Wenn die Schrift bezeugt, daß Gott die Welt liebt, so ist damit gar
nichts darüber ausgesagt, wie die Welt ist, sondern nur, wie Gott ist.
Das gilt es einmal ganz klar mit allen Konsequenzen zu fassen.


Adolf Heller (1895 - 1973)
Beitrag per E-Mail weiterempfehlen   Beitrag drucken    0

Das Wunder der Gnade bei Paulus

Autor: Schäfer, Kurt  |  Kategorie(n): Erkenntnis & Wesen Gottes, Gemeinde, Paulus  |  658 x gelesen

(Nachschrift eines Wortdienstes auf der Langensteinbacherhöhe)

Aus 1. Timotheus 1 lese ich die Verse 12-17: »Ich danke unserem Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und treu geachtet hat und gesetzt in das Amt, der ich zuvor war ein Lästerer und ein Verfolger und ein Schmäher. Aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan im Unglauben. Es ist aber desto reicher gewesen die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, auf daß an mir vornehmlich Jesus Christus erzeigte alle Geduld, zum Vorbild denen, die an Ihn glauben sollten zum ewigen Leben. Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

Der bekannte Bibelübersetzer Hans Bruns hat einmal gesagt: »Wahrer Christenglaube ist in Deutschland nahezu unbekannt.« Das ist ja nun schon eine schockierende Behauptung! Er hat nicht gesagt: In Deutschland gibt es keine Religion, oder: In Deutschland ist das Christentum unbekannt, nein, er hat gesagt: In Deutschland ist wahrer Christenglaube nahezu unbekannt. Er hat damit nicht zum Ausdruck bringen wollen, daß Deutschland nachgerade ein Missionsland sei, wo viele Leute nichts mehr wissen von biblischen Gedanken und Gesichtspunkten, sondern er wollte sagen, daß gerade unter denen, die sich für Christen halten, große Unklarheit darüber besteht, was denn tatsächlich wahrer Christenglaube ist.

Wenn man mit Menschen ins Gespräch kommt, stellt sich sehr schnell heraus, was für Vorstellungen sie diesbezüglich haben. Oft geht es ihnen nur darum, daß Jesus die Liebe propagiert habe, daß Er den Menschen das Gebot der Nächstenliebe gebracht habe. Dieses Gebot aber hat nicht erst Jesus gebracht, es findet sich schon mitten in den Büchern Mose (3. Mose 19, 18)! Oder es wird gesagt, Jesus habe die Gerechtigkeit verfochten, die Solidarität mit den Entrechteten und die Gleichheit aller Menschen. In all diesen Dingen mag ja ein Körnchen Wahrheit liegen — nur wenn man meint, das sei die Mitte des Evangeliums und des Christenglaubens, dann hat man tatsächlich vom Christenglauben so gut wie nichts verstanden.

Der Apostel Paulus tut uns in den eben verlesenen Worten den Dienst, daß er uns mitten ins Zentrum des Christenglaubens hineinführt, ins Zentrum dessen, was Evangelium ist. Und wir wollen nun einmal nicht mit dem Anfang dieses Abschnitts beginnen, sondern mit der Mitte, wo Paulus sagt: »Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, um Sünder zu retten.« Da haben Sie in einem einzigen Satz das ganze Evangelium beieinander! Um das geht’s!

Was ist die Mitte christlichen Glaubens? Manche Menschen werden sagen: Ja, wir verstehen schon, es geht im christlichen Glauben letztlich nicht um eine Sache, um Nächstenliebe oder Gerechtigkeit etwa, sondern um eine Person; es geht um Gott! Nein, das ist auch nicht die Mitte des Evangeliums! Auch das ist zuwenig. Die Juden, denen Paulus und Petrus gepredigt haben, kannten selbstverständlich vom Alten Testament her den lebendigen Gott. Aber sie verstanden nichts vom Evangelium. Im Evangelium geht es nicht einfach nur um den Glauben an Gott — bekanntlich glauben ja auch die Dämonen, wie Jakobus einmal sagt (2, 19), aber das ist kein rettender Glaube, sondern es bewirkt lediglich ein Zittern bei ihnen. Darum kann man nicht oft und klar genug diesen vielfältigen Mißverständnissen entgegentreten. Im Zentrum des Evangeliums steht nur Einer und Eines, und das ist Jesus Christus und das, was Gott in Ihm der Welt gegeben hat.

