirke, sich »der Welt zeigen« und sich als Messias offenbaren. Jesus antwortete ihnen, daß Sein Offenbarungstermin noch nicht gekommen sei, und ließ sie zunächst allein zum Sukkothfest nach Jerusalem gehen. Er selbst aber ging, entgegen Seiner ursprünglichen Absicht, später hinauf — allerdings »nicht öffentlich, sondern gleichsam wie im Verborgenen« (d. h. nach Bornhäuser, ohne sich als Messias in der Öffentlichkeit zu proklamieren; Joh. 7, 1-11).
An diesem Feste gedachte Israel dreier göttlicher Selbstbezeugungen in der Wüste:
- des Brotes vom Himmel (des Mannah);
- des Wassers aus dem Felsen;
- des Lichtes aus der nächtlich erstrahlenden Gotteswolke.
Übereinstimmend damit bezeugt sich der Christus im Johannesevangelium
| in Kap. 6 | als das Brot der Welt — das vom Himmel gekommene wahre Mannah Gottes; |
| in Kap. 7 | bietet Er sich — am 7. Hauptfeiertag des Laubhüttenfestes, dem Tage der Wasserspende im Tempel — allen Dürstenden als das Wasser des Lebens an, als Spender der Geistesfülle; ist Er selbst doch der wasserspendende Felsen; |
| in Kap. 8 |
(am 8. Tage, dem zusätzlichen Halbfeiertag von Laubhütten) bezeugt Er von sich selbst: »ICH BIN (ER) — das Licht der Welt!« |
In der Nacht vom 7. zum 8. Feiertag des Sukkoth wurde der Tempel durch zwei riesige Leuchter im Frauenvorhof »illuminiert« und das fröhliche, ausgelassene Treiben mit vielen Fackeln beleuchtet — eine traditionelle Erinnerung an die lichtglänzende Gotteswolke in der Wüste. »Männer und Frauen feiern im Frauenvorhof das Lichterfest mit Fackeltänzen und Dankliedern für die Vergebung der Sünden. Es ist eine Fröhlichkeit ohnegleichen, die im Laufe der Nacht in eine fast karnevalistische Ausgelassenheit umschlägt. Man begreift, daß es in diesen Nächten auch an Skandalfällen nicht fehlte« (Ethelbert Stauffer: »Jerusalem und Rom«). So hat in frühapostolischer Zeit die gottesfürchtige Königin Helena von Adiabene im Frauenvorhof eine goldene Warnungstafel mit den Strafbestimmungen gegen Ehebrecherinnen anbringen lassen (E. Stauffer, wie zuvor).
Es ist wichtig, das Umfeld zu kennen, in dem der Ehebruch geschah, von dem das Johannesevangelium in 12 Versen berichtet. —
1. Die Versuchung und ihr Spannungsfeld
Schriftgelehrte und Pharisäer — die höchsten Repräsentanten der Gesetzesgelehrsamkeit — schleppen eine auf frischer Tat im Ehebruch ergriffene Frau zu dem im Tempel lehrenden Jesus. Sie stellen sie in die Mitte der in der Tempelhalle um den Herrn Versammelten, geben sie also in aller Öffentlichkeit preis. Da der Text von Älteren als auch von Jüngeren spricht, könnte auch der Gamalielschüler und Thoragelehrte Saulus bei ihnen gewesen sein.
