Laßt uns nie vergessen, daß immer der Fleischgeborene den
Geistgeborenen lästert und verfolgt, und nie umgekehrt (Gal. 4,29).


Adolf Heller (1895 - 1973)
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»Endzeit« im 1. Jahrhundert

Autor: Wörz, Reiner  |  Kategorie(n): Endzeit, Gemeinde, Heilsgeschichte, Israel, Versuchung & Verführung, Völkerschaften, Zeitgeschichte & Politik  |  851 x gelesen

Die Parallelität zwischen Urchristenzeit und Endzeit

Gliederung:

I. Das Ende kehrt zum Anfang zurück (Urzeit und Endzeit)
II. Die Vision Daniels über den Geschichtsverlauf (Dan. 7)
III. Letzte Tage während der Erdentage Jesu und Seiner Apostel (»Endzeit« im 1. Jahrhundert)


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Die Parallelen zwischen der Urzeit der Menschheitsgeschichte und der Endzeit sind frappierend. Wer die Anfänge nicht versteht, kann das Ende nicht durchschauen. So müssen wir uns, um einen Blick für die Endzeit zu gewinnen, mit den Anfängen beschäftigen. Verständnis der Urgeschichte gibt Licht für die Endgeschichte. — Weniger bekannt sind ähnliche Beziehungen zwischen der Zeit Jesu und Seiner Apostel und der Endzeit. Diese sollen in der vorliegenden Arbeit beleuchtet werden.

I. Das Ende kehrt zum Anfang zurück (Urzeit und Endzeit)

Die Endzeit, also die Jahre und Jahrzehnte vor der Wiederkunft Jesu Christi mit Seiner Gemeinde in Macht und Herrlichkeit zur Errichtung Seines Königreiches, ist genau besehen eine Zeit der Ausreife. Sie bringt im Kern nichts Neues. Die Weisheit Salomos belehrt uns: »Das, was war, ist das, was wieder sein wird. Und das, was getan wurde, ist das, was wieder getan wird. Und es gibt gar nichts Neues unter der Sonne« (Pred. 1, 9). Das heißt doch mit anderen Worten: Alles war schon einmal da. Wirklich Neues gibt es nicht. Es ist immer nur eine Neuauflage des Früheren in anderer »Gestalt«, aber mit gleichem Wesenskern.

Das ist in der Endzeit nicht anders. Alle Entwicklungen und Erscheinungen waren bereits keimhaft am Anfang der Menschheitsgeschichte vorhanden. In der hebräischen Bibel heißt das erste Buch »Im Anfang«. Es schildert nicht nur den Anfang, sondern auch die Anfänge. Endzeit ist von daher nur voll ausgereifte Anfangs- oder Urzeit. So ziehen sich die Emanzipation des Menschen (1. Mose 3), das religiöse Ich-Wesen (Kain) im Gegensatz zum Menschen des Glaubens (Abel — 1. Mose 4), der Okkultismus und der Einbruch der »Götter« (1. Mose 6), das Gericht über die alte Welt (»Tage Noahs« — 1. Mose 7-8), die revolutionäre, technik- und baubegeisterte Einheitsmenschheit im Turmbau zu Babel (1. Mose 11) und das lasterhafte, reiche, stolze und sexuell pervertierte Sodom und Gomorra (»Tage Lots« —1. Mose 19) mit immer neuen Abarten und Variationen nicht nur wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte, sondern kulminieren am Ende der Tage vor allem in der »Hure Babylon« und im Antichristentum. In den Endzeitreden prophezeit Jesus, dass es »sein wird wie in den Tagen Noahs und Lots« (Luk. 17, 26ff.).

Im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matth. 13, 24ff.) wird deutlich, dass vor dem Kommen des »Reiches der Himmel« sowohl das Böse (Unkraut) als auch das Gute (Weizen) ausreifen werden. Endzeit ist deshalb eine Zeit der Extreme und Polarisierungen, die klaren Kurs wie nie zuvor erfordert. Richtige Entscheidungen im Glaubensleben sind ein Gebot der Stunde.

Nicht zuletzt deshalb werden in den Pastoralbriefen, die in besonderer Weise die nachapostolische Endzeit bis zur Wiederkunft Jesu im Auge haben, Nüchternheit, Besonnenheit, das klare Wort und insbesondere die Licht und Orientierung gebende gesunde Lehre betont. Aus einer Fülle von Belegstellen soll hier nur eine Anweisung des Nationenapostels Paulus an sein Glaubenskind Timotheus herausgegriffen werden, in der Paulus ihn geradezu beschwört: »Ich bezeuge eindringlich vor Gott und Christus Jesus, der Lebende und Tote richten wird, und bei Seiner Erscheinung und Seinem Reich: Predige das Wort, stehe bereit zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe, weise zurecht, ermahne mit aller Langmut und Lehre! Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren und sich zu den Fabeln hinwenden. Du aber sei nüchtern in allem, ertrage Leid, tue das Werk eines Evangelisten, vollbringe deinen Dienst!« (2. Tim. 4, 1-5).

II. Die Vision Daniels über den Geschichtsverlauf

Geschichte verläuft nach dem Zeugnis des inspirierten Wortes nicht linear, sondern spiralförmig mit immer wiederkehrenden Mustern. Das ist nicht weiter verwunderlich, da ja die maßgeblich an Ideologien, Religionen, Anschauungen usw. beteiligten kosmischen Mächte von Anfang an dieselben sind. Nur die »Schachfiguren« werden ausgetauscht, wobei der Mensch natürlich mehr ist als willenloser Erfüllungsgehilfe, aber der Einfluss der Engelwelt dürfte enorm sein. Sie inspiriert und beeinflusst die Menschen. Die Engelwelten sind die eigentlichen Weltbeherrscher. Gegen sie ist der Verteidigungskampf des voll gerüsteten Soldaten Christi Jesu gerichtet, da sie versuchen, in die Gemeinde Gottes einzudringen: »Unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Gewalten, gegen die Mächte, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistigen Mächte der Bosheit in der Hirnmelswelt. Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes …« (Eph. 6, 12.13). Noch ist in dieser gefallenen finsteren Welt der Böse »Gott und Fürst« (2. Kor. 4, 4; Gal. 1, 4). Da er sich zudem als »Engel des Lichts« verstellen kann (2. Kor. 11, 14), ist er durchaus in der Lage, der Spiritus Rector (die treibende Kraft) von sittlich und ethisch hochstehenden Religionen zu sein.

