Die Sonderstellung Israels in der Welt nach Gottes Plan
Autor: Schumacher, Heinz | Kategorie(n): Heilsgeschichte, Israel | 362 x gelesenÜber das auserwählte Volk Israel und seine Geschichte läßt sich ein Vierfaches sagen:
a) Kein Volk wurde je so sehr von Gott gesegnet
Israel wurden die Aussprüche Gottes anvertraut (Röm. 3, 2). Israel ist Gottes erstgeborener Sohn inmitten der Völkerwelt (2. Mose 4, 22-23), und so gehören Israel (nach Röm. 9, 4-5) die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, der Gottesdienst, die Verheißungen; aus diesem Volk der göttlichen Auswahl kommen auch die Väter, die Patriarchen, und — Jesus (dem Fleische, d. h. der menschlichen Abstammung nach). Bei den genannten Bündnissen ist an
den Glaubensbund Gottes mit Abraham (1. Mose 15),
den Gesetzesbund Gottes mit Mose (2. Mose 19-20) und
den Königsbund Gottes mit David und Salomo (2. Sam. 7; 1. Kön. 8-9)
zu denken. Bestätigt oder erneuert wurden diese Bündnisse im sog. Josuabund (Josua 24), Josiabund (2. Kön. 23) und Esrabund (Neh. 8-10).
Diesem Volk hat sich JEHOVAH, der Unwandelbare, durch Sein Wort in Gesetz und Prophetie geoffenbart; in diesem Volk wurde — in Stiftshütte und Tempel — eine Wohnung Gottes eingerichtet; Er erschien im brennenden Dornbusch (2. Mose 3), in der Israel Licht spendenden und die Ägypter verwirrenden Wolkensäule (2. Mose 14), in der Herrlichkeitswolke (2. Mose 16, 10) und im Wasser spendenden Felsen (2. Mose 17, 6; vgl. 1. Kor. 10, 4). Sie allein erhielten von Gott selbst geschriebene Gesetzestafeln (2. Mose 32, 16; 34, 1); um ihretwillen trieb der Herr Völkerschaften aus dem ihnen zugedachten Lande aus (2. Mose 34, 24; 5. Mose 4, 38; Josua 3, 10); ihnen wurden die größtmöglichen irdischen Segnungen versprochen (5. Mose 28, 1-14) und anbruchweise unter Josua, David und Salomo auch zuteil: Herrschaft über die Völker der Erde, Mehrung, Gesundheit, Reichtum und Überfluß, Sieg über Feinde und Erfolg bei allem Tun. Sie durften Jahrhunderte, bevor das Heil in JESUS CHRISTUS zu allen Völkern kam, zu einer Zeit, da die Völkerwelt ohne Gott und ohne Christus, ohne Bündnisse und ohne Hoffnung dahinlebte (Eph. 2, 11-12), Gottes Wort empfangen und Gemeinschaft mit Gott haben, Seine Siegesmacht und Seinen Segen, Seine Weisung und Seine Wunder erfahren.
b) Kein Volk hat so sehr gegen Gott gesündigt
Dieser Satz ist keine billige antisemitische Hetzparole, wie man sie in der Hitlerzeit zu hören bekam, sondern eine biblische Feststellung. Daß das Alte Testament Gotteswort und nicht jüdische Nationalliteratur ist, zeigt sich wohl nirgends so deutlich wie in den schonungslos harten Gerichtsworten, die hier über das auserwählte Volk zu finden sind.
Israel ist nach der Heiligen Schrift nicht nur mit dem größtmöglichen irdischen Segensreichtum überschüttet worden, sondern auch — von dem gleichen Gott — von den erschütterndsten und grausamsten Flüchen getroffen worden. Man lese in 5. Mose 28 die Verse 15-69 oder 3. Mose 26, 14-39. Bedeutet Segen Lebensmehrung, Sieg, Reichtum, Erfolg und Herrschaft, so der Fluch das Gegenteil: Minderung, Mangel, Niederlage und Armut, ja Katastrophen und Krankheit und Gefangenschaft! Wegen ihres Ungehorsams wurden die Träger höchsten Segens die Beute furchtbarer Flüche Gottes.
Das Israel in den genannten Stellen Angedrohte bzw. Prophezeite ist so schrecklich, daß hier schon Bibelleser und -ausleger irre wurden und meinten, dieser JEHOVAH könne nicht der Gott sein, der sich im NT in JESUS offenbart, sondern sei ein ENGELSFÜRST oder gar — der SATAN! Diese Auffassungen sind jedoch unhaltbar. Denn erstens sind auch dem Gott, der sich im NT offenbart, schreckliche Gerichtsworte für die Ungehorsamen durchaus nicht fremd (etwa: “Gehet hin in die äonenlange Pein”); zweitens ist Gottes Offenbarung eine fortschreitende, und erst im NT können wir “dem ins Herze sehen, der uns so geliebet hat”; schließlich zeigt eine aufmerksame Beobachtung der Gerichtsworte und Heilsworte Gottes im AT und NT, daß Gericht nie Sein letztes Wort ist; selbst aus Tod und Gericht gibt es Ausgänge.