Es soll nun ein Exempel statuiert werden. Rein formaljuristisch sind die Ankläger im Recht. Nach 3. Mose 20, 10 und 5. Mose 22, 22 sollten Ehebrecher gesteinigt werden. Wo aber bleibt der Mann, der Verführer und Ehebrecher, dem das gleiche Gesetz galt? Ist er entflohen, oder wird er geschont, vielleicht weil er aus höchsten Kreisen stammt? Eines aber ist klar: Die Ankläger kommen nicht in erster Linie zu Jesus, weil es ihnen um die Ehre Gottes, die Beschmutzung des heiligen Festes und der Tempelstätte oder um die Verletzung des göttlichen Gesetzes geht, sondern um Jesus zu versuchen, Ihn zu prüfen, auf die Probe zu stellen! Hat Er sich doch nach Matth. 5, 17 nachdrücklich zur Erfüllung des Gesetzes bekannt. Sollte Er nun Gottes Gebot brechen oder leugnen? Andererseits hat Er sich zum »Freund der Sünder und Zöllner« erklärt und von sich selbst bekannt: »Gott hat Seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß Er die Welt richte, sondern daß die Welt durch Ihn errettet werde« (Joh. 3, 17), und in Joh. 8, 15: »Ihr richtet nach dem Fleische, ich richte niemanden!«
»Was sagst du?« fragen Ihn die Schriftgelehrten. Dieses Mal soll Er sich nicht »herauswinden können«! Wenn Er die Sünderin freispräche, so könnten sie Ihn als Feind des göttlichen Gesetzes anklagen; wenn Er sie aber steinigen ließe, wo bliebe dann Sein Bekenntnis, Er sei gekommen, »zu suchen und zu erretten, was verloren ist« (Luk. 19, 10)? Werner de Boor schrieb dazu in der »Wuppertaler Studienbibel« (Das Evangelium des Johannes):
»Es geht diesen Männern gar nicht um die Sünde und ihre Bekämpfung. Es geht ihnen um den Kampf gegen Jesus. Ihn hoffen sie endlich unentrinnbar gestellt zu haben. Verurteilt Er jetzt diese Frau, dann hat Er Seinen Gegnern recht geben müssen und Seinen Ruf als ›Freund der Zöllner und Sünder‹ verloren. Schützt Er aber selbst eine solche Ehebrecherin, dann ist Er vor jedem entlarvt, der es überhaupt noch ernst meint mit Gottes Geboten. Er ist dann tatsächlich ein ›Diener der Sünder‹ (Gal. 2, 17). Wie sich Jesus auch entscheidet, immer haben Ihn Seine Gegner in der Hand und können Seine Stellungnahme gegen Ihn verwenden. Sie merken nicht, wie sie nur sich selbst damit bloßstellen. Es wird ja doch deutlich, wie ihr frommer Eifer nicht wirklich Gott und Seinen Geboten gilt, sondern von Unwahrhaftigkeit, List und Haß regiert wird …« —
Das gesamtbiblische Zeugnis legt uns noch einen anderen Gedanken nahe: Ist doch der Christus selbst der Gesetzgeber Israels, der »Gott und Heilige Israels«, der »Engel« oder »Beauftragte« JAHWEHs. Als solcher hat Er auch hier Recht zu sprechen und das Gesetz zu interpretieren. Auch im Rückblick auf die Zeit der Väter, auf die Gesetzgebung und Wüstenwanderung Israels gilt Joh. 1, 18: »Keiner hat Gott jemals gesehen — der einziggezeugte Sohn, der in des Vaters Schoß ist, Er hat IHN kundgemacht!« Er selbst war es, der da kam mit heiligen Myriaden von Engeln, Er war es, aus dessen rechter Hand am Berge Sinai »Gesetzesfeuer hervorging« (vgl. 5. Mose 33, 2 mit 2. Thess. 1, 7; siehe auch 2. Mose 19, 20; 20, 2; 24, 10; 3. Mose 18.19 mit der 22-fachen Wendung über den Gesetzgeber: »Ich bin JAHWEH«; Jak. 4, 13; 1. Kor. 10, 4; 5. Mose 32, 12).
Das schier unlösbare Problem, das sich dem Herrn durch die Versuchung der Schriftgelehrten stellt, ist: Wie können »Güte und Wahrheit« miteinander im Einklang stehen, wie Gottes »Gerechtigkeit und Friede sich küssen« (Ps. 85, 10)? Oder, um es mit Joh. 1, 17 zu sagen: »Das Gesetz wurde durch Moses gegeben« — und mit ihm der Schuldspruch über den Sünder — »die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden«!
