Die Bibel wörtlich nehmen — aber wie?
Autor: Schumacher, Heinz | Kategorie(n): Wort Gottes (Bibel) | 1,281 x gelesenFalsches und richtiges »Wörtlichnehmen«
In christlichen Blättern und sogar in der weltlichen Presse war in der letzten Zeit des Öfteren vom »Wörtlichnehmen« der Bibel die Rede. In den weltlichen Medien geschieht dies meistens mit einem spöttischen Unterton: Da gibt es doch tatsächlich Menschen, wie die »Kreationisten« (die vor allem in dem gewaltig großen »Bibelgürtel« in den Südstaaten der USA zahlreich anzutreffen sind), die der Bibel auch dies glauben, dass der Mensch nicht vom Tierreich herkommt, sondern nach 1. Mose 1 und 2 eine eigene, besondere, neue Gottesschöpfung darstellt, und dass Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen habe.
Schon an diesem Beispiel wird aber deutlich, dass »wörtlich nehmen« richtig und falsch sein kann. In der Ablehnung der Abstammung des Menschen von Tieren sind wir ganz eins mit unseren Brüdern und Schwestern, die man »Kreationisten« nennt. Wenn sie aber aufgrund von 1. Mose 1 und 2. Mose 20, 11 fest behaupten, Gott habe die Welt in 6 mal 24 Stunden erschaffen, dann sehe ich darin — mit Böhmerle, Ströter, Dr. Paul Müller und anderen Gotteszeugen — ein Beispiel für falsches Wörtlichnehmen. Da hält man das eigene Verständnis eines Wortes oder Satzes für das einzig richtige »wörtliche« Verständnis, unbekümmert darum, was die Heilige Schrift auch noch sagt. Da geht doch aus 1. Mose 1, 14.15 deutlich hervor, dass die Sonne (und andere Lichter) erst vom 4. Tag an als Zeichen »zur Bestimmung von Zeiten und Tagen und Jahren« dienen sollten. Außerdem zeigen Stellen wie 2. Petr. 3, 7.8.10.12, dass der Begriff »Tag« (gerade auch, wo es um Himmel und Erde geht) große Zeiträume umfassen kann. Unsere Arbeitswoche ist ein kleines Abbild der »Arbeitswoche Gottes« in 1. Mose 1, sie fordert aber keineswegs zwingend, das Schaffen Gottes auf 6 mal 24 Stunden einzugrenzen. — Den Spott der Welt wollen wir gern ertragen, wo es nötig ist, wir müssen ihn aber nicht durch falsches Wörtlichnehmen noch provozieren, ja, Menschen den Zugang zu Gottes Wort unnötig erschweren.
»Nimmst du die Bibel wörtlich oder nicht?« — Schon diese Fragestellung ist falsch. Die Sache muss man differenziert betrachten. Was ist falsch und was ist richtig? Wir wollen versuchen, ein falsches und ein richtiges Wörtlichnehmen voneinander abzugrenzen.
1. Falsch ist es, sich auf einen bestimmten Text einer bestimmten Übersetzung als »Wort Gottes« festzulegen.
Es gibt zuweilen unschönen Streit um den rechten Text (und das rechte Verständnis) eines Bibelwortes. Des Öfteren hörte ich dann den Satz (manchmal auch rechthaberisch vorgetragen): »In meiner Bibel steht aber …« Doch ist damit alles gesagt, alles klar? — Es gibt Bibelworte, die ganz einfach und klar sind und wo es im Grundtext keinerlei Varianten (abweichende Lesarten) gibt, wie z. B. das Wort des Herrn »Ich bin das Licht der Welt« in Joh. 8,12; da stimmen dann auch alle guten und genauen Übersetzungen überein. Doch es gibt auch schwierigere Sätze mit z. T. mehreren Varianten. Da variieren dann auch die Übersetzungen; die einen halten diese, die anderen jene Wiedergabe für die beste und ursprüngliche. Da sollte man nicht rechthaberisch auf seine Bibelübersetzung pochen, sondern auch andere heranziehen. Wenn schon der uns vorliegende Grundtext viele abweichende Lesarten aufzeigt (die aber in den allermeisten Fällen den Sinn nicht verändern!), so darf man erst recht nicht eine einzige Übersetzung in jeder Formulierung für unfehlbar halten — ganz zu schweigen von den oft sehr ungenauen »modernen« Übertragungen.