Christus Jesus ist in die Welt gekommen. Schon der Name ist ja Programm: Jesus — d. h. der Heiland, der Retter — ist als Christus, als der Messias in die Welt gekommen. Mit anderen Worten: Der, auf den Israel vom Alten Testament her bewußt und die Heiden unbewußt gewartet haben (und bis heute noch warten), der ist da! Alle Menschen warten im Grunde ihres Herzens unbewußt auf diesen Einen. Goethe hat im Faust gesagt:

Ja, ich war auch in diesem Falle,
als ich die Weisen hört’ und las;
ich sagte: Aber sind sie das,
sind das die Knaben alle?

Er wollte sagen: Man kann die Weisen dieser Welt von A bis Z lesen, aber wenn man sie in ihrem Suchen und Forschen und Fragen von vorn bis hinten studiert hat, dann bleibt am Schluß die Frage: Sind das die Knaben alle? Das heißt: Alles, was sie uns zu bieten haben, kann doch nicht die letzte Antwort sein! Sie bleiben ja alle im Vorfeld und können uns nicht das Entscheidende sagen, da muß doch ein anderer kommen!

Genau das ist geschehen, sagt Paulus, diesen anderen hat Gott geschickt. Christus Jesus — der Messias, der Erwartete — ist als die Antwort Gottes in die Welt gekommen, Er, in dem die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt.

Wohin ist Er gekommen? Paulus sagt: in die Welt, in unsere Welt.

Es gibt ja heute interessante Diskussionen über die Frage, ob auf anderen Himmelskörpern auch menschliches oder menschenähnliches Leben existiert. Die meisten Menschen interessiert das aber nicht. Es interessiert uns doch vor allem das, was in dieser unserer Welt passiert. Da leben wir, da leiden wir, da weinen wir unsere Tränen, da haben wir mit unseren eigenen Problemen genug zu tun. Das ist doch unsere Welt! Und als Gott Seinen Sohn sandte, hat Er Ihn nicht irgendwohin geschickt, sondern in unsere Welt, auf diesen kleinen, unbedeutenden Planeten im Weltall.

Wenn ich durch Israel reise, ist mir nicht dieser oder jener Andenkenladen, diese oder jene Kirche wichtig, sondern die faszinierende Tatsache, daß ich z. B. in Bethlehem weiß: Hier ist der lebendige Gott Mensch geworden! Und das ist das Erregende, wenn man nach Jerusalem kommt: Hier stand das Kreuz des Sohnes Gottes, an dem Er die Welt mit Gott versöhnt hat! Nicht irgendwo und irgendwann, sondern an einem ganz bestimmten geographischen Ort und an einem ganz bestimmten geschichtlichen Datum hat hier Gott in Seinem Sohn gehandelt. »Jesus Christus ist gekommen in die Welt.«

Wozu ist Er gekommen? »Um Sünder selig zu machen« — »Sünder zu retten«.

Hier liegt vielleicht der Grund, liebe Brüder und Schwestern, warum so viele Menschen heute keine Antenne fürs Evangelium haben. Man hat nämlich den heutigen Menschen aus der Verantwortung für die Sünde entlassen. Es ist in unserer Zeit und Welt eine Bewegung im Gange, die den Menschen aus der Verantwortung für das, was er tut, entläßt. Das geschieht nicht durch eine Revolution, sondern in einer Art stiller Übereinkunft.

Man hat den Begriff Sünde nahezu abgeschafft — und damit die Verantwortung des Menschen für das, was er tut. Wenn er verkehrt handelt, dann ist er im Grunde nicht selber schuld, sondern andere. Schon seine Erziehung trägt schuld daran: Zunächst haben ihn seine Eltern repressiv erzogen, dann hat die Schule denselben Fehler gemacht, die Kirche ebenso, und so konnte es ja nicht ausbleiben, daß seine Entwicklung in eine falsche Richtung lief und er verkehrt handelte. Wenn er also etwas falsch macht, ist das nicht etwa »Sünde« — das kann es gar nicht geben —, sondern die Folge seiner Erziehung, seiner Zeit, seiner Umwelt, der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist. Der Mensch wurde aus der Verantwortung entlassen. Darum hat er auch kein schlechtes Gewissen mehr; denn wo es keine Sünde gibt, gibt es auch kein schlechtes Gewissen. Und wenn dann dem heutigen Menschen verkündigt wird, Jesus sei in die Welt gekommen, um Sünder zu retten, dann sagt er: Schön und gut, allerdings bin ich nicht gemeint. Wenn man kein Sünder ist, braucht man auch keinen, der gekommen ist, Sünder zu retten.