Es war der an den babylonischen Hof deportierte Jude Daniel, dem Gott offenbarte, dass in den Tagen des kommenden Messias die Geschichte ihre Vollendung erfahren wird und das Reich Gottes dann anbricht. Daniel bewegte die Frage, die auch rund 570 Jahre später die Apostel beschäftigte: Wann wird das Reich errichtet? »Was ist das Zeichen Deiner An- und Wiederkunft zur Errichtung des Königreiches?« (Matth. 24, 3.38.39). Natürlich war sie bei Daniel gekoppelt mit der Frage nach der Rückkehr des jüdischen Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft, so wie auch bei den Jüngern mit der Frage nach dem Ende des Römerjochs über das geknechtete Israel.

Daniel erhält von Gott eine umfassende Antwort, die in den vier Danielgesichten von Dan. 7-12 in Verbindung mit dem Standbildtraum Nebukadnezars (Dan. 2) enthalten ist. Bildhaft ausgedrückt sagt ihm Gott: Trotz seiner Hoffnung, dass sich die messianischen Heilszeiten bald nach dem Ende der 70-jährigen Gefangenschaft anschließen würden, werde »noch viel Wasser den Jordan hinabfließen, ehe das Reich Gottes kommt«. In den einzelnen Gesichten werden die »Zeiten der Nationen« (Luk. 21, 24) genauer beschrieben, etwa in Dan. 9 in der Weissagung über die 70 Jahrwochen. — In Dan. 7 findet eine Spezifizierung dahingehend statt, dass, korrespondierend mit dem Standbild von Kap. 2, die Zeiten der Nationen in vier Raubtierepochen dargestellt werden: einem geflügelten Löwen, einem Bären, einem viergeflügelten Leoparden und einem völlig verschiedenartigen Tier, aus dem zuletzt ein kleines Horn aufsteigt, das in besonders empörerischer Weise gegen Gott und Seine Heiligen reden und handeln wird. Zuletzt beendet der »Menschensohn« (Jesus Christus), der die Regentschaft aus der Hand des »Alten an Tagen« (Gott und Vater Jesu Christi) erhält, die Herrschaft der Tierreiche und es kommt zur Aufrichtung des »Reiches der Himmel«. Mit Bedacht wählt der Heilige Geist Raubtiere zur Kennzeichnung des inneren Charakters der Weltreiche. Die Reiche können sehr kultiviert, gebildet und technisch hochstehend sein, ja, zeitweise sogar human und friedliebend auftreten. Sie bleiben aber letztlich doch gefährliche »Raubtiere«, die um ihre Beute kämpfen. Im Unterschied zum kommenden messianischen Reich sind sie in ihrem Kern keine Friedensreiche, auch wenn sie das Friedensbanner gerade in der Endzeit vor sich hertragen und »Frieden« ständig propagieren.

Der geschilderte Ablauf der verschiedenen »Tierreiche«, die deshalb so heißen, weil sie in der Masse aus Menschen bestehen, die ohne Gott leben und damit nach Pred. 3, 18 geistlose Menschen oder »Tiere« sind (ein Staat aus »Tieren« bildet ein Tierreich), wird bereits in spätjüdischer und frühchristlicher Zeit so verstanden, dass das neubabylonische Weltreich, in dem ja Daniel lebte, als Löwe, das medo-persische Doppelreich als Bär, das makedonisch-hellenistische Reich (mit Alexander dem Großen beginnend) als Leopard und das Römische Reich als »völlig verschiedenartiges Tier« gesehen wird. Jetzt verstehen wir, warum gerade in der Zeit des Römischen Reiches die Naherwartung des Messias im jüdischen Volk so groß war; denn nach der Daniel’schen Prophetie kommt nach dem vierten Tierreich das Gottesreich. Und tatsächlich kam ja dann genau in der Periode, als »die Zeit erfüllt war«, der verheißene Messias, der das Reich aufgerichtet hätte, wenn das jüdische Volk in seiner Masse und vor allem auch die Führer des Volkes Ihn als von Gott gesandt akzeptiert hätten. Petrus bezeugt noch kurz nach Pfingsten, dass bei einer Umkehr des Volkes Jesus wiederkommen und das Reich errichten würde: »So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn und Er den euch vorausbestimmten Jesus Christus sende! Den muss freilich der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund Seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat« (Apg. 3, 19-21).

Das vierte Tierreich ist die Endgestalt der Weltreiche und steht in besonderer Spannung zum kommenden Gottesreich. Dieses vierte Weltreich war in den Tagen Jesu und Seiner Apostel bereits gegenwärtig, sodass man vom 1. Jahrhundert als von einer Art »Endzeit« sprechen kann. Wegen der Verwerfung des Messias verordnete Gott eine neue Gerichtszeit (»Strafrunde«) für das Volk Israel, die jetzt bald zwei Jahrtausende dauert, aber sich offensichtlich ihrem Ende nähert. Diese Zeit nutzt Gott, um Seinem Sohn einen Leib aus »lebendigen Steinen« zu bereiten, die Gemeinde. Sie ist ein Geheimnis, das bis in die Tage der Verwerfung des Messias und der Apostel verborgen gewesen war (Eph. 3, 3-6).

Das vierte Tierreich hat nun in der ganzen Zeit, wenn auch viele Jahrhunderte im Verborgenen, Bestand gehabt und wird in der Endzeit wieder deutlich hervortreten, sozusagen ein Imperium Romanum der Endzeit, dem der Antichrist als eine Art Cäsar an der Spitze vorsteht. Von daher wird Europa und der Nahe Osten die zentrale Rolle im Endzeitgeschehen spielen, auch wenn das Römische Reich der Letztzeit geografisch umfassender zu sehen sein wird als in der Antike.

Damit ist aber klar, dass das 1. Jahrhundert und das 20./21. Jahrhundert große Parallelen aufweisen. Handelt es sich bei Letzteren doch nur um eine Art Neuauflage der Verhältnisse des 1. Jahrhunderts, nur in globalerem Umfang und mit den entsprechenden technischen Möglichkeiten.

Jetzt verstehen wir, warum der mit apostolischer Vollmacht ausgestattete Fischereiunternehmer vom See Genezareth davon schreibt, dass bereits mit dem ersten Kommen Jesu Endzeit präsent war: »Er (Christus als Lamm Gottes) ist zwar im Voraus vor Grundlegung der Welt erkannt, aber am Ende der Zeiten geoffenbart worden um euretwillen« (1. Petr. 1, 20).

III. Letzte Tage während der Erdentage Jesu und Seiner Apostel (»Endzeit« im 1. Jahrhundert)

Da bereits im 1. Jahrhundert, wenige Jahre nach der Himmelfahrt Jesu, das Reich hätte kommen können (Apg. 3, 19-21), war auch die Weltbühne entsprechend der biblischen Prophetie für die Zeit der Wiederkunft Jesu in Königreichsherrlichkeit präpariert. Alles war bereit für die letzte große Auseinandersetzung zwischen Gottesreich und Weltreich.