2. Falsch ist es, aufgrund einer Bibelstelle etwas zu behaupten, ohne den Zusammenhang und die Parallelstellen zu beachten.
Hierzu nur ein Beispiel: »Es waren derer, die die Brote gegessen hatten, fünftausend Männer« (Mark. 6, 44). Können es auch zehn Männer weniger oder mehr gewesen sein? Es wäre ein falsches Wörtlichnehmen, sich hier auf die Zahl 5.000 zu versteifen und etwa zu behaupten: »Kein Mann mehr und keiner weniger, genau 5.000! So sagt es Gottes Wort!« — Einem solchen könnte man mit Recht entgegenhalten, dass Gottes Wort in Matth. 14, 21; Luk. 9, 14 und Joh. 6, 10 sagt: »ungefähr (oder: etwa) 5.000«.
3. Falsch ist es, von einem völlig eindeutigen und irrtumslosen uns vorliegenden Urtext auszugehen. Diesen haben wir nicht!
Man könnte sich fragen, warum wir ihn nicht haben. Vielleicht, weil uns Gott in der Demut halten will. Wie Sein Sohn auf Erden, so sollte nach Seinem Willen auch Sein Wort in Knechtsgestalt erscheinen. Dennoch gilt (wie beim personifizierten, so beim geschriebenen Wort): Wir sehen in der Niedrigkeit die Herrlichkeit (Joh. 1, 14). Das völlig irrtumslose Original der Bibel — ohne Varianten — dürfte im Himmel aufbewahrt sein (Ps. 119, 89).
Heinrich Langenberg schrieb dazu: »Es macht manchen gläubigen Schriftforschern große Herzensnot, wenn sie von Varianten und Schreibfehlern in unserer Bibel hören. Um der Wahrhaftigkeit willen muss zugegeben werden, dass sämtliche Originalschriften verloren gegangen sind und dass wir heute nur noch Abschriften der ursprünglichen Texte haben, und dass in diese Abschriften sich auch manche Schreibfehler eingeschlichen haben. Die Abweichungen im Wortausdruck in diesen verschiedenen Handschriften nennt man Varianten. Am saubersten ist wohl noch der Urtext des Alten Testaments erhalten geblieben dank der Wachsamkeit und peinlichen Gewissenhaftigkeit der Juden … Viel bunter sieht es aus für die Textgestalt des Neuen Testaments. Da existieren zahlreiche Handschriften oder Codices. Von den bedeutendsten seien nur zu nennen der Sinaiticus, der Alexandrinus und der Vaticanus …
Warum hat Gottes Weisheit es zugelassen, dass die Originale verloren gingen und wir in den uns gebliebenen Abschriften so manche Varianten haben? Als Mose die steinernen Gesetzestafeln, die er aus der Hand Gottes empfangen hatte, im Zorn über des Volkes Götzendienst mit dem Goldenen Kalb unten am Berg zerbrochen hatte (2. Mose 32, 19), gebot ihm Gott, zwei neue Tafeln zu hauen, auf die dann der Herr selber dieselben Worte schrieb, wie sie in den ersten Tafeln gewesen waren (2. Mose 32, 16; 34, 1). Die zweiten Tafeln waren nicht mehr original, aber die Schrift blieb Gottes Schrift. In dieser eigenartigen Geschichte offenbart sich eine tiefe Gottesweisheit, dieselbe wie auch in der Tatsache, dass Gott es zugelassen hat, dass wir heute kein einziges Originaldokument mehr besitzen und dass uns in der äußeren Knechtsgestalt der Schrift dennoch Gottes Schrift geblieben ist … Der große Baumeister der Heiligen Schrift, der Heilige Geist, hat auch über der Knechtsgestalt derselben so wunderbar gewaltet und gewacht, dass durch die menschliche Unvollkommenheit der Schreiber und Abschreiber kein einziger biblischer Grundbegriff entstellt und keine einzige gerade Linie verbogen worden ist.«
Was das Alte Testament betrifft, so hält man seit Langem den Text der Masoreten für den besten und gültigen Text. Die Masoreten waren jüdische Gelehrte, die sich der Pflege der Überlieferung widmeten. Seit etwa dem 5. Jahrhundert n. Chr. fügten sie dem heiligen Text, der Jahrhunderte lang nur in Konsonanten überliefert und dadurch in hohem Grade Missverständnissen ausgesetzt war, Vokale und Akzente bei. Sie fühlten sich einer »staunenswert genauen Überlieferung« (E. Kautzsch) verpflichtet. Auch die revidierte Elberfelder Bibel folgt in der Regel dem als gültig angesehenen Masoretischen Text (MT); weicht die Übersetzung davon ab, wird die Version des MT in einer Fußnote angegeben. (Näheres dazu findet man in Rieneckers »Lexikon zur Bibel« unter dem Stichwort »Masora« sowie im Vorwort zur AT-Übersetzung, herausgegeben von Prof. Emil Kautzsch, Verlag Mohr, Tübingen, 1909. Kautzsch lebte von 1841-1910.)