Hier kommen wir in der Verkündigung und Seelsorge an die Grenzen unserer Möglichkeiten. Wir können dem Menschen von heute vielleicht moralische Defekte bewußt machen, ihn auf dunkle Punkte in seinem Leben hinweisen, aber dadurch fühlt er sich noch lange nicht als Sünder. Auch mit aller uns zur Verfügung stehenden Beredsamkeit können wir den Menschen von heute nicht an den Punkt führen, wo er mit Luther sagt: »der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat«. Daß der Mensch sich als Sünder erkennt, ist ein Wunder, das nur der Heilige Geist vollbringen kann; und je älter ich werde und je länger ich mit Menschen umgehe, desto mehr staune ich immer wieder, wenn irgendwo dieses Wunder geschieht.

Vor einiger Zeit wurde ich zu einem alten Patienten gerufen; seine Angehörigen meinten, er werde wohl nicht mehr gesund werden und nicht mehr lange leben; ich möchte doch einmal mit ihm sprechen. Dann saß ich an seinem Bett, und er begann aus seinem Leben zu erzählen. Bald wurde aus dem, was er erzählte, wohl ungewollt so etwas wie eine Beichte. Wenn man 70 oder 80 Jahre über diese Erde gegangen ist, kommt ja so manches zusammen. Im Laufe einer halben Stunde breitete er eine Menge von Schmutz und Schuld und Schande vor mir aus. Dann hielt er einen Augenblick inne, schaute mich an und sagte: »Wissen Sie, Herr Pastor, in meinem Alter ist es eine große Beruhigung, wenn man sich sagen kann: Du hast in deinem Leben immer deine Pflicht getan!« — Glücklicherweise saß ich auf einem Stuhl, sonst hätte ich mich wohl irgendwo festhalten müssen. Jetzt hatte der Mann eine halbe Stunde lang Schmutz und Schuld und Schande aufgehäuft — wie einen unsichtbaren Berg auf seiner Bettdecke —, um anschließend zu erklären: »Gott sei Dank habe ich in meinem Leben immer meine Pflicht getan!« Können Sie so etwas verstehen?

Ich habe einen Augenblick geschwiegen und dann zu ihm gesagt: Lieber Mann, wenn es mit mir einmal zum Sterben geht, dann habe ich es nicht so gut wie Sie. Ich würde nicht zu sagen wagen: Ich habe in meinem Leben immer meine Pflicht getan. Aber wiederum habe ich es trotz meiner Sünden besser als Sie. Ich darf dann nämlich sagen:

Christi Blut und Gerechtigkeit,
das ist mein Schmuck und Ehrenkleid,
damit will ich vor Gott bestehn,
wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.

Ich habe dann versucht, ihm ganz schlicht das Evangelium zu sagen, wie man es einem Kind in der Sonntagsschule sagt, aber er konnte es nicht mehr erfassen. Vierzehn Tage später hat man ihn schon herausgetragen.

Es ist ein ganz gewaltiges Wunder Gottes, wenn ein Mensch sich als Sünder erkennt. Das kann wirklich nur Gott wirken. Erst wenn ein Mensch ein Sünder geworden ist, ist er empfänglich für die Botschaft, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, um Sünder zu retten. Gott sei Dank, daß wir einen Herrn haben, der das fertigbringt. »Wenn der Geist gekommen ist«, sagt Jesus, »dann wird er die Welt überführen von der Sünde.« Und so gewiß wir von uns aus völlig unfähig sind, dies zu bewirken, so gewiß können wir betend unsere Hände zu Gott ausstrecken und Ihn bitten: »Herr, tue Du das an diesem Menschen!«