An folgenden Punkten soll die Parallelität zwischen Urchristenzeit und Endzeit dargestellt werden (selbstverständlich gibt es darüber hinaus noch viele weitere Gemeinsamkeiten):

  1. Bestehen eines einheitlichen Wirtschafts- und Sprachraumes;
  2. Existenz eines Weltreiches, an dessen Spitze ein gottgleicher Mensch steht;
  3. Hellenismus, Polytheismus und multikulturelle Gesellschaft;
  4. Das Vorhandensein eines jüdischen Staates mit der den Messias erwartenden Orthodoxie;
  5. Das Vorhandensein angefochtener, ja befeindeter messianischer Gemeinden;
  6. Christen- und Judenverfolgung.

1. Bestehen eines einheitlichen Wirtschafts- und Sprachraumes

Eine Folge des bis dahin vorbildlosen Siegeszuges des makedonischen Königs Alexander des Großen (356-323 v. Chr.) war in den folgenden Jahrhunderten die Entstehung eines Sprach- und Wirtschaftsraumes von Indien bis Portugal und von Britannien bis ins südliche Ägypten. Alexander stieß zweifellos das Tor der Welt für die Griechen auf. Durch den Hellenismus wurde auch der Weg für das Römische Reich und das Christentum bereitet, die beide an die griechische Welt anknüpften — eine Entwicklung, die erst mit der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert n. Chr. ein Ende fand und damit die griechisch-römische Antike beendete.

Griechisch wurde infolgedessen das »Englisch« der Antike. Es war die damalige Weltsprache, sodass zur Zeit des 1. Jahrhunderts im Römischen Reich eigentlich nicht nur die Oberschicht neben der Muttersprache des Griechischen mächtig war, sondern auch nicht selten viele Menschen anderer Bevölkerungsschichten. Wir können davon ausgehen, dass nicht nur unser Herr, sondern auch die Apostel mehrsprachig waren.

Eine der großartigsten Leistungen des antiken Rom war der Straßenbau. Quer durch alle Provinzen ging ein Straßennetz, dessen Anfang und Ende in Rom war (»Alle Wege führen nach Rom«). Angelegt als Heeresstraßen entwickelten sie sich zu bedeutenden Handelswegen, an deren Verlauf sich heute noch manch moderner Verkehrsweg orientiert. Durch den Ausbau der Verkehrswege war das Römische Reich mit für die damalige Zeit guten und schnellen Straßen und Schifffahrtswegen ausgestattet. Bis ins 19. Jahrhundert wurden die Straßen benutzt. Diese Infrastruktur ermöglichte einen »globalen« Handel, sodass z. B. Fisch vom galiläischen Meer in Rom verkauft wurde oder Ägypten die Kornversorgung der Großstadt Rom gewährleistete. Die Kuriere mit wichtigen Nachrichten waren zum Teil so schnell unterwegs, dass sie in nur wenigen Tagen Post aus den Provinzen nach Rom brachten, sodass sie mit heutigen modernen Postlaufzeiten konkurrieren könnten.

Die modernen Verkehrswege, das im ganzen Imperium geltende römische Recht (auf dem im Übrigen auch unser modernes Rechtsdenken basiert), der intensive Waren- und Kulturaustausch und nicht zuletzt das Griechische als Weltsprache ermöglichten erst eine Ausbreitung des Christentums in den ersten Jahrhunderten nach Christus.

Auch im »endzeitlichen Turmbau zu Babel« gibt es ein weltweites Netz von Straßen, Fluglinien, Schifffahrtswegen, Bahnlinien und Kommunikationswegen, das immer enger gespannt wird. Man spricht bereits heute von einem »globalen Dorf«, da Handels- und Informationsströme in ungeheurer Dichte und Intensität über die Erde jagen, die zu einem immer einheitlicheren internationalen Recht führen. In der »Hure Babylon« begegnet uns nach neutestamentlicher Prophetie ein weltweites Religions- und Wirtschaftssystem, bei dem die Globalisierung aller Lebensbereiche voll ausgereift ist. Von ihr heißt es: »Denn von dem Wein der Wut ihrer Unzucht haben alle Nationen getrunken und die Könige der (ganzen) Erde haben Unzucht mit ihr getrieben und die Kaufleute (Manager) der Erde sind durch die Kraft ihrer Üppigkeit reich geworden« (Offb. 18, 3).

Ohne Zweifel war das Babylon des 1. Jahrhunderts die multikulturelle Großstadt Rom, die Stadt der Antike schlechthin (»Roma caput mundi regit orbis frena rotundi = Rom, das Haupt der Welt, lenkt die Zügel des Erdkreises), mit mindestens ein bis zwei Millionen Einwohnern. Der Apostel Petrus schreibt aus Rom und gibt der Stadt dabei den Decknamen Babylon (1. Petr. 5, 13).

Durch den globalisierten Handel gab es im Römischen Reich einen Wohlstand für viele Menschen, der erst in der Endzeit in diesem Umfang wieder erreicht und durch die Globalisierung noch übertroffen wird. Allerdings gab es damals wie heute auch Verlierer, denken wir nur an die antiken Sklavenheere und das Reservoir billiger Arbeitskräfte an den »Werkbänken« der heutigen Industrienationen in der Dritten Welt.

2. Existenz eines Weltreiches, an dessen Spitze ein gottgleicher Mensch steht

Das Römische Reich war im 1. Jahrhundert die unumstrittene Weltmacht Nr. 1. Kein Reich war so straff und so gut durchorganisiert, hatte einen solchen strammen militärischen Apparat, garantierte so exzellente Handels- und Wirtschaftsbedingungen im ganzen Reich und eine so effizient funktionierende Verwaltung. Ganz Kontinentaleuropa, weite Teile Britanniens, der Balkan, große Teile des heutigen Rumäniens und Bulgariens, Griechenland, Spanien, Portugal, Nordafrika, Ägypten, die heutige Türkei, Syrien und Judäa gehörten zu diesem antiken Riesenreich. Seine maximale flächenmäßige Ausdehnung erreichte das Imperium unter Kaiser Trajan im Jahr 117. An der Spitze stand zwar im 1. Jahrhundert formal noch immer der Senat, aber faktisch war der Kaiser unumschränkter Herrscher mit unglaublicher Machtfülle.