Während Prof. Kautzsch dem Masoretischen Text durchaus auch kritisch gegenüberstand (er stelle, obwohl wertvoll, doch nur eine Auffassung des Konsonantentextes unter mehreren möglichen dar) und gern und reichlich Textänderungen vorschlug, betonte ein anderer alter Gelehrter viel stärker dessen Zuverlässigkeit und hielt sich wo immer möglich an diesen Text: Prof. Eduard König (1846-1936), der u. a. die Genesis, die Psalmen und Jesaja übersetzt und kommentiert hat.
Die verschiedene Haltung von Kautzsch und König möchte ich an einem Beispiel aufzeigen: Jes. 21, 6-8a. Dort heißt es nach König: »Denn so hat der Allherr zu mir gesagt: Wohlan, lass den Späher auf seinen Posten treten! Was er sehen wird, wird er melden, und er wird Züge von Paaren von Rossen, von Eseln, von Kamelen sehen und wird Aufmerksamkeit, ja viel von Aufmerksamkeit betätigen und wird rufen: Ein Löwe!« — Kautzsch hält die Worte »ein Löwe« für einen Schreibfehler und ersetzt sie durch »Ich sehe«. König aber ändert den Text nicht. »Ein Löwe« sei ein aus der Hirtensprache entlehnter Alarmruf; dieser Text werde auch von der Septuaginta und Vulgata bestätigt.
Kommen wir auf die Frage nach der Irrtumslosigkeit des uns vorliegenden Grundtextes zurück! Völlig abzulehnen ist eine ungläubige Bibelkritik, die »historisch-kritisch« die Texte hinterfragt und Unmengen von Worten und Berichten als »unecht« abstempelt, die Verfasserangaben biblischer Bücher und Briefe weithin für falsch hält usw. — Abzulehnen ist aber auch eine übertriebene Betonung biblischer Irrtumslosigkeit, die man wenig später dann wieder einschränkt. So geschah es in der »Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel« (ab 1977 erarbeitet). Da heißt es in der »zusammenfassenden Erklärung« u. a.: »Da die Schrift vollständig und wörtlich von Gott gegeben wurde, ist sie in allem, was sie lehrt, ohne Irrtum und Fehler.«
Es folgen dann 19 Artikel des »Bekennens« und »Verwerfens«. Diese sind sehr streng im Wortlaut und klingen nach dogmatischer Festlegung. So heißt es in Artikel 12 etwa: »Wir bekennen, dass die Schrift in ihrer Gesamtheit irrtumslos und damit frei von Fehlern, Fälschungen und Täuschungen ist. — Wir verwerfen die Auffassung, dass sich die biblische Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit auf geistliche, religiöse oder die Erlösung betreffende Themen beschränke und Aussagen im Bereich der Geschichte und Naturwissenschaft davon ausgenommen seien.«
Wir berichteten darüber in GNADE UND HERRLICHKEIT, Heft 4/2003. Ich schrieb damals (S. 168/169): Das klingt alles recht gut, aber ich war dann doch sehr erstaunt, als ich weiter unten in demselben Heft eine Menge von Einschränkungen aufgelistet fand, z. B. folgende:
»Wenn wir feststellen wollen, was der von Gott unterwiesene Schreiber in jedem Abschnitt aussagt, müssen wir dem Anspruch der Schrift und ihrem Charakter als menschlichem Erzeugnis die größtmögliche Aufmerksamkeit widmen. Gott gebrauchte in der Inspiration die Kultur und die Gebräuche der Umwelt des Schreibers … So muss Geschichte als Geschichte behandelt werden, Dichtung als Dichtung, Hyperbel (Übertreibung zum Zweck der Verdeutlichung) und Metapher (bildlicher und übertragener Ausdruck) als Hyperbel und Metapher, Verallgemeinerungen und Annäherungen (etwa durch Auf- und Abrunden von Zahlen) als das, was sie sind.« — »Wenn nichtchronologische Erzählungen und ungenaue Zitierweise damals üblich und akzeptabel waren …, dürfen wir diese Dinge nicht als Fehler ansehen.« — »Die Schrift ist irrtumslos, aber nicht im Sinne einer absoluten Präzision nach modernem Standard.«
Ich muss mich dann doch fragen: Warum erst der dutzendfache, streng vorgetragene Hinweis auf die göttliche Inspiration und Irrtumslosigkeit der Schrift, wenn nachher eine Menge von Einschränkungen folgt? Da wäre es doch wohl besser gewesen, von Anfang an neben der Irrtumslosigkeit auch die Knechtsgestalt der Heiligen Schrift zu betonen. In diesen Fragen scheinen mir Langenbergs Ausführungen (in »Das lebendige bleibende Wort. Der innere Lebensbeweis der ›Theopneustie‹«, 75 Seiten) der Sache angemessener, nüchterner und hilfreicher zu sein.
4. Falsch ist es, die Tätigkeit des Heiligen Geistes beim Zustandekommen und der Überlieferung der Bibel außer Acht zu lassen.
Ist es nicht ein großes Wunder, dass wir die Jahrtausende alten Texte des AT und NT heute überhaupt verfügbar haben? Ist es selbstverständlich, dass wir sorgfältig erarbeitete Ausgaben des hebräischen Alten Testaments und des griechischen Neuen Testaments — mit Angabe der aufgefundenen Varianten — haben und dass Übersetzer wie Luther, Menge, Schlachter und die Erarbeiter der Elberfelder und Zürcher Bibel u. a. über viele Jahre und mit großen Fleiß Bibelübersetzungen schufen, für die wir dankbar sind? Gott hat über Seinem Wort gewacht. — Da wollte auch der Feind Gottes nicht untätig bleiben. Langsam aber sicher gelang es ihm, »moderne« Übersetzer dahin zu bringen, sich immer weiter vom genauen Text zu entfernen — mit dem Schein-Vorwand, unbedingt für den heutigen Menschen gut verständlich zu sein — bis hin zu ganz unzuverlässigen Übertragungen, ja bis hin zu feministischer Sprachverdrehung und Gossensprache.
Gottes Wort aber ist heilig, weil es vom Heiligen Geist herkommt. Er gab den heiligen Schreibern Gottes Worte ein. Dabei waren aber Mose oder David, Jesaja oder Daniel, Matthäus, Johannes, Paulus usw. keine Marionetten oder menschliche »Schreibmaschinen«. Sie behielten jeweils ihren eigenen Stil, was den Texten der Davidpsalmen, eines Jesaja, Lukas, Johannes oder Paulus deutlich abzuspüren ist.
Was sagt Gottes Wort über sich selber? — »Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben (theopneustos) und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtbringung (Wiederaufrichtung), zur Erziehung in der Gerechtigkeit« (2. Tim. 3, 16). — »Umso fester und gewisser ist uns das prophetische Wort geworden und ihr tut gut, darauf zu achten …, indem ihr in euren Herzen dies zuerst erkennt, dass keine Weissagung der Schrift (eine Sache) eigenmächtiger Auslegung ist. Denn noch nie wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen von Gott aus geredet« (2. Petr. 1, 19-21).