Hören wir noch einmal Werner de Boor aus der »Wuppertaler Studienbibel«:
»Wir stoßen in unserem Bericht auf jene zunächst so rätselhafte Paradoxie im Verhalten Jesu, die durch das ganze Evangelium hindurchgeht. Er, der in der Bergpredigt die Forderung Gottes bis aufs Äußerste radikalisiert, der ist zugleich der Freund der Zöllner und Sünder. Und umgekehrt: Er, der für solche Sünder wie diese Ehebrecherin die volle Vergebung hat, ist nicht einer, der die Sünde leicht nimmt und die Gebote abschwächt, sondern das ist der, der schon den begehrlichen Blick für Ehebruch erklärt. Wie kann das zusammen bestehen? Gerade, weil Jesus die Sünde so radikal faßt, so bis in ihre verborgene Wurzel hinein sieht, gerade darum fällt für Ihn der Unterschied zwischen Sündern und Gerechten dahin (s. Röm. 3, 23)!«
»Der Sündlose unter euch soll als erster den Stein auf sie werfen« (Joh. 8, 7)!
»Das Problem war es, wie Recht und Gnade miteinander harmonieren können. Das Gesetz der Gerechtigkeit fordert entschlossen die Strafe für den Übertreter des Gesetzes. Diese Forderung beiseitezusetzen, hieße die Herrschaft der Anarchie einzuführen. Gott ist gleichermaßen heilig und gerecht; Seine Heiligkeit entbrennt gegen das Böse und kann es nicht erlauben, daß der Sünder in Seine Gegenwart kommt. Was wird nun mit dem armen Sünder? Er ist mit Sicherheit ein Übertreter des Gesetzes, und offenbar ist sein moralisches Verderben. Seine einzige Hoffnung liegt in der Barmherzigkeit, seine Rettung ist nur möglich durch die Gnade« (Pink: Gospel of John).
Sinnt doch Gott darauf, »daß der Verstoßene nicht von Ihm weg verstoßen bleibt« (2. Sam. 14, 14). Wie aber war dieser scheinbar unlösbare »Knoten« zu lösen? Der Sohn Gottes — Gesetzgeber und Richter — richtet sich selbst am Kreuz, trägt alle Sünde und Sündenstrafen der Welt und erfüllt so Gottes Rechtsforderung. Indem Er Sein Blut vergoß, machte Er Frieden (Eph. 2, 14.15). Die Sünde wird unnachsichtig verdammt, der Sünder aber wird freigesprochen.
»›Frau, wo sind diese? Hat niemand dich verurteilt?‹ Sie aber sprach: ›Keiner, HERR!‹ Da sprach Jesus: ›Auch ich y/span>verurteile dich nicht; gehe hin, und von nun an sündige nicht mehr!‹« (Joh. 8, 10.11).
Der Rechtsgrund für diesen Freispruch besteht darin, daß der, welcher da zur Sünderin sagte: »Ich verdamme dich nicht!« kurze Zeit danach an ihrer Stelle selbst dahingegeben und »verdammt« wurde; »abgeschnitten« von den Augen und der Nähe Gottes litt Er »fern vom Angesicht des Herrn«! Nur darum ergeht jetzt kein Verdammungsurteil für die, die in Christo Jesu sind (Röm. 8, 1). Gnade und Wahrheit, Gerechtigkeit und Friede stimmen nunmehr überein.
Daß die Frau Jesus als Messias erkannte und anerkannte und nicht nur einen »Rabbi« in Ihm sah, zeigt ihre Anrede »HERR« (kyrie). —
2. Die Antwort Jesu an Seine Feinde
»Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie aber fortfuhren, Ihn zu fragen, richtete Er sich auf und sagte zu ihnen: ›Der Sündlose unter euch soll als Erster den Stein auf sie werfen!‹ Und noch einmal bückte Er sich und schrieb auf die Erde. Als sie aber dies gehört hatten, gingen sie hinaus — einer nach dem anderen — angefangen von den Ältesten …« (6b-9).