Seit dem Jahr 27 vor Christus nannte man Julius Cäsar Octavianus, den ersten Cäsaren des römischen Imperiums, »Augustus«, d. h. den »Anbetungswürdigen«. Er wurde nicht nur zum Gott erklärt, sondern wurde wie sein Adoptivvater Julius Cäsar als »Sotär tou kosmou« (Heiland, Retter der Welt) und Friedensbringer gefeiert. Unter ihm erlebte Rom ein »Goldenes Zeitalter«, eine Zeit des Friedens und Wohlstandes (pax romana). In einem griechischen Papyrus wird er bereits um 30 v. Chr. als »Gott, von einem Gott abstammend« bezeichnet. In seiner Regentschaftszeit wurde in Bethlehem in Judäa ein Mann geboren, der später unter seinem Adoptivsohn Tiberius denselben Anspruch erhob wie Tiberius: Sohn Gottes und Gott wesensgleich zu sein! Er brachte und bringt den wahren Frieden (pax Christi) und ein wahrhaft »Goldenes Zeitalter« (das Millennium und die Zeitalter der Weltvollendung). Alle Cäsaren wurden später neben den anderen Staatsgöttern göttlich verehrt. Zwar wurde die Anbetung des Kaisers im Osten des Reiches grundsätzlich ernster genommen, aber auch im Westen des Reiches gab es Phasen, in denen dieser Kult mit großem Nachdruck praktiziert wurde.

Cäsarenwahn bezeichnet eine spezifische Form des Größenwahns und der Paranoia (Wahnvorstellung), die insbesondere bei einigen römischen Kaisern aufgetreten ist. Die wesentlichen Elemente werden wie folgt benannt: Glaube an die eigene Göttlichkeit, Verschwendungssucht, theatralischer Schein, Heißhunger nach militärischen Triumphen und eine Neigung zum Verfolgungswahn. Manche Kaiser glaubten unter dem Eindruck einer scheinbar unbegrenzten Macht nicht mehr an Recht und Gesetz gebunden zu sein. Sie glaubten, beeinflusst von der Schmeichelei ihrer Umgebung und der eigenen Propaganda, an die eigene Übermenschlichkeit oder gar Göttlichkeit. Tacitus bezeichnete dies als furor principum (»Fürstenwahnsinn«). Als typische Fälle von Cäsarenwahn gelten neben Caligula besonders Nero, Commodus und Elagabal. Auch Domitian, der wohl den greisen Johannes foltern ließ und auf die Insel Patmos verbannte, und Caracalla werden in diesem Zusammenhang häufig genannt.

So wie Jesus beim ersten Kommen in diese Welt mit einem selbsternannten Gottkönig (Tiberius) zusammentraf, wird es am Ende der Tage wieder sein, wenn der Antichrist sich zum Gott erklärt, indem er sich in den noch zu bauenden dritten Tempel in Jerusalem setzt und göttliche Anbetung fordert (2. Thess. 2, 4; Offb. 13, 12ff.). Nur wird der »Cäsar« der Letztzeit nicht den Sohn Gottes ein zweites Mal kreuzigen, sondern der wiederkommende Herr wird den Antichristen mit dem »Hauch Seines Mundes” vernichten (2. Thess. 2, 8). Auch die Apostel, insbesondere Paulus und Petrus, hatten es mit einem entarteten »Führer« zu tun: Cäsar Nero, der beide hinrichten ließ. Petrus wurde vermutlich in den neronischen Gärten öffentlich gekreuzigt, während Paulus höchstwahrscheinlich als römischer Bürger vor den Stadttoren Roms an der Via Appia enthauptet wurde.

Die religiöse Dimension der Kaiser wird auch daran deutlich, dass sie den Titel Pontifex Maximus (oberster Priester) trugen. Der Titel Pontifex Maximus (lat. für »oberster Brückenbauer«) bezeichnete ursprünglich den obersten Wächter des altrömischen Götterkults und ging später auf die römischen Kaiser und schließlich auf die Päpste über. Der Pontifex Maximus war in Rom auch für den Kalender zuständig. Nicht in dieser Funktion, die er auch innehatte, sondern als Römischer Diktator führte Gaius Julius Cäsar im Jahr 46 v. Chr. den Julianischen Kalender ein. Seit Augustus nahm jeder römische Kaiser bis Gratian den Titel Pontifex Maximus für sich in Anspruch. Letzterer verzichtete 382 auf den Titel. Nach der Christianisierung verlor das Amt seine Bedeutung und seinen heidnischen Gehalt. Der erste Bischof von Rom, der sich ebenfalls Pontifex Maximus nannte, war Papst Leo der Große (440-461). Seither ist der Begriff inoffizieller Titel der Päpste der römisch-katholischen Kirche. Die Abkürzung »PM« findet sich auf zahlreichen Bauwerken in Rom zusammen mit dem jeweiligen Namen des Papstes, der die entsprechende Kirche oder sonstige Gebäude errichten ließ.

In der Endzeit wird der »oberste Brückenbauer«, der Antichrist, alles in sich vereinen und damit »Brücken« in alle Religionen und Kulturen schlagen. Des Weiteren äfft Satan in der Endzeit mit dem Antichristen die Auferstehung Jesu nach! Die ganze Welt staunt hinter dem »Tier« her und bringt ihm göttliche Anbetung dar (Offb. 13, 3; 17, 8.11). Voll satanischer Energie, Kraft und Dynamik beseitigt er jetzt seine Feinde, tötet die zwei Zeugen, erobert Jerusalem und setzt sich in den Tempel und erklärt, »er sei Gott« (2. Thess. 2, 4; Offb. 11, 7). Seine »Parusie« (= Anwesenheit) ist voll von satanischen Zeichen und Wundern (2. Thess. 2, 9.10), die er wirkt, um die Menschen zu verführen. Jetzt lässt er seine Maske fallen und zeigt sein wahres Gesicht: Wer nicht bereit ist, ihn anzubeten und mit ihm auch Satan, wird blutig verfolgt werden. Die satanische Dreieinigkeit ist mit dem Auftreten des falschen Propheten komplett: Der »Vater« (der Lüge) ist Satan, der »Sohn« ist das inkarnierte Böse, der Antichrist, und der »Heilige Geist« ist der falsche Prophet, der — wie der Heilige Geist den Herrn Jesus — seinen Herrn, den Antichristen, verherrlicht.