Über das rechte Bibelverständnis sind im Lauf der Zeit unzählige Hefte und Bücher verfasst worden. Bei manchen Untersuchungen fiel mir auf, dass allen möglichen sprachlichen oder geschichtlichen Umständen Rechnung getragen wurde — nur nicht der Tatsache der Inspiration durch den Heiligen Geist! Da ging man am Wichtigsten vorüber.
Gott hat über Seinem Wort gewacht. Und trotz der oben genannten Einschränkungen, der »Knechtsgestalt«, sind die allermeisten Texte klar und dürften dem Urtext wörtlich oder sinngemäß entsprechen. Die allermeisten Varianten ändern am Sinn nichts. Sie ersetzen einen Ausdruck durch einen ähnlichen oder fügen Worte zur Verdeutlichung hinzu oder haben eine andere Reihenfolge einiger Worte. Wer genau wissen will, was die Varianten sagen, lerne Griechisch oder Hebräisch und studiere dann den Grundtext, oder er nehme solche deutsche Übersetzungen zur Hand, die — wie die revidierte Elberfelder Bibel — wenigstens die wichtigsten anderen Lesarten in Anmerkungen angeben.
5. Richtig ist es, nach der besten Textüberlieferung zu forschen und möglichst genaue Bibelübersetzungen zu benutzen.
»Textkritik« (besser: Textforschung) ist nicht dasselbe wie das, was wir zusammenfassend »Bibelkritik« nennen. Unter dem Letzteren verstehen wir: Man hat kein Vertrauen zu den biblischen Angaben, Berichten, Aussprüchen. Man hält vieles für »unecht«. (Wir kommen noch darauf zurück.) Die Textkritik hingegen möchte »alle Änderungen aufspüren und den ältesten erreichbaren Text wiederherstellen« (Würthwein). Man prüft die Textüberlieferung, vergleicht z. B. den masoretischen Text des AT mit der griechischen Übersetzung (Septuaginta) und anderen aufgefundenen Handschriften, darunter Fragmente aus Höhlen und Tonkrügen. Was mag der älteste, zuverlässigste Text sein? »Als allgemeine Regel muss gelten, dass der masoretische Text da, wo er sprachlich und sachlich einwandfrei ist, den Vorzug vor jeder anderen Überlieferung verdient« (Würthwein). Bücher wie »Der Text des Alten Testaments« von E. Würthwein (Eine Einführung in die BIBLIA HEBRAICA von Rudolf Kittel, Stuttgart 1952) oder »Der Text der griechischen Bibel« von F. G. Kenyon (Berlin 1952) zeigen das Schwere, aber auch Interessante dieser Aufgabe.
Dem heutigen Bibelleser sei geraten, neben der Lutherbibel auch eine Elberfelder Bibel zu besitzen und zu gebrauchen (der Genauigkeit und Wörtlichkeit wegen). Auch die Mengebibel, Schlachterbibel, Zürcher Bibel, die (katholische) Jerusalemer Bibel und die NT-Übersetzung von Albrecht können als gute Übersetzungen gelten; weniger genau sind »Hoffnung für alle« und die (katholische) Einheitsübersetzung, noch freier ist leider »Die Bibel in heutigem Deutsch«. Für Forscher kann die Interlinearübersetzung (6 Bände) gute Dienste tun (unter dem hebräischen oder griechischen Wort steht jeweils das deutsche Wort; zum Vorlesen nicht geeignet). Auch die »Konkordante Wiedergabe« des NT (mit Konkordanz) sei lobend erwähnt. Ganz kurz (da dies kein Werbetext ist) sei auch meine NT-Übersetzung »Neues Testament mit Anmerkungen« erwähnt. Auch Übersetzungen in Kommentarwerken können eine gute Hilfe sein, so die Übersetzungen in der WUPPERTALER STUDIENBIBEL.