Die Todesstrafe wurde gewöhnlich durch eine Steinigung vollzogen, die man außerhalb der Stadt vornahm; ihr rechter Vollzug wird im Mischna-Traktat Synhedrin genau beschrieben: Man stellte den Verurteilten auf eine Anhöhe und stieß ihn den Abhang hinunter; dann warf der Erste der Zeugen ihm einen Stein auf das Herz, und dann schlossen sich bis zu seinem Tod die übrigen Zeugen an. Der letzte von ihnen war der »Zeuge des Todes«, wie Saulus von Tarsus bei der Steinigung des Stephanus (nach »Lexikon zur Bibel«).
»Auf die Aussage zweier oder dreier Zeugen soll getötet werden, wer sterben soll; er soll nicht auf die Aussage eines einzelnen Zeugen hin getötet werden. Die Hand der Zeugen soll zuerst an ihm sein, ihn zu töten, und danach die Hand des ganzen Volkes. Und du sollst das Böse aus deiner Mitte hinwegschaffen« (5. Mose 17, 6.7).
Das eben fordert Jesus: Der Erste der Zeugen, der den entscheidenden Stein zu werfen hatte, der meist schon eine lebensgefährliche Verletzung oder den Tod herbeiführte, sollte im Sinne der Anklage wegen Ehebruchs ein Sündloser sein.
Man muß es den Pharisäern und Schriftgelehrten zugute halten, daß sie in diesem Stück ihre Heuchelei aufgaben. Auch sie kannten Worte wie Mal. 2, 10-16, wo auf dem Hintergrund der »Ehetreue« Gottes gegenüber Seinem »Weibe« Israel das Gebot »Du sollst nicht ehebrechen!« eine mehr als nur moralische Tiefe erfährt: Bereits die Sünde im Geiste gegenüber dem »Weibe der Jugend« und des »Bundes« macht Gebete und Opferdienst für Gott unannehmbar. Haßt Er doch die Ehescheidung, Er, der mit der Institution der Ehe »den Samen Gottes hervorzubringen suchte« — den Messias aus der Väterreihe Israels.
Vom Ältesten bis zum Jüngsten gehen sie alle von Jesus und der angeklagten Ehebrecherin aus der Tempelhalle hinaus. Der Älteste geht zuerst hinweg — hat er doch im Laufe eines langen Lebens sicherlich die meiste Schuld auf sich geladen! »Wenn Gott Sein Licht in eines Menschen Herz fallen läßt, wird diesem seine moralische und geistliche Verderbtheit offenbar, und Beschämung schließt seine Lippen. So war es hier. Nicht ein Wort hat Christus gegen das Gesetz gesprochen; in keiner Weise hat Er die Sünde der Frau beschönigt. Unfähig, irgendeinen Anklagegrund gegen Ihn zu finden, völlig zuschanden geworden in ihren bösen Absichten, besiegt vom eigenen Gewissen, gehen sie hinweg …« (Pink: Gospel of John).
Dies will auch der zweite Teil des aaronitischen Segens sagen: »JAHWEH lasse aufleuchten Sein Angesicht über dir und — sei dir gnädig!« Es bleibt nur noch Gnade, um uns weiter existieren zu lassen, nachdem im Lichte der aufstrahlenden Gottesherrlichkeit der tiefschwarze Schatten unseres Lebens an die Wand geworfen wurde. Je mehr wir uns dem Lichte Gottes aussetzen, um so mehr wird auch unsere Sünde offenbar (s. den Zusammenhang von 1. Joh. 1, 7).
Die Ankläger gehen hinaus — überführt von ihrem Gewissen —, aber zugleich gehen sie hinweg von dem Erlöser, der ihnen allein Gnade verleihen könnte! Erst die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, der uns »überführt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht«, kann es bewirken, daß wir vor Jesus niederfallen und im Bewußtsein unserer Sünde mit Petrus rufen: »Herr, geh von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch«, um aber gerade dann von Ihm Gnade und Berufung zu empfangen (Luk. 5, 8-10).
Von den Schriftgelehrten und Pharisäern aber sagte der Herr: »Ihr erforschet die Schriften, denn ihr meinet in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es wirklich, die von mir zeugen, aber ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt« (Joh. 5, 39).