Auch der falsche Prophet, das »zweite Tier« von Offb. 13, kann in der Kraft des diabolischen Geistes Zeichen und Wunder bewirken, ja sogar »Feuer vom Himmel« fallen lassen. »Und es tut große Zeichen, dass es selbst Feuer vom Himmel auf die Erde herabkommen lässt vor den Menschen« (Offb. 13, 13). Das sind außergewöhnliche Ereignisse, die dann sicherlich durch die Massenmedien in die ganze Welt hinausgetragen werden. Durch diese Wunder und Zeichen kommt es zur Verführung und völligen Verblendung der Massen.

Die Anbetung erreicht eine neue Qualität, wenn dem Tier ein Bild gemacht werden wird, so wie das auch Nebukadnezar seinerzeit forderte, als er in der Ebene Dura sein Standbild aufstellen ließ (Dan. 3). Man lese Offb. 13, 14-18!

Überdeutlich sind hier die Parallelen zwischen den Gottkaisern des 1. Jahrhunderts und dem selbsternannten Menschengott der Letztzeit. Die Welt wartet förmlich auf einen »starken Mann«, der sich der großen drängenden Probleme annimmt und endlich die nationalen Egoismen überwindet, damit es vorangeht. Hinzu kommt noch die religiöse Erwartungshaltung auf eine endzeitliche Erlösergestalt in verschiedenen Religionen. Beispielhaft sei hier nur das Judentum mit seiner Messiaserwartung angeführt sowie der Islam, der auf den »Mahdi« wartet. Mahdi ist im Islam der von Allah gesandte Messias, der in der Endzeit das Unrecht auf der Welt beseitigen wird. Der Glaube an die Wiederkunft des Mahdi ist im Islam weit verbreitet. Der iranische Präsident Ahmadinedschad hofft offenbar, wenn man Zeitungsberichten glauben darf, dass in seinen Tagen nach einem Weltchaos der Mahdi erscheinen wird. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass er immer wieder von der »Vernichtung des zionistischen Gebildes« (gemeint ist der Staat Israel) spricht und offen anstrebt, Iran zur Atommacht zu machen. — Auch manche Buddhisten hoffen auf eine Reinkarnation ihres Meisters. Selbst Namenchristen werden wohl eine leichte Beute des auftretenden »Heilbringers« der Endzeit. Wirkt er scheinbar doch so sichtbar als Gesegneter des Herrn. Werden diese Strömungen nicht in der Person des Antichristen ihren Widerhall und ihre scheinbare Erfüllung finden?

3. Hellenismus, Polytheismus und multikulturelle Gesellschaft

Trotz der unbestreitbaren Machtfülle Roms war das Reich in kultureller Hinsicht in starkem Maße von der griechischen Kultur geprägt. Die Unterwerfung der bedeutendsten hellenistischen Königreiche (im 2. vorchristlichen Jahrhundert) führte nicht zu einem Niedergang der griechischen Bildungsideale, sondern ganz im Gegenteil zu einer lateinischen Literatur, die eindeutig griechisch inspiriert war. Die oft griechisch sprechenden Römer hatten ihre Freude an epischer wie elegischer Dichtung, an Theater, griechischer Redekunst und Philosophie. Aus Griechenland eingeführte Kunstwerke überschwemmten Italien, wo sie fleißig kopiert wurden. Die Wissenschaftler und praktizierenden Ärzte waren griechischer Herkunft. Der römische Dichter Horaz (65-8 v. Chr.) fasste es in folgende Worte: »Das eroberte Griechenland hat den wilden Sieger erobert und dem bäuerlichen Latium die Künste gebracht« (Epistulae 2, 1, 156f.).

Beim ursprünglichen Hellenismus (Zeit von Alexander dem Großen bis zur römischen Vorherrschaft) handelte es sich keineswegs um einen einseitigen Vorgang im Sinne einer Übernahme griechischer Kultur. Vielmehr entwickelte sich aus griechischen und jeweils lokalen Elementen eine neue Kulturform, die auf Griechenland selbst, aber auch auf den Westen (Rom, Karthago) zurückwirkte. Im Osten erstreckte sich der Einfluss des Hellenismus bis Indien, im Süden bis Nubien. Religion, Kunst und Literatur des Hellenismus bildeten so eine weltoffene Mischung aus griechischen und regionalen Elementen. In Wissenschaften wie Medizin, Astronomie und Mathematik erzielte man große Fortschritte. Der Mensch sollte durch Bildung und Erziehung von Kindheit an »veredelt« werden. Platon hat etwa in seiner »Politeia« (philosophische Schrift, verfasst um ca. 370 v. Chr.) enormen Wert auf die Erziehung und Bildung von frühester Jugend bis ins Alter von 50 Jahren — insbesondere für die herrschenden oberen Klassen — gelegt.

Die Religion der hellenistischen Staatenwelt verband die griechischen Götter mit Gottheiten aus dem Osten und ist durch die Vermischung der verschiedenen Religionen und ihrer Ausdrucksformen gekennzeichnet (Religionssynkretismus). Auch die hebräische Bibel wurde in Alexandria ins Griechische übersetzt. Die Sprache des späteren Neuen Testaments war die Koine. Sie war die altgriechische Allgemeinsprache vom Hellenismus bis in die römische Kaiserzeit. Mit der Aufrichtung der römischen Weltherrschaft war der Synkretismus, die Verschmelzung der Religionen, in ein neues Stadium getreten. Nach dem Kirchengeschichtler Prof. Karl Heussi haben sich in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeit die heidnischen Kulte immer mehr einander angenähert, sodass sie dem Christentum als relative Einheit gegenüberstanden. Dies erinnert uns doch überdeutlich an die großen religiösen Einigungsprozesse unserer Tage, die sich nicht nur innerhalb der christlichen Kirchen, sondern auch interreligiös abzeichnen. Letztlich wird dadurch die wahre Gemeinde Gottes außerhalb der neu entstehenden Weltreligion als staatsfeindlich wahrgenommen.

In wirtschaftlicher Hinsicht entwickelte sich während des Hellenismus ein regelrechtes Welthandelssystem. Das Seleukidenreich hatte (über die Seidenstraße) wirtschaftliche Kontakte bis nach Zentralasien und China, handelte aber auch mit Indien und Arabien. Das Ptolemäerreich verband den ganzen Mittelmeerraum von Spanien bis zur Levante unter Einbindung Nord- und Schwarzafrikas zu einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet. Es war auch eine Zeit der Völkervermischung vorher nicht gekannten Ausmaßes. Rom war, wie viele andere Städte des Imperiums, eine durch und durch multikulturelle Stadt. Nicht zuletzt die multinationalen Sklavenheere und die römischen Soldaten, die ja zum Teil mehr eine internationale Söldnertruppe als eine römische Armee waren, führten zur Internationalisierung und Vermischung der Religionen und Kulturen. Als Beispiel sei etwa der Einsatz germanischer (!) Söldnerlegionen in Syrien und wohl auch in Judäa genannt.

