“Ihr seid der Leib des Christus”
Autor: Bayer, Rupprecht | Kategorie(n): Andachten, Gemeinde | 636 x gelesen(1. Kor. 12, 27)
Vor dieser Aussage der Heiligen Schrift können wir nur immer wieder in staunender Demut und dankbarer Anbetung stille werden. Sind wir von dieser Feststellung lebensmäßig total durchdrungen? Sie ist das Ende aller Privatfrömmigkeit. Religion mag Privatsache sein, aber nicht die Zugehörigkeit zum Leibe des Christus. Da gibt es kein Einzelgängertum und kein unverbindliches Nebeneinanderher. Leider lassen auch wir uns immer wieder von unserem Ich-Glauben leiten; wir beharren fest auf unserem Verständnis einer Bibelstelle; denn das hat uns ja, wie wir behaupten, der Heilige Geist so geoffenbart. Es geht aber im Glauben nicht um das Ich, sondern um das Wir, um den Leib des Christus. Der Gläubige sollte klar in diesem Gliedschaftsbewußtsein stehen und im Wesen und Wandel diese Gliedschaft des Leibes darstellen.
Der Leib des Christus
Unser Menschenleib ist ein einzigartiger, wunderbarer Organismus. Das Haupt unseres Körpers ist die Kommandozentrale für alle Glieder, für alles, was an diesem Leib und mit dem Leib geschieht. Genauso wirkt das Haupt der Gemeinde, die da ist Sein Leib (Kol. 1, 18; Röm. 12, 4.5), Christus Jesus. Das bedeutet, daß die einzelnen Glieder Seines Leibes lebendig und untrennbar mit ihrem Haupt verbunden sind. “Ich in ihnen und sie in Mir”, sagt der Herr (Joh. 17, 22.23; siehe auch Joh. 15, 4.5). Das bedeutet wiederum, daß die Glieder unter dem ständigen Einfluß ihres Hauptes stehen und mit Seinem Geist erfüllt und belebt werden. Die Glieder sind lebendige Organe dieses Organismus und erhalten ihre Lebensorientierung vom Haupt.
Dadurch wird aber auch deutlich, daß die Glieder dieses einen Leibes untereinander zusammengehören und aufeinander angewiesen sind. In dieser Wesenheit werden wir geprägt und zu christozentrischem Denken (Röm. 12, 2) geführt. 1. Kor. 12, 12 gibt uns eine klare “Definition” dieser “Gesamtperson” des Christus: “Gleichwie der Leib (unser Körper) einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder aber zu dem einen Leib gehören, obwohl es viele Glieder sind: genauso auch der Christus”. So stehen die Glieder in inniger Lebensgemeinschaft mit ihrem Haupt und bilden gemäß der Aussage dieses Verses den Christus. Im Theologischen Begriffslexikon zum NT wird dazu auf Seite 216 folgendes gesagt: “Die Vielheit der Glieder kann ohne das Haupt nicht leben. Ohne den Einen Herrn, ohne das Eine Haupt, wären die Glieder ebensowenig eins wie amputierte Gliedmaßen, die zufällig zusammengeworfen sind.” In unserem Körper hat keine Zelle, kein Organ für sich allein einen Sinn, sondern erst die Verbindung und das Zusammenwirken aller untereinander bewirken das harmonische Leben des Ganzen. Wenn sich nur eine Zelle “selbständig” macht und nach “eigenem Ermessen” Zellen produziert, dann entsteht Krebs. Genauso verhält es sich im Organismus des Leibes Christi. Unser Ich will sich immer wieder groß machen, und die frommen Verführungen sind heute so enorm, daß wir uns immer wieder prüfen müssen (2. Kor. 13, 5): Sind wir lebendige Zellen am Leibe des Christus oder gleichen wir Krebszellen oder amputierten Gliedern? Produzieren wir Eigenes, oder lassen wir uns durch unser Haupt leiten (Röm. 8, 12-14)? Ohne die ständige lebensvolle Verbindung von Haupt und Gliedern ist Gemeinde nicht mehr Gemeinde, sondern Welt; vielleicht sehr religiöse und sehr fromme Welt, aber Welt!