»Der Sündlose unter euch soll als erster den Stein werfen« (V. 7)! Hat dies nicht auch eine prophetische Bedeutung, wenn wir an Satan als einen der ersten Engelfürsten und Geschöpfe denken, der beständig und mit wohlbegründetem Anklagematerial als »Verkläger der Brüder« auftritt (Offb. 12, 10)? Aber: Der Älteste geht als erster hinaus. Er, der den Hohepriester Josua wegen seiner »schmutzigen Kleider« (und mit ihm Israel und Jerusalem) vor dem himmlischen Gericht verklagte, wird von JAHWEH selbst — von Christus als dem Richter — abgewiesen: »JAHWEH schelte dich, Satan, ja, es schelte dich JAHWEH, der Jerusalem erwählt hat!« Josua aber darf die schmutzigen Kleider ausziehen und wird — wie der heimgekehrte verlorene Sohn — mit den Feierkleidern der Rechtfertigung eingekleidet. Diese Gnade, verbunden mit einer erneuten Amtseinsetzung, konnte ihm nur widerfahren, weil der HERR selbst dereinst am Kreuz auch für seine Schuld bezahlen würde (Sach. 3, 1-5)!
»Wenn der Kläger mich verklagt,
Christus hat mich schon vertreten;
wenn er mich zu sichten wagt,
Christus hat für mich gebeten.
Daß mein Bürge für mich spricht:
das ist meine Zuversicht!»
3. Auf Stein geschrieben
»Der Sündlose unter euch soll als Erster den Stein werfen!«
Nur eine heilige Hand darf das Gesetz ausführen. »Wer wird steigen auf den Berg JAHWEHs, und wer wird stehen an Seiner Heiligtumsstätte? Der unschuldiger Hände und reinen Herzens ist, der nicht zum Wahnhaften erhebt seine Seele und nicht schwört zum Truge« (Ps. 24, 3.4).
Wer anders könnte dies sein als der Sohn des Hochgelobten, der Messias, dessen Himmelfahrt und Thronerhöhung in Ps. 24 geschaut wird — Er, der »König der Herrlichkeit, JAHWEH, stark und mächtig im Kampf« (mit den Mächten der Finsternis)!
Aber Seine heiligen, unschuldigen Hände ergreifen keinen Stein, um das Todesurteil an der Ehebrecherin auszuführen; mit ihnen schreibt Er vielmehr zweimal auf die Erde — d. h. auf die Bodenplatten der Tempelhalle. Zur Deutung dieses geheimnisvollen Vorgangs hat man auf Jer. 17, 12.13 verwiesen: »Thron der Herrlichkeit, Höhe von Urbeginn, Du Ort unseres Heiligtums! Hoffnung Israels, JAHWEH! Alle, die Dich verlassen, werden beschämt werden. Und die von mir weichen, werden in die Erde geschrieben werden; denn sie haben den Born lebendigen Wassers, JAHWEH, verlassen!« Die Elberfelder Bibel ergänzt in der Fußnote: »… so daß die Schrift bald verwischt oder verweht wird«. Doch hat der Herr wirklich die Namen der anklagenden Schriftgelehrten und Pharisäer in den Sand geschrieben? Weshalb wird dann das zweimalige Schreiben so betont?
Wir müssen zunächst einmal fragen, wessen Finger es sind, die hier auf die staubigen Bodenplatten der Säulenhalle des Tempels schreiben! Es sind die Finger dessen, der einstmals auch die beiden Steintafeln mit den Weisungen Gottes selbst beschrieb! »Und Er gab dem Mose, als Er auf dem Berge Sinai mit ihm ausgeredet hatte, die zwei Tafeln des Zeugnisses, Tafeln von Stein, beschrieben mit dem Finger Gottes« (2. Mose 31, 18). »Und Moses wandte sich und stieg von dem Berge hinab, die zwei Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand, Tafeln, beschrieben auf ihren beiden Seiten: auf dieser und auf jener Seite waren sie beschrieben. Und die Tafeln waren das Werk Gottes, und die Schrift war die Schrift Gottes, eingegraben in die Tafeln« (2. Mose 32, 15.16).