Wir spüren bereits bei der Beschreibung dieser Fakten die vielen Parallelen mit unsrer modernen Welt, die ebenfalls über die Renaissance (Wiedergeburt des klassischen Altertums) und die Aufklärung und den Humanismus den Idealen des Hellenismus sich verpflichtet weiß. Diese Ideale beinhalten die Erziehung zum mündigen Menschen durch Bildung, die Betonung der Kunst und der Schönheit, die Toleranz in religiösen und sittlichen Fragen und das In-den-Mittelpunkt-Stellen des Menschen als Maßstab aller Dinge. Das alles führt dazu, dass sich der Mensch nicht mehr als Viator mundi (Pilger durch die Welt), sondern als Faber mundi (Schaffer oder Herrscher der Welt) versteht.

Wir leben in einer zunehmend globalisierten Welt; die Völker und Kulturen vermischen sich immer mehr; Toleranz und Akzeptanz gegenüber fremden Religionen wird allerorten propagiert. Man schaue sich nur einmal die großen Zentren der westlichen Welt wie New York oder London an. Es gibt angeblich viele Wege zu Gott, egal welcher Religion man angehört und wie man seinen Gott oder seine Götter bezeichnet. Ökumene und interreligiöser Dialog sind letztlich nur Zwischenschritte zur Welteinheitsreligion der Hure Babylon, bei der alles Platz hat, nur nicht das »fundamentalistische« Christen- und Judentum, wohl aber deren liberale Entartungen. Dass diese intolerante Toleranz zunehmend wie im 1. Jahrhundert mit dem Anspruch Jesu kollidiert, allein Weg und Wahrheit zu sein (Joh. 14, 6), liegt auf der Hand. Die endzeitliche Vermischung und Vermengung wird in der Hure Babylon ihren Höhepunkt erreichen.

Wie in der Antike wird wieder der Mensch in den Mittelpunkt gestellt. Er und seine Ratio (Vernunft) bilden den entscheidenden Maßstab zur Beurteilung von Kunst, Literatur, Weltbild und Religion. Es ist kein Zufall, dass bei einem der großen geschichtlichen Marksteine, der französischen Revolution, der »Kult der reinen Vernunft« begann, der sich dann später mit dem »Kult des höchsten Wesens« verband.

Im September 2000 haben die Staats- und Regierungschefs von 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen weitreichende Beschlüsse gefasst. Die Millenniumserklärung versteht sich als eine Vision zur politischen Gestaltung im 21. Jahrhundert. Darin spielt die Bildung als »Menschenrecht« eine zentrale Rolle. Durch sie soll nicht nur der Weltfriede gesichert werden, sondern auch die Gleichstellung der Geschlechter. Darüber hinaus gilt Bildung als Schlüssel zur Bekämpfung der Armut und des Ungleichgewichts zwischen reichen und armen Ländern in der Welt. — Keinesfalls soll hier etwas gegen Bildung gesagt werden, sie ist enorm wichtig. Nur wird hier die menschliche Vernunft, veredelt durch Bildung, nicht völlig überschätzt? Wenn es nur gebildete Menschen gäbe, wäre die Welt dann wirklich friedvoller, gerechter usw.? Die Bibel sagt: Nein! Es ist zutiefst keine Frage der Bildung, sondern der intakten Beziehung der Menschen zu Gott. Nur durch Jesus Christus kommt es zu einer gerechten Weltordnung und zu einem Friedensreich auf Erden. Nicht der vernünftige, gebildete Mensch ändert die Welt zum Guten, sondern nur Gott.

4. Das Vorhandensein eines jüdischen Staates mit der den Messias erwartenden Orthodoxie

Es gab im 1. Jahrhundert ein großes Diasporajudentum, das in der griechisch-römischen Welt verstreut war und vielfach einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor darstellte. Viele Diasporajuden waren schon Jahrhunderte zuvor nicht mehr des Hebräischen mächtig, sodass, wie bereits gesagt, die Notwendigkeit bestand, das Alte Testament ins Griechische zu übersetzen, was dann auch durch die Septuaginta geschah. Sie wurde nicht nur die »Standardbibel« der griechisch sprechenden Diasporajuden, sondern auch Jesu und der Apostel.

Wie in der »Endzeit« gab es auch im 1. Jahrhundert Juden im Land der Verheißung, was so wenig wie heute eine Selbstverständlichkeit war. Die Gefahr des Untergangs und der Assimilation hatte in der über tausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes bis in die Tage Jesu hinein mehrfach real bestanden. Es ist ein Wunder, dass Israel nicht untergegangen ist. Zudem war das Römische Reich zu einer apokalyptischen Bedrohung jüdischen Daseins in den Kernlanden geworden. Ein fast noch größeres Wunder ist die Entstehung des Staates Israel im 20. Jahrhundert und seine Existenz bis heute, obwohl es zahlreiche Versuche der Vernichtung und Zerstörung gab und gibt. Gott hat damals wie heute Seine beschützenden Hände über Seinem Volk gehalten, sodass es nicht zum Äußersten kam. Aber so wie damals bereits Hunderttausende, wenn nicht Millionen Juden außerhalb des Landes lebten, so ist es auch heute. Man schätzt, dass heute etwa zwei Drittel der jüdischen Weltbevölkerung nicht in Israel leben. Viele leben in den USA, das mit seiner Doppelspitze von Senat und Präsident nicht nur in diesem Bereich eine ähnliche Struktur wie das antike Römische Reich zur Zeit der ersten Kaiser aufweist.

Wie bereits dargelegt, herrschte im religiösen Judentum der Zeitenwende eine gewisse Endzeitstimmung, d. h. man erwartete bald den Hereinbruch der letzten Dinge und das Erscheinen des Messias. Man kann auch sagen, die Zeit war schwanger mit der Messiaserwartung. Immer wieder wurde an Jesus und auch an Johannes den Täufer die Frage der Messianität herangetragen, das heißt doch, sie war virulent (Joh. 1, 19ff.). In den nachbiblischen jüdischen Schriften, Mischna und Talmud, sowie in den Gebeten und Liturgien hat die Messiashoffnung einen wichtigen Platz. Das Achtzehnbittengebet bittet mit der 14. Bitte um die Wiederherstellung der Tempelstadt Jerusalem und des Davidthrons. Die 15. Bitte lautet: »Den Spross Deines Knechtes David lasse bald empor sprießen, sein Zepter erhöhe durch Deine Befreiung, denn auf Deine Befreiung hoffen wir den ganzen Tag.« Auch im Kaddisch findet man eine ähnliche Bitte. Im Morgengebet der Sabbatliturgie heißt es: »Nichts ist neben Dir, unser Erlöser, in den Tagen des Gesalbten, und keiner ist Dir ähnlich, unser Befreier, wenn Du die Toten belebst.« — Ähnlich ist es heute: Wir haben im orthodoxen Judentum und bei den religiösen Siedlern in Israel eine lebendige Messiaserwartung. Intuitiv spürt man, was das Neue Testament an den Zeichen der Zeit festmacht, dass die Zeit für das Erscheinen des Messias reif ist.