“Ihr seid es!”
Als einmal ein Bruder mit mir die mancherlei Mängel und Unzulänglichkeiten der Gemeinde erörterte und wir diese im Herzen bewegten, nicht um lieblos zu kritisieren, sondern um uns darunter zu beugen und diese Nöte zu unseren eigenen zu machen, da sagten wir auf einmal, wie aus einem Munde: “Und dennoch ist es ein Wunder und ein Geheimnis, daß der Leib Christi göttliche Realität ist, und es ist zum Anbeten, wenn wir dazu gehören dürfen.”
Die zerstrittene Gemeinde in Korinth muß sich von dem Apostel an ihre geistliche Stellung erinnern lassen: “Ihr seid der Leib des Christus”. Das bedeutet keine Entschuldigung für Zänkereien in der Gemeinde, sondern die ernste Ermahnung, daß für Leibesglieder ein “fleischlicher” Wandel unwürdig ist. “Befleißiget euch, die Einheit des Geistes zu halten” (Eph. 4, 3).
Paulus erinnert die Korinther — und damit auch uns — mit solchen “Ihr-Seid”-Worten und mit den rhetorischen Fragen “Wisset ihr nicht?” immer wieder daran, wer sie sind, und daß sie doch “standesbewußt” leben sollen: “Ihr seid hineingerufen in die Gemeinschaft des Sohnes Gottes, Jesus Christus, unseres Herrn” (1. Kor. 1, 9). Der ganze Name und Heilstitel des Heilsvollenders wird hier genannt, auf daß wir doch die Würde unserer Gliedschaft erkennen möchten! “Ihr seid der Tempel Gottes (= die Offenbarungsstätte Gottes) … und der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr!” (1. Kor. 3, 16.17). “Ihr seid nicht mehr euer selbst”; “ihr seid teuer erkauft” (1. Kor. 6, 19.20). Und den Ephesern schreibt Paulus: “Ihr seid in Christo Jesu” (Eph. 2, 13). Wenn der Herr Jesus auf Erden sprach: “Ihr seid das Licht des Kosmos” (Matth. 5, 14), so bekräftigt dasselbe der Apostel mit den Worten: “Ihr seid ein Licht in dem Herrn, deshalb wandelt wie die Kinder des Lichts” (Eph. 5, 8.9a; siehe auch 1. Thess. 5, 5 und Phil. 2, 15).
Wer anders als die Glieder des Leibes stehen in dieser Lebens- und Liebesgemeinschaft mit dem Herrn? Wer sonst ist Offenbarungsstätte Gottes? Wer außer den Gliedern des Leibes Christi weiß, daß er nicht mehr sich selbst gehört, sondern dem Christus? Wer sonst gehört zu den teuer Erkauften? Wer außer ihnen ist in Christus Jesus? Wer, wenn nicht allein die Glieder des Leibes!
Ermessen wir in tiefer Anbetung und heiliger Freude unseren Adelsstand! Dieses Geschenk ist Gabe und Aufgabe! Die höchste Ehre, die einem Menschen zuteil werden kann, besteht darin, Glied am Leibe des Christus zu sein! Diese Stellung ist bedeutsamer als alle irdische Verwandtschaft und Freundschaft. Nun sind wir Glieder Seines Leibes, “von Seinem Fleisch und Seinem Gebein” (Eph. 5, 30).
Deshalb lassen wir uns zurüsten und “passend machen” zur Auferbauung des Leibes Christi, und lassen zum Wachsen bringen alles in IHN hinein, der das Haupt ist, aus dem heraus der gesamte Leib zusammen verbunden und vereinigt ist. So vollzieht sich das Wachstum zum vollen Wuchs der Vervollständigung des Christus, nach der Wirksamkeit, die jedem einzelnen Glied zugeteilt wird zur Auferbauung SEINER SELBST (Kol. 2, 19; Eph. 4, 11-16). Das stellen wir auch beim Mahl des Herrn dar: Wir feiern die Gemeinschaft des Leibes Christi (1. Kor. 10, 16).
Wer gehört zum Leib des Christus?