An dieser Stelle entwickelt Paulus nicht eine schöne Theorie, sondern dies wurde von ihm ganz persönlich erfahren, durchlebt und durchlitten. Am Anfang unseres Abschnittes sagt er ja: »Ich danke unserem Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und treu geachtet und gesetzt hat in das Amt, der ich zuvor war ein Lästerer und ein Verfolger und ein Schmäher. Aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren.« Interessant ist, daß er diesen Abschnitt mit den Worten beginnt: »Er, der Herr, hat mich stark gemacht

Im Jahr 1867 hat der schwedische Chemiker Nobel einen neuartigen Sprengstoff erfunden, der alles Bisherige an Wirkung weit übertraf. Man hat ihn »Dynamit« genannt, indem man das griechische Wort für Kraft, »dynamis«, dabei verwendet hat. Die kleine Lichtmaschine an unserem Fahrrad nennen wir »Dynamo«, auch darin steckt das Wort »dynamis«. Dieses kleine Ding hat die Kraft, ein ganzes Straßenstück vor uns zu erleuchten. Dieses kleine Wort benutzt der Apostel Paulus mit Vorliebe, wenn er von der Kraft des Evangeliums spricht. Das Evangelium ist eine »Kraft (dynamis) Gottes«. Und dieses Wort verwendet er auch hier, wenn er sagt: »Er hat mich stark gemacht.« Das heißt: Er hat mich »dynamisiert«, Seine Kraft ist über mich gekommen. Dabei denkt er natürlich an das, was er vor Damaskus erlebt hat, als er zum erstenmal dem auferstandenen Christus begegnete und entdeckte: Der lebt ja! Das ist ein lebendiger Herr, real hier gegenwärtig! »Ich bin Jesus, den du verfolgst!« Und schon lag Paulus vor Damaskus auf der Erde. Da hat er die »dynamis« dieses Herrn verspürt. Dann geht er drei Tage und drei Nächte blind umher, Essen und Trinken spielen keine Rolle mehr, die Kraft dieses Herrn ist über ihn gekommen. Alles steht plötzlich auf dem Kopf — er erlebt eine Umwertung aller Werte. Dann kommt Ananias zu ihm und sagt: »Der Herr hat mich gesandt, daß du wieder sehend und mit Heiligem Geist erfüllt wirst!« Da kann Paulus nur noch staunen über diesen Herrn, der Seine Leute da und dort hin schickt, ihnen Dinge offenbart, die sie von sich aus gar nicht wissen können, ihnen Auftrag und Vollmacht erteilt. Was ist das für ein Herr! Da hat er die Kraft dieses Herrn erfahren.

Die Kraft dieses Herrn macht ihn stark, so daß er zu seinen früheren Vorgesetzten gehen und ihnen sagen kann: Ab heute könnt ihr nicht mehr mit mir rechnen! Ich stehe auf der anderen Seite!

Diese Kraft hält ihn, als er nach Jerusalem kommt und die Jünger ihm nicht trauen, weil sie ihn für einen verkappten Agenten halten; sie befähigt ihn, Leiden und Verfolgungen zu ertragen. Sie befähigt ihn, die weiten Wege für Jesus im Missionsdienst unter seine Füße zu nehmen. Das Gejagt-, Geschunden-, Gesteinigtwerden um Jesu willen kann er in dieser Kraft ertragen; er darf aber auch erleben, daß durch die Kraft Christi Menschen zum Glauben kommen und Gemeinden entstehen und diese Kraft sich durchsetzt gegen alle Macht des Feindes.

Und indem Paulus auf all die Jahre, die seit dem Damaskuserlebnis verflossen sind, zurückblickt, kann er hier sagen: Er hat mich stark gemacht.

Weiter schreibt Paulus: »Er hat mich treu geachtet« — wörtlich: Er hat mir Treue zugetraut. Eine eigenartige Formulierung!

Wir haben heute Mühe mit dem Wort Treue. Es scheint im Alltagsleben ausgedient zu haben; vielleicht finden wir es bald nur noch in einem Lexikon. Was würden die Leute von uns denken, wenn wir inserieren würden: »Wir suchen eine treue OP-Schwester für unser Krankenhaus.« Das ist doch altmodisch, anstößig, überholt! Wenn Sie ein Kreuzworträtsel lösen, steht da für »Treue« allenfalls noch »Anhänglichkeit«.