Der nicht an Jesus Christus glaubende jüdische Rabbiner Martin Samuel Cohen geht sogar so weit, dass er behauptet, jeder, der es ernst meint mit dem jüdischen Glauben, müsse ein messianischer Jude sein. Er schrieb 1995: »Wir sind eine messianische Gemeinschaft … Solche Christen wird es sicher interessieren zu hören, dass wir den Messias keineswegs verworfen haben, zumindest nicht die Vorstellung eines Erlösers, der die Geschichte, wie wir sie kennen, beenden wird und ein Zeitalter des Friedens einleiten, von dem die Propheten sprachen. Das Problem ist eigentlich nicht das des Glaubens an einen Messias, sondern seine Identifizierung. Was ist denn nun etwa an Jesus auszusetzen? Nichts, denke ich. Aber Er hat tatsächlich keins der Dinge bewirkt, von denen die Bibel sagt, dass sie im Anbruch der messianischen Zeit geschehen würden: Die Löwen liegen noch nicht bei den Lämmern, die Toten stehen noch nicht aus ihren Gräbern auf, die Erkenntnis Gottes bedeckt noch nicht das Land wie Wasser das Meer, nichts von all diesen Dingen — darum können wir Juden vorläufig nur warten. Das heißt aber nun nicht, wir hätten die messianische Grundvorstellung aufgegeben … Juden, die ihre Gebete ernst nehmen, beten dreimal an jedem Wochentag für die Ankunft des Messias und außerdem noch nach jeder Mahlzeit. Messiaserwartung ist Teil unseres Nachdenkens über unsere eigene Bestimmung und über das Schicksal der Welt … Alle Juden, die ihr Judentum ernst nehmen, sind messianische Juden. Es ist ein Stück unser selbst — ein großes Stück.«

Cohen verwechselt Zustände in der Welt nach dem ersten und nach dem zweiten Kommen Jesu und kommt deshalb zu einem falschen Schluss, aber er bejaht einen kommenden Heilsbringer, der den Frieden und die messianischen Heilszeiten bringen wird.

Die Messiaserwartung hat gerade mit der Staatsgründung Israels einen neuen Schub erhalten. Wolfgang Jugel hat zu Recht darauf hingewiesen, dass wir mit dem Erstehen des »Feigenbaums« im Land der Väter eine Anti-Parallelität beobachten. In seinem Aufsatz »Schritte zur endzeitlichen Erneuerung Israels« (GNADE UND HERRLICHKEIT 1978) führt er aus, dass die Parabelrede Jesu über den Feigenbaum (Matth. 24, 32-36) drei »Reifestufen« in unserer Zeit beschreibt, die drei »Verfallsstufen« im 1. Jahrhundert entsprechen:

A. Das Erlöschen der judenchristlichen Gemeinde in Israel;
B. Das Erlöschen der jüdischen Orthodoxie im Lande Israel;
C. Das Erlöschen des jüdischen Volkes im Lande der Väter.
C. Die Wiederherstellung der jüdischen Nation im Lande der Väter (Saft);
B. Das Wiederaufleben der jüdischen Orthodoxie (Blätter);
A. Das Wiedererstehen einer messiasgläubigen jüdischen Gemeinde (Frühfeigen).

Des Weiteren setzt er zum Prozess »A-C« in Korrelation den beginnenden Niedergang des Römischen Reiches in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten und zu »C-A« die Entwicklung zur sichtbaren Endgestalt des vierten Tierreiches in unseren Jahrzehnten, insbesondere durch den Einigungsprozess Europas.

Der Einigungsprozess Europas hat heilbringenden Charakter bekommen. Durch das sichtbare Wiedererstehen des Imperium Romanum in endzeitlicher Gestalt soll der Friede gesichert werden. Es trifft den Nerv des Zeitgeistes, wenn etwa eine katholische Organisation in Deutschland erklärt: »Das vereinte Europa ist mehr als ein wirtschaftlicher und politischer Zusammenschluss. Die Europäische Union ist das größte, wichtigste und erfolgreichste Friedenswerk der europäischen Geschichte.«

5. Das Vorhandensein angefochtener, ja befeindeter messianischer Gemeinden

Von daher ist das Vorhandensein messianischer Gemeinden in Israel ein Endzeitzeichen, das auf die bevorstehende Wiederkunft Jesu hinweist. Nun erleben unsere Glaubensgeschwister in Israel Ähnliches wie die Gemeinden in Judäa in der Zeit vor dem jüdisch-römischen Krieg (66-70). Wie damals sind es insbesondere die Religiösen und hier vor allem die Orthodoxen, die zum Teil massiv gegen die Messiasgläubigen vorgehen. Sie werfen ihnen vor, das wahre Judentum verraten zu haben, während die an Jesus Christus Glaubenden ihnen bezeugen: Der Glaube an den Messias Jesus ist die Verwirklichung wahren Judentums, so wie es die Propheten und das Gesetz, recht verstanden, bezeugen. Zur Zeit sind besonders die Gemeinden in Beer-Sheva und Arad Ziel von Feindseligkeiten. Es kommt gelegentlich zu Handgreiflichkeiten, eingeschlagenen Scheiben, aufgestochenen Autoreifen, Brandanschlägen. Es gibt den Versuch, die Vermieter der Gebäude, in denen messianische Juden sich versammeln, unter Druck zu setzen, damit sie den Vertrag kündigen. Die Folge sind juristische Auseinandersetzungen. Paulus musste schon zu seiner Zeit traurig feststellen: »Denn, Brüder, ihr seid Nachahmer (in eurer Verfolgung) der Gemeinden Gottes geworden, die in Judäa sind in Christus Jesus, weil auch ihr dasselbe von den eigenen Landsleuten erlitten habt wie auch sie von den Juden« (1. Thess. 2, 14).