“Ihr seid der Leib des Christus.” — Wer gehört zu diesem Leib? — In dreifacher Hinsicht möchte ich darauf antworten.
a) Berufene gehören dazu. Es ist keine eigene Wahl, sondern ein Geschenk nach dem Plan Gottes (Eph. 1, 4-6.11.12; Röm. 9, 23.24a; 2. Tim. 1, 9). Begreifen wir unsere Berufung aus der universalen, kosmischen Sicht der Heiligen Schrift: Die Berufung in den Leib des Christus, die vor Grundlegung der Welt stattgefunden hat, bedeutet, Teilhaber an der Körperschaft zu sein, die die Vollendung der Welt bewirken wird (Röm. 8, 19.23.29; 1. Kor. 6, 2.3; 2. Kor. 1, 20; Eph. 1, 9.10.22.23; Eph. 2, 6-7; 3, 19; Kol. 1, 20; 2. Tim. 2, 12 u. v. a.).
Wenn wir bezeugen, daß wir Berufene und Erwählte sind, so wird uns das oft als Hochmut ausgelegt. Es wäre aber Kleinglaube und Unglaube, wollten wir das, was uns das Wort Gottes darreicht, nicht auch im Glauben ergreifen, um es dann als frohe Gewißheit freimütig zu bezeugen (Röm. 8, 16; 1. Kor. 8, 3). Den Zweiflern schenkt der Herr nichts (Matth. 21, 21; Röm. 4, 20; Hebr. 11, 1).
b) Die untereinander eins sind in IHM, gehören zum Leib des Christus (Joh. 17, 20-24). In diesem Einssein stehen wir mit dem Vater und dem Sohn. Das bedeutet Einheit des Geistes, die Einheit eines geistlichen Organismus, und keine äußere Einheit organisatorischer Art.
Das ist Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit (Röm. 12, 5-6; 1. Kor. 12, 14-21). Diese Einheit braucht nicht geschaffen zu werden; sie ist da: “auf daß sie alle eins seien” — “Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit Ihm” — “die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Bande des Friedens” (Joh. 17, 21; 1. Kor. 6, 17; Eph. 4, 3).
c) Leibesglieder sind Geheimnisträger. Die verborgene Weisheit Gottes wird den Gliedern des Leibes Jesu Christi durch Offenbarung enthüllt. Das Christusgeheimnis kann nur durch das Licht des Heiligen Geistes geoffenbart werden. Dem natürlichen Menschen ist das eine Torheit (1. Kor. 2, 14). Es ist ein Geheimnis, daß in IHM alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind (Kol. 2, 3). Es ist zum Anbeten, daß ER den Gliedern Seines Leibes das Geheimnis Seines Willens kundmacht (Eph. 1, 9). Es ist ein Geheimnis, daß durch die Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes an himmlischen Örtern kund wird (Eph. 3, 9.10). Es ist ein Geheimnis, daß wir mit IHM ein Leib sind, Miterben und Mitgenossen Seiner Verheißung (Eph. 3, 4-6). So sind Seine Glieder Verwalter der Geheimnisse Gottes (1. Kor. 4, 1). “Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt, sie sind Ja in IHM und sind Amen in IHM, Gott zur Verherrlichung durch uns” (2. Kor. 1, 20). “Das Geheimnis ist groß: Christus und die Gemeinde” (Eph. 5, 32).
Der Leib des Christus ist das ausführende Organ aller Gottesverheißungen. Welch reich Beschenkte sind wir in IHM! “Wie sollte ER uns mit IHM nicht alles in Gnaden schenken?” (Röm. 8, 32). “Das All, alles, ist euer, ihr aber seid des Christus, Christus aber ist Gottes” (1. Kor. 3, 23). Deshalb hat Er Seine Glieder erwählt und zum Sohnesstand für Sich Selbst ausersehen, damit wir für alle Zeiten etwas seien zum Lobpreis der Herrlichkeit Seiner Gnade (Eph. 1, 5.6; 2, 6.7). So herrlich ist der Leib des Christus!
(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”, 3/1984; Paulus-Verlag, Heilbronn)


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