Israel ist das Spitzenvolk in Segen und Fluch, Heil und Unheil. Es ist nicht nur Jehovahs liebliche Braut bzw. Sein Weib (Jer. 31, 32; Hes. 16, 1-14; Hosea 2, 19-20), sondern auch — im Ungehorsam und der Untreue Jehovah gegenüber — die zur Hure gewordene Ehefrau, die Sodom und Gomorra, jene Sündenstädte aus Abrahams Tagen, noch in ihren Greueln übertrifft (Hes. 16, 46-52). Gottes Klagelied über die Widerspenstigkeit Seines auserwählten Volkes durchzieht das ganze AT, es wird auch laut im NT (”Er kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf”, Joh. 1, 11), findet sichtbaren Ausdruck in Jesu Tränen über das wieder einmal gerichtsreife Jerusalem (Luk. 19, 41), das sein “Kreuzige, kreuzige” zu schreien sich anschickt, es wird von Paulus gesungen (Röm. 10, 21) und tönt fort im letzten Bibelbuch. So wie dort das Jerusalem der Endzeit einerseits die heilige und geliebte Stadt ist, andererseits aber “geistlich Sodom und Ägypten heißt”, so wird dort auch das endzeitliche Israel in mehreren Gruppen geschaut: als Sonnenweib und liebliche Braut, als jungfräuliche Erstlingsschar und — als Hure, die die Weltmächte reitet (Offb. 11, 2.8; 12, 1; 19, 7-8; 14, 1-5; 18-19). Aus diesem Volk quillt nicht nur der Born des lebendigen Wortes Gottes, es brachte nicht nur Jesaja und Paulus, unzählige Märtyrer, große Dichter und Schriftsteller und Staatsmänner hervor, sondern auch Marx und den Marxismus, verderbliche Strömungen in Kultur und Wirtschaft, erbitterten Widerstand gegen die Botschaft von JESUS CHRISTUS bis auf den heutigen Tag. Doch dies darf — zumal von deutscher Seite — nur im Bewußtsein entsetzlichen eigenen Versagens gesagt werden; diese Linie muß aber gezogen werden, weil die Heilige Schrift sie zieht.
Israels Fluch-Zeit wird aber — vielleicht schon bald — für immer ein Ende nehmen, und es wird Sach. 8, 13 gelten: “Wie ihr, Haus Juda und Haus Israel, ein Fluch unter den Nationen gewesen seid, also werde ich euch retten, und ihr werdet ein Segen sein.”
c) Kein Volk wurde so sehr von Gott gerichtet
721 v. Chr. nach Assyrien und 597/586 in mehreren Schüben nach Babel verbannt, im Jahre 70 n. Chr. unter alle Völker zerstreut, verspottet und beschimpft und verfolgt durch die Jahrhunderte, in Ghettos eingesperrt und zuletzt in den KZs der Nazis unmenschlich gequält und systematisch mit einer perfekten Tötungsmaschinerie der Massenausrottung preisgegeben — welches Volk hätte Ähnliches erlitten und überstanden?! Fürwahr, Israel gleicht dem im Feuer (der Leiden) immerfort brennenden Dornbusch, der aber niemals verbrennt! Dies ist sein Kennzeichen bis heute geblieben (2. Mose 3).
Auch das gehört zu Israels Auserwählung, daß es am ersten und am furchtbarsten Gottes Richterhand zu spüren bekommt, wie vorher Seine Segenshand. Es ist auch darin Muster und Modell für alle Völker. Gott wird ja auch die Völker, wenn Jesus wiederkommt, alle Lebenden und alle Toten, für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen (Matth. 25, 31-46; Offb. 20, 11-15). Dann wird ihnen heimgezahlt, was sie Israel angetan haben, und wer Jesu geringsten Brüdern, auch den vielgeschmähten Brüdern aus Israel, keine Barmherzigkeit erwiesen, sondern Gleichgültigkeit oder gar Grausamkeit erzeigt hat, wird des äonenlangen Feuers Pein erleiden müssen.