Doch auch diese Gesetzestafeln wurden von dem JAHWEH-Christus zweimal geschrieben: Die ersten beiden, von Seiner Hand geschriebenen Tafeln, zerbrach Moses im Zorn über den Götzendienst Israels mit dem goldenen Stier (2. Mose 32, 19); die erneut vom HERRN beschriebenen Tafeln der Gebote (2. Mose 34, 28) wurden in der Bundeslade aufbewahrt; eine schwere goldene Abschlußplatte bedeckte sie. Diese wurde auch »Sühnedeckel« genannt, weil sie vom Hohenpriester mit dem Blute der Opfertiere besprengt wurde und auf diese Weise die Anklage der »Gebote in Satzungen« bedeckte. Zwischen der Rechtsforderung und dem Todesurteil des Gesetzes, der Gebote, und dem verurteilten Sünder stand nun das Blut des unschuldigen Sühneopfers; darum konnte Paulus in diesem goldenen Abschlußdeckel Jesus Christus in Seinem Versöhnungswerk vorgeschattet sehen, wie wir es in Röm. 3, 25.26 lesen. Diese Deckplatte wurde auch »Thron JAHWEHs« genannt, weil auf ihr die Wolkensäule erschien, aus der JAHWEH zu Moses sprach; darum wählte die Elberfelder Übersetzung den Begriff »Gnadenstuhl« (s. auch Hebr. 4, 16 und 9, 5).
Gnade und Versöhnung ist also die einzige Hoffnung für den Sünder. Die in Röm. 3, 25.26 genannte »Bedeckung« der Sünde durch die »Langmut Gottes« geschah im Hinblick auf die endgültige Regelung der Rechtsfrage am Kreuz des Christus.
Indem unser Herr nun zweimal auf die Bodenplatten der Tempelhalle schrieb, wollte Er gleichsam sagen: »ICH bin der, der das Gesetz selbst gegeben hat, es war mein Finger, der die Gebote auf die Tafeln aus Stein geschrieben hat!« So blind Seine Feinde auch waren, so übersahen sie doch die Zeichenhaftigkeit Seines Handelns nicht!
Was mag nun Jesus geschrieben haben? Sicherlich Worte Gottes aus dem Alten Testament, die auch Seinen Gegnern bekannt waren! Am einleuchtendsten erschien mir die Deutung eines gläubigen Theologen, es seien die jeweils ersten Gebote der beiden Tafeln gewesen, so wie wir sie in der Anordnung durch die »Masoreten« finden; beim ersten Male, so heißt es, habe Er geschrieben: »Ich bin JAHWEH, dein Gott … du sollst keine fremden Götter neben mir haben!« und beim zweiten Male: »Du sollst nicht ehebrechen!«
Dieser gedankliche Brückenschlag aber weist hin auf den religiösen Ehebruch des »WEIBES Israel« im Götzendienst und Abfall von dem lebendigen Gott, wodurch sie zur »HURE« und im Gericht Gottes zur scheinbar verlassenen »WITWE« wurde. Auch dieser Hinweis führte dazu, daß die Ankläger davongehen. Die Ehebrecherin aber wird freigesprochen — wie anders, als im Blick auf die kommende Erlösung!
»Da sprach Jesus: Auch ich verurteile dich nicht! Gehe hin, und von nun an sündige nicht mehr« (Joh. 8, 11)!
Auch wir stehen — als Verurteilte und zugleich in Christo Freigesprochene — unter dieser Weisung, wie es auch 1. Kor. 6, 9-11 bezeugt:
»Oder wisset ihr nicht, daß Ungerechte das Königtum Gottes nicht ererben werden? Irret euch nicht: weder Hurer noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Wollüstige, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer, noch Räuber werden das Königtum Gottes ererben! Und solches sind etliche von euch gewesen; aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus und durch den Geist unseres Gottes!«
4. Israels Ehebruch und Freispruch
Die Schuld und der Freispruch der Ehebrecherin hat, wie schon angedeutet, eine tiefe prophetisch-symbolische Bedeutung; wird doch Israel geschaut
- als BRAUT JAHWEHS — in seiner Errettung aus Ägypten und Erwählung am Berge Sinai;
- als WEIB JAHWEHS — im Ehebund, den der Herr mit Israel geschlossen hat, dem »Alten Bund«, wie wir ihn nennen;
- als HURE und EHEBRECHERIN im Abfall von dem lebendigen Gott und im Dienste anderer Götter;
- als (scheinbar verlassene) WITWE im Gericht Gottes und im Exil unter den Weltvölkern;
- schließlich aber wiederum als BRAUT in der Wiederherstellung und »Wiedergeburt Israels« durch einen endzeitlichen Neuen Bund (s. 5. Mose 30, 4-8; Matth. 19, 28).