In der Bibel aber ist Treue ein ganz entscheidender Begriff. Treue hat bei Gott nicht ausgedient, sie ist vielmehr ein ganz entscheidender Beurteilungsfaktor: »Man sucht an den Haushaltern nur, daß sie treu erfunden werden« (1. Kor. 4, 2). So wie Gott treu ist — Seinem Volk, Seinem Wort, Seinen Verheißungen, sich selbst —, so traut Er nun den Seinen, wie Paulus hier sagt, Treue zu. Das tut Er nicht, weil sie so vortreffliche Leute wären, sondern weil Treue als Frucht des Heiligen Geistes von Gott selbst gewirkt wird. »Er hat mir Treue zugetraut« — Er hat mir zugetraut, daß ich Seine Treue mit Treue beantworte.

Wir wissen ja aus der Psychologie, daß Menschen, denen nie etwas zugetraut wird, innerlich kaputtgehen. Sie entwickeln Komplexe, sie verkümmern, weil sie den Eindruck haben: Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Umgekehrt adelt es einen Menschen, wenn man ihm etwas zutraut, etwas anvertraut. Paulus sagt: Jesus, mein Herr, hat mir Treue zugetraut. Und so hat Gott Paulus »ins Amt gesetzt« — wörtlich: in den Dienst gestellt. Auch das große Apostelamt, das Paulus innehatte, war für Paulus nur ein Dienst, wie die anderen Dienste in der Gemeinde auch. Ganz souverän hat Gott den Paulus in diesen Dienst gestellt; nie hätte er sich das von sich aus angemaßt.

Was Paulus dann weiter sagt, könnte man mit den Worten umschreiben: Er hat mich von meiner Vergangenheit gelöst. »Ich war zuvor ein Lästerer und ein Verfolger und ein Schmäher.«

Paulus hat eine schreckliche Vergangenheit gehabt. Er hat nicht nur das eine oder andere Böse getan, er hat das Schlimmste getan, was man tun kann: Er hat Christus selbst in Seiner Gemeinde verfolgt. Der Herr sagte ihm vor Damaskus: »Ich bin Jesus, den du verfolgst«. Paulus, indem du meine Glieder verfolgst, die Gotteskinder in die Gefängnisse wirfst, an ihrem Todesurteil mitwirkst, verfolgst du mich; denn ich bin das Haupt dieses Leibes. Wer die antastet, tastet meinen Augapfel an!

In seiner Verteidigungsrede vor Agrippa bekennt Paulus: »Ich wütete maßlos gegen sie«, und dann nennt er das Schrecklichste: »Ich zwang sie zu lästern« (Apg. 26, 11). Er hat also die Jünger Jesu nicht nur verfolgt, in die Gefängnisse überliefert, an ihren Todesurteilen mitgewirkt, sondern zur Lästerung gezwungen, das heißt doch: Er hat sie gefoltert, bis sie unter den qualvollen Schmerzen es nicht mehr aushielten und den Namen Jesu lästerten! Paulus sagt: So einer war ich! Und vielleicht hat ihm später der Satan in Stunden der Anfechtung diese Vergangenheit vorgehalten, und die Schreie der Gequälten mögen später je und dann in seinen Ohren geklungen haben.

Nun aber kann Paulus sagen: Er hat mich von meiner Vergangenheit gelöst. Mir, dem Verfolger der Gemeinde, ist Barmherzigkeit widerfahren.

Liebe Brüder und Schwestern, es geschieht gar nicht so selten, daß bei Gotteskindern im Alter in Anfechtungsstunden alte Geschichten aufwachen. Der Satan hält einem alte Dinge vor, die lange zurückliegen. Ich habe mit vielen Alten Gespräche geführt — ich weiß, wovon ich rede. Da kann man ein Leben lang im Dienst des Herrn gestanden sein, und plötzlich kommt die Anfechtung: Warum habe ich das damals getan? Warum war ich so? Warum habe ich da und dort so entschieden? Wie anders hätte manches laufen können in meinem Leben! Wieviel fruchtbarer wäre mein Dienst gewesen, wenn … Und dann sagt der Teufel: Das kannst du nie mehr gutmachen; das Leben ist eine Einbahnstraße; du kannst dir die Augen aus dem Kopf heulen, aber ändern kannst du nichts!