Immer wieder haben ja die Völker, wie einst Assyrien (nach Jes. 10, 5-19), wenn Gott sie gebrauchen wollte, um Sein ungehorsames Volk Israel zu züchtigen, nicht in Demut und mit Mäßigung diesen Dienst der Züchtigung getan, sondern in Hochmut, mit Haß und Stolz, Sein Volk auszurotten getrachtet und maßlos statt maßvoll gezüchtigt! Und die Folge war immer, daß die Völker, die Israel züchtigen sollten, hernach selber gerichtsreif wurden. Wie dies einst bei Assyrien der Fall war, so später bei Babyloniern und Römern und — in furchtbarster Steigerung in diesem Jahrhundert — bei uns Deutschen. Aber auch dies alles ist eingeschlossen in den “Ratschluß SEINES Willens”, ohne den nichts geschieht (Eph. 1, 11). In allen Gerichten blieb Israel in der Hand seines Gottes, der auch die Millionen von Toten dieses Volkes nicht vergißt, sondern lebendig zu machen versprochen hat (Hes. 37, 1-14, jetzt nicht in symbolischer, sondern in der wörtlichen Bedeutung genommen!). Und das Letzte sind daher nicht Israels einzigartige Leidens- und Gerichtswege, sondern das letzte Wort behalten Wiederherstellung, Erstattung, Tröstung!
d) Kein Volk wird so wunderbar von Gott getröstet werden
Schon im AT wird klar bezeugt, daß Gottes Gerichte nur das Vorletzte im Handeln Gottes, Wiederherstellung und Tröstung jedoch das Letzte sind! Auf die entsetzlichen Fluchworte von 5. Mose 28 (ab V. 15) folgt 2 Kapitel später (30, 1-10) die Botschaft von der Wendung der Gefangenschaft, vom Erbarmen Gottes, von Sammlung und Erneuerung und neuem, vermehrtem Segen. Beim Davidbund wird in 2. Sam. 7, 14 gesagt, daß Gottes Güte auch im Falle des Ungehorsams und der notwendigen Züchtigung letztlich nicht von Salomo und seinem Königtum weichen wird. In die drohende Gerichtsbotschaft eines Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Joel, Sacharja usw. mischt sich immer wieder, die erstere schließlich laut übertönend, die Botschaft von Heil und Wiederherstellung! (Siehe Jes. 1; 12; 30, 15-18; 32; 40, 1-2; Jes. 42-43; 44, 21-23; 54, 1-8; Jer. 31 und 32, Hes. 16, 53-63; Joel 3 [bei Luther Kap. 4]; Sach. 12 und 14). Und Jesus selbst fügt Seinen Gerichtsworten an die Adresse Seines Volkes in Matth. 23, 39 noch den Satz hinzu: “Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!”
Am ausführlichsten geht im NT der Apostel Paulus der Frage nach, ob Israel von Gott für immer verworfen sei (Röm. 9-11). Er kommt zu dem befreienden Schluß: “Ganz Israel wird errettet werden” — denn: “Die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar!” (Röm. 11, 26.29). Ist Israel auch oft untreu gewesen (siehe Hes. 16, 1-52), Gott bleibt treu (Hes. 16, 53-63)! Anders übersetzt: Ist Israel auch ungläubig, der Herr bleibt gläubig! Israels Untreue (oder Unglaube) kann keineswegs Gottes Treue (oder Glauben) aufheben! (Röm. 3, 3.)
Gottes innere Erneuerung Seines Volkes, die Wiederherstellung des Ehebundes und die wunderbare Tröstung Israels werden kommen! Die Staatsgründung Israels 1948 und die Wiedervereinigung Jerusalems 1967 sowie die Bewahrung Israels in allen Nahostkriegen der letzten 3 Jahrzehnte sind die Voraussetzung für dieses wahrscheinlich schon bald einsetzende geistliche Handeln Gottes an Seinem Volk. Und dann wird sich die Tröstung zu den Gerichtsnöten nicht wie im Maßstab 1:1 verhalten, sondern die Größe und Herrlichkeit und zeitliche Ausdehnung der Tröstung wird die Schwere und Dauer der Gerichtsnöte um ein Vielfaches übertreffen, so daß das auserwählte Volk seine Vergangenheit durch Buße, Vergebung, Erneuerung und Tröstung einmal völlig bewältigen wird und dem Herrn für alles, alles danken und getröstet und geheilt in die Worte von Jesaja 12 einstimmen wird: “Ich danke Dir, Herr, daß Du bist zornig gewesen über mich und Dein Zorn sich gewendet hat und Du mich tröstest. Siehe, Gott ist mein Heil, ich vertraue und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.”
(Quelle: Auszug aus Heinz Schumacher: “Die Lehre der Bibel im Rahmen der Heilsgeschichte dargestellt“; “Gnade und Herrlichkeit”, 3/1984; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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