6. Richtig ist die Skepsis gegenüber leichtfertig vorgenommenen Textänderungen und die Ablehnung einer Bibelkritik, die den Verfasserangaben, Berichten und Aussprüchen der Bibel (auch Jesu und Seiner Apostel) misstraut.
Wir erwähnten bereits das im Jahr 1909 erschienene zweibändige Werk von E. Kautzsch »Die Heilige Schrift des Alten Testaments«. Prof. Kautzsch und seine Mitarbeiter waren gründlich arbeitende Gelehrte; sie schufen eine genaue und für ihre Zeit erstaunlich flüssige, gut lesbare Übersetzung des AT. Doch waren sie m. E. viel zu schnell dabei, Worte und Sätze des MT für »verderbt« (also: nicht ursprünglich) zu halten und Textänderungen vorzunehmen. Das Ergebnis waren dann sehr gut verständliche Sätze — aber waren sie ursprünglich oder war in solchen Fällen der schwierigere Text des MT (der immerhin als Fußnote angegeben wird!) ursprünglich? Die Textforschung hat längst erkannt: Ein schöner, glatter, gut lesbarer Text muss nicht das Original sein — es könnte sich um eine Überarbeitung handeln.
Nun muss noch ein Wort zur Bibelkritik gesagt werden. Ihr gegenüber ist höchste Wachsamkeit angesagt. Hier geht es nicht um die beste Textüberlieferung, sondern um ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Bibelwort. Besonders gern wird die Verfasserschaft biblischer Bücher und Briefe angezweifelt. Der 2. Teil des Buches Jesaja soll nicht auf Jesaja zurückgehen, sondern auf einen »Deuterojesaja«, das Buch Daniel nicht von Daniel stammen, viele »Psalmen Davids« nicht von David, der Epheserbrief und die Timotheusbriefe nicht von Paulus usw. — Es würde zu weit führen, dies im Einzelnen widerlegen zu wollen. Ich frage nur: Sollen etwa herzbewegende Texte das Werk späterer Nachahmer sein? Soll Psalm 51 nicht von David gedichtet sein, 1. Tim. 1, 12-16 nicht von Paulus stammen? — Aber die Bibelkritik geht noch weiter. Sie arbeitet mit »Quellenscheidung« und hält große Teile der Worte Jesu und Seiner Apostel für unecht, auch viele Wunderberichte. Gern spricht man von einem »Legendenkranz«, den man Jesus und Seinen Aposteln gewunden habe. Lukas sei ein ausgezeichneter Erzähler — aber natürlich habe vieles geschichtlich so überhaupt nicht stattgefunden. — Wer als Pfarrer von dieser Haltung zur Bibel geprägt ist, wird das in der Regel nicht offen in seinen Sonntagspredigten sagen, um die gläubigen Zuhörer zu »schonen«; er weicht dann in eine rein erbauliche Auslegung aus oder beginnt die Predigt mit den Worten: »In der Urchristenheit erzählte man sich …«
1974 erschien bei R. Brockhaus, Wuppertal, das wertvolle Werk von Gerhard Maier: »Das Ende der historisch-kritischen Methode« (5. Auflage 1984). Darin entlarvt er das Wesen dieser fragwürdigen, ja unguten, Glauben zerstörenden Methode »wissenschaftlicher« Bibelauslegung. Man unterscheide »Schale und Kern« der biblischen Offenbarung; man suche den »Kanon im Kanon«. Diese Methode hielt Gerhard Maier schon damals für gescheitert; der »Kanon im Kanon« (also der als echt geltende Kern) sei unauffindbar. Nach dieser Methode zerlege man die Bibel in zwei Bibeln: eine menschliche und eine göttliche. Dabei unterscheiden sich die Vertreter der Bibelkritik durchaus in dem, was sie für »echt« oder »unecht« halten. Der eine sortiert diese Berichte oder Jesusworte als »unecht« aus, der andere jene. Immer aber erhebt sich der verfinsterte Menschenverstand über Gottes Wort. Sehr gut weist Gerhard Maier darauf hin: Das Korrelat (Entsprechung) zur biblischen Offenbarung sei nicht Kritik, sondern Gehorsam.