Auch Jesus bezeichnete das Israel Seiner Zeit als eine »ehebrecherische Generation«. »Denn wer immer sich meiner und meiner Worte schämt unter dieser ehebrecherischen und sündigen Generation, dessen wird sich auch der Sohn des Menschen schämen, wenn Er kommen wird in der Herrlichkeit Seines Vaters, begleitet von den heiligen Engeln!« (Mark. 8, 38).
»Eine böse und ehebrecherische Generation begehrt ein Zeichen, und kein Zeichen wird ihr gegeben werden, als nur das Zeichen Jonas, des Propheten« (d. h. Seine Wiederbringung aus den Toten, wie die des Jona aus dem Bauch des Riesenfisches).
Hart steht die Anklage — zweifach geschrieben mit heiligem Finger — auf steinernen Tafeln gegen das zur Hure gewordene Israel: »Du sollst keine anderen Götter außer mir haben …« und »Du sollst nicht ehebrechen!
Kann überhaupt noch ein Freispruch und eine Neuvermählung mit JAHWEH — dem Christus — erfolgen? Wie kann aus dem »Du sollst …!« der prophetische Urlaut des Hebräischen Wahrheit werden, der da lautet: »Du wirst nicht ehebrechen!«? »Sündige hinfort nicht mehr!«?
In 4. Mose 5, 11-31 steht die eigenartige Verordnung der Eifersuchtsprobe, wo in einem Gottesurteil gezeigt werden soll, daß Gott nicht einmal den Verdacht des Bösen ertragen kann. Die des Ehebruchs verdächtigte Frau soll ihre Haare lösen, in ihre Hände ein »Speisopfer der Eifersucht« nehmen und ein »fluchbringendes Wasser der Bitterkeit« trinken. Das »heilige WASSER« weist hin auf das richtende Gotteswort; es wird vermischt mit dem STAUBE der Tempelwohnung (dem Zeichen des Todes, der Sünde, der Buße und Erniedrigung) und wird dargereicht in einem irdenen GEFÄSS, dem Symbol für die gefallene menschliche Existenz (vgl. positiv 2. Kor. 4, 7).
»Der Priester soll das Weib beschwören mit dem Schwure des Fluches, und der Priester soll zu dem Weibe sagen: So mache dich JAHWEH zum Fluche und zum Schwure in der Mitte deines Volkes, indem JAHWEH deine Hüfte schwinden und deinen Bauch schwellen lasse …« (V. 21).
Diese Flüche wurden auf eine Rolle aufgeschrieben und sofort im Wasser der Bitterkeit abgelöscht, welches die Frau trinken und den Fluch mit einem doppelten »Amen« bekräftigen mußte. »Ohne Zweifel hat diese eindrucksvolle Verordnung Bedeutung für das Verhältnis zwischen JAHWEH und dem Volke Israel. Die Propheten vergleichen Israel häufig mit einer Frau, deren Betragen JAHWEH zur Eifersucht reizt … Israel konnte die durchdringende Probe des Wassers der Bitterkeit nicht bestehen. Seine Untreue ist offenbar geworden. Es hat sich von seinem Ehemann, dem Heiligen Israels, abgewandt, dessen brennende Eifersucht über das untreue Volk ausgeschüttet worden ist. Er ist ein eifersüchtiger Gott, und Er kann den Gedanken nicht ertragen, daß sich das Herz, das Er als Sein Eigentum beansprucht, einem anderen zuwendet« (Mackintosh: »Gedanken zum 4. Buche Mose«).