Was ist es für eine Gnade, daß wir nicht mit solchen Schatten leben müssen, daß wir die Flucht antreten dürfen nach vorn, zum Herrn hin! Ihm dürfen wir dann sagen: Du weißt, was der Teufel sagt; er hat auch recht in dem, was er sagt, aber: mir ist Barmherzigkeit widerfahren.

Der Herr aber sagt: »Mein Kreuz bedeckt deine Schuld — mein Blut macht hell dich und rein. Ich gedenke deiner Sünden nicht mehr, und wenn ich es nicht tue, brauchst du auch nicht mehr daran zu denken! Ich tilge sie wie einen Nebel, sie sind versenkt im Meer, wo es am tiefsten ist! Laß sie ruhen!« Und so kann Paulus schreiben: »Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden!« Glauben wir es dem Herrn: Sie ist immer mächtiger!

Weiter schreibt Paulus: »Es ist desto reicher gewesen die Gnade unseres Herrn samt Glauben und Liebe«, und Er hat mich »zum Vorbild« gemacht »für die, die an Ihn glauben sollten«.

Es gibt ja Negativ-Vorbilder. Wenn ein Kind in der Schule nicht richtig mitkommt und in Gefahr ist sitzenzubleiben, dann gibt es Eltern, die ihr Kind dadurch zu neuen Leistungen anspornen wollen, daß sie ihm ein Vorbild vor Augen stellen. Sie sagen: »Du kennst doch den Nachbarsbub im Haus neben uns, der bringt so gute Noten nach Hause, und wenn der es kann, warum nicht auch du?« Die Wirkung ist aber genau entgegengesetzt. Das Kind wird negativ beeinflußt durch dieses Vorbild, und es denkt: Der hat das schon immer gekonnt, aber was der kann, kann ich eben nicht! Dem fällt es leicht, aber mir fällt es schwer. So wird das Kind um so tiefer hineingestoßen in das Bewußtsein seiner Unfähigkeit und in Verzweiflung.

Bei Paulus macht es der Herr genau umgekehrt. Der Herr nimmt diesen Paulus — gerade ihn, einen Menschen mit einer solchen Vergangenheit — und macht ihn allen Glaubenden zu einem Vorbild, nämlich zum Beispiel dafür, was die Gnade vermag. Er stellt an ihm dar, daß sie viel mächtiger ist als die Sünde und daß sie voraussetzungslos arbeiten kann.

Wir haben praktisch in jeder Gemeinde zweierlei Kinder Gottes. Die einen kommen aus einer Segenslinie, wo der Vater und der Großvater oder die Mutter und die Großmutter schon Kinder Gottes waren und nun einen Segen auf die Kinder legen. Sicher kann man den Segen Gottes nicht vererben, wie man eine Kommode vererbt, aber es gibt da doch Zusammenhänge, Segenslinien (vgl. 2. Tim. 1, 5). Wir haben aber auch Kinder Gottes, wo es bei den Voreltern keine Segenslinie, sondern nur eine Fluchlinie gibt. Eine unserer Diakonissen erzählte mir einmal, daß sie aus einer völlig areligiösen Familie kommt. Als sie als junges Mädchen zum Glauben kam und der Vater es erfuhr, ist er ihr mit einem Beil nachgerannt, um sie zu erschlagen. Er wollte die eigene Tochter erschlagen, weil sie an Jesus gläubig geworden war und zu den Frommen in die Versammlung ging. Der Herr kann an Segenslinien anknüpfen, Er kann aber auch völlig voraussetzungslos arbeiten. Seine Gnade kann Menschen aus Fluchlinien, aus völlig gottlosen Verhältnissen herausreißen. Das hat Er an Paulus demonstriert, indem Er einen Lästerer, einen Schmäher, einen Verfolger der Gemeinde zum Glauben führte. So ist Paulus ein ermutigendes Vorbild. Und wenn jemand bedrückt sein sollte wegen seiner Vergangenheit, wenn die Schatten der Vergangenheit kommen und uns quälen wollen, dann dürfen wir uns an dieses Vorbild halten, dann dürfen wir an den denken, der von sich sagt: Ich bin der Oberste oder Erste oder »Vornehmste« der Sünder, und wissen: Wenn es der Herr mit dem geschafft hat, dann schafft Er’s auch mit uns. Wenn Er einen solchen hat holen und durchbringen und vollenden können, dann reicht Seine Gnade auch für uns aus.