7. Richtig ist es, Gottes Wort trotz seiner »Knechtsgestalt« völlig zu vertrauen.
Auch wenn es hier und da im Worte Gottes »dunkle Stellen« gibt, wo die Übersetzungen stark voneinander abweichen und man ein wenig zu raten anfängt, was wohl gemeint sei — und auch wenn die Auslegungen der Texte und Anwendungen auf unsere Zeit nicht immer übereinstimmen, so gilt doch grundsätzlich Folgendes:
- Wir haben ein »festes prophetisches Wort«, wie Petrus sagt (2. Petr. 1, 19). Viele biblische Weissagungen haben sich schon erfüllt, die anderen werden sich zu ihrer Zeit erfüllen.
- Die biblische Lehre ist im Ganzen einheitlich und gültig. Allerdings entfaltet sie sich in einer Heilsgeschichte. Das Fortschreiten der biblischen Heilsoffenbarung muss beachtet werden. Es geht vom AT zum NT, vom Gesetz zum Evangelium, von der Lehre Jesu während Seiner Niedrigkeit zur Lehre des erhöhten Christus (durch die Briefe, besonders des Paulus), von der Schöpfungslehre und den Berichten über die Geschichte Israels zur Erlösungs- und Vollendungslehre.
- Jesu Worten darf ich vertrauen — sei es die Bergpredigt (Matth. 5-7) oder die Brotrede (Joh. 6) oder die Abschiedsreden (Joh. 14-16) oder anderes. Aber auch in den Apostelbriefen redet zutiefst ER! Unterschiede im Fortschreiten der Heilsgeschichte darf man benennen, aber nicht überspitzen.
- Wo ich ein Wort nicht begreife und mir auch Übersetzer und Ausleger nicht weiterhelfen, sollte ich mir darüber nicht den Kopf zergrübeln, sondern es still und demütig vertrauend beiseite legen. »Herr, vielleicht zeigst Du es mir ein anderes Mal.«
8. Richtig ist es, Gottes Wort nicht nur erbaulich, sondern auch heilsgeschichtlich zu betrachten und nicht nur einzelne Sprüche, sondern ganze Bücher und Briefe im Zusammenhang zu lesen.
Viele Christen lesen jeden Morgen die »Losungen«, und sie sind auch wertvoll und können eine gute Wegweisung geben für den neuen Tag. Zuweilen bin ich aber nicht glücklich, wenn ein Satz aus dem Zusammenhang gerissen erscheint und der eigentliche Sinn nicht deutlich wird. Darum gilt immer: den Zusammenhang eines Kapitels beachten! Mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelzitaten ist schon viel Unheil angerichtet worden. So kann man mit der Bibel beinahe alles beweisen. Der Zusammenhang zeigt mir den Sinn.
Überhaupt sollte man die Bibel nicht nur erbaulich, sondern heilsgeschichtlich betrachten. (Eine gute Hilfe ist das neu aufgelegte Buch von Karl Merz: »Der Heilsplan Gottes in täglichen Andachten«.) Gilt mir jedes Wort der Bibel? Nein. Kann ich aus allem lernen? Ja. Hier sei noch einmal an 2. Tim. 3, 16 erinnert: »Alle Schrift (oder: die ganze Schrift) ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtbringung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.« Gott hat einen Heilsplan mit Äonen und Ökonomien (Zeitaltern und Haushaltungen). Was Gott Noah, Abraham oder Mose sagte, hat Er nicht uns gesagt. Trotzdem können und sollen wir aus allem lernen. Und nach der Auslegung kommt die persönliche Anwendung auf unser Leben.
Lasst uns vertrauensvoll am Wort bleiben! Das lehrte Jesus schon auf Erden (Joh. 8, 31) und das lässt Er uns durch Paulus zurufen (Kol. 3, 16). Auch durch die »Knechtsgestalt« des Wortes hindurch schauen wir Gottes und Christi Herrlichkeit, sind durch Wort und Gebet im Gespräch mit dem Vater und dem Sohn und erlangen durch den Glauben Heil und Rettung und Wachstum bis zur Vollendung.
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 6/2008; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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