Im Anfang gab es zunächst nur judenchristliche Gemeinden und erst im Lauf der Jahrzehnte entstanden die ersten heidenchristlichen Gemeinden. Später verschwanden dann jüdisch-messianische Gemeinden im Land Israel völlig und auch sonst dominierten die Nationengemeinden das Erscheinungsbild des Leibes Christi über mehr als eineinhalb Jahrtausende. Mit dem Entstehen des Staates Israel tauchten dann die ersten Gemeinden mit judenchristlichem Hintergrund wieder auf. Es mag sein, dass sie in der Endzeit eine noch viel größere Rolle in der weltweiten Gemeinde spielen werden, als es derzeit der Fall ist. Unter Umständen kommt hier einem noch zu bauenden dritten Tempel und dem Wirken der zwei endzeitlichen Zeugen (Offb. 11) eine entscheidende Rolle zu.

6. Christen- und Judenverfolgung

Es soll noch darauf hingewiesen werden, dass sowohl das 1. Jahrhundert als auch die Endzeit mit Märtyrerblut besudelt ist bzw. sein wird. Nicht nur die »Hure Babylon« ist »trunken vom Blut der Heiligen« (Offb. 17, 6), sondern auch der Antichrist wird alle verfolgen, die ihm nicht treu ergeben sind (Offb. 13, 15). Bereits jetzt gilt das zu Ende gegangene 20. Jahrhundert als das blutigste aller Zeiten. Noch nie wurden so viele Juden und Christen wegen ihres Glaubens bzw. ihrer Abstammung umgebracht. Man denke allein an die über sechs Millionen Juden, die Opfer der Nazidiktatur wurden. Viele Christen erleiden heute zum Teil Entsetzliches in Nordkorea, China, den islamischen Ländern usw. Millionen wurden in den vergangenen Jahrzehnten auf den Altären des atheistischen Kommunismus oder des fundamentalistischen Islam geopfert. — Die Wochenzeitung DIE ZEIT schreibt in ihrer Online-Ausgabe vom 11.6.2007: »Rund 200 Millionen Christen in mehr als 60 Ländern werden wegen ihres Glaubens verfolgt oder erleiden schwere Nachteile in ihrem privaten wie beruflichen Leben. Selbst das buddhistische Königreich Bhutan mit einer Religion, die normalerweise mit Toleranz assoziiert wird, weigert sich, die Existenz des christlichen Glaubens anzuerkennen. In Indien greift unter Hindus eine fundamentalistische Strömung um sich, in mehreren indischen Staaten wurde ein gesetzliches Verbot gegen die Verbreitung des christlichen Glaubens verhängt. Die überlebenden kommunistischen Staaten haben nichts von ihrem alten atheistischen Hass verloren. In China — mit einer trotz allem stetig wachsenden Zahl von nunmehr 70 Millionen Christen — sitzen mehr von ihnen im Gefängnis als irgendwo sonst in der Welt. Im benachbarten Nordkorea schmachten an die 50.000 Christen in Arbeitslagern, in denen Folter an der Tagesordnung ist. Am düstersten aber sieht es für Christen aus, die in der islamischen Welt leben. Manchmal ist die Verfolgung von Regierungen sanktioniert, des Öfteren geht sie von Moscheen und der islamischen Straße aus, mit zunehmender Wucht und Geschwindigkeit. Besonders akut ist das Problem entlang der Bruchlinie zwischen christlichem sowie animistischem Afrika und dem islamischen Norden des Schwarzen Kontinents, von Kenia und Sudan bis Nigeria.« — Beten wir für unsere Not leidenden Geschwister und unterstützen wir sie, wo immer wir können!

Eine besondere Parallelität ergibt sich aus dem Märtyrertum der zwei endzeitlichen Zeugen in Jerusalem, die, wahrscheinlich in der ersten Hälfte der 70. Jahrwoche vor dem Tag des Herrn, dem jüdischen Volk bezeugen, dass Jesus von Nazareth der prophezeite Messias ist (Offb. 11). Manches spricht dafür, dass es sich hierbei um Mose und Elia handelt. Auch im 1. Jahrhundert bezeugten vor der nationalen Katastrophe des jüdisch-römischen Krieges Petrus und Paulus den Messias Jesus, ehe sie, einer gut bezeugten Überlieferung zufolge, vom Antichristen des 1. Jahrhunderts, Cäsar Nero, hingerichtet wurden.

Der auf den judäischen und ersten heidenchristlichen Gemeinden lastende Druck führte auch nach Jahren des Bestehens dazu, dass die Versammlungen der ersten Jahrzehnte nach Pfingsten im Wesentlichen Hausgemeinden waren. Die Christen versammelten sich in Privathäusern, wo alle gemeindlichen Handlungen wie Wortbetrachtung, Mahlfeier, Gebet usw. stattfanden. »Das Gemeindeleben war durchgängig durch die eschatologische Erwartung bestimmt« (Karl Heussi in »Kompendium der Kirchengeschichte«, S. 29), d. h. man rechnete mit der baldigen Wiederkunft Jesu zunächst zu Seiner Gemeinde und dann auch in Macht und Herrlichkeit. Eine Entwicklung, die im Ergebnis zu ganz ähnlichen Verhältnissen führen könnte, ist in unseren Tagen bereits im Gang. Immer mehr werden die Glaubenden, auch innerhalb der Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften, als »fundamentalistisch« wahrgenommen. Der stärker werdende uns entgegenstehende Zeitgeist erfordert immer mehr Mut und klare Glaubensentscheidungen, um nicht mit fortgerissen zu werden. Eine zunehmend große endzeitliche Scheidung hat meines Erachtens begonnen, die selbstverständlich unter den zugespitzten Gegebenheiten der »Hure Babylon« eine ungeheure Dynamik entfalten wird. Unter Umständen wird denen, die sich dem »Weltspiritualismus« mit seinem »Viele Wege führen zu Gott« verweigern, nichts anderes übrigbleiben, als sich in kleinen, vom Staat schwer zu kontrollierenden privaten Treffen zu versammeln.

Zusammenfassend ist, wie wir gesehen haben, eine sehr stark ausgeprägte Parallelität zwischen der Zeit der ersten Christen und der Endzeit festzustellen. In beiden Epochen kulminiert der Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gottes- und Weltreich. Da bereits im Zeitzenit des 1. Jahrhunderts alle Probleme mit den sich daraus ergebenden Fragestellungen gegenwärtig waren, enthält das Neue Testament bereits alle Antworten auch für die Zwischenzeit bis zur Endzeit und in ihr. Wir tun gut, uns daran zu orientieren und uns auf den Hereinbruch der letzten Dinge und die Entrückung der Gemeinde einzustellen. Lassen wir uns entsprechend in Wort und Werk zubereiten!

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 6/2008; Paulus-Verlag, Heilbronn)

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