Worin wirkte sich nun der Fluch aus? Die abrupte Gewichtsabnahme und der abnorm schwellende Bauch (ein karzinogenes Geschehen?) versinnbildlichen eine Schwangerschaft, die in Wirklichkeit eine Scheinschwangerschaft war! Ob Jesaja an diesen Gottesfluch dachte, als er über das gerichtete Israel in Kapitel 28, 16-18 schrieb: »JAHWEH, in der Bedrängnis haben sie Dich gesucht (vermißt); als Deine Züchtigung sie traf, ergossen sie flüsterndes Gebet. Wie eine Schwangere, die dem Gebären nahe ist, sich windet und schreit in ihren Wehen: also sind wir gewesen, JAHWEH, fern von Deinem Angesicht. Wir gingen schwanger, wir wanden uns; es war, als ob wir Wind geboren hätten: Rettung verschafften wir dem Lande nicht, und Bewohner des Erdkreises wurden keine geboren …!«
Nur die überwältigende Gottesgnade kann es durch Christi Erlösungstat bewirken, daß der Freispruch Israels erfolgt und daß seine Wiedergeburt »Leben aus Toten« bewirkt — beginnend mit der »Geburt« des »männlichen Sohnes« aus dem »Sonnenweib« Israel (Matth. 19, 28; Jes. 66, 7-9; Offb. 12). Diese »Neuordnung aller Dinge« geschieht im Übergang von den »Wehen« der Endzeit am Ende dieses Äons zum 1000-jährigen Friedensreich des Messias (Apg. 3, 21; Matth. 24, 8). Wie schon ausgeführt, weist darauf vorbildlich das Laubhüttenfest Israels hin. Es hat also einen tiefen prophetischen Sinn, daß Anklage und Freispruch der Ehebrecherin in den Zusammenhang des Laubhüttenfestes eingebettet ist.
Nun kann sich der Christus Seinem Volke Israel, das Er aus »der Wüste der Völker« wiedergebracht hat, offenbaren als das Brot des Lebens, als das Licht der Welt und als der wasserspendende Felsen in der Gabe des Heiligen Geistes — des Geistes »der Gnade und des Flehens« (Sach. 12, 10). Bei Seiner Wiederkunft in Herrlichkeit erfolgt die Regelung des Ehebruchs Israels und der Freispruch durch Sein Blut. Dann wird es wiederum heißen: »Gehe hin und sündige von nun an nicht mehr!«
»Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch sammeln aus allen Ländern und euch in euer Land bringen. Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von allen euren Unreinigkeiten und von allen euren Götzen werde ich euch reinigen. Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleische wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben …« (Hes. 36, 24-27). In den Versen 23-30 dieses Kapitels erscheint zwölfmal — also in der Zahl Israels — das göttliche »Ich werde«, welches Sein Handeln auf dem Boden voraussetzungsloser Gnade beschreibt, wie es auch die 12 Verse aus Joh. 7, 53 - 8, 11 vorschatten.
Dann erst kann es sich erfüllen: »Du wirst nicht ehebrechen!« Dann wird die BRAUT Israel singen wie im Brautstand ihrer Jugend, als sie aus Ägypten zog. Sie wird JAHWEH nicht mehr nennen »mein Baal«, sondern »mein Ehemann« (vgl. dazu Matth. 12, 24).
Der Herr aber spricht: »Und ich will dich mir verloben in Ewigkeit, und ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und Gericht und in Güte und Barmherzigkeit, und ich will dich mir verloben in Treue; und du wirst JAHWEH erkennen« (lies Hosea 2, 14-23 ganz)!
Gerechtigkeit und Gericht in den »Wehen der Endzeit« sind nur Wegbereiter für die überströmende Barmherzigkeit und Verheißungstreue des wiederkehrenden Christus gegenüber Seinem Volke Israel.
Gott aber sei Dank für Seine unaussprechliche Gabe in Christo Jesu, unserem Herrn, der »uns geliebt und sich selbst für uns dahingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch« (Eph. 5, 2)!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 2/1998; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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