Es wundert uns dann nicht, daß dieser Abschnitt mit einem wunderbaren Lobpreis des Apostels schließt. Mit Dank beginnt dieser Abschnitt (V. 12), und mit einem Lobpreis hört er auf. Dies ist für Paulus nicht nur ein netter, schöner Abschluß; vielmehr ist es Paulus ein innerstes Anliegen, Gott zu loben. Gott loben und ehren ist keine Bagatelle im Leben eines Kindes Gottes, keine bloße Anstandspflicht, die man eben zu erfüllen hat. »Gott loben, das ist unser Amt«, hat einer gesagt; es ist unser eigentlicher Lebenszweck, etwas zu sein zum Lob Seiner herrlichen Gnade (Eph. 1, 6).

Diese Welt ist voll von Flüchen und Lästerungen der Geschöpfe Gottes wider ihren Schöpfer, und die Dämonen haben ihre höllische Freude daran; so sinkt der Mensch tiefer als das Tier. Demgegenüber dürfen und sollen die Kinder Gottes, die Erlösten, ihren Schöpfer loben und preisen. Sie sollen Gott die Ihm gebührende Ehre geben — mit ihrem ganzen Leben, aber auch mit ihrem Mund. Unterdrücktes Lob, vergessener Dank macht die Menschen kaputt nach Leib und Seele. Gott hat Menschen, die Ihm nicht danken noch Ihn ehren, dahingegeben (Röm. 1, 21-24). An seinem verweigerten Dank erstickt der Mensch. Gott ist zwar nicht auf unser Loben und Danken angewiesen, aber wir stehen im Segen, wenn wir Gott loben, und wir geraten in eine geistliche Arterienverkalkung und werden innerlich hart und steif und unbeweglich, wenn das Danken nicht mehr unser Leben bestimmt.

Wie steht es um unser Beten, Brüder und Schwestern? Schütten wir nur unser Herz vor Gott aus und bringen Ihm unsere Bitten? Gott sei Dank, daß wir das dürfen! — Sagen wir Ihm nur, was Er alles tun soll in unserem Leben? Oder geht unser Beten immer wieder ganz bewußt — nicht nur mal nebenbei — in Loben und Danken und Anbeten über? Wir wollen Ihn loben und preisen, nicht nur, weil Er uns viel Gutes getan hat, sondern auch darüber, wer Er ist und wie Er ist. So tut es hier Paulus: »Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.«

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 6/1998; Paulus-Verlag, Heilbronn)

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wichtige Hinweise:
1.) Eingereichte Leser-Kommentare geben nicht zwangsweise die geistliche Sicht und Meinung des Betreibers dieser Website wider.
2.) Der Betreiber hält sich vor, dem Wesen und Anliegen dieser Website zuwiderlaufende Kommentare nicht freizugeben resp. zu löschen. Dies geschieht selbstverständlich auf jeden Fall bei Kommentaren mit antichristlichen, beleidigenden, obszönen oder anderweitig gegen die guten Sitten oder den christlichen Geist verstoßenden Inhalten. Eine kritische und/oder kontroverse Haltung zu einem der hier verfügbaren Artikel und Texte ist dagegen keineswegs Grund für eine Nichtfreigabe, solange diese sachlich erfolgt und begründet wird.
3.) Bitte erwarten Sie nicht, dass der Betreiber dieser Website generell auf jeden abgegebenen Leser-Kommentar eingeht.
4.) Gelegentlich landen Kommentare auch ohne Spam-verdächtigem Inhalt im Moderationsordner. Woran das liegt, wissen wir nicht. Erstkommentatoren gehen generell über die Moderation. In diesen Fällen bitten wir um Nachsicht und ein wenig Geduld. Ihr Kommentar wird schnellstmöglich freigeschaltet.
5.) Wenn Sie ggf. einzusetzende Links nicht über das Quicktag/den Button "link" einbinden, bitte die URLs vorher bei short4u.de oder tinyurl.com kürzen!


468 Artikel online •
6 